Chapter 15 of 24 · 3865 words · ~19 min read

Part 15

»Ich habe sie nicht gekannt,« antwortete Sancho, »aber der mir diese Geschichte vorerzählte, sagte mir, sie wäre so gewiß und zuverlässig, daß, wenn ich sie einem andern erzählte, ich darauf fluchen und schwören könnte, wie ich selber alles mit meinen Augen gesehen. Also denn, wie nun so Tage gingen und Tage kamen, richtete es der Teufel, der niemals schläft und alles durcheinander rührt, so ein, daß die Liebe, die der Schäfer gegen seine Schäferin hatte, sich in Haß und Widerwillen verkehrte, und die Ursache davon war, wie die bösen Zungen aussagen wollten, daß sie ihm eine gewisse Anzahl von Ursächelchen zur Eifersucht gegeben hatte, die wirklich über die Schnur und ins Unzüchtige gingen, worauf der Schäfer sie denn so zu hassen anfing, daß er, um sie nicht mehr zu sehen, sich von seiner Heimat scheiden wollte, um hinzugehen, wo seine Augen sie nimmermehr wiederfänden. Wie nun Torralva merkte, daß sie vom Lope verachtet würde, liebte sie ihn augenblicks stärker, als er sie jemals geliebt hatte.«

»So ist der natürliche Charakter der Weiber,« sagte Don Quijote, »diejenigen zu verachten, die sie lieben und diejenigen zu lieben, von denen sie gehaßt werden. Aber fahre fort.«

»So kam es denn,« sagte Sancho, »daß der Schäfer seinen Vorsatz auch ins Werk richtete, er trieb seine Ziegen zusammen und machte sich auf den Weg nach den Feldern von Estremadura, um von da nach dem Königreiche Portugal zu gehen. Torralva, die dieses wußte, setzte ihm nach und folgte ihm zu Fuß und ohne Schuh von weitem, einen Reisestab in der Hand und einen Beutel um den Hals, in dem sie, wie man sagt, ein Stückchen Spiegel hatte, ein Stück von einem Kamme und noch eine kleine Flasche mit Schminke fürs Gesicht. Aber mag sie auch in Gottes Namen, was sie will bei sich gehabt haben, darum will ich mich jetzt nicht grämen, sondern nur das sagen, daß man mir gesagt hat, wie der Schäfer nun mit seiner Herde über den Fluß Guadiana setzen wollte, und dieser war gerade sehr gestiegen und hoch angeschwollen und auf dem diesseitigen Ufer war kein Schiff oder Kahn, so daß so wenig er wie seine Herde nach dem jenseitigen übergefahren werden konnte, worüber er sich sehr ärgerte, denn er sah schon die Torralva dicht hinter sich her kommen, die ihm großen Verdruß mit ihren Tränen und Bitten machen würde. Er schaute aber so lange um, bis er endlich einen Schiffer sah, der nicht weit davon in einem ganz kleinen Kahne saß, so daß in dem Kahne nicht mehr als ein Mensch und eine Ziege stehen konnte, er nahm aber darum doch mit diesem die Abrede, daß er ihn und die dreihundert Ziegen, die er bei sich hatte, übersetzen sollte. Der Fischer stieg in seinen Kahn und setzte eine Ziege über, er kam zurück und setzte eine andere über, er kam nochmal zurück und setzte nochmal eine andere Ziege über. Zählt nun ja, gnädiger Herr, die Ziegen genau, die der Fischer übersetzt, denn wenn Ihr nur eine aus dem Gedächtnisse verliert, so ist die Geschichte zu Ende und es ist nachher nicht möglich, noch ein einziges Wort davon zu erzählen. Ich fahre also nun fort, daß der Landungsplatz auf der andern Seite voller Schmutz und Kot war, wodurch der Fischer viele Zeit mit Anladen und Abstoßen verlieren mußte, aber doch kam er nun nach einer anderen Ziege wieder, und nochmal fuhr er über und nochmal.«

»Erzähle die Geschichte nun so,« sagte Don Quijote, »daß sie alle schon übergesetzt sind, nicht aber so, wie er ankömmt und wieder abfährt, denn sonst wirst du sie kaum in einem Jahre übergesetzt haben.«

»Wie viele sind nun jetzt schon übergesetzt?« fragte Sancho.

