Part 14
»Wir haben Eile«, antwortete einer von den Weißen, »und die Schenke ist noch weit, so daß wir uns nicht aufhalten können, die Rechenschaft zu geben, die Ihr verlangt.« Hiermit trieb er sein Maultier an und wollte weiter. Diese Antwort wurde von Don Quijote höchlich übel empfunden, er faßte also den Zügel und sagte: »Haltet an und seid höflicher, gebt mir die Rechenschaft, die ich verlange, oder ich muß euch insgesamt bekämpfen.« Das Maultier war scheu und erschrak so sehr als es den Zügel gehalten fühlte, daß es sich bäumte und rücklings seinen Reiter auf den Boden warf. Ein Bursche zu Fuß, der den im Hemde niederstürzen sah, schimpfte hierauf auf Don Quijote, der, schon im Zorn entbrannt, nichts Besseres wünschte, die Lanze faßte, einen von den Schwarzbeflorten angriff und ihn verwundet zu Boden legte; nun machte er sich an die übrigen, und es war eine Freude, zu sehen, wie gewandt und schnell er angriff und auf sie einhieb, so daß es schien, als wenn in diesem Augenblicke an Rosinante Flügel gewachsen wären, von solcher Flüchtigkeit und Majestät war sein Betragen. Die in den Hemden waren furchtsame und unbewaffnete Leute, sie verließen also sogleich ohne Widerstand den Kampf und flüchteten mit den brennenden Fackeln über das Feld weg, so daß es nicht anders aussah, als wenn sie eine Maskerade in einer lustigen, schwärmerischen Nacht aufführen wollten. So konnten sich auch die Leidtragenden, von ihren Schleppen und Unterkleidern zurückgehalten und festgehalten, nicht zur Wehr setzen, so daß auch auf alle diese Don Quijote nach Herzenslust einprügelte und sie ihm erschreckt gern das Feld überließen, denn sie alle hielten ihn nicht für einen Menschen, sondern für den Teufel aus der Hölle, der gekommen sei, um den Leichnam abzuholen, den sie auf der Bahre mit sich führten. Sancho schaute mit Verwunderung der großen Keckheit seines Gebieters zu und sagte bei sich selber: gewiß ist doch mein Herr so tapfer und gewaltig wie er immer sagt. Eine brennende Fackel lag auf der Erde neben dem, den Don Quijote zuerst vom Maultiere geworfen; bei ihrem Scheine sah ihn dieser, ging zu ihm, setzte ihm die Spitze der Lanze ins Gesicht und verlangte, daß er sich unterwerfen möge, falls er ihn nicht umbringen solle; worauf der Liegende antwortete: »Ich bin nur zu sehr unterworfen, denn ich kann mich nicht rühren und habe ein Bein gebrochen; ich bitte Euch, gnädiger Herr, wofern Ihr ein christlicher Ritter seid, mich nicht umzubringen. Ihr würdet damit eine Sünde gegen die Kirche begehen, denn ich bin ein Lizentiat und habe die ersten Orden.«
»Welcher Teufel führt Euch denn hierher,« sagte Don Quijote, »da Ihr ein Mann der Kirche seid?«
»Kein Teufel, gnädiger Herr,« versetzte der Gefallene, »sondern mein Unstern.«
»Noch ein größerer ist über Euch verhängt,« sagte Don Quijote, »wenn Ihr mir nicht gleich auf meine anfängliche Frage genug tut.«
»Ich will Euer Gnaden mit wenigen Worten genugtun,« antwortete der Lizentiat, »und also müßt Ihr wissen, daß, obgleich ich sagte, ich sei Lizentiat, ich doch nur Bakkalaureus bin und Alonzo Lopez heiße; ich bin aus Alcoverdas und komme jetzt mit elf anderen Priestern, die mit ihren Fackeln entflohen sind, von Baeza; wir wollen nach der Stadt Segovia und führen einen Leichnam, der auf jener Bahre liegt, einen Ritter, der in Baeza starb, wo er beigesetzt ward und dessen Gebeine wir jetzt, wie gesagt, in sein Familienbegräbnis nach Segovia führen, in welcher Stadt er geboren ist.«
»Und wer hat ihn umgebracht?« fragte Don Quijote.
