Part 5
Sie schlugen ein anderes Buch auf und fanden den Titel: der Ritter des Kreuzes. Wegen des heiligen Namens, den dieses Buch führte, könnte man ihm wohl seine Dummheit verzeihen, aber man sagt im Sprichworte, hinter dem Kreuze steckt der Teufel und darum wandere er auch zum Feuer.
Der Barbier nahm ein anderes Buch und sagte: »Hier ist der Spiegel der Ritterschaft.« -- »Ich kenne ihre Herrlichkeit wohl,« sagte der Pfarrer; »da findet sich der Herr Reinald von Montalban mit seinen Freunden und Spießgesellen, größerer Spitzbuben als Cacus, samt den zwölf Pairs und dem wahrhaftigen Geschichtschreiber Turpin; eigentlich verdienen diese nicht mehr als eine ewige Landesverweisung, denn sie sind zum Teil eine Erfindung des berühmten Mateo Boyardo, aus dem auch der tugendliebende Poet Lodovico Ariosto sein Gewebe anknüpfte: wenn ich diesen antreffe und er redet nicht seine Landessprache, so werde ich nicht die mindeste Achtung gegen ihn behalten, redet er aber seine eigentümliche Mundart, so sei ihm alle Hochschätzung.« -- »Ich habe ihn italienisch,« sagte der Barbier, »aber ich verstehe ihn nicht.« -- »Es wäre auch nicht gut, wenn Ihr ihn verständet,« antwortete der Pfarrer, »und wir hätten es gern dem Herrn Kapitän erlassen, ihn ins Spanische zu übersetzen und ihn zum Kastilianer zu machen; er hat dabei auch viel von seiner eigentlichen Trefflichkeit nicht ausgedrückt und eben das wird allen begegnen, die Poesien in eine andere Sprache übersetzen wollen, denn bei allem Fleiße und Geschicklichkeit, die sie anwenden und besitzen, wird der Dichter nie so wie in seiner ersten Gestalt erscheinen können. Ich meine, daß man dieses Buch und alle, die sich noch von Begebenheiten Frankreichs vorfinden sollten, in einen trockenen Brunnen legen müßte, bis man besser überlegt, was man mit ihnen anfangen könne, wobei ich aber den Bernardo del Carpio und ein anderes Buch, Roncesvalles genannt, ausnehme, wenn mir diese in die Hände fallen, so werden sie sogleich der Haushälterin übergeben, die sie stracks ohne Barmherzigkeit dem Feuer überliefern soll.«
Alles dieses bestätigte der Barbier, er fand alles gut und unwidersprechlich, denn er wußte, daß der Pfarrer ein so guter Christ und ein so großer Freund der Wahrheit sei, daß er um die ganze Welt nicht anders sprechen würde. Er machte ein anderes Buch auf und sah, daß es der Palmerin de Oliva war, daneben stand ein anderes Buch, das Palmerin von England hieß; als diese der Lizentiat erblickte, sagte er: »Dieser eine Oliva muß sogleich verbrannt und seine Asche in alle Lüfte zerstreut werden, aber die Palme von England bewahre man gut und hebe dies als ein einziges Werk auf in einer ähnlichen Schachtel wie Alexander eine unter der Beute des Darius fand, die er brauchte, um die Werke des Poeten Homerus aufzubewahren. Dieses Buch, Herr Gevatter, ist aus zweierlei Ursachen merkwürdig, erstlich, weil es an sich gut ist, zweitens, weil es von einem geistreichen Könige von Portugal geschrieben sein soll. Alle Abenteuer im Schlosse Miraguarda sind sehr schön und kunstreich ausgeführt, alle Reden sind zierlich und klar, zugleich ist immer mit Schicklichkeit und Verstande das Eigentümliche jedes Sprechenden beibehalten. Ich bin der Meinung, mein lieber Meister Nicolas, wenn Ihr nichts dagegen habt, daß dieses Buch und der Amadis von Gallia vom Feuer befreit sein, alle übrigen aber ohne Richtung und Sichtung umkommen sollen.«
»Nein, Herr Gevatter,« sagte der Barbier, »denn hier ist gleich der ruhmvolle Don Belianis.«