»Das mag der Teufel wissen,« antwortete Don Quijote.

»Aber ich habe doch gesagt, wie Ihr sie genau zusammenzählen möchtet, denn bei Gott, die Geschichte ist nun so völlig aus, daß ich nichts weiter erzählen kann.«

»Wie kann dieses sein?« antwortete Don Quijote, »ist es denn in dieser Geschichte so wesentlich, ganz genau zu wissen, wie viele Ziegen übergesetzt sind, daß, wenn man nur um eine fehlt, du in der Erzählung nicht fortfahren kannst?«

»Durchaus nicht fortfahren, gnädiger Herr,« antwortete Sancho, »denn sowie ich Euch fragte, wie viele Ziegen nun übergesetzt wären und Ihr mir die Antwort gabt, daß Ihr's nicht wüßtet, so entfiel mir in diesem Augenblick alles, was noch übrig war und wahrhaftig, das war von nicht geringer Anmut und Herrlichkeit.«

»Auf die Weise,« sagte Don Quijote, »ist nun die Geschichte aus?«

»Aus, wie die Kirche,« sagte Sancho.

»Wahrhaftig,« antwortete Don Quijote, »du hast da das allerneuste Märlein, Erzählung oder Historie vorgetragen, was kein anderer Mensch auf der Welt hätte ersinnen können, auch diese Art, es vorzutragen und abzubrechen, ist ganz unerhört und wird mir auch Zeit meines Lebens unerhört bleiben, wenngleich ich nichts Besseres von deinem feinen Verstande erwartete. Ich darf mich aber hierüber nicht wundern, denn diese unaufhörlichen Schläge haben dir wahrscheinlich das Gehirn verrückt.«

»Das mag alles sein,« antwortete Sancho, »das weiß ich aber, daß es in meiner Geschichte nichts mehr zu erzählen gibt, weil sie gleich zu Ende ist, wie einer nur mit der Summe der übergesetzten Ziegen einen Fehler macht.«

»Mag sie in Gottes Namen zu Ende sein, wo sie nur Lust hat,« sagte Don Quijote, »sehen wir lieber zu, ob sich Rosinante bewegen kann.« Er gab ihm also wiederum die Sporen und wiederum machte jener Sprünge und blieb auf demselben Flecke, so meisterhaft war er festgebunden.

Indem geschah es, vielleicht von der Kühle des Morgens, der schon anbrach, vielleicht auch, daß Sancho einige treibende Speisen gegessen hatte, oder ob es bloß eine Veranlassung der Natur sein mochte (und dieses scheint am glaubwürdigsten), genug, es kam ihm der Wunsch und das Begehren an, das zu tun, was kein anderer für ihn tun konnte, aber die Furcht, die in sein Herz Eingang gefunden, war so groß, daß er sich nicht einen Finger breit von seinem Herrn zu entfernen getraute: der Gedanke aber, seinen Antrieb nicht auszurichten war ebenso unzulänglich; was ihm also zum Besten seines Heiles zu versuchen übrigblieb, war, daß er seine rechte Hand von dem Hinterteile des Sattels herunter nahm und mit dieser gewandt und ohne Geräusch die nie verschürzte Schleife löste, die ganz allein und ohne irgend andern Beistand seine Hose in die Höhe hielt, so daß sie mit der aufgemachten Schleife plötzlich niederfielen und ihm nur noch wie Fußschellen blieben: worauf er denn das Hemd bestmöglichst erhob und in die Luft hinein beide Sitzteile reckte, die nicht unansehnlich zu nennen. Dieses vollbracht (womit er glaubte das meiste vollstreckt zu haben, um aus seiner großen Angst und Not zu kommen), zeigte sich eine andere, größere Not, denn er fürchtete, seine Tat nicht ohne Geräusch und Lärmen verrichten zu können, somit also biß er die Zähne zusammen, zog Kopf und Schultern in eins und hielt den Atem, so sehr er nur konnte, an sich; aber allen diesen Vorkehrungen zum Trotz, widerfuhr es ihm, daß er unversehens ein kleines Geräusch verursachte, sehr verschieden von jenem, welches ihn in so große Furcht versetzt. Don Quijote vernahm es und sagte: »Welch ein Geräusch ist dieses, Sancho?«

