Part 7
Auf dem ersten Blatte war Don Quijotes Schlacht mit dem Biskayer ganz nach dem Leben abgemalt, sie standen in derselben Stellung, wie sie die Geschichte beschreibt, die Schwerter aufgehoben, dieser mit seinem Schilde, jener mit seinem Kissen beschirmt; zugleich war das Maultier des Biskayers so täuschend abgebildet, daß man es auf einen Steinwurf davon schon für ein gemietetes Tier erkannte. Zu den Füßen des Biskayers stand geschrieben, Don Sancho de Azpeytia, welches wahrscheinlich sein Name war, unter Rosinantes Füßen war ein anderes Blatt, worauf geschrieben war Don Quijote. Dieser Rosinante war bewundernswürdig abgeschildert, so lang und gedehnt, so dünn und eingefallen, mit einem so hervorstehenden Rückgrad und einem so anständigen Betragen, daß er beim Beschauen bewies, wie passend und mit welcher Schicklichkeit ihm der Name Rosinante gegeben sei. Daneben stand Sancho Pansa, der seinen Esel am Stricke hielt, zu seinen Füßen war wieder ein Zettel mit der Inschrift: Sancho Breitfuß, und wie das Gemälde zeigte, hatte er auch in der Tat einen dicken Bauch, einen schlechten Wuchs und sehr breite Füße, und deshalb hatte er auch den Zunamen Pansa und Breitfuß, so wie auch beide Namen abwechselnd in der Geschichte genannt werden. Ich könnte noch einige andere Abweichungen anführen, aber sie sind alle unwichtig und keine tut der Wahrheit der Geschichtserzählung Eintrag, sonst ist keine zu verachten, die die Wahrheit in ein helleres Licht setzt.
Man könnte in Ansehung der Wahrhaftigkeit nichts anderes einwerfen, als daß der Verfasser ein Araber gewesen und daß es dieser Nation eigentümlich sei, zu lügen, und da sie überdies so sehr unsere Feinde sind, so habe der Autor auch gewiß manches eher unterdrückt als vergrößert. Dies scheint mir auch wirklich der Fall zu sein, denn wenn er sich am weitläufigsten in Lobeserhebungen des wackeren Ritters ergießen könnte und sollte, geht er lieber geflissentlich mit Stillschweigen darüber hinweg. Dies ist ein übler und tadelnswürdiger Charakter, denn ein Geschichtschreiber sollte genau sein, wahrhaft, ohne Leidenschaft, weder von Eigennutz noch Furcht beherrscht, weder Haß noch Liebe dürfte ihn vom Wege der Wahrheit verleiten, deren Mutter die Geschichte ist, die Nebenbuhlerin der Zeit, das Archiv aller Taten, Zeugin des Verflossenen, Beispiel und Rat des Gegenwärtigen, Warnerin der Zukunft. Alles dies und was man nur wünschen kann, wird sich in diesem anmutigen Werke finden, und wenn irgend etwas Gutes darin mangelt, so liegt nach meiner Meinung die Schuld an dem Esel von Autor, gewiß aber nicht an dem Gegenstande. Kurz, der zweite Teil fing nach der Übersetzung folgendermaßen an. -- -- --
Hochgeschwungen waren die mörderischen Schwerter der beiden tapferen und ergrimmten Kämpfer, die dem Himmel, der Erde und der Unterwelt zu dräuen schienen, so groß war ihre Kühnheit und ihr Mut. Wer zuerst seinen Streich ausführte, war der hitzige Biskayer, der so kräftig und wütend ausholte, daß, wenn sich das Schwert nicht unterwegs gewandt hätte, dieser einzige Streich hinreichend war, dem edlen Mute und allen künftigen Abenteuern unseres Helden ein Ende zu machen; aber das Glück, das ihn wichtigeren Dingen aufsparte, drehte das Schwert seines Gegners, so daß es auf die linke Schulter schlug und ihm weiter keinen Schaden zufügte, als daß es diese ganze Seite von der Rüstung entblößte und auf dem Wege einen großen Teil des Helmes sowie die Hälfte des Ohres mit sich nahm, welches alles mit einem entsetzlichen Gekrach auf die Erde stürzte und eine Strecke weit wegflog.
