Chapter 18 of 24 · 3462 words · ~17 min read

Part 18

Friedberg, der nicht von geduldiger Gemütsart war (auch schon daraus begriffen hatte, daß Don Quijote nicht gescheit sei, daß er das tolle Unternehmen angefangen, sie frei zu machen), gab, da er sich so behandelt sah, seinen Kameraden einen Wink, die sich alsbald von allen Seiten beabseiteten, und einen solchen Hagel von Steinen nach Don Quijote schleuderten, daß er nicht Hände genug hatte, um sich mit seinem Schilde zu schirmen, wobei der arme Rosinante sich aus allem Spornen nicht mehr machte, als wenn er aus Erz gegossen wäre. Sancho kroch hinter seinen Esel und verbarg sich dort vor dem Sturmwetter von Steinen, das auf beide herabstürzte. Don Quijote konnte sich nicht so ganz verschilden, daß ihn nicht einige Kiesel so gewaltig auf den Leib getroffen hätten, daß sie ihn auf die Erde warfen. Er war kaum niedergefallen, als sich der Student über ihn machte, ihm das Bartbecken vom Kopfe nahm, ihm damit drei oder vier Schläge auf den Rücken gab und es so lange gegen die Erde schmiß, bis es in Stücke brach; er nahm ihm überdies eine Schärpe ab, die er über der Rüstung trug und hätte ihm ohne Zweifel selbst die Hosen ausgezogen, wenn ihn daran nicht der Beinharnisch gehindert hätte. Dem Sancho nahmen sie seinen Mantel und ließen ihn entkleidet, worauf sie untereinander die in der Schlacht gewonnene Beute verteilten und jeder sich nach einer andern Gegend davonmachte, eifriger besorgt, der furchtbaren Brüderschaft zu entwischen, als sich mit der Kette zu beladen und sich vor der Dame Dulzinea von Toboso zu präsentieren.

Der Esel und Rosinante, Sancho und Don Quijote blieben zurück, der Esel kopfhängend und nachdenklich, indem er je zuweilen die Ohren schüttelte, wohl in der Meinung, daß der Steinregen, der seine Ohren getroffen, noch nicht aufgehört habe; Rosinante neben seinem Herrn hingestreckt, ebenfalls durch einen Wurf niedergestürzt, Sancho ohne Mantel und in Furcht vor der heiligen Brüderschaft, Don Quijote ungemein verdrießlich, sich so schlecht von denen behandelt zu sehen, denen er so großes Gut verschafft hatte.

~Neuntes Kapitel~

Was dem berühmten Don Quijote in dem schwarzen Gebirge begegnete, eines der wundersamsten Abenteuer, die in dieser wahrhaftigen Geschichte vorgetragen werden

Wie sich nun Don Quijote so übel behandelt sah, sagte er zu seinem Stallmeister: »Immer, Sancho, habe ich sagen hören, den Nichtswürdigen Gutes erzeigen, heiße, Wasser ins Meer tragen; hätte ich deinen Worten geglaubt, so hätte ich freilich diesen Verdruß nicht erfahren, aber da es nun geschehen ist, so sei die Geduld mein Trost und daß ich inskünftige vorsichtiger sein werde.«

»Ihr werdet gerade so vorsichtig sein,« antwortete Sancho, »wie ich ein Türke bin, da Ihr aber doch sprecht, daß Ihr dieses Unglück nicht erfahren, wenn Ihr mir geglaubt hättet, so glaubt mir nur jetzt, damit Ihr nicht ein ander noch größer Unglück erlebt, denn Ihr müßt wissen, daß sich die heilige Brüderschaft nichts um die Ritterschaft schert, denn sie gibt für alle irrenden Ritter zusammen noch keine zwei Dreier, und mir ist immer schon, als wenn uns ihre Spieße um die Ohren brummen.«

