Part 11
»Ich habe aber von dem gnädigen Herrn sagen hören,« antwortete Sancho, »daß es für die irrenden Ritter ganz was besonderes ist, in Einöden und Wüsteneien zu schlafen im größten Teil des Jahres, daß sie sich das zum trefflichen Glücke rechnen.«
»Dieses geschieht«, sagte Don Quijote, »wann sie nicht weiterkönnen oder wann sie verliebt sind; und wahr ist es, daß mancher Ritter sich auf einem Felsen der Sonne und dem Schatten, sowie allen Unfreundlichkeiten der Witterung zwei Jahre hindurch aussetzte, ohne daß es seine Dame wußte, und einer von diesen war Amadis als er sich Schöndunkel nannte und auf dem Felsen Armut wohnte, ich weiß nicht, ob acht Jahr oder acht Monate hindurch, denn hierin ist die Erzählung nicht genau, weil er dort, über ich weiß nicht welche Betrübnis Buße tat, die ihm die Dame Orania erzeigt hatte. Aber lassen wir dieses, Sancho, und vollbringe, ehe dem Esel ein ähnlicher Unfall, wie dem Rosinante zustößt.«
»Das wäre gar der Teufel!« sagte Sancho, und mit dreißig Seufzern, sechzig Jammerausrufungen und hundertzwanzig Flüchen und Verwünschungen über den, der ihn dort hingebracht habe, machte er Anstalt und stand auf dem halben Wege wie ein Bogen zusammengekrümmt, ohne daß es ihm möglich war, sich gerade aufzurichten; mit solcher Mühseligkeit zäumte er seinen Esel auf, der sich ebenfalls, bei der unmäßigen Freiheit dieses Tages, ziemlich weit entfernt hatte. Darauf gingen sie zum Rosinante, der, wenn er sich nur hätte beklagen können, gewiß nicht hinter Sancho oder seinem Herrn zurückgeblieben wäre. Kurz, Sancho packte Don Quijote über den Esel, an dessen Schweif er den Rosinante band; er selber führte den Esel am Stricke, und so trat er nach und nach den Marsch nach der Gegend an, wo er die ordentliche Straße vermutete. Das Schicksal, welches ihn aus dem Guten ins Bessere führte, brachte sie nach einer kleinen Meile auf den wirklichen Weg, auf dem sich eine Schenke zeigte, die ohne Widerspruch nach Don Quijotes Gedanken ein Kastell war. Sancho bestand darauf, es sei eine Schenke, Don Quijote nein, es sei ein Kastell; ihr Streit bestand solange, bis sie ganz nahe gekommen waren, worauf denn Sancho ohne weitere Untersuchung mit seiner Koppel hineinzog.
~Zweites Kapitel~
Was dem sinnreichen Edlen in der Schenke begegnete, die er für ein Kastell hielt
Der Schenkwirt, der Don Quijote quer über dem Esel hängen sah, fragte Sancho, was ihm fehle. Sancho antwortete, ihm fehle nichts, als daß er von einem Felsen herunter einen Fall getan habe, wodurch ihm die Rippen ein wenig zerschlagen wären. Der Schenkwirt hatte eine Frau, nicht so wie die meisten dieses Standes gesinnt, denn sie war von Natur mitleidig und es dauerte sie das Unglück ihres Nächsten: sie nahm es also sogleich über sich, Don Quijote wieder herzustellen, und ihre Tochter, ein junges Mädchen von hübschem Aussehen stand ihr darin bei, ihren Gast zu verpflegen. In derselben Schenke diente eine asturianische Magd mit breitem Munde, großem Hinterkopf, platter Nase, einem schiefen und einem nicht ganz gesunden Auge, aber alle Fehler wurden durch die Anmut des Körpers ersetzt. Ihre Höhe von den Füßen bis zu dem Kopfe betrug nicht ganz drei Fuß, und ihre aufgetürmten Schultern zwangen sie, mehr als sie es gemocht hätte, den Boden zu beschauen. Diese zarte Jungfrau unterstützte wieder die Tochter, und beide besorgten dem Don Quijote ein elendes Bett in einer Scheune, die, wie man an deutlichen Spuren sah, seit vielen Jahren dazu gedient hatte, das Stroh aufzubewahren; hier wohnte zugleich ein Eseltreiber, dessen Bett von dem unseres Don Quijote etwas entfernt war, und ob es gleich nur aus den Sätteln und Decken seiner Maultiere bestand, doch das Lager des Don Quijote bei weitem übertraf, welches auf zwei ungleichen Bänken gebaut war, über welche man vier ungehobelte Bretter legte, auf diese wurde eine Matratze, nicht dicker wie eine Decke, ausgebreitet, voller Klöße, die, wenn man nicht an einigen zerrissenen Stellen gesehen hätte, daß sie Wolle waren, man sie dem Gefühle nach wohl für Kiesel hätte halten können, dazu zwei Bettücher aus steifem Leder und eine Bettdecke, deren Fäden man, ohne sich um einen zu verrechnen, hätte zählen können, wenn man sich die Mühe hätte geben wollen.
