Part 8
Diese ganze lange Rede, die er wohl hätte unterlassen können, hielt unser Ritter, weil ihn die aufgetragenen Eicheln an das goldene Zeitalter erinnerten, dies machte ihm Lust, den Ziegenhirten diese überflüssige Beschreibung zu machen, die ihm, ohne eine Silbe zu antworten, mit Erstaunen und Verwunderung zuhörten. Auch Sancho schwieg still, aß Eicheln und besuchte wiederholt den zweiten Schlauch, den sie, um den Wein frisch zu halten, an einen Korkbaum gehängt hatten.
Don Quijote schwieg, die Abendmahlzeit war vollbracht, und einer von den Ziegenhirten sagte nunmehr: »Damit Ihr doch auch mit Recht sagen könnt, mein Herr irrender Ritter, daß wir Euch gern und ohne Umstände aufgenommen haben, so wollen wir Euch noch damit Lust und Vergnügen machen, daß einer von unseren Kameraden singen soll, der bald kommen muß; der ist ein Schäfer, klug und von Herzen verliebt, er kann nicht allein lesen und schreiben, sondern er ist auch ein Musikant auf der Fiedel, wie man ihn sich nicht herrlicher wünschen kann.«
Indem der Ziegenhirt noch sprach, hörte man den Ton einer Fiedel und gleich darauf kam auch der, der sie spielte, ein Bursche von ungefähr zweiundzwanzig Jahren mit einem einnehmenden Gesichte. Seine Kameraden fragten ihn, ob er schon zu Abend gegessen habe und er antwortete mit ja. Derselbe, der vorher die Musik angeboten hatte, sagte nun: »Du könntest uns ja also wohl, Antonio, den Gefallen tun, ein bißchen zu singen, daß unser Herr Gast dort sieht, daß es auch in Wäldern und hinter den Bergen Leute gibt, die Musik verstehen. Wir haben von deiner trefflichen Kunst erzählt, und bitten dich also nun, sie zu zeigen, damit wir als wahrhaftig bestehen; mach uns, um Himmelswillen die Freude und spiele und singe die Romanze, die dir dein Oheim gemacht hat und die dem ganzen Dorfe so sehr gefällt.« -- »Sehr gern,« sagte der Bursche, und ohne sich länger bitten zu lassen, setzte er sich auf den Stamm einer abgehauenen Eiche, stimmte seine Fiedel und sang sogleich mit vieler Annehmlichkeit folgendes Lied:
~Antonio~.
Ich weiß, Olalla, daß du mich liebst, Wenn du kein einziges Wörtchen sagst -- Mir nicht einmal ein Blickchen gibst, Der Liebe stummredende Sprache.
Ich weiß, daß du ein verständiges Kind, Daß du mich liebst, macht's wieder kund, Der weiß, wie der andre ihm gesinnt Macht ja immer den glücklichsten Bund.
Oft freilich, wollt' es sich weisen Olalla, deutlich genug, Daß wohl deine Seele von Eisen -- Von Stein deine milchweiße Brust.
Aber sie alle ja deine Reden, Die Worte, womit du mich strafst, Liehn immer noch Hoffnung dem Blöden, Die lallten mir Trost zu im Schlaf.
Wie ein Vogel, du durftest nur pfeifen, Kam meine Liebe dir immer zurück, Sie verminderte niemals dein Keifen, Sie vermehrte kein freundlicher Blick.
Wenn Liebe wohl immer ist artig, Und artig bist du gewiß, So tröst' ich mich, Monate wart' ich Und endlich doch liebest du mich.
Wenn Dienste es können bezeugen Daß man im Herzen gerührt, So will ich nicht alle verschweigen, Die ich für dich ausgeführt.
Denn, wenn du geachtet so weit, So hast du mich oftmals gesehn In meinem schön' Sonntagskleid Am Montage selber noch gehn.
Es gehn ja das Putzen und Liebe Wohl immer Hand in Hand, Und daß ich dir angenehm bliebe Drum habe so viel aufgewandt.
Dir zuliebe so laß ich das Tanzen, Musizieren und auch Reimerei, Da ich sonst immer gesungen Schon vom ersten Hahnengeschrei.