»Ich weiß nicht, gnädiger Herr,« antwortete dieser, »es mag leicht wieder was Neues sein, denn Glücksfälle wie Unglücksfälle kommen selten einzeln.« Und zugleich machte er zum zweiten Male Anstalt, sein Glück zu versuchen, welches ihm so gut ausschlug, daß ohne größeres Geräusch und Aussehen als das vergangene, er sich von der Last befreit sah, die ihm so große Qual verursacht; da aber der Sinn des Geruchs bei Don Quijote nicht weniger reizbar als der des Gehörs war, Sancho ihm auch so nahe und zur Seite stand, daß fast in gerader Linie die Dünste zu ihm hinaufstiegen, so war es nicht anders möglich, als daß einige davon seine Nasenlöcher erreichten, und kaum hatten sie diese verspürt, als er ihnen auch schon zu Hilfe eilte und sie zwischen die Finger klemmte, worauf er mit einem etwas näselnden Tone sagte: »Es scheint, Sancho, du habest große Furcht.«

»Wohl hab' ich sie,« antwortete Sancho; »aber woraus merkt das Euer Gnaden jetzt mehr als sonst?«

»Weil du jetzt stärker als sonst riechst und nicht nach Ambra,« antwortete Don Quijote.

»Das mag wohl sein,« sagte Sancho, »aber ich bin nicht schuld, sondern Euer Gnaden, der mich zur jetzigen Stunde und zu mir so ungewohnten Taten herumzieht.«

»Entferne dich drei oder vier Schritte von mir,« sagte Don Quijote, indem er immer noch die Nase zwischen den Fingern hielt, »und künftighin magst du besser berechnen, wer du seist und was du mir schuldig bist, denn meine große Herablassung gegen dich hat diese deine Geringschätzung erzeugt.«

»Ich wette,« versetzte Sancho, »Euer Gnaden denkt, ich habe mich in Ansehung meiner verrechnet und ein Ding getan, das nicht sein sollte.«

»Noch übler ist es, Freund Sancho, es zu rühren,« antwortete Don Quijote.

