Part 20
Don Quijote hatte kaum die Ritterbücher nennen hören, als er sagte: »Hättet Ihr mir, mein Herr, gleich im Anfange Eurer Erzählung gesagt, daß das Fräulein Lucinde die Ritterbücher geliebt habe, so wäre keine weitere Lobpreisung nötig gewesen, um mir ihren hohen Verstand kundzugeben, auch würde sie mir nicht so trefflich erschienen sein, wie Ihr sie uns, Sennor, gezeichnet habt, wenn ihr der Geschmack an dieser lieblichen Lektüre ermangelt hätte; meinethalben ist es auch nicht vonnöten, noch mehr Worte zur Beschreibung ihrer Schönheit zu verschwenden, so wie über ihren hohen Wert und Verstand, denn aus diesem ihrem Geschmacke ersehe ich, daß sie die schönste und verständigste Frau von der Welt gewesen, doch, Sennor, würde es mir zur Freude gereichen, wenn Ihr ihr mit dem Amadis von Gallia zugleich den herrlichen Don Rugel von Graecia übersandt hättet, denn ich weiß, Donna Lucinde hätte sich sehr über Darayda und Garaya gefreut, nicht minder über die Wohlredenheit des Schäfers Darinel, sowie über die wundernswürdigen Verse in seinen Eklogen, die er mit ungemeiner Anmut, mit Witz und Freimütigkeit singt. Doch läßt sich diese Fahrlässigkeit mit der Zeit vielleicht verbessern, und um sie zu verbessern, dürfte mein werter Herr nur mit mir nach meiner Heimat kommen, wo ich ihm mit mehr als dreihundert Büchern aufwarten könnte, die die Freude meiner Seelen und die Unterhaltung meines Lebens ausmachen. Doch halte ich im stillen dafür, daß ich keins von allen behalten habe, soweit hat es die Bosheit der schlechten und neidhaften Zauberer durchgesetzt. Doch mein Herr vergebe mir, daß ich meinem Versprechen zuwidergehandelt, seine Erzählung nicht zu unterbrechen, denn da ich von Ritterschaft und irrenden Rittern hörte, war es mir ebenso unmöglich, nicht etwas darüber zu sagen, wie es den Sonnenstrahlen unmöglich ist, nicht zu wärmen, oder dem Schimmer des Mondes, nicht feucht zu sein. Ich bitte also um Verzeihung, sowie um die Fortsetzung, denn dieses ist, was ich mir zur Stunde am meisten wünsche.«
Indem Don Quijote dies alles sprach, ließ Cardenio seinen Kopf auf die Brust heruntersinken und schien in tiefen Gedanken vergraben, und obgleich ihn Don Quijote zweimal bat, in seiner Geschichte fortzufahren, hob er doch weder den Kopf auf, noch sprach ein Wort; nach langer Zeit aber richtete er den Kopf gerade und sagte: »Ich kann es mir nicht aus den Gedanken schlagen und kein Mensch auf Erden wird es mir aus den Gedanken schlagen oder mich eines andern überreden und der soll ein Lümmel sein, der sich selbst vom Gegenteil überredet oder etwas anderes glaubt, als daß der Schuft von Meister Elisabat wirklich bei der Königin Madasima geschlafen habe.«
»Und ich sage nein und beschwöre das,« antwortete Don Quijote mit großer Heftigkeit, indem er sich wie gewöhnlich erzürnte, »und dies ist eine schreckliche Bosheit, oder richtiger zu reden, Hundsfötterei! Die Königin Madasima war eine hocherhabene Dame, und es läßt sich unmöglich glauben, daß eine so glorreiche Prinzessin bei derlei Lausekerl geschlafen habe, und wer das Gegenteil meint, lügt es wie ein Hundsfott: und dieses will ich ihm zu Fuß oder zu Pferde, bewaffnet oder unbewaffnet, bei Tage oder in der Nacht, oder wie es ihm gut dünkt, beweisen.«
