IV.
Die folgenden Tage brachten unfreundliches Wetter. Trübe, schwere Wolken zogen über die Stadt hinweg. Die kleinen Dampfer blieben im Hafen. Dieser war lange Zeit nicht mit so vielen Schiffen angefüllt gewesen. Die Steuerbeamten konnten kaum ihren Revisionen nachkommen. Zahlreiche nordische Dampfer warteten auf neue Ladung.
Die Möwen flatterten von der Odermündung bis in die Hafenanlagen hinein. Draußen auf der See und im Pommerschen Haff traten Böen auf; es gab kurze, heftige Stoßwellen, die alle Fischerboote zur Heimkehr zwangen. Sturm war in Sicht.
Es brauste auch bald aus Nordwest jäh und ungestüm heran. Die Wellen im Haff stürzten wild durcheinander, und selbst die größten Dampfer hatten schwere Fahrt. In der Stadt rüttelte der Sturm an den Dächern und Zäunen, entwurzelte in den Alleen große Bäume und trieb sein wildes, zügelloses Gebaren zum Verdruß der Einwohner.
Schwarzgraues Gewölk jagte tief über die Häuser hinweg. Es wurde am Nachmittag so dunkel, daß die Laternen eine Stunde früher angezündet werden mußten. Der Regen fuhr sturmgepeitscht hernieder, und auf den Gassen floß das Wasser stromweise zu den Abzugskanälen hin.
»Also heute abend,« sagte Wolf zu Herta. »Hast du den Wagen bestellt, oder kann ich Ilse Hergenbach von der Bahn abholen?«
»Nein, Wölfchen! Zügle deine Neugierde. Ich bin selbst zur Ankunft des Zuges auf dem Bahnhof! Laß deinen Abonnementsplatz im Theater nicht leer. Du siehst Ilse noch früh genug.«
»Sie ist doch die Tochter einer befreundeten Familie! Ich werde mir keine Unhöflichkeit zuschulden kommen lassen,« warf er hastig ein.
Herta schaute ihn darauf prüfend an, sie erwiderte aber nichts.
Zum Abendbrot war Ilse Hergenbach bereits eingetroffen. Wolf hatte sich sorgfältig umgekleidet, Jürgen erschien jedoch in seinem täglichen Kontoranzug.
Das erste Sehen gestaltet sich meist eigenartig. Herta saß mit dem jungen Mädchen in einer Sofanische. Als die Brüder eintraten, erhoben sie sich, und Ilse wurde erst Jürgen, dann Wolf vorgestellt. Der Ältere machte die erste Begegnung kurz ab.
»Seien Sie willkommen im Haus Plüddekamp, Fräulein Hergenbach. Lassen Sie es sich darin wohl sein.« Er dankte dann für die Grüße, die Ilse von ihren Eltern überbrachte. Die Augen des großen Mannes musterten kaum die schlanke Gestalt in dem einfachen grauen Reisekleide.
Wie anders Wolf! Er trat dicht an sie heran und gab ihr die Hand mit kräftigem Druck.
»Darf ich Fräulein Ilse sagen?« bat er sofort. »Wir beide sind jetzt die Jüngsten im Hause und werden hoffentlich gute Kameradschaft halten. Spielen Sie Lawn-Tennis? Wir haben im Garten einen Spielplatz. Morgen wird er allerdings durchweicht sein!«
»Nun frage Ilse auch gleich noch, ob sie Galopp reitet, ob sie an der Dollarprinzessin Geschmack findet und gern Sekt trinkt. So lautet doch dein Programm, Wölfchen?« neckte ihn Herta.
Wolf schien dies nicht ganz angenehm zu sein.
»Glauben Sie es nicht, Fräulein Ilse!« warf er hastig ein. »Meine Schwester versucht unsere notwendige Kameradschaft von vornherein zu untergraben. Ich bin wahrhaftig besser als mein Ruf.«
Ilse Hergenbach sah die leuchtenden blauen Augen dicht vor sich. Unwillkürlich weitete sich auch ihr Blick. Sie schaute ihn einen Augenblick hindurch etwas scheu an, dann flog ein leises Lächeln über die feinen, bleichen Züge. Wie seltsam ist solch ein erstes Begegnen! Impulsives Fragen und scheue, versteckte Antwort. Ilse und Wolf standen sich so gegenüber. Er mit freiem offenem Herzen, das sagte: »Ich freue mich, daß du zu uns gekommen bist! Ich finde dich interessant und will dich näher kennen lernen!« -- Sie dagegen mit dem klugen Instinkt des Weibes ihre Gedanken zurückhaltend und darum nur mehr anreizend, diese zu ergründen.
