VIII.
Wolf ging durch die großen Räume des alten Speichers und kontrollierte die Arbeiter, ob sie das Umstechen des Getreides gut ausführten. Auf die Roggensorten, die bis zur Zeit der Sommersaat lagerten, war besondere Sorgfalt zu verwenden. Die Sackträger standen in einer Reihe und so weit voneinander entfernt, daß sie die große Wurfschaufel bequem handhaben konnten. Die Leute waren derartig eingearbeitet, daß das Schaufeln des Getreides fast im Takte vor sich ging.
Hell aufschimmernd flog der Roggen durch den Raum, sank schwer auf der anderen Seite nieder und türmte sich hoch auf. Der Luftzutritt, den er dadurch erhielt, gab ihm neue Frische.
Als sich Wolf den Leuten näherte, tönte es aus dem Munde der einzelnen Männer, kurz, wie es ihre Art war:
»Guten Tag, Herr Wolf.«
Keiner sagte Herr Plüddekamp. Es war nun einmal gang und gäbe unter den Leuten, nur Jürgen hieß ›Herr Plüddekamp‹. Die meisten hatten Wolf noch als Knaben gekannt, unter ihnen groß geworden, blieb er darum ›Herr Wolf‹.
Dieser trat zu dem Roggenhaufen, griff mit der Hand tief hinein und roch über die Probe hinweg. Er warf sie zurück und schritt zu dem umgeschaufelten Roggen. Hier nahm er die gleiche Probe vor und nickte dann befriedigt.
»Der Roggen ist recht trocken. Er scheint sich gut zu halten,« wandte er sich an einen der breitschultrigen Männer.
»Das will ich meinen, Herr Wolf,« erwiderte der angeredete Mann. »Der ist auch vom Oberamtmann Wichers aus Wershagen.«
»Ja,« nickte Wolf, »ich weiß wohl. Wershagener Roggen ist immer der beste!«
Seine Gedanken glitten in diesem Augenblicke unwillkürlich nach dem schön gelegenen Gute, auf dem er oft und gern geweilt. Das Bild von Lieschen Wichers, dem hübschen, rotwangigen Mädchen, trat vor ihn hin. Ob sie sich wohl wunderte, daß er so lange nicht dort gewesen? Warum darüber nachdenken! Er hatte kein Interesse mehr daran. Mit seinem Spazierstocke schrieb er den Namen Ilse in die glatten Seitenflächen des Roggenhaufens ein. Kaum hatte er aber die Buchstaben gezogen, so fiel das Korn langsam nach und füllte den Raum aus. Rasch, wie der Name geschrieben wurde, verschwand er auch wieder.
»Soll es ein Zeichen für dich sein?« sagte Wolf zu sich. »Entstehen und vergehen Leidenschaften so schnell? Warum müssen wir sie dann erst fühlen? Es wird mir förmlich zur Pein, überall an Ilse zu denken. Die stete Unruhe, das Verlangen nach ihr ist eine Folter.«
Ein polternder Schritt wurde hörbar. Jochen Hindorf keuchte mit der ganzen Schwere seines Körpers die Treppe hinauf. Der mächtige Kopf mit dem struppigen Bart schaute jetzt aus der Luke hervor, die den oberen Treppenraum abschloß, und gleich darauf kam die dicke Flauschjacke zum Vorschein.
»Willst du was von mir, Jochen?« rief ihm Wolf zu.
»Jäh -- woll!« tönte es zurück, und der Alte machte mit der Hand eine Bewegung, daß er seinen jungen Herrn gern allein sprechen möchte.
»Was ist denn los, alter Knabe?« fragte Wolf, auf ihn zugehend.
Der Alte versuchte seinen tiefen Baß möglichst zu dämpfen.
»Smiders ist in der Weinstube. Er sitzt -- fest. Als ich vorbeikam, rief mich die Mamsell heran --«
»Na, ich will nur gleich hingehen,« erwiderte Wolf. »Nette Aussichten für den Abend. Es hilft aber einmal nichts.«
»Die Mamsell muß drei Mark kriegen, Herr Wolf. Ich hab ihr's versprochen.«
»Wie heißt sie denn?« fragte Wolf lächelnd.
»Das weiß ich nicht, Herr Wolf.«
»Ja, den Teufel auch, Jochen! Woher soll ich es denn wissen?«
»I, das macht sich von selbst, wenn Sie man erst dort sind.«
Wolf stieß einen leisen Seufzer aus. Ein unangenehmer Gang lag vor ihm. Er hatte es aber Jürgen versprochen und noch mehr -- das Geschäft verlangte es.
