Chapter 7 of 24 · 2960 words · ~15 min read

VII.

Herta erhob sich, -- ihre Brüder zogen sich mit den Gästen in das Rauchzimmer zurück, in dem der Kaffee gereicht wurde.

»Tante Herta,« bat Ilse herantretend, »laß mich das Silber in die Kästen einreihen. Ich habe darauf geachtet, wie du es fortlegst.«

Fräulein Plüddekamp war in der Behandlung des wertvollen alten, aus mehreren Generationen stammenden Familiensilbers sehr peinlich. Sie besorgte das Fortlegen in die hohen, mit dunklem Samt ausgeschlagenen Eichenkästen stets selbst. -- Als sich Ilse nun mit der Bitte an sie wandte, ihr das Amt abzunehmen, war sie davon anfangs unangenehm berührt. Es schien ihr ein Eingriff in ihre Rechte zu sein. Sie sah deshalb das junge Mädchen einen Augenblick unfreundlich an. Dann besann sie sich aber rasch. Ilse sollte doch die Hausfrauenpflichten bei ihr erlernen. Dazu gehörte auch die Ordnung und Aufbewahrung des Silbers. Herta dachte und handelte in allen Dingen gerecht.

»Ich will es dir überlassen, liebe Ilse. Ich erwarte aber die nötige Sorgfalt dabei,« erwiderte sie nach kurzer Überlegung.

Das junge Mädchen sagte einfach: »Ich danke dir, Tante Herta,« und machte sich sofort an die Arbeit.

»Wir können die große Kristallkrone ausdrehen, Ilse,« bemerkte Fräulein Plüddekamp, »die Deckenbeleuchtung genügt vollständig.«

Ilse ging sofort an den Ausschalter, der sich am Eingang in das Speisezimmer befand, und durch einen raschen Griff wurde die Krone dunkel gestellt. Jetzt fiel das elektrische Licht nur noch matt aus den milchichten Gläsern an der Decke herab und hüllte die schlanke Mädchengestalt in eigenartige Beleuchtung ein. Herta hatte sich in der Sofanische niedergelassen und ruhte dort aus. Sie hörte leise Schritte im anstoßenden Salon. Ihre blauen, scharfblickenden Augen sahen sofort dorthin, und sie erkannte Wolf, der Ilse bei ihrer Tätigkeit zuschaute, ohne sich bemerkt zu glauben.

»Er ist ihr ganz verfallen,« dachte Herta. »Was soll nur daraus werden? Schicke ich sie nach Nordhausen zurück, so muß ich einen Grund dafür angeben, und sie hat mir diesen bisher in keiner Weise geboten. Ich werde mit Jürgen reden; Wolf braucht eine Luftveränderung, um auf andere Gedanken zu kommen. Er liebt den Süden, mag er auf einige Zeit dorthin gehen.«

Martens war Wolf Plüddekamp gefolgt und stand plötzlich neben ihm.

»Als Nichtraucher ist es mir hier bei Ihnen angenehmer als dort drinnen, lieber Wolf,« sagte er plötzlich.

Dieser fuhr wie aus Träumen auf. Er hatte den Konsul auf dem weichen Smyrnateppich nicht kommen hören.

»Sie haben einen interessanten Ausblick hier!« fuhr Martens fort. »Fräulein Hergenbach waltet als Hausfrau. Eine brillante Erscheinung. Schlank wie eine Tanne und abgerundete Bewegungen. Sie treibt viel Sport -- nicht wahr?«

»Wir spielen zuweilen Lawn-Tennis, -- wenn die Witterung es erlaubt,« entgegnete Wolf kurz.

»Die junge Dame muß eine gute Figur zu Pferde haben. Sind Sie schon zusammen ausgeritten?« fragte Martens weiter.