»Von diesem«, antwortete der Pfarrer, »wäre dem zweiten, dritten und vierten Teil etwas Rhabarber vonnöten, um den überflüssigen Zorn abzuführen, dann müsse man alles wegstreichen, was sich auf das Kastell des Ruhms bezieht, nebst anderen noch größeren Narrheiten, dann möchte man ihm aber wohl eine Appellationsfrist vergönnen und wie er sich dann besserte, Recht oder Gnade gegen ihn ausüben; nehmt ihn indessen mit nach Hause, Gevatter, aber laßt niemand darin lesen.« -- »Sehr gern,« antwortete der Barbier, und ohne sich weiter damit abzugeben, die Ritterbücher anzusehen, befahl er der Haushälterin, alle die großen zu nehmen und sie in den Hof hinunterzuführen. Dies wurde keiner gesagt, die taub war oder langsam begriff, denn sie hatte mehr Freude daran sie alle zu verbrennen, als wenn man ihr ein großes und feines Stück Leinen geschenkt hätte; sie nahm also wohl acht auf einmal und schmiß sie zum Fenster hinaus. Da sie aber zu viele auf einmal gefaßt, fiel eins davon dem Barbier auf die Füße nieder, der es schnell aufhob um den Titel zu sehen, der so lautete: Historia von dem berühmten Ritter Tirante dem Weisen.
»Gelobt sei Gott!« rief der Pfarrer mit lauter Stimme aus, »daß wir diesen Tirante den Weisen haben! Gebt ihn her, Gevatter, denn ich versichere Euch, er ist ein Schatz von Vergnügen, eine Fundgrube von Zeitvertreib. Hierin befindet sich Don Kyrieeleison von Montalban samt seinem Bruder Thomas von Montalban und dem Ritter Trockenbrunn, imgleichen der Zweikampf, den der tapfere Dreierlei mit einem Hunde hielt, die Artigkeiten der Jungfrau Lebensfreude, mit den Liebeshändeln und Intrigen der Witwe Besänftigt, auch eine Frau Kaiserin, die in ihren Edelknaben Hipolito verliebt ist. Ich versichere Euch, Gevatter, daß in Ansehung des Stils dies das beste Buch von der Welt ist, denn hier essen die Ritter, schlafen und sterben auf ihren Betten, machen ein Testament vor ihrem Tode, nebst andern Dingen, von denen alle übrigen Bücher dieser Art gar nichts erwähnen. Dabei glaub' ich aber doch, daß der Verfasser, ohne so viel Fleiß und Arbeit auf alles dies verwandt zu haben, verdient hätte, Zeit seines Lebens auf die Galeeren zu kommen. Nehmt es mit nach Hause und leset es und Ihr werdet finden, daß ich die Wahrheit gesagt habe.«
»Ich will es tun,« antwortete der Barbier, »aber was machen wir mit den übrigen kleinen Büchern?«
»Diese«, sagte der Pfarrer, »werden keine Ritterbücher, sondern Poesien sein.« Er schlug eins auf, welches die Diana des Georg de Montemayor war und sagte, weil er alle übrigen für ähnliche Werke hielt: »Diese verdienen nicht, wie jene, verbrannt zu werden, denn sie stiften und werden niemals solch Unheil stiften als die Ritterbücher gestiftet haben; diese Bücher sind zu verstehen, ohne daß sie dem Leser Nachteil bringen.«
»Ach, mein Herr!« sagte die Nichte, »Ihr solltet doch lieber so gut sein und sie wie die andern verbrennen lassen, denn wenn wir den Herrn Oheim von seiner Ritterschaft geheilt haben, so liest er diese Bücher und verfällt vielleicht darauf, ein Schäfer zu werden und singend und musizierend durch Wälder und Wiesen zu ziehen, oder er wird wohl gar ein Poet, welches doch die unheilbarste und allerhartnäckigste Krankheit sein soll.«
»Die Jungfer hat sehr recht,« sagte der Pfarrer, »wir sollten also unserm Freunde lieber auch diesen Stein des Anstoßes aus dem Wege räumen. Wir wollen also mit der Diana des Montemayor den Anfang machen; ich glaube, sie muß nicht verbrannt werden, sondern man müßte nur alles das wegschneiden, was von der weisen Felicia und dem bezauberten Wasser handelt, ebenso alle die altväterischen Verse und dem Werke in Gottes Namen die Prose und Ehre lassen, unter solchen Büchern das erste zu sein.«
»Was hier folgt«, sagte der Barbier, »ist die Diana, die man die zweite vom Salamantiner nennt und ist hier noch ein anderes Buch mit demselben Titel, vom Gil Polo verfaßt.«