»Du hast deine Sache brav gemacht, Jochen! Hoffentlich treffe ich Smiders in der richtigen Stimmung an.« Mit den Worten ging er zur Treppe.
Jochen Hindorf sah ihm zufrieden nach.
»Heut steht er seinen Mann, das weiß ich!« murmelte er vor sich hin.
Kurz darauf verließ Wolf durch den großen Torweg das Haus. Er sah sich noch einmal um, und sein Blick streifte die Fensterreihen. Wenn Ilse jetzt wüßte, wohin er ging! Würde sie darüber in Erregung geraten? Gleichgültig konnte es ihr doch nicht sein. Er hatte bisher noch keinen tieferen Einblick in ihren Charakter tun können, und doch besaß sie sicher ein starkes inneres Leben. --
Er eilte rasch durch die Große Wollweberstraße, durchquerte die Breitenstraße und kam an die ›Grüne Schanze‹. Die kleine Weinstube lag vor ihm. Sein Fuß zögerte, ehe er die Schwelle zu dieser überschritt. Er hatte die Tür noch nicht geöffnet, als ein junges Mädchen aus dem daneben befindlichen Hausflur hervortrat und ihn anredete:
»Ich habe Sie schon erwartet, Herr Plüddekamp. Ich bin die ›blonde Rieke‹. Der alte Hindorf wird es Ihnen wohl gesagt haben.«
»Ach so,« meinte Wolf, griff in die Tasche und zog ein Dreimarkstück hervor.
»Stimmt,« lachte sie auf. »Ich bringe Sie direkt in die Hinterstube, wo Herr Smiders sitzt. Er hält es mit der ›schwarzen Karli‹. Ich bin erst seit acht Tagen hier und -- noch frei.«
In ihren Zügen zeigte sich ein entgegenkommendes Lächeln, das Wolf nur zu gut kannte. Ein offenes Angebot, das die Annahme erwartete.
»Ich werde mich Ihnen weiter erkenntlich zeigen, Fräulein Rieke,« erwiderte er darauf, »wenn Sie im geeigneten Zeitpunkte Ihre Kollegin Karli mit fortnehmen, damit ich Smiders allein sprechen kann.«
Die blonde Rieke ging jetzt voran und führte Wolf über den dunklen Hof. Dort gab es einen versteckt liegenden Eingang in die sogenannte Kavalierstube.
Als sich die Tür öffnete, sah Wolf über das Mädchen hinweg in den nur wenig erhellten Raum, aus dem der Dunst geleerter Weinflaschen hervordrang. Eine alte verräucherte rotgoldene Tapete bedeckte die Wände. Von der Decke herab hing eine einst vergoldete Gaskrone, die wohl auf einer Auktion erstanden wurde. In dem ganzen Raum befand sich nur ein länglicher Tisch vor einem zerschlissenen Polstersofa, dann einige hochlehnige Stühle, die mit starkem Leder überzogen waren.
Auf dem Sofa saß Alfred Smiders, der elegante junge Reeder, und hielt den Arm um ein derbes Mädchen geschlungen. Das tiefschwarze Haar und die stechend schwarzen Augen hatten ihr den Namen ›die schwarze Karli‹ eingetragen. Vor ihnen auf dem Tisch stand ein altmodischer Weinkühler mit einer Flasche Sekt.
»Du wirst den Hamburger ausfragen, Karli, sobald er da ist,« ertönte die scharfe Stimme von Smiders. »Sei entgegenkommend und geschickt, er darf nichts merken. Du bringst ihm dann bei --«
Jetzt fiel sein Blick auf den eintretenden Wolf.
»Zum Teufel, Wolf! Wo kommst du her?« rief er lachend. »Ah, ich sehe schon, die blonde Rieke hat dich am Wickel! Ist auch erst seit acht Tagen hier. Frisch aus Danzig importiert. Hast keinen schlechten Geschmack.«
Der junge Plüddekamp trat näher an den Tisch und reichte Alfred Smiders mit anscheinender Vertraulichkeit die Hand. Es war ihm ganz erwünscht, daß die blonde Rieke als Grund seines Kommens galt. So konnte Smiders keinen Argwohn hegen.
»Setz dich, Wölfchen,« sagte er dann, »wir haben lange keinen Sekt zusammen getrunken. Die erste Flasche ist schon angefahren, du gibst die nächste!«
Er schenkte zwei neue Spitzgläser ein, die er Wolf und der blonden Weinkellnerin zuschob.