»Nein,« stieß Wolf förmlich abwehrend hervor. »Mein Fuchs ist zu unruhig und Jürgens Brauner -- ist ein grobknochiger Geselle, der unter dem Damensattel wie ein Elefant aussehen würde. Herta hat, wie Sie wohl wissen, ihr Reitpferd seit dem letzten Jahre abgeschafft. Sie hegt die Ansicht, bei ihrer Vereinstätigkeit keine Zeit mehr dafür erübrigen zu können.«

»Schade, sehr schade,« fiel der Konsul ein. »Wenn Fräulein Hergenbach ausreiten will, -- ich habe eine ausgezeichnete lichtbraune Stute, die sehr gut zugeritten ist, und stelle sie gern der jungen Dame zur Verfügung.«

Wolf mochte nicht darauf eingehen.

»Ich glaube kaum, daß es Herta willkommen wäre, wenn Fräulein Ilse der Wirtschaft viel entführt wird.«

»O, ich werde bei meiner lieben Freundin ein gutes Wort einlegen. Was bietet Stettin sonst Fräulein Hergenbach?« Er wollte in das Speisezimmer gehen, in dem Herta noch in der Sofanische saß.

»Unterlassen Sie es, Konsul Martens,« sagte Wolf hastig und legte seine Hand fest auf den Arm des älteren Mannes. »Aus Ihrem Munde könnte es Herta leicht kränken.«

Der halb getane Schritt des Konsuls wurde sofort gehemmt. Er seufzte leicht auf. »Sie haben recht, lieber Wolf! Der freieste Mensch hat Rücksichten zu nehmen, die uns gute Sitte auferlegt. Kommen Sie, wir kehren in den Rauch der Exporten zurück.«

Jürgen, Baron Berleburg und der Prokurist Armin hatten sich in das beliebte Geschäftsgespräch über die Kornkonjunktur verwickelt. Dies floß bei den drei Herren am leichtesten.

»Wäre Rußland nicht eine große Kornkammer,« betonte Armin, als Wolf Plüddekamp mit Konsul Martens eintrat, »es wäre um Europa schlecht bestellt.«

»Sie sind unser Gegner, Herr Armin,« ließ sich Baron Berleburg hören. »Schutzzölle, immer höhere Schutzzölle brauchen wir, um die einheimische Landwirtschaft zu kräftigen. Nur darin liegt die Quelle dauernden Wohlstandes, -- die Industrie nimmt uns die Arbeiter fort, -- schadet uns -- ganz riesig.«

»Seit dem Aufschwung der Industrie ist Deutschland erst ein Weltstaat geworden. Seine jetzige Wohlhabenheit kommt von dem Gold, das uns aus anderen Ländern für die versandten Waren zufließt. Auch unser Getreideexport spricht mit,« erwiderte Armin fest.

Baron Berleburg wollte sich mit diesem nicht verfeinden, er brauchte ihn als Fürsprecher bei Jürgen Plüddekamp. Er versuchte darum, einzulenken.

»Sie müssen auf der Seite der Landwirte sein, Herr Armin. Wir machen Ihnen doch die Geschäfte! Durch uns verdienen Sie die Goldbarren, die Haus Plüddekamp birgt --«

»Es war mal,« meinte Jürgen darauf, »heute fällt der Gewinn verteufelt mager aus. Ein paar Prozente nur -- dafür riskiert man ein großes Kapital, das stets in der Schwebe hängt.«

»Aber von sicherer Hand gehalten wird, Freund Jürgen,« sprach Martens dazwischen. »Bisher bist du von größeren Verlusten stets verschont geblieben. In unserer Industrie geht es nicht so sicher zu. Ich besitze als Bankier manche Kenntnis davon. -- Der Eisenmarkt zeigt zuweilen ein höhnisches Gesicht; wer konnte es ahnen, daß die Engländer und ihre Vettern über dem Wasser einen solchen bösen Fischfang vorhatten. Wunden, die ein ungeheurer Weltkrieg schlägt, bedürfen einer langen Heilung.«

