Part 10
»Keine von deinen angeführten Ursachen, Ambrosius, führt mich her,« antwortete Marzella, »sondern ich bin entschlossen, allen denen, die mir die Leiden und den Tod des Chrysostomus zuschreiben, zu zeigen, wie weit sie von der Wahrheit entfernt sind. Ich bitte also alle, die zugegen sind, aufmerksam zu bleiben, denn ich werde weder viel Zeit brauchen noch viele Worte verschwenden, um meinen Beweis den Verständigen deutlich zu machen. Der Himmel hat mich, wie ihr sagt, schön geschaffen[ und so, daß ihr, ohne weitere bewegende Ursache, mich meiner Schönheit wegen liebt, und die Liebe, die ihr mir zeigt, soll, wie ihr sagt, ja fordert, mich zwingen, euch wieder zu lieben. Durch den natürlichen Verstand, den Gott mir lieh, begreife ich, daß alles Schöne liebenswürdig ist; aber das ist mir unverständlich, wie die, weil man sie liebt, gezwungen sei, den zu lieben, der sie als eine Schönheit liebt: da es sich gar fügen kann, daß der die Schönheit liebt, häßlich ist und alles Häßliche gehaßt werden muß, so reimt es sich übel, zu sagen: ich verehre dich, weil du schön bist, du mußt mich also lieben, bin ich gleich häßlich. Wenn es sich aber auch trifft, daß gleiche Schöne sich entgegenkommt, so macht dies nicht die Folge, daß sich die Wünsche begegnen müssen, denn nicht alle Schönen wirken Liebe, manche erfreuen das Auge, lassen aber den Willen frei: denn machten alle Reizenden verliebt und fesselten sie den Willen, so würden sich alle Willen in verworrener Richtung fortbewegen, ohne Ursache zu finden, irgendwo stillzustehen, denn wie unzählig die Gegenstände der Schönheit sind, so unzählig müßten auch die Wünsche sein: und doch hat man mir gesagt, wie die wahre Liebe unteilbar ist, so sei sie auch freiwillig und ohne Zwang. Wenn dem so ist, wie ich es glaube, warum wollt ihr meinen Willen durch Gewalt bezwingen, und aus keiner anderen Ursache, als weil ihr, wie ihr es sagt, mich liebt? Wo nicht, so sagt, ob es, wenn der Himmel, der mich schön geschaffen, mich häßlich gebildet hätte, recht wäre, wenn ich mich über euch beklagte, daß ihr mich nicht liebtet? Wobei ihr überdies erwägen müßt, daß ihr mir meine Schönheit nicht erwählt habt, daß sie mir der Himmel ohne Bitte und Wahl nach seiner eigenen Gnade verliehen hat: wie nun die Natter ohne Schuld ist, daß ihr Gift tötet, weil die Natur sie so eingerichtet hat, so verdiene auch ich nicht, daß man mir aus meiner Schönheit einen Vorwurf macht, denn die Schönheit der tugendvollen Frauen gleicht dem Feuer oder dem scharfen Schwerte, weil jenes keinen brennt, dieses keinen verwundet, der ihnen fern bleibt. Die Ehre und die Tugend sind Schmuck der Seele, ohne welche der Leib, wie er auch sei, niemals schön erscheinen kann. Ist die Ehre nun von so hoher Tugend, daß sie Leib und Seele schmücken und verschönen kann: warum soll die, welche ihr der Schöne wegen liebt, sie verlieren, dem Willen desjenigen zu gefallen, den einzig seine Leidenschaft treibt, ihren Verlust mit Gewalt und List zu suchen? Frei bin ich geboren, um frei zu leben, wählte ich die Einsamkeit des Gefildes. Die Bäume dieser Berge sind meine Gesellschaft, die hellen Wasser dieser Ströme meine Spiegel; diesen Bäumen, diesen Wassern mitteile ich meine Gedanken und Schönheit. Ein Feuer bin ich aus der Ferne, ein Schwert, weit weg gestellt. Wen mein Anblick zur Liebe lockte, den enttäuschten meine Worte. Wenn Wünsche sich von Hoffnungen nähren, so habe ich nicht die kleinste Hoffnung weder dem Chrysostomus noch einem anderen gegeben, so daß man sagen kann, er sei an seinem Wahnsinne, nicht an meiner Grausamkeit gestorben. Auf den Vorwurf, daß seine Absichten