»Gott, vermittels eines tödlichen Fiebers, welches er ihm schickte,« antwortete der Bakkalaureus.
»So hat mich also«, sagte Don Quijote, »der Herr des Himmels der Mühe überhoben, seinen Tod zu rächen, wenn ihn ein anderer verursacht hätte; da es aber der getan hat, der ihn erschlagen hat, so kann ich weiter nichts tun, als schweigen und die Achseln zucken, wie ich auch tun müßte, wenn er mich selber schlüge. Ihr, ehrwürdiger Herr, müßt also nur noch erfahren, daß ich ein Ritter aus la Mancha bin, Don Quijote genannt, dessen Amt und Beruf es ist, durch die Welt ziehen, um Ungeradheiten gerade zu machen und allen Beschwerden abzuhelfen.«
»Ich sehe nicht ein, wie das Ungeradheiten gerademachen heißt,« sagte der Bakkalaureus, »denn was mir gerade war, habt Ihr krumm gemacht, weil ich ein Bein gebrochen habe, welches vielleicht Zeit meines Lebens nicht wieder gerade wird, und die Beschwerde, der Ihr bei mir abgeholfen habt, besteht darin, daß Ihr mir eine Beschwerde zugezogen habt, die mir wohl auf immer beschwerlich fallen wird, und daß Ihr auf Abenteuer zieht, hat mir ein Unglück zugezogen, das mir teuer genug wird zu stehen kommen.«
»Nicht alle Dinge«, antwortete Don Quijote, »geschehen auf gleiche Weise; das Unglück, Herr Bakkalaureus Alonzo Lopez war, daß, wie Ihr so durch die Nacht zogt, mit Euren Umhängseln und den brennenden Fackeln, brummelnd, Trauergewänder schleppend, Ihr mir ganz eigentlich als böse Geister aus der Unterwelt vorkamt, deshalben konnte ich nicht meine Pflicht vernachlässigen Euch anzugreifen und ich hätte Euch angegriffen, wenn ich auch unumstößlich überzeugt gewesen wäre, daß Ihr leibhaftige Teufel aus der Hölle seiet, als wofür ich Euch ansah und hielt.«
»Da mir also dies mein schlimmes Glück zugezogen hat,« sagte der Bakkalaureus, »so bitte ich nur Euer Gnaden, den Herrn irrenden Ritter, der mich in so großes Irrsal versetzt hat, mir doch unter dem Maultiere hervorzuhelfen, denn das eine Bein steckt mir zwischen Steigbügel und Sattel.«
»Wir reden schon seit einer Stunde miteinander,« antwortete Don Quijote, »warum wartet Ihr so lange, mir Euer Bedrängnis zu sagen?« Zugleich rief er Sancho Pansa zu, daß er herbeikommen möchte; dieser aber war mit dem Herbeikommen nicht eilig, denn er war in Arbeit, einen Küchenesel abzupacken, den die wackeren Herrn trefflich mit Eßwaren versorgt mit sich führten. Sancho machte einen Sack aus seinem Mantel und stopfte so viel er nur mochte und konnte in den Beutel hinein, lud ihn auf sein Tier, worauf er sich zu seinem Herrn begab und dem Herrn Bakkalaureus unter dem Maultiere hervorhalf, ihn hinaufsetzte und ihm seine Fackel reichte. Don Quijote sagte ihm hierauf, daß er sich wieder zu seinen Gefährten begeben möchte, die er seinerseits der Beschwer halber um Verzeihung bäte, da es nicht in seiner Gewalt gestanden, sie zu unterlassen. Sancho sagte hierauf: »Wenn diese Herren vielleicht wissen wollen, wer der tapfere Mann gewesen, der ihnen so zugesetzt, so sagen Euer Ehrwürden dreist, er sei der berühmte Don Quijote von la Mancha, der sich mit einem anderen Namen nennt der Ritter von der traurigen Gestalt.«
Hiermit entfernte sich der Bakkalaureus und Don Quijote fragte Sancho, was ihn bewogen, ihn noch nie als jetzt erst den Ritter von der traurigen Gestalt zu nennen. »Ich will es Euch sagen,« antwortete Sancho; »ich habe Euch eine Weile bei dem Scheine der Fackel betrachtet, die dem armen Manne gehörte und da spielte Euer Gnaden wahrhaftig die jämmerlichste Gestalt, die ich noch in meinem Leben gesehen habe, ob es nun davon kam, daß Ihr Euch im Streit so angriffet oder weil Euch die Vorder- und Backenzähne fehlen, weiß ich nicht zu sagen.«
