Chapter 17 of 24 · 3847 words · ~19 min read

Part 17

»In der Tat hast du recht,« sagte Don Quijote, »und auf die Weise kannst du deinen Barbier mit dir führen, denn die Gebräuche entstehen nicht auf einmal und werden nicht alle zu einer Zeit erfunden, und so kannst du vielleicht der erste Graf sein, der seinen Barbier hinter sich führt; und überdem ist den Bart in Ordnung halten ein wichtigeres Geschäft als ein Pferd satteln.«

»Das mit dem Barbier laßt nur meine Sorge sein,« sagte Sancho, »Ihr braucht nur darauf zu denken, wie Ihr König werdet und mich zum Grafen macht.«

»So sei es,« antwortete Don Quijote, und indem er die Augen erhob, sah er, was das folgende Kapitel erzählen wird.

~Achtes Kapitel~

Hier erteilt Don Quijote vielen Unglücklichen die Freiheit, die man wider Willen hinführte, wohin sie ungern gingen

Cide Hamete Benengeli, der arabische und manchanische Geschichtschreiber, erzählt in dieser wichtigen, erhabenen, genauen, lieblichen und gut erfundenen Geschichte, daß, nachdem zwischen dem berühmten Don Quijote von la Mancha und seinem Stallmeister Sancho Pansa obige Reden vorgefallen waren, die im vorigen Kapitel vorgetragen sind, der Ritter die Augen erhob und sah, wie auf der Straße, die er zog, ihm wohl zwölf Menschen zu Fuß entgegen kamen, die wie die Perlen eines Rosenkranzes mit den Hälsen auf eine große eiserne Kette gereiht waren und an den Händen Handschellen trugen. Mit ihnen kamen zwei Leute zu Pferde und zwei zu Fuß. Die zu Pferde waren mit geladenen Flinten bewaffnet, die zu Fuß mit Spieß und Schwert, und sowie sie Sancho erblickte, sagte er: »Das ist eine Kette mit Ruderknechten, die der König zwingt, ihm auf den Galeeren zu dienen.«

»Wieso zwingt?« fragte Don Quijote; »wie kommt der König dazu, irgend jemand zu zwingen?«

»Das sage ich nicht,« antwortete Sancho, »sondern das sind Leute, die man wegen ihrer Verbrechen verurteilt hat und sie zwingt, auf den Galeeren zu dienen.«

»In Summa,« versetzte Don Quijote, »wenn ich dich recht verstehe, so gehen diese Leute, die man fortführt, gezwungen und nicht nach eigenem freien Willen.«

»Wahrhaftig nicht,« sagte Sancho.

»Da dem so ist,« erwiderte sein Herr, »so tritt hier die Ausübung meines Gewerbes ein, Zwang aufzuheben und den Unglücklichen zu helfen und beizustehen.«

»Bedenkt Euch wohl, gnädiger Herr,« sagte Sancho, »denn die Gerechtigkeit, die den König vorstellt, begeht keinen Zwang oder Unrecht an dergleichen Leuten, sondern sie werden nur wegen ihrer Verbrechen gestraft.«

Indem kam die Kette mit den Ruderknechten heran und Don Quijote bat diejenigen, die als Wache mitgingen, mit vieler Höflichkeit, ihm den Grund oder die Gründe gefälligst mitzuteilen, warum man diese Leute auf solche Weise fortführe. Einer von den Wachen zu Pferde antwortete, daß es Ruderknechte wären, Sklaven Seiner Majestät des Königs, die auf die Galeeren gebracht würden, mehr könne er nicht sagen und mehr sei ihm auch nicht bekannt. »Demohngeachtet«, erwiderte Don Quijote, »wünschte ich von jedem insbesondere die Ursache seines Unglücks zu erfahren.« Er fügte noch so viele und so höfliche Bitten hinzu, um seinen Wunsch durchzusetzen, daß der andere von der Wache zu Pferde sagte: »Wir haben zwar das ganze Register und alle Urteilssprüche von jenen Nichtswürdigen bei uns, aber wir haben jetzt keine Zeit sie auszupacken und zu lesen, der Herr darf sie nur selbst befragen, sie werden ihm auf alles Antwort geben, denn diese Menschen tun und sprechen gern Nichtswürdigkeiten.«

Mit dieser Erlaubnis, die sich Don Quijote würde genommen haben, wenn man sie ihm nicht gegeben hätte, ging er nach der Kette und fragte den vordersten, um welcher Sünden willen er in so schlechtem Aufzuge ginge? Dieser antwortete, daß er als Verliebter so ginge.

