Part 13
Sie taten es und stellten sich auf einen kleinen Hügel, von wo man die beiden Herden, die für Don Quijote eine Armee waren, gut genug hätte sehen können, wenn die Staubwolken, die sich erhoben, sie nicht verdeckt und den Augen entzogen hätten. Er sah aber dennoch mit seiner Einbildung alles, was er nicht wirklich sehen konnte und fing nun mit erhabener Stimme also an: »Jener Ritter, den du in gelber Rüstung siehst und der in seinem Schilde einen gekrönten Löwen führt, zu den Füßen einer Jungfrau hingeschmiegt, ist der tapfere Laurcalco, Herr von der silbernen Brücke. Jener dort, dessen Harnisch mit goldenen Blumen bestreut ist und der in seinem Schilde drei silberne Kronen im blauen Felde führt, ist der Großherzog von Quiraloia. Jener Riese dort, der ihm zur Rechten steht, ist der nie genug gepriesene Brandarbaran von der Kegelbahn, Herr von den dreien Arabien, der mit einer Drachenhaut bedeckt ist und als Schild eine Tür führt, welche, wie man sagt, von jenem Tempel genommen ist, den Simson einriß, als er sich durch seinen eigenen Tod an seinen Feinden rächte. Nun wende aber die Augen einmal auf jene Seite und schaue in dem Vortrabe jenes Heeres den stets siegenden und niemals besiegten Timonel von Carcajona, Herrn des neuen Biskayas, dessen Rüstung mit vier verschiedenen Farben prangt, mit Blau, Grün, Weiß und Gelb; in seinem Schilde führt er eine goldene Katze im hellen Felde, mit einem einzigen Worte zur Unterschrift, nämlich Miau, als den Anfang des Namens seiner Dame, die, wie man sagt, Miulina ist, die Tochter des Herzogs Alfenriquen von Algarbien. Jener dort, der so gewaltig den Rücken des ungeheuren Rosses belastet und dessen Rüstung so weiß wie der Schnee ist, ist ein neuer Ritter von französischer Nation, genannt Pierre Papin, Herr der Baronie Utrique. Jener, der die eisernen Fersen in die Seiten des bunten und gewandten Zebras stößt und ganz blaue Waffen führt, ist der ansehnliche Herzog von Nervia, Espartafilardo vom Walde, der als Sinnbild auf seinem Schilde ein Spargelfeld führt mit der Unterschrift: mein Glück wächst nach.« --
So nannte er noch viele Ritter von einer wie von der andern Schwadron, die er sich einbildete; allen gab er aus dem Stegreife ihre Waffen, Farben, Sinnbilder und Inschriften, die er aus dem Schatze seiner unerhörten Torheit schöpfte, er fuhr daher auch, ohne einzuhalten, so fort: »Jenes mächtige Geschwader vor uns ist aus verschiedenen Nationen gebildet und zusammengesetzt. Dort sind die, welche die süßen Gewässer des berühmten Xantus kosten, die Montuasen, die die Masilischen Gefilde bewohnen, diejenigen, die das feine und reichhaltige Gold des glücklichen Arabiens sichten, die, welche die berühmten und frischen Wasser des klaren Thermodon trinken, jene, die in Kanälen nach verschiedenen und fernen Gegenden den goldführenden Pactolus zu sich leiten, die Numidier dort, die in ihren Versprechungen unzuverlässig, die Perser, in Bogen und Pfeilen berühmt, die Parther und Medier, die im Fliehen streiten, die Araber, deren Wohnung veränderlich, die Skythen, die eben so weiß als grausam, die Äthiopier, deren Lippen durchlöchert sind, nebst andern unzähligen Nationen, deren Antlitz ich sehe und erkenne, deren Namen ich mich aber nicht erinnere. -- In jener Schar dort ziehen diejenigen, die die kristallenen Gewässer des ölbekränzten Betis trinken, Männer, die ihr Angesicht in den Wellen des prächtigen, goldführenden Tago waschen, andere, die die heilsamen Wasser des göttlichen Genil genießen, die die tartesischen Fluren, an Triften reich, bewohnen, diejenigen, die sich auf den himmlischen Xeronyschen Wiesen ergötzen, die reichen Manchaner dort mit roten Ähren gekrönt, mit Erz bekleidet, Nachkommen aus dem Blute der alten Goten, diejenigen, die sich im Pisuenga baden, berühmt wegen seines anmutigen Stromes, andere, die ihre Herden auf den ausgebreiteten Fluren des gekrümmten Guadiana weiden, dessen verborgener Lauf so oft gefeiert wird; jene, die im Frost der beschneiten Pyrenäen, andere, die auf den weißen Gipfeln der hocherhabenen Apenninen zittern: kurz, alle Völkerschaften, die nur das ganze Europa in sich faßt und begreift.«
Hilf Himmel! wie viele Provinzen nannte er noch, wie viele Nationen zählte er auf, indem er jeder mit erstaunlicher Behendigkeit die ihr zukommenden Attribute erteilte, trunken und entzückt von dem, was er in seinen lügenhaften Büchern gelesen hatte! Sancho Pansa stand über diese Reden verwundert, ohne ein Wart zu sagen; er drehte nur von Zeit zu Zeit den Kopf hin und her, ob er die Ritter und Riesen, die sein Herr aufzählte, nicht erblicken möchte; da er aber durchaus keinen entdeckte, sagte er: »Gnädiger Herr, hol mich der Teufel, wenn ein Mensch oder Riese oder Ritter von allen, die Ihr da nennt, zu finden ist, wenigstens kann ich sie nicht sehen, und es muß wohl wieder alles Verzauberung sein wie mit den Gespenstern vorige Nacht.«
»Wie sprichst du also?« antwortete Don Quijote, »hörst du nicht das Wiehern der Rosse, der Trompeten Schmettern, das Gelärm der Trommeln?«
»Ich höre nichts weiter,« antwortete Sancho, »als Blöken von Schafen und Hammeln.« -- Und dies war es auch, denn die beiden Herden waren nun ziemlich nahe gekommen.