Heiliger Gott! Wer wäre imstande, die Wut genügend zu beschreiben, die das Herz unseres Manchaners erfaßte, als er sich so zugerichtet sah! Ich will nicht mehr anführen, als daß sie von der Art war, daß er sich von neuem in den Bügeln erhob, das Schwert mit beiden Händen faßte und damit so rasend auf den Biskayer loshieb, daß, ohngeachtet jener mit dem Kissen über dem Kopfe gepanzert war, trotz diesem herrlichen Schirme der Hieb wie ein Berg herabfiel, so daß ihm Blut aus der Nase, dem Munde und den Ohren strömte und er im Begriff war, von dem Maultiere zu fallen, auch gewiß herabgestürzt wäre, wenn er nicht den Hals umfaßt hätte. Dennoch aber verloren die Füße die Steigbügel, die Arme ließen los, und das Maultier, von dem fürchterlichen Hiebe scheu gemacht, lief übers Feld und warf seinen Herrn mit wenigen Kapriolen auf den Boden.
Mit vieler Ruhe betrachtete Don Quijote dies alles, aber sowie er ihn liegen sah, stieg er vom Pferde, ging schnell zu ihm hin und setzte ihm die Spitze seines Degens ins Gesicht, mit dem Befehle, sich zu ergeben, falls er ihm nicht den Kopf abhauen solle. Der Biskayer lag ohne Bewußtsein da und konnte kein Wort sprechen, und es wäre ihm übel ergangen, denn Don Quijote war blind, wenn nicht die Damen aus der Kutsche, die bis dahin mit Entsetzen dem Zweikampfe zugesehn hatten, herbeigeeilt wären und ihn so artig gebeten hätten, ihnen die große Gnade und Gunst zu erzeigen und ihrem Stallmeister das Leben zu schenken.
Don Quijote erwiderte hierauf mit sehr ernster und feierlicher Stimme: »Unendlich, schöne Damen, bin ich erfreut, Euer Begehr zu erfüllen, aber die Bedingung und Bewilligung besteht darin, daß dieser Ritter mir versprechen soll, nach dem Dorfe Toboso zu gehen und sich meinerseits vor der unvergleichlichen Donna Dulzinea zu präsentieren, damit sie nach ihrem Willen mit ihm schalten möge.«
Die erschrockenen und trostlosen Damen, ohne sich mit Don Quijote in Erörterungen einzulassen oder sich weiter nach der Dulzinea zu erkundigen, versprachen, daß der Stallmeister alles vollbringen werde, was man ihm gebiete. -- »So sei es denn im Vertrauen auf Euer Wort, daß ich ihm kein Unheil weiter zufüge, wofür er mir sehr verbunden sein kann.«
~Zweites Kapitel~
Ein anmutiges Gespräch zwischen Don Quijote und Sancho Pansa, seinem Stallmeister
Indessen hatte sich Sancho Pansa aufgerichtet, den die Burschen der Patres mißhandelt hatten; er hatte der Schlacht seines Herrn Don Quijote aufmerksam zugeschaut und herzlich zu Gott gebetet, daß er ihm den Sieg verleihen und eine Insel gewinnen lassen möge, über welche er ihn, seinem Versprechen gemäß, zum Statthalter setzen könne. Da er nun merkte, daß der Kampf entschieden war und sein Herr wieder auf den Rosinante steigen wollte, kam er hinzu, ihm den Steigbügel zu halten, und ehe jener noch aufgestiegen war, warf er sich vor ihm nieder, ergriff seine Hand, küßte sie und sagte: »Erinnere sich mein gnädiger Herr Don Quijote nunmehr, mir die Regierung der Insel zu schenken, die in diesem hartnäckigen Kampfe gewonnen ist, sie sei auch noch so groß; ich fühle Tüchtigkeit in mir, sie zu regieren, trotz einem in der ganzen Welt, der nur je Inseln regiert hat.«
Hierauf erwiderte Don Quijote: »Sei wissend, Bruder Sancho, daß dieses Abenteuer, wie dem ähnliche, keine Inseln-, sondern nur Kreuzwegsabenteuer sind, in denen man nichts gewinnt, als zerschlagene Köpfe und abgehauene Ohren. Fasse Geduld, es werden sich Abenteuer einstellen, die dir nicht nur eine Statthalterschaft, sondern wohl noch mehr eintragen sollen.«