Unerwähnt, wie die Lippen dich loben, Wie schön und trefflich du bist, Daß manch andre deshalben toben Wenn alles auch Wahrheit ist.
So wollte Therese von Berrocal Als ich dich lobte, mich strafen. Sprach: liebt wohl mancher ein Englein zumal, Er denkt's, ja er liebt einen Affen!
Das machen die Bänder, die bunten, Die falschen Haar' auf dem Kopf, Ist keine Schönheit dadrunten, Sie machen die Liebe zum Tropf.
Sprach, sie löge und wurde sehr grimmig, Da trat ihr Vetter ihr bei, Gab ein Schlagen, es ist dir im Sinne, Was er tat, was ich tat dabei.
Zum Spaße will ich nicht hofieren, Ich diene dir nimmer darum Daß ich dich möchte verführen, Mein Will' ist beileib'! nicht so schlimm.
Ein Joch hat die heilige Kirche, Für mich nur ein Faden von Seiden, Gefällt dir's da drinne zu wallen, So folg' ich mit zehntausend Freuden.
Tust du's nicht, so schwört es dir heilig Dein treuster und herzlichster Diener, Aus den Bergen entflieh ich hier eilig, Werd' aus Bosheit gar Kapuziner!
Hiermit endigte der Hirt seinen Gesang und Don Quijote bat ihn, noch mehr zu singen, aber Sancho Pansa war nicht der Meinung, denn ihm lag mehr daran zu schlafen, als Gesänge zu hören. Er sagte also zu seinem Herrn: »Euer Gnaden könnten sich nun auch wohl umsehen, wo Ihr die Nacht zubringen wolltet, da auch die Arbeit, die diese guten Leute des Tages haben, ihnen nicht erlaubt, die Nacht mit Singen hinzubringen.«
»Ich verstehe dich, Sancho,« antwortete Don Quijote, »es leuchtet mir ein, daß deine Besuche beim Schlauch mehr eine Erquickung durch Schlaf als durch Musik verlangen.«
»Es hat uns, Gott sei gedankt, allen gut geschmeckt,« antwortete Sancho.
»Ich leugne es nicht,« erwiderte Don Quijote; »suche du dir nur eine Schlafstelle, doch Leuten von meinem Stande geziemt das Wachen besser. Bei alledem, Sancho, wäre es aber wirklich gut, wenn du mir das Ohr verbinden wolltest, denn es schmerzt mich mehr als billig.«
Sancho tat, was er befahl, da aber einer von den Ziegenhirten die Wunde besah, behauptete er, es habe damit keine Not, er wolle sie bald heilen. Er nahm sogleich einige Blätter von Rosmarien, der dort herum wuchs, kaute sie, vermischte sie mit etwas Salz und legte sie auf das Ohr, indem er versicherte, daß es nun keiner andern Medizin brauche, wie es sich auch befand.
~Viertes Kapitel~
Was ein Ziegenhirt Don Quijotes Gesellschaft erzählte
Indem kam ein anderer Bursche, einer von denen, die aus dem Dorfe die Nahrungsmittel holten, hinzu und sagte: »Wißt ihr nicht, Kameraden, was im Dorfe los ist?« -- »Wie sollen wir es wissen?« sagte einer von den andern. -- »Nun, so will ich euch sagen,« fuhr der junge Hirte fort, »daß heute früh der berühmte studierte Schäfer Chrysostomus gestorben ist und, wie man sich erzählt, ist er aus Liebe zu dem Teufelsmädchen Marcella gestorben, der Tochter des reichen Wilhelm, die auch in Schäferkleidern hier durch die Wildnisse zieht.«
»Für die Marcella!« rief der eine aus.