»Und für nichts anderes?« versetzte Don Quijote. »Bringt man die Verliebten nach den Galeeren, so hätte ich schon seit langem dort rudern müssen.«

»Meine Liebe ist nicht von der Art, wie der Herr meint,« versetzte der Ruderknecht, »meine Leidenschaft war, daß ich einen Korb mit Wäsche mit so heftiger Zärtlichkeit liebte und ihn so kräftiglich umfaßte, daß ich ihn noch nicht mit meinem Willen aus den Armen lassen würde, wenn ihn mir die Justiz nicht mit Gewalt entrissen hätte. Ich war auf der Tat ertappt, eine lange Untersuchung war unnötig, die Sache machte sich bald, ich bekam zweihundert Streiche auf den Buckel, ward zur Zugabe drei Sommer den Wasserenten gewidmet und damit hat das Ding ein Ende.«

»Was sind Wasserenten?« fragte Don Quijote.

»Wasserenten sind Galeeren,« antwortete der Ruderknecht, ein Bursche von ungefähr vierundzwanzig Jahren und, wie er sagte, seiner Landsmannschaft nach ein Felsenherzer.

Don Quijote tat dem zweiten die nämliche Frage, der aber keine Antwort gab, sondern still und schwermütig war; der erste aber antwortete für ihn und sagte: »Dieser, gnädiger Herr, geht mit uns, weil er ein Singvogel ist, ich meine ein Musikus und Sänger.«

»Wie das?« fragte Don Quijote, »Musiker und Sänger werden auf Galeeren geschickt?«

»Nicht anders,« antwortete der Ruderknecht, »kein böser Ding auf der Welt, als in der Not singen.«

»Ich habe vielmehr sagen hören,« sprach Don Quijote, »daß, wer singt, sein Unglück bezwingt.«

»Wie es kommt,« sagte der Ruderknecht, »denn, wer einmal singt, muß zeitlebens ächzen.«

»Das ist mir unverständlich,« sagte Don Quijote; einer von der Wache aber antwortete: »Herr Ritter, in der Not singen bedeutet unter diesen rechtlichen Leuten auf der Tortur bekennen; dieser Sünder bekam die Tortur und bekannte, er ist ein Viehdieb und nach seinem Geständnis auf sechs Jahre auf die Galeeren verurteilt, außer, daß er schon zweihundert Hiebe auf dem Rücken bekommen hat; er ist immer nachdenklich und traurig, weil ihn die übrigen Schelme, die mit ihm gehen, schlecht behandeln, ihn verachten und verspotten, weil er bekannt und nicht das Herz gehabt hat, nein zu sagen, denn sie sagen, ein Nein habe nur zwei Buchstaben mehr als ein Ja, und daß ein Delinquent kein besseres Glück wünschen könne, als daß auf seiner Zungenspitze sein Leben oder sein Tod schwebe, wenn keine andere Zeugen und Beweise gegen ihn sind; und so ganz haben sie meiner Meinung nach nicht unrecht.«

»So scheint es mir ebenfalls,« sagte Don Quijote und wandte sich zum dritten, den er wie die vorigen befragte, der auch behende und mit großer Bereitwilligkeit antwortete: »Ich gehe auf fünf Jahre zu den allerliebsten Wasserenten, weil mir zehn Dukaten mangelten.«

»Zwanzig wollte ich herzlich gerne geben,« sagte Don Quijote, »um Euch aus Eurem Unglücke zu lösen.«

