Chapter 15 of 24 · 2385 words · ~12 min read

XV.

Über dem Jagdessen hatte eine düstere Stimmung gelegen, die selbst Oberamtmann Wichers in seiner jovialen Weise nicht bannen konnte. Ilse saß bei Tisch wie eine leblose Statue an Jürgens Seite. Es wirkte dies lähmend auf die übrigen Gäste. Selbst Lieschen Wichers, das frohsinnige Geschöpf, wurde davon angesteckt. Wolfs Augen waren fortwährend auf Ilse gerichtet. Nach Aufhebung der Tafel fuhren Plüddekamps sofort nach Stettin zurück.

»Nun brat mir einer eine Gans, aber recht knusprig,« sagte Oberamtmann Wichers, als die Geschwister fort waren. »Die Sache hat keinen guten Anstrich.«

Lieschen Wichers war auf ihr Zimmer gegangen und weinte bitterlich.

* * * * *

Jürgen und Wolf befanden sich am anderen Tage im Kontor stumm gegenüber. Keiner von beiden mochte das Gespräch anfangen. Es lag wie eine gefüllte Mine zwischen ihnen, die nicht entzündet werden sollte. Prokurist Armin kam wie täglich herein, um von Jürgen die Anordnungen entgegenzunehmen. Wolf erhob sich.

»Du mußt mich heute entschuldigen, Jürgen! Ich habe starke Kopfschmerzen und will einen Spaziergang machen.« Er stand auf und ging hinaus.

Jürgen stützte seinen Kopf schwer auf die Hand. Er besprach dann langsam die schwebenden Angelegenheiten.

»Gestern war Herr Konsul Martens hier,« sagte Armin, »er wollte Herrn Wolf Plüddekamp fragen, ob Smiders & Sohn den Hamburger Herrn als stillen Teilhaber aufgenommen haben.«

Jürgen zuckte mit den Achseln.

»So viel ich weiß, ist es noch nicht so weit. Mein Bruder hat wenigstens nichts davon erwähnt.«

* * * * *

Es war Tauwetter eingetreten. Die Straßen waren naß und schlüpfrig, von den Dächern tropfte der schmelzende Schnee herab.

Wolf Plüddekamp ging durch die Anlagen, und der sonst so lebenslustige junge Mann schien ganz in Gedanken versunken zu sein. Er achtete kaum darauf, wer ihm begegnete.

»Holla, junger Freund,« weckte ihn plötzlich die Stimme des Konsul Martens, der seinem Geschäft zueilte, aus dem tiefen Sinnen auf. »Wohin wollen Sie?«

»Ziellos in die Welt!« erwiderte Wolf.

»Das darf man nie, Freundchen,« erwiderte der Bankier. »Man muß stets ein Ziel vor Augen haben.« Er sah darauf den jungen Mann schärfer an. »Haben Sie gestern eine starke Sitzung gehabt?« fragte er weiter.

»Nein, Herr Konsul! Wir waren in Wershagen zur Jagd.«

»Natürlich hat Jürgen wieder die größte Strecke gehabt.«

»Stimmt auffällig! Er erlegte eine stattliche Reihe Wildgänse.«

»Und Sie?«

»Eine -- dabei nur gemeinschaftlich mit Fräulein Lieschen Wichers. Wer sie eigentlich getroffen, wußten wir selbst nicht.«

»Macht nichts, lieber Freund! Mit Lieschen Wichers können Sie sich ruhig in das Jagdglück teilen. Überhaupt -- das Fräulein ist eine Partie für Sie! Ich habe schon immer etwas munkeln hören. Greifen Sie doch zu! Neulich war der Oberamtmann mit seinem Töchterlein bei mir. Ich darf zwar nicht ausplaudern, aber das kann ich Ihnen doch sagen, die Staatspapiere, die er auf der Bank liegen hat, werden außer Wershagen eine stattliche Mitgift für die einzige Tochter sein. Sie können sich dann später den Roggen gleich selbst bauen, den Sie im Geschäft brauchen.«

Wolf hatte den alten Freund der Familie ruhig sprechen lassen. Er seufzte jetzt tief auf.

»Es ist richtig, was Sie sagen, Konsul Martens! Ich würde mich vielleicht auch eines Tages dazu entschließen, wenn nicht --«

»Nanu,« meinte Martens verdutzt, »haben Sie noch mehr Ernsthaftes im Sinne?«

»Ja!« fuhr es Wolf heraus. »Sind Sie eilig, in Ihre Bank zu kommen, oder können Sie noch mit mir ein wenig spazieren gehen?«

»Gern,« erwiderte der Konsul. Sie schritten langsam auf den nassen Wegen dahin. Hie und da war der Schnee zu einer großen Wasserlache geworden, die sie in weitem Bogen umschreiten mußten.