Cardenio schaute ihm sehr ernsthaft ins Gesicht, er hatte schon seinen Anfall von Wahnsinn und war wenig aufgelegt, seine Geschichte fortzusetzen, Don Quijote war aber ebensowenig zum Hören aufgelegt, so sehr war er durch das erbittert, was er von der Madasima hatte hören müssen. Wie sonderbar! daß er sich so für sie verwandte, als wäre sie seine eigene und wahrhaftige Dame: so sehr hielten ihn seine sündhaften Bücher in Stricken! Wie sich aber Cardenio, der schon verrückt war, für einen Lügner und Hundsfott schelten hörte, nebst anderen ähnlichen Benennungen, so empfand er den Spaß übel, ergriff einen Kieselstein und warf ihn mit solcher Gewalt dem Don Quijote auf die Brust, daß dieser rücklings überstürzte. Als Sancho Pansa seinen Gebieter in solcher Manier behandelt sah, machte er sich mit geballter Faust über den Verrückten; der Zerlumpte aber empfing ihn so, daß er ihn mit einem Faustschlage zu seinen Füßen niederstreckte, worauf er sich auf ihn begab und ihm nach Herzenslust die Rippen eintrampelte. Der Ziegenhirt, der jenem beistehen wollte, unterwarf sich der nämlichen Gefahr, und nachdem er sie alle besiegt und zerprügelt hatte, stand er ab und entfernte sich mit edler Ruhe, um sich in den Bergen zu verlieren. Sancho richtete sich auf und wütig, sich so ohne Verschulden zerklopft zu sehen, fiel er darauf, am Ziegenhirten seine Rache zu nehmen, weil er ihm die ganze Schuld zuschrieb, daß er sie nicht gewarnt hätte, wie jenen Menschen zuzeiten eine Tollheit befiele, damit sie sich nach dieser gegebenen Warnung vor ihm hätten hüten können. Der Ziegenhirt antwortete, daß er es wohl gesagt habe, wenn er es aber nicht gehört habe, so sei das nicht seine Schuld. Sancho Pansa erwiderte und ebenfalls erwiderte der Ziegenhirt, und aus allen diesen Erwiderungen ergab sichs, daß sie sich in die Haare gerieten und solche Faustschläge zuteilten, daß, hätte Don Quijote nicht Frieden gestiftet, sie in Stücke gegangen wären. Sancho rief, mit dem Ziegenhirten verwickelt: »Laßt mich nur, gnädiger Herr Ritter von der traurigen Gestalt, denn dieser da ist ein Bauer wie ich und kein geschlagener Ritter, ich kann also selbst für die verübte Beschwer Genugtuung nehmen und mich Faust gegen Faust wie ein ehrlicher Kerl prügeln.«
»So ist es,« sagte Don Quijote, »aber ich sehe ein, daß er an dem, was uns zustieß, unschuldig ist.« Er machte sie also friedsam und Don Quijote fragte den Ziegenhirten von neuem, ob es nicht möglich sein sollte, den Cardenio aufzufinden, denn er hege den herzlichsten Wunsch, den Beschluß seiner Historie zu erfahren. Der Ziegenhirt wiederholte, was er schon einmal gesagt hatte, daß man seinen Aufenthalt nicht mit Gewißheit angeben könne, wolle er aber fleißig in diesen Gegenden herumwandern, so würde er ihn gewiß, gescheit oder verrückt, antreffen.