»Deine Furchtsamkeit«, sagte Don Quijote, »macht, Sancho, daß du weder richtig siehst noch hörst, denn eine von den Wirkungen der Furcht besteht eben darin, die Sinne zu verwirren und dadurch die Dinge anders erscheinen zu lassen als sie in der Tat sind: trägst du also so große Bangigkeit, so abseitige dich und laß mich allein, denn allein bin ich hinreichend, der Partei den Sieg zu verschaffen, zu welcher ich mich schlage.« Und mit diesen Worten gab er dem Rosinante die Sporen, faßte in der Rechten die Lanze und somit schoß er wie ein Sonnenstrahl von dem Erdhügel herunter. Sancho schrie laut auf und rief: »Haltet doch, mein gnädiger Herr Don Quijote, ich schwör's zu Gott, Hammel und Schafe sind das, was Ihr angreifen wollt! haltet! Oh, um Gottes Barmherzigkeit willen, was sind das für Tollheiten! da ist ja kein Riese, ein Ritter, keine Katze, keine Rüstung, weder ganze noch geteilte Schilde, noch blaue Felder, noch der Teufel und seine Großmutter. Was, um's Himmels willen, nehmt Ihr für Dinge vor?«
Aber Don Quijote hielt deshalb nicht an, sondern rief vielmehr mit lauter Stimme: »Auf, ihr Ritter, die ihr unter den Fahnen des tapferen Kaisers Pentapolin mit dem aufgekrempten Ärmel streitet, folgt mir alle und ihr sollt sehen, wie leicht wir ihn an seinem Feinde Alifanfaron von Trapobana rächen wollen!« Sowie er dieses sprach, stürzte er mitten in das Heer der Schafe hinein und begann ein so verwegenes und wütiges Lanzenstechen, als wenn er wirklich mit Todfeinden zu kämpfen hätte. Die Schäfer und Hirten, die die Herde führten, riefen ihm zu, daß er nicht also verfahren möchte; da sie aber sahen, daß sie damit nichts ausrichteten, griffen sie zu ihren Schleudern und begannen seine Ohren mit Steinen wie die Faust so groß anzureden. Don Quijote kümmerte sich um die Steine nicht, sondern sagte, indem er sich von allen Seiten herumtummelte: »Wo bist du, stolzer Alifanfaron, hierher zu mir, der ich ein einzelner Ritter bin, damit ich Mann gegen Mann deine Kräfte erproben und dir das Leben nehmen kann als vergeltende Schmach, die du dem tapferen Pentapolin Garamanta beweisest.« Indem führte eine Schleuder ein Korn herbei, das ihn in die Seite traf und zwei Rippen hineinschlug. Wie er diese üble Behandlung sah, hielt er sich für tot oder schwerverwundet, gedachte seines Getränkes, nahm seine Flasche, setzte sie an den Mund und fing an, sich das Getränk einzugießen; aber er hatte noch nicht so viel hinuntergetrunken als ihm nötig schien, so kam eine zweite Zuckermandel und traf die Hand und Flasche mit solcher Gewalt, daß sie in Stücke ging, auf dem Wege drei oder vier Zähne und Backenzähne eingeschlagen und zwei Finger der Hand grausam zerquetscht wurden. So heftig war der erste Wurf und so heftig der zweite, daß der arme Ritter gezwungen war, sich vom Pferde herunterzubegeben. Die Schäfer kamen herbei und meinten, daß sie ihn umgebracht hätten; sie trieben also hastig die Herde zusammen, luden die ermordeten Stücke auf, die sich bis auf sieben beliefen und so entfernten sie sich, ohne etwas anderes abzuwarten.
In der ganzen Zeit stand Sancho auf dem Hügel, sah den Tollheiten seines Herrn zu und riß sich den Bart aus, indem er die Stunde und den Augenblick verfluchte, in welchem er seine Bekanntschaft gemacht hatte. Da er nun sah, daß er auf der Erde lag und daß die Hirten fortgingen, stieg er den Hügel hinunter, ging zu ihm und fand ihn in einem sehr schlimmen Zustande, obgleich er noch Besinnung hatte; er sagte also zu ihm: »Sagte ich's Euch nicht, mein Herr Don Quijote, daß Ihr halten möchtet und daß das, was Ihr angriffet, keine Soldaten, sondern eine Herde Hammel war?«
»So hat sie der Schelm von Weisen, mein Feind, verwandelt und entstellt, und du mußt wissen, Sancho, daß es diesen Wesen etwas Leichtes ist, alles so scheinen zu lassen, wie sie es wollen; dieser Boshafte also, der mich verfolgt, neidisch über den Ruhm, den ich, wie er merkte, in dieser Schlacht erwerben möchte, hat den Zug der Feinde in eine Herde Schafe verwandelt. Glaubst du