»Was ich euch sage,« antwortete der Ziegenhirt, »und das Lustige bei der Sache ist, daß er in seinem Testament befohlen hat, daß man ihn auf freiem Felde, wie einen Mohren, begraben soll, und zwar am Fuße des Felsens, wo die Quelle zwischen den Korkbäumen entspringt, weil er sie an dieser Stelle zum ersten Male gesehen hat. Er hat noch mehr dergleichen befohlen, aber die Gemeindevorsteher sagen, sie gäben es nicht zu und dürften es nicht zugeben, denn es sei heidnisch. Darauf hat sein guter Freund, Ambrosius, der Student, gesagt, der sich auch mit ihm zum Schäfer gemacht hat, sie müßten alles zugeben, wie es Chrysostomus befohlen habe und nichts dürfe fehlen, und darüber ist nun das ganze Dorf in Alarm. Wie man aber sagt, so wird das doch am Ende geschehen müssen, was Ambrosius und die übrigen Schäfer, seine Freunde, wollen, und morgen, wie gesagt, soll er nun mit großer Pracht beerdigt werden. Und ich glaube, daß es da viel zu sehen geben wird, ich wenigstens gehe gewiß hin um alles zu sehen, wenn ich nicht früh wieder ins Dorf muß.«
»Das wollen wir alle tun,« sagten die Ziegenhirten, »und darum wollen wir losen, wer zurückbleiben und alle Ziegen hüten soll.«
»Recht Pedro,« sagte ein anderer, »aber ihr braucht nicht so viele Umstände zu machen, denn ich will für euch alle hierbleiben; und das ist keine Tugend von mir, oder daß ich nicht neugierig wäre, sondern es geschieht wegen des Splitters, den ich mir letzt in den Fuß getreten habe, womit ich nicht laufen kann.«
»Wir danken dir darum doch sehr,« antwortete Pedro. Diesen Pedro fragte Don Quijote, wer der Tote und wer die Schäferin sei, worauf Pedro erwiderte: »Soviel ich weiß, war der Gestorbene eines reichen Mannes Kind in der Nachbarschaft von unserm Dorfe hier in den Bergen; er hat viele Jahre in Salamanca studiert und dann kam er in sein Dorf zurück, worauf ihn die Leute für übermäßig gelehrt hielten. Besonders, sagten sie, habe er die Wissenschaft von den Sternen inne und was dort am Himmel Sonne und Mond machten, und buchstäblich sagte er uns auch jeden Knips von Sonne und Mond vorher.«
»Es heißt Eklipsis, mein Freund, und nicht Knips, wenn diese beiden größeren Gestirne verfinstert werden,« sagte Don Quijote. Aber Pedro, ohne auf dergleichen Nebensachen zu achten, fuhr so in seiner Erzählung fort: »Er konnte auch wissen, ob ein Jahr schlecht oder furchtbar sein würde.«
»Fruchtbar, mein Freund, müßt Ihr sagen,« rief Don Quijote.
»Fruchtbar oder furchtbar,« sagte Pedro, »das ist ja ein Ding. Ich sage also, daß, wie man sich's erzählt, sein Vater und seine Freunde auch sehr reich wurden, weil sie ihm glaubten, denn sie machten alles so, wie er riet;« bald sagte er: »Dies Jahr sät Gerste und keinen Weizen, nun müßt ihr Erbsen säen und keine Gerste, diesmal wird's eine gute Ölernte, aber in den drei folgenden Jahren gerät kein Tropfen.«
»Diese Wissenschaft nennt man Astrologia,« sagte Don Quijote.