»Die des Salamantiners«, antwortete der Pfarrer, »mag jene zum Hofe verdammten begleiten und ihre Zahl vermehren, die aber vom Gil Polo müssen wir bewahren, als wenn sie vom Apollo wäre. -- Aber weiter, Herr Gevatter, und macht hurtig, denn es wird schon spät.«
»Dieses Buch«, sagte der Barbier, indem er ein anderes aufschlug, »führt den Titel: Zehn Bücher vom Glück der Liebe, verfaßt von Antonio de Lafraso, einem sardinischen Poeten.«
»Bei meinem heiligen Amte,« sagte der Pfarrer, »seit Apollo Apollo gewesen, die Musen Musen und Poeten Poeten, ist kein so anmutiges und tolles Buch als dieses geschrieben, es ist das trefflichste, ja das einzige unter allen, die in dieser Gattung jemals an das Licht der Welt getreten sind, und wer es nicht gelesen hat, kann überzeugt sein, daß er noch nichts vollkommen Schönes gelesen hat. Gebt es gleich her, Gevatter, dieser Fund ist mir mehr wert, als wenn mir einer ein Priesterkleid von dem groben florentinischen Tuche geschenkt hätte.«
Er legte es mit der größten Freude beiseite und der Barbier fuhr fort, indem er sagte: »Nun folgt der Schäfer von Iberia, die Nymphen von Henares und die Entwirrung der Eifersucht.«
»Bei diesen ist nichts weiter zu beobachten,« sagte der Pfarrer, »als daß man sie dem weltlichen Arme der Haushälterin überliefere und zwar ohne mich zu fragen, warum, weil wir sonst niemals fertig würden.«
»Der nun folgt ist der Schäfer der Filida.«
»Dieser ist kein Schäfer,« sagte der Pfarrer, »sondern ein sehr gebildeter Hofmann, bewahrt ihn wie ein kostbares Kleinod.«
»Dies große Buch hier«, sagte der Barbier, »heißt Schatz mannigfaltiger Gedichte.«
»Wären es nicht so viele,« sagte der Pfarrer, »so hätten sie mehr Wert, dieses Buch müßte von manchen Gemeinheiten gesiebt und gereinigt werden, die sich unter seinen Schönheiten befinden; hebt es auf, denn der Autor ist mein Freund, den ich wegen der von ihm geschriebenen erhabenen und heroischen Gedichte sehr hochschätze.«
»Dieses«, fuhr der Barbier fort, »sind die Gedichte des Lopez Maldonado.«
»Auch der Verfasser dieses Buches«, antwortete der Pfarrer, »ist mein guter Freund und in seinem Munde entzücken seine Verse, wenn man sie hört, denn seine Stimme ist so süß, daß sein Gesang ein Zauberklang zu nennen ist. In seinen Eklogen ist er etwas weitläuftig, doch war des Guten niemals zu viel, bewahrt dies Buch mit den auserwählten. Was steht denn aber daneben?«
»Die Galatea des Miguel de Cervantes,« antwortete der Barbier.
»Dieser Cervantes ist seit vielen Jahren mein guter Freund und ich weiß, daß er gewandter im Leiden als im Reimen ist. In seinem Buche ist manches gut erfunden, manches wird vorbereitet und nichts zu Ende geführt; man muß den versprochenen zweiten Teil erwarten, vielleicht verdient er sich durch diesen die Gnade für das Ganze, die man ihm jetzt noch verweigern muß, bis dahin, Herr Gevatter, hebt das Buch in Eurem Hause auf.«
»Das will ich,« antwortete der Barbier, »und nun folgen hier drei in eins gebundene: die Araucana des Don Alonzo di Ercilla, die Austriada des Juan Rufo, Juraden von Cordova und der Monserrate des Cristoval de Virues, des Valenzischen Poeten.«
»Diese drei Bücher«, sagte der Pfarrer, »sind die besten heroischen Gedichte, die in kastilianischer Sprache geschrieben sind, sie können sich mit den berühmtesten der Italiener messen, hebt sie als die köstlichsten Stücke der Poesie auf, die Spanien besitzt.«
Der Pfarrer war nun müde, mehr Bücher anzusehen, er endigte also damit, daß er befahl, alle übrigen zu verbrennen, aber der Barbier hielt schon eins aufgeschlagen, welches den Titel führte: die Tränen der Angelica.
