Part 9
Und wie das Gedicht dann süß und anmutig von seiner Liebe und Tapferkeit zu singen fortfährt. Hierauf verbreitete sich dann der Orden der Ritterschaft und erstreckte sich durch viele und verschiedene Teile der Welt. So waren durch Taten berühmt und gekannt Amadis von Gallia, nebst allen seinen Söhnen und Enkeln bis ins fünfte Glied, imgleichen der tapfere Felixmarte von Hircania und der niemals genug gepriesene Tirante der Weise, und fast in unseren Tagen sahen und hörten wir ihn und lebten mit ihm, dem unüberwindlichen und wackeren Ritter Don Belianis aus Graecia. Diese, meine Herren, sind irrende Ritter, und wie ich ihn beschrieben, so ist der Orden dieser Ritterschaft, den auch ich Unwürdiger ergriffen, und so wie jene Genannten lebten, so gleichermaßen lebe auch ich. Deshalben suche ich mir in diesen Wüsteneien und Einöden Abenteuer, indem ich mit freiwilligem Entschluß meinen Arm und meine Person der größten Gefahr gewidmet habe, die das Verhängnis mir nur in Errettung der Elenden und Hilfsbedürftigen zuschicken kann.«
Diese Reden bestätigten es den Reisenden vollends, daß es Don Quijote am Verstande fehle, so wie sie nun auch wußten, von welcher Art Narrheit er beherrscht werde, worüber sie sich ebenso verwunderten wie alle diejenigen, die dies an ihm zum ersten Male gewahr wurden. Vivaldo, der ein verständiger Mann und von fröhlichem Temperament war, suchte sich den übrigen kurzen Weg angenehm zu machen, den sie noch bis zur Begräbnisstelle hatten, er gab sich also Mühe, seine Tollheiten noch mehr in den Gang zu bringen. Er sagte daher: »Ihr, Herr irrender Ritter, habt also nach meiner Meinung eins der mühseligsten Gewerbe ergriffen, die es nur auf Erden geben kann, und ich glaube, daß die Brüder Karthäuser keinen so strengen Stand haben.«
»So strenge mag hingehen,« antwortete unser Don Quijote, »allein wessen von diesen Ständen die Welt am benötigsten sei, leidet wohl keinen Zweifel. Denn wenn man die Wahrheit gestehen soll, so tut der Soldat, der den Befehl seines Hauptmanns ausrichtet, nicht weniger als dieser Hauptmann, der ihm gebietet. Ich will nämlich sagen, die Mönche erbitten in Ruhe und Frieden vom Himmel das Glück der Erde, aber wir Soldaten und Ritter richten aus, was sie bitten und verfechten es mit der Stärke unseres Armes und mit den Schneiden unserer Schwerter, nicht von einem Dache bedeckt, sondern unter freiem Himmel, gänzlich den fast unleidlichen Sonnenstrahlen im Sommer und dem erstarrenden Winterfroste bloßgestellt. So sind wir also Gottes Diener auf Erden, sein Arm, durch den er sein Recht ausübt. Wie nun Krieg und alles, was mit ihm zusammenhängt und ihn angeht, nicht ohne Schweiß, Beschwer und Arbeit in Ausübung gebracht werden kann, so folgt, daß denjenigen, welche sich diesem unterziehen, gewiß mehr Arbeit bevorsteht als jenen, die in Muße und friedlicher Ruhe zu Gott beten. Ich will damit nicht sagen, ja ich hege nicht einmal diesen Gedanken, daß der Stand eines irrenden Ritters ebenso fromm sei als der eines einsamen Mönches; sondern ich will nur die Behauptung durchsetzen, daß er arbeitseliger und beschwerlicher, hungriger