In dieses vermaledeite Bett mußte sich Don Quijote niederlegen, worauf ihn die Wirtin mit ihrer Tochter auf dem ganzen Körper bepflasterten, indem Maritorne dazu leuchtete, denn so hieß die Asturierin. Beim Pflasterauflegen bemerkte die Wirtin, wie Don Quijote allenthalben blutrünstig war und sagte, es schienen ihr mehr Spuren von Schlägen als einem Falle zu sein. »Schläge waren es nicht,« sagte Sancho, »sondern der Felsen hatte viele Spitzen und Ecken, wovon jeder einen blauen Flecken zurückgelassen hat;« er fuhr fort: »seid doch von der Güte, liebe Frau, und sorgt, daß noch einige Lappen übrigbleiben mögen, denn sie werden nicht unnütz sein, weil mir der Buckel auch ziemlich weh tut.«
»Ihr müßt also«, antwortete die Wirtin, »wohl auch einen Fall getan haben?«
»Das nicht,« sagte Sancho Pansa, »sondern von dem Schrecken als ich meinen Herrn herunterfallen sah, tut mir der ganze Körper so weh, als wenn ich tausend Prügel bekommen hätte.«
»Das ist wohl möglich,« sagte die Tochter, »denn mir träumt oft, als wenn ich von einem Turme herunterfiele und gar nicht auf die Erde kommen könnte, und wenn ich dann aus meinem Traume erwache, bin ich so müde und zerschlagen, als wäre ich wirklich heruntergefallen.«
»Da liegt der Hund begraben,« antwortete Sancho, »daß ich, ohne irgend zu träumen, sondern wacher als ich jetzt bin, ebenso braun und blau wurde als mein Herr Don Quijote.«
»Wie heißt der Ritter?« fragte die asturische Maritorne.
»Don Quijote von la Mancha,« antwortete Sancho Pansa; »er ist ein abenteuernder Ritter, und der beste und kräftigste, den man wohl seit lange in der Welt gesehen hat.«
»Was ist ein abenteuernder Ritter?« fragte die Magd.
»Seid Ihr denn so neu in der Welt, daß Ihr das nicht wißt?« versetzte Sancho Pansa. »So wißt denn, mein Kind, daß ein abenteuernder Ritter ein Mann ist, der in zwei Augenblicken geprügelt wird und als Kaiser regiert. Heute ist er die unglückseligste und jämmerlichste Kreatur auf Erden und morgen hat er zwei oder drei Kronen von Königreichen zu verschenken, die er seinem Stallmeister geben kann.«
»Wie kömmt es denn aber, da Ihr einem so gewaltigen Herrn dient,« sagte die Wirtin, »daß Ihr noch nicht einmal, wie ich glaube, eine Grafschaft im Besitz habt?«
»Das ist noch zu früh,« antwortete Sancho, »denn es ist noch nicht länger als einen Monat, daß wir nach Abenteuern herumsuchen, und bis jetzt haben wir noch kein rechtliches getroffen, auch geschieht es wohl, daß man ein Ding sucht und ein ganz anderes findet. Das ist aber wahr, daß, wenn mein Herr Don Quijote von der Verwundung oder dem Falle wieder aufkömmt und ich nicht davon einen Schaden zurück behalte, ich meine Hoffnungen nicht gegen die höchste Würde in Spanien vertausche.«
Dieses ganze Gespräch hörte Don Quijote sehr aufmerksam mit an; so gut er konnte richtete er sich im Bette auf, nahm die Hand der Wirtin und sagte: »Glaubt mir, schöne Dame, daß Ihr Euch glücklich preisen könnt, in diesem Eurem Kastell meine Person beherbergt zu haben, der, wenn ich mich nicht selber lobe, ich es darum unterlasse, weil Eigenlob ungeziemlich; jedoch kann Euch mein Stallmeister erzählen, wer ich bin. Nur dieses will ich sagen, daß der Dienst, den Ihr mir erwiesen, ewiglich in meinem Gedächtnisse leben wird, solange ich lebe, werde ich Eurer Unterstützung gedenken und hätten die hohen Himmelsmächte es doch nicht also verhängt, daß die Liebe mich ihren Gesetzen unterworfen und den Augen der schönen Undankbaren, die ich mir nur heimlich nenne, untertänig gemacht hätten, damit die Augen jener schönen Jungfrau die Gebieterinnen meines Willens sein dürften.«
