VI.
Nach altem Brauch sah man im Plüddekampschen Hause Sonntags gern Tischgäste. Nähere Freunde sagten sich einfach an, zuweilen ergingen auch Einladungen. Konsul Martens kam jetzt häufiger als in den letzten Jahren.
»Alte Liebe rostet nicht,« scherzte Wolf mit seiner Schwester.
Herta entgegnete ihm darauf mit ernstem Blick:
»Ich habe Martens stets als lieben Freund betrachtet, seitdem ich meine einstige Neigung zu ihm unterdrückte. Er war mir wert. Ich achtete ihn hoch und hielt ihn für einen jener Männer, die nach dem Herzen der Frau schauen und sich nicht durch Äußerlichkeiten blenden lassen. Wie bitter bin ich enttäuscht worden! -- Martens ist nicht viel mehr oder weniger, als es auch andere Dutzendmenschen sind.«
»Es freut mich, daß dir endlich diese Erkenntnis kommt, Herta,« warf Wolf lachend ein. »Nun wirst du mich doch gleichwertig einschätzen.«
»Dich, Wölfchen? Ich bedaure dich höchstens! Du hast mir zuviel -- Herz!« entgegnete sie ihm.
»Dafür empfinde ich auch mehr, als Jürgen und -- du --«
»S--o--o--! -- Weißt du dies ganz genau? Was Ilse dir und anderen einflößt, die ihr nachrennen, ist -- keine Liebe. Höchstens der moderne Zug zum Weibe --«
»Herta!« stieß Wolf heftig aus. »Du urteilst mit Bitterkeit.«
»Ist es denn nicht wahr? Du, Martens, deine Freunde, -- ihr sucht in Ilse etwas, das ich verabscheue! Sie tut mir wahrhaftig leid und gibt keinen Anlaß für euer Verhalten.«
»Ich sehe Ilse gern, leidenschaftlich gern! Es ist mir ein Lebensbedürfnis, in ihrer Nähe zu weilen. Ich habe ein tiefes Glücksgefühl dabei.«
»Unterdrücke mit aller Kraft diese Regung, ehe sie sich in dein Herz hineinfrißt, sonst erleidest du mein Schicksal. Ilse ist nicht für dich geschaffen, auch würde Jürgen nie eine Verbindung mit ihr zugeben. Oder willst du eine Frau besitzen, Wolf, der andere Männer fortwährend nachstellen?«
»Herta, du bist heute geradezu grausam. Du kränkst mich mit Absicht!« sagte dieser vorwurfsvoll.
»Gewiß nicht, Wolf! Aber ich muß dich vor einer Torheit behüten.«
»Nein, Herta! Sag es lieber rund heraus: Du bist eifersüchtig auf Ilse, weil Martens sie interessant findet, wie dies alle meine Freunde zugeben, die sie kennen lernten.«
»Wolf! Das waren häßliche Worte! Ich bin sie von dir nicht gewohnt. Seit Ilse ins Haus gekommen, verstehen wir Geschwister uns nicht mehr.«
Sie ging an das reichgeschnitzte Büfett und legte Früchte auf den großen Silberaufsatz, der die Mittagstafel zieren sollte. Ilse trat in diesem Augenblick ins Zimmer und wollte Herta behilflich sein, wurde aber von ihr kurz abgewiesen.
»Bei Herta droht heute ein Wintergewitter, Fräulein Ilse! Kommen Sie schleunigst aus der gefahrdrohenden Nähe. Ich zeige Ihnen das neue Prachtwerk über die britische Nationalgalerie. Es ist noch Zeit, bis unsere Gäste eintreffen,« suchte Wolf ihre Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.
»Wie? -- Sie haben das schöne Werk gekauft, von dem ich sprach!« rief das junge Mädchen freudig aus.
»Ja, Fräulein Ilse. Es liegt im kleinen Salon,« entgegnete er schnell und wartete, daß sie etwas darauf erwidern würde.
Sie sah Herta fragend an. Diese nahm aber keine Notiz von ihr, sondern ordnete weiter an den Früchten und legte goldgelbe, mit grünen Blättern abgepflückte Mandarinen obenauf.
Wolf schritt jetzt in den anschließenden Salon hinein. Ilse folgte ihm zögernd. Sie blieben vor einem Ebenholztisch stehen, auf dem die große Prachtmappe lag. Er schlug diese auf und zog einzelne der hervorragendsten Blätter in die richtige Beleuchtung zum Fenster hin.
Sie stieß einen Ruf des Entzückens aus. Ihre Augen leuchteten hell; ihre Mienen nahmen einen lebhaften Ausdruck an. Sie ging vollständig in der Betrachtung der Kunstwerke auf.