Mit diesen und ähnlichen Gesprächen verbrachten Herr und Diener die Nacht; da aber Sancho merkte, daß der Morgen mehr heraufrücke, machte er mit vieler Behendigkeit den Rosinante los und sich die Hosen fest. Sowie Rosinante sich befreit sah, so wenig er sonst ungestümer Natur war, schien er wie neu belebt zu werden, denn er hob die Vorderbeine bis zur Schnauze, weil er, mit seiner Erlaubnis sei's gesagt, keine andere Courbetten zu machen verstand. Da Don Quijote sah, wie sich Rosinante freiwillig bewege, nahm er dies für ein gutes Zeichen und hielt sich nun für geschickt, das furchtbare Abenteuer zu bestehen. Indem zeigte sich auch das helle Morgenrot, wobei man die Gegenstände genau unterscheiden konnte, und Don Quijote sah, daß er sich unter einigen hohen Bäumen befand, die Kastanien waren, welche den dichtesten Schatten machen: er hörte aber zugleich, wie das Stampfen fortging, doch sah er nichts, was es verursachen könne; deshalb ließ er ohne längeren Verzug den Rosinante die Sporen fühlen, nahm wieder von Sancho Abschied und befahl ihm, drei Tage und nicht länger sein zu warten, wie er schon einmal getan hatte, und daß, wenn er in dieser Zeit nicht wiederkehre, er versichert sein möge, daß Gott einen Gefallen daran gefunden, seine Tage in diesem gefährlichen Abenteuer zu beendigen. Er wiederholte hierauf ebenfalls den Auftrag und die Gesandtschaft, welche er seinerseits bei der Dame Dulzinea auszurichten habe, daß er sich auch, was den Lohn für seine Dienste anbeträfe, keine Sorgen machen dürfe, denn er habe sein Testament gemacht, ehe er seine Heimat verlassen habe, in dem er ihm so viel vermacht, daß es eine hinlängliche Besoldung für die Zeit seines Dienstes vorstellen könne; führte ihn aber Gott lebendig, gesund und ohne Gefährdung aus dieser Gefahr zurück, so könnte er gewisser als jemals die versprochene Insel erwarten. Sancho fing wieder an zu weinen, da er von neuem diese traurigen Reden seines trefflichen Herrn vernahm und entschloß sich, ihn nicht bis zur letzten Vollendung dieses Handelns zu verlassen. Diese Tränen und dieser ehrenvolle Entschluß des Sancho Pansa bestätigten den Verfasser dieser Geschichte darin, ihn für den Sohn guter Eltern oder wenigstens für einen alten Christen zu halten; auch war sein Herr durch diese Gesinnung gerührt, aber nicht so sehr, daß er irgend Schwäche gezeigt hätte, sondern er verstellte sich so gut er konnte und richtete sich nun nach der Gegend, aus der das Geräusch des Wassers sowie das Stampfen ertönte. Sancho folgte ihm zu Fuß, am Stricke, wie er immer tat, seinen Esel führend, den treuen Gefährten seiner glücklichen und widerwärtigen Schicksale: nachdem sie so eine ziemliche Strecke zwischen den Kastanien und finsteren Bäumen zurückgelegt hatten, gelangten sie auf eine kleine Wiese, die von hohen Felsen begrenzt wurde, von denen sich ein reißender Wasserstrom herunterstürzte: am Fuße der Felsen standen einige schlechtgebaute Hütten, mehr Trümmern von Gebäuden als Hütten ähnlich, aus denen, wie sie bemerkten, das Geräusch und Lärmen der ununterbrochenen Schläge ertönte. Rosinante wurde vor dem Gelärme des Wassers und der Schläge scheu, aber Don Quijote beruhigte ihn und ritt allgemach auf die Hütten zu, indem er sich von ganzem Herzen seiner Dame empfahl, sie anflehte, daß sie ihm in dieser greulichen Tathandlung und Unterfängnis begünstigen möge, auf dem Wege empfahl er sich Gott desgleichen, daß er ihn nicht vergessen möchte. Sancho blieb nicht zurück, machte den Hals so lang als er nur konnte und schaute dem Rosinante zwischen den Beinen hindurch, um zu sehen, was ihm so große Furcht und Angst verursacht hatte. Als sie noch hundert Schritte weiter gegangen waren und um die Ecke eines Felsen lenkten, erschien und entdeckte sich offenbar die wahre Ursache (so daß kein Zweifel übrigblieb) von jenem entsetzlichen und furchtbaren Geräusch, welches ihnen so große Furcht und Angst die ganze Nacht hindurch verursacht hatte, und es waren (wenn du es, mein Leser, nicht schon aus Verdruß und Ärger erraten hast) sechs Walkstampfen, die mit ihren abwechselnden Schlägen jenes Lärmen hervorbrachten.