»Es ist nicht dieses,« antwortete Don Quijote, »sondern dem Weisen, dem es vorbehalten ist, die Geschichte meiner Taten zu schreiben, hat es geschienen, daß es gut sei, wenn ich mir noch einen anderen Beinamen erwählte, wie es alle Ritter der Vorzeit getan haben; denn so hieß einer der Ritter vom brennenden Schwerte, ein anderer der vom Einhorn, jener von den Jungfrauen, dieser der vom Vogel Phönix, ein anderer der Ritter vom Greifen, noch ein anderer der des Todes, und bei diesen Namen und Wahrzeichen waren sie auf der Fläche der ganzen Erde bekannt: also, sage ich dir, hat der schon genannte Weise es deiner Zunge und deinen Gedanken eingegeben, mich den Ritter von der traurigen Gestalt zu nennen, wie ich mich auch von jetzt in Zukunft zu nennen gedenke, und damit sich ein solcher Namen noch besser für mich schickt, bin ich willens, wenn es die Gelegenheit fügt, auf meinem Schilde eine überaus klägliche Gestalt abmalen zu lassen.«
»Wir brauchen mit dieser Gestalt nicht Zeit und Geld wegzuwerfen,« sagte Sancho, »sondern was Ihr tun könnt, ist, Eure eigene Gestalt sehen zu lassen und denen, die Euch betrachten, Euer Antlitz zu zeigen, weiter braucht's dann nichts, denn ohne ein anderes Bild oder Inschrift werden sie Euch gewiß den von der traurigen Gestalt nennen. Das ist gewißlich wahr, denn ich versichere Euer Gnaden (das sage ich aber um zu spaßen), daß der Hunger und die ausgeschlagenen Backzähne Euer Gesicht so übel zugerichtet haben, daß Ihr, wie schon gesagt, die traurige Malerei gar wohl entbehren könnt.«
Don Quijote lachte über Sanchos Scherzhaftigkeit, nahm sich aber doch vor, sich bei diesem Namen zu nennen, sowie er sich auch nach seinem Vorsatze seinen Schild wolle bemalen lassen; er sagte: »Ich weiß, Sancho, daß ich in die Strafe der Exkommunikation verfallen bin, indem ich die Hände gewaltsamerweise an ein Mitglied der Kirche gelegt, =juxta illud: si quis suadente diabolo etc.=, aber ich weiß auch, daß ich nicht die Hände, sondern nur die Lanze angelegt, wobei ich überdies glaubte, keinen Priester oder heiligen Mann zu verletzen, die ich alle achte und verehre, wie es einem katholischen rechtgläubigen Christen geziemt, sondern ich hielt sie für Gespenster und Scheusale aus der Unterwelt; wäre aber auch dieses nicht, so gedenke ich daran, was sich mit dem Cid Rai Diaz zutrug, als er den Stuhl eines königlichen Gesandten in Gegenwart des heiligen Vaters, des Papstes, zertrümmerte, worauf ihn dieser exkommunizierte, der wackere Rodrigo de Vivar aber darum immer ein geehrter und tapferer Ritter blieb.«
Der Bakkalaureus hörte dieses mit an und zog hierauf, wie schon gesagt, fort, ohne irgend etwas zu antworten. Don Quijote wollte nun nachsehen, ob der Leichnam auf der Bahre nur aus Gebeinen bestände oder nicht, aber Sancho gab es nicht zu, sondern sagte: »Gnädiger Herr, Ihr habt dieses gefährliche Abenteuer von allen, die ich mit angesehen habe, am allerschönsten beendigt. Diese Leute, wenn sie auch jetzt überwunden und geschlagen sind, könnten darauf kommen, daß sie doch nur von einem einzigen Manne überwunden wären, deshalb aufgebracht und beschämt möchten sie umkehren und uns suchen, um uns noch das Nötige beizubringen. Der Esel ist wie er nur sein muß, das Gebirge nahe, der Hunger groß; das beste wäre also, wir zögen uns nun ganz sanft und leutselig zurück und so gehe denn, wie man sagt, der Tote nach dem Grabmahle, der Lebendige nach dem Brotschranke.