~Elftes Kapitel~
Handelt von den wunderbaren Dingen, die dem tapferen Ritter von la Mancha im schwarzen Gebirge begegneten, und wie er die Buße des Dunkelschön nachahmte
Der Ziegenhirt trennte sich von Don Quijote und dieser bestieg wiederum den Rosinante und befahl dem Sancho ihm zu folgen, der es auf seinem Tiere in hohem Verdrusse tat. Sie reisten langsam weiter und gelangten in die rauhesten Gegenden des Gebirges; Sancho starb beinahe vor Lust, mit seinem Herrn zu disputieren und wünschte nur, daß jener das Gespräch anfangen möchte, damit er nicht dem gegebenen Befehle zuwider handelte; da er aber das lange Stillschweigen nicht aushalten konnte, sagte er endlich: »Herr Don Quijote, gebt mir Euren Segen und die Erlaubnis, nach meinem Hause zurückzukehren, daß ich meine Frau und Kinder wiedersehe, denn mit ihnen kann ich doch alles sprechen und schwatzen, was ich Lust habe, aber daß Ihr verlangt, ich soll mit Euch Tag und Nacht durch diese Wüsteneien ziehen, ohne zu reden, was mir in den Mund kömmt, heißt mich bei lebendigem Leibe begraben. Ja, wäre es noch der Fall, daß die Tiere sprechen könnten, wie es zu den Zeiten des Oelsop gewesen ist, so könnte ich doch mit meinem Esel alles reden, wozu ich nur Lust hätte und so mein schlimmes Glück verschmerzen; aber das ist zu hart, und keine Geduld reicht da aus, Zeit seines Lebens nach Abenteuern herumzusuchen und immer nur Prügel und Prellen, Tritte und Faustschläge anzutreffen, und bei alledem nicht einmal das Maul auftun dürfen, daß man gar nicht herausreden darf, was man auf dem Herzen hat, als wenn man stumm wäre.«
»Ich verstehe dich, Sancho,« antwortete Don Quijote, »du willst platzen, weil ich deiner Zunge einen Zaum aufgelegt habe; ich will ihn also hiermit auflösen, sprich was du willst, doch unter der Bedingung, daß diese Freiheit nur gilt, solange wir in diesen Bergen herumziehen.«
»Ich nehm' es an,« sagte Sancho, »und so will ich auch gleich reden, was Gott nur bescheren mag, ich will gleich anfangen meine Erlaubnis zu benutzen, und also, wie kamt Ihr denn dazu, Euch so der Königin Madam Trine anzunehmen oder wie sie heißen mag? Was ging's Euch an, ob sie Freunds mit dem Salbader gewesen ist oder nicht? Hättet Ihr Euch darum nicht bekümmert, denn Ihr waret nicht Richter in der Sache, so wäre der Verrückte in seiner Geschichte fortgefahren und so wäre nichts von Kieselstein noch Prügeln oder Maulschellen vorgefallen.«
»Wahrlich, Sancho,« antwortete Don Qutjote, »wüßtest du es so gut, wie ich es weiß, welch eine ehrenvolle und vorzügliche Dame diese Königin Madasima gewesen, gewiß würdest du finden, daß ich noch zu viel Geduld bewiesen, indem ich den Rachen nicht sogleich zerschmetterte, der dergleichen Lästerungen ausstieß: denn eine Lästerung ist es, zu sagen, ja nur zu denken, daß eine Königin die Beischläferin eines Wundarztes sei. Das Wahre an der Sache ist, daß dieser Meister Elisabat, von dem der Verrückte redete, ein sehr verständiger Mann und kluger Kopf war. Er diente der Königin zum Ratgeber und Arzte; aber zu vermeinen, daß sie seine Geliebte gewesen, ist eine Widersinnigkeit, die schwere Züchtigung verdient: und damit du einsiehst, wie Cardenio nicht wußte, was er redete, mußt du nur darauf merken, daß, als er dieses sagte, er schon ohne Verstand war.«