»Ich hätte selbst Tränen vergossen,« sagte der Pfarrer, als er diesen Namen hörte, »wenn ich dieses Buch hätte mit verbrennen lassen, denn der Verfasser war einer der berühmtesten Poeten nicht allein in Spanien, sondern in der ganzen Welt, der auch einige Fabeln des Ovidius überaus glücklich übersetzt hat.«
~Siebentes Kapitel~
Von dem zweiten Auszuge unseres wackeren Ritters Don Quijote von la Mancha
In diesem Augenblick fing Don Quijote an mit lauter Stimme zu schreien: »Wohlauf! wohlauf! ihr tapfern Ritter! Wohlauf, es ist vonnöten, die Stärke eurer tapfern Arme zu zeigen, damit die Höflinge nicht das Beste im Turniere gewinnen!« Auf dies Geschrei und Lärmen liefen sie hinzu und brachen dadurch das Gericht über die andern Bücher ab und so ist es wahrscheinlich, daß die Carolea und der Löwe von Spanien mit allen Taten des Kaisers, von Don Luis de Avila verfaßt, ungesehen und ungehört dem Feuer übergeben sind, die wohl hätten verschont bleiben können, die auch vielleicht kein so grausames Schicksal erfahren, wenn sie vom Pfarrer angetroffen wären.
Als sie zu Don Quijote kamen, war er schon aus dem Bette aufgestanden; er schrie und tobte und schlug von allen Seiten um sich, wobei er so wach war, als wenn er gar nicht geschlafen hätte. Sie unterliefen ihn und warfen ihn mit Gewalt auf sein Bett, als er darauf ein wenig beruhigt war, wandte er sich zum Pfarrer und sagte: »Wahrlich, Herr Erzbischof Turpin, große Schande ist es für uns, die wir die zwölf Pairs genannt werden, so mir nichts dir nichts den Hofrittern den Sieg dieses Turniers zu lassen, da wir übrigen Abenteurer doch den Preis der vorigen drei Tage gewonnen haben.« -- »Beruhigt Euch, Herr Gevatter,« antwortete der Pfarrer, »Gott wird es fügen, daß das Glück sich wieder wendet und daß das, was heute verloren ist, morgen wieder gewonnen wird, jetzt tragt nur für Eure Wohlfart Sorge, denn Ihr müßt über die Maßen entkräftet sein, wenn Ihr nicht gar schlimm verwundet seid.« -- »Verwundet nicht,« sagte Don Quijote, »aber gewiß sehr zerschlagen und zerquetscht, denn der Bastard Don Roland hat mich unsäglich mit dem Stamme einer alten Eiche zerprügelt und bloß aus Neid, weil er gewahr wird, daß ich sein einziger Nebenbuhle in der Tapferkeit bin, aber ich will nicht Reinald von Montalban heißen, wenn er mir nicht alles, sobald ich nur von diesem Bette aufstehe, trotz allen seinen Bezauberungen bezahlen soll; jetzt aber bringt mir augenblicklich Speise, denn dieser bedarf ich am meisten und nachher will ich schon auf Rache denken.«
Sie taten es, sie gaben ihm zu essen und überließen ihn dann dem Schlaf zum zweiten Male, indem alle seine Torheit bewunderten. In dieser Nacht verbrannte die Haushälterin alle Bücher, die sie im Hofe und Hause antraf und so sind wohl manche umgekommen, die verdient hätten, in ewigen Archiven aufbewahrt zu werden, aber das Schicksal und die Trägheit des Richters vergönnte es ihnen nicht und so erfüllte sich an ihnen das Sprichwort, daß die Gerechten zugleich mit den Sündern büßen müssen.