»Sie waren als junger Mann in Berlin?« begann Wolf plötzlich zu fragen.

»Allerdings,« nickte der Konsul.

»Sie erlebten dort manches?«

»Natürlich,« erwiderte der Konsul lächelnd, »man muß sich doch in seiner Jugend die Hörner abstoßen, wie man so zu sagen pflegt --«

»Und sind dann Junggeselle geblieben!«

»Leider!« stieß Martens aus. »Sie wissen ja auch, warum.«

»Gut! Sagen Sie mir jetzt, Konsul Martens: gibt es Frauen, die einen Mann so fesseln können, daß die Leidenschaft, die man für sie fühlt, ein Leben hindurch aushält?«

Der Bankier schaute erstaunt auf.

»Ei, ei, lieber Freund Wolf, das ist eine heikle Frage! Wie soll ich Ihnen diese beantworten! -- Es kommt ganz auf Charakter und Temperament an. Zum Guten führt es wohl selten. Für eine Ehe braucht man mehr. Dazu gehört vor allen Dingen eine beiderseitige Herzensbildung, gleiche Neigungen und ein alles umfassendes Wohlwollen, das man sich täglich und stündlich angedeihen lassen muß. Eine Ehe soll nicht Sturm auf dem Meere bedeuten, sondern Frieden und Ruhe im Hafen an einem sicheren Anker.«

»Und wenn man dies nun nicht kann!« fuhr Wolf plötzlich auf. »Wenn es nicht möglich ist, daß man sich in ein solches Los hineinfindet? Wenn man sich mit allen Gedanken an ein Geschöpf kettet, das jeden Nerv in einem erregt! Dieses Geschöpf aber herumflattert, wie eine angeschossene Weihe, die noch im letzten Augenblick mit ihren Fängen zuschlagen will, -- was soll man dann tun?«

»Brr!« schüttelte sich Konsul Martens, »was malen Sie für Bilder, lieber Wolf! Mit Raubvögeln mag ich nichts zu schaffen haben. Die läßt man hübsch beiseite. Das Interesse ist höchstens für einige flüchtige Minuten, -- aber nicht für das Leben. Ich weiß wohl, wen Sie meinen! Übrigens, Sie stehen damit nicht allein da. Es ging mir gerade so. Ilse Hergenbach, diese meinen Sie doch, hat auf uns alle eine merkwürdige Anziehungskraft ausgeübt. Wissen Sie, Freundchen, -- sie ist ein Weib, das uns eine Zeitlang berauschen, aber nie beglücken wird.« Er setzte dann ernst hinzu: »Lassen Sie die Hand davon, Wolf Plüddekamp!«

»Ich kann es nicht mehr! Ich kann es wirklich nicht mehr,« sagte der junge Mann mit ganz verstörtem Gesichtsausdruck. »Ich erliege fast unter den seelischen Qualen, die ich in den letzten Monaten erduldet habe. Wenn Sie wüßten, was alles unter uns vorgefallen ist, und dabei bin ich heute noch keinen Schritt weiter wie am ersten Tage! Es packt mich zuweilen eine Eifersucht, wenn sie andere Männer ansieht, daß ich rein toll werden könnte. Mit dem ersten Blick aus ihren grauen, rätselhaften Augen hat sie meinen ganzen Gemütszustand in eine wilde Erregung gebracht. Sie muß mein werden!«

»Pah, pah! Lieber junger Freund,« erwiderte Konsul Martens. »Verstehe, verstehe! Ich bin gut zwei Dutzend Jahre älter als Sie, da denkt man ruhiger über solche Leidenschaft. Ich habe Fräulein Hergenbach mehrfach beobachtet! Ich glaube, wir erleben noch etwas an ihr --«

»Dann bin ich dabei,« sagte Wolf kurz. »Ich ändere nichts mehr daran.«

»Holla, mein Herr Wolf! Ehe Sie einen törichten Schritt vornehmen, vertrauen Sie sich erst vor allen Dingen Ihrem Bruder Jürgen an.«

»Das kann ich nicht, Konsul Martens! Jürgen versteht mich nun einmal nicht!«

Sie waren bis zu der Straße gekommen, bei der Konsul Martens abbiegen mußte, um in sein Geschäft zu gelangen.

»Na, Gott befohlen! Wenn Sie eine Aussprache brauchen, so stehe ich gern zur Verfügung, schon um meiner Freundin Herta willen, die tief betrübt sein würde, wenn sich das Leben ihres Lieblingsbruders nicht glücklich gestaltete.« --

Wolf trieb es noch eine Zeitlang ruhelos umher. Als er dann endlich den Schritt heimwärts wandte und die große Haustreppe emporstieg, vernahm er plötzlich die Stimme von Alfred Smiders. Er kannte diesen nachlässigen, halb vornehm sein sollenden, halb vertraulichen Ton.