»Prost, mein Junge, es lebe das Leben! Nämlich, wie wir es haben wollen.« Er stieß mit ihm an. »Keine Duckmäuserei!« Dabei gab er der schwarzen Karli einen starken Schlag auf die Schultern. »Sieh mal, das ist ein prächtiges Mädchen, Wolf! Mit der kann man reden, wie man will, und braucht nicht erst jedes Wort auf die Goldwage zu legen. Du weißt, das war mir immer eklig.«
Wolf hatte seinen Stuhl neben Smiders gezogen, und die blonde Rieke setzte sich dicht neben ihn. Sie betrachtete ein paarmal den jungen Mann. Kein Wunder, daß er ihr gefiel. Wolf Plüddekamp bestach jedes Mädchen, dem er freundlich begegnete. Die blonde Rieke war noch kein Jahr von den Eltern fort und wußte vielleicht selbst nicht, wie sie dazu kam, Weinkellnerin in einer Animierstube zu sein. Nun hatte sie sich hineingefunden und wollte alle Minen springen lassen, um den jungen, reichen Mann in ihrer Weise zu erobern.
Wolf nahm sich vor, wenig zu trinken und scharf aufzupassen. Alles ging nach Wunsch. Es wurde eine Flasche Sekt nach der anderen geleert und Smiders immer redseliger. Plötzlich sprang die blonde Rieke auf und flüsterte der schwarzen Karli etwas zu. Dann wollten sie beide hinausgehen.
»Du, Karli!« rief Alfred Smiders, »bleib nicht lange fort. Hast wohl einen alten Freund im Vorderzimmer sitzen? Der wird abgeschüttelt!«
Die beiden jungen Männer befanden sich allein. Wolf begann vorsichtig einige Fragen zu stellen und kam dabei auf die Reederei von Smiders zu sprechen, als dieser schon einwarf:
»Wolf, ich habe ein feines Geschäft vor! Machst du mit?«
»Warum nicht, Alfred! Wenn es etwas einbringt!«
»Läßt sich hören! Du redest heute anders wie früher. Brauchst wohl auch ab und zu einen braunen Lappen extra? Die blonde Rieke wird dir nicht teuer werden, ist noch nicht ausgetragen. Teufel, wenn ich die schwarze Karli nicht hätte! -- Ich sage dir, Wolf, sie ist ein Staatsweib! Keine zweite gibt es so in Stettin. Ich habe lange gesucht, bis ich das richtige für mich fand. Man muß aber wie das Wetter dahinter sein. Alle laufen ihr nach, mir darf keiner in den Kram kommen, dafür bin ich Alfred Smiders.«
Der viele Alkohol begann bei dem Reeder zu wirken. Wolf ließ den Redeschwall ruhig über sich ergehen und wartete auf den richtigen Zeitpunkt zum Eingreifen.
»Also wie war es mit dem Geschäft?« brachte er ihn wieder aufs Thema zurück.
»Verdammt einfach, Wölfchen! Du schreibst mir einen Brief, daß ihr regelmäßig größere Ladungen ins Ausland vorhabt. Kannst ja vollgültig Jürgen Plüddekamp unterzeichnen. Ich kriege dann einen neuen Dampfer gebaut. Die Gesellschaft zögert noch, sie denkt, ich habe die Guinees nicht in Haufen liegen, wie ihr das Korn. Sobald Jürgen Plüddekamp aber mitmacht, sticht's Martens und den anderen Bonzen gleich in die Nase. Topp, mein Junge! Trinken wir darauf --«
»Wie stellst du mich, Alfred?« fragte Wolf, darauf scheinbar eingehend.
»Na, zehn Mille fallen sicher für dich ab. -- Ich habe einen reichen Hamburger geangelt, der will bei mir mitmachen. Meine alten Kasten aber genieren ihn noch. Die müssen weg, alle weg! Dann kann ich erst antreten und bin der erste Reeder Stettins.«
Er hatte sich in solche Erregung hineingeredet, daß Wolf gespannt aufhorchte.
»Wir wollen sehen, ob es sich machen läßt, Alfred,« erwiderte er. »Hast du noch den ›Friedrich Barbarossa‹ im Dock liegen?«
»Jotte ja! Der alte Kasten wird nur aufgemöbelt. -- Wo bleibt aber Karli? Ob sie sich bei meinem Hamburger vor Anker gelegt hat? Er ist ganz verschossen in sie! Das kann mir nur nützen.«
Smiders erhob sich etwas schwer und ging auf die Verbindungstür zu, welche den allgemeinen Gastraum von der Kavalierstube trennte. Er schlug die vor dem Glasfenster angebrachte Gardine zurück und sah hindurch.