Verwirrt standen die Wirtin, die Tochter und die edle Maritorne da, da sie diese Redensarten des irrenden Ritters vernahmen, die sie ebensowenig verstanden, als wenn er Griechisch gesprochen hätte; so viel merkten sie aber, daß sie alle als Höflichkeit und Komplimente eingerichtet sein sollten: da sie aber an dergleichen Sprache nicht gewöhnt waren, so sahen sie ihn an, verwunderten sich, und da er ihnen ein anderes Wesen schien als die Leute, mit denen sie sonst umgingen, so beantworteten sie seine Höflichkeit mit Wirtshausredensarten und gingen dann fort; die asturische Maritorne sorgte aber erst für Sancho, der dieser Aufmerksamkeit ebensosehr bedurfte als sein Herr.
Der Eseltreiber war mit dieser einig geworden, daß sie sich in der Nacht miteinander ergötzen wollten, und sie hatte ihm ihr Wort gegeben, daß, sowie die Gäste zur Ruhe gebracht und ihre Herrschaft eingeschlafen wäre, sie ihn aufsuchen wollte und ihm so viel er nur wollte zu Willen sein. Es war von dieser edlen Magd bekannt, daß sie kein so gegebenes Wort gebrochen hat, wenn sie es auch ohne Zeugen auf einem Berge gegeben hätte, denn sie war auf ihr Herkommen stolz und hielt es sich nicht für schimpflich, als Magd in der Schenke zu dienen, denn sie sagte, Unglück und ein unverdientes Schicksal haben sie so weit heruntergebracht.
Das harte, schlechte, elende und nichtswürdige Bett des Don Quijote stand voran in der Mitte des sternbeschienenen Stalles, dicht daneben machte sich Sancho sein Lager, welches nichts als eine schilfene Matte war und eine Decke, die eher das Ansehen von grobem geschorenen Tuche, als von Wolle hatte. Hierauf folgte das Bett des Eseltreibers, wie schon gesagt, aus den Sätteln und dem Schmucke seiner besten beiden Maultiere zubereitet, deren er zwölf hatte, die spiegelblank, dick und sehr ansehnlich waren, denn er war einer der reichsten Eseltreiber von Arevalo, wie der Autor dieser Historie sagt, der dieses Treibers besonders erwähnt, weil er ihn kannte und, wie einige sagen wollen, gar verwandt mit ihm war. Dieses beweist, daß Cide Hamete Benengeli ein forschbegieriger und in allen Dingen überaus gründlicher Geschichtschreiber war, weil aus dem Angeführten erhellt, daß er selbst die unbedeutendsten und gemeinsten Umstände nicht mit Stillschweigen übergeht. Hieran sollten ernsthafte Geschichtschreiber ein Beispiel nehmen, die uns die Begebenheiten immer so kurz und so zusammengezogen vortragen, daß sie uns kaum die Lippen berühren, indem sie aus Unbedacht, Bosheit oder Einfalt die wichtigsten Dinge im Tintenfasse zurück lassen. Tausendmal sei der Verfasser des Tablante de Ricamonte sowie der Herausgeber des Buches gepriesen, in welchem die Begebenheiten des Grafen Tomillas erzählt werden, denn diese haben gründlich und ausführlich geschrieben.