»Das kommt mir vor,« antwortete der Ruderknecht, »als wenn einer mitten auf der See Geld hätte und doch Hungers sterben müßte, weil er nirgends einkaufen kann, was er braucht; hätte ich diese zwanzig Dukaten zur rechten Zeit gehabt, die Ihr mir jetzt anbietet, so hätte ich damit die Feder des Schreibers geschmiert und den Kopf meines Sachverwalters so aufgeklärt, daß ich mich heute mitten auf dem Platze von Zocodover in Toledo befinden könnte und nicht hier, wie ein Hund angekoppelt, zu gehen brauchte; aber Gott ist mächtig und man muß Geduld haben.«

Don Quijote kam zum vierten, einem Manne mit einem ehrwürdigen Gesicht, dem ein silberweißer Bart bis auf die Brust herunterhing; als er diesen nach der Ursache fragte, aus der er fortgeführt würde, fing er an zu weinen und antwortete nichts. Aber der fünfte Gefangene diente zu seinem Dolmetscher und sagte: »Dieser ehrwürdige Mann kommt auf vier Jahre auf die Galeeren, nachdem er vorher seinen Umzug zu Pferde und in großer Pracht gehalten hat.«

»Also wird er wohl«, sagte Sancho Pansa, »öffentlich am Pranger gestanden haben.«

»Freilich,« versetzte der Ruderknecht, »und sie haben es ihm darum getan, weil er ein Mittler für das Ohr und auch für die übrigen Gliedmaßen gewesen ist, dieser Ritter ist nämlich ein Kuppler und hat nebenher auch einige Streiche als Zauberer ausgeübt.«

»Hättet Ihr nicht dieser Streiche erwähnt,« sprach Don Quijote, »so würde ich nicht einsehen, wie er als bloßer Liebesmittler sich die Strafe zugezogen hätte, auf den Galeeren zu rudern, sondern man hätte ihn vielmehr zum General derselben ernennen sollen, denn also müssen die Dienste eines Liebesmittlers belohnt werden; dieses Amt erfordert verständige Leute und ist in einem gut eingerichteten Staate von äußerster Notwendigkeit, so wie es immer Leute von gutem Herkommen ausüben müßten. Man sollte auch Aufseher und Examinatoren über sie ansetzen, wie es bei den übrigen Ämtern geschehen ist, mit Unterbedienten, wie die Makler auf der Börse sind. Auf diese Weise würde vielen Übeln vorgebeugt werden, die daher entstehen, daß sich unwissende und einfältige Menschen mit diesem Amt befassen, wie es mehr oder weniger alle die alten Weiber, schlechte Pagen und Lustigmacher sind, die wenige Jahre und noch weniger Erfahrung besitzen, und die bei wichtigen Vorfällen oder wenn es vonnöten ist, einen gescheiten Anschlag zu machen, dastehen, als wenn ihnen der Verstand verregnet wäre und kaum wissen, welche ihre rechte oder linke Hand ist. Ich könnte hierüber noch weitläufiger sein und Gründe anführen, warum es gut sei, diejenigen auszuwählen, die im Lande diesem Amte vorstehen müßten, es ist aber hier nicht dazu der schickliche Ort, ich werde es aber einmal denen vortragen, die Einfluß haben und die Sache einrichten können. Ich will nur noch hinzufügen, daß das Mitleid, welches diese silberweißen Haare, dieses ehrwürdige Gesicht und diese schwere Strafe, nur für Liebesvermittlung, bei mir erregten, sehr durch den Zusatz der Zauberei vermindert ist; ob ich gleich einsehe, daß keine Zauberei in der Welt vermögend ist, den Willen zu verändern und zu bezwingen, wie einige Einfältige glauben, denn unser Geist ist frei und weder Kräuter noch Gesänge können ihn überwältigen. Was alte einfältige Weiber und nichtswürdige Schelmen wohl zu tun pflegen, ist, daß sie Gifte mischen, die den Menschen töricht machen, womit sie meinen, so gewaltig zu sein, Liebe zu erregen, da es doch, wie gesagt, unmöglich ist, den freien Willen zu zwingen.«