»Tante Herta schrieb bereits, daß ich in Ihnen einen Freund der schönsten Künste finden würde. Ich soll freilich die Hauswirtschaft studieren, wie Mama es will. Nun, ein Stündchen am Tage werde ich doch musizieren oder malen dürfen, damit ich nicht alles verlerne.«
»Gewiß, Ilse!« sagte Herta bereitwillig. »Du kannst dich auch an meiner Arbeit für notleidende arme Geschöpfe beteiligen. Überhaupt solltest du an allem in unserem einfachen Leben teilnehmen.«
»Ich scheide dabei aus, Fräulein Hergenbach,« fiel Jürgen mit seiner starken Stimme ein. »Meine Domäne ist das Kontor, -- das große Geschäftsgetriebe einer alten Firma, darin gibt es keinen Raum für ein junges Mädchen.«
»Warum nicht, Herr Plüddekamp? Ich habe bei meinem Vater oft aushelfen müssen. Ich stenographiere und bin auf der Schreibmaschine eingeübt. Ich habe kalkuliert und korrespondiert.«
»Dabei widmeten Sie sich der Musik und Malerei und trieben Kunststudien. Nun wollen Sie die Haushaltung erlernen. Ein wenig viel, um eins davon gründlich zu verstehen,« gab ihr Jürgen zur Antwort.
»Das moderne Mädchen soll doch in allen Sätteln gerecht sein, -- die Welt verlangt es, um uns für vollwertig zu halten!« vertrat Ilse ihren Standpunkt.
»Entsetzlich!« fiel Wolf mit lächelndem Munde ein. »Welche Stunden bleiben dann für die Pflege der Schönheit übrig, -- die Hauptaufgabe der Frau -- dem Manne zu gefallen?«
»Muß es denn unser Lebenszweck sein, Herr Plüddekamp, den Männern zu gefallen? Vielleicht war es früher so, heute -- wollen wir gleichberechtigt auftreten,« entgegnete Ilse. Keine Miene ihres Gesichtes verriet, ob ihre Gedanken und die ausgesprochenen Worte übereinstimmten.
»Sagen Sie bitte -- Wolf, zum Unterschied von meinem Bruder, Fräulein Ilse,« ließ sich dieser nicht beirren. »Übrigens soll meine Ansicht nicht als allgemeine Regel gelten. Es gibt Ausnahmen -- meine Schwester Herta gehört dazu. Und doch besitzt die Schönheit der Frau ein unbestrittenes Recht, zu gefallen, das sie sich nicht verkümmern lassen darf.«
»Wölfchen -- du windest dich in der Schlinge, -- du bist gefangen --« fiel Herta lachend ein. »Ilse hat ihre Sache tapfer verteidigt.«
Der junge Mann versuchte wiederholt, Ilse Hergenbach in die Augen zu sehen. Sein Wunsch, darin zu lesen, war zu mächtig, um ihm widerstehen zu können. Sie mußte dies unwillkürlich fühlen, denn plötzlich traf ihr Blick voll den seinen. Er hatte dabei ein neues, ganz eigenartiges Empfinden, das seine Nerven heftig erregte. Das Blut quoll ihm heiß vom Herzen bis zu den Schläfen empor. Einen Augenblick war er wie berauscht, -- das also konnten diese Augen, diese grauen, unergründlich tiefen Augen hervorrufen!
Welch eine wundersame Kraft strömte von ihr aus! Sie kam zu ihm, wohin würde sie ihn führen?
Herta mußte diesen Augenblick des Selbstvergessens bemerkt haben. Sie sah Ilse schärfer an und forderte sogleich auf, das Abendbrot einzunehmen. Jürgen ging an den Speisetisch, und während seine hohe, kräftige Gestalt fest auftrat, folgten ihm Ilses Blicke. -- Sie zeigten Neugierde, aber auch eine Bewunderung der echt männlichen Erscheinung des ältesten Plüddekamp.