redlich waren und daß ich sie deshalb hätte erwidern müssen, antworte ich, daß, wenn er an diesem Orte, an welchem jetzt sein Grab ausgehöhlt wird, mir die Redlichkeit seiner Gesinnung entdeckte, ich ihm bekennen würde, daß meine Gesinnung ist, in ewiger Einsamkeit zu leben und wie nur die Erde das Kleinod meiner Schönheit und die Blume meiner Keuschheit genießen solle. Wenn er nun auch nach dieser Enttäuschung gegen alle Hoffnung seinen Sinn behalten und gegen den Wind segeln wollte, wie bin ich schuld, wenn er mitten auf dem Meere seines Unsinns Schiffbruch leidet? Kam ich ihm entgegen, so war ich falsch: hätte ich seine Neigung erwidert, so hätte ich gegen meinen besseren Willen und Vorsatz gehandelt. Er kannte meine Gesinnung und blieb in seinem Wahne, er verzweifelte, ohne daß er von mir gehaßt ward: wo ist nun der Grund, daß ihr die Schuld seines Todes mir beimessen könnt? Der Getäuschte klage, der wüte, den ich mit falscher Hoffnung hinterging, der rede laut, um den ich klagte, der höhne mich, dem ich erwiderte, aber keiner nenne mich grausam oder Mörderin, dem ich nichts verspreche, ihn täusche, um ihn klage oder ihm Liebe erwidere. Bisher hat es der Himmel über mich noch nicht verhängt, daß ich gezwungen lieben muß: der Glaube aber, daß ich aus Wahl lieben werde, ist Torheit. Diese allgemeine Enttäuschung sei für jeglichen von denen, die sich zu ihrem Vorteil um mich bewerben; jeder begreife in Zukunft, daß, wenn einer für mich stirbt, er nicht an Eifersucht und Unglück stirbt, denn wer keinen liebt, darf keinem Eifersucht geben: wie es auch Unrecht wäre, diese Enttäuschungen für Verschmähungen anzusehen. Wer mich wild und Basilisk nennt, fliehe vor mir, wie vor einer schädlichen Pflanze: wer mich undankbar nennt, diene mir nicht, wer mich unerkenntlich heißt, bleibe mir unbekannt, grausam, der folge mir nicht: denn diese Wilde, der Basilisk, die Undankbare, Grausame, diese Unerkenntliche wird keinen suchen, ihm dienen, seine Bekanntschaft wünschen und auf keine Weise keinem folgen. Wenn Unvernunft und törichte Wünsche den Chrysostomus töteten, warum wird meine Ehre und Tugend angeklagt? Wenn ich meine Reinheit in Gesellschaft der Bäume bewahre, warum soll ich wünschen, daß sie der verletzt, der doch wünscht, daß ich sie unter den Menschen bewahre? Wie ihr wißt, besitze ich eigenes Vermögen und begehre nach keinem fremden: ich bin frei und es gefällt mir, nicht untertan zu werden; ich liebe und hasse keinen, ich täusche nicht den einen, bewerbe mich nicht um den andern, scherze nicht mit diesem, lache nicht mit jenem. Meine unbescholtene Gesellschaft sind die Hirtenmädchen dieser Gegend, meine Beschäftigung ist die Sorgfalt für meine Herde; meine Wünsche werden von diesen Bergen beschränkt, übersteigen sie diese, so geschieht es nur, die Schönheit des Himmels mir vorzustellen, den Aufenthalt, zu dem unsere Seele wie zu ihrer ersten Heimat zurückkehrt.«
Mit diesen letzten Worten wandte sie sich um, ohne eine Antwort abzuwarten und verlor sich in einem nahen Hohlweg des Gebirges, indem sie alle über ihren Verstand wie über ihre Schönheit entzückt zurückließ. Einige von denen, die von den Strahlen ihrer schönen Augen wie von scharfen Pfeilen verwundet waren, wollten sich anschicken, ihr zu folgen, ohne die ausgesprochene Enttäuschung auf sich zu beziehen. Als Don Quijote dies bemerkte, schien es ihm, daß seine Ritterschaft hier trefflich anzuwenden sei in Hilfe der genotdrängten Jungfrauen; er legte also die Hand an den Degen und sagte mit lauter und verständlicher Stimme: »Niemand, von was Stand und Würden er auch sei, unterfange sich, der schönen Marzella nachzufolgen, bei Strafe, meinen wütendsten Unwillen zu erfahren. Sie hat mit deutlichen und hinreichenden Gründen bewiesen, wie sie wenige oder keine Schuld am Tode des Chrysostomus habe, und wie fern es ihr sei, in die Wünsche irgendeines ihrer Liebhaber einzustimmen: deshalb ist es gerecht, daß statt gefolgt und verfolgt zu werden, man sie als das Edelste in der Welt schätze und verehre, denn sie ist wahrlich die einzige auf der Welt, die mit so edlen Vorsätzen lebt.«