»So ist es auch,« sagte der wackere Greis, »und wahrhaftig, gnädiger Herr, ob ich gleich in der Zauberei unschuldig war, so konnte ich doch das Liebesmitteln nicht leugnen, ich glaubte aber damit nichts Böses zu tun, denn meine lautere Absicht war, daß alle Leute fröhlich sein möchten, in Ruhe und Frieden leben, ohne Hader und Zwietracht; aber dieser gute Wille hat mir nichts geholfen, ich muß dahin, von wo ich gewiß nicht wiederkomme, denn ich bin schon alt und habe außerdem noch ein Übel in der Blase, das mir keinen Augenblick Ruhe läßt.«

Er fing hierauf von neuem an zu weinen, wodurch Sancho so gerührt ward, daß er vier Realen aus dem Busen zog und sie ihm als ein Almosen reichte. Don Quijote ging weiter und fragte den folgenden nach seinem Vergehen, der viel fröhlicher als der vorige antwortete: »Ich gehe dorthin, weil ich zu übermütig mit zwei Muhmen scherzte und mit zwei anderen Muhmen, die mir nicht verwandt waren, kurz, ich trieb den Scherz so ins Mannigfaltige, daß durch all dies Scherzen eine so verworrene Verwandtschaft entstand, daß sie kein Genealogist wieder ins Reine zu bringen vermag. Alles kam aus, Freunde fehlten, Geld mangelte, so geschah's, daß ich den Handel verlor und auf sechs Jahre zu den Galeeren verdammt wurde. Mir ist es recht, es ist meine Strafe, ich bin jung, das Leben geht fort und nur mit dem Tode ist alles aus. Wollt Ihr, Herr Ritter, diesen armen Schelmen eine Gabe mitteilen, so wird es Euch Gott im Himmel belohnen und wir auf Erden wollen sorgfältig in unsern Gebeten zu Gott bitten, daß er Euch Leben und Wohlsein in so vollem Maße schenke, wie es Euer edler und trefflicher Charakter verdient.«

Dieser war wie ein Student gekleidet und einer von der Wache sagte, daß er ein großer Redner und geschickter Lateiner sei. Diesen allen folgte ein Mann von guter Bildung, wohl dreißig Jahre alt, der mit dem einen Auge nach dem anderen schielte: die Weise, wie er angefesselt war, war von der der übrigen ein wenig unterschieden, denn am Fuße hatte er eine so große Kette, daß sie sich ihm um den ganzen Leib wickelte, am Halse trug er zwei Ringe, von denen der eine zur Kette gehörte, am andern aber ein sogenannter aufmerksamer Freund befestigt war, denn zwei Eisenstäbe zogen sich von oben bis zum Gürtel herunter, wo sie sich wieder in zwei Ringen endigten, an welchen seine beiden Hände mit zwei großen Schlössern angeschlossen waren, so daß er weder die Hände zum Munde erheben, noch auch den Kopf zu den Händen herunterbeugen konnte. Don Quijote fragte, warum dieser Mann soviel mehr Eisen als die übrigen an sich habe? Die Wache antwortete, weil er nicht allein mehr Verbrechen als alle übrigen zusammen begangen habe, und daß er so verwegen und listig sei, daß sie ihn immer noch nicht sicher glaubten, wenn sie ihn auch so umständlich gefesselt hatten, sondern stets seine Flucht befürchteten.

»Welche Verbrechen«, sagte Don Quijote, »kann er begangen haben, wenn er keine größere Strafe als die Galeere verdient?«

»Er ist auf zehn Jahre verurteilt,« versetzte die Wache, »und das ist so gut wie der Tod; man braucht nicht mehr zu wissen, als daß dieser redliche Mann der berühmte Gines Friedberg ist, sonst auch Hans Gines Diebsfinger genannt.«

»Herr Kommissarius,« rief sogleich der Ruderknecht, »laßt uns sachte gehen und geht nicht darauf aus, Namen und Beinamen herzuerzählen. Gines ist mein Name und nicht Hans Gines, Friedberg ist mein Zuname und nicht Diebsfinger, wie Ihr mich nennt, und jeder sorge nur für sich und er wird genug zu tun finden.«

»Nicht so hochmütig,« versetzte der Kommissarius, »du mein Herr Spitzbube von der ersten Sorte, wenn ich dich nicht zum Schweigen bringen soll, wie es dir gewiß nicht lieb ist.«

»Nun gut,« versetzte der Ruderknecht, »man muß sich in Gottes Schicksale fügen, aber es kommt gewiß der Tag, wo man erfahren soll, ob ich Hans Gines Diebsfinger heiße oder nicht.«

»Nennen sie dich denn nicht so, Straßenräuber?« fragte der Wächter.