»Welcher Genuß, die alten berühmten englischen Meister Gainsborough, Reynolds, Lawrence mit Muße betrachten zu können! Wie dankbar bin ich Ihnen dafür, Herr Wolf. Ich werde meine freie Zeit oft damit verbringen.«
»Ich darf doch dabei sein, Fräulein Ilse? Die beste Gelegenheit ist in den Nachmittagsstunden, sobald Herta in ihre Frauenvereine geht. Dann können wir uns gemeinsam an dem Schönen in der alten Kunst erfreuen.«
»Sie müssen aber nachmittags im Kontor sein, Herr Wolf,« warf Ilse ein.
»Wer kann mich dazu zwingen! Das Kontor wird mir rein zum Ekel. Ich habe keine Ruhe, über Korrespondenzen und Büchern zu sitzen oder in den Speichern Kontrolle zu üben, wenn ich Sie hier oben allein weiß. Wie oft sagte ich Ihnen dies schon.«
»Ich darf Sie aber davon nicht abziehen! Herr Plüddekamp schaut mich schon streng genug an. Er ist wenig freundlich zu mir und wird es auch Sie fühlen lassen.«
»Jürgen -- pah! Ich bin kein Kontorbeamter, sondern Teilhaber der Firma, und der ewigen Bevormundung längst überdrüssig. -- Sehen Sie diese herrlichen Bilder von Tizian, Tintoretto. Ich liebe die italienischen Schulen.«
Er zog einige schöne Frauenbildnisse hervor.
Ilse beugte sich tief darüber und war ganz im Anschauen versunken. Wolf stand ein wenig zurück und sah auf die feinen Linien ihres schlanken Halses hin. Bei dem tiefen Ausschnitt des Kleides bot er sich blendend weiß und verlockend seinen Blicken dar. Es reizte ihn, sie dort zu küssen. Je mehr er hinschaute, desto unwiderstehlicher zog es ihn an. Plötzlich ergriff ihn ein Taumel, er wußte nicht mehr, was er tat.
Nun war es geschehen. --
Seine heißen Lippen hatten eine Sekunde lang auf ihrem kühlen weißen Nacken geruht.
Sie kehrte sich blitzschnell um. Ihr Gesicht war wie in Blut getaucht, und die großen Augen flammten empört auf.
»Herr Plüddekamp! Was unterstehen Sie sich!« stieß sie beleidigt aus. »Bin ich ein Mädchen, dem gegenüber Sie es wagen dürfen --«
»Um Gottes willen -- Ilse, sprechen Sie nicht so laut! Herta hört es sonst. Zürnen Sie mir nicht! Ich konnte wahrhaftig nicht widerstehen, -- ich wurde einfach fortgerissen. Es war nur ein Tribut, den ich der Schönheit zollte, der herrlichen Form Ihres Nackens!« Er hielt ihr, um Versöhnung bittend, die Hand hin. Sie nahm diese nicht an, trotzdem er fortfuhr: »Ilse, bei Tag und Nacht erfüllen Sie mein ganzes Denken.«
»Ich weiß es, Herr Wolf!« unterbrach sie ihn, und ihre tiefe Stimme sank zum Flüsterton herab. »Sie zeigen es ja so deutlich, daß alle es sehen müssen! Sie werden mir dadurch den liebgewonnenen Aufenthalt hier sehr bald unmöglich machen.«
»Sagen Sie mir doch, was ich tun soll, Ilse,« sprach er hastig auf sie ein. »Ich will mich sehr in acht nehmen. Nur schenken Sie mir täglich einige Minuten der Aussprache, solange wir nicht Lawn-Tennis spielen können, dann --«
»Nein, nein!« ließ sie ihn nicht ausreden. »Es ist unmöglich! Ihre Geschwister denken darüber sehr streng, und ich möchte nicht falsch beurteilt werden.«
»Ilse!« tönte es jetzt schroff vom Speisezimmer herüber.
Sie erschrak leicht und eilte sofort zu Herta. Wolf blieb allein zurück.
»Ich halte es nicht länger aus,« sagte er zu sich, »es muß zu einer Entscheidung kommen und Jürgen,« -- er dachte nicht weiter. Ein Glockenton zeigte an, daß die Gäste kamen. --
Konsul Martens führte Herta zu Tisch. Er richtete aber seine Worte, so oft es ging, an Ilse. Der ältere Plüddekamp unterhielt sich mit Baron Berleburg, den er aus geschäftlichen Rücksichten zur Tafel zog. Das Konto des Schloßherrn im Hauptbuch zeigte eine ansehnliche Belastung. Berleburg war einmal früher Dragoneroffizier gewesen und hatte das von seinem Vater ererbte Gut ziemlich heruntergewirtschaftet. Er brauchte vielmal die Unterstützung des reichen Kaufmannes.