Nachdem also der Eseltreiber noch einmal sein Vieh besucht und ihnen das zweite Futter gegeben hatte, streckte er sich auf seinen Sätteln hin und erwartete seine gewissenhafte Maritorne. Schon war Sancho bepflastert und im Bett, aber der Schmerz seiner Seiten erlaubte ihm noch nicht, einzuschlafen, und Don Quijote hielt vor Schmerz die Augen weit offen, wie ein Hase. In der ganzen Schenke herrschte Stille, es brannte auch kein anderes Licht weiter, als eine Lampe, die in der Mitte des Einganges aufgehängt war. Diese nächtliche Einsamkeit sowie die Bilder, die unser Ritter beständig aus seinen Büchern, den Urhebern seines Unglückes, in den Gedanken hatte, bildeten in seinem Kopfe eine der seltsamen Narrheiten, auf die nur eine Einbildung verfallen kann. Er bildete sich nämlich vor, in ein sehr berühmtes Kastell geraten zu sein (denn, wie schon gesagt, Kastelle mußten ihm alle Schenken sein, in denen er herbergte), und daß die Tochter des Schenkwirts eine Tochter des Herrn vom Kastelle sei, die sich in sein überaus edles Betragen verliebt und ihm versprochen habe, sich ohne Wissen ihrer Eltern heimlich in der Nacht zu ihm zu schleichen und eine Zeitlang bei ihm zu liegen. Über diese tolle Erfindung, die er für die ausgesuchteste Wahrheit hielt, fing er an sich zu ängstigen und über den gefährlichen Kampf zu sinnen, den seine Keuschheit zu bestehen haben würde, doch gelobte er in seinem Herzen, keine Falschheit gegen seine Dame Dulzinea von Toboso zu begehen, wenn sich ihm auch selbst die Königin Ginevra mit ihrer Dame Quintannona darbieten sollten.
Indem er noch über diesen Gedanken brütete, kam die Zeit und Stunde (für ihn eine Unglücksstunde), die die Asturierin festgesetzt hatte. Sie schlich also im Hemde und barfuß, die Haare unter einer wollenen Mütze aufgebunden, nach dem Orte, wo die drei lagen und suchte leise und mit bedächtigem Fuße ihren Eseltreiber. Sie war kaum zur Tür herein, als sie auch Don Quijote bemerkte, sich im Bette, trotz seiner Pflaster und den Schmerzen seiner Rippen aufrichtete und die Arme ausstreckte, um seine schöne asturische Jungfrau zu empfangen, die leise und schüchtern mit den Händen tappte, um den geliebten Gegenstand zu finden. Sie traf auf die Arme des Don Quijote, der sie heftig bei der Hand ergriff, sie zu sich zog und sie, ohne daß sie ein Wort zu sagen wagte, zwang, sich auf sein Bett zu setzen. Er befühlte alsbald das Hemd, das, wie es von Segeltuch war, ihm doch der feinste und zarteste Zindel schien. Um die Hände trug sie Glaskorallen, die ihm den Glanz köstlicher orientalischer Perlen verbreiteten; die Haare, die sich den Pferdemähnen näherten, waren ihm leuchtende Fäden des arabischen Goldes, deren Funkeln selbst die Sonne verdunkelte, ihr Atem, der nach verdorbenem abgestandenem Salate roch, war ihm ein Strom von süßem, gewürzhaftem Wohlgeruch; kurz, seine Einbildung malte sie mit allen jenen Farben aus, wie er in seinen Büchern die Schilderungen von anderen Prinzessinnen gefunden hatte, die kommen, um nach dem schwerverwundeten Ritter ihrer Liebe zu sehen, mit allem übrigen Schmuck, der dort aufgewandt wird. Der arme Mann war auch so verblendet, daß weder die Berührung, noch der Atem, noch andere Dinge, die die edle Jungfrau an sich hatte und die jedem anderen als einem Eseltreiber Übelkeit erregt hätten, enttäuschen konnten, sondern er hielt sie für eine Göttin der Schönheit, faßte sie zart bei den Händen und sagte mit lieblicher und leiser Stimme folgendes: »Ich möchte Ausdrücke finden können, schöne und erhabene Dame, um für eine so große Gnade zu danken, wie Ihr mir durch den Anblick Eurer herrlichen Schönheit habt erzeigen wollen: aber das Glück, welches nie müde wird, die Edlen zu verfolgen, hat mich auf dieses