« Mit diesen Worten trieb er seinen Esel voran und bat seinen Herrn, ihm zu folgen, dem es auch schien, daß Sancho nicht unrecht habe, und ihm also ohne Widerspruch nachritt. Sie waren nicht lange zwischen zwei Bergen fortgezogen, als sie sich in einem geräumigen und abgelegenen Tale befanden, wo sie stillehielten und Sancho seinen Esel ablud. Auf dem grünen Boden gelagert, vollbrachten sie nun mit der Würze des Hungers zugleich ihr Frühstück, Mittagsmahl, Vesperbrot und Abendessen, indem sie ihren Magen mit den mancherlei Gerichten sättigten, die die Herren Geistlichen des Verstorbenen, die selten ohne Versorgung sind, auf ihrem Küchenesel bei sich gehabt hatten. Es erfolgte aber eine neue Widerwärtigkeit, die Sancho für die schlimmste von allen hielt, daß sie nämlich keinen Wein zu trinken hatten, ja nicht einmal Wasser, um den Mund naß zu machen; so vom Durst gepeinigt sagte Sancho, da er die Wiese, auf welcher sie waren, mit kurzem frischem Grase bedeckt sah, was man im folgenden Kapitel erfahren wird.
~Sechstes Kapitel~
Von dem unerhörten und nie gesehenen Abenteuer, welches kein weltberühmter Ritter mit weniger Gefahr vollbracht, als es vom tapferen Don Quijote von la Mancha vollbracht wurde
»Es ist nicht anders möglich, gnädiger Herr, denn diese Kräuter geben ein aufrichtiges Zeugnis davon, als daß hier herum eine Quelle oder ein Strom sich befinden muß, der diese Kräuter naß macht, darum wäre es wohl dienlich, wenn wir etwas weiter gingen, damit wir irgend etwas antreffen, womit wir diesen schrecklichen Durst löschen könnten, der uns quält und der wahrhaftig noch mehr als der Hunger peinigt.«
Dieser Rat schien dem Don Quijote gut, er nahm also den Rosinante beim Zügel, Sancho nahm seinen Esel beim Stricke, auf welchen die Überbleibsel ihres Nachtessens geladen wurden, und so zogen sie tappend über die Wiese, denn die Finsternis der Nacht war so groß, daß sie nicht vor sich sehen konnten. Sie hatten noch keine zweihundert Schritte gemacht, als sie das gewaltige Gebrause eines Wassers hörten, wie wenn es sich von hohen und steilen Felsen herunterstürzte. Dieses Brausen war ihnen sehr erfreulich und sie hielten still, um zu unterscheiden, von welcher Seite das Geräusch komme; indem aber hörten sie ein anderes Rauschen, das ihnen die Freude über das Wasser verwässerte, dem Sancho besonders, der von Natur furchtsam und kleinmütig war: sie hörten nämlich, wie taktmäßig gewisse Schläge ertönten, zugleich mit einem Gerassel von Eisen und Ketten; dies, mit dem fürchterlichen Rauschen des Wassers verbunden, hätte jedes andere Gemüt als das des Don Quijote mit Furcht erfüllt. Die Nacht war, wie gesagt, dunkel, und sie standen jetzt unter einigen hohen Bäumen, deren Blätter, vom sanften Winde erregt, still und schauerlich rauschten, so daß die Einsamkeit, der Ort, die Dunkelheit, das Geräusch des Wassers und das Flüstern der Blätter Furcht und Grausen erwecken durften, da sie überdies sahen, wie die Schläge nicht aufhörten, der Wind nicht ruhig wurde, noch der Morgen anbrach, wobei ihnen noch die Gegend völlig unbekannt war, in der sie sich befanden; doch Don Quijote, angefrischt von seinem furchtlosen Herzen, bestieg den Rosinante, nahm den Schild, faßte die Lanze und sprach: »Freund Sancho, wissen mußt du, daß ich geboren bin, um vom Himmel herab in dieser unserer ehernen Zeit das Alter zu rufen, welches man nur das von Gold oder das goldene zu nennen pflegt. Ich bin es, dem Gefahren, große Tathandlungen, mächtiges Unterfangen aufbewahrt sind: ich bin, sage ich noch einmal, derjenige, der die Tafelrunde, die zwölf französischen Pairs, die neun Helden erwecken muß, ja ich muß die Platirs, die Tablantes, Olivantes und Tirantes, die des Phöbus und die Belianis in Vergessenheit bringen, samt der ganzen Schar berühmter irrender Ritter in vormaligen