Während der Mahlzeit wurde wenig gesprochen, und Herta hob früh die Tafel auf, damit sich Ilse nach der anstrengenden Reise bald zurückziehen konnte. Wolf war dies nicht recht.
»Was soll ich heute abend beginnen, Herta?« klagte er.
»Jürgen spielt Skat mit uns, du mußt dabei aufpassen, Wölfchen,« erwiderte die Schwester.
Er war aber derart zerstreut, nachdem Ilse das Zimmer verlassen hatte, daß er die einfachsten Spiele umwarf.
»Es geht heute wirklich nicht --« damit legte er unmutig die Karten hin. »Ihr müßt mich entschuldigen. Ich fahre nach dem ›Luftdichten‹, um mir die nötige Schlafschwere zu holen.«
Jürgen und Herta sahen sich schweigend an und begannen dann ihre allabendliche Partie Schach.
* * * * *
Seit Ilses Ankunft war Wolf wie ausgewechselt. Er verließ selten das Haus und schob das eingetretene schlechte Wetter vor. Jede freie Stunde des Tages brachte er bei Herta und ihrem Zögling zu, während Jürgen mehr denn je im Kontor arbeitete. Der Schimmer des elektrischen Lichtes fiel oft noch bis gegen Mitternacht auf die Straße hinaus. Spät begab er sich zur Ruhe.
Er hatte recht gehabt, wenn auch in anderer Weise. Ilse Hergenbach tollte nicht laut umher, -- im Gegenteil, sie war äußerst ruhig, sprach wenig, glitt geräuschlos mit ihrer überschlanken Gestalt durch Zimmer und Gänge, aber sie zog dabei magnetisch an sich.
Wolf folgte ihr, wo er es nur konnte; er mußte einen Blick, einige Worte von ihr erhaschen.
Jürgen dagegen, sobald er sich dabei ertappte, daß er ihr unwillkürlich ein paar Schritte nachgegangen war, reckte sich plötzlich stolz empor und wandte sich kurz der Haupttreppe zu, um in sein Kontor zu eilen. Es ärgerte ihn, daß sein Auge auf den schlanken Linien ihres Körpers geruht hatte, und er ballte fest die Faust zusammen, -- es sollte nicht wieder vorkommen. Seine Brust hob sich schwer dabei. Er hatte nicht gesehen, wie Ilse bei seiner schroffen Wendung sofort stehen blieb und die großen Augen ihm scheu und unwillig nachschauten.
Die Ruhe war aus dem alten Kaufherrnhause geschwunden. Das bisherige harmlose Zusammensein der Geschwister litt darunter, und Herta bereute schon, dem Wunsche ihrer Freundin nachgegeben zu haben.
Ilse Hergenbach, obwohl keine Schönheit im Sinne des Wortes, besaß etwas unheilvoll Bestrickendes für die Männer, dem nur eine große Willensstärke widerstehen konnte. Selbst Konsul Martens, der einstige Verehrer Hertas und Freund der Familie, kam jetzt häufiger und blieb einsilbig, wenn Ilse nicht erschien.
Herta sann darüber nach; ihr reiner, starker Sinn konnte sich lange keine Erklärung geben. Der Verkehr junger Männer wurde immer reger in ihrem Hause, und doch war Ilse nicht im mindesten kokett. Sie tat ruhig ihre Pflicht und plauderte nur zuweilen an den langen Winterabenden etwas angeregter mit Wolf. Auch Jürgen und Herta hörten gern zu, wenn sie von den erlebten Kunstgenüssen sprach und ihre tiefe, wohllautende Stimme die kleine Tafel beherrschte.
Sobald aber Ilse dies bemerkte, schwieg sie plötzlich still und war nicht wieder zum Reden zu bringen. Nur ihr Auge glitt von einem zum anderen, als wenn es sagen wollte: »Ich habe als Jüngste nicht das Recht, die Unterhaltung zu führen.«
Wolf konnte bitten, so viel er wollte, Ilse blieb stumm, -- es prallte jedes Wort bei ihr ab, selbst Herta erhielt auf ihre Fragen nur einige rasch hervorgestoßene Silben zur Antwort. Das junge Mädchen konnte durch sein Schweigen geradezu ungezogen erscheinen und gab sich auch keine Mühe, es zu verdecken.
