Chapter 4 of 24 · 3967 words · ~20 min read

Part 4

»Auf die Geschliffenheit bestehe ich nicht,« sagte Don Quijote, »wenn Ihr ihm nur Realen gebt, so bin ich damit zufrieden; trachtet aber, daß Ihr es vollführt, wie Ihr geschworen habt, sonst schwöre ich bei dem nämlichen Eide, daß ich Euch wieder aufsuche und züchtige, und daß ich Euch wiederfinden werde, und wenn Ihr Euch auch besser als eine Eidechse verbergen könntet. Wenn Ihr aber wissen wollt, wer Euch dies gebeut, um desto mehr Grund zu haben, Euer Versprechen zu vollführen, so erfahrt: Ich bin der tapfere Don Quijote von la Mancha, der Vernichter jeglicher Ungebühr und Beschwer und somit Gott befohlen: vergiß nicht, was du versprochen und geschworen, bei Strafe der angekündigten Strafe.«

Mit diesen Worten gab er seinem Rosinante die Sporen und verließ sie. Der Bauer folgte ihm mit den Augen und da er bemerkte, daß er das Gehölz verlassen und nicht mehr zu ersehen war, wandte er sich zu seinem Knechte Andres und sagte: »Nun komm, mein Sohn, daß ich dir bezahle, was ich dir schuldig bin, wie es mir der Vernichter aller Ungebühr geboten hat.« -- »Ich schwöre Euch,« sagte Andres, »tut Ihr nicht, was der gnädige Herr, der wackere Ritter Euch befohlen hat, der tausend Jahre leben möge, und der ebenso tapfer und verständig ist, beim Sankt Rochus schwöre ich Euch, bezahlt Ihr nicht, so such' ich ihn wieder auf, damit er das tut, was er gesagt hat.« -- »Ich schwöre dir ebenfalls,« sagte der Bauer, »daß ich für das Gute, das ich dir wünsche, noch die Schuld zu vergrößern wünsche, um die Bezahlung zu vergrößern.« Er nahm ihn zugleich beim Arm und band ihn wieder an die Eiche, worauf er ihm so viele Hiebe gab, daß er ihn halb tot schlug. »Nun, Freund Andres,« sagte er dabei, »ruft doch nun den Vernichter jeglicher Ungebühr und seht, wie er diese vernichten wird, ich glaube, Euch geschieht noch nicht genug, denn ich habe fast Lust, Euch das Fell abzuziehen, wie Ihr sagtet.« Endlich band er ihn doch los und gab ihm die Erlaubnis, seinen Richter aufzusuchen, um das gesprochene Urteil zu vollstrecken. Andres ging erbost hinweg und schwur, sogleich den tapfern Don Quijote von la Mancha aufzusuchen, ihm alles, was vorgefallen sei, aufs genaueste zu erzählen, um sich alles siebenfach bezahlen zu lassen. Aber er ging dennoch weinend fort und sein Herr lachte.

Also vernichtete der tapfere Don Quijote die Ungebühr und war über diesen glücklichen Erfolg ungemein vergnügt, er glaubte seine Ritterschaft auf die schönste und edelste Weise angetreten zu haben, und indem er mit großer Selbstzufriedenheit den Weg nach seinem Dorfe fortsetzte, sagte er mit halblauter Stimme: »Glücklich kannst du dich vor allen preisen, die auf der Erde leben, o du vor allen Schönen schönste Dulzinea von Toboso, da dir unterworfen und gänzlich zu Gebote ist ein so tapferer und überaus berühmter Ritter, wie ist und sein wird Don Quijote von la Mancha, der, wie die Welt weiß, den Ritterorden erst empfangen und schon das schwerste Unrecht und Ungebühr gemildert hat, das jemals die Unvernunft ersann und die Grausamkeit ausübte! Ich schlug die Geißel aus der Hand dieses unmenschlichen Feindes, der ganz ohne Ursache den zarten Knaben zerfleischte.«

