Chapter 17 of 24 · 3307 words · ~17 min read

XVII.

Wolf traf seine Vorbereitungen zur Abreise. Die Geschwister hatten vorher noch eine lange Unterredung. Herta wollte sich durchaus nicht mit der Nachgiebigkeit Jürgens einverstanden erklären und blieb auch taub gegen alle Vorstellungen des jüngeren Bruders.

»Es scheint mir, als ob ich Ilse nur hierhergeholt habe, um euch Brüder zu verlieren, dich und Wolf!« sagte sie zu Jürgen.

Als sie dann das Unabänderliche vor sich sah, mußte sie unter dem Zwang der Verhältnisse einlenken.

»Ich habe es ihr versprochen,« bat Wolf seine Schwester, »euch erst später Kenntnis zu geben. Ich möchte nun nicht wortbrüchig erscheinen. Darum bitte ich euch herzlich, schweigt davon und wacht über sie. Ich werde der Firma gegenüber meine Pflicht redlich erfüllen.«

Ilse sollte also bleiben, ohne daß man sie merken ließ, ihre Verlobung mit Wolf zu kennen.

Der Abschied von ihr wurde Wolf sehr schwer. Sie sprachen sich noch einmal allein, und er schloß sie immer wieder in seine Arme.

»Die Zeit wird rasch verstreichen,« tröstete er sich selbst mit. Seine Hand glitt über ihre Wangen und strich die üppig dunkelblonden Haare von ihrer Stirn zurück, die leicht darüber hinwegfielen. »Ich werde dir meiner Geschwister wegen nicht schreiben. Du erhältst aber meine Grüße durch sie. Noch einen langen Blick von dir, Ilse --«

Sie legte ihre Arme auf seine Schulter, und ihre großen grauen Augen weiteten sich übernatürlich auf, als sie ihn dann anschaute.

»Ich kann dich nicht von mir lassen, Wolf!« klagte sie. »Ein unbestimmtes Angstgefühl ist in mir. Ich möchte lieber mit dir gehen! Heute -- morgen -- kann es auf mich hereinstürmen, -- wie soll ich dann allein Widerstand leisten! Es wäre viel besser, wenn wir gleich zusammenreisten. Du willst mich doch zur Frau nehmen, Wolf! Was frage ich viel nach der Welt, -- ich bleibe bei dir, -- wir kehren nicht hierher zurück --«

»Nein, Ilse!« erwiderte er fest, »solche Gedanken dürfen wir nicht fassen! Wenn ich meine Geschwister für dich gewinnen will, so muß es auf dem Wege sein, den uns Sitten und Gebräuche vorschreiben. Herta ist gütig, Jürgen -- ihr sprecht ja selten miteinander -- ist ein Ehrenmann vom Scheitel bis zur Sohle. Andere Menschen kannst du meiden, was sollte dir also im Plüddekampschen Hause begegnen?«

Trotzdem vermochte sie nicht, sich von ihm zu trennen. Immer wieder klammerte sie sich an ihn und bat:

»Laß doch alle denken, was sie wollen, und trenne uns nicht, Wolf! Es ringt in den letzten Tagen und Wochen so unendlich viel in mir, das mir jede ruhige Überlegung raubt. -- Wenn ich aus deinen Armen gleite, so sehne ich mich in demselben Augenblick wieder hinein. Ein wildes Verlangen tobt in mir, das ich kaum zu bezwingen vermag. -- Denke an das Bild vom Ilsefluß, das ich dir beschrieb! So bin ich auch. -- Du mußt mich festhalten -- damit ich mich nicht selbst fortreiße.«

Wolf versuchte sie zu beruhigen. Alles was sie sagte, erschien ihm dunkel und verwirrt. Er verstand sie nicht und sagte sich immer nur das eine, daß sie im Plüddekampschen Hause gut aufgehoben sei. Er konnte sie unter keinem besseren Schutz als bei seinen Geschwistern zurücklassen.

»Es muß sein, Ilse,« blieb er fest. »Sogleich nach meiner Rückkehr gebe ich unsere Verlobung bekannt.« --

Als Wolf abreisen wollte, hielt schon in aller Frühe der Wagen des Barons von Berleburg vor dem Plüddekampschen Hause. Dieser stieg herunter, warf dem hinter ihm sitzenden Kutscher die Zügel zu und hatte dann mit dem Prokuristen Armin ein kurzes, aber inhaltvolles Gespräch.