und durstiger, elend, zerschlagen und lausicht sei, denn ich zweifle gar nicht, daß die irrenden Ritter nicht im Verlaufe ihres Lebens mancherlei Unglück erfahren haben sollten. Wenn es auch einigen gelang, sich durch die Tapferkeit ihres Armes zu Kaisern emporzuschwingen, so geschah es doch immer mit Aufwand von Blut und Schweiß, und wenn denen, die sich so hoch erhoben, nicht Zauberer und Weise beigestanden hätten, so möchten wohl alle ihre Wünsche unerfüllt geblieben, sowie ihre schönsten Hoffnungen vereitelt sein.«
»Dieser Meinung bin ich auch,« erwiderte der Reisende, »jedoch hat mir unter vielen andern ein Ding an den irrenden Rittern immer vorzüglich mißfallen. Wenn sie nämlich im Begriff sind, ein großes und gefährliches Abenteuer zu unternehmen, in welchem sie die augenscheinlichste Lebensgefahr erwartet, so wenden sie den Augenblick vorher nicht dazu an, sich Gott zu empfehlen, wie es doch jedem guten Christen zusteht, ehe er dergleichen Gefahren unternimmt, sondern sie empfehlen sich ihrer Dame so ergeben und andächtig, als wenn diese ihr Gott wäre. Dies, dünkt mich, schmeckt etwas nach dem Heidentume.«
»Mein Herr,« antwortete Don Quijote, »dieses darf durchaus nicht anders sein, und einem irrenden Ritter, der es anders anfinge, würde dergleichen übel ausgelegt werden, denn es ist einmal Gebrauch und Gewohnheit der irrenden Ritterschaft, daß der irrende Ritter, wenn er eine große Waffentat unternimmt, sich zu seiner Gebieterin kehrt, schmeichelnd und liebevoll die Augen auf sie heftet, als flehte er, daß sie ihn begünstigen, ihm helfen möge in dem zweifelhaften Kampfrennen, das er beginnt; ja, auch wenn er sie nicht vor sich sieht, ist es seine Pflicht, einige Worte zwischen den Zähnen zu sagen und sich ihr von ganzem Herzen zu empfehlen, wovon auch unzählige Beispiele in den Historien aufgeführt werden. Damit aber muß man nicht glauben, daß eine Empfehlung an Gott gänzlich ausgeschlossen sei, wenn Zeit und Umstände es vergönnen, dürfen sie dergleichen immerhin im Verlaufe des Werkes verrichten.«
»Demungeachtet«, versetzte der Reisende, »habe ich darüber einen Skrupel. Denn ich habe oftmals gelesen, wie zwei irrende Ritter sich besprechen, von einer und der andern Seite der Zorn entbrennt, sie mit den Pferden umkehren, ein gut Stück Feldes zwischen sich nehmen und blitzschnell, hast du nicht, siehst du nicht, im vollen Karrier aufeinander losrennen und sich unterwegs ihren Damen empfehlen. Was sich dann gewöhnlich ergibt, ist, daß der eine hinter seinem Pferde niederstürzt, von der Lanze seines Gegners durchbohrt und der andere auch auf dem Boden hinstürzen würde, wenn er sich nicht an den Mähnen festhielte. Nun begreife ich nicht, wie der Gestorbene Gelegenheit finden soll, sich im Verlaufe eines so übereilten Werkes Gott zu empfehlen. Es wäre doch besser, wenn er die Worte, mit denen er sich im Anrennen seiner Dame empfiehlt, dazu gebrauchte, wozu er als Christ eigentlich verpflichtet wäre. Da ich noch überdies glaube, daß nicht alle irrenden Ritter Damen haben, denen sie sich empfehlen können, denn nicht alle sind verliebt.«