Ob es nun die Drohungen Don Quijotes oder des Ambrosius Bitten bewirkten, daß sie alles, was er seinem wackeren Freunde schuldig sei, noch mit ihm vollbringen möchten, genug, alle gegenwärtigen Schäfer blieben ruhig und keiner entfernte sich; so ward das Grab bald fertig gemacht, die Papiere des Chrysostomus wurden verbrannt, sein Leichnam in die Erde gelegt, wobei alle Umstehenden häufige Tränen vergossen. Mit einem großen Steine verschlossen sie das Begräbnis, auf dem sie Raum für eine Platte ließen, auf welche Ambrosius folgende Inschrift wollte eingraben lassen:
Hier liegt ein Opfer der Liebe; Ein Schäfer vom Gefilde, Der Grausamkeit zu milde, Ihn tötete Mißliebe.
Er starb dem mächt'gen Triebe Zur undankbaren Schönen, Die durch Verschmähen, Verhöhnen Ihn tötete mit Liebe.
Über das Grab wurden dann viele Blumen und Blätter gestreut, dann trennten sich alle vom Ambrosius, indem sie ihm wegen seines Freundes einen Trost über seinen Verlust sagten. Ebendies taten Vivaldo und seine Gefährten, und Don Quijote trennte sich von seinen Wirten und den Reisenden, die ihn baten, mit ihnen nach Sevilla zu ziehen, einem Orte, der, um Abenteuer zu finden, sehr bequem sei, denn in jedem Winkel und jeder Gasse stieße eins auf, mehr als irgendwo. Don Quijote bedankte sich für ihren Rat und ihre freundliche Gesinnung, sagte aber zugleich, daß er für jetzt noch nicht nach Sevilla gehen dürfe, bis er alle diese Berge von den verborgenen schwarzen Mordbrennern gereinigt habe, mit denen sie angefüllt sein sollten. Da die Reisenden diesen edlen Entschluß hörten, drangen sie nicht weiter in ihn, sondern nahmen zum zweiten Male Abschied, verließen ihn und setzten ihren Weg fort, auf dem es ihnen nicht an Unterhaltung fehlte, sowohl über die Geschichte der Marzella und des Chrysostomus, als auch über die Narrheit des Don Quijote. Dieser war entschlossen, die Schäferin Marzella aufzusuchen und ihr seine Dienste und Gewalt anzubieten. Es kam aber nicht so, wie er es dachte, wie wir im weiteren Verfolg dieser wahrhaften Historie hören werden, deren zweiter Teil hier beschlossen wird. --
~Drittes Buch~
~Erstes Kapitel~
Enthält ein unglückliches Abenteuer, auf welches Don Quijote traf, indem er auf etwelche unmenschliche Yangueser traf
Der weise Cide Hamete Benengeli erzählt, daß Don Quijote, nachdem er von seinen Wirten und allen übrigen, die bei dem Begräbnisse des Schäfers Chrysostomus gegenwärtig waren, Abschied genommen, sich mit seinem Stallmeister in dasselbe Gebüsch wandte, in welchem sich die Schäferin Marzella verloren hatte. Als er länger als zwei Stunden suchend nach allen Seiten herumgestreift war, ohne sie zu finden, hielten sie auf einer Wiese an, die frisches Gras bedeckte und durch die ein frischer, angenehmer Bach floß; teils eingeladen, teils gezwungen beschlossen sie hier in der Hitze der Mittagsstunde auszuruhen, die eben heftig zu brennen anfing. Don Quijote und Sancho stiegen also ab und ließen den Esel und Rosinante nach ihrem Gelüste von dem schönen Grase fressen, sie selbst aber eröffneten den Schnappsack und Herr und Knecht verzehrten friedlich und ohne Zeremonien miteinander, was sie darin antrafen.