»Besuchen Sie mich, Herr Armin, Sie werden selbst sehen --« bekräftigte er seine Vorstellungen.

Der Prokurist unterbrach ihn mit feinem Lächeln:

»Gedulden Sie sich nur einen Augenblick, Herr Baron! Ich werde mit Herrn Plüddekamp sprechen.«

Baron Berleburg hatte den günstigsten Tag erwischt, um sein Anliegen erfüllt zu sehen.

Jürgen Plüddekamp befand sich noch mit seinem Bruder in einer Unterredung und war über dessen klares Vorhaben sichtlich erfreut.

»Sobald es darauf ankommt, bist du der Mann auf dem richtigen Posten, Wölfchen! Viel Glück auf die Reise und kehre frohen Sinnes wieder.«

Armin hatte noch einen Augenblick gewartet, nun trug er Berleburgs Anliegen Jürgen vor. Dieser bestimmte kurz:

»Zahlen Sie Berleburg das Gewünschte aus!«

So kam es, daß der Baron von Berleburg wieder flott gemacht wurde. -- -- --

Eine eigene Stimmung zeigte sich im Plüddekampschen Hause. Jürgen blieb schweigsam, kalt. Herta übte eine gewisse Zurückhaltung gegen Ilse und beobachtete sie unwillkürlich mehr als vorher.

»Seitdem Wolf fort ist, zeigt Ilse stark wechselnde Stimmungen,« sagte Herta eines Tages zu Jürgen. »Zuweilen stürzt sie sich auf die Arbeit, und ich muß sie davon zurückhalten, daß sie sich nicht überanstrengt. Dann wieder sitzt sie stundenlang im kleinen Salon und starrt die Kunstblätter an. Sie erkennt aber nicht das Bild, sondern schaut nur in das Leere hinein. -- Sollte sie Wolf so sehr lieben, daß sie die Trennung nicht zu ertragen vermag?«

Jürgen schüttelte den Kopf.

»Nein, Herta! Du verstehst sie nicht, weil du ganz anders geartet bist als die meisten deines Geschlechts. Bei dir weiß man sofort, woran man ist. Aber Ilse Hergenbach, -- in der steckt etwas Vulkanisches! Es wäre schlimm, käme es jetzt zum Ausbruch. Jedem Geschäftsbriefe Wolfs liegt ein einfacher Zettel bei: ›Schreibt mir, wie es Ilse geht,‹ und wohl oder übel muß ich ihm die Antwort darauf geben.«

»Der arme Junge, er ist blind wie die Motte ins Licht gerannt,« fiel Herta ein. »Und doch, sobald ich Ilse seine Grüße bestelle, zeigt sich etwas in ihren Zügen, das meine Ansicht wankend machen könnte. Es zieht ein glücklicher Schimmer über sie hin, wie er nur bei tieferen Naturen in Erscheinung tritt.«

»Ich sagte es dir bereits vor Monaten, Herta, -- Ilse ist ein echtes Kind der Neuzeit, sie fühlt, denkt und handelt in anderer Weise als wir.«

Ilse war von einer fortgesetzten Unruhe erfüllt. Befand sie sich allein in ihrem Zimmer, so streckte sie die Arme weit aus und suchte sich vorzustellen, daß Wolf jetzt hereintreten müßte und sie ihm jubelnd an die Brust flog. Sie krankte an dieser Sehnsucht, und doch kamen Augenblicke, in denen sie sich fragte, ob sie ihn wirklich liebe. Dann hielt sie sich vor, daß Jürgen sie von sich gewiesen. Ein glühender Haß gegen diesen Mann beseelte sie, und sie flog aus einer Übertreibung in die andere. Bei jeder Begegnung mit ihm nahm sie sich zusammen, um die äußere Form einzuhalten und ihn nicht sichtlich zu verletzen. Sie wünschte aber nur, daß Wolf heimkehrte und sie an seinem Arm dem Bruder gegenübertreten könnte. An diesem Schlag, den sie zurückgab, wollte sie gesunden.

»Wolf, Wolf!« flüsterte sie vor sich hin.