»Das sag' ich eben,« antwortete Sancho, »daß man auf die Reden eines Verrückten nicht achtgeben müsse, denn hätte das Glück Euch nicht beigestanden, so daß der Kieselstein Euch nach dem Kopfe wie nach der Brust geflogen wäre, so befänden wir uns nun herrlich dafür, daß wir uns der Dame angenommen haben, die Gott verderben mag, und beim Wetter, dann war's gleich, Cardenio mochte verrückt sein oder nicht.«
»Gegen Gescheite und gegen Verrückte ist jedweder irrende Ritter gezwungen, sich für die Ehre der Frauen, welche es auch seien, einzustellen, wie vielmehr für Königinnen von so hohem Stande und gar für die Königin Madasima, die ich wegen ihrer guten Eigenschaften ganz vorzüglich liebe, denn außer daß sie über alle Maßen schön war, war sie auch sehr vorsichtig und in allen Leiden, deren sie viele erlebte, außerordentlich geduldig, und eben der Rat und die Gesellschaft des Meister Elisabat waren ihr von großem Nutzen und halfen ihr alles Unglück mit Klugheit und Gelassenheit ertragen, und hieraus nahm der unwissende und schlechtdenkende Pöbel Gelegenheit, zu denken und zu sagen, daß sie seine Beischläferin gewesen, aber sie lügen, sag' ich abermals, und lügen tausendmal, alle diejenigen, die es denken oder sagen.«
»Ich denk's nicht, ich sag's nicht,« antwortete Sancho, »sie mögen's selber ausmachen, jeder wische seine eigene Nase; haben sie beieinander geschlafen oder nicht, Gott mag's wissen, jeder fege vor seiner Tür, ich bekümmere mich um nichts, es ist nicht meine Sache, fremde Eier zu bekritteln, wer einkauft und lügt, es auf seine Rechnung kriegt: und nicht wahr, nackt bin ich auf die Welt gekommen, nackt geh' ich wieder fort, mir kann's nichts eintragen? Mag's jeder treiben, wie er will, was kümmert's mich? So mancher geht nach Wolle und kommt geschoren nach Hause; wie kann man ein freies Feld durch Tore verschließen? Gott ist der Richter über alles.«
»In Gottes Namen, halt!« rief Don Quijote, »welche Tollheiten, Sancho, stopfst du da ineinander? Was haben deine Sprichwörter mit unserer Materie zu tun? Bei deinem Leben, Sancho, schweig und denke künftig nur darauf, wie du deinen Esel anspornen mögest, laß dich aber über das unbekümmert, was dich nichts angeht. Begreife überdies mit allen deinen fünf Sinnen, daß alles, was ich getan habe, tue und tun werde, durchaus und in allen Stücken den Gesetzen der Ritterschaft gemäß ist, die ich besser inne habe, als alle die Ritter, die sich nur jemals zu ihnen bekannten.«
»Gnädiger Herr,« antwortete Sancho, »ist denn das auch eins von den herrlichen Rittergesetzen, daß wir hier, ohne Weg und Steg, wie die Unsinnigen in den Bergen herumziehen, um einen Verrückten aufzusuchen, der, wenn wir ihn nun finden, vielleicht darauf fällt, das zu beschließen, was er angefangen hat; ich meine nicht seine Geschichte, sondern Euern Kopf und meine Rippen, wo er dann wohl beschließt, sie ganz in Stücke zu schmeißen?«
»Schweig! sag' ich dir abermal,« rief Don Quijote, »wisse, daß ich nicht bloß aus Begier, den Verrückten zu finden, durch diese Berge schweife, sondern ich will hier vielmehr eine Tathandlung unternehmen, wodurch ich mir ewigen Namen und Ruhm auf dem ganzen Umkreise der entdeckten Erde zu erwerben gedenke: diese soll so beschaffen sein, daß ich dadurch allem, was einen irrenden Ritter vollendet und berühmt machen kann, die Krone aufsetzen will.«
»Und ist sie sehr gefährlich, diese Tathandlung?« fragte Sancho Pansa.
»Nein,« erwiderte der von der traurigen Gestalt, »denn der Würfel mag wohl so fallen, daß wir uns bald wieder antreffen; aber alles beruht auf deiner Betriebsamkeit.«
»Auf meiner Betriebsamkeit?« fragte Sancho.