Unter diesen Betrachtungen kam er auf eine Stelle, wo sich der Weg in vier andre teilte und sogleich fielen ihm die Kreuzwege ins Gedächtnis, an denen die irrenden Ritter still hielten, um zu überlegen, welche Straße sie nehmen sollten; in Nachahmung ihrer hielt er gedankenvoll still, und nachdem er genug gesonnen, ließ er dem Rosinante den Zügel, um dem Willen seines Gaules seinen eigenen zu unterwerfen, der auch seiner vorigen Absicht folgte, sich nämlich nach seinem Stalle zu begeben. Als Don Quijote ohngefähr zwei Meilen geritten war, erblickte er eine Anzahl Menschen, die, wie sich nachher auswies, Kaufleute aus Toledo waren, die nach Murzia gingen, um Seide einzukaufen. Es waren sechs Männer, die mit Sonnenschirmen reisten, ihnen folgten vier Bediente, ebenfalls beritten und drei Burschen zu Fuß für die Maulesel. Kaum hatte sie Don Quijote entdeckt, so hielt er dies auch schon für ein neues Abenteuer. Er bestrebte sich, so viel ihm möglich, alle Denkwürdigkeiten, die er in seinen Büchern gelesen, nachzuahmen und endlich traf er auf ein Ding, das ihm hier schicklich angebracht schien. Er setzte sich also mit edlem und kühnen Anstande in den Steigbügeln fest, hielt die Lanze bereit, bedeckte mit dem Schilde die Brust und lagerte sich dann in der Mitte des Weges, weil er glaubte, daß dort die irrenden Ritter vorbeikommen müßten, denn daß sie dergleichen sein müßten, zweifelte er nicht. Als sie so nahe gekommen, daß sie ihn sehn und hören konnten, erhub Don Quijote die Stimme und sprach mit kecker Gebärde: Alle Welt sei hier angehalten, wenn nicht alle Welt bekennt, daß in aller Welt keine schönere Dame lebe, als die Kaiserin von la Mancha ist, die unvergleichbare Dulzinea von Toboso.

Die Kaufleute hielten still, um diese Worte zu hören und die seltsame Gestalt zu beschauen, die sie hersagte und aus dieser Gestalt und den Worten merkten sie sogleich die Narrheit dessen, dem beides angehörte. Sie wollten aber gern erfahren, warum ihnen dergleichen Geständnis abgefordert werde und einer von ihnen, der gern spottete und dabei witzig war, sagte: »Herr Ritter, wir alle kennen die gute Dame nicht, von der Ihr sprecht, zeigt sie uns und ist sie so schön wie Ihr behauptet, so wollen wir freiwillig und ohne allen Zwang die Wahrheit bekennen, die Ihr von uns fordert.«

»Wenn ich sie Euch zeigte«,« antwortete Don Quijote, »was hättet Ihr dann getan, eine so bekannte Wahrheit zu gestehn? Es ist vonnöten, daß Ihr es ohne zu sehn glaubt, gesteht, behauptet, beschwört und dafür kämpft; wo nicht, so beginnt der Streit, ungezogenes und stolzes Volk, einen nach dem andern will ich bestrafen, wie es sich nach den Rittergesetzen ziemt, oder Euch alle zugleich bekämpfen, wie es Sitte und übler Gebrauch unter Gesindel von Eurem Gelichter ist, als wofür ich Euch halte und erkenne, indem ich der guten Sache vertraue, die auf meiner Seite ist.«

»Herr Ritter,« antwortete der Kaufmann, »ich flehe Euch im Namen aller dieser Prinzen an, welches wir sind, daß Ihr unser Gewissen nicht beschweren mögt und uns eine Sache, die wir nie sahen, nie hörten, bekennen laßt, die so sehr zum Nachteil aller Kaiserinnen und Königinnen vom platten Land und Estremadura ausfallen dürfte; aber Euer Gnaden sei nur von der Güte, uns ein Bildnis dieser Dame zu zeigen, wäre es auch nur so groß als ein Weizenkorn, denn wenn man dem Faden nachgeht, so findet man auch den Knäuel, und damit wollen wir uns dann zufriedenstellen, und auch Euch Genüge leisten; ich glaube selbst, daß wir alle schon für sie sind, und wenn man auch auf dem Bildnisse sähe, daß das eine Auge schief sei und ihr aus dem andern Zinnober und Schwefelstein triefe, so wollen wir demungeachtet, um Euch gefällig zu sein, alles zu ihren Gunsten sagen, was Ihr nur verlangen werdet.«