Warum konnte sie ihn nicht so lieben, wie es das starke Gefühl in ihr verlangte? -- Nun hatte er sie in Stunden gewaltiger Seelenqualen allein gelassen, wo sie sonst zu ihm geflüchtet wäre. -- Es war eine Leidenschaftlichkeit in ihrem Wesen entstanden, die sich nicht mehr zügeln ließ, die allen Überlegungen Trotz bot.

Sie hielt es nicht länger in ihrem Zimmer aus, es trieb sie in eine andere Umgebung, die durch neue Eindrücke ablenken und ihr Ruhe gewähren sollte. --

In dem großen Garten hinter dem Speicher zeigten sich die ersten Frühlingsblumen. Unter den heißen Strahlen der höherstehenden Sonne kamen Krokusse, blaue Lederblumen und frühzeitige Hyazinthen hervor. Ilse liebte den Duft der Hyazinthen und beugte sich tief herab, um ihn voll einzusaugen. Als sie wieder aufsah, fiel ihr Blick auf Alfred Smiders, der sie von der Straße her grüßte.

Sie neigte leicht den Kopf und wollte weiter in den Garten hineinschreiten, er rief sie aber an.

»Fräulein Hergenbach! Nur auf ein Wort!«

Sie blieb stehen.

»Darf ich in den Garten eintreten? Die Pforte ist verschlossen. Oder kommen Sie lieber einen Augenblick näher zu mir.«

Ein widerstrebendes Gefühl hielt sie noch zurück. Er ging aber nicht fort, und schließlich überwand sie sich und schritt an den niedrigen Zaun heran. Smiders streckte ihr die Hand entgegen, die sie nur leicht berührte.

»Schade, daß ich Sie so selten sehen kann, Fräulein Hergenbach,« sagte er und suchte sie dabei fest ins Auge zu fassen. »Ich möchte gern mit Ihnen plaudern. Wenn ich aber Plüddekamps aufsuche, wie neulich, so erscheinen Sie nicht.«

»Ich bin immer beschäftigt, Herr Smiders.«

»Die dumme Hauswirtschaft! Für ein schönes junges Mädchen wie Sie gibt es doch interessantere Dinge, um sich das Leben reizvoll zu machen.«

Sein auf ihr ruhender Blick wurde immer dreister, und plötzlich trat ein glühendes Rot in ihre Wangen.

»Wahrhaftig, ich bin ganz bezaubert von Ihnen, Fräulein Hergenbach! Wie entzückend Sie mit den geröteten Wangen ausschauen.« Ilse wurde immer unruhiger. »Ich möchte gern einmal mit Ihnen allein plaudern,« flüsterte er, »gehen Sie gar nicht spazieren? Ich versuche schon einige Zeit, Sie irgendwo zu treffen.«

Sie schwieg immer noch.

»Ich wollte meinen Freund Wolf danach ausfragen, aber ich hörte, er ist auf längere Zeit verreist.«

Sie nickte nur mit dem Kopfe.

»Es stimmt also,« sprach er weiter. »Dann muß es doch schrecklich langweilig für Sie im Plüddekampschen Hause sein. Jürgen und Herta sind altbackene Menschen. Ich habe es Ihnen sofort angemerkt, daß Sie sich nach einer anderen Unterhaltung sehnen. Sie wollen etwas von dem lustigen Treiben in der Welt sehen und hören. Hier sitzen Sie wie hinter Klostermauern. Springen Sie flott darüber hinweg! Ich helfe Ihnen dabei. Geben Sie mir nur bald Gelegenheit, daß wir zusammenkommen.«

Ilse schüttelte den Kopf.

»Ich bedaure, Herr Smiders. Wenn ich wohl nichts dabei finde, Plüddekamps denken anders darüber. Ich bin auch mit Wolf nicht allein ausgegangen.«

»Mit Wolf?« Ein zynisches Lächeln flog über seine scharfen Züge. »Ah -- das Wölfchen ist nicht so dumm und hat bemerkt, welch leidenschaftlich schöne Augen hier die beste Zeit vertrauern.«

»Herr Smiders, ich bitte! -- Brechen wir die Unterhaltung ab!« Sie schickte sich an, fortzugehen.

»Auf Wiedersehen!« rief er ihr noch nach. »Ich treffe Sie bald wieder und erzähle Ihnen dann recht Interessantes von Ihrem Freund Wolf!« Er lüftete den Hut und ging weiter.

Unwillkürlich war Ilse Hergenbach einen Augenblick stehen geblieben und sah Smiders verstohlen nach.