Sancho war sehr erfreut und küßte wieder die Hand und den Harnisch, worauf er ihm auf seinen Rosinante half, selbst den Esel bestieg und seinem Herrn nachritt, der, ohne weiter mit denen in der Kutsche zu sprechen, sich eilig in ein nahegelegenes Gehölz wandte. Sancho folgte ihm im vollen Trabe seines Tieres, aber Rosinante war so behende, daß er sich weit entfernt sah und seinem Herrn laut zurufen mußte, er möchte auf ihn warten. Don Quijote tat es, er hielt den Rosinante so lange an, bis ihn sein Edelknabe eingeholt hatte, der darauf, als er nahe gekommen, sagte: »Es wäre wohl gut, Herr, wenn wir uns in eine Kirche flüchteten, denn da der so übel zugerichtet ist, mit dem Ihr Euch geschlagen habt, so ist er imstande, alles der heiligen Brüderschaft zu klagen, daß sie uns fangen; haben die uns aber einmal hingesetzt, so kann wahrhaftig der Himmel darüber einfallen, ehe sie uns wieder herauslassen.«
»Sei ohne Sorge,« sagte Don Quijote, »wann hast du jemals gesehen oder gelesen, daß ein irrender Ritter vor Gericht geführt sei, wenn er auch tausend Homizidien begangen hätte.«
»Von den Omezilien versteh ich nichts,« antwortete Sancho, »habe mich auch zeitlebens auf keine eingelassen, aber das weiß ich, daß sich die heilige Brüderschaft drum bekümmert, wer sich auf dem freien Felde rauft; alles übrige geht mich nichts an.«
»Du darfst nicht zweifeln, Freund,« antwortete Don Quijote, »daß ich dich aus den Händen der Chaldäer, geschweige der Brüderschaft erretten wollte. Aber sage mir aufrichtig, hast du wohl einen so tapferen Ritter als ich bin auf der ganzen bisher bekannten Erde gesehen? Hast du in den Historien von einem gelesen, der beweist oder bewiesen hat größere Kühnheit in Angriffen, mehr Festigkeit in der Ausdauer, mehr Geschicklichkeit zu verwunden und größere Behendigkeit niederzuwerfen?«
»Die Wahrheit ist,« antwortete Sancho, »daß ich niemals keine Historie gelesen habe, denn ich kann nicht lesen und schreiben, aber das will ich behaupten, daß ich einem so verwegenen Herrn als Euer Gnaden in meinem ganzen Leben noch nicht gedient habe, und Gott gebe nur, daß die Verwegenheit nicht so bezahlt wird, wie ich schon gesagt habe. Ich bitte aber Euer Gnaden, sich zu kurieren, denn aus dem Ohre läuft vieles Blut, ich habe Scharpie und etwas weiße Salbe im Schnappsack.«
»Alles wäre besser,« sagte Don Quijote, »wenn ich darauf gefallen wäre, mir eine Flasche von dem Balsame Fierabras zu machen, denn mit einem einzigen Tropfen könnten wir Zeit und Medizin ersparen.«
»Was für eine Flasche und was für ein Balsam ist das?« fragte Sancho Pansa.
»Dieser Balsam,« erwiderte Don Quijote, »von welchem ich das Rezept im Gedächtnis habe, ist so beschaffen, daß ich mit ihm den Tod nicht zu fürchten oder an irgendeiner Wunde zu sterben zu besorgen brauche. Wann ich ihn also verfertige und ihn dir übergebe, so hast du nichts weiter zu tun, als wenn du mich in einer Schlacht mitten durchgehauen siehst (wie dies denn oftmals begegnet), die Hälfte des Körpers, die auf den Boden gefallen ist, sauber aufzuheben, sie behende ehe das Blut erkaltet auf die andere Hälfte, die im Sattel sitzt, aufzupassen und sie sorgfältig und gerecht einzufugen. Zugleich gibst du mir zwei Schluck von dem genannten Balsam zu trinken, und du wirst sehen, daß ich dann so gesund bin wie ein Fisch.«
»Wenn das so ist,« sagte Sancho, »so will ich mich der Regierung der versprochenen Insel begeben, und ich verlange zum Lohn meiner vielen und tapferen Dienste nichts anderes, als daß Ihr mir das Rezept dieses erstaunlichen Getränkes mitteilt, wovon nach meiner Rechnung die Unze wohl ihre zwei Realen wert sein mag, und mehr brauche ich dann nicht, um mein Leben ehrlich und lustig hinzubringen. Aber nun muß ich noch wissen, ob es ihn zu machen viel kosten wird.«
»Mit weniger als für drei Realen kannst du drei Quart zubereiten,« antwortete Don Quijote.