Ein Mittel, das der Pfarrer und der Barbier gegen die Krankheit des Freundes ersonnen, war, das Bücherzimmer zu vermauern und anzustreichen, damit er es nicht wiederfinde, wenn er aufstände, weil mit der weggeräumten Ursache auch die Wirkung aufhören würde, wobei sie sagen wollten, daß ein Zauberer Bücher, Zimmer und alles entführt habe; dies ward wirklich mit großer Schnelligkeit ins Werk gesetzt. Nach zwei Tagen erhob sich auch Don Quijote und sein erster Gang war, nach seinen Büchern zu sehen und da er das Zimmer nicht da fand, wo er es gelassen hatte, wandelte er suchend von einer Seite zur andern. Er ging dahin, wo die Tür gewesen war und tastete mit den Händen und blickte mit den Augen hin und her, ohne ein einziges Wort zu sprechen; nachdem so eine geraume Zeit verflossen war, fragte er endlich die Haushälterin, wo sich denn sein Bücherzimmer befinde. Die Haushälterin, die schon auf die Antwort abgerichtet war, sagte: »Was für ein Zimmer oder was sucht Ihr denn irgend da, gnädiger Herr? Wir haben im Hause weder das Zimmer, noch die Bücher mehr, denn alles hat der leibhafte Teufel mitgenommen.«
»Nicht der Teufel,« sagte die Nichte, »sondern ein Zauberer, der auf einer Wolke in derselben Nacht kam, nachdem Euer Gnaden Tags vorher abgereist waren; er stieg von einer Schlange ab, auf der er wie ein Ritter saß, ging in das Zimmer, und was er drinne gemacht hat, weiß ich nicht, aber nach einer kleinen Weile flog er wieder zum Dache hinaus und ließ das Haus voller Rauch, und als wir zusehn wollten, was er gemacht hatte, fanden wir weder Buch noch Zimmer mehr; nur das erinnere ich mich noch, wie auch die Haushälterin, daß im Augenblicke, als der alte Kerl fortfliegen wollte, er laut sagte, daß er aus heimlicher Feindschaft, die er gegen den Herrn der Bücher und des Zimmers habe, ein Unheil angerichtet, das man nachher schon finden würde. Ich glaube, er nannte sich den weisen Munnaton.«
»Freston wird er gesagt haben,« sprach Don Quijote.
»Ich weiß nicht,« antwortete die Haushälterin, »ob er Freston oder Friton hieß, aber sein Name endigte sich auf ton.« »Dieser,« antwortete Don Quijote, »ist ein weiser Zauberer und mein großer Feind, denn er ist mir grämlich, weil er durch seine Kunst und Wissenschaft in Erfahrung gebracht, daß ich einst in künftigen Zeiten einen Zweikampf mit einem Ritter bestehn werde, den er begünstigt, und ich soll ihn überwinden, ohne daß er es zu hindern vermag, und derohalben erzeigt er mir so viele Unart, als er nur kann. Aber ich verkünde ihm, daß er dem nicht widerstreben noch ausweichen kann, was der Himmel einmal verhängt hat.«
»Das ist gewißlich wahr,« sagte die Nichte, »aber warum wollen sich der Herr Oheim in dergleichen Händel mischen? Wäre es nicht angenehmer, ruhig zu Hause zu bleiben, als in der Welt herumzuziehn, um das Brot der Betrübnis zu kosten? Gar nicht einmal zu erwähnen, daß mancher nach Wolle geht und geschoren nach Hause kömmt.«
»O Nichte!« rief Don Quijote aus, »welche ungereimten Dinge sprichst du da! Bevor mich einer scheren sollte, müßte der eher so Haut und Bart dran strecken, der sich nur unterfinge, ein einziges meiner Haare zu berühren.« Sie antworteten ihm nichts weiter, weil sie sahen, daß er in Zorn geriet. Er hielt sich noch ferner vierzehn Tage ganz friedlich im Hause, ohne den Argwohn zu veranlassen, daß er in seinen vorigen Tollheiten fortfahren werde; in dieser Zeit führte er sehr anmutige Gespräche mit seinen beiden Gevattern, dem Pfarrer und Barbier, in welchen er behauptete, daß das, was der Welt am meisten vonnöten, irrende Ritter wären, und daß in ihm die irrende Ritterschaft wieder auferstünde. Der Pfarrer widersprach ihm einmal, ein andermal gab er ihm Recht, denn wenn er nicht mit dieser Klugheit verfuhr, konnte er nicht mit ihm fertig werden.