»Erst langer Friede schafft neue Werte. Korn ist Volksnahrung, -- Eisen dient zur Herstellung von Gebrauchsartikeln, wenn die Kriegsfurie es nicht fortsaugt, lieber Martens. Korn und Eisen hängt innig zusammen. Die eiserne Pflugschar schält den Boden und regt ihn an, neues Wachstum für die Einsaat hervorzubringen. Die eiserne Walze ebnet, und die eisernen Zinken der Egge lockern die harte Erdrinde auf, daß die Keime besser sprießen. So tut das Eisen seine Schuldigkeit. Ich meine, Industrie und Landwirtschaft ergänzen sich, wie zwei Schwestern, die gemeinsam den Haushalt führen, dabei sparsam und rationell wirtschaften.«

»Gefällt mir -- ganz riesig,« rief Baron Berleburg begeistert aus. »Die Gelder müssen in einen Topp hinein und jeder den Vorteil davon haben.«

Wolf verbiß sich ein Lachen. Der reine Egoismus, der nur nach leichtem Gewinn trachtete, stand auf der Fahne Berleburgs zu deutlich geschrieben. --

Die Stunden verstrichen. Armin war ins Theater gegangen. Konsul Martens wollte ihm folgen.

Ehe er sich verabschiedete, gab er Jürgen einen Wink. Sie traten vor eine große japanische Bronze hin, die ein gewaltiges sagenhaftes Drachentier darstellte. Indem sie dies anscheinend betrachteten, flüsterte Martens Jürgen zu:

»Alfred Smiders war neulich bei mir. Er will schon wieder einen großen Dampfer bauen lassen, und der ›Friedrich Barbarossa‹ ist noch nicht einmal aus dem Dock heraus. Er gab an, daß seine Verbindung mit dir es dringend notwendig mache. Wie steht es damit, Jürgen?«

Dieser hatte aufgehorcht. Er erkannte sofort, daß Smiders ihn nur für seine Zwecke ausspielen wollte, und antwortete:

»Der ›Friedrich Barbarossa‹ genügt mir vollständig, Charles. Ich glaube kaum, daß der Export nach Spanien mehr verlangen wird. Hoffentlich wird er rechtzeitig fertig. Weißt du etwas davon?«

»Nichts Genaues,« klang es leise zurück, »ich werde mich aber informieren. Du kennst doch Alfred Smiders!«

»Stimmt, Charles! Er versucht bereits, uns zu schnellen. Wolf soll ihn in die Schere nehmen.«

»Wolf?« fragte der Konsul zurück. »Ich kann mir's denken. Du bist für solche Nebensprünge in lichtscheue Lokale nicht geeicht. Smiders ist aber sonst nicht zu packen. Ich beneide deinen Bruder nicht um die erhaltene Aufgabe.«

»Geht nicht anders!« fiel Jürgen ein. »Aber Charles, ich bitte dich, -- du schwebst doch über den Wassern, -- warne mich rechtzeitig, falls es dir notwendig erscheint.«

»Natürlich, lieber Jürgen! Alfred Smiders segelt bei allen Banken umher. Ich bin nur insoweit für ihn interessiert, als er unsere Gesellschaft prompt bezahlen muß.«

Sie schüttelten sich die Hände, und Martens ging zu Herta in den Salon. Berleburg hielt noch stand, er wollte einen günstigen Augenblick für seinen Angriff auf Jürgen abpassen. Dieser hatte Wolf ein Zeichen gegeben, daß er bei ihm bleiben sollte. Der junge Mann begann aber bald zu gähnen. Die Unterhaltung der beiden wurde ihm langweilig. Berleburg tat sich wichtig mit alten Garnisongeschichten, die er schon oft genug gehört hatte.

»Martens ist fort und Herta allein im Salon,« sagte Wolf plötzlich. »Wollen wir ihr nicht Gesellschaft leisten?«

Er erhob sich und ging voran. Jürgen war dies recht, darum forderte er den Baron zur Übersiedelung auf. Kaum hatten sie sich aber bei Herta niedergelassen, als Wolf rasch hinauseilte. Ilse war nicht dort; er hoffte, diese irgendwo allein anzutreffen.