Als Don Quijote sah, was es war, wurde er still und erschrak vom Kopf bis zu den Füßen. Sancho sah ihn an und bemerkte, wie sein Haupt auf die Brust gesunken war, zum Zeichen seiner Beschämung. Auch Don Quijote sah den Sancho an und bemerkte, wie dieser die Backen zusammenkniff und ihm die Lippen vor Lust zu lachen zitterten, mit deutlichen Zeichen, daß er vor Lachen platzen möchte, bei welchem Anblick seine Melancholie nicht so anhaltend war, um ein Lächeln über Sanchos Miene zurückhalten zu können. Wie nun Sancho sah, daß sein Herr den Anfang gemacht habe, löste er seinen Zwang so gewaltsam auf, daß er sich mit den Fäusten die Seiten halten mußte, um nicht vor Lachen zu bersten. Viermal gab er sich zur Ruhe und viermal kehrte er zu seinem Gelächter mit gleichem Ungestüm zurück, worüber sich Don Quijote dem Teufel hätte ergeben mögen, da er noch überdies parodischerweise diese Worte sagte: »Freund Sancho, wissen mußt du, daß ich geboren bin, um vom Himmel herab in dieser unserer ehernen Zeit das goldene Alter, oder das von Gold, zu rufen. Ich bin es, dem Gefahren, große Tathandlungen, mächtiges Unterfangen aufbewahrt sind.« Und so hielt er nun wieder den größten Teil der Rede her, die Don Quijote gesagt hatte, als sie zuerst das furchtbare Stampfen vernommen. Da Don Quijote sah, daß Sancho Spaß über ihn machte, erzürnte und erboste er sich dergestalt, daß er die Lanze aufhob und ihm zwei Schläge zuteilte, so gewaltige, daß, wenn er sie so auf dem Kopfe wie auf den Schultern bekommen hätte, er nicht nötig gehabt hätte den Lohn auszuzahlen, wenn er ihn nicht seinen Erben hätte gönnen wollen. Da Sancho merkte, wie übel seine Possen ausschlugen, sagte er mit äußerster Demut, in Furcht, sein Herr möchte etwa noch weiter gehen: »Beruhigt Euch, gnädiger Herr, denn bei Gott, ich spaße nur.«

»Weil du spaßest, so spaße ich nicht,« antwortete Don Quijote. »Glaubt Ihr denn nicht, mein lustiger Herr, daß, wenn es nun, wie es Walkhämmer waren, ein anderes gefährliches Abenteuer gewesen wäre, ich nicht hinlänglichen Mut gezeigt habe, um es zu unternehmen und zu vollenden? Bin ich denn, ein Ritter, verpflichtet, alle Töne zu kennen und zu unterscheiden, um zu wissen, welche von Walkstampfen herrühren und welche nicht? Da es überdies sein kann, wie es auch die Wahrheit ist, daß ich Zeit meines Lebens nicht dergleichen gesehen habe, wie Ihr sie doch müßt gesehen haben, als ein gemeiner Bauer, unter derlei Dingen geboren und aufgewachsen. Sonst macht, daß diese sechs Stampfen sich in sechs Riesen verwandeln und einen nach dem andern will ich am Bart zupfen, oder allen zugleich, und wenn ich sie nicht alle mit aufgereckten Fersen niederstrecke, dann macht, so viel Ihr wollt, Euren Spaß aus mir.«

»Ich will's nicht wieder tun, mein gnädiger Herr,« versetzte Sancho, »ich bekenne ja auch, daß ich mit meinem Lachen ins Ungebührliche geraten bin, aber sagt mir doch, da wir wieder in Frieden leben, ob Gott Euch wohl aus irgendeinem Abenteuer, das Euch begegnet ist, so gesund und heil wie aus diesem errettet hat? Ist es denn nicht ein Ding zum Lachen und zum Erzählen, wie wir eine so erstaunliche Furcht ausgestanden haben? Wenigstens habe ich sie ausgestanden, denn von meinem gnädigen Herrn weiß ich wohl, daß er nicht weiß und einsieht, was Furcht und Bangigkeit ist.«

»Ich leugne nicht«, antwortete Don Quijote, »daß das, was uns zugestoßen, nicht ein Ding würdig zu lachen sei, aber nicht ebenso würdig ist es zu erzählen, denn nicht alle Leute sind verständig genug, um den rechten Fleck einer Sache zu treffen.« -- »Wenigstens«, antwortete Sancho, »wußte mein gnädiger Herr mit seiner Lanze den rechten Fleck zu treffen, er wollte mir dem Kopfe was anflicken und gab's den Schultern: gelobt sei Gott und meine Geschicklichkeit dafür, daß ich mich auf die Seite wandte, aber es mag nun so hingehen, denn man hat mir immer gesagt: wer dich liebt der züchtigt dich, besonders die großen Herren, wenn sie einem Bedienten ein hartes Wort gesagt haben, ihm wohl ein paar Hosen zu schenken pflegen, ob ich freilich wohl nicht weiß, was sie schenken, wenn sie gar Schläge austeilen, wenn die irrenden Ritter nicht nach Schlägen etwa Inseln oder Königreiche auf dem festen Lande verschenken.«