»Ich weiß nicht, wie es genannt wird,« antwortete Pedro, »aber ich weiß, daß er das innehatte und noch mehr. Kurz, es waren kaum etliche Monate vergangen, seit er von Salamanca zurückgekommen war, als er eines Tages mit einem Male als Schäfer auszog, mit seiner Herde und seinem Kittel, der weite Rock, den er als Gelehrter trug, war weg, und mit ihm ging auch als ein Schäfer sein guter Freund Ambrosius, der auch im Studieren sein Kamerad gewesen war. Ich habe vergessen, Euch noch zu erzählen, wie der Gestorbene ein erschrecklicher Mensch war, Verse zu machen, so hatte er auch alle Gesänge für den heiligen Weihnachtsabend geschrieben und die Gespräche für die hohen Feste, die die Burschen in unserm Dorfe hersagen mußten und wovon die Leute sagen daß sie überaus herrlich wären. Als die Leute im Dorfe die beiden Schüler so mit einem Male als Schäfer angezogen sahen, verwunderten sie sich und konnten es gar nicht begreifen, aus welcher Ursache sie auf diese närrische Abänderung verfallen wären. Um die Zeit war auch der Vater von unserm Chrysostomus gestorben, und er erbte von ihm einen Haufen Vermögen, bewegliche Güter und Grundstücke und eine ziemliche Menge von großem und kleinem Vieh und eine große Menge Geld; über das alles war der Sohn nun völlig Herr. Aber er verdiente es auch, denn er war ein guter Geselle, mitleidig und freundschaftlich gegen alle guten Leute, und ein Gesicht hatte er, wie es nur so sein mußte. Endlich kam es denn heraus, warum er seine Tracht verändert hatte, und es war nichts anderes, als daß er in die Wüstenei der Schäferin Marcella nachziehen wollte, die unser Hirt vorher genannt hat und in die sich der arme gestorbene Chrysostomus verliebt hatte. Nun muß ich Euch auch erzählen, wer die Spitzbübin ist, weil Ihr es wissen müßt, denn vielleicht, und nicht einmal vielleicht, gewiß werdet Ihr dergleichen zeit Eures Lebens nicht wieder hören, wenn Ihr auch mehr als Ysop erleben solltet.«
»Sagt Hiob,« erwiderte Don Quijote, der es nicht aushalten konnte, daß der Ziegenhirt so die Namen verstümmelte.
»Ei so laßt mir doch den Ysop!« rief Pedro aus, »denn wenn Ihr mir jedes Wort so umdrehn wollt, so werden wir in einem Jahre nicht fertig.«
»Verzeiht mir, mein Freund,« antwortete Don Quijote, »ich wollte Euch nur den großen Unterschied zwischen Ysop und Hiob begreiflich machen; aber Ihr habt mir sehr gut geantwortet, denn Ihr könnt mehr Ysop als Hiobs finden: doch fahrt nur in Eurer Geschichte fort, ich will Euch nun nicht weiter unterbrechen.«
»Also, mein liebwertester Herr,« sagte der Ziegenhirt, »da war in unserem Dorfe ein Bauer, der noch reicher war als der Vater des Chrysostomus und der Wilhelm hieß und dem Gott nebst seinem vielen und großen Vermögen auch eine Tochter schenkte, bei deren Geburt die Mutter starb, die wohl das herrlichste Weib war hier weit herum. Denn immer noch sehe ich ihr Gesicht vor mir, in dem auf der einen Seite die Sonne und auf der andern der Mond stand, und dabei war sie so arbeitsam und gegen die Armen so mitleidig, daß ich auch gewiß glaube, sie genießt jetzt und immerdar im Himmel ihre Seligkeit. Aus Gram über den Tod einer solchen braven Frau starb auch der Mann Wilhelm und gab seine junge und reiche Tochter Marzella unter die Aufsicht eines Oheims, der Priester in unserem Dorfe ist. Das Kind wuchs auf und wurde so schön, daß wir immer dabei an die Mutter dachten, die ungemein schön gewesen war, aber bald sagte man, daß die Tochter sie noch übertreffen würde. So kam es auch, denn als sie ohngefähr