»Du bist eine geborene Memme, Sancho,« sagte Don Quijote, »damit du aber nicht sagen könnest, ich sei halsstarrig und befolge niemals deinen Rat, will ich dieses Mal tun, was du mir rätst, und dem Unheil, das du fürchtest, aus dem Wege gehen; doch nur unter der einen Bedingung, daß du niemals so im Leben wie im Sterben niemanden sagen dürfst, ich zöge mich aus Furcht vor der Gefahr, sondern nur deinen Bitten zu Gefallen zurück; denn sagst du es anders, so lügst du, und jetzt wie alsdann, auch alsdann so wie jetzt werde ich dich Lügen strafen, und du wirst lügen, so oft du es denken oder sagen magst und erwidre nichts weiter, denn wenn du es nur denkst, daß ich irgendeiner Gefahr aus dem Wege trete, vorzüglich dieser, die in der Tat einen kleinen Anschein von gegründeter Furcht mit sich führt, so bin ich entschlossen hierzubleiben und ganz allein alles zu erwarten, nicht allein diese heilige Brüderschaft, die dich besorgt macht, sondern zugleich alle Brüder der zwölf israelitischen Stämme, samt den sieben Brüdern, ingleichen Kastor und Pollux, wie nicht minder alle Brüder und Brüderschaften, die es nur in der Welt geben mag.«

»Gnädiger Herr,« antwortete Sancho, »sich zurückziehen ist ja nicht fliehen, zu warten ist kein Verstand, wenn die Gefahr größer ist, als man sie nur erwarten kann, kluge Leute schonen sich heute für morgen und setzen ihr ganzes Glück nicht an einem Tage und wenn ich gleich nur ein gemeiner Mann und Bauer bin, so habe ich doch jederzeit meine Ehre darin gesucht, mich verständig aufzuführen; drum laßt's Euch nicht gereuen, meinen guten Rat anzunehmen, sondern steigt auf den Rosinante, wenn Ihr könnt, wo nicht, so will ich Euch helfen und folgt mir nach, denn es schwant mir, daß wir die Beine nötiger als die Hände brauchen werden.«

Don Quijote stieg auf, ohne irgend etwas zu antworten, Sancho, auf seinem Esel sitzend, führte an und so gelangten sie in einen Teil des schwarzen Gebirges, dem sie sich nahe befanden, Sancho hatte die Absicht es ganz zu durchschneiden und sich nach Viso oder Almodovar del Campo zu begeben und sich etliche Tage in diesen Berggegenden zu verstecken, damit sie von der heiligen Brüderschaft nicht gefunden würden. Er faßte neuen Mut, als er entdeckte, daß sein Mundvorrat, der sich auf dem Esel befunden hatte, aus der Schlacht mit den Ruderknechten gerettet war, etwas, das er für ein Wunderwerk hielt, da die Ruderknechte auf dergleichen so heftige Jagd gemacht hatten.

Noch in dieser Nacht kamen sie bis in die Mitte des schwarzen Gebirges und Sancho schlug vor, die Nacht und noch etliche nachfolgende Tage dort zuzubringen, wenigstens so lange, als ihre Speisekammer sie versorgte, und also machten sie ihr Nachtlager in einer Gegend zwischen zwei Felsen, in der sich viele Korkbäume befanden. Aber das Fatum, welches nach der Meinung derer, die nicht vom Licht der wahren Lehre erleuchtet sind, alles lenkt und nach seinem Kreise regiert und vollführt, führte den Gines Friedberg, diesen berühmten Schelm und Räuber, der durch Tugend und Tollheit des Don Quijote von der Kette erlöst war und der ebenfalls aus Besorgnis vor der heiligen Brüderschaft, die er mit großem Rechte fürchtete, auf den Einfall kam, sich in das Gebirge zu verstecken, diesen brachte sein Schicksal und seine Furcht an die nämliche Stelle, die sich Don Quijote und Sancho Pansa erwählt hatten, er erkannte sie und traf sie, da sie eben einschlafen wollten. Wie nun Bösewichter immer undankbar sind, die Not auch oft das Äußerste versucht, die gegenwärtige Hilfe auch der zukünftigen vorgezogen wird, so fiel Gines, der weder dankbar noch von edler Gesinnung war, darauf, dem Sancho Pansa seinen Esel zu stehlen, indem er auf den Rosinante keine Rücksicht nahm, den er für ein gänzlich wertloses Stück, sowohl zum Verpfänden als zum Verkaufen achtete. Sancho Pansa schlief, er stahl ihm sein Tierlein, und ehe es noch tagte, war er schon so weit entfernt, daß er nicht wiedergefunden werden konnte.