»Also könnte es sich leichtlich fügen,« sagte Don Quijote, »daß alles, was du da sagst, zur Wahrheit würde; vergib also das Geschehene, künftig wirst du verständiger sein, wisse auch, daß die ersten Bewegungen nicht in der Gewalt des Menschen stehen und sei von nun an für die Zukunft in einem Dinge unterrichtet, damit du dich in Schranken haltest und nicht so ohne Not Reden gegen mich führst, denn so viele Ritterbücher ich auch gelesen habe, deren unzählige sind, so habe ich doch niemals gefunden, daß irgendein Stallmeister mit seinem Herrn so viel gesprochen habe wie du mit dem deinigen sprichst, und wahrlich, ich halte dieses für einen großen Fehler, sowohl von deiner als von meiner Seite; von deiner, daß du so wenig Achtung gegen mich hast, von meiner, daß ich mich nicht in größere Achtung setze. Denn man liest vom Gandalin, dem Stallmeister des Amadis von Gallia, der nachher Graf von der festen Insel wurde, daß er nicht anders mit seinem Gebieter sprach, als das Barett in der Hand, den Kopf gesenkt und den Körper gebogen nach türkischer Manier. Was sollen wir aber vom Gasabal, dem Stallmeister des Don Galaor sagen, der so schweigsam gewesen, daß, um uns die Vorzüglichkeit seines wunderwürdigen Stillschweigens zu verstehen zu geben, sein Name nur ein einziges Mal in der ebenso langen als wahrhaftigen Geschichte genannt wird? Aus alle dem Gesagten magst du folgern, Sancho, daß es nötig sei, einen Unterschied zwischen Herrn und Knecht, zwischen Gebieter und Diener, zwischen Ritter und Stallmeister zu machen; so daß wir uns von nun an in Zukunft mit mehr Achtung behandeln, ohne über uns zu scherzen, denn so oft ich mich auch über Euch erzürnen möge, wird es immer übel für den schwächeren Krug sein; die Gnaden und Wohltaten, die ich Euch versprochen, werden zu ihrer Zeit eintreten, und treten sie nicht ein, so kann wenigstens der Gehalt nicht verlorengehen, wie ich Euch schon einmal gesagt habe.«

»Alles ist ganz gut, wie Euer Gnaden spricht,« sagte Sancho, »aber ich möchte doch gern wissen (wenn vielleicht die Zeit der Gnaden nicht eintritt und ich also zum Gehalte meine Zuflucht nehmen muß), wieviel der Stallmeister eines irrenden Ritters in jenen Zeiten verdiente, und ob sie sich monatlich oder tageweise, wie die Handlanger bei den Maurergesellen, verdungen?«

»Ich glaube nicht,« antwortete Don Quijote, »daß dergleichen Stallmeister jemals für Gehalt gedient haben, gewiß immer nur für Gnade, habe ich dir aber in meinem zurückgelassenen Testament etwas Bestimmtes ausgemacht, so ist es nur darum geschehen, weil ich nicht weiß, wie in unsern so unglückseligen Zeiten die Ritterschaft geraten wird, und weil ich nicht will, daß so geringfügiger Dinge wegen, meine Seele in jener Welt Kummer leide; denn du mußt wissen, Sancho, es gibt keinen gefahrvolleren Stand, als den eines Abenteurers.«

»Das ist wahr,« sagte Sancho, »denn schon allein das Lärmen von Walkhämmern kann das Herz eines so männlichen irrenden Abenteurers, wie Euer Gnaden ist, erschrecken und beunruhigen; aber Ihr mögt sicher sein, daß ich künftig nicht meine Lippen auftun will, um was Lustiges über Eure Sachen zu sagen, sondern bloß um Euch als meinem Herrn und Gebieter Ehre zu erweisen.«