»Ja,« antwortete Gines, »aber ich will's schon dahin bringen, daß sie mich nicht so nennen oder ein Ding tun, was ich schon weiß. Wenn Ihr uns, Herr Ritter, was geben wollt, so gebt her und geht mit Gott, Ihr seid zu neugierig, das Leben von andern Leuten zu wissen, wollt Ihr aber das meinige erfahren, so wißt, daß ich Gines Friedberg bin und meinen Lebenslauf mit diesen Fingern niedergeschrieben habe.«

»Er sagt die Wahrheit,« versetzte der Komissarius, »er hat selbst seine Geschichte niedergeschrieben, so gut man es nur verlangen kann, er hat das Buch im Gefängnis für zweihundert Realen als Pfand zurückgelassen.«

»Und ich will es einlösen,« sagte Gines, »und wenn ich zweihundert Dukaten darauf bekommen hätte.«

»So gut ist das Buch?« fragte Don Quijote.

»Es ist so gut,« antwortete Gines, »daß es den Lazarillo von Tormes und alle übrigen, die in dieser Gattung geschrieben sind oder noch geschrieben werden, weit hinter sich zurückläßt; ich kann Euch soviel davon sagen, daß es lauter Wahrheiten enthält, und diese Wahrheiten sind so anmutig und lustig, daß keine Erfindungen possierlicher sein können.«

»Und wie ist der Titel dieses Buches?« fragte Don Quijote.

»Das Leben des Gines Friedberg,« antwortete jener.

»Und ist es fertig?« fragte Don Quijote.

»Wie kann es fertig sein,« antwortete Gines, »da mein Leben noch nicht fertig ist? Was ich geschrieben habe, hebt mit meiner Geburt an und beschließt da, wie ich neulich auf die Galeeren gesandt wurde.«

»Also seid Ihr schon sonst dort gewesen?« fragte Don Quijote.

»Gott und meinem Könige zu dienen bin ich schon einmal vier Jahre darauf gewesen, ich weiß, wie der Zwieback und die Karbatsche schmeckt,« antwortete Gines, »aber ich gräme mich nicht sonderlich, wieder hinzukommen, denn ich werde dort Zeit haben, mein Buch fertigzumachen, in dem mir noch viele Dinge übriggeblieben sind, und auf den spanischen Galeeren ist immer mehr Ruhe, als ich dazu brauche, ich brauche freilich auch nicht zum Niederschreiben viele Zeit, denn ich weiß es schon auswendig.«

»Du bist geschickt,« sagte Don Quijote.

»Und unglücklich,« antwortete Gines, »denn das Unglück verfolgt immer die Genies.«

»Die Spitzbuben verfolgt es,« sagte der Kommissarius.

»Ich habe schon gesagt, Herr Kommissarius,« antwortete Friedberg, »laßt uns sachte gehen, die Herren haben Euch Euren Stab nicht dazu anvertraut, die armen Schelmen zu mißhandeln, die unter Euch stehen, sondern daß Ihr sie führt, und dahin bringt, wohin der Befehl Ihrer Majestät lautet, tut Ihr anders, bei meiner Seele -- -- Nun, genug! Aber vielleicht gehen einmal in der Wäsche alle die Flecke aus, die in der Schenke angeschmiert sind und alle Welt sei ruhig und lebe wohl und spreche besser und laßt uns weiterziehen, denn dies Wesen ist über die Gebühr langweilig.«