»Meiner Seel!« rief Sancho aus, »warum macht Ihr ihn denn nicht und lehrt es mich gleich?«
»Sei nur ruhig, Freund,« sagte Don Quijote, »noch größere Geheimnisse will ich dich lehren, noch größeren Lohn sollst du empfangen, aber jetzt wollen wir auf die Kur denken, denn das Ohr schmerzt mich mehr als ich es sage.«
Sancho nahm aus dem Beutel Scharpie und Salbe, aber als Don Quijote sah, wie sein Helm verdorben war, wollte er unsinnig werden; er legte die Hand an das Schwert, erhob die Augen zum Himmel und sagte: »Ich schwöre hier beim Schöpfer aller Dinge, bei den heiligen vier Evangelien, wo sie am umständlichsten geschrieben stehen, eben das Leben zu führen, welches der große Marquis von Mantua führte, als er schwur, den Tod seines Neffen Balduin zu rächen: welches darin bestand, auf keinem Tischtuche zu essen, mit seiner Gemahlin sich nicht zu ergötzen, nebst anderen Dingen, deren ich mich nicht erinnere, die ich aber hier zugleich befasse, bis ich vollständige Rache an dem genommen, der mir diesen Schimpf erwiesen.«
Als Sancho dies hörte, sagte er: »Bedenkt, mein gnädiger Herr Don Quijote, daß, wenn der Ritter das tut, was Ihr ihm befohlen habt, nämlich hinzugehen und sich der Dame Dulzinea von Toboso zu präsentieren, daß er dann alles getan hat, was ihm zukömmt, und also keine andere Strafe verdient, wenn er kein neues Verbrechen begeht.«
»Du hast gut und trefflich gesprochen,« antwortete Don Quijote, »ich vernichte also den Eid, insofern ich eine neue Rache nehmen wollte: aber ich wiederhole und bestätige ihn, das obgenannte Leben zu führen, bis ich mit Gewalt von einem Ritter einen so schätzbaren Helm erobere als dieser ist. Und gedenke nur nicht, Sancho, daß ich dieses vom Zaune breche, sondern ich ahme hierin buchstäblich das nach, was sich in Ansehung des Helmes des Mambrin zutrug, der dem Sacripante so kostbar war.«
»Laßt doch, gnädiger Herr, den Teufel diese Schwüre holen,« versetzte Sancho, »die der Seligkeit zum Schaden und dem Gewissen zur Last gereichen! Bedenkt nur, wenn wir nun in vielen Tagen auf keinen Menschen treffen, der einen Helm führt? Was sollen wir dann machen? Sollen wir den Schwur erfüllen, der so viel Unbequemlichkeit und Drückendes hat, wie in den Kleidern zu schlafen und in keiner Herberge einzukehren, nebst tausend anderen Kasteiungen, die in dem Schwure des unsinnigen alten Kerls, des Marquis von Mantua vorkommen, den Ihr nun wieder in Gang bringen wollt? Bedenkt nur, gnädiger Herr, daß auf allen diesen Wegen hier keine geharnischten Männer reisen, die gar keine Helme tragen, ja die vielleicht in ihrem ganzen Leben keinen Helm haben nennen hören.«
»Du irrst in diesem,« antwortete Don Quijote, »denn nicht zwei Stunden werden wir auf den Kreuzwegen fortreisen, ohne mehr Geharnischte anzutreffen, als nach Albraca kamen, um Angelika, die schöne, zu entsetzen.«
»Wenn's geschieht, so mag's sein,« sagte Sancho, »und ich bitte Gott, daß es uns gut gelinge, und daß bald die Zeit kommen mag, die Insel zu gewinnen, die mir so köstlich ist; dann will ich sterben.«
»Ich habe es dir gesagt, Sancho, daß du desfalls unbekümmert sein darfst, denn wenn uns auch eine Insel fehlen sollte, so sind ja doch die Reiche Dänemark und Sabradisa noch, die sich dir wie ein Paar Handschuhe anpassen werden und die sich um so mehr vergnügen müssen, da sie auf dem festen Lande liegen. Aber wir wollen dieses der Zeit überlassen; jetzt schaue zu, ob du in deinem Schnappsacke etwas Eßbares führst: dann wollen wir sogleich ein Kastell aufsuchen, wo wir diese Nacht herbergen und den Balsam machen können, von dem ich dir gesagt, denn ich schwöre es dir zu Gott, daß das Ohr mich heftiglich schmerzt.«
