XXIV.
Wolf blieb wochenlang in Wershagen. Er sah die Halme gelb werden und die Ähren reifen. Die Ernte ging vorüber. Der Weizen und Roggen füllte die Scheunen. Das frische Korn breitete sich nach und nach zu mächtigen Haufen in den Speichern aus.
Wolf Plüddekamp war in dem einfachen, ruhigen Landleben an Körper und Seele wieder gesundet. Er ritt täglich mit Oberamtmann Wichers auf die Felder hinaus, und die launige Art des Landwirtes wirkte wohltuend auf sein Gemüt ein. An den Abenden spielte er mit Lieschen vierhändig Klavier. Die blauen Augen des jungen Mädchens schauten froh und schelmisch drein, als wollten sie sagen: »Bin ich nicht ein lustiger Kamerad?« Wenn sich Wolf auch noch nicht ausgesprochen hatte, Lieschen wußte genau, daß mit seiner Krankheit alle törichte Leidenschaft in ihm geschwunden war. Sie hatte sich den zukünftigen Gatten durch Liebe und Aufopferung erkämpft. Was zwischen ihnen lag, war kein wildes Empfinden, das sie gewaltsam zusammenband, sondern die milde, wohltuende Flamme einer reinen Neigung, die am häuslichen Herd wärmend und beglückend ausdauert.
Wolf Plüddekamp wollte nach Stettin zurück. Er nahm keinen Abschied von Wershagen; ein kräftiger Händedruck, den er Oberamtmann Wichers und Lieschen gab, offenbarte die Tiefe seines Gefühls. Der Händedruck sprach aus: »Wir sind einig fürs Leben!«
* * * * *
Im alten Kaufherrnhause herrschte ungewohntes Leben und Treiben. Die freudige Erregung ging von Jürgen Plüddekamp selbst aus. Schon am frühen Morgen rief er seinen Freund und Prokuristen Armin herein.
»Die Kontore werden heute nachmittag geschlossen. Die jungen Leute sollen den schönen Herbsttag benutzen und einen Ausflug machen. Sie vertreten mich dabei, Armin! Ich will mich meinem Bruder widmen und die Freude empfinden, daß er uns Geschwistern nach der langen, schweren Krankheit gesund wieder geschenkt wurde.« --
Jochen war damit beschäftigt, eine mächtige Girlande über dem Treppenaufgang anzubringen.
»Heute kommt mein Wolf,« schmunzelte er vor sich hin, »es wird auch man Zeit. Das alte Haus schläft sonst noch ganz ein. Er pfeift doch manchmal eins!«
Kurz vor Beginn der Mittagszeit traf Wolf Plüddekamp ein. Jürgen stand vor dem Toreingang. Als sein Bruder aus dem Wagen sprang, sagte ihm ein einziger Blick, daß dieser im Vollbesitz seiner Kraft wiederkam.
Der alte Hüne, Jochen Hindorf, hatte mit abgezogener Kappe neben seiner Girlande Aufstellung genommen. Wolf gab ihm einen tüchtigen Schlag auf die Schulter.
»Ich danke dir, Alter,« sagte er, ihm die Hand reichend, »und morgen komm zu mir, dann sollst du deinen Dänen haben, der dir wohl schon lange gefehlt hat.«
»Es muß ja nicht sein, Herr Wolf,« lachte Jochen über das ganze Gesicht. »Die größte Freude habe ich, daß Sie wieder vergnügt sein können.«
Die Geschwister zogen sich nach dem Mittagessen in die gemütliche Ecke des Speisezimmers zurück.
»Ihr waret mit euren Briefen recht karg,« meinte Wolf lachend. »Es kam mir auch ganz erwünscht. Ich mochte nichts mehr von dem Vergangenen hören und selbst keine Feder zum Schreiben ansetzen. Dafür lief ich den ganzen Tag in Feld und Wald herum. Du siehst, Jürgen, welche starke Einwirkung die Natur auf mich ausübte. Ich habe die Empfindung, daß ein ganz neues Leben in mir erwacht ist.«
»Du verspürst also keine Lust, Wölfchen, auf deinen Kontorsitz zurückzukehren?«
»Offen gestanden, nein, Jürgen! Ich habe großes Gefallen an der Tätigkeit eines Landwirtes gefunden, daß ich diese gern ausüben möchte.«
Herta lächelte fein.
»Natürlich unter Mitwirkung einer hübschen kleinen Frau, Wölfchen!«
»Ja, Herta, du hast das Richtige getroffen! Als ich heute von Wershagen fortfuhr, um euch im alten Plüddekampschen Hause aufzusuchen, hatte ich dabei im stillen die Empfindung, bald aufs Land zurückzukehren. Ich will mir ein eigenes Nest bauen, und Wichers hilft mir dazu. Jürgen und du, ihr werdet noch lange unter Aufrechterhaltung alten Herkommens eure Pflicht hier erfüllen. Mich aber soll nichts mehr daran erinnern -- was einmal war. Ich habe Lieschen Wichers und Wershagen herzlich lieb gewonnen.«
Jürgen blickte seinen Bruder ernst, aber mit größtem Wohlwollen an.
»Ich habe deinen Entschluß geahnt, und er wird für dich der richtige sein. Das alte Haus vereint uns noch einmal -- dann werden wir dich freigeben müssen. Das Leben verlangt das Schaffen von neuen Werten. Wir wollen es hier und dort redlich tun. In deinen Söhnen wird uns eine neue Generation erstehen. Land und Stadt sollen sich ergänzen, dann kann ein kerniges Geschlecht neue Erfolge zeitigen.«
Herta hatte diesen Worten still zugehört. Sie seufzte tief auf und setzte dann leise hinzu:
»Wenn ich euch Männer so sprechen höre, ist es mir wie ein vergessenes Klingen und Singen einstiger Jahre. -- Ein Zeichen, daß ich dem wahren Glück des Lebens aus dem Wege gegangen bin.«
[Illustration]