»Fragte schon Fräulein Plüddekamp nach Ihnen, Schönste. Ich freue mich, unter den breiten wohlbehäbigen pommerschen Gesichtern so interessante Züge zu sehen, wie die Ihrigen. Zum Teufel! Ich war ganz entzückt, als ich mich Ihnen in Swinemünde nähern konnte. Hatte Sie schon früher beobachtet. Sie waren auf der Lastadie. Solche Prachtaugen vergißt man nicht leicht.«

Wolf war mit ein paar hastigen Sprüngen oben. Er sah, wie Ilse stumm, mit gesenkten Blicken vor Smiders stand.

»Morgen, Alfred!« rief er so laut, daß sich dieser rasch umdrehte.

»Ah -- Wölfchen!« Der anfangs überraschte Reeder faßte sich sofort wieder. »Freut mich, daß ich dich noch antreffe, habe deiner Schwester die schuldige Ehrfurcht bezeigt.« Er reichte Wolf die Hand hin, die dieser nur widerstrebend nahm.

Ilse war wie vom Erdboden verschwunden.

»Wie steht es mit dem Brief?« fragte Smiders darauf hastig. »Warum bist du nicht nach der ›Grünen Schanze‹ gekommen? Riekchen weint sich bald die Augen aus. Wir wollen uns doch heute nachmittag dort treffen. Komm um sechs Uhr, und jetzt -- Leb wohl! Ich habe noch einen eiligen Gang vor.«

Die ganze Szene ging so blitzschnell an Wolf vorüber, daß er Smiders verwundert nachschaute, als dieser bereits die Treppe hinunterstieg.

»Ein miserabler Bursche!« Er trat heftig mit dem Fuß auf. »Mit welchen faden Schmeicheleien er sich an Ilse herandrängen wollte! Er glaubt in ihren Augen zu lesen, wonach sein Wunsch steht. Ich dulde es nicht länger, daß sie derart umflattert wird.« --

Jürgen Plüddekamp war sehr ernst gestimmt. Beim Mittagessen sprach er kein Wort, und es fiel Herta auf, daß er Ilse Hergenbach gar nicht beachtete. Auch diese zeigte ihm gegenüber eine große Zurückhaltung. Ihr Antlitz war bleicher als sonst. Sobald sie die Augenlider aufhob, schoß ein düsterer Blick hervor, der von gewaltigen inneren Kämpfen sprach. Jürgen hatte Ilse Hergenbach, wie er es bei seinen Geschwistern tat, nach der Mahlzeit stets die Hand gereicht. Dies fiel heute fort. Beide wandten sich stumm von einander ab.

Wolf hatte die Speisen kaum angerührt. Auf Hertas Frage gab er zur Antwort, daß er sich nicht wohl befinde.

»Ich habe ein gutes Mittel in der Hausapotheke, Wölfchen. Soll ich es dir holen?«

»Danke, nein!« entgegnete Wolf kurz, »mir helfen jetzt keine Pulver.«

»Was ist nur mit euch Männern los? Es ist kaum auszuhalten! Jürgen beträgt sich wie ein alter Brummbär, du machst eine jämmerliche Miene. Wohin soll dies führen?«

»Ich hoffe, es wird bald anders sein, Schwester,« erwiderte Wolf ernst; damit ging er nach seinem Zimmer hinauf.

Am Nachmittag arbeitete Jürgen wie immer im Kontor. Herta war ausgegangen, und die oberen Räume des Hauses lagen in tiefster Ruhe. Wolf befand sich auf seinem Zimmer. Er stand lauschend an der Tür und hoffte jeden Augenblick, den flüchtigen Tritt von Ilse zu vernehmen. Er wollte und mußte sie heute allein sprechen. Plötzlich kam es ihm vor, als ob jemand leise nach dem kleinen Salon zuschritte. Dies konnte nur Ilse sein. Sofort war er hinaus und schlich sich auf den Zehenspitzen bis zum Speisezimmer hin. Hier trat er ein und ging lautlos über den dicken Teppich bis zum Nebenzimmer.

Ilse hatte sich vor dem kleinen Ebenholztisch auf einen Polstersessel niedergelassen und war im Begriff, die Mappe mit den großen Kunstblättern zu öffnen. Ehe sie dies ausführen konnte, stand Wolf schon hinter ihr.

Sie sah sich scheinbar erschrocken um, und doch hatte sie ihn erwartet. Sie wußte, daß er jede Gelegenheit aufspürte, um ihrer habhaft zu werden, und erinnerte sich dabei an seine früheren Worte.