Herta ärgerte sich darüber; sie hielt dies Benehmen für einen Mangel an Erziehung. Einige Male sagte sie auch zu ihrem jüngeren Bruder:
»Gib dir keine unnütze Mühe, Wölfchen! Wenn Ilse in ihre Stummheit versinkt, mag sie mit sich selbst fertig werden.«
Jürgen hatte nur sein kräftiges Lachen dafür, aber auch dies stockte manchmal; dann verließ er mit irgendeinem kurzen Wort den kleinen Kreis und ging in sein Schreibzimmer.
Nun kam das Seltsamste. Ilse fand plötzlich ihre Sprache wieder und war die Liebenswürdigkeit selbst zu den anderen.
»Ilse ist ein merkwürdiges Geschöpf -- ich werde aus ihr nicht klug,« sagte Herta eines Tages zu Jürgen, »sie kommt mir zuweilen wie eine Sphinx vor -- --«
»Nein, -- wie eine Hexe --« erwiderte er kurz.
»Aber Jürgen! Wie kommst du darauf?« fragte Herta erschrocken.
»Durch den starken Einfluß, den sie ausübt, liebe Schwester! Wölfchen hat sie ganz umstrickt, und seine Freunde rennen uns jetzt das Haus ein --«
»Ilse ist aber peinlich in ihrer Arbeit und versäumt keine Pflicht. Sie erfüllt sofort jeden meiner Wünsche und kann eine tüchtige Hausfrau werden.«
»Niemals!« stieß Jürgen barsch aus.
»Sollte sich dies deiner Beurteilung nicht entziehen?« erwiderte Herta leicht gekränkt.
Jürgen pfiff laut.
»Ihre Zerstreuungen in der freien Zeit sind allerdings sonderbar,« fuhr Herta fort. »Sie geben mir zu Bedenken Veranlassung. Gestern war sie zwei Stunden ausgegangen. -- Bei ihrer Rückkehr antwortete sie auf meine Frage, daß sie sich die Schaufenster in der Breitenstraße angesehen habe. Später sprach ich zufällig Jochen Hindorf, und er erzählte mir, wie er Ilse bei den Kornträgern am Bollwerk fand. Sie sah dort den Männern zu, die schwere Säcke aufhoben und zum Transportauto trugen. Warum nun diese Unwahrheit von ihr, -- die mir sehr mißfällt! -- Wie kann überhaupt ein junges Mädchen an so grober Arbeit Gefallen finden, namentlich bei ihrem Kunstsinn --«
Jürgen hatte die Hände in beiden Hosentaschen stecken und zuckte mit den Achseln.
»Hm, -- weibliche Neugierde, -- es will weiter nichts sagen. Sie war noch in keiner Hafenstadt. Vielleicht erinnert es sie auch, an das väterliche Geschäft. Das ist wohl die einfachste Erklärung.« -- --
Herta nahm sich vor, scharf aufzupassen. Sie war um Wolf besorgt.
Dieser spielte täglich, stündlich mit dem Feuer. Er erzwang es, daß Ilse ihm oft in die Augen sah. Trotzdem es den harmlosesten Anschein haben sollte, wurde sie sich bald ihrer Gewalt bewußt. Anfangs war sie selbst darüber erstaunt gewesen, nun legte sie langsam ihre Scheu dabei ab. Herta durfte es nur nicht bemerken.
Was lag in ihrem Blick? Jürgen hatte es rasch erkannt, aber er äußerte sich nicht darüber.
Wolf spielte an sonnig-kalten Tagen mit Ilse im Garten Ball, und sein Auge hing an den schnellen Bewegungen ihres Körpers, wie sie diesen aufhielt und zurückschlug.
Gewöhnlich gewann sie die Partie. Sobald sie zusammenstanden und er ihre Augen suchte, lachte sie ungezwungen auf, ein tiefes, melodisches Lachen, das er so gern von ihr hörte.
Nach der gemeinsamen Abendmahlzeit spielten sie vierhändig Klavier. Sie schaute ihn nicht an, wie Lieschen Wichers, sobald er aber ihre schlanken Hände zufällig berührte, schoß eine fliegende Hitze in ihm empor. Sein ganzes Nervensystem war fortwährend in Erregung.
Im Geschäft ließ seine Tätigkeit mehr und mehr nach. Seine Gedanken wanderten zu Ilse.
»Eine tolle Staupe,« dachte Jürgen, »aber er muß sie durchmachen, um frei zu werden.« --