»Nichts fließt! niederträchtige Bestie,« rief Don Quijote im Zorne entbrannt, »nichts fließt, sag' ich dir, was du behauptest, außer Ambra und Zibeth zwischen Seiden, nichts ist schief oder bucklig, sondern sie ist gerader als eine Spindel von Guadarrama; aber Ihr sollt die schreckliche Lästerung bezahlen, die Ihr gegen die große Schönheit meiner Dame ausgestoßen habt.«

Mit diesen Worten legte er die Lanze gegen den, der gesprochen hatte ein und rannte mit solcher Wildheit und Wut auf ihn zu, daß, wenn es sich nicht so glücklich getroffen hätte, daß Rosinante mitten im Wege gestolpert und gefallen wäre, es wohl dem übermütigen Kaufmanne übel ergangen sein möchte. Rosinante stürzte und rollte seinen Herrn eine gute Strecke ins Feld hinein. Dieser gab sich Mühe aufzustehn, aber er vermochte es nicht, so hinderte ihn die Lanze, der Schild, die Sporen, der Helm und das Gewicht der alten Rüstung. Indem er sich bestrebte aufzustehen und es doch nicht konnte, rief er: »Flieht nicht, feiges Gesindel, elendes Gesindel! Vernehmt, daß ich nicht durch meine Schuld, sondern durch Schuld meines Pferdes hier liege.« Als einer von den Maultierjungen, der nicht sonderlich aufgeräumt war, den armen Umgefallnen diese Schmähungen sagen hörte, konnte er dies nicht leiden, ohne ihm eine Antwort auf die Schultern zu geben. Er ging zu ihm hin, nahm seine Lanze, zerbrach sie in mehrere Stücke und mit dem einen davon fing er an, unserm Don Quijote so viele Schläge zu geben, daß er ihn unter der Last und dem Drucke seiner Waffen wie Getreide mahlte. Seine Herren riefen ihm zu, daß es genug sei und er ihn lassen möchte, aber der Junge war einmal erbittert und wollte das Spiel nicht verlassen, ohne alle seine Forcen rein auszuspielen; er nahm also auch die übrigen Stücke der Lanze und zerschlug sie alle auf dem elenden Niedergestürzten, der während des Ungewitters von Schlägen, das auf ihn niederfiel, nicht das Maul hielt, sondern dem Himmel, der Erde, und den Straßenräubern drohte, wofür er sie hielt.

Der Junge wurde müde und die Kaufleute setzten ihren Weg fort und hatten noch viel von dem armen Geprügelten zu sprechen. Als dieser sich allein sah, versuchte er es von neuem, sich aufzuheben, aber da es ihm unmöglich fiel, als er gesund und wacker war, wie konnte er es jetzt, so zermahlen und zerprügelt, ausrichten? Dabei aber pries er sich doch glücklich, denn er hielt dies für ein Unglück, das nur den fahrenden Rittern eigentümlich sei, wobei er alle Schuld auf sein Pferd schob. Er konnte sich aber durchaus nicht aufheben, denn er war am ganzen Körper zerschlagen.

~Fünftes Kapitel~

Fährt fort von dem Unfalle unseres Ritters zu erzählen

Da er sich nun gar nicht bewegen konnte, so verfiel er endlich auf sein gewöhnliches Mittel, nämlich an irgendeine Stelle in seinen Büchern zu denken. Sein Zorn brachte ihm eine vom Balduin ins Gedächtnis und vom Marchese von Mantua, als Carlot den Balduin verwundet im Gebirge ließ. Diese Geschichte kennen die Kinder, die Jugend weiß sie, die Alten rühmen und glauben sie und sie ist auch außerdem so wahrhaftig, als die Wunderwerke Mahomets es sind. Dieser Umstand schien ihm auf seine Lage am meisten passend zu sein, er wälzte sich daher mit dem Ausdrucke eines großen Schmerzes auf der Erde herum und sagte mit schwacher Stimme alles, was der verwundete Ritter im Walde sagt:

Wie kömmt es doch, Gebiet'rin mein, Daß dich mein Leid nicht schmerzt? Du magst wohl ohne Kunde sein, O'r hast die Treu verscherzt.