Lager geworfen, auf welchem ich zerquetscht und zerschmettert liege, so daß, wenn ich auch gesonnen wäre, Eurem Wunsche Genüge zu leisten, es mir unmöglich fiele. Jedoch zu dieser Unmöglichkeit kömmt eine andere, größere hinzu, nämlich die versprochene Treue, die ich der unvergleichlichen Dulzinea von Toboso angelobt habe, als der einzigen Beherrscherin meiner innigsten Gedanken. Wäre mir dieses nicht entgegen, so würdet ihr mich als keinen so trägen Ritter schauen, der ungenutzt ein so großes Glück aus den Händen läßt, welches Eure überschwengliche Güte mir hat verschaffen wollen.«
Maritorne war voller Verdruß und schwitzte, sich von Don Quijote festgehalten zu sehen und ohne ihn zu verstehen oder nur auf seine Reden acht zu geben, bemühte sie sich stillschweigend, sich von ihm los zu machen. Der edle Eseltreiber, den seine bösen Vorsätze munter hielten, hatte seine Geliebte bemerkt, sowie sie zur Tür hereingetreten war, er hatte auch allem, was Don Quijote sagte, aufmerksam zugehört; böse darüber, daß ihn die Asturierin für einen anderen verfehlt habe, ging er dem Bette des Don Quijote näher, um zu sehen, auf was diese Reden, die ihm unverständlich waren, hinaus wollten. Da er aber sah, daß die Magd bemüht war, sich loszumachen und daß Don Quijote arbeitete, sie festzuhalten, nahm er diesen Spaß sehr übel, reckte den Arm in die Höhe und ließ einen so schrecklichen Faustschlag auf das magere Gesicht des verliebten Ritters niederfallen, daß er ihm den Mund mit Blut überschwemmte, und damit noch nicht zufrieden, stieg er auf ihn hinauf und trat ihn von einem Ende zum anderen in schneller Bewegung mit Füßen. Das Bett, welches schwach war und auf keinem festen Grunde ruhte, konnte die hinzugefügte Last des Eseltreibers nicht aushalten, sondern stürzte in sich zusammen, auf welches Poltern der Schenkwirt erwachte und sogleich glaubte, daß Maritorne Händel verursacht habe, weil sie ihm auf sein lautes Rufen keine Antwort gegeben. In diesem Argwohne stand er auf, zündete ein Licht an und begab sich nach dem Orte, wo er das Geräusch vernommen hatte. Als die Magd ihren Herrn kommen sah, dessen Zorn sie sehr fürchtete, kroch sie zitternd und bebend ins Bett zu Sancho Pansa, der schon schlief, wo sie sich zusammenkrümmte und in ein Knäuel drückte.
Der Wirt trat herein und sagte: »Wo bist du, Hure? denn ich weiß, daß das deine Streiche sind.« Indem ward Sancho munter und da er die Last auf sich fühlte, meinte er, daß ihn der Alp drücke und schlug rechts und links mit den Fäusten aus, wobei er Maritornen nicht selten traf. Als diese den Schmerz fühlte, ließ sie die Schamhaftigkeit fahren und gab dem Sancho die Faustschläge so kräftig zurück, daß er völlig aus seinem Schlafe wach wurde. Wie er nun diese Begegnung merkte, ohne zu wissen, von wem sie ihm komme, wehrte er sich nach aller Macht, umfaßte sich mit Maritornen und die beiden begannen nun die wütendste und lächerliche Schlägerei von der Welt. Beim Schein vom Lichte des Wirtes sah nun der Eseltreiber die Verfassung seiner Dame, er ließ Don Quijote und eilte dahin, wo seine Hilfe vonnöten war. Dasselbe tat der Wirt, aber in anderer Absicht, um nämlich die Magd zu züchtigen, weil er glaubte, daß sie allein den ganzen Lärm verursacht habe. Wie man nun im Sprichwort sagt, die Katze an der Ratze, die Ratze am Stricke, der Strick am Stocke, so schlug der Eseltreiber auf Sancho los, Sancho auf die Magd, die Magd auf ihn, auf die Magd der Wirt, und alle arbeiteten mit solcher Hast durcheinander, daß sie sich auch nicht einen Augenblick zu Atem kommen ließen. Das beste war, daß das Licht des Wirtes ausging; in der Finsternis schlugen sie so unbarmherzig aufeinander los, daß, wo ein Arm hinfiel, keine gesunde Stelle blieb.