In dieser Zeit handelte Don Quijote mit einem Bauer, seinem Nachbar, einem für wacker geltenden Manne (wenn man nämlich den so nennen kann, der gar kein Geld hat), der aber nicht sonderlichen Witz im Kopfe hatte. In diesen drang er so sehr, redete ihm zu und versprach ihm so viel, daß der gute Landmann sich entschloß, mit ihm auszuziehn und als sein Edelknabe zu dienen. Unter andern Dingen sagte ihm Don Quijote, daß es für ihn der größte Gewinn sei, mit ihm zu ziehn, denn es könne ihm sehr leicht ein Abenteuer aufstoßen, in dem statt der Streu, die er jetzt verließe, eine Insel gewonnen würde, über die er ihn zum Statthalter setzen wolle. Auf diese und ähnliche Versprechungen verließ Sancho Pansa (so hieß der Bauer) Frau und Kinder und ward der Edelknabe seines Nachbars. Don Quijote sorgte ferner dafür, Geld anzuschaffen, er verkaufte also ein Stück, verpfändete ein andres, alles aber in eiliger Unordnung und brachte so eine ansehnliche Summe zusammen. Er versah sich auch mit einem Schilde, den er von einem Freunde borgte, verfestigte, so gut er konnte, seinen zerschlagenen Helm und bestimmte seinem Edelknaben Sancho Tag und Stunde, wann er sich auf den Weg machen wolle, damit dieser sich mit allem Nötigen versehen könne; vor allen Dingen aber befahl er ihm, einen Schnappsack mitzunehmen. Jener versprach, ihn nicht zu vergessen, und daß er selbst einen Esel mitnehmen wolle, der sehr wacker sei, denn er besitze nicht die Gabe, viel zu Fuß zu laufen. Das mit dem Esel verschnupfte Don Quijote ein wenig, denn er überlegte sogleich, ob er sich eines irrenden Ritters entsinnen könne, der seinen Edelknaben eselweise beritten mit sich geführt, aber nicht ein einziger kam ihm in die Gedanken: doch bewilligte er demohngeachtet, ihn mitzunehmen, mit dem Vorsatze, ihn bald ehrenvoller beritten zu machen, weil er Gelegenheit habe, dem ersten unhöflichen Ritter, der ihm aufstieße, sein Pferd zu nehmen. Er versorgte sich auch mit Hemden und andern Dingen, dem Rate zufolge, den ihm der Schenkwirt gegeben hatte. Als nun alles getan und vollbracht, zogen sie in einer Nacht, ohne daß Sancho von Frau und Kindern oder Don Quijote von Haushälterin und Nichte Abschied genommen aus dem Dorfe aus, wobei sie kein Auge bemerkte und sie so eilig reisten, daß sie mit Tagesanbruch sicher waren, nicht eingeholt zu werden, wenn man sie auch aufsuchen sollte. Sancho Pansa zog auf seinem Tiere mit Schnappsack und Schlauch wie ein Patriarch einher, indem er sich schon in seinen Gedanken als den Statthalter der Insel sah, die ihm sein Herr versprochen hatte.