Sancho zog hierauf eine Zwiebel und ein wenig Käse hervor, nebst etlichen Stückchen Brot und sagte: »Dies sind aber keine Gerichte, die sich für einen so tapfern Ritter als Eure Gnaden sind schicken.«
»Übel verstehst du dieses,« antwortete Don Quijote; »erfahre also, Sancho, daß die Ehre der irrenden Ritter darin besteht, in einem Monate nicht zu essen, und selbst wenn sie essen, das, was ihnen in die Hände fällt; du würdest auch davon versichert sein, wenn du so viele Historien wie ich gelesen hättest; denn trotz der großen Menge habe ich nicht in einer einzigen erwähnt gefunden, daß die irrenden Ritter gegessen hätten, wenn es sich nicht etwa traf, daß sie ein prächtiges Bankett anrichteten; sonst begnügten sie sich an den übrigen Tagen mit der Entbehrung. Wenn ich nun freilich wohl einsehe, daß sie nicht ohne Essen sowie ohne die übrigen natürlichen Bedürfnisse leben konnten, denn sie waren eben solche Menschen wie wir es sind, so versteht sich doch auch von selbst, da sie die meiste Zeit ihres Lebens in Waldungen und Einöden, und zwar ohne einen Koch zubrachten, daß ihre gewöhnlichen Speisen in solchen ländlichen Gerichten bestehen mußten, wie du mir da eben anbietest. Also, Freund Sancho, sorge nicht, mir etwas Schmackhaftes zu geben, wenn du nicht die Welt neu schaffen und die irrende Ritterschaft aus ihren Angeln heben willst.«
»Nehmt's nicht übel, gnädiger Herr,« sagte Sancho, »da ich, wie ich schon oft gesagt, weder lesen noch schreiben kann, so versteh ich auch drum keine Regeln vom Handwerk der Ritterei. Ich will aber künftig den Schnappsack mit aller Art von trockener Frucht versorgen für Euch, der Ihr ein Ritter seid; für mich aber, der ich es nicht bin, will ich ihn mit anderen Sachen versorgen, die kernigter und gewichtiger sind.«
»Ich sage ja nicht, Sancho,« erwiderte Don Quijote, »daß die irrenden Ritter gezwungen seien, nichts als die Früchte zu essen, von denen du da sprichst, sondern nur, daß ihr gewöhnlicher Unterhalt darin und in etlichen Kräutern bestand, die sie im Felde fanden und kannten und welche ich ebenfalls kenne.«
»Es ist ein Glück,« antwortete Sancho, »mit solchen Kräutern bekannt zu sein, und wie ich mir vorstelle, wird wohl einmal eine Zeit kommen, wo wir gezwungen sind, aus dieser Bekanntschaft Nutzen zu ziehen.«
Hiermit gab er ihm das, was er bei sich hatte und sie aßen friedlich und gesellig miteinander. Da sie aber begierig waren, einen Ort zu finden, wo sie in der Nacht einkehren könnten, so beendigten sie schnell ihre dürftige und trockene Mahlzeit. Dann stiegen sie zu Pferde und eilten sehr, um noch vor der Nacht eine Ortschaft zu erreichen; aber die Sonne ging so wie ihre Hoffnung unter, das zu finden, was sie wünschten, als sie sich bei einigen Hütungen etlicher Ziegenhirten befanden, bei denen sie anzuhalten beschlossen. Sancho war sehr verdrießlich, daß er keine Herberge mehr erreicht hatte, aber sein Herr desto vergnügter, unter freiem Himmel schlafen zu können, denn er glaubte durch jeden ähnlichen Vorfall ein Besitztumsrecht mehr zu erhalten, wodurch er um so deutlicher seine Ritterschaft beweisen könne.