Sancho hatte Rosinantes Füße nicht gebunden, denn er kannte ihn als so sanft und einen solchen Feind aller Ausschweifungen, daß ihn alle Stuten von der Weide von Cordova nicht von dem Wege Rechtens ablenken könnten. Das Schicksal und der Teufel, der nicht immer schläft, fügten es aber, daß ein Zug galizischer Füllen von Yanguesern durch das Tal getrieben wurde, die mit ihren Koppeln Mittags gern an Orten still liegen, wo sie Gras und Wasser finden; der Platz also, auf welchem Don Quijote ruhte, war auch den Yanguesern sehr willkommen.
In Rosinante stieg bald der Wunsch auf, sich mit den liebenswürdigen Stuten zu ergötzen; er witterte sie also kaum, als er auch schon gegen seine sonstige Gewohnheit und Natur, ohne von seinem Herrn Erlaubnis zu bitten, sich in einen eiligen Trab setzte, um jenen Stuten seine Wünsche mitzuteilen. Diesen aber war mehr an der Weide als an anderen Dingen gelegen, sie empfingen ihn also mit Hufen und Zähnen, so daß sie ihm bald den Gurt zersprengten und er nackt ohne Sattel dastand. Was ihm aber noch weniger gefiel, war, daß die Treiber, da sie die Gewalt sahen, die ihren Stuten geschah, mit Knüttel herbeieilten und ihn mit Prügeln so bedeckten, daß er kraftlos auf den Boden stürzte.
Don Quijote und Sancho, die die Abprügelung des Rosinante mit angesehen hatten, liefen eiligst herbei und Don Quijote sagte zu Sancho: »Wie ich gewahr werde, Freund Sancho, sind jene dort keine Ritter, sondern gemeine Menschen und schlechtes Volk. Dieses wird gesagt, weil du mir deshalb wohl in der gerechten Sache beistehen darfst, die ich wegen der Gefährdung Rosinantes nehmen will, die er unter unsern Augen erlitten hat.«
»Was Teufel können wir für Rache nehmen?« antwortete Sancho, »sie sind über zwanzig Mann, und wir sind nur zwei, ja vielleicht gar nur anderthalb.«
»Ich bin für hundert!« versetzte Don Quijote, zog, ohne sich in weitere Gespräche einzulassen, den Degen und griff die Yangueser an, ebenso tat Sancho Pansa, vom Beispiele seines Herrn gereizt und angefeuert. Zum Anfange gab Don Quijote dem einen einen starken Hieb, der in die Schulter drang und das lederne Koller zerschnitt. Da die vielen Yangueser sich so von zwei einzelnen Menschen gemißhandelt sahen, liefen sie alle mit ihren Knütteln herbei, trieben die beiden in die Mitte hinein und schlugen nun mit vieler Gewalt und Berührigkeit von allen Seiten auf sie ein. Schon mit der zweiten Begrüßung lag Sancho auf dem Boden, und ebendies begegnete dem Don Quijote, ohne daß ihn Geschicklichkeit oder Mut retten konnten, sondern er sank zu den Füßen des Rosinante nieder, der sich noch nicht hatte aufheben können, woraus man abnehmen kann, wie gewaltig die Wirkung von Krippenstangen in den Händen erzürnter Bauern ist. Als sie nun glaubten genug und zuviel getan zu haben, trieben sie eiligst die Koppeln zusammen und ließen die beiden Abenteurer in schlechtem Zustande und noch schlechterem Humore liegen.
Der erste, der sich besann, war Sancho Pansa, der, da er sich so nahe bei seinem Herrn fand, mit schwacher und kranker Stimme sagte: »Herr Don Quijote, ach, Herr Don Quijote!«
»Was begehrst du, Bruder Sancho?« erwiderte Don Quijote ebenso schwach und erschöpft wie Sancho.