Seit dem gestrigen Tage war in ihr ein Haß aufgestiegen, wie er nur aus einer abgewiesenen heißen Liebe entstehen kann. In Jürgen hatte sich alles für sie verkörpert, was sie ersehnte. Nun wollte sie sich an ihm durch den Bruder rächen.

»Ilse! Endlich treffe ich dich allein!« Wolf legte seine Hand auf ihre Schulter und fühlte, wie ihr ganzer Körper unter diesem Druck zu zittern begann. »Warum gingst du mir aus dem Wege? Hast du keine Liebe für mich?«

Sie wandte ihm das Gesicht zu. Ein heißer Blick aus ihren Augen traf ihn.

»Was kann ich Ihnen sein!« erwiderte sie mit zuckenden Lippen. »Ich -- das arme Brennermädel -- die Hexe Ilse!«

»Was du mir sein kannst!« jubelte er laut. »Alles! Alles! Meine innig Geliebte -- mein Weib! Ich kann mir nichts Schöneres denken, als an deiner Seite zu leben! Ich will nur dich -- dich -- Ilse und weiter nichts! -- Mögen Herta und Jürgen mir gram sein, ich bin fest entschlossen, dich zu heiraten.«

Sie senkte den Kopf und schluchzte krampfhaft auf.

»Nein, nein, Wolf! Ihre Geschwister wollen es nicht! Sie behandeln mich nicht danach! Ich muß fort! Sie werden nur unglücklich durch mich.«

»Ich unglücklich?« jauchzte er auf. »Toll vor Glück werde ich!« Er riß sie empor und preßte sie gewaltsam an sich. »Sieh mich an -- deine Augen haben so Wunderbares für mich.«

Sie schaute zu ihm auf. Ihre Blicke ruhten in den seinen.

»Ilse!« schrie er dann, »das Blut tobt in mir! Ich weiß kaum, wie ich es ertragen soll; du mußt mein sein -- mein für immer!«

»Sie wollen meinetwegen den Kampf mit Ihren Geschwistern aufnehmen, Wolf?«

»Sage du, du!« rief er glückstrahlend aus.

Da bebte es von ihren Lippen:

»Wolf -- du -- ich will dir ja -- folgen --« Ilse war wie verwandelt. Sie schlang die Arme um seinen Hals und zog ihn wild an sich. Ein Rausch umfing beide, aus dem sie sich kaum wiederzufinden vermochten.

»Ich werde noch heute Jürgen und Herta sagen, daß wir uns verlobt haben,« suchte sich Wolf zu fassen.

»Nein, nein,« bat sie, »laß uns noch die Heimlichkeit. Ich fliehe dich jetzt nicht mehr, -- ich gehöre dir an! Wir wollen recht oft zusammen sein. Ach, -- die Stunden, -- die nun kommen werden --«. Wieder und immer wieder schlang sie die Arme um ihn. Sie atmete eine glühende Leidenschaft aus. Das Feuer, das in ihren Augen aufflammte, sprach mehr, als Worte zu sagen vermögen ...

»Ich werde es doch lieber meinen Geschwistern mitteilen, Ilse!« wiederholte er hastig.

»Dann kann ich nicht länger hier bleiben und muß nach Nordhausen zu meinen Eltern zurück. Es geht nicht anders, ich bitte dich darum, Wolf --«

Seine Gedanken ordneten sich.

»Ja, ja! Du hast recht, Ilse! Leider hat die Welt so sonderbare Ansichten. Wenn wir uns offen als Verlobte bekennen, müssen wir uns sofort trennen. Ich kann dich aber nicht fortlassen --«

»So bleibt uns nur die Heimlichkeit, Wolf!«

Er preßte ihre Hand.

»Ich verspreche es dir, Ilse --«

Nach einer geraumen Weile fragte er sie:

»Was hast du nur mit Jürgen? Die schroffe Art, mit der ihr euch seit gestern gegenübersteht, ist doch nicht allein durch den Unfall hervorgerufen! Er konnte doch nichts dafür! Meine schlechte Fahrerei war daran schuld. Du würdest sonst nicht aus dem Schlitten gestürzt sein. -- Vertrau es mir an, Ilse.«

Eine Weile blieb es stumm, dann kam es zögernd heraus:

»Jürgen verlangte von mir, daß ich mich kalt und abwehrend gegen dich verhalten solle. Er will keine Annäherung zwischen uns dulden.«

Wolf brauste heftig auf.

»Nun sehe ich endlich klar, wohin der Chef des Hauses Plüddekamp zielt! Mein Wille steht aber aufrecht neben dem seinen! Wir werden dies alte Heim verlassen und uns ein neues gründen.«