»So«, versetzte Don Quijote, »wirst du leben auf dem Angesicht der Erden, denn in Ermanglung der Eltern sollen die Herren so wie Eltern geehrt werden.«

~Siebentes Kapitel~

Erzählt das hohe Abenteuer und die preisliche Eroberung von Mambrins Helm, nebst anderen Dingen, die dem unüberwindlichen Ritter zustießen

Indem fing es an, ein wenig zu regnen und Sancho schlug vor, in die Walkmühle einzukehren; aber Don Quijote hatte wegen des vorgefallenen Spaßes einen solchen Abscheu gegen sie gefaßt, daß er durchaus nicht einkehren wollte, sondern er schlug einen Weg rechts ein und so gerieten sie auf eine andere Straße als auf welcher sie erst gereist waren. Es währte nicht lange, so erblickte Don Quijote einen Menschen, der beritten war und auf dem Kopfe ein Ding trug, das wie Gold glänzte. Kaum hatte er ihn bemerkt, als er sich auch schon gegen Sancho kehrte und sagte: »Ich bin der Meinung, Sancho, daß es kein Sprichwort gebe, welches nicht eine Wahrheit enthalte, denn alle sind Sprüche, die aus der Erfahrung, der Mutter aller Wissenschaften, geschöpft sind, so auch jenes, welches heißt: Schließt sich dir eine Tür zu, tut sich die andere auf. Wenn nämlich das Glück heute Nacht die Tür vor uns zuschloß, uns das Gesuchte nicht finden ließ und uns mit Walkmühlen täuschte, so schließt sie uns zur Vergeltung jetzt ein schöneres und unbezweifeltes Abenteuer auf, wobei es nur meine Schuld sein dürfte, wenn ich es nicht bestände, denn jetzund kann ich es nicht auf meine Unkenntnis der Walken oder auf die Finsternis der Nacht schieben. Dieses wird gesagt, weil, falls ich nicht irre, uns dort einer entgegenkommt, der auf seinem Kopfe den Helm Mambrins trägt, wegen dessen ich den Schwur getan, wie dir wissend ist.«

»Bedenkt, gnädiger Herr, was Ihr sagt, und seht, was Ihr tut,« sagte Sancho, »daß es ja nicht wieder Walken sind, die uns am Ende noch recht walken und alle Sinne zusammenklopfen möchten.«

»Du Satan statt Mensch!« versetzte Don Quijote, »was tun denn Helm und Walken miteinander?«

»Das weiß ich nicht,« antwortete Sancho, »aber wahrhaftig, dürfte ich nur so wie sonst reden, so würde ich schon solche Sachen sagen, daß Ihr einsehen müßtet, Ihr irrtet Euch in Eurer Behauptung.«

»Wie kann ich mich in meiner Behauptung irren, nichtswürdiger Zweifler?« versetzte Don Quijote, »sprich, siehst du denn nicht jenen Ritter, der uns auf einem Apfelschimmel entgegenkommt und auf dem Kopfe einen goldenen Helm trägt?«

»Alles, was ich sehen und worin ich Euch unterstützen kann,« antwortete Sancho, »ist nichts als ein Mensch, der auf einem grauen Esel, so wie meiner ist, reitet, und der auf dem Kopfe ein Ding hat, das blitzert.«

»Und dieses ist eben der Helm Mambrins,« sagte Don Quijote, »gehe irgendwo beiseite und laß mich allein mit ihm, so sollst du sehen, wie ich, ohne ein Wort zu sprechen, zur Ersparung der Zeit, dieses Abenteuer beendigen will und mir den Helm verschaffen, den ich mir so herzlich gewünscht habe.«

»Das Beiseitegehen ist gar nicht nötig,« versetzte Sancho. »Aber«, fing er wieder an, »mag uns Gott nur Tausendgüldenklee und keine Walke bescheren.«

»Ich habe dir befohlen, Mensch, du sollst niemals, ja nicht in Gedanken einmal der Walken erwähnen,« so rief Don Quijote, »oder ich gelobe -- -- -- ich will nicht mehr sagen, aber ich möchte dir die Seele zusammenwalken.«