»Ich begehre, wenn's möglich wäre,« antwortete Sancho Pansa, »daß Euer Gnaden mir nur zwei Schluck von dem Tranke Fieberfraß reichen möchten, wenn Ihr ihn gerade bei der Hand habt, denn vielleicht ist er für zerschlagene Knochen nicht minder als für Wunden nützlich.«
»Wenn ich Unglückseliger diesen Trank besäße, was ginge uns dann ab?« sagte Don Quijote; »aber ich schwöre dir auf die Ehre eines irrenden Ritters, Sancho Pansa, nicht zwei Tage sollen verlaufen, wenn das Glück es nicht anders fügt, und ich will ihn besitzen oder nicht gesund vor dir stehen.«
»Wie viele Tage werden dann«, fragte Sancho Pansa, »nach Eurer Meinung verlaufen, in denen wir weder gehen noch stehen können?«
»In Ansehung meiner muß ich bekennen,« sagte der zerprügelte Ritter Don Quijote, »daß ich die Zahl dieser Tage nicht genau anzugeben weiß; aber ich messe mir selber alle Schuld bei, indem ich nicht gegen Menschen das Schwert hätte ziehen müssen, die nicht so wie ich geschlagene Ritter sind, ich glaube daher, daß zu meiner Strafe, der ich die Gesetze der Ritterschaft verletzte, es der Gott der Schlachten zugegeben hat, daß ich deshalben gezüchtigt würde. Darum, Bruder Sancho, laß dir dieses für jetzt und immerdar gesagt sein, weil es für unsere beiderseitige Wohlfahrt wichtig ist, daß du nämlich, wenn du siehst, daß dergleichen Pöbel uns eine Ungebühr erzeigt, nicht darauf wartest, bis ich das Schwert ziehe, denn ich werde solches keineswegs wieder tun, sondern greife du sogleich nach deinem Degen und züchtige sie nach Herzenslust; kommen ihnen aber Ritter zu Hilfe, dann werde ich dir auch mit aller meiner Gewalt zu helfen wissen, denn du hast ja tausend Zeichen und Beweise gesehen, wie weit sich die Kraft dieses meines tapfern Armes erstrecke.«
So eingebildet war der arme Mann auf die Besiegung des wackern Biskayers. Dem Sancho Pansa aber schien diese Weisung seines Herrn nicht so durchaus trefflich, er antwortete daher: »Gnädiger Herr, ich bin ein friedfertiger, stiller, ruhiger Mann, ich bin eingelernt, Leiden zu tragen, denn ich habe Frau und Kinder, die ich ernähren und erziehen muß; lasse es sich der gnädige Herr also ebenfalls gesagt sein, befehlen kann ich es nicht, daß ich auch keineswegs mein Schwert ziehen werde, so wenig gegen gemeine Leute wie gegen Ritter, indem ich alle Ungebühr nach Gottes Barmherzigkeit verzeihe, die man mir erwiesen hat, erweist, oder die mir noch künftig erwiesen werden möchte, erwiesen wird und erweislich gemacht sein kann von hoch oder niedrig, arm oder reich, Ritter oder Knecht, ohne irgendeinen Stand von dieser Vergebung auszuschließen.«
Als dies sein Herr hörte, antwortete er: »Ich wünschte nur etwas mehr Atem zu haben, um ohne große Beschwer reden zu können, und daß sich der Schmerz in den Seiten nur so lange legte, bis ich dir, Pansa, bewiesen hätte, in welchem Irrtum du dich befindest. So antworte mir doch darauf, du feiger Knecht: wenn sich der Glückswind, der uns bisher entgegenwehte, nun zu unserm Vorteile dreht, die Segel unserer Entwürfe anschwellt, daß wir sicher und ohne Gefahr in den Hafen von einer der Inseln einlaufen, die ich dir versprochen habe? Wie würdest du fahren, wenn ich sie gewönne, und dich zum Herrn einsetzte? Denn du machst es zur Unmöglichkeit, daß du jemals ein Ritter werdest, du wünschest es auch nicht zu sein, dir würde auch so wenig Mut als Willen zu Gebote stehen, erlittenes Unrecht zu rächen und dein Besitztum zu verteidigen, denn du mußt wissen, daß in neueroberten Reichen und Provinzen die Gemüter der Eingeborenen nie so ganz beruhigt oder gänzlich auf der Seite ihres neuen Herrn sind, daß, wenn sie nicht von Furcht gezügelt werden, sie nicht etwas unternehmen sollten, um die Lage der Sachen zu verändern und, wie man zu sagen pflegt, ihr Heil zu versuchen; es ist also notwendig, daß der neue Herrscher Verstand habe, um die Regierung zu verstehen und Tapferkeit, um jeglichem Unfall zuvorzukommen oder sich dagegen zu beschützen.«