Jahrhunderten, indem ich in unserem gegenwärtigen Jahrhunderte dergleichen Großtaten ausüben werde, so wunderseltsame Waffenkämpfe, daß sie die glorreichsten verdunkeln müssen, die jene jemals vollbrachten. Du merkst, getreuer und redlicher Edelknabe, wohl die Finsternisse dieser Nacht, die wundersame Einsamkeit, dieses leise verwirrende Flispern der Bäume, das fürchterliche Rauschen jenes Wassers, welches wir aufsuchten und das herniederzustürzen und zu brausen scheint von mondhohen, steilen Gebirgen, samt dem unaufhörlichen Schlagen, das unsere Ohren trifft und sie verwundet, welche Dinge zusammen, ja jedes für sich hinreichen, Furcht, Schrecken und Grausen selbst der Brust des Mars einzuflößen, wie vielmehr dem Herzen desjenigen, der nicht gewöhnt ist an dergleichen Begegnissen und Abenteuern. Alles aber, was ich dir geschildert, sind ebensoviel Erwecker und Entzünder meines Mutes, so daß mir das Herz im Busen vor Begierde springt, mich in dieses Abenteuer einzulassen, stelle es sich gleich mit den furchtbarsten Schwierigkeiten entgegen. Darum also ziehe dem Rosinante den Sattelgurt ein wenig zusammen und lebe wohl, erwarte mich hier drei Tage und nicht länger, wenn ich in so vieler Zeit nicht zurückkehre, magst du nach unserer Heimat zurückkehren und von dort, um etwas Edles und Verdienstliches zu tun, dich nach Toboso wenden und der unvergleichlichen Herrin, meiner Dulzinea, verkündigen, daß ihr gefangener Ritter umgekommen sei, indem er sich Taten unterfangen, die ihn würdig gemacht hätten, sich den Ihrigen zu nennen.«
Als Sancho diese Reden seines Herrn hörte, fing er an überaus kläglich zu weinen und sagte: »Gnädiger Herr, ich weiß gar nicht, warum Ihr Euch doch mit solchem gräßlichen Abenteuer einlassen wollt; es ist jetzt Nacht, kein Mensch sieht uns hier, wir können ja schnell umlenken und der Gefahr aus dem Wege gehen, wenn wir auch in drei Tagen nichts trinken sollten; da uns auch kein Mensch hier sieht, so kann uns ja auch keiner für feige Leute ausgeben; da ich noch überdies den Pfarrer in unserm Dorfe, den Ihr wohl auch kennen werdet, habe predigen hören, daß, wer sich mutwillig in Gefahr begibt, darin umkomme; also ist es nicht gut, Gott so in Versuchung zu führen und so ein gräßliches Wesen anzugreifen, wo man nicht anders als durch ein Wunderwerk entrinnen kann; da der Himmel überdies so viel für Euch schon getan hat, indem er Euch von der Prelle lossprach, die mich betroffen, indem Ihr als Sieger gesund und frei aus dem Treffen mit der großen Schar kamt, die den Verstorbenen begleiteten; rührt und bewegt aber alles dieses noch nicht Euer hartes Herz, so glaubt nur zuverlässig, und der Gedanke muß Euch bewegen, daß, sowie Ihr von mir geht, ich aus Furcht dem meine Seele gebe, der sie nur mitnehmen mag. Ich habe Vaterland, Weib und Kinder verlassen, um in Eure Dienste zu kommen, weil ich mich zu verbessern, aber nicht zu verschlimmern dachte, aber freilich allzuviel zerreißt den Sack, und so sind auch meine Hoffnungen in die Brüche gefallen, denn anstatt daß ich nun die verfluchte Unglücksinsel bald bekommen sollte, die Ihr mir so oft versprochen habt, werde ich dafür lieber gar an einem wüsten Orte allein gelassen, den kein menschlicher Fuß betritt. Oh, um tausend Gottes willen, gnädiger Herr, fügt mir nicht ein so erschreckliches Unglück zu, oder wenn Ihr denn ja durchaus darauf bestehen wollt, Euch dieser Tat zu unterfangen, so wartet doch wenigstens bis zum Morgen, denn soviel ich mit meiner Kunst begreife, die ich als Schäfer gelernt habe, muß binnen drei Stunden Tagesanbruch sein, denn der Kopf des kleinen Bären steht ganz gerade über uns, und Mitternacht ist, wenn er sich unter der Linie linker Hand befindet.«