Don Quijote war bemüht, dieselben Wege wieder einzuschlagen, die er auf seiner ersten Reise genommen hatte, und diese gingen über das Feld Montiel; auf diesem zog er auch jetzt fort, und mit weniger Gefährlichkeit als das vorige Mal denn da es frühmorgens war, so trafen ihn die Sonnenstrahlen nur von der Seite und ermüdeten ihn nicht. Indem sprach Sancho Pansa zu seinem Herrn: »Schaut auch, Herr irrender Ritter wohl zu, daß Ihr das nicht vergeßt, was Ihr mir von wegen der Insel versprochen habt, ich will sie gewiß statthaltern und wäre sie noch so groß.« Hierauf erwiderte Don Quijote: »Du mußt verstehn, Freund Sancho Pansa, daß es eine sehr gewöhnliche Sitte der alten irrenden Ritter war, ihre Edelknaben zu Statthaltern von Inseln oder Reichen zu machen, die sie gewannen, und ich bin fest entschlossen, daß durch mich ein so edler Gebrauch nicht erlöschen soll, lieber denke ich darauf, ihn zu verbessern, denn oft, ja vielleicht meistenteils warteten sie bis ihre Edelknaben alt waren, schon müde im Dienst und der bösen Tage und der noch bösern Nächte überdrüssig, dann gaben sie ihnen die Würde eines Herzogs oder mindestens eines Markgrafen von irgendeiner Mark oder einer Provinz, nachdem sie groß oder klein war. Aber wenn du lebst und ich leben bleibe, so kann es wohl geschehn, daß ich innerhalb acht Tagen ein Reich gewinne, das andre, daran hängende in sich begreift, und es mag denn zutreffen, daß du in dem einen von diesen als König gekrönt wirst: dieses ist auch nichts Sonderliches, denn nach dem, was und wie alles den irrenden Rittern begegnet, das man weder je gesehn noch sich vorstellen kann, kann es sich gar leicht fügen, daß ich noch mehr gebe, als ich dir verspreche.«
»Auf die Art,« antwortete Sancho Pansa, »wenn ich nun durch ein solches Wunderwerk, wie Euer Gnaden da sagt, König würde, so würde Hanne Gutierrez, meine Alte, Königin und meine Kinder Infanten?«
»Wer zweifelt denn daran?« antwortete Don Quijote.
»Ich zweifle,« sagte Sancho Pansa, »denn wie es mir vorkömmt, wenn Gott auch Königreiche auf die Erde herunter regnen ließe, so paßte doch keins davon auf den Kopf der Marie Gutierrez. Nein, Herr, nicht für einen Dreier paßt sie sich zur Königin, Gräfin mag eher gehn, und auch das nur mit Gottes Beistand.«
»Laß du alles Gott empfohlen sein, Sancho,« antwortete Don Quijote, »der wird dir geben, was dir am besten zusteht, aber erniedrige dein Gemüt nicht so sehr, daß du dich mit etwas Geringerem als der Stelle eines Gouverneurs zufrieden stelltest.«
»Das soll nicht geschehn, mein gnädiger Herr,« antwortete Sancho, »da ich vollends einen so trefflichen Herrn in Euer Gnaden habe, der schon weiß, was er mir geben soll, das mir heilsam und zuträglich ist.«
~Achtes Kapitel~
Von dem guten Glücke, welches der tapfere Don Quijote in dem greulichen und unerhörten Abenteuer mit den Windmühlen hatte, nebst anderen Glücksfällen, die der Aufbewahrung würdig
Indem sahen sie wohl dreißig bis vierzig Windmühlen, die hier auf dem Felde standen, und sowie sie Don Quijote erblickte, sagte er zu seinem Edelknaben: »Das Glück führt unsre Sache besser, als wir es nur wünschen konnten, denn siehe, Freund Sancho, dort zeigen sich dreißig oder noch mehr ungeheure Riesen, mit denen ich eine Schlacht zu halten gesonnen bin und ihnen allen das Leben zu nehmen; mit der Beute von ihnen wollen wir den Anfang unsers Reichtums machen, denn dies ist ein trefflicher Krieg und selbst ein Gottesdienst, diese Brut vom Angesicht der Erde zu vertilgen.«
»Welche Riesen?« fragte Sancho Pansa.
»Die du dorten siehst,« antwortete sein Herr, »mit den gewaltigen Armen, die zuweilen wohl zwei Meilen lang sind.«
»Seht doch hin, gnädiger Herr,« sagte Sancho, »daß das, was da steht, keine Riesen, sondern Windmühlen sind, und was Ihr für die Arme haltet, sind die Flügel, die der Wind umdreht, wodurch der Mühlenstein in Gang gebracht wird.«
»Es scheint wohl,« antwortete Don Quijote, »daß du in Abenteuern nicht sonderlich bewandert bist, es sind Riesen, und wenn du dich fürchtest, so gehe von hier und ergib dich in einiger Entfernung dem Gebete, indes ich die schreckliche und ungleiche Schlacht mit ihnen beginne.«