»Die Aussichten der Wintersaat sind ganz prächtig, Herr Plüddekamp. Sie ist kräftig in den Winter gekommen, und die starke Bodenfeuchtigkeit kann frühzeitig den Wuchs fördern. Berleburg wird lange Jahre keine solche Ernte gesehen haben,« sagte der Schloßherr.
Jürgen lächelte höflich.
»Ich wünsche es Ihnen aufrichtig, Herr Baron. Es vergehen aber noch Monate bis zur Ernte, und der Landwirt ist leider von vielen Zufällen abhängig.« Er ahnte bereits, daß ein neuer Angriff auf seinen Kassenschrank bevorstand. Baron Berleburg wußte diesen stets mit großem Geschick einzuleiten. Seine geschäftliche Taktik ging gern durch gesellschaftliche Beziehungen auf das versteckte Ziel los.
»Ah -- Herr Plüddekamp! Sie sind der vorsichtige Geschäftsmann! Bedenken Sie aber das Berleburgsche Glück, das mich noch nie verlassen hat,« fiel der Baron ein.
»Damit meint er meine Vorschüsse,« dachte Jürgen bei sich, und Wolf sah ihn von der anderen Seite der Tafel her verständnisvoll an.
»Sonnenschein und Regen kommen bestimmt zur rechten Zeit. Hagelwetter kennt Berleburg seit fünfzig Jahren nicht. Kraft ist im Boden -- ganz richtig -- --« fuhr Berleburg fort, »wie sollte es dabei an etwas fehlen!« Er sah triumphierend im Kreise umher. Sein hagerer Oberkörper und das lange Gesicht mit dem scharfkantigen Kopf deuteten auf ein reichlich genossenes Leben hin. Er blinzelte behaglich einen Augenblick, als er den guten alten Rotwein aus dem feingeschliffenen Kristallglas schlürfte. -- »Ein Jahrgang, Herr Plüddekamp, -- ganz riesig, -- lagert sicher lange,« -- wandte er sich an Jürgen.
»Mein verstorbener Vater kaufte das Oxhoft direkt in Bordeaux. Der Wein hat sich auf der Flasche gut entwickelt,« erwiderte dieser.
»Sie sind heute so nachdenklich, Fräulein Hergenbach,« redete Konsul Martens seine Nachbarin zur Linken an. »Unsere alte Pommernstadt läßt Sie das schöne Dresden nicht vergessen, und wir schwerblütigen Nordländer können nicht so gut unterhalten --«
»Sie offenbaren eine viel zu große Bescheidenheit, Konsul Martens,« fiel Wolf Plüddekamp ein. »Wollen Sie von Fräulein Ilse hören, daß Sie ein äußerst amüsanter Plauderer sind?«
»Danke verbindlichst, mein junger Freund,« suchte Martens seine joviale Seite hervorzukehren, »danach gelüstet mich nicht. Fräulein Hergenbach hat aber einen müden, verschleierten Ausdruck in ihren Mienen, den ich mit Bedauern sehe.«
»Ist das Leben nicht ernst genug, Herr Konsul?« erwiderte Ilse darauf.
»Die Jugend muß stets froh sein, Fräulein Hergenbach. Ein Lächeln auf den Zügen ist wie heller Sonnenschein am klaren Wintertag.«
»Heute regnet und schneit es aber durcheinander, Herr Konsul,« spottete Ilse leicht.
»Um so mehr muß die Sonne jugendlicher Schönheit unter uns strahlen,« antwortete er galant.
»Herr Konsul --« stieß das junge Mädchen peinlich berührt hervor, denn Hertas hohe Stirn hatte sich plötzlich verdüstert.
»Von einem Manne in den Jahren unseres lieben Freundes kannst du dir eine solche Schmeichelei ruhig gefallen lassen, Ilse. Da ist sie aufrichtig gedacht,« betonte diese.
Martens fühlte, daß er etwas versehen hatte, und wollte dies wieder gutmachen.
»Schönheit ist nur sieghaft, wenn Gedankenreichtum sie begleitet,« wandte er sich an Herta.