Die Morgenröte ging auf, die Erde zu erfreuen und Sancho Pansa zu betrüben, denn er traf seinen Grauen nicht mehr an; wie er sich ohne ihn sah, begann er so heftig und laut den allerkläglichsten Jammer, daß Don Quijote bei seinem Geschrei erwachte und folgende Reden vernahm: »O du mein eingeborener Sohn! du in meinem väterlichen Hause erwachsen! du Kleinod meiner Kinder, Trost meines Weibes, Neid meiner Nachbarn, Stütze meiner Arbeiten! O du Ernährer meiner halben Person, du verdientest mir täglich sechsundzwanzig Maravedis und das war mein halbes Auskommen.«

Da ihn Don Quijote so jammern hörte und die Ursache davon einsah, suchte er Sancho mit den besten Trostgründen zu beruhigen, er bat ihn, sich in Geduld zu fassen und versprach ihm zugleich eine Verschreibung, auf welche er drei von den fünf Eseln erhalten solle, die er zu Hause habe. Hiermit stellte sich Sancho zufrieden und trocknete seine Tränen, er faßte einen neuen Mut und sagte Don Quijote für seine Wohltätigkeit herzlichen Dank, dem sich, wie er nur das Gebirge betreten hatte, das Herz erhub, denn diese Orte schienen ihm besonders für Abenteuer schicklich, wie er sie suchte. Ihm fielen alle die wunderbaren Begebenheiten in die Gedanken, die in dergleichen Einsamkeiten und wilden Gebirgen den irrenden Rittern begegnet waren. Hingerissen und vergeistert von diesen Vorstellungen zog er fort, ohne an etwas anderes zu denken; auch Sancho hatte keinen andern Gedanken (seitdem er glaubte auf einer sicheren Straße zu reisen), als seinem Magen mit den Eßwaren gütlich zu tun, die ihm noch von der Beute der Geistlichen geblieben waren; so folgte er seinem Herrn, quer über seinem Esel sitzend, aus dem Beutel herauslangend, in seinen Wanst hineinstopfend, wobei er für ein neues Abenteuer, solange er auf solche Weise reiste, nicht einen Pfennig gegeben hätte.

Indem hub er die Augen auf und bemerkte, wie sein Herr anhielt, bemüht, mit der Spitze seiner Lanze einen Bündel aufzuheben, der auf der Erde lag, er machte sogleich Anstalt, ihm zu helfen, wenn es nötig wäre und als er näher kam, hub jener mit der Lanzenspitze ein Reitkissen und einen Mantelsack auf, beide halb oder vielmehr ganz vermodert und zerrissen; sie waren aber von so großem Gewicht, daß Sancho absteigen mußte, um sie aufzuheben, worauf ihm sein Herr befahl, nachzusehen, was sich im Mantelsack befinde. Sancho richtete dieses Gebot mit vieler Behendigkeit aus, und ob der Mantelsack gleich mit Kette und Schloß zugemacht war, so konnte er doch durch die Löcher alles sehen, was er enthielt, nämlich vier Hemden von der feinsten Leinwand, noch anderes linnenes Gerät, sehr nett und sauber, in einem Tuche fand er eine ziemliche Summe goldener Taler, und sowie er diese erblickte, rief er aus: »Gelobt sei Gott, der uns endlich ein Abenteuer zubereitet, das was trägt!« Und sowie er weitersuchte, fand er ein kleines Taschenbuch mit reichen Verzierungen; dieses ließ sich Don Quijote reichen und befahl ihm, das Geld zu bewahren und für sich zu behalten. Sancho küßte ihm für diese Güte die Hand und indem er noch alle Wäsche aus dem Mantelsack aussackte, stopfte er alles in den Beutel, der seine Vorratskammer war, hinein. Alles dieses sah Don Quijote mit an und sagte: »Es scheint, Sancho, und anders ist es gar nicht möglich, daß ein verirrter Reisender, der durch dieses Gebirge gezogen ist, von Räubern angefallen sei, die ihn umgebracht und an irgendeiner verborgenen Stelle begraben haben.«

»Das kann nicht sein,« antwortete Sancho, »denn wären es Räuber gewesen, so hätten sie das Geld wohl nicht liegenlassen.«