Berleburg saß wie auf Kohlen, die Umstände vereitelten sein Vorhaben, und er mußte dabei den Liebenswürdigen spielen. Fräulein Hergenbach erschien plötzlich im Speisezimmer und richtete den Teetisch vor. Das Stubenmädchen brachte auf silberner Platte ein Telegramm herein. Ilse nahm es ab und trat an die Salontür.

»Herr Plüddekamp, einen Augenblick!«

Jürgen erhob sich langsam und kam auf sie zu.

»Sie wünschen, Fräulein Hergenbach?« fragte er mit seiner metallen klingenden Stimme.

»Es ist ein Telegramm für Sie eingegangen.«

Jürgen entzündete eine tief angebrachte elektrische Birne, riß das Telegramm auf und überflog es.

»Entschuldigen Sie mich bitte bei meiner Schwester, und Baron Berleburg, Fräulein Hergenbach. Ich muß sofort ins Kontor, um ein eiliges Schreiben zu erledigen.«

Schon war er hinaus und eilte die Treppe hinab. Ilse stand Minuten regungslos da. Die grauen Augen starrten auf die Tür, die Jürgen soeben rasch hinter sich geschlossen. Es war, als ob sie ein Traum umfing. Die Augenlider sanken ein wenig herab. Sie strich dann mit ihrer schmalen Hand langsam über die Stirn, als wolle sie dahinter eine Flut von Gedanken ordnen.

Dann ging sie zu Herta in den Salon und teilte ihr mit, daß Herr Plüddekamp geschäftlich verhindert sei und erst in einiger Zeit zurückkehren würde. Sie setzte noch hinzu:

»Der Tee wird gleich bereit sein, Tante Herta.« Darauf verschwand sie wieder.

Baron Berleburg streckte sich ein wenig in dem bequemen Polstersessel aus und wurde immer liebenswürdiger. Es schien ein Gedanke in ihm aufgetaucht zu sein, der ihm noch ersprießlicher vorkam, als eine Anbohrung neuen Kredites bei Jürgen Plüddekamp. Glückte es ihm, so war er für immer geborgen. Herta, diese stattliche, vornehme Erscheinung dabei in den Kauf zu nehmen, hielt er für keine üble Aussicht. Ihre erste Jugend mußte vorüber sein. Es schadete auch nichts, um so verständiger würde sie als Frau auftreten und eine Baronin Berleburg auf Schloß Berleburg tadellos darstellen. Teufel -- es galt, nicht zu zögern! Er ging ans Werk.

Herta kam aus dem Erstaunen gar nicht heraus, als jetzt der einstige Dragoneroffizier den Gefühlvollen zeigte und von ganz riesig tiefer Leidenschaft sprach, die er schon jahrelang gehegt und nur verborgen gehalten habe.

»Wo bleibt nur Ilse?« dachte Herta. »Wolf kommt auch nicht wieder!« Sie glaubte anfangs, die lange Rede des Barons wäre eine seiner beliebten Tiraden, bis sie doch schließlich die direkte Absicht merkte und eine törichte Erklärung verhindern wollte.

Er wurde immer deutlicher, und sie stand plötzlich auf.

»Das Teewasser kocht bereits, Herr Baron! Verzeihen Sie -- ich will nur Fräulein Hergenbach rufen! -- Ilse -- Ilse!« rief sie laut auf den Korridor hinaus.

Berleburg zog verdrießlich an seiner Krawatte. Er war so schön im Zuge gewesen, und die ältliche Patriziertochter mußte sich doch höchst geehrt fühlen, wenn er ihre Hand und die große Mitgift begehrte. Sein Konto im Hauptbuch Jürgen Plüddekamps würde dann ein sehr ansehnliches Guthaben aufweisen. Die Hypotheken von Rittergut Berleburg verminderten sich bis auf die Eintragungen der General-Landschaft. War das nicht eine sehr aussichtsvolle Lage? Herta machte sich aber recht lange am Teetisch zu schaffen und überließ den hageren Herrn seiner weiteren Gedankenmalerei. -- -- --

Im Kontor leuchtete das elektrische Licht auf. Jürgen setzte sich an seinen Schreibtisch. Vor ihm lag das offene Telegramm; er schaute darauf hin und begann bereits in Gedanken zu disponieren. Ärgerlich, daß niemand zugegen war, dem er einen Brief diktieren konnte! Das Selbstschreiben war ihm unbequem. Er hatte auch keinen Kopierapparat zur Hand, da alle Briefe auf den Schreibmaschinen durchgeschlagen wurden. Es betraf aber eine Sache von größter Wichtigkeit, und Eile war geboten.