»In dem, was uns jetzt zugefallen ist,« antwortete Sancho, »hätte ich gewünscht, den Verstand und die Tapferkeit, wovon Ihr sprecht, zu besitzen, aber ich will darauf schwören, so wahr ich ehrlich bin, daß ein Pflaster mehr als Reden heilsam wäre. Seht doch, gnädiger Herr, ob Ihr aufstehen könnt, so wollen wir dem Rosinante aufhelfen, der es freilich nicht verdient, denn er ist doch die hauptsächlichste Ursache der ganzen Prügelei. Ich hätte so was nie vom Rosinante geglaubt, denn ich hielt ihn für einen so keuschen und ordentlichen Kerl wie mich selber. Aber es ist wohl wahr, man braucht lange Zeit, um die Leute kennenzulernen, und kein Ding ist in diesem Leben gewiß. Wer hätte das denken sollen, gnädiger Herr, als Ihr dem verfluchten Ritter die greulichen Hiebe gabt, daß so bald hinterher eine so tüchtige Tracht von Prügeln folgen sollte, die unsere armen Schultern haben erleiden müssen?«
»Doch sind die deinigen, Sancho,« antwortete Don Quijote, »wahrscheinlich noch zu dergleichen Vorfällen abgehärtet, aber ich bin in ungewalktem Zeuge erwachsen, es ist also deutlich, daß ich die Leiden dieses Unfalles noch tiefer empfinden müsse, und wäre es nicht, daß ich meinte, und nicht bloß meinte, sondern fest versichert wäre, daß dergleichen Unannehmlichkeit notwendig mit Tragung der Waffen verbunden ist, so würde ich vor bloßem Zorn augenblicklich sterben.«
Hierauf antwortete der Edelknabe: »Gnädiger Herr, wenn solche Unfälle die Ernte der Ritterschaft ausmachen, so sagt mir doch, ob sie selten oder oft eintreffen, oder ob sie nur in gewissen Jahreszeiten zur Reife kommen, denn ich glaube, daß wir nach zwei solchen Ernten vergeblich auf die dritte lauern würden, wenn uns Gott nicht nach seiner unendlichen Barmherzigkeit zu Hilfe käme.«
»Wißt, Freund Sancho,« sagte Don Quijote, »daß das Leben der irrenden Ritter tausend Gefahren und Unglücksfällen unterworfen ist, und durch nichts anderes werden die irrenden Ritter zu Königen und Kaisern eingeweiht, wie es die Erfahrung an so vielen und verschiedenen Rittern bewiesen hat, deren Geschichte ich umständlich weiß, wie ich dir auch gleich von einigen erzählen könnte, wenn es mir die Schmerzen erlaubten, die sich bloß durch die Stärke ihres Armes zu einer solchen Höhe emporgeschwungen haben, nachdem sie sich vorher oft und vielmals in mancherlei Unglück und Trübsal gesehen hatten. Denn der tapfere Amadis von Gallia sah sich in der Gewalt seines Todfeindes, des Zauberers Arcalaus, von welchem als gewisse Wahrheit erzählt wird, daß er ihm mehr als zweihundert Streiche mit dem Zaume seines Pferdes gegeben habe, nachdem er ihn an eine Säule in seinem Hofe festgebunden. Ein geheimer, aber glaubwürdiger Autor schreibt ebenfalls, wie der Ritter des Phöbus in einem gewissen Schlosse plötzlich in eine gewisse Falle geraten sei, die sich unter seinen Füßen eröffnet habe, er sei hierauf in einem tiefen unterirdischen Abgrund an Händen und Füßen gefesselt worden, worauf sie ihm, was man ein Klistier nennt, aus Schneewasser und Sand gegeben, welches ihm übel bekam, und wäre ihm nicht in dieser großen Fährlichkeit ein Weiser, sein guter Freund zu Hilfe gekommen, so möchte es dem armen Ritter schlimm ergangen sein. Ich darf mich also wohl mit diesen wackeren Leuten trösten, denn der