»Du hast recht,« sagte Don Quijote, »und so kann ich nicht raten noch begreifen, was es wohl sein mag; doch Geduld, wir wollen sehen, ob sich in dieser Schreibtafel nicht irgend etwas aufgezeichnet findet, wodurch wir auf die Spur geraten und das entdecken, was wir gern wissen möchten.«

Er schlug das Buch auf und zuerst fand er als Konzept, aber doch mit deutlichen Buchstaben geschrieben, ein Sonett, welches er laut ablas, damit es auch Sancho hören könnte:

Du, Amor! weißt kein Wort von meinen Leiden, Ha! grausam bist du, oder willst mir zeigen, Wie Strafe ohne Schuld mich möge beugen, Drum wühlt die Qual in meinen Eingeweiden.

Doch muß Allwissenheit den Gott bekleiden; Ein Gott ist er; auch muß der Vorwurf schweigen,

Daß Götter wüten: aber warum steigen Die Martern in mein Herz, die es zerschneiden?

Ich wag' es nicht, dich Phyllis, zu verklagen, Daß du so großes Unheil mir geschicket; Den Himmel schmähn, wer mag sich's unterwinden?

Daß ich bald sterbe, dies nur kann ich sagen, Für Unheil, dessen Grund man nicht erblicket, Kann nur ein Wunderwerk die Heilung finden.

»Aus diesen Reimen«, sagte Sancho, »wird auch nichts klar, wenn uns nicht, so Gott will's, der Filz da auf den rechten Weg bringt.«

»Wo ist denn ein Filz?« fragte Don Quijote.

»Mir war doch,« sagte Sancho, »als wenn Ihr von Filz oder Pilz etwas daher läset.«

»Nein, Phyllis,« antwortete Don Quijote, »und dieses ist sonder Zweifel der Name der Dame, über welche sich der Verfasser dieses Sonettes beklagt, der in der Tat ein feiner Poet ist, bin ich anders in der Kunst nicht unerfahren.«

»So versteht Euer Gnaden auch«, sagte Sancho, »Reime zu machen?«

»Und besser als du wohl glauben magst,« antwortete Don Quijote, »das sollst du gewahr werden, wenn ich dich mit einem ganzen Bogen voller Verse, eng geschrieben, an meine Gebieterin Dulzinea von Toboso senden werde; denn du mußt wissen, Sancho, daß alle irrenden Ritter voriger Zeiten, oder doch die meisten, große Reimer und Musiker waren, mit welchen beiden Talenten, oder richtiger zu reden, Liebenswürdigkeiten, stets die verliebten Irrenden begabt sind; freilich wohl enthielten die Gedichte der ehemaligen Ritter mehr Geist als Kunst.«

»Leset mehr,« sagte Sancho, »vielleicht finden wir, was wir wollen.«

Don Quijote schlug das Blatt um und sagte: »Dieses ist Prosa und scheint ein Brief.«

»Ein Sendschreiben, gnädiger Herr?« fragte Sancho.

»Nach dem Anfange zu urteilen, handelt er von Liebe,« antwortete Don Quijote.

»So leset es nur laut,« sagte Sancho, »ich habe eine große Freude an den Liebessachen.«

»Gern,« antwortete Don Quijote und fing an laut zu lesen, wie Sancho ihn gebeten hatte, worauf er sah, daß der Brief folgenden Inhaltes war:

»Dein falsches Versprechen und mein gewisses Unglück treiben mich weit hinweg, so daß du wohl die Nachricht von meinem Tode, nie aber meine Klagen vernehmen wirst. Du hast mich verworfen, Undankbare! für einen, der reicher, nicht aber besser ist als ich, denn wäre Tugend ein Reichtum, den man achtete, so würde ich nicht fremdes Glück beneiden, wie eigenes Unglück beweinen. Wie hoch deine Schönheit dich erhob, so tief stürzen deine Handlungen dich herab; nach jener schienst du ein Engel, diese beweisen mir, daß du ein Weib bist. Lebe in Frieden, du, die mir Krieg erregt hast, und gebe der Himmel, daß der Betrug deines Gemahls nie entdeckt werde, damit du das nicht bereust, was du getan hast und ich nicht so gerächt werde, wie ich es nicht wünsche.«