Es klopfte leise an der Tür.

»Herein!« rief er mit starker Stimme.

Ilse Hergenbach trat ein und schlug die großen Augen bescheiden zu ihm auf.

»Sie brauchen eine Stenogrammaufnahme, Herr Plüddekamp, und haben niemand zur Verfügung. Darf ich es ausführen? Ich stelle den Brief auf der Schreibmaschine schnell her. Die letzte Post wird erst in einer Stunde aus dem Briefkasten abgeholt.«

Ihre Blicke trafen sich. Nur ein leises Zucken der harten Mundwinkel verriet, daß in dem überlegenen Geschäftsmann etwas vorging. Er zögerte noch.

»Ich werde meinem Worte untreu, Fräulein Hergenbach --«

»Warum nicht, Herr Plüddekamp! Es ist nur ein Ausnahmefall, und ich tue es gewiß gern für Sie.«

Wie die grauen Augen gefährlich aufleuchteten und nicht weichen wollten! Ein bescheidenes Bitten und doch trotziges Verlangen lag in ihnen. Warum widerstehst du so lange? Die anderen sind glücklich, wenn ich ihnen einen Blick schenke. Du bist so hartnäckig, abwehrend -- ich will aber meine Kraft erproben, ich will wissen -- jetzt zeigte sich die volle gefährliche Glut in dem Blicke.

Jürgen stand schweratmend von seinem Schreibsessel auf.

»Nehmen Sie bitte Wolfs Platz ein, Fräulein Hergenbach. Ich bin gewohnt, schnell zu diktieren. Werden Sie mir folgen können?«

»Ich werde es --«

Er ließ sich wieder nieder; schon saß sie ihm gegenüber und hatte Papier und Bleistift zur Hand genommen.

Jetzt konnte er ruhig aufsehen; während er sprach, mußte sie den Blick auf den weißen Bogen vor sich heften.

Bei den ersten Worten zitterte seine Stimme ein wenig, dann gewann sie bald ihren festen Klang zurück. Das Diktat näherte sich bereits seinem Ende, als die Tür hastig geöffnet wurde und Wolf erschien.

»Hier finde ich Sie endlich, Fräulein Ilse!« rief er erregt aus. »Meine Schwester läßt Sie im ganzen Hause suchen. Der Tee hat zu lange gezogen --«

Ilse sah nicht auf, sie erwiderte auch nichts. Sie wußte, daß Jürgen antworten würde.

»Entschuldige Fräulein Hergenbach bei Herta. Sie hat ein eiliges Stenogramm von mir aufgenommen und muß es noch mit der Schreibmaschine übertragen. Wir sind in kurzer Zeit fertig und kommen dann nach oben --«

»Ausgezeichnet -- wirklich ausgezeichnet! Die Erlernung des Haushaltes ist bis zum Kontor hinuntergedrungen. Sie sind in allem eine Meisterin -- Fräulein Ilse! -- Und du -- Jürgen?« Es flammte etwas Unheilvolles in den blauen Augen auf, die sich fest auf den Bruder richteten.

»Kein Zeitverlust, Wolf!« erwiderte Jürgen kalt. -- »Das Diktat ist noch nicht zu Ende -- du störst uns -- bitte --«

Wolf pfiff zwischen den Zähnen hindurch, schloß aber die Tür wieder und stürmte, ohne ein weiteres Wort gesagt zu haben, die Treppe hinauf.