»Nee,« sagte er vor sich hin. »Einfach verduftet! Die Sache stimmt nicht!« Als er sich jedoch umdrehte, traten die beiden Mädchen von der Hofseite in die Stube ein. »Donnerwetter, da seid ihr ja endlich! Hat das lange mit euch gedauert! Wolf, du gibst noch 'ne Flasche! Ich habe einen Durst, sage ich dir, vollkommen göttlich.«
Wolf wurde der Aufenthalt in der kleinen, von Dunst und Rauch erfüllten Stube im hohen Maße lästig. Die fortgesetzten Annäherungsversuche des blonden Mädchens, die er aus Klugheit nicht zurückweisen durfte, behagten ihm ebenfalls nicht. »Ilse!« rief es in ihm, »Ilse! Was müßte sie von mir denken, wenn sie ahnte, wie ich hier --«
Die blonde Rieke schmiegte sich an ihn, und er flüsterte dem drallen Mädchen zu: »Trinken Sie Smiders tüchtig zu, damit ich verschont bleibe.«
»Für Sie alles, Herr Plüddekamp,« klang es leise zurück. Sie zupfte ihn leicht am Rockärmel, daß er den Kopf zu ihr niederbeugen sollte. »Darf ich Wolf sagen? Was habe ich nur für ein großes Glück, daß ich Sie kennen lernte. Wie Sie mir gut gefallen! Ich Ihnen auch? Ich möcht's gern hören.«
»Na, Kinder, ihr seid ja ganz einig,« sagte Smiders mit schwerwerdender Zunge. Der viele genossene Sekt begann bei ihm zu wirken. »By Jim! Es freut mich, daß wir wieder mal zusammen sind, Wölfchen! Geschäft und Liebe, das macht einem Freude im Leben! Davon kann man nie genug haben.«
Wolf hielt jetzt den geeigneten Augenblick für gekommen. Er neigte sich zu Smiders hinüber und fragte halblaut:
»Mit dem ›Friedrich Barbarossa‹ machst du doch ein gutes Geschäft?«
»Na und ob!« erwiderte Smiders. »Bringt jede Woche zehntausend Emmchen Entschädigung, wenn er nicht fertig wird, und dafür ist gesorgt. Mein Kapitän ist ein verteufelter Kerl! Dreht alles, wie ich will. Eher fährt er nicht ab, als bis jeder vereinbarte Nagel eingeklopft ist.« --
Wolf wußte nun genug. Der Export nach Spanien war nach der langen Unterbrechung im höchsten Grade gefährdet. Der Dampfer ›Friedrich Barbarossa‹ fuhr nicht zur rechten Zeit ab, seine Indienststellung wurde hingehalten.
»Ich muß jetzt gehen, Alfred,« sagte er nach einer Weile, als dessen Augen einen glasigen Ausdruck zu zeigen begannen und die schwarze Karli schon die vollen Gläser in die Weinkühler entleerte, um neu einschenken zu können.
»Bist doch morgen pünktlich da, Wolf? Halt ihn nur fest am Bündel, Riekchen.« Die Worte kamen schwer über Smiders' Lippen.
Wolf war aufgestanden und legte ein paar Goldstücke für seinen Anteil an dem Sekt auf den Tisch.
»Adieu!«
Er mußte Smiders und der schwarzen Karli noch die Hand geben. Dann war er glücklich dem üblen Dunst entronnen und trat auf den Hof hinaus. Die blonde Rieke kam ihm sofort nach.
»Seien Sie doch ein wenig gut zu mir!« bat sie, sich an ihn drängend. »Ich mag die anderen nicht und will für Sie tun, was Sie wollen.«
»Ich muß Smiders noch ein paarmal hier sprechen,« erwiderte er halblaut. »Geben Sie dem alten Hindorf Nachricht, wenn ein günstiger Augenblick dafür da ist. Ich komme dann sofort. Vor allen Dingen müssen Sie reinen Mund halten, es soll ihr Schade nicht sein.«
Er eilte durch den Hausflur nach dem Bürgersteig der ›Grünen Schanze‹. Wie angenehm die kühle Luft seine Stirn umwehte! Er winkte der nächsten herankommenden Droschke und rief dem Kutscher zu: »Haus Plüddekamp!« Es trieb ihn, so rasch wie möglich dorthin zu gelangen. Er wollte Jürgen berichten und die verflossenen Stunden in der reinen Luft seines väterlichen Hauses vergessen.