»Von Wolf?« wiederholte sie leise, »was will er damit sagen!« Sie erregte sich über diese hingeworfenen Worte. Wenn Smiders sie jetzt noch einmal gefragt hätte, ob er sie wiedersehen könne, würde sie zugestimmt haben, nur um zu erfahren, was er von Wolf wußte. Sollte dieser --? Nein! Es war unmöglich, -- Wolfs blaue Augen konnten nicht lügen. Trotzdem saß der Stachel der gefallenen Worte in ihr fest. --

Von Wolf war in den letzten Tagen keine Nachricht eingetroffen. Er reiste im Norden Spaniens umher. Jürgen erzählte, daß es außerordentlich schwer hielt, die verlangten Lieferungen Roggen aufzukaufen. --

Wie die Tage langweilig und öde dahinschlichen! Ilse überwand sich nur mit aller Kraft, ihren Verpflichtungen im Haushalte nachzukommen. Diese ewige Unruhe, dieses fortwährende Sehnen -- nichts konnte sie befriedigen! Selbst die Briefe an ihre jüngere Schwester Helene, an der sie am meisten hing, flossen ihr nicht aus der Feder, und sie zerriß mit ihren schlanken Fingern das Papier in kleine Stücke.

»Ich vermag nichts zu erreichen und habe so viele Wünsche! Ich will so vieles und darf nicht handeln!« rief es in ihr. »Es ist nicht mehr auszuhalten! Immer nur in diesen düsteren hohen Räumen sein, in denen alle Lebenslust erstirbt! Das altjüngferliche Wesen von Herta, der überlegene Blick Jürgens, der mich streift, als wenn ich nichts wert wäre. Ich kann es nicht länger ertragen! Ich bedarf einer Abwechslung! Etwas, was mich aus diesem tötenden Einerlei herausreißt und mir irgendeine Befriedigung gewährt. Wenn nur Wolf zurückkäme! Wie lange läßt er mich allein, -- ich möchte ihm nachreisen! Könnte ich ihn nur auffinden und mit ihm in die Welt hineintollen. Alles wäre mir dann recht. -- Ich mag nicht hier bleiben, auch nicht nach Nordhausen zurück, und weiß selbst nicht -- wonach ich mich sehne!«

Sie schrie laut vor sich hin: »Wolf! Wolf!« Dann glaubte sie das höhnische Lächeln in den Zügen von Alfred Smiders zu sehen. Was tat Wolf? Warum sagte es jener ihr nicht gleich? Es entstand ein heißer Drang in ihr, dies unbedingt zu erkunden. --

Alfred Smiders war direkt nach seinem Kontor gegangen. Er fand dort den Hamburger vor und staunte nicht wenig, diesen in den Schiffslisten studieren zu sehen. »Mor'n Herr Kneis!« streckte er ihm die Hand entgegen. »Ich glaubte Sie in Berlin. Sie wollten doch geschäftliche Sachen dort erledigen.«

»Kam mir was anderes in den Sinn,« erwiderte der lange Hamburger. »Bin heute morgen mit dem ersten Dampfer zum ›Friedrich Barbarossa‹ hinaus. Das Schwimmdock steht noch hoch, müßte aber mit Wasserfüllung gesenkt sein. Auf dem Dampfer selbst Totenstille, kein einziger Hammerschlag zu hören. Auf dem Deck waren ein paar Männer. Der eine rief etwas herunter, konnte es aber nicht verstehen.«

Die Züge des Reeders drückten in dem Augenblick eine unverkennbare Verlegenheit aus. Er hatte nicht erwartet, daß Kneis gerade in diesen Tagen zum ›Friedrich Barbarossa‹, den er schon vor längerer Zeit besichtigt hatte, wieder hinausfahren würde. Sonst hätte er alles getan, um dies zu verhindern. Der Hamburger durfte nicht dahinter kommen, daß die Werft die Arbeit einstellte, weil die fälligen Raten nicht abgeführt worden waren.