So fuhr er in der Romanze bis zu den Versen fort:

O du Marchese von Mantua fein, Mein Ohm, verwandtes Herz!

Es traf sich, daß bei diesen Versen ein Bauer aus seinem Dorfe und sein Nachbar vorüberging, der einen Sack Korn zur Mühle gebracht hatte. Als dieser einen Mann auf dem Boden liegen sah, ging er zu ihm hin und fragte ihn, wer er sei und was ihm fehle, daß er sich so überaus betrübt anstelle. Don Quijote glaubte fest, daß dieser der Marques von Mantua, sein Ohm sei und antwortete also nichts weiteres, als daß er in der Romanze fortfuhr, in der er sein Unglück und die Liebe des Kaisersohns zu seinem Gemahl vortrug, ganz so, wie es die Romanze besingt. Der Bauer stand verwundert da als er dergleichen Unsinn hörte; er machte das Visier los, das von den Schlägen in Stücken gegangen war und reinigte ihm dann das Gesicht, das voll Staub lag. Er hatte ihn kaum gesäubert, als er ihn erkannte und rief: »Ei Herr Quixada! (dies war also sein Name als er bei Verstande war und sich aus einem friedliebenden Edelmanne noch nicht in einen irrenden Ritter verwandelt hatte), wer hat Euer Gnaden denn so zugerichtet?« -- Jener aber fuhr immer fort, auf alle Fragen mit der Romanze zu antworten.

Da dies der gute Mann sah, machte er ihm, so gut er es konnte, Brust und Rücken frei, um nachzusehn, ob er verwundet sei, aber er fand weder Blut noch eine Verletzung. Er bestrebte sich, ihn vom Boden aufzuheben und mit vieler Mühe brachte er ihn auf seinen Esel, weil er dies für die bequemere Art von Reiten hielt. Die Waffen suchte er bis auf die Stücke der Lanze zusammen und band sie auf den Rosinante, den er beim Zügel faßte, seinen Esel aber an einem Stricke führte und so den Weg nach seinem Dorfe antrat, sehr nachdenklich über den Unsinn, den er Don Quijote sagen hörte. Übler noch befand sich Don Quijote, der sich zerschlagen und gequetscht kaum auf dem Lasttiere halten konnte und dann und wann einige Seufzer zum Himmel schickte, so daß der Bauer dadurch von neuem bewogen wurde, ihn zu fragen, was ihm fehle. Es schien, daß der Satan ihm alle Geschichten ins Gedächtnis brachte, die sich auf seinen Zustand paßten, denn nun vergaß er den Balduin und erinnerte sich des Mohren Abindarraez, den der Kommandant von Antequera, Rodrigo de Narvaez fing und als Gefangenen nach seiner Festung führte. Als ihn der Bauer also von neuem fragte, was ihm sei und wo es ihm weh tue, antwortete er ihm mit den nämlichen Redensarten, die der gefangene Abencerraje gegen Rodrigo de Narvaez führte, geradeso, wie er die Geschichte in der Diana des Georg de Montemayor gelesen hatte, wo sie erzählt wird; er gebrauchte sie so zu seinem Besten, daß der Bauer des Teufels werden wollte, so ein Gewebe von Albernheiten anhören zu müssen. Er merkte aber daraus, daß sein Nachbar närrisch sei und eilte behende nach dem Dorfe zu, um nur des Verdrusses los zu werden, den ihm Don Quijote mit seiner weitläufigen Geschichte erregte. Am Schluß derselben sagte dieser: »Wissen demnach mein gnädiger Herr Don Rodrigo de Narvaez, daß diese oft erwähnte schöne Xarifa zur Stund die süße Dulzinea von Toboso genannt wird, um derentwillen ich tue, getan und tun will die berühmtesten Rittertaten, die die Welt je gesehn, sieht und sehen wird!« Der Bauer antwortete hierauf: »Sehn doch nur der gnädige Herr, daß ich, bei meiner armen Seele! nicht Don Rodrigo de Narvaez bin, auch nicht der Marques von Mantua, sondern Pedro Alonzo, Euer Nachbar, so seid Ihr auch nicht Balduin und Abindarraez, sondern der ehrenfeste Herr Quixada.« -- »Ich weiß, wer ich bin,« antwortete Don Quijote, »und weiß auch, daß ich nicht nur was ich sagte sein kann, sondern auch alle zwölf Pairs von Frankreich und noch dazu alle neun Helden, denn alle ihre Taten, die sie alle zusammen und jeder einzeln für sich getan haben, vergleichen sich nicht den meinigen.«