Als Don Quijote diesen Brief geendigt hatte, sagte er: »Hieraus sowie aus den Versen läßt sich nichts weiter ermessen, als daß der Verfasser von beiden ein unglücklich Liebender sei.« Er blätterte hierauf die ganze Schreibtafel durch und fand noch andere Verse und Briefe, von denen er einige lesen konnte, andere nicht; aber der Inhalt von allen waren Klagen, Trauer, Mißtrauen, Lust und Unlust, Gunst und Verschmähung; jene gepriesen, diese beweint. Indes Don Quijote das Buch durchsuchte, durchsuchte Sancho den Mantelsack, ohne in ihm sowie in dem Reitkissen eine Naht unbeachtet zu lassen, er untersuchte und erforschte jede Falte, er pflückte jedes Häufchen Wolle auseinander, denn er wollte nichts aus Eilfertigkeit oder Achtlosigkeit übergehen: eine solche Gier hatten in ihm die gefundenen Goldstücke erweckt, die sich auf über hundert beliefen, und obgleich er nicht mehr als die schon gefundenen fand, so glaubte er sich doch für die Prelle, für das Brechmittel, die Einsegnungen der Krippenstangen, die Faustschläge des Eseltreibers, für den Verlust des Schnappsackes, die Beraubung des Mantels und für allen Hunger, Durst und Mühseligkeiten, die er nur immer im Dienste seines vortrefflichen Herrn ausgestanden hatte, durch die Güte, daß ihm dieser Fund überlassen wurde, hinlänglich belohnt. Der Ritter von der traurigen Gestalt ging mit dem heftigen Wunsche schwanger, zu wissen, was der Herr des Mantelsackes sei, aus dem Sonette wie aus dem Briefe, aus den goldenen Münzen wie aus der feinen Wäsche zog er den Schluß, daß es kein anderer, als ein Verliebter von Rang und Stand sein könne, den Verschmähung und Unfreundlichkeit seiner Dame zu irgendeinem verzweifelten Entschlusse geführt habe; da aber in dieser unwohnbaren wilden Gegend niemand zu sehen war, den er hätte fragen können, so richtete er nunmehr seine Sorgfalt darauf, seinen Weg fortzusetzen, immer mit der Einbildung angefüllt, daß ihm in diesen Wüsteneien notwendig ein seltsames Abenteuer aufstoßen müsse.

Sowie er noch mit diesen Gedanken fortzog, bemerkte er, wie auf dem Rücken des Berges, der vor ihm lag, ein Mensch sich mit wundernswürdiger Schnelligkeit von Stein zu Stein und von Busch zu Busch in Sprüngen fortbewegte: er war halb nackt, sein Bart schwarz und dick, die häufigen Haare in Verwirrung, die Füße ohne Schuh und die Beine ganz unbedeckt; um die Schenkel trug er Beinkleider, dem Anschein nach von bräunlichem Sammet, aber sie waren so zerrissen, daß man an vielen Stellen das Fleisch erblicken konnte; sein Kopf war entblößt, und obgleich er, wie gesagt, schnell vorüberlief, sah und erkannte der Ritter von der traurigen Gestalt dennoch alle diese Merkmale. So viele Mühe er sich aber auch gab, war es ihm doch unmöglich, ihm zu folgen, denn der Schwachheit des Rosinante widerstand es, scharf in diesen Umwegen zu rennen, da überdies sein Gemüt saumselig und phlegmatisch war.

Plötzlich fiel es dem Don Quijote ein, daß ebendieser der Herr des Reitkissens und des Mantelsackes sein müsse, und zugleich faßte er den Vorsatz, ihn aufzusuchen, und wenn er auch ein Jahr im Gebirge herumziehen müßte, um ihn zu finden: somit befahl er dem Sancho, vom Esel abzusteigen und von der einen Seite die Runde um den Berg zu machen, indem er von der andern Seite herumgehen wollte, weil sie durch diese Anstalt vielleicht den Menschen anträfen, der mit so großer Eile an ihnen vorübergerannt sei.