Unglimpf, den sie erduldeten, war noch härter, als den wir heute haben aushalten müssen; überdies, Sancho, mußt du mitwissend sein, daß die Wunden nicht verunglimpfen, die man mit den Instrumenten erhält, die ein anderer zufällig in den Händen hat, auch steht es im Gesetze vom Duelle mit ausdrücklichen Worten: schlägt ein Schuster einen andern mit dem Leisten, den er in den Händen hat, so kann von jenem nicht gesagt werden, daß er geprügelt sei, wenn freilich gleich Leisten und Prügel aus Holz erwachsen. Ich sage dieses, damit du nicht auf den Gedanken verfällst, daß, weil wir in diesem Kampfe zerschlagen sind, wir darum auch verunglimpft wären, denn die Waffen, die jene Menschen führten und mit denen sie uns zerklopften, waren nichts weiteres als ihre Krippenstangen, und kein einziger von ihnen, soviel ich mich erinnern kann, führte eine Lanzenstange oder Schwert und Dolch.«
»Mir ließen sie gar nicht Zeit,« antwortete Sancho, »dies alles zu beschauen, denn kaum hatte ich meinen wackern Degen herausgezogen, so ölten sie mir die Schultern mit ihren Hebebäumen auch schon so ein, daß ich Gesicht und Gehör verlor und mich auf den Beinen nicht halten konnte, so daß mir kein Gedanken um zu denken übrig blieb, ob mir die Stangenkrücken eine Verunglimpfung sind oder nicht, so überwältigte mich der Schmerz von den Hieben, die sich ebenso meinem Gedächtnisse wie meinen Schultern eingedrückt haben.«
»Du mußt demungeachtet erfahren, Freund Pansa, daß es kein Andenken gibt, welches die Zeit nicht verlöscht und keinen Schmerz, den der Tod nicht vertilgt.«
»Ich weiß nicht, wie es noch ein größeres Unglück geben könnte, als solches, wobei man warten muß, daß es die Zeit vertilgt oder der Tod verlöscht. Wäre unser Unglück doch lieber von der Art, daß wir es mit etlichen Pflastern bessern könnten, das käme erwünschter; aber ich sehe wohl ein, daß alle Salben in einem Hospitale nicht hinreichen würden, um uns wieder zurechtzubringen.«
»Höre auf damit und nimm die Kraft deiner Schwäche zusammen, Sancho,« antwortete Don Quijote, »und so will ich ebenfalls tun, damit wir nach dem Rosinante sehen können, ich glaube, daß der Arme nicht den schlechtesten Teil unseres Unglücks genossen hat.«
»Darüber muß man sich nicht verwundern,« antwortete Sancho, »denn er ist ebenfalls irrender Ritter. Worüber ich mich aber verwundere, ist, daß der Esel so frei und ohne Handgeld davongekommen ist, da unsere Hände und Füße es so haben entgelten müssen.«
»Das Glück läßt bei Unfällen immer noch eine Tür offen, durch welche man sich retten kann,« erwiderte Don Quijote; »hiermit mein' ich, daß dieses Tierlein uns nunmehr den Rosinante ersetzen kann, damit ich so ein Kastell aufsuchen möge, in welchem ich von meinen Wunden genese. Auch halte ich diese Reiterei mir nicht zu Unehren, denn ich erinnere mich gelesen zu haben, daß jener wackere alte Silenus, Begleiter und Erzieher des fröhlichen Gottes des Gelächters, als er in die Stadt mit hundert Toren einzog, ungemein vergnügt auf einem herrlichen Esel ritt und saß.«
»Es ist gut, wenn er ritt und saß, wie Ihr da erzählt,« antwortete Sancho, »aber es ist doch ein großer Unterschied, ob einer so ritt und saß, oder wie ein Sack mit Dreck querüber hängt.«
Hierauf erwiderte Don Quijote: »Die Wunden, die in Schlachten empfangen werden, geben Ehre, aber nehmen sie nicht; also Freund Pansa, trachte nichts weiteres zu erwidern, sondern wie schon gesagt, erhebe dich lieber so gut du vermagst und lege mich dann, wie es dir am besten deucht, über deinen Esel, damit wir fortziehen, ehe die Nacht beginnt und wir aus diesem einsamen Walde kommen mögen.«