Unter diesen und ähnlichen Gesprächen kamen sie gegen Abend an das Dorf, aber der Bauer wartete, bis es finster würde, damit man nicht den zerschlagenen Edlen als einen so üblen Ritter sehn möchte. Als ihm nun die Zeit günstig deuchte, zog er in das Dorf hinein und nach Don Quijotes Wohnung, wo alles in Verwirrung war. Der Pfarrer und der Barbier des Ortes, die Don Quijotes gute Freunde waren, befanden sich dort und die Haushälterin sagte eben mit lauter Stimme: »Was sagt nun Eure Ehrwürden, Herr Lizentiat Pedro Perez (so hieß der Pfarrer), zu meines Herrn Unglück? Seit sechs Tagen ist er nicht zu sehen, nicht sein Pferd, nicht die Lanze und Schild, nicht die Waffen! Ich will nicht gesund hier stehn, wenn ich es nicht weiß, und es ist ebenso wahr, wie geboren werden um zu sterben, daß ihm seine verfluchten Ritterbücher, die er immer las, den Verstand verrückt haben! Ich erinnere mich jetzt, daß ich ihn oft habe sagen hören, wenn er für sich sprach, daß er irrender Ritter werden möchte und ausziehn, um in der ganzen Welt Abenteuer aufzusuchen. Hole doch Satan und Barrabas alle dergleichen Bücher! denn sie haben den feinsten Kopf in der ganzen la Mancha um seinen Verstand gebracht.«

Die Nichte sagte das nämliche und fügte noch hinzu: »Wißt, Meister Nicolas (denn so hieß der Barbier), daß mein Herr Oheim, wenn er manchmal in diesen unmenschlichen Unglücksbüchern zwei Nächte und zwei Tage las, am Ende das Buch wegwarf, den Degen nahm und auf die Mauer losschlug, wenn er dann ermüdet war, sagte er, er habe vier Riesen, so groß wie die Türme umgebracht, der Schweiß, den er von der Anstrengung vergoß, behauptete er, sei Blut aus den Wunden, die er in der Schlacht empfangen habe; dann trank er schnell einen großen Becher kaltes Wasser aus und war gesund und ruhig, wobei er sagte, daß das Wasser ein köstliches Getränk sei, das ihm der weise Esquife, ein großer Zauberer und sein Freund gebracht habe. Ich gebe mir aber von allem die Schuld, daß ich Euch nicht von den Torheiten meines Herrn Oheims unterrichtet habe, damit wir vorher dazu getan hätten, ehe er das geworden ist, was er jetzt ist, so hätte man all die vielen heidnischen Bücher verbrannt, die es wahrhaftig ebensowohl als die Ketzer verdienen.«

»Das sag' ich auch,« sagte der Pfarrer, »und wahrlich morgen soll die Sonne nicht untergehn, ehe wir sie verurteilt und zum Feuer verdammt haben, damit sie nicht jemand anders verführen, sie zu lesen und es ihm dann so ergeht, wie es meinem guten Freunde ergangen sein muß.«

Alles dieses hörten der Bauer und Don Quijote mit an und der Bauer begriff daraus völlig die Krankheit seines Nachbarn, er rief nun mit lauter Stimme: »Man geruhe dem Herrn Balduin aufzumachen und dem Herrn Marques von Mantua, der schwer verwundet ankömmt, ebenso dem Herrn Mohren Abindarraez, den der Kommandant von Antequera, der tapfre Rodrigo de Narvaez gefangen führt.«