»Ja,« sagte Don Quijote, »denn kehrst du bald von dorten zurück, wohin ich dich schicken will, so wird sich auch bald meine Qual endigen und sofort meine Glorie zu leuchten anfangen. Und damit du nicht länger in Erwartungen bleiben und sinnen mögest, worauf meine Reden hinauswollen, so wisse, Sancho, daß Amadis von Gallia einer der vollkommensten irrenden Ritter war. Nein, unrecht ist es zu sagen, einer; er war von allen der fürnehmste, ja der einzige, der König von allen, die der Lauf der Zeiten seitdem hervorgebracht. Schlimm möchte es dem Don Belianis und allen denen bekommen, die da meinen, daß sie sich ihm in irgend etwas vergleichen dürfen, denn ich schwöre, daß sie darinnen irren. Ich behaupte, daß ein Maler, der in seiner Kunst berühmt werden will, die Originale der vorzüglichsten Maler, die er kennt, nachahmen muß. Dieses Gesetz erstreckt sich auf alle Künste und Gewerbe, die zur Zierde der Staaten dienen: so soll und wird auch der handeln, der den Ruhm eines Klugen und Duldenden erwerben will, indem er dem Ulysses nachahmt, in dessen Taten und Leiden uns Homerus ein lebendiges Bildnis von Klugheit und Duldung malt sowie uns auch Virgilius in seinem Helden Äneas die Tugend eines frommen Sohnes und den Scharfsinn eines tapferen und verständigen Feldherrn zeigt, indem sie sie uns nicht malen oder darstellen wie sie waren, sondern wie sie sein sollten, um den zukünftigen Menschen ein Musterbild ihrer Tugenden vorzuhalten. Auf gleiche Weise ist Amadis den tapferen und verliebten Rittern zum Kompaß, Leitstern, zur Sonne gesetzt, damit wir ihm alle nachahmen sollen, die wir zu den Fahnen der Liebe und der Ritterschaft geschworen haben. Wenn dies nun alles Wahrheit ist, so leuchtet es mir ein, Freund Sancho, daß der irrende Ritter, der ihm am nächsten kommt, auch dem Kranze und Ruhme eines vollendeten Ritters am nächsten steht: ein Ding aber, in welchem dieser Ritter vorzüglich seine Klugheit, seine Würde, sein Dulden, seine Standhaftigkeit und Liebe bewies, war, wie er sich entfernte, von der Dame Oriana verschmäht, um auf dem Felsen Armut Buße zu tun, als er seinen Namen in Dunkelschön veränderte, ein wahrlich bedeutender Name, der sich zu der Lebensweise schickte, die er sich vorgesagt hatt. Es ist mir nur viel leichter, ihm hierin nachzuahmen, als darin, daß ich Riesen zerspalte, Drachen köpfe, Schlangen erdroßle, Armeen vernichte, Flotten aufreibe und Bezauberungen löse: da nun diese Orte sich so gut zu dergleichen Vornehmen schicken, so will ich auch diese Gelegenheit nicht aus den Händen lassen, die mir jetzt mit so großer Bequemlichkeit ihr Stirnhaar anbeut.«
»Vornehmlich,« sagte Sancho, »was wollt Ihr denn nun hier in der Einsamkeit tun?«
»Es ist dir ja schon gesagt,« antwortete Don Quijote, »daß ich den Amadis nachahmen will, einen Verzweifelten, Törichten und Wütigen vorstellen, um zugleich den gewaltigen Don Roldan in die Nachahmung zu ziehen, als er an einer Quelle die Zeichen fand, daß Angelika, die schöne, mit dem Medor eine Schändlichkeit begangen habe, worüber er aus Verdruß rasend wurde, Bäume ausriß, die Gewässer der klaren Quellen trübte, Hirten erschlug, Herden zerriß, die Hürden verbrannte, die Häuser niederriß, das Vieh gebunden führte und tausend andere Tollheiten beging, die eines ewigen Andenkens in Büchern würdig sind. Will ich aber den Roldan, Orlando oder Rotolando (denn er führt alle drei Namen) nicht in allen seinen Rasereien nachahmen, so nehme ich mir doch vor, so gut ich kann, eine Auswahl unter denen, die mir die vorzüglichsten scheinen, zu veranstalten, vielleicht begnüge ich mich aber auch in der Nachahmung des Amadis, der keine schädlichen Rasereien beging, sondern sich mit Weinen und Klagen zufriedenstellte und dennoch den allerschönsten Ruhm errang.«