»Nicht immer,« entgegnete sie, »die meisten Männer legen heute bei der Frau weniger Wert auf Gedanken, desto mehr aber auf äußere Vorzüge. Es ist ihnen leider ganz gleich, worin sie bestehen.«
Martens senkte den Blick, während er entgegnete:
»Sie urteilen zu scharf! So tief steht unser innerer Wert doch nicht. Ich könnte dagegenhalten: viele Frauen lenken absichtlich unsere Blicke nur auf ihr Äußeres hin.«
»Schalten Sie ein: viele schöne Frauen! Der größere Teil von uns strebt jetzt danach, sich mit gleichem Geisteswert und starker Tatkraft neben den Mann zu stellen.«
»O armes drittes Geschlecht, das seine Lebensaufgabe vergißt!« rief Wolf dazwischen.
»Ich folge lieber der reinen Vernunft, als daß ich ohne Überlegung mit dem Gefühl davonstürme, Wölfchen,« erwiderte ihm Herta ruhig.
Baron Berleburg war auf die Unterhaltung aufmerksam geworden, kniff das linke Auge leicht zusammen und sah scharf zu Herta hinüber.
»Muß Ihnen beipflichten, gnädiges Fräulein. Habe es in meinem Regiment immer erlebt, daß Kameraden bei Attacke mehr Besonnenheit zeigten, als bei Eingehen der Ehe. Es gibt Beispiele, -- ganz riesig! Bin darum bis jetzt ledig geblieben.« Er erhob das Glas gegen Herta und trank ihr zu.
Wolf ballte Brotkrumen mit den Fingern zusammen und versuchte, ernst zu bleiben, auch um Jürgens' Mund zog sich ein kräftiges Lachen zusammen, das er kaum zurückhalten konnte. Baron Berleburg besaß etwas von dem Ritter Don Quichote.
Es entstand plötzlich eine Stille, und Wolfs Blick streifte zu Ilse hinüber; er sah, wie ihre großen Augen erwartungsvoll an Jürgen hingen. Sie schien lachen zu wollen, wenn dieser lachen würde. Wolf wußte im ersten Augenblick nicht, wie es kam; ein häßliches Gefühl stieg heiß in ihm empor. War es Neid, der in ihm aufkeimte? Er gönnte Jürgen den Blick nicht und trank hastig ein Glas des schweren Bordeauxweines, um sich zu beruhigen.
Rechte, -- er besaß keine und handelte immer auf Grund seines leidenschaftlichen Empfindens. Er war sich in keiner Hinsicht klar, was er eigentlich vorhatte. Nur eins sprach in ihm: der mächtige Drang, fortwährend Ilse nahe zu sein. Er faßte Jürgen, der oben an der Tafel saß, mehrmals länger ins Auge. Es quälte ihn beinahe, daß er keinen Blick von ihm bemerkte, der sie traf. Dann hätte er doch erkannt, -- nein, er mochte nicht weiterdenken, -- es war ja ausgeschlossen.
Martens sprach jetzt eifrig auf Herta ein, er hatte den leisen Vorwurf wohl verstanden. Baron Berleburg versuchte ebenfalls, bei ihr den Liebenswürdigen zu spielen. Es entstand ein belustigendes Rennen zwischen den beiden Herren.
Ilse hörte den Worten des Prokuristen Armin nur mit halbem Ohr zu. Das dunkelblonde, von einem Scheitel nach beiden Seiten liegende, reich gewellte Haar hob ihr Gesicht wirkungsvoll hervor. Der alte Rotwein hatte ihre Wangen leicht gefärbt; die Augen glänzten und verlangten nach Lebenslust.
Wolf, der still geworden und sie unausgesetzt betrachtete, wurde von einer nervösen Unruhe ergriffen. Er wünschte sehnlichst das Ende der Tafel herbei, um sich ihr nähern zu können. Warum hatte er Ilse nicht zur Tischnachbarin erhalten? Herta bestimmte für sie stets einen anderen Herrn. Für das nächstemal wollte er es unbedingt sein. Bruder und Schwester führten ihn noch am Gängelband. Er dankte für diese ewige Bevormundung, die ein- für allemal ihr Ende finden sollte.
Die große Kristallkrone über dem Eßtisch und die Deckenbeleuchtung flammten jetzt auf. Der durch die mattgeschliffenen Glasbirnen und opalfarbenen Deckengläser gedämpfte Schein des elektrischen Lichtes breitete sich geheimnisvoll über die Gesellschaft aus.
Martens schwieg und überließ Berleburg das Feld. Seine Blicke streiften Ilse, während er sich aus dem Silberaufsatz eine Mandarine nahm. Er mußte zu ihr hinsehen, es zwang ihn dazu. Wolf bemerkte es sofort. -- Also auch Martens, der stets glattlächelnde vornehme Bankier, fing Feuer. Nur Jürgen sah nicht zu ihr hin. Keine Miene des starkknochigen Gesichts deutete an, daß er das geringste Interesse für das junge Mädchen hege. --