Bei diesen Worten liefen sie alle hinaus und wie nun die beiden ihren Freund, die andern ihren Herrn und Oheim erkannten, der noch nicht von seinem Tiere abgestiegen war, weil er nicht konnte, wollten ihn alle umarmen. Er aber sagte: »Bleibt alle zurück, denn ich komme durch Schuld meines Pferdes schwer verwundet an; bringt mich zu Bett und ruft, wenn es möglich ist, die weise Urganda, daß sie meine Wunden heile und untersuche.«

»Nun da haben wir's ja,« sagte die Haushälterin, »mein Herz sagt es mir wohl, wo meinem Herrn der Schuh drückte, wir wollen Euch mit Gottes Hilfe, gnädiger Herr, selber schon heilen, ohne daß die Urganda dazu komme. Verflucht und noch hundertmal und noch tausendmal verflucht mögen die Ritterbücher sein, die Euer Gnaden so zugerichtet haben.«

Sie brachten ihn zugleich zu Bette, um seine Wunden zu untersuchen, da sie aber keine fanden, sagte er, daß er ganz zerquetscht sei, weil er mit seinem Rosse Rosinante einen schweren Fall getan, in Bekämpfung von zehn Riesen, den ungeheuersten und wildesten, die man wohl auf einem großen Teile der Erde finden könne. »Ha ha!« sagte der Pfarrer, »müssen die Riesen an den Tanz? Bei meiner Seele, morgen vor Abend sollt ihr alle verbrannt sein.«

Sie taten tausend Fragen an Don Quijote, aber er antwortete auf alle nichts weiter, als man möchte ihm zu essen geben und ihn schlafen lassen, welches ihm das Nötigste sei. Dies geschah auch und der Pfarrer erkundigte sich bei dem Bauer umständlicher, auf welche Art er Don Quijote gefunden habe. Dieser erzählte alle Tollheiten, die jener auf der Erde liegend und unterwegs gesprochen habe, welches den Lizentiaten in seinem Vorsatze bestärkte, der am folgenden Tage sogleich seinen Freund, Meister Nicolas den Barbier abrief, mit dem er sich nach der Wohnung Don Quijotes begab.

~Sechstes Kapitel~

Lustiger und feierlicher Gerichtstag, den der Pfarrer und Barbier im Büchersaale unseres scharfsinnigen Edlen hielten

Er war immer noch im Schlafe, als der Pfarrer sich von der Nichte die Schlüssel zu dem Zimmer geben ließ, in welchem sich die verurteilten Bücher befanden. Sie gab ihn sehr gern und alle gingen hinein, auch die Haushälterin. Im Zimmer standen mehr als hundert Autoren in Folio, die gut eingebunden waren und außerdem noch mehrere in kleinerer Figur. Sowie die Haushälterin sie erblickte, ging sie eilig aus der Stube, kam aber sogleich mit einer Schale Weihwasser und einer Rute zurück, indem sie sagte: »Da, nehmt hin, Herr Lizentiat, besprengt die Stube, damit nicht einer von den vielen Zauberern, die in diesen Büchern stecken, uns bezaubern möge, weil wir ihnen jetzt zu nahe tun und sie aus der Welt schaffen wollen.«

Der Lizentiat lachte über die Einfalt der Haushälterin und befahl dem Barbier, daß er ihm ein Buch nach dem andern reichen solle, um sie anzusehn, weil sich vielleicht einige finden möchten, die die Feuerstrafe nicht verdienten. »Nein,« sagte die Nichte, »es muß nicht einem einzigen vergeben werden, denn sie sind alle Verbrecher; es wäre am besten, sie durch die Fenster in den Hof zu schmeißen, sie da auf einen Haufen zu packen und Feuer dran zu legen, oder man könnte sie auch in den Hinterhof bringen und da den Scheiterhaufen errichten, weil uns dann der Rauch nicht beschwerlich fiele.«

Dasselbe sagte die Haushälterin, so große Eile hatten sie, diese Unschuldigen ums Leben zu bringen, aber der Pfarrer gab ihnen nicht nach, sondern er bestand darauf, vorerst die Titel zu lesen.