Der Kommissarius erhob seinen Stab, um dem Friedberg auf seine Drohungen zu antworten, aber Don Quijote legte sich dazwischen und bat, ihn nicht zu schlagen, denn es sei dem, dem die Hände so fest gebunden wären, wohl zu gönnen, die Zunge frei zu brauchen; worauf er sich gegen alle an der Kette wandte und sprach: »Aus alledem, was Ihr mir gesagt habt, vielgeliebte Brüder, habe ich soviel verstanden, daß, wenn Ihr gleich für Vergehungen gestraft werdet, Ihr Euch doch mit Widerwillen eurer Züchtigung unterwerft und sehr ungern und gegen euren Willen derselben entgegenwandelt. Auch ist es wohl möglich, daß der wenige Mut, den dieser auf der Tortur bewies, der Geldmangel bei jenem, bei diesem der Mangel an Freunden und überhaupt das schlechte Urteil des Richters Ursache eures Unglückes ist, daß ihr nicht die Gerechtigkeit gefunden habt, die euch eigentlich zukam; welches alles sich jetzt so meinen Gedanken vorstellt, daß ich angereizt, überredet, ja gezwungen bin, euch den Zweck deutlich zu machen, zu welchem der Himmel mich auf die Erde versetzte und den Orden der Ritterschaft, den ich bekleide, erwählen hieß, als in welchem es mein Gelübde erheischt, ein Freund der Hilfsbedürftigen zu sein, wie aller, die unter dem Drucke der Gewalt seufzen. Es ist mir aber bekannt, wie es eine Regel der Klugheit ist, das nicht im Bösen zu tun, was sich im Guten ausrichten läßt, daher ergeht meine Bitte an diese Herren der Wache und den Herrn Kommissar, euch gefälligst loszufesseln und in Frieden gehen zu lassen, denn es wird nicht an Leuten mangeln, die dem Könige auf bessere Weise dienen mögen, denn mir scheint es etwas hartes, diejenigen zu Sklaven zu machen, die Gott und die Natur als freie Leute geboren werden ließ. Überdies, meine Herren Wächter,« fuhr Don Quijote fort, »haben ja diese Unglückseligen euch nichts getan; dorten aber wird jeder für seine Vergehungen büßen, denn Gott im Himmel lebt, das Böse zu bestrafen und das Gute zu belohnen, und es ziemt sich nicht, daß ehrliche Männer die Henker anderer Männer sind, die ihnen nichts zu Leide taten. Ich bitte euch deshalb mit dieser Ruhe und Freundlichkeit, damit ich euch danken könne, wenn ihr mein Begehren erfüllt, falls ihr es aber nicht auf diesem Wege ausrichtet, so steht diese Lanze, dieses Schwert, meinem tapfern Arme zu Gebote, um euch mit Gewalt zu zwingen, es also zu vollstrecken.«

»Nun, das ist hinlänglich toll,« sagte der Kommissarius, »ein herrlicher Unsinn nach all dem Geschwätz! Wir sollen die Sklaven des Königs frei lassen! Als wenn wir die Macht hätten, das zu tun, oder er da, es uns zu befehlen. O geht, mein Herr, mit Gott, und setzt Euch auf dem Kopfe Euer Bartbecken zurecht und bekümmert Euch nicht um ungelegte Eier.«

»Ihr selbst seid ungelegt und ungefegt und ein Ungeheuer von Spitzbube!« antwortete Don Quijote. Und in demselben Augenblick rannte er so wütend auf jenen ein, daß er sich nicht zur Wehr setzen konnte, sondern von der Lanze schwer verwundet zu Boden stürzte, welches für ihn glücklich ausschlug, denn es war derselbe, der die Flinte führte. Die übrige Wache erstaunte und erschrak über diesen unerwarteten Angriff, da sie sich aber wieder sammelten, zogen die zu Pferde die Degen, die zu Fuß ergriffen ihre Spieße und alle machten sich über Don Quijote, der sie mit aller Geistesruhe erwartete. Ohne Zweifel wäre es ihm übel ergangen, wenn nicht die Ruderknechte, da sie diese günstige Gelegenheit, sich frei zu machen, sahen, sie in der Tat benutzt hätten, indem sie die Kette, an der sie aufgereiht waren, zerbrachen. Hierauf entstand eine solche Verwirrung, daß die Wachen, bald zu den Ruderknechten laufend, die sich losmachten, bald Don Quijote angreifend, der sie angriff, durchaus nichts ausrichten konnten. Sancho seinerseits half dem Gines Friedberg aus seinen Eisen heraus, der zuerst frei und ohne alle Fesseln im Felde herumlief, sich über den niedergestürzten Kommissarius machte und ihm Degen und Flinte abnahm; hierauf legte er die Flinte bald auf diesen an, bald zielte er nach jenem, ohne loszuschießen, so daß bald keiner von der Wache mehr das Feld behauptete, denn alle entflohen, teils vor der Flinte des Friedberg, teils vor dem Steinregen, den die frei gewordenen Ruderknechte erregten. Sancho wurde über diese Begebenheit sehr betrübt, denn er glaubte, daß die Entfliehenden sogleich der heiligen Brüderschaft den ganzen Vorfall anzeigen würden, die die Sturmglocken läuten möchte, um die Verbrecher einzufangen; diese Besorgnis trug er auch seinem Herrn vor und bat ihn, sich eiligst zu entfernen, damit sie sich in das nah gelegene Gebirge verstecken könnten.