»Wie kannst du, Sancho,« antwortete Don Quijote, »diese Linie oder das Gesicht oder Kopf gewahr werden, wovon du sprichst, da die Nacht so finster ist, daß kein einziger Stern am Himmel scheint?«
»Freilich ist kein Stern da,« sagte Sancho, »aber die Furcht hat so viele Augen, daß sie die Dinge unter der Erde sehen kann, geschweige denn am Himmel, und es läßt sich auch schon aus dem puren Verstande begreifen, daß es nicht mehr weit vom Tage sein kann.«
»Dem sei wie ihm wolle,« antwortete Don Quijote, »man soll weder jetzt noch jemals von mir sagen können, daß Tränen und Bitten mich abgehalten, das zu tun, was ich meiner Ritterpflicht schuldig bin: also bitte ich dich, Sancho, ruhig zu sein, denn der Gott der es mir ins Herz gepflanzt, mich in dieses nie gesehene und entsetzliche Abenteuer einzulassen, wird auch für meine Wohlfahrt sorgen und dich in deiner Traurigkeit trösten: was dir jetzt obliegt, ist, dem Rosinante den Sattelgurt festzumachen und dann hier zu warten, denn ich kehre bald, lebendig oder tot, zurück.«
Da Sancho sah, wie unerschütterlich der Entschluß seines Herrn sei, wie wenig über ihn seine Tränen, Ratschläge und Bitten vermochten, wollte er die Probe machen, was er durch List ausrichten könne, daß er wohl den Tag erwarten müsse; indem er also dem Pferde den Sattelgurt festzog, band er zugleich sacht und unbemerkt mit dem Stricke seines Esels dem Rosinante beide Beine zusammen, so daß Don Quijote, als er nun fortreiten wollte, es nicht konnte, weil sich das Pferd nicht anders als in Sprüngen bewegte. Als Sancho den guten Erfolg seiner Hinterlist bemerkte, sagte er: »Seht, gnädiger Herr, wie von meinen Tränen und Bitten bewegt, es der Himmel so verordnet, daß sich Rosinante nicht bewegen kann, wollt Ihr nun doch auf Eurem Sinn beharren und ihn spornen und anreizen, so werdet Ihr dadurch das Glück nur böse machen und, wie man sich auszudrücken pflegt, gegen den Stachel lecken.«
Don Quijote wollte hierüber verzweifeln, denn je mehr er dem Pferde die Sporen gab, je weniger wollte es sich fortbewegen, und ohne auf den Verband zu verfallen, faßte er den Entschluß, ruhig zu bleiben und zu warten, ob es entweder Morgen werden oder Rosinante berühriger werden möchte, weil er gewiß die Schuld jeder anderen Ursache, nur nicht Sanchos Erfindsamkeit beimaß, er sagte also: »Da dem so ist, Sancho, daß Rosinante sich nicht bewegen kann, so muß ich damit zufrieden sein, zu warten, bis mir die Morgenröte lacht, obgleich ich darüber weine, daß sie ihre Ankunft verzögern wird.«
»Ihr braucht nicht zu weinen,« antwortete Sancho, »denn ich will Euch Zeitvertreib genug verschaffen und bis zum Tage Geschichten erzählen, wenn Ihr nicht etwa absteigen und auf dem frischen Grase nach irrender Ritter Weise schlafen wollt, damit Euch der Tag noch munterer findet und Ihr um so besser das entsetzliche Abenteuer, worauf Ihr wartet, anfassen könnt.«
»Was nennst du absteigen oder schlafen?« sagte Don Quijote, »gehöre ich denn etwa zu jenen Rittern, die Ruhe in den Gefahren suchen? Schlaf du, der du zum Schlafen geboren bist oder tue, was du willst, ich werde meinerseits das tun, was meiner Würde am besten zusteht.«
»Seid nicht böse, mein lieber gnädiger Herr,« antwortete Sancho, »ich hab's nicht darum gesagt;« zugleich drängte er sich dicht an ihn, stemmte die eine Hand auf den vorderen Sattelknopf, die andere auf das Hinterteil des Sattels, so daß er den linken Schenkel seines Herrn umarmt hielt, ohne es zu wagen, sich einen Finger breit zu entfernen: solche Furcht flößten ihm die Schläge ein, die unaufhörlich abwechselnd erklangen.