Das erste, was ihm Meister Nicolas reichte, waren die vier Bücher des Amadis von Gallia. Der Pfarrer sagte: »Hierin scheint das Geheimnis zu liegen, denn so, wie man mir gesagt hat, war dieses Buch das erste von Ritterschaftssachen, das in Spanien gedruckt wurde und daß alle übrigen ihm ihren Ursprung und ihre Entstehung zu danken haben, darum muß man es auch als den Stifter einer so verderblichen Sekte ansehen und ohne Gnade zum Feuer verdammen!«

»Nein, mein Herr,« sagte der Barbier, »denn man hat mir auch gesagt, daß dies Buch das beste von allen in dieser Gattung sei und darum könnte man ihm wohl als dem einzigen seiner Gilde vergeben.«

»Das ist wahr,« sagte der Pfarrer, »und aus diesem Grunde sei ihm das Leben für jetzt geschenkt. Wir wollen das andere sehen, das danebensteht.«

»Dieses«, sagte der Barbier, »heißt die Taten des Esplandian, rechtmäßigen Sohnes des Amadis von Gallia.«

»Man muß offenbar«, sagte der Pfarrer, »das Gute des Vaters nicht auf die Rechnung des Sohnes setzen und darum, Frau Haushälterin, nehmt ihn, macht das Fenster auf und schmeißt ihn auf den Hof, er soll die Grundlage des Scheiterhaufens sein.«

Die Haushälterin ergriff ihn mit vielen Freuden und der wackere Esplandian flog in den Hof hinunter, wo er das Feuer, das ihm drohte, mit großer Geduld erwartete.

»Weiter!« sagte der Pfarrer. -- »Der nun kommt«, sagte der Barbier, »ist Amadis von Graecia und alle auf dieser Reihe sind, wie ich glaube, von der Familie des Amadis.«

»So können sie alle in den Hof reisen,« sagte der Pfarrer, »denn um nur die Königin Pintiquiniestra verbrennen zu können und den Schäfer Darinel samt seinen Eklogen, mit den verteufelten und verruchten Bemerkungen des Verfassers, würd' ich meinen leiblichen Vater zum Verbrennen hergeben, wenn er sich in Gestalt eines irrenden Ritters ertappen ließe.«

»Der Meinung bin ich auch,« sagte der Barbier. -- »Ich ebenfalls,« rief die Nichte. -- »Wenn es so ist,« sagte die Haushälterin, »wohl, mit allen in den Hof hinunter!« -- Da es so viele waren und ihr die Treppe zu umständlich schien, so warf sie sie alle aus dem Fenster in den Hof hinab.

»Was ist das da für eine Tonne?« fuhr der Pfarrer fort. -- »Dieser«, antwortete der Barbier, »ist Don Olivante de Laura.« -- »Der Verfasser dieses Buches,« sprach der Pfarrer, »ist derselbe, der den Blumengarten geschrieben hat, und es läßt sich wirklich schwer entscheiden, in welchem von beiden Büchern er wahrhaftiger oder, um mich richtiger auszudrücken, weniger Lügner ist. Das ist aber zuverlässig, daß er wegen seiner Tollheit und Albernheit in den Hof wandern soll.«

»Was nun folgt«, sagte der Barbier, »ist der Florismarte von Hircania.« -- »Ist der Herr Florismarte da?« versetzte der Pfarrer; »er muß wahrlich eiligst in den Hof hinunter, trotz seiner sonderbaren Geburt und seinen schimärischen Abenteuern, zu nichts anderem ist auch sein harter und trockener Stil zu brauchen. In den Hof mit ihm zu den andern, Frau Haushälterin.«

»Von Herzen, mein lieber Herr!« antwortete sie, und sehr behende richtete sie den Auftrag aus. -- »Dies ist der Ritter Platir,« sagte der Barbier. -- »Dies ist ein altes Buch,« sagte der Pfarrer, »und ich weiß keine Ursache, aus der es Verzeihung verdiente, also bringt es, ohne Gnaden, zu den übrigen.« -- Es geschah sogleich.