»Es scheint doch,« sagte Sancho, »daß die Ritter, die so etwas taten, dazu gereizt wurden und eine Ursache hatten, diese Narrheit und Buße zu machen; aber was hat Euer Gnaden für Ursache, rasend zu werden? Welche Dame hat Euch verschmäht? Oder was für Zeichen habt Ihr gefunden, um zu wissen, daß die Dame Dulzinea von Toboso mit einem Mohren oder Christen Narrenpossen gemacht habe?«
»Da, da liegt's eben,« antwortete Don Quijote, »und das ist gerade die Blume meiner Unternehmung: denn daß ein irrender Ritter aus Gründen rasend wird, darin zeigt sich so wenig Anstand als Talent; die Kunst liegt darin, ohne alle Ursache unsinnig zu werden, um dadurch seiner Dame zu verstehen zu geben, daß, wenn das am grünen Holze geschieht, wie vielmehr am dürren. Vollends da ich hinlänglich Ursache in der langen Abwesenheit von meiner ewig geliebten Dulzinea von Toboso finde, denn wie du den Schäfer von neulich, Ambrosius, sagen hörtest, daß wer abwesend sei, alle Übel erleide und fürchte: also, Freund Sancho, verdirb nicht die Zeit damit, mir eine so edle, glückliche und nie erhörte Nachahmung ausreden zu wollen; unsinnig bin ich und unsinnig will ich bleiben, bis du mir die Antwort auf einen Brief bringst, mit dem ich dich an meine Dulzinea senden will. Ist die Antwort von der Art, wie sie meine Treue verdient, so ist meine Narrheit und meine Buße zu Ende; erfolgt das Gegenteil, so werde ich im Ernste unsinnig: du magst also eine Antwort zurückbringen, von welcher Art sie auch sei, so werde ich auf jeden Fall aus dem Kampfe und den Leiden erlöst, in denen du mich verläßt, so daß ich, gescheit, mich des Glückes freue, welches du mir bringst, oder, unsinnig, das Unglück nicht empfinde, das du mit dir führst. Aber sage mir, Sancho, verwahrst du auch den Helm Mambrins sorgfältig? Ich sah, wie du ihn vom Boden aufhobst, als ihn jener Undankbare zerschmettern wollte und es ihm nicht gelang, woraus man eben die Trefflichkeit seines Metalls ermessen kann.«
Auf dieses antwortete Sancho: »Bei Gott, Herr Ritter von der traurigen Gestalt, alles kann ich nicht ausstehen und in Geduld anhören, was Ihr sagt, und dadurch komme ich manchmal auf den Gedanken, daß alles, was Ihr mir von Ritterschaft sagt und von Königreiche und Kaisertümer gewinnen und Inseln verschenken und andere Gnaden und Herrlichkeiten auszuteilen, wie es die irrenden Ritter in der Art haben sollen, daß alles das nur Windbeuteleien und Lügen sind und alles nur Luftklöße oder Luftschlösser, wie es heißen mag; denn wenn ich Euch sagen höre, daß ein Barbierbecken ein Helm Mambrins sei, und daß Ihr länger als vier Tage in diesem Irrtume beharrt, was soll ich wohl anders denken, als daß dem, der so etwas glaubt und behauptet, im Kopfe etwas losgegangen ist? Das Becken, das voller Beulen ist, habe ich im Beutel hier, bei mir zu Hause will ich's mir zurechtmachen lassen und mich drinnen barbieren, wenn Gott mir so gnädig ist, daß ich noch einmal meine Frau und Kinder wiedersehe.«
»Wahrlich, Sancho, bei demselben Gotte, bei dem du vorher geschworen hast,« antwortete Don Quijote, »du hast den allerdümmsten Verstand, den nur jemals noch ein Stallmeister gehabt hat. Wie ist es möglich, daß du, der schon so lange in meiner Gesellschaft ist, nicht einsiehst, wie alles, was die irrenden Ritter angeht, nur wie Hirngespinst, Narrheit und Unsinn aussieht und alles verkehrt und wunderlich scheint? Nicht deswegen, weil es sich also befindet, sondern weil immer ein ganzes Regiment von Zauberern hinter uns herläuft, die alle unsere Dinge verändern und verwandeln und sie nach ihrem Gefallen auswechseln, je nachdem sie uns beschützen oder verfolgen, und so scheint, was dir wie ein Barbierbecken aussieht, mir der Helm Mambrins, und ein anderer wird es wieder für was andres ansehen: auch war es eine herrliche