»Es mag drum sein,« sagte Don Quijote, »aber ich weiß, was mir vorerst zu tun obliegt.« Worauf er denn alle Ruderknechte zusammenrief, die sich schon zerstreut und den Kommissar bis aufs Hemd ausgezogen hatten; sie stellten sich um ihn her, um zu sehen was er haben wollte, er aber sagte: »Braven Leuten steht es gut an, für empfangene Wohltaten dankbar sein, und Undankbarkeit ist eine derjenigen Sünden, durch welche man Gott am meisten erzürnt; dieses sage ich, weil ihr, meine edlen Herren, gesehen und deutlich genug erfahren habt, wie großes ihr von mir empfangen; zum Lohn dafür wünsche und begehre ich, daß ihr diese Kette, die von eurem Halse abfiel, wieder auf euch nehmt, euch gleich auf den Weg macht, und euch nach der Stadt Toboso begebt, um euch dort der Dame Dulzinea von Toboso zu präsentieren, ihr sagend, daß ihr Ritter, der von der traurigen Gestalt, euch sende und schicke, worauf ihr denn Punkt für Punkt alles erzählen sollt, was sich in diesem berühmten Abenteuer bis zu eurer wirklichen Befreiung zugetragen hat; ist dieses vollbracht, so könnt ihr in Gottes Namen gehen, wohin es euch gefällt.«

Im Namen der übrigen antwortete Gines Friedberg: »Was Ihr uns da, gnädiger Herr und unser Erretter, auftragt, ist von der äußersten Unmöglichkeit, es auszurichten, denn wir können nicht in Gesellschaft auf den Straßen ziehen, sondern einzeln und getrennt und jeder für sich besorgt, ja es wäre gut, wenn wir uns in die Eingeweide der Erde verkriechen könnten, damit uns nur die heilige Brüderschaft nicht findet, die gewiß sehr bald Jagd auf uns macht. Was Ihr tun mögt und mit Billigkeit tun könnt, ist, diese Dienstleistung und Wanderschaft nach der Dame Dulzinea von Toboso in eine Anzahl Ave Marias und Credos zu verwandeln, die wir zu Eurem Besten abbeten wollen, denn das läßt sich bei Tag und Nacht, auf der Flucht und auf der Ruhe, im Krieg und Frieden tun; aber zu glauben, daß wir wieder zu den Fleischtöpfen Ägyptens zurückkehren werden, ich meine, daß wir unsere Kette wieder aufnehmen und uns damit auf den Weg nach Toboso machen sollen, ist, als wollte man glauben, es sei jetzt Nacht, da es doch zehn Uhr morgens ist, und es von uns verlangen, heißt Birnen vom Ulmbaum fordern.«

»Aber ich schwöre,« sagte Don Quijote sehr ergrimmt, »Ihr, Don Hurensohn oder Don Hans Gines Diebsfinger oder wie Ihr sonst heißen mögt, daß Ihr allein gehen sollt, alle Eure Eisen zwischen den Beinen und die ganze Kette über den Buckel gehängt!«