Es traf sich, daß in dieser Nacht in der Schenke ein Häscher schlief, einer von der sogenannten heiligen alten Brüderschaft von Toledo; als dieser das ungeheure Lärmen der Schlacht vernahm, rüstete er sich mit seinem Stabe und der Amtsbüchse, trat im Dunkeln in das Gemach und sagte: »Friede im Namen der Gerechtigkeit! Friede im Namen der heiligen Brüderschaft!« Der erste, auf den er traf, war der gemaulschellte Don Quijote, der in seinem zerbrochenen Bette mit aufgehobenem Munde und ohne Bewußtsein lag; er fühlte mit der Hand seinen Bart und rief: »Respekt vor der Gerechtigkeit!« Da er aber sah, daß der, den er festhielt, nicht Atem holte oder sich rührte, hielt er ihn für tot und die übrigen Anwesenden für seine Mörder; in dieser Meinung schrie er mit lauter Stimme: »Verschließt die Tür der Schenke, daß keiner entwischt, denn hier ist ein Mensch umgebracht!«
Dieser Ausruf erschreckte alle und jeder ließ den Kampf in ebendem Augenblicke fahren, als er den Ausruf vernahm. Der Wirt zog sich nach seiner Stube, der Eseltreiber nach seinen Sätteln, die Magd nach ihrem Verschlage zurück; nur die beiden Unglücklichen Don Quijote und Sancho konnten sich nicht von der Stelle rühren, wo sie lagen. Der Häscher ließ hierauf den Bart des Don Quijote los, um Licht zu suchen und die Verbrecher zu fangen, aber er fand keins, denn der Wirt hatte die Lampe mit Vorsatz ausgelöscht als er in sein Zimmer zurückging; er war also genötigt, nach dem Feuerherde zu gehen, wo er nach vieler Arbeit und langer Zeit ein anderes Licht anzündete.
~Drittes Kapitel~
Enthält die Fortsetzung der mannigfaltigen Mühseligkeiten, die den braven Don Quijote und seinen wackern Stallmeister in der Schenke betrafen, die er zu seinem Unglück für ein Kastell ansah
Um diese Zeit hatte sich Don Quijote von seiner Betäubung erholt und mit demselben Ton der Stimme, mit welchem er am vorigen Tage seinen Stallmeister angerufen hatte, als er von den Krippenstangen zu Boden gestreckt war, fing er auch jetzt wieder an: »Freund Sancho, schläfst du? Schläfst du, Freund Sancho?«
»Wie, zum Henker, soll ich denn schlafen?« antwortete Sancho voller Verdruß und Ärgernis, »es ist ja nicht anders, als wenn in dieser Nacht sich alle Teufel über mich hergemacht hätten.«
»Du kannst gewißlich versichert sein,« antwortete Don Quijote, »daß ich entweder ohne alle Kentnisse bin, oder daß dieses Kastell hier ein verzaubertes ist, denn du mußt erfahren -- -- -- Aber schwöre, daß du das, was ich dir jetzt sagen werde, als ein Geheimnis bis nach meinem Tode aufbewahren willst.«
»Ich schwöre,« antwortete Sancho.