vierzehn oder fünfzehn Jahr alt sein mochte, sah sie keiner, der nicht Gott dafür segnete, daß er sie so schön erschaffen hatte, und viele wurden in sie verliebt und wie bezaubert. Der Oheim hielt sie sehr eingezogen und unter strenger Aufsicht, aber das Gerücht von ihrer herrlichen Schönheit verbreitete sich so, daß deshalb, wie auch wegen ihres Reichtums, nicht nur aus unserm Dorfe, sondern auch viele Meilen in der Runde, angesehene Leute kamen, von denen der Oheim gebeten, gequält und geängstigt wurde, daß er sie ihnen zur Frau geben möchte. Er aber, der in der Tat ein guter Christ ist, wenn er sie auch gern bald verheiratet hätte, da sie die Jahre hatte, wollte doch nichts ohne ihre Einwilligung tun, ohne dabei den Gewinn und Vorteil vor Augen zu haben, der ihm durch das Vermögen des Mädchens erwüchse, wenn er ihre Heirat aufschöbe. Und wahrlich, das wird zum Lobe des braven Priesters in jedem Hause im Dorfe erzählt. Denn Ihr müßt wissen, Herr Irrender, daß man in kleinen Dörfern über alles spricht und über alles zischelt; und Ihr werdet es einsehen, wie ich es für meine Person einsehe, daß der Geistliche ganz erstaunlich wacker sein muß, der seine Beichtkinder dahin bringt, daß sie gut von ihm reden, vollends auf dem Lande.«
»Das ist wahr genug,« sagte Don Quijote; »aber fahrt fort, denn die Geschichte ist gut und Ihr, guter Pedro, erzählt sie gut und artig.«
»Es wäre zu wünschen,« antwortete jener, »daß alle Menschen artig wären, denn die Tugend ist die Hauptsache. Ihr müßt also wissen, daß der Oheim oft mit der Nichte sprach, ihr die Eigenschaften eines jeden auseinandersetzte, der sie zur Frau begehrte; er bat sie, sich zu verheiraten, und daß sie nach ihrem Geschmacke wählen möchte. Sie antwortete ihm nichts anderes, als daß sie noch nicht ans Heiraten dächte, daß sie zu jung und unfähig sei, die Last der Ehe zu tragen. Dies schienen hinlängliche Entschuldigungen, und der Oheim drang nicht weiter in sie, denn er wartete darauf, daß sie noch etwas älter werden und sich dann einen Gefährten nach ihrem Geschmacke auswählen möchte. Denn er behauptete, und das mit Recht, daß Eltern ihre Kinder nie gegen ihren Willen verheiraten sollten. Aber eines Tages, als man's gar nicht dachte, kam die hinterlistige Marzella als Schäferin daher, und ohne sich an ihren Oheim oder die übrigen Leute im Dorfe zu kehren, die es ihr abrieten, zog sie mit den übrigen Hirtenmädchen aufs Feld und hütete ihre Herde. Wie sie nun den Leuten sichtbar wurde und ihre Schönheit an den Tag kam, so läßt es sich gar nicht beschreiben, wie viele reiche Knechte, Studierte und Bauern die Tracht des Chrysostomus anlegten und ihr durch die Felder nachzogen. Einer von diesen, wie ich schon gesagt habe, war unser Gestorbener, von dem sie sagen, daß er sie nicht geliebt, sondern angebetet habe. Man muß aber nicht glauben, daß, weil sich Marzella einer so freien und ungebundenen Lebensart ergab, wobei sie so wenig oder gar nicht unter Aufsicht steht, daß sie deshalb nur den kleinsten Argwohn erregt hätte, der ihrer Ehre und Tugend nur etwas Abbruch täte. Denn sie denkt und wacht so sehr über ihre Ehre, daß sie von allen, die ihr dienen und sich um sie bewerben, sich noch keiner gerühmt oder mit Wahrheit sich hat rühmen können, daß sie ihm nur die kleinste Hoffnung gegeben hätte, seinen Wunsch zu erfüllen. Deswegen aber flieht sie nicht oder vermeidet die Gesellschaft und Unterhaltung der Schäfer, sondern sie geht höflich und freundlich mit ihnen um, bis irgendeiner von ihnen seine Absichten