»Ich werde nachher die Direktion anrufen, Herr Kneis,« erwiderte er dann. »Vielleicht streiken die Arbeiter und wollen Lohnerhöhung haben. Wer kann immer wissen, was vorliegt. Übrigens -- mir kann's recht sein! Die Konventionalstrafe entschädigt mich doppelt und dreifach. Ich lasse mir keine grauen Haare darum wachsen!«

»So, so,« meinte Kneis. »Sie haben aber doch Ladeverpflichtungen! Der Dampfer kann nicht rechtzeitig für Jürgen Plüddekamp auslaufen! Ich bin vollständig unterrichtet, Herr Smiders.«

»Nun ja,« erwiderte dieser lässig, »mit dem Getreidehaus Jürgen Plüddekamp werde ich schon fertig. Solche uralten Kunden nehmen Rücksicht bei Zwischenfällen, wie sie alle Tage vorkommen können. -- Sie wollten doch heute in Berlin den Betrag für die vorläufige erste Einzahlung erheben? Wir hatten es so besprochen.«

»Nein, nein,« wehrte der Hamburger ab, »wir waren noch nicht so weit. Habe darum die Schiffslisten durchgesehen, ob Dampfer von Ihnen eingelaufen sind. Kann mir keiner verdenken, wenn ich die Katze nicht im Sack kaufen will.«

Unter den starken schwarzen Augenbrauen von Smiders schoß ein giftiger Blick hervor. Von Tag zu Tag wurde er bereits hingehalten. Er hatte eine vorläufige Einzahlung verlangt, um die Werft zu befriedigen. Dies war in seiner Lage das Dringendste. -- Dann kam noch hinzu, daß in einiger Zeit große Wechselsummen fällig wurden. Dazu brauchte er auf jeden Fall weitere Beträge. -- Er mußte also, trotzdem der Ingrimm in ihm saß, gute Miene zum bösen Spiel machen.

»Es war doch ein schöner Abend neulich,« klopfte er Kneis auf die Schulter. »Hm -- was sagen Sie dazu? Kann man sich in Stettin nicht gut amüsieren? Wir gehen bald wieder nach der ›Grünen Schanze‹.«

Der Überseer schmunzelte über das ganze Gesicht.

»Warum nicht! Denke aber, daß Sie jetzt genug Arbeit im Kontor haben. Der Grundsatz aller Überseer ist das Richtige: dreimal Arbeit -- einmal Vergnügen! Man kommt dann vorwärts! Rate Ihnen auch zu dem Muster, Herr Smiders.«

»Ich opferte manche Nachtruhe, Herr Kneis, wenn es darauf ankam, eilig zu verfrachten. Ihr Grundsatz ist mir daher nicht neu. Übrigens, wenn ich zu tun habe, können Sie doch allein nach der ›Grünen Schanze‹ gehen. Mit Karli und Riekchen unterhalten Sie sich famos.«

»Wie mir's gerade einfällt,« erwiderte dieser. »Wünschte, ich hätte mehr zu tun, als nur Kurszettel zu studieren. Ist gar nicht angenehm, auf der Bärenhaut zu liegen. Bin nicht abgeneigt, mitzuarbeiten.«

Smiders horchte auf. Diese Idee war das Schlimmste, was kommen konnte. Er wollte nur das Geld von Kneis, dann konnte dieser ruhig nach Hamburg abdampfen. Bei einem tätigen Teilhaber geriet er in eine peinliche Lage. Es ging manches in seinem Geschäft vor, was er zu verbergen hatte. Der Wechselaustausch, die Schulden bei der Werft und vieles andere lief nicht durch die Bücher. Er hatte zu lauter Verschleierungen gegriffen.

»Sie sagen nichts dazu, Herr Smiders,« stellte Kneis erneut seine Anfrage. »Sollte meinen, Sie könnten einen tätigen Kompagnon gebrauchen. Spielt sich alles dann viel rascher ab!«

Es brannte hinter Smiders Stirn, als wenn ihm glühendes Eisen darangehalten würde. Er befand sich in einer derart zugespitzten Lage, daß er sich kaum noch länger halten konnte, wenn nicht bares Geld in die Reederei hineinkam. -- Auf der anderen Seite konnte er keinen Teilhaber aufnehmen, der Einsicht in den Betrieb erhielt. Jedenfalls jetzt noch nicht. Plötzlich schoß ihm ein Gedanke durch den Kopf.