Vorsicht des Weisen, der auf meiner Seite ist, es so einzurichten, daß allen das ein Bartbecken scheint, was doch wahrhaftig und in der Tat der Helm Mambrins ist, denn da er von so unermeßlichem Werte ist, würde mich die ganze Welt verfolgen, um ihn nur zu besitzen; da sie ihn aber nur für ein Barbierbecken ansehen, kümmern sie sich nicht sonderlich darum, wie es sich auch bei jenem auswies, der ihn zerbrechen wollte und ihn dann mit Verachtung am Boden liegenließ, wo er ihn wahrhaftig nicht um alle Welt gelassen hätte, wenn er seine Preislichkeit gekannt. Hebe ihn gut auf, Freund Sancho, denn jetzt brauche ich ihn nicht, sondern ich will im Gegenteil alle diese Waffenstücke ablegen, damit ich so nackt sei, wie ich vom Mutterleibe kam, wenn es mir einfällt, in meiner Buße mehr den Roldan als den Amadis nachzuahmen.«
Unter diesen Gesprächen waren sie an den Fuß eines hohen Felsen gelangt, der unter vielen umgebenden wie eine einzelne abgeschnittene Klippe dastand; an seinem Saume floß ein sanfter Bach vorüber und bewässerte in seinen Krümmungen eine grüne und angenehme Wiese, die dem Auge einen sehr erfreulichen Anblick darbot; viele wilde Bäume standen umher, auch häufige Pflanzen und Blumen machten die Gegend sehr anmutig. Diesen Platz erwählte sich der Ritter von der traurigen Gestalt, um seine Buße zu vollbringen, und sowie er angelangt war, rief er mit lauter Stimme, als ob er schon unsinnig wäre: »Dieses, o ihr Himmel, ist der Ort, den ich mir absondere und erwähle, um hier das Unglück zu beweinen, welches ihr selbst über mich verhängt habt! Dieses hier ist der Platz, wo die Tränen meiner Augen die Wellen dieses kleinen Bächleins anschwellen sollen, hier sollen meine immerwährenden tiefen Seufzer immerwährend das Laub dieser Bergbäume bewegen, als Zeugen und Beweise der Qual, die mein tief zerschnittenes Herz erleidet. O ihr, wo ihr auch sein mögt, ländliche Gottheiten, die ihr in dieser unbewohnbaren Gegend euren Aufenthalt habt, o hört die Klagen des unglücklich Liebenden, den schwere Trennung und eingebildeter Argwohn hierhergeführt haben, in dieser Wildnis zu jammern und über die Härtigkeit jener schönen Undankbaren zu klagen, jenem Preise, jener Krone aller menschlichen Schönheit. O ihr Napäen und Dryaden, die ihr in den dicken Wäldern der Gebirge wohnt (mögen die flüchtigen und wollüstigen Satyrn, die vergeblich gegen euch entbrannt sind, eure süße Ruhe nicht stören dürfen), o helft mir mein Unglück beweinen oder mindestens sei es euch nicht entgegen, mir zuzuhören. O Dulzinea von Toboso, du Tag meiner Nacht, Glanz meiner Trübsale, Kompaß meines Weges, Stern meines Glücks (schenke dir der Himmel so gutes Glück, als du es dir nur selber wünschen magst), erwäge den Ort und den Zustand, zu dem mich die Trennung von dir geführt hat, o erwidere mir mit Güte, wie es meine Treue wohl verdient hat. O ihr einsamen Bäume, ihr zukünftigen Gesellschafter meiner Abgeschiedenheit, gebt mir mit dem sanften Rauschen eurer Zweige ein Zeichen, daß euch meine Gegenwart nicht lästig fällt. O du, mein Stallmeister, liebwerter Gefährte im Glück und Unglück, fasse nunmehr wohl in dein Gedächtnis auf, was du mich wirst verrichten sehen, damit du es jener wiedersagen und erzählen kannst, die die Ursache von allem ist.« -- Und sowie er dieses sagte, stieg er vom Rosinante herunter, nahm ihm augenblicklich Zaum und Sattel ab, gab ihm mit der flachen Hand einen Schlag auf den Rücken und sagte: »Die Freiheit gibt dir der, der ohne Freiheit ist, o du Roß, so wunderbar in deinen Taten, wie unglücklich in deinem Schicksale, wandle, wohin du willst, denn dir steht es auf der Stirn geschrieben, daß weder der Hippogryph des Astolfo dir an Flüchtigkeit gleichkomme, noch der bekannte Frontin, der dem Bradamante so kostbar war.«