»Das ist unmöglich,« antwortete Don Quijote. »Ich sage es ist unmöglich, daß es einen irrenden Ritter ohne Dame geben könnte, denn ihnen ist es so eigen und natürlich, verliebt zu sein, als dem Himmel, Sterne zu haben; es ist zuverlässig, daß es keine Historie gibt, in der ein irrender Ritter ohne Liebe vorkäme, ja selbst, wenn es einen solchen geben sollte, so ist er kein rechtmäßiger Ritter, sondern für einen Bastard zu erkennen, der in die Burg der genannten Ritterschaft nicht durch die Tür eingegangen, sondern wie ein Straßenräuber und Mörder durch das Fenster eingestiegen ist.«
»Aber dennoch«, fuhr der Reisende fort, »glaube ich, wenn ich mich nicht irre, gelesen zu haben, daß Don Galaor, der Bruder des tapferen Amadis von Gallia, niemals eine besondere Dame hatte, der er sich empfehlen konnte, und doch ward er darum nicht geringer geachtet, denn er war ein überaus mannhafter und berühmter Ritter.«
Hierauf antwortete unser Don Quijote: »Mein Herr, eine Schwalbe macht noch keinen Sommer, um so mehr, da ich weiß, daß im Geheim dieser Ritter sehr verliebt war; er schien zwar allen Mädchen gut zu sein, wenn sie ihm gefielen, aber dies war seine Natur, die er nicht ablegen konnte. Aber es ist bei alledem für gewiß anzusehen, daß er eine einzige zur Herrscherin seines Willens erkoren hatte, der er sich auch jedesmal, aber heimlich, empfahl, denn er setzte etwas darin, ein sehr geheimnisvoller Ritter zu sein.«
»Wenn also Verliebtheit ein Hauptelement der irrenden Ritterschaft ist,« sagte der Reisende, »so kann man wohl denken, daß auch Ihr es seid, da Ihr Euch zu diesem Stande bekennt. Setzt Ihr nun also, mein gnädiger Herr, nicht auch etwas darin, so geheimnisvoll wie Don Galaor zu sein, so bitte ich demütig im Rahmen dieser ganzen Gesellschaft und meiner, daß Ihr uns Namen, Vaterland, Eigenschaft und Schönheit Eurer Dame nennt, denn sie muß sich glücklich schätzen, wenn alle Welt es erfährt, daß sie von einem so vorzüglichen Ritter, wie Ihr es seid, geliebt und bedient wird.«
Hierauf holte Don Quijote einen tiefen Seufzer und sagte: »Ich kann nicht bestimmen, ob es ihr, der süßen Feindin, beliebt oder nicht, daß die Welt erfahre, daß ich ihr Diener bin; ich kann nur soviel sagen, in Antwort auf Euer höfliches Begehren, daß ihr Name Dulzinea ist, ihr Vaterland Toboso, ein Ort in la Mancha, ihre Würde sollte wenigstens Prinzessin sein, da sie meine Königin und Gebieterin ist; ihre Schönheit ist übermenschlich, denn in ihr vereinigen sich wahrhaftig alle unmöglichen und erträumten Schönheitsideale, die die Poeten ihren Damen beilegen, denn ihr Haar ist golden, ihre Stirn ist das Elysische Gefilde, ihre Augenbrauen sind Himmelsbogen, ihre Augen Sonnen, ihre Wangen Rosen, ihre Lippen Korallen, Perlen ihre Zähne, Alabaster der Hals, Marmor die Brust, Elfenbein die Hände, ihre Haut wie der Schnee, und alles, was die Anständigkeit dem menschlichen Auge entzieht, ist nach meiner Überzeugung so beschaffen, daß es dem liebenden Herzen köstlich, aber ohne alle Vergleichung ist.«
»Ihre Abstammung, Geschlecht und Verwandtschaft wünschten wir zu erfahren,« sagte Vivaldo.