~Drittes Kapitel~
Was dem Don Quijote mit etlichen Ziegenhirten begegnete
Er wurde von den Ziegenhirten sehr bereitwillig aufgenommen, und nachdem Sancho, so gut es sich tun ließ, für den Rosinante und seinen Esel gesorgt hatte, folgte er dem Geruche von einigen Stücken Ziegenfleisch, die über dem Feuer in einem Kessel kochten. Er war auch gleich des Willens, den Versuch zu machen, ob es sich nicht schicken wolle, sie ohne weiteres aus dem Kessel in seinen Magen zu führen, aber dieser Vorsatz wurde dadurch vereitelt, daß die Hirten das Fleisch vom Feuer nahmen, auf der Erde einige Schaffelle ausbreiteten, sehr bald ihren ländlichen Tisch fertig hatten und hierauf die beiden mit dem besten Willen zu dem, was vorrätig war, einluden. Um die Felle herum lagerten sich ihrer sechs, die sich dort in der Hütung befanden, nachdem sie Don Quijote vorher mit ungeschickten Komplimenten genötigt hatten, sich auf einem Troge niederzulassen, den sie umkehrten. Don Quijote setzte sich, Sancho aber blieb stehen, um den Becher herumzureichen, der aus Horn gemacht war. Als ihn sein Herr stehen sah, sagte er: »Sancho, damit du die Vorzüge erkennest, die die irrende Ritterschaft mit sich führt und wie geehrt diejenigen sind, die in irgendeinem ihr zugehörenden Amte stehen, damit du merkst, wie solche von der Welt geachtet und geehrt werden, will ich, daß du an meiner Seite und in der Gesellschaft dieser braven Leute sitzt, daß du ein und eben das mit mir seist, der ich doch dein Herr und eigentlicher Gebieter bin, daß du aus meiner Schüssel ißt und trinkst, woraus ich trinke. Denn der irrenden Ritterschaft kann man das nämliche sagen, was von der Liebe gesagt wird, daß sie alle Dinge gleich macht.«
»Großen Dank!« sprach Sancho, »aber ich muß Euch sagen, gnädiger Herr, daß, wenn ich was Gutes zu essen habe, es mir im Stehen und so für mich weit besser schmeckt, als wenn ich einem Kaiser zur Seite gesetzt würde. Und soll ich vollends die Wahrheit bekennen, so schmecken mir Brot und Zwiebeln in meinem Winkel besser, wo ich ohne Umstände und Komplimente essen darf, als Puterbraten, wenn ich nur langsam kauen soll, wenig trinken, mir alle Augenblicke den Mund wischen muß, weder niesen noch husten darf, wenn mir die Lust ankommt, oder andere Dinge tun, die sich mit der Einsamkeit und Freiheit vertragen. Also, gnädiger Herr, könnt Ihr die Ehre, die Ihr mir zudenkt, da ich ein Diener und Zubehör der irrenden Ritterschaft bin, ich meine, Euer Edelknabe, lieber in was anderes verwandeln, das mir bequemer und nutzbarer ist: denn dies nehme ich hiermit für empfangen und entsage ihm von jetzt an bis in Ewigkeit.«
»Du sollst dich dennoch niedersetzen, denn der Himmel erhöht den, der sich selbst erniedrigt,« und zugleich faßte er ihn beim Arm und zog ihn mit Gewalt an seine Seite nieder. Die Ziegenhirten begriffen von diesem Rotwelsch der Edelknaben und irrenden Ritter nichts, sie aßen, schwiegen still und beschauten ihre Gäste, die sehr anmutig und behende Stücke wie die Faust groß, herunterkauten.
Das Fleisch war verzehrt; als zweites Gericht legten sie auf die Felle eine große Menge Eicheln, wobei sie einen Käse aufsetzten, der härter war, als wenn er aus Kalk gearbeitet wäre. Das Trinkhorn war auch nicht müßig, denn es ging häufig herum, bald voll, bald ausgeleert wie der Eimer an einem Schöpfrade, so daß einer von den beiden preisgegebenen Schläuchen bald ausgeleert war.
Als Don Quijote satt war, nahm er eine Handvoll Eicheln, betrachtete sie aufmerksam und eröffnete hierauf seinen Mund zu folgenden Worten: »O du beglückte Zeit! beglücktes Jahrhundert! dem unsere Vorfahren den Namen des goldenen beilegten, nicht weil man damals das Gold, welches in unserm eisernen Zeitalter so geschätzt wird, in jenen preiswürdigen Tagen ohne Beschwer gewann, sondern weil unter denen, die damals lebten, die beiden Wörter mein und dein unbekannt waren. In diesem segenreichen Alter waren alle Dinge gemein, keiner durfte für seinen gewöhnlichen Unterhalt etwas Weiteres tun, als die Hand ausstrecken, um sie von den starken Eichen zu pflücken, die einladend und freigebig die süße und gesunde Frucht jedermann hinreichten. Die klaren Gewässer und die rollenden Ströme boten in ihrer herrlichen Fülle die wohlschmeckende durchsichtige Welle zum Trunke dar. In den Felsenritzen und Baumhöhlen bauten die fleißigen und klugen Bienen ihren Staat und luden ohne Eigennutz jedwede Hand zur Einsammlung ihrer lieblichen Arbeit ein. Die festen Korkbäume gaben freiwillig und ohne Berührung des Beils die reichhaltige und leichte Rinde her, womit man die Hütten, die auf unbehauenen Pfählen ruhten, deckte, um sich gegen die Unfreundlichkeit des Himmels zu schützen. Alles war Friede, Liebe, Eintracht; noch hatte es das schneidende Eisen des gekrümmten Pfluges nicht gewagt, die frommen Eingeweide unserer ersten Mutter zu öffnen und zu verletzen; denn ungezwungen verbreitete von allen Seiten der fruchtbare große Schoß alles, was zur Sättigung, Erhaltung und Ergötzung ihrer Kinder diente. Damals schweiften die einfältigen und schönen Hirtenmädchen von Tal zu Tal, von Hügel zu Hügel, die Haare aufgeflochten und nicht weiter bekleidet, als das anständig zu verhüllen, was die Tugend damals und immer zu verhüllen geboten hat; aber sie waren nicht geschmückt, wie es jetzt geschieht, denn Tyrischen Purpur und die tausendfältig zermarterte Seide kannten sie nicht. Grüne Blätter mit Efeu verwebt war ihre Tracht, in der sie wohl so herrlich und reizend erschienen, als jetzt unsere Damen in ihren seltsamen und fremden Erfindungen, die der sinnende Müßiggang erzeugt. Einfalt und Treue waren damals der Schmuck der werbenden Liebe, sie sprach wie sie dachte und suchte keinen künstlichen Schwung der Worte, um köstlich zu machen. Betrug, Täuschung und Bosheit waren nicht mit Wahrheit und Aufrichtigkeit vermischt. Auf eigenen Gesetzen ruhte die Gerechtigkeit, weder Gunst noch Eigennutz wagten es, sie zu irren, die sie jetzt schmälern, irren und verfolgen. Willkürliche Aussprüche verunzierten keinen Richter, denn keiner richtete damals und keiner wurde gerichtet. Die Jungfrauen und Tugend gingen, wie schon gesagt, wohin sie wollten, allein und sich selbst genügend, denn sie hatten keinen Raub und keinen schamlosen Feind zu fürchten, freiwillig und aus eigener Liebe verschenkten sie ihre Gunst. Aber in unsern verderblichen Zeiten ist keine Tugend sicher, wenn sie auch ein neues Cretensisches Labyrinth verborgen und verschlossen hielte: denn auch dort dringt durch Ritzen und mit der Luft die ungebändigte, listerfüllte Begier hinein und vereitelt und vernichtet jegliche Vorsicht. Zur Sicherheit wurde also im Fortlauf der Zeiten und mit der anwachsenden Bosheit der Orden der irrenden Ritter begründet, um Jungfrauen zu verteidigen, Witwen zu schützen, Waisen und Hilfsbedürftigen beizustehen. Desselben Ordens bin auch ich, ihr Hirten, meine Brüder, denen ich für die Aufnahme und den freundlichen Willkommen danke, welche sie mir und meinem Edelknaben gegeben; denn obgleich das Gesetz der Natur alle Lebendigen verpflichtet, den irrenden Rittern freundlich zu sein, so habt ihr mich doch, ohne diese Pflicht zu kennen, aufgenommen und gespeist, und deshalb danke ich Euch um so mehr.«