»Ich bin nicht abgeneigt, Herr Kneis, aber erst später! Sagen wir in einem Jahre, -- nach Abschluß der nächsten Bilanz.«

»O, nein,« meinte der Hamburger, »wenn ich eintrete, dann gleich! Ich brenne auf Arbeit. Es ist mir das Leben sonst zu langweilig. Habe auch bereits mit Ihrem Vater gesprochen, der doch Mitinhaber ist, und sein ganzes Geld bei Ihnen stehen hat. Ist sofort dazu bereit, hält's sogar für außerordentlich notwendig. Fahre dann nach Berlin und hole Geld!«

Smiders war nahe daran, vor Wut laut zu fluchen. Jetzt hatte sich Kneis hinter seinen Vater gesteckt. Der alte Mann lag im Lehnstuhl und konnte sich kaum rühren. Er war aber immer noch geistig rege und stellte zuweilen Fragen, deren Beantwortung in hohem Maße peinlich wurde.

Dem Vater gegenüber hatte Smiders die schwere Lage der Reederei fortgesetzt verhüllt, und doch mußte der alte Herr davon Wind bekommen haben. Vor allen Dingen hieß es nun, den Hamburger noch hinzuhalten. Erst mußten die Wechsel eingelöst sein, ehe dieser in das Geheimbuch der Firma Einsicht nehmen konnte.

»Würde nicht zögern,« meinte der Hamburger und hielt ihm die Hand hin, »ist dann gleich alles bis auf Einzelheiten im Vertrage abgemacht.«

Smiders kämpfte schwer mit sich. Sollte er? Sollte er nicht? Da er doch nicht sofort einschlug, zog der Hamburger seine Hand zurück. Der einzige Augenblick, der ihn noch retten konnte, war verpaßt.

»Sie haben Zeit zur Überlegung, Herr Smiders. Sprechen Sie mit Ihrem Vater und folgen Sie seinem Rat. Ich kann warten!« Kneis nahm seinen Hut, wünschte guten Morgen und ging hinaus.

Smiders sank auf seinen Schreibstuhl zurück. Seine Stirn zog sich in tiefe Falten.

»Himmel und Hölle,« fluchte er vor sich hin, »als ob jetzt alles versessen ist, mich in den Dreck hineinzurennen! Es gelingt mir nichts mehr! Alles schlägt fehl -- so gut ich's auch eingefädelt hatte! Dieser Protz von Überseer! Dieser ekelhafte Kerl! Seine Fratze täglich vor mir sehen zu sollen! Das kann ich schon lange nicht. Es widert mich an. Überhaupt -- alle meine Maßnahmen kritisieren zu lassen -- alle meine feinen Mittelchen, mit denen ich so manches nebenbei verdiene, fortzulassen -- fällt mir gar nicht ein. Das Geld mag er einzahlen und dann weg mit ihm, so rasch als möglich! Ich habe es gründlich satt, mit dem Kerl alle Tage schön zu tun.«

Er hatte sich in eine helle Wut hineingeredet. Aus einem Fach seines Schreibtisches zog er ein langes schmales Buch hervor, in dem er seine Privatnotizen zu machen pflegte. Er blätterte eine Weile darin herum und schlug dann gewaltsam auf den Tisch.

»Bald kann ich nicht mehr! Was diese Werft von mir schluckt, ist geradezu hundemiserabel! Das ganze Betriebskapital hat sie mir weggeholt. Es läuft nun auf Wechsel. Ich kann hinkommen, wo ich will, überall sieht man die Dinger mit Mißtrauen an. Ob ich Jürgen Plüddekamp anpumpe? -- Das wäre noch ein Gedanke! Er könnte mir mit einem Federstrich helfen. Teufel, wenn ich es nun dem Alten sage, der holt das Geld leichter heraus! Sie hielten immer dicke Freundschaft miteinander. Aber der drüben weiß ja von allem nichts. Ich muß bei ihm zu Kreuze kriechen.«

Er nahm das Buch und warf es wieder ins Fach zurück, das er verschloß. Dann stieß er zwischen den Zähnen einen langen Pfiff hervor, und auf sein Gesicht trat plötzlich ein zynisches Lächeln.

»Bei den Frauen glückt es mir immer! Ich weiß nicht, was sie an mir haben? Wenn es nur so im Geschäft ginge! Jetzt die Ilse Hergenbach, -- das ist mein Geschmack. Es schlummert noch viel in ihr, aber ich will es wecken. Ja, mein Wölfchen, bis du zurückkommst, dauert es noch ein Weilchen! Ich habe mich genau erkundigt. Ilse Hergenbach soll mir den miserablen Ärger versüßen.« --