Hierauf antwortete Don Quijote: »Sie stammt nicht von den alten Curtiern, Cajern, römischen Scipionen ab, noch in der neuen Welt von den Colonnas, Ursinos, noch Moncades oder den Requesenes von Katalonien, ebensowenig von den Rebellas, den Villanovas von Valenzia, den Palafoxas, Nuzas, Rocabertis, Corellas, Lunas, Alagones, Urreas, Foces und Gurreas von Arragon; den Cerdas, Manriques, Mendozas und Guzmans von Kastilien, den Alencastros, Pallas und Meneses von Portugal: sondern sie ist eine von Toboso de la Mancha, ein noch neuer Zweig, der aber den glorreichsten Familien zukünftiger Jahrhunderte ihren edlen Ursprung geben kann. Und hierauf erwidere man nichts, wenn es nicht unter der Bedingung geschieht, die Zerbiro unter die Trophäen der Waffen des Orlando schrieb:
Keiner soll sie berühren, Der sich nicht unterfängt Mit Roldan Streit zu führen.«
»Mein Stamm ist von den Cachopines von Laredo,« erwiderte der Reisende, »aber ich unterstehe mich nicht, ihn mit dem Stamme Toboso von la Mancha zu vergleichen; aber wenn ich die Wahrheit gestehen soll, so ist mir dieser Name noch niemals zu Ohren gekommen.«
»Das ist ganz erstaunlich,« erwiderte Don Quijote.
Alle, die mitgingen, hörten dem Gespräche der beiden mit der größten Aufmerksamkeit zu, und selbst die Ziegenhirten und Schäfer bemerkten an unserm Don Quijote den Mangel des Verstandes. Nur Sancho Pansa hielt alles, was sein Herr sagte, für Wahrheit, denn er hatte ihn von Jugend auf gekannt, nur in Ansehung der zarten Dulzinea von Toboso erlaubte er sich einige Zweifel, denn niemals hatte er von diesem Namen und dieser Prinzessin etwas gehört, so nahe er auch an Toboso lebte. Sie waren unter diesen Gesprächen fortgezogen, als sie zwischen dem Risse von zwei hohen Felsen ungefähr zwanzig Schäfer sahen, alle in Kittel von schwarzer Wolle gekleidet, mit Kränzen von Taxus und Zypressen auf den Köpfen. Sechs von ihnen gingen unter einer Trage, die mit mannigfaltigen Blumen und Zweigen bestreut war. Als sie einer von den Ziegenhirten bemerkte, sagte er: »Da kommen sie, die die Leiche des Chrysostomus tragen und am Fuße des Felsens, da ist die Stelle, die er sich zum Begräbnisse erwählt hat.«
Sie eilten hierauf, die andern einzuholen und sie kamen gerade hinzu, als die sechs Träger die Bahre auf den Boden setzten und einige von ihnen mit scharfen Hauen anfingen, das Grab in der Seite eines harten Felsens zuzubereiten. Man begrüßte sich gegenseitig höflich und Don Quijote sowie alle, die mit ihm kamen, betrachteten sogleich die Bahre, auf der ein Leichnam mit Blumen bestreut lag, wie ein Schäfer gekleidet und von ungefähr dreißig Jahren; noch im Tode sah man die Spuren eines schönen Angesichts und eines edlen Ausdrucks. Um ihn auf der Trage lagen verschiedene Bücher und viele offene und zusammengerollte Papiere. Alle Zuschauer, sowie diejenigen, die das Grab aushöhlten, beobachteten eine feierliche Stille, bis einer von den Trägern zu einem andern sagte: »Sieh zu, Ambrosius, ob dies auch die rechte Stelle ist, die sich Chrysostomus erwählt hat, da du willst, daß alles buchstäblich so geschehen soll, wie er es in seinem Testament verordnet hat.«
»Hier ist der Ort,« antwortete Ambrosius, »oh, wie oft hat mir mein unglücklicher Freund hier die Geschichte seiner Leiden erzählt. Hier, wie er mir sagte, sah er zuerst die geschworene Feindin des menschlichen Geschlechts, hier gestand er ihr zuerst seine edle und heftige Liebe, und hier erlitt er von Marzella die letzte Verschmähung und Verwerfung, wodurch endlich das Trauerspiel seines trüben Lebens beschlossen wurde, und hier wünschte er nun als Denkmal so vieles Elends, in den Schoß der ewigen Ruhe gesenkt zu werden.«