Don Quijote sagte, er möchte nun zur Unterhaltung eine Geschichte erzählen, wie er es versprochen habe, worauf Sancho erwiderte, daß er es tun wolle, wenn ihn die Furcht vor dem Spektakel dazu kommen ließe; »aber ich will mich dennoch anstrengen, eine Historie vorzutragen, die, wenn mir die Erzählung gelingt und ich Schwarz und Weiß noch unterscheiden kann, gewiß vor allen anderen die schönste Historie ist; nun aber gebt acht, denn ich fange an.
Es war das, was war, das Gute, das uns kömmt, sei mit allen, das Schlimme sei mit dem, der es aufsucht; merkt nämlich, gnädiger Herr, wie die Alten ihre Märlein nicht auf diese Weise anfingen wie wir heutzutage, sondern mit einer Sentenz des weisen Coriander aus Griechenland, welcher sagte: ›das Schlimme sei mit dem, der es aufsucht‹, welches sich hier paßt wie der Schuh auf den Fuß, damit Euer Gnaden sich ruhig halte und nirgends hingehe, um das Schlimme zu suchen, sondern daß wir lieber einen anderen Weg einschlagen, denn kein Mensch zwingt uns ja, diesen zu verfolgen, auf dem so vielerlei Schrecken auf uns lauern.«
»Verfolge du, Sancho, deine Erzählung,« sagte Don Quijote, »aber für den Weg, den wir zu verfolgen haben, überlaß mir die Sorge.«
»Ich sage also,« fuhr Sancho fort, »daß in einem Dorfe von Estremadura ein Ziegenhirt von Schäfer wohnte, ich will nämlich sagen, der Ziegen hütete; dieser Schäfer oder Ziegenhirt also, wie ihn meine Geschichte nennt, hieß Lope Ruiz, und dieser Lope Ruiz war in eine Schäferin verliebt, die Torralva hieß; diese Schäferin, die Torralva hieß, war die Tochter von einem reichen Hirten, und dieser reiche Hirte -- --«
»Wenn du so deine Erzählung erzählst, Sancho,« sagte Don Quijote, »und immer zweimal das eben Gesagte wiederholst, so wirst du in zwei Tagen nicht fertig; sprich ordentlich und erzähle wie ein vernünftiger Mensch, wo nicht, so laß es gar bleiben.«
»Geradeso, wie ich erzähle,« antwortete Sancho, »werden bei mir zu Hause alle Märlein erzählt, ich kann sie Euch nicht anders erzählen und es ist unrecht, von mir zu verlangen, daß ich neue Sitten aufbringen soll.«
»Sprich wie du willst,« antwortete Don Quijote, »da es das Schicksal einmal will, daß ich dir zuhören muß, so fahre nur fort.«
»Also denn, mein allerliebster Herr,« fuhr Sancho fort, »wie ich schon gesagt habe, war dieser Schäfer in die Schäferin Torralva verliebt, die ein rundes, unbändiges Mädchen war und so etwas Kerlhaftiges an sich hatte, denn sie hatte selbst ein Stückchen Schnurrbart, daß ich sie noch immer vor mir zu sehen glaube.«
»So hast du sie also gekannt?« fragte Don Quijote.