»Ich sage dieses nur,« fuhr Don Quijote fort, »weil es mir verhaßt ist, die Ehre von irgend jemand zu kränken.«
»Nun, ich sage ja, daß ich schwöre,« entgegnete Sancho, »ich will's ja verschweigen bis Euer Gnaden tot ist, und ich bitte Gott nur, daß ich es morgen schon entdecken dürfte.«
»Und du bist mir so zuwider, Sancho,« antwortete Don Quijote, »daß dein Wunsch meinem Leben eine so nahe Grenze steckt?«
»Das ist nicht deswegen,« versetzte Sancho, »sondern es ist mir nur verhaßt, die Sachen lange aufzuheben, und es ist immer mein Wunsch, daß sie von dem Aufheben nicht verfaulen möchten.«
»Es sei also denn,« sagte Don Quijote, »daß ich deiner Liebe und deinem Worte vertraue, du mußt also wissen, daß mir in dieser Nacht eines der seltsamsten Abenteuer aufgestoßen ist, das ich wohl zu schätzen verstehe, und um es dir mit wenigem zu sagen, so erfahre, daß unlängst die Tochter des Herrn dieses Kastells zu mir kam, die zarteste und schönste Jungfrau, die in einem großen Teile der Erde zu finden ist. Was soll ich dir von den Reizen ihrer Person sagen? Was von ihrem vorzüglichen Verstande? Was von anderen verborgenen Dingen, die ich lieber unberührt und im Stillschweigen vergraben lasse, um die Treue nicht zu brechen, die ich meiner Gebieterin Dulzinea von Toboso gelobt habe? Nur das will ich hinzufügen, daß der Himmel, neidisch über das edle Gut, welches das Glück mir in die Arme geführt hatte, oder vielleicht (und vielmehr ist dieses Gewißheit) weil, wie schon gesagt, dieses Kastell verzaubert ist, es geschah, daß eben da ich in den süßesten und liebevollsten Gesprächen begriffen war, ohne daß ich sehen oder wissen konnte, woher sie komme, eine Hand kam, die dem Arme eines ungeheuren Riesen angehörte und mir einen solchen Schlag auf den Backen gab, daß das Blut herausstürzte, worauf ich überdies noch so zerschlagen wurde, daß ich mich weit schlimmer als gestern befinde, als die Treiber der Unenthaltsamkeit des Rosinante halber uns die Ungebühr zufügten, deren du dich erinnern wirst. Woraus ich den Schluß ziehe, daß der Schönheitsschatz dieser Jungfrau von irgendeinem verzauberten Mohren bewacht und mir nicht zugedacht ist.«
»Und mir auch nicht,« antwortete Sancho, »denn über vierhundert Mohren haben mich dermaßen zusammengeprügelt, daß das mit den Krippenstangen nur Konfekt und Marzipan dagegen ist. Aber sagt mir nur, wie Ihr das für ein schönes und herrliches Abenteuer halten könnt, da wir doch das genossen haben, was man uns gereicht hat? Euer Gnaden freilich nicht so schlimm, denn Ihr habt doch, wie Ihr sagt, die unvergleichliche Schönheit in den Armen gehabt, aber ich? nichts als die kräftigsten Püffe, die ich noch Zeit meines Lebens gefühlt habe. Ich Unglückseliger! Ich bin zum Unglück auf die Welt gekommen! ich bin kein irrender Ritter und denke es auch niemals zu sein, und doch muß ich von allen Balgereien das Beste abkriegen!«
»Also du bist ebenfalls geprügelt?« fragte Don Quijote.
»Hab' ich's denn, zum Teufel, nicht schon gesagt?« rief Sancho.
»Gib dich zur Ruhe, mein Freund,« antwortete Don Quijote, »denn ich will alsbald den köstlichen Balsam verfertigen, der uns in einem Umsehen ganz gesund machen soll.«
Indem hatte der Häscher sein Licht wieder angezündet und kam nun herein, um nach dem vermeintlichen Toten zu sehen; wie ihn nun Sancho hereintreten sah, im Hemde, mit einem Tuche um den Kopf, die Lampe in der Hand und einem ziemlich widerwärtigen Angesicht, fragte er seinen Herrn: »Gnädiger Herr, sollte das wohl der verzauberte Mohr sein, der von neuem zu prügeln anfangen will, weil er noch im Fasse was behalten hat?«
»Der Mohr kann er nicht sein,« antwortete Don Quijote, »denn die Verzauberten lassen sich vor niemand blicken.«
»Lassen sie sich nicht blicken, so lassen sie sich fühlen,« sagte Sancho, »das können meine Schultern bezeugen.«
»Das können die meinigen ebensowohl,« erwiderte Don Quijote, »aber dieses ist dennoch kein hinreichendes Anzeichen, um jenen dort für den verzauberten Mohren zu halten.«