Er wandte sich hierauf gegen Don Quijote und die Reisenden, indem er fortfuhr: »Dieser Leichnam, edle Herren, den Ihr mit gerührten Augen betrachtet, umschloß einst eine Seele, die der Himmel mit seinen reichsten Geschenken geschmückt hatte. Dieses ist der Leichnam des Chrysostomus, der einzig war, in Ansehung seines Geistes, selten im Edelmut, ungemein in der Liebenswürdigkeit, ein Phönix in der Freundschaft, freigebig ohne Grenzen, ernst ohne Bitterkeit, fröhlich ohne gemein zu sein, kurz, der erste in allen Dingen, die den Menschen zieren und wahrlich nicht der zweite in dem, was man Unglück nennen kann. Er liebte und ward verschmäht, er betete an und ward verhöhnt, er flehte zu einer Unmenschlichen, seine Tränen benetzten einen Marmorstein, er klagte den tauben Winden, seine Worte verschlang die Öde, er diente der Undankbarkeit, die ihm die Belohnung gab, daß er kaum auf der Hälfte seines Lebens eine Beute des Todes ward, des Todes, den ihm eine Schäferin gab, der er die Unsterblichkeit erringen wollte, damit sie ewig im Andenken der Menschen leben möchte; dies könnten diese Schriften bezeugen, die ihr hier seht, wenn er nicht befohlen hätte, sie dem Feuer zu überliefern, so wie sein Leichnam der Erde überliefert ist.«
»So würdet Ihr«, sagte Vivaldo, »strenger und grausamer gegen sie verfahren, wie ihr eigener Verfasser, denn es ist weder gerecht noch billig, einen Befehl auszuführen, der so sehr gegen alle Billigkeit streitet. Augustus Cäsar würde es niemals gutgeheißen haben, wenn er seine Einwilligung dazu gegeben hätte, das auszuführen, was der göttliche Mantuaner in seinem Testamente befahl. Wenn Ihr also, mein werter Ambrosius, den Leichnam Eures Freundes der Erde überliefert, so müßt Ihr darum nicht wünschen, seine Schriften der Vergessenheit zu übergeben, wenn er es im Unwillen so verordnete, so ist es darum nicht gut, wenn Ihr es mit Grausamkeit so ausführt; sorgt vielmehr, daß diese Papiere aufbewahrt werden, damit immer das Andenken von Marzellas Grausamkeit bleibe, damit sie denen, die in künftigen Zeiten leben, zur Warnung dienen, um nicht ebenso in denselben Abgrund zu stürzen. Ich sowie die, die mit mir gekommen sind, wissen die Geschichte Eures liebenden und unglücklichen Freundes, wir kennen Eure Freundschaft zu ihm und die Ursache seines Todes, sowie wir alles wissen, was er in seinen letzten Stunden befohlen hat; aus dieser rührenden Geschichte läßt sich lernen, wie unmenschlich die Grausamkeit der Marzella war, wie groß des Chrysostomus Liebe und Eure Freundschaft, so wie man hierin das Ziel erblickt, welches diejenigen erreichen, die mit losgelassenen Zügeln den Pfad hinunterrennen, zu dem sie die sinnlose Liebe führt. In der Nacht erfuhren wir den Tod des Chrysostomus und daß er hier begraben werden sollte, aus Neugier und Mitleid verließen wir unsere gerade Straße, um das mit Augen zu sehen, was uns im Anhören so innig bewegt hatte und zur Vergeltung dieser Teilnahme und des herzlichsten Wunsches zu helfen, wenn es möglich wäre, bitten wir dich, edler Ambrosius, wenigstens bitte ich dich dringend darum, diese Papiere nicht zu verbrennen, sondern mir einige davon zu überlassen.«
Und ohne eine Antwort des Schäfers zu erwarten, streckte er die Hand aus und faßte einige, die ihm am nächsten lagen. Als dies Ambrosius sah, antwortete er: »Aus Freundschaft mögt Ihr die, edler Herr behalten, die Ihr genommen habt, aber es ist vergeblich, wenn Ihr darauf besteht, daß die übrigen nicht verbrannt werden sollen.« Vivaldo, der gerne sehen wollte, was die Papiere enthielten, schlug eins davon auf und sah die Überschrift: Gedicht eines Hoffnungslosen. Als Ambrosius das hörte, sagte er: »Dies ist das letzte, was der Unglückselige geschrieben hat, und damit Ihr, mein Herr, fühlt, wie elend er war, so leset dies Gedicht laut, inzwischen können diese hier mit dem Grabe fertig werden.«
»Ich will es gern tun,« sagte Vivaldo, und da die Umstehenden denselben Wunsch hatten, so versammelten sie sich um ihn und er las mit lauter Stimme folgendes Gedicht ab.