»Das kann nicht geschehen,« antwortete Sancho, »denn sowie ich mich von meinem werten Herrn entferne, ist die Furcht bei mir, die mir tausenderlei Schrecken und Einbildungen verursacht: das, was ich jetzt sage, mag zugleich zur Nachricht dienen, daß ich mich in Zukunft nicht um einen Finger breit von Euer Edlen entfernen werde.«

»Es sei also,« sprach der von der traurigen Gestalt, »und es freut mich sehr, daß du meinem Geiste so fest vertraust, der dich auch niemals verlassen soll, selbst wenn dein Geist deinen Körper verließe: gehe mir also langsam oder wie es dir am besten deucht, nach, gebrauche deine Augen statt Lichter, indem wir durch diese Klüfte schweifen, vielleicht treffen wir den Menschen, den wir erblickten, der ohne allen Zweifel der Eigentümer unseres Fundes sein muß.«

Worauf Sancho die Antwort gab: »Es wäre doch besser, ihn nicht zu suchen, denn wenn wir ihn finden und er vielleicht der Herr von dem Gelde ist, so folgt daraus erklärlich, daß ich es ihm wiedergeben muß, darum ist es besser, wir lassen diese unnütze Mühe, damit ich's mit gutem Gewissen einstecken kann, bis wir auf eine andere, nicht so vorwitzige und mühselige Weise den wahrhaftigen Herrn entdecken, vielleicht zu einer Zeit, wenn es schon verzehrt ist, wo dann der Kaiser sein Recht verloren hat.«

»Du bist im Irrtum, Sancho,« antwortete Don Quijote, »denn indem wir nur auf die Vermutung geraten sind, daß er der Eigentümer sein möge, sind wir auch schon verpflichtet, ihn zu suchen und ihm sein Geld zurückzugeben: suchen wir ihn aber nicht, so ist die Vermutung, daß er der Eigentümer sein möchte, für uns so gut ein Verbrechen, als wenn wir es gewiß wüßten: also, Freund Sancho, möge dir das Suchen keinen Verdruß erregen, denn es ist meine Sache, ihn aufzufinden.« Mit diesen Worten spornte er den Rosinante und Sancho folgte auf seinem Esel nach. Nachdem sie um einen Teil des Berges geritten waren, sahen sie in einem Bache ein totes, von Hunden und Raben halb verzehrtes, gesatteltes und aufgezäumtes Maultier liegen, welches sie in der Vermutung bestätigte, daß der Flüchtling der Eigentümer des Tieres und des Mantelsackes sei. Wie sie es noch beschauten, hörten sie eine Pfeife, wie von einem Hirten, der eine Herde führt, und sie sahen auch links eine große Anzahl Ziegen und hinter diesen, oben auf dem Bergrücken einen Hirten, der sie hütete, einen alten Mann. Don Quijote rief und bat, daß er zu ihnen herunterkommen möchte. Jener antwortete mit lautem Geschrei, wie sie in diese Gegend gekommen wären, die wenig oder gar nicht betreten würde, außer von den Füßen der Ziegen oder der Wölfe oder anderer Bestien, die sich dort herumtrieben. Sancho antwortete, er möchte herunterkommen, und sie wollten ihm dann alles erzählen.

Der Ziegenhirt stieg herunter und als er an die Stelle kam, wo Don Quijote stand, sagte er: »Ihr beschaut gewiß den Mietesel, der hier tot in dem Loche liegt, er liegt nun wahrhaftig schon seit sechs Monaten auf der Stelle da; aber sagt, habt Ihr nirgends seinen Herrn nicht getroffen?«

»Wir haben nichts getroffen,« antwortete Don Quijote, »als ein Reitkissen und einen Mantelsack, die wir nicht weit von hier fanden.«

»Auch ich hab's gefunden,« antwortete der Ziegenhirt, »aber ich hab's niemalen aufnehmen wollen, ja nicht einmal nahe kommen, weil ich vor Schaden bange war, und daß sie's mir mal für einen Diebstahl auslegen könnten; der Teufel ist pfiffig und legt uns oft was vor die Füße, worüber man stolpert und fällt, man weiß nicht, wie's kömmt.«

»Gerade wie ich gesagt habe,« antwortete Sancho, »denn auch ich hab's gefunden, aber ich mochte ihm nicht auf einen Steinwurf nahe kommen; hab' ich's gelassen und da mag es bleiben wie es war, denn ich mag nicht die Katzen, daß sie mich kratzen.«

»Sagt mir doch, guter Freund,« sprach Don Quijote, »wißt Ihr nicht etwas Näheres von dem Herrn der Sachen?«