»Ilse macht bei Jürgen -- dem Hasser alles Weiblichen im Kontor -- das Tippfräulein! Was sagst du dazu, Herta?« rief er atemlos ins Speisezimmer hinein, in dem diese noch am Teetisch beschäftigt war.

Sie sah den jüngeren Bruder erstaunt an.

»Warum solche Scherze, Wolf!«

»Scherze? -- -- Teure Herta, vollkommener Ernst -- eine unbestreitbare Tatsache. Geh hinunter und überzeuge dich. Die Männertollheit wird größer, immer größer, Herta -- wundere dich über nichts mehr!«

Diese legte die Hand auf den Mund und deutete auf das Nebenzimmer; er sollte sich an die Gegenwart des Gastes erinnern. Sie trat dann dicht an ihn heran und flüsterte:

»Du bleibst bei mir, Wolf! Berleburg ist unausstehlich, er war nahe daran, mir in aller Form einen Antrag zu machen!«

Der junge Mann verzog das Gesicht zu einer tragikomischen Miene.

»Um Gottes willen -- wenn es so fortgeht, ist Haus Plüddekamp eine offene Bühne für Irrungen und Wirrungen. -- Ilse kommandiert den strengen Jürgen, und ich spiele den Anstands-Wauwau bei meinem geliebten Mütterlein --«

»Du bist ungezogen, Wolf; so alt bin ich noch nicht! Meine mütterliche Sorgfalt aber hat dir manchen Dienst erwiesen.«

»Nicht zürnen, Herta,« bat er lächelnd ab. »Kommen Sie, Herr von Berleburg,« rief er darauf in den Salon hinein. -- »Eine Tasse Karawanentee von meiner lieben Schwester Hand ist tipp topp! Ich schenke Ihnen dazu einen Meukow ein, den Sie nirgends so alt getrunken haben. Mein Urahne hat ihn vermutlich 1812 aus der zurückgelassenen Bagage des großen Napoleon erstanden.«

Der hagere Herr schaute verständnislos um sich. Er war aus seinen Gedankenverbindungen und der Nachwirkung des alten Bordeaux jäh erwacht. Die Wirklichkeit trat wieder vor ihn her. Schwerfällig erhob er sich und ging steif nach dem Speisezimmer.

Als Jürgen und Ilse später an den Teetisch traten, sagte Fräulein Plüddekamp zwar kein Wort, aber ihre Blicke gaben deutlich ein Mißbehagen kund.

»Verzeih, Tante Herta, daß ich den Tee im Stich ließ,« bat Ilse, »aber dein Bruder mußte die Angelegenheit sofort brieflich erledigen. Ich kenne die Wichtigkeit der dringenden Telegramme von Papas Geschäft her.«

»Bekümmere dich in erster Linie um deine Obliegenheiten,« erwiderte Herta kurz. Es ärgerte sie, daß Ilse bei Jürgen mehr durchsetzte, als sie es je vermocht hatte. Die Kontorräume wurden nie von ihr betreten.

Berleburg war kein Freund von Tee, wenn ihn auch der alte Meukow etwas entschädigte. Er fühlte, daß sein Plan verunglückt war, und ließ den Wagen anspannen, der bald mit ihm davonrollte.

Als die Geschwister am späten Abend voneinander schieden, sagten sie sich kühl gute Nacht. Eins hegte gegen das andere Mißtrauen; Ilse stand dazwischen mit der siegreichen Macht, die von ihr auf die Brüder ausging. --

Wolf versuchte es auf alle erdenkliche Weise, sie in der nächsten Zeit allein zu sprechen, sie wich ihm aber geflissentlich aus. Er bemerkte deutlich, daß sie sich Jürgen durch kleine harmlose Dienstleistungen fortgesetzt zu nähern versuchte. Dieser wollte Junggeselle bleiben, er hatte es oft genug mit Bestimmtheit ausgesprochen und bereits seine Geschwister in einem Testament als Erben eingesetzt. -- Welche Absicht verfolgte Ilse also? -- --