~Sechstes Kapitel~
Enthält das Gedicht des hoffnungslosen Schäfers, nebst anderen unverhofften Begebenheiten
Gedicht des Chrysostomus
Ich soll, du willst es, Schreckliche, verkünden, Wie groß die Macht von deinem wilden Grimme, Von Land zu Land, zu aller Menschen Zungen,
Zur Hölle selbst will ich die Wege finden, Das Mitleid tönt von dort in meine Stimme, Im Abgrund Trost zu suchen ist gelungen.
Mein wilder Wunsch hat mir es abgedrungen, Mein Leiden, deine Taten zu besingen, Die Töne sollen laut die Luft durchschneiden, Zu tiefrer Qual in allen Eingeweiden, Im armen Busen seufzend widerklingen.
So höre denn, und lausche meinen Tönen, Kein sanftes Lied, ein Schmettern soll erdröhnen, So wie die Qual mir wühlt im innern Herzen, Ein rascher Wahnsinn treibt heraus den Jammer, Mir soll es Freude bringen, dir nur Schmerzen. --
Des wilden Wolfes schreckenvolles Ächzen, Gebrüll des Löwen, giftiger Schuppenschlangen Entsetzliches Gezisch, du gräßlich Sausen
Von tausend Ungetüm, prophetisch Krächzen Der Krähe, Sturm, wenn du die nassen Wangen Der Fluten geißelst unter dumpfem Brausen:
Gegirr der Witwentauben in den Klausen, Des Stiers Geröchel, den die Todeswunde Zu eitlem Wüten ängstet, dumpf Gestöhne Der gattenlosen Eule, Klagetöne Von jeder Schar im unterird'schen Schlunde.
O klingt, und helft mir meine Klagen weinen, Daß alle sich zu einem Ton vereinen, In wilder Freundschaft durch die Lüfte brechen, Ein würd'ger Ausdruck meines Schmerzes werden, Denn er darf nur in neuen Weisen sprechen. --
Nie schallten noch so laute Klagen wider Am weiten Strand, bespült von Tagus Wogen, Wo Betis Wellen zwischen Blumen gleiten:
Doch tönten dort so viele Jammerlieder Durch tiefe Höhlen, über Felsenbogen, In unsrer Zeit, in längst entflohnen Zeiten:
Einsame, sichre Tale, o ihr weiten Einöden, die kein Menschenfuß versehret; Ihr, unbesucht vom hellen Sonnenglanze, Wo unter Unkraut nur die gift'ge Pflanze, Die Natter sich im feuchten Schatten nähret:
Du Widerhall in diesen Wüsteneien, Sollst auch mit mir in meinen Jammer schreien, Von ihrem unerhörten harten Sinne, Daß ihn die ganze weite Welt erkundet, Wird mir statt längerm Leben zum Gewinne. --
Verachtung tötet, durch des Argwohns herben Heimtück'schen Frost muß die Geduld erstarren; Und scharfe Schwerter sind Verdacht und Höhnen:
Der Liebende muß an der Trennung sterben: Nie wird die Hoffnung seiner jemals harren, Wenn er sich einmal muß vergessen wähnen.
Hierin sind stets gespannt des Todes Sehnen; Doch ich -- o seltnes Wunder! -- bleibe leben, Verschmäht, verhöhnt, voll Argwohn, überführet Von dem, wo sonst Verdacht wie Tod berühret: Und im Vergessensein, des Flammen um mich weben.
Und unter allen Martern läßt das Hoffen Mir nach dem Lichte keine Spalte offen: Verzweifelnd will ich nie die Hoffnung hören; Und wenn mich nicht der Gram ermordet, will ich Stets ohne ihren Trost zu leben schwören. --
Wer kann zugleich in einem Augenblicke Doch hoffen und auch fürchten? o des Toren! Wenn alles nur gerechte Furcht begründet!
Tritt nun die Eifersucht von mir zurücke, Soll ich die Augen schließen? ist sie mir verloren, Wenn sie in jedem Schmerz den Eingang findet?
Wie wehr' ich, daß nicht jedes Gut verschwindet, Wenn ich Verachtung unverhüllt muß sehen? Wenn ich den Argwohn muß bestätigt schauen, Daß ich ihm muß wie fester Wahrheit trauen? Soll ich als Lügnerin die Wahrheit schmähen?
Mit Tyrannei sonst Eifersucht gebietet: Ha! Dolche reich' der Hand, die unnütz wütet; Gib mir das Seil, Verachtung! in die Hände. Ich Unglückseliger! fürchterlich besieget Verbittert dein Andenken auch mein Ende. --
Ja sterben will ich, alle Hoffnung fliehen, Nicht Trost im Tode suchen, nicht im Leben, Und meinen festen Glauben fester fassen.
Ich sehe dich für einen andern glühen, Du hast dein freies Herz dem Gott ergeben, Der niemals noch sein altes Reich verlassen:
Ich sage, ja, du magst mich immer hassen, So wie dein Körper schön, ist deine Seele, Daß du mich schmähst, ist ach! nur mein Verschulden, Daß ich der Liebe Schmerzen muß erdulden, Mein Herz in ewig wachen Martern quäle.
Ein scharfer Dolch und dieser feste Glauben Wird endlich mir dies läst'ge Leben rauben So weit hat deine Schmach mich lassen flüchten, Das Grab empfange Körper dann und Seele, Ich will auch jedes künft'ge Glück vernichten. --
O du, die wortelos in dem Verachten Mich Worte lehrst, mich zwingst, so zu beginnen, Daß ich im Blute meines Herzens wüte:
Ich richte jetzt dahin mein letztes Trachten, Zu zeigen dir mit Herz und allen Sinnen, Wie fröhlich ich mich deiner Härte biete:
Rührt dich mein früher Tod, o so behüte Den hellen Himmel deiner süßen Blicke, Daß keine Träne ihren Schimmer trübe, Ich will von dir kein Zeichen einer Liebe, Ich weise jedes Mitleid nur zurücke.
Nein, lache, wenn die Botschaft du vernommen, Daß jeder sieht, wie froh sie dir gekommen. Doch wahrlich braucht's kein Lachen kundzugeben, Es weiß ein jeglicher von deinem Ruhme, Daß du so früh geendiget mein Leben. --
So kommt, die Zeit ist da, aus tiefen Gründen, Du Tantalus verschmachtend, von dem Pfade, O Sisyphus mit deiner Felsenmasse,
Bring Tithypus deinen Geier, dich soll finden Mein Blick, Ixion, mit dem schnellen Rade, Die Schwestern emsig bei dem leeren Fasse.
Verbunden dann mit den Verdammten lasse Ich meine Klagen aus, mit stillem Leide Vereinen sie sich all mit mir im Singen, Dem Körper Totenopfer darzubringen, Dem Unbegrabnen, ohne Totenkleide.
Der Wächter, der die finstre Hölle schirmet, Und tausend andre Larven aufgetürmet, Sie heulen dann die trauervollen Chöre, Genug dem Liebenden, im Gram gestorben, Denn er verdient nicht größre Totenehre. --
Beklagt euch nicht, verzweifelnde Gedichte, Daß ich euch auch mit mir zugleich vernichte, Denn ihr vergrößert wie mein Tod das Glücke Von der, die nur beseligt wird durch Jammer, Drum ohne Klagen geht in's Nichts zurücke. --
Allen Zuhörern gefiel das Gedicht des Chrysostomus, worauf der, welcher es vorgelesen, sagte, daß ihm das nicht mit dem Gerücht von Marzellas Tugend und Vortrefflichkeit übereinzukommen schiene, wenn Chrysostomus über seine Eifersucht, Trennung und seinen Argwohn klagt, ganz gegen den guten Ruf, den Marzella sonst genösse.
Hierauf antwortete Ambrosius, dem die geheimsten Gedanken seines Freundes bekannt waren: »Edler Herr, damit ich Euch diesen Zweifel beantworte, müßt Ihr wissen, daß der Unglückliche dieses Gedicht schrieb, als er von der Marzella entfernt war; er hatte diese Trennung freiwillig erwählt, um zu erfahren, ob sie auf ihn die gewöhnliche Wirkung tun würde: und da entfernte Liebende von tausend Gedanken beunruhigt, von unzähligen Zweifeln erschüttert werden, so wurde auch Chrysostomus von falscher Eifersucht und ungegründetem Argwohn gequält, die er nicht für Traum und Erdichtung hielt. So wich er von der Wahrheit und dem allgemeinen Rufe ab, der die Tugend der Marzella verkündigt: nach diesem ist sie grausam, eigensinnig und unerbittlich, wobei ihr aber der Neid selbst keinen Fehler aufbürden kann.«
»Ihr habt recht,« antwortete Vivaldo, indem er sich bereitete, ein anderes Papier vorzulesen, das er dem Feuer entrissen hatte, als er durch eine seltsame Erscheinung daran gehindert wurde (denn wie eine Erscheinung kam sie allen vor), die sich unvermutet ihren Blicken zeigte; denn auf der Spitze des Felsen, in welchem das Grab ausgehauen wurde, erschien die Schäferin Marzella so schön, daß die Beschreibung von ihrer Schönheit übertroffen wurde. Die sie noch niemals gesehen hatten, betrachteten sie mit stiller Bewunderung, und die an ihren Anblick gewöhnt waren, hefteten nicht minder hingerissen die Augen auf sie, wie diejenigen, denen der Anblick neu war. Kaum aber hatte sie Ambrosius erblickt, als er mit dem Ausdrucke des Unwillens ausrief: »Ha! du kömmst wohl, schrecklicher Basiliske dieser Gebirge, um zu sehen, ob deine Gegenwart das Blut aus den Wunden dieses Unglückseligen wieder hervorruft, dem deine Grausamkeit das Leben raubte? Oder kömmst du, um über deine grausamen Taten zu triumphieren? Wie ein zweiter frevelnder Nero den Brand deines angezündeten Roms zu sehen? Oder willst du höhnend den Fuß auf diese jammervolle Leiche setzen, wie es die undankbare Tochter ihrem Vater Tarquinius tat? Sage nur schnell, was du willst oder welches dir die liebste Freude ist, denn ich weiß, wie jeder Gedanke des lebenden Chrysostomus dir dienstbar war; auch im Tode soll er dir gehorchen, und wir alle, seine Freunde, wollen dir ohne Widerspruch willfahren.«