entdeckt, und wenn es denn auch die ehrlichsten und schönsten sind und er eine Heirat wünscht, so schmeißt sie ihn von sich weg wie einen Kieselstein. Und mit dieser Lebensweise richtet sie hier im Lande mehr Unheil an, als wenn die Pestilenz hereinbräche, denn ihre Freundlichkeit und Schönheit zieht alle Herzen ihr zu dienen und zur Liebe an, und ihre Verschmähung und Härtigkeit bringt sie in die Verzweiflung, und sie wissen dann nichts weiter zu sagen, als daß sie sie mit lauter Stimme die Grausame und Undankbare nennen, nebst anderen ähnlichen Redensarten, die sich wohl für ihre Eigenschaft und Denkungsart schicken. Wenn Ihr Euch, gnädiger Herr, etliche Tage hier aufhalten wollt, so könnt Ihr sehen, wie diese Berge und Täler von den Klagen der Verworfenen ertönen, die ihr folgen. Nicht weit von hier ist ein Ort, an dem zwei Dutzend hohe Buchen stehen; davon ist keine, in deren glatte Rinde nicht der Name Marzella gegraben und geschrieben wäre; zum Überfluß haben einige noch eine Krone in denselben Baum eingeschnitten, als wenn der Liebhaber ganz deutlich hätte ausdrücken wollen, daß Marzella unter allen schönen Mädchen allein die Krone der Schönheit verdiene. Dort seufzt ein Schäfer, hier klagt ein anderer, dorten vernimmt man verliebte Gesänge, hier verzweiflungsvolle Liebesqual. Etliche bringen die ganze Nacht am Fuße einer Eiche oder eines Felsen zu, und ohne daß sie die nassen Augen geschlossen haben, in ihre Gedanken vertieft und entzückt, findet sie noch am Morgen die Sonne wieder. Andere, ohne ihre Seufzer einzuhalten oder sich zu erholen, liegen in der Sonnenhitze in den heißesten Mittagsstunden auf dem brennenden Sande ausgestreckt und schicken dem mitleidigen Himmel ihre Klagen zu. Und über diesen und jenen sowie über jene und diese triumphiert hohnlachend die schöne Marzella. Alle, die wir sie kennen, haben schon darauf gewartet, was aus ihrem Übermute werden soll und wer der Glückliche sein wird, der diese fürchterliche Kreatur bezähmen und ihre entzückende Schönheit genießen wird. Alles das, was ich Euch hier erzählt habe, ist die vollkommenste Wahrheit, so daß ich deshalb auch das glaube, was unser Hirte vom Tode des Chrysostomus erzählt hat. Ich rate Euch auch dazu, gnädiger Herr, daß Ihr morgen ja der Beerdigung beiwohnt, denn es ist gewiß viel zu sehen, Chrysostomus hat viel Freunde, und der Ort, wo er will begraben sein, ist nur eine halbe Meile von hier.«
»Ich will es nicht versäumen,« antwortete Don Quijote, »auch danke ich Euch für das Vergnügen, welches Ihr mir durch Erzählung einer so angenehmen Geschichte gemacht habt.«
»Oho!« rief der Ziegenhirt, »ich weiß nicht die Hälfte von alledem, was den Liebhabern der Marzella begegnet ist; vielleicht finden wir aber morgen auf dem Wege einen Schäfer, der uns alles sagen kann. Jetzt ist es aber wohl Zeit, daß Ihr Euch unter einem Dache schlafen legt, denn die freie Luft könnte Eurer Wunde schaden, obgleich bei der Medizin, die ich aufgelegt habe, kein widriger Zufall mehr zu befürchten ist.«
Sancho Pansa, der den Hirten mit seiner langen Erzählung schon zum Satan gewünscht hatte, bat seinerseits auch, daß sein Herr sich in Pedros Hütte möchte schlafen legen. Er tat es auch und brachte den größten Teil der Nacht mit dem Andenken an seine Gebieterin Dulzinea zu, in Nachahmung jener Liebhaber der Marzella. Sancho Pansa machte es sich zwischen dem Rosinante und dem Esel bequem und schlief nicht wie ein unbegünstigter Verliebter, sondern wie ein Mann, der häufig Fußtritte erlitten hatte.
~Fünftes Kapitel~
Hierin wird die Erzählung von der Schäferin Marzella beschlossen, nebst anderen Begebenheiten
Kaum aber schien der Tag durch die Fenster des Orients, als von den sechs Ziegenhirten fünf aufstanden, Don Quijote ermunterten und ihm sagten, daß er nun mit ihnen Gesellschaft machen könne, wenn er noch gesonnen sei, das prächtige Begräbnis des Chrysostomus mit anzusehen. Don Quijote, der es sehr wünschte, erhob sich und gebot Sancho, sogleich zu satteln und aufzuzäumen, der es auch mit vieler Eilfertigkeit tat, worauf sich alle auf den Weg machten. Sie waren noch keine Viertelmeile fortgezogen, als sechs Schäfer in schwarzen Kleidern zu ihnen stießen, indem sie einen andern Pfad kreuzten, die auf den Köpfen Kränze von Zypressen und Lorbeerrosen trugen. Jeder von ihnen hatte in der Hand einen großen Stock von einer Stechpalme, und mit ihnen kamen zwei Edelleute zu Pferde in anständigen Reisekleidern, nebst drei Burschen, die ihnen zu Fuß folgten. Indem sie zusammentrafen, grüßten sie sich höflich und einer fragte den andern, wo sie hingingen, woraus sich erwies, daß alle nach dem Begräbnisorte wollten, worauf dann alle denselben Weg fortsetzten. Einer von denen zu Pferde, der mit seinem Begleiter sprach, sagte: »Es scheint mir, Herr Vivaldo, daß die Zeit unseres Aufhaltens gut angewendet sei, um dies merkwürdige Begräbnis zu sehen, welches wirklich nach dem, was uns diese Schäfer von den Seltsamkeiten erzählt haben, in Ansehung des Gestorbenen sowie der mörderischen Schäferin, merkwürdig sein muß.«
»Ich bin auch der Meinung,« antwortete Vivaldo, »und ich hätte nicht nur einen Tag, sondern wohl vier Tage gewartet, um es anzusehen.«
Don Quijote fragte sie, was sie von der Marzella und dem Chrysostomus gehört hätten, worauf der Reisende sagte, daß er früh am Morgen einigen Schäfern begegnet sei, die er nach der Ursache gefragt habe, aus welcher sie in Trauerkleidern gingen; einer von ihnen habe ihnen darauf von der wunderbaren und schönen Schäferin Marzella erzählt, von den vielen Liebhabern, die sich um sie bewarben, wie auch von dem Tode eines Chrysostomus nach dessen Begräbnisse sie jetzt gingen. Kurz, er erzählte ihm alles, was Don Quijote schon von Pedro gehört hatte.
Als dieses Gespräch geendigt war, fing ein andres an, und der, welcher sich Vivaldo nannte, fragte Don Quijote, aus welcher Ursache er auf diese Weise bewaffnet durch ein so friedliches Land zöge.
Hierauf erwiderte Don Quijote: »Das Gewerbe, welches ich treibe, erlaubt mir nicht auf andere Weise zu ziehen. Wohlbefinden, Fröhlichkeit und Müßiggang trifft man bei den weichlichen Höflingen, aber Beschwer, Unruhe und Waffenlast werden bei denjenigen gefunden, die die Welt die irrenden Ritter heißt, als zu welchen ich Unwürdiger mich zu den niedrigsten zähle.«
Sowie sie diese Worte hörten, hielten sie ihn auch für närrisch, aber um dessen gewisser zu sein und zu sehen, von welcher Art seine Torheit sei, fragte Vivaldo: »Was meint Ihr mit diesen irrenden Rittern?«
»Habt Ihr niemals«, antwortete Don Quijote, »die Annalen und Historien von England gelesen?, in denen die berühmten Taten des Königs Arthurus erzählt werden, den wir in unserer Sprache gewöhnlich nur den König Artus nennen, von dem eine alte Sage durch das ganze Königreich Groß-Britannien geht, daß er nicht gestorben, sondern durch Zauberkunst in einen Raben verwandelt sei, und daß er in künftigen Zeiten wieder regieren, seinen Thron besteigen und den Zepter ergreifen werde, weshalb es auch geschehen, daß seit jener Zeit bis jetzund kein Engländer einen Raben getötet hat? Zu den Zeiten dieses edlen Königs wurde der berühmte Ritterorden der Ritter von der Tafelrunde gestiftet; damals ereigneten sich die Liebeshändel, die vom Don Lanzarote vom See mit der Königin Ginevra erzählt werden, deren Mittlerin und Mitwisserin die ehrenvolle Dame Quintannona war, woraus die bekannte Romanze, die in unserm Spanien so oft gesungen wird, entstanden ist:
Niemals ward ein edler Bote So bedient von Damen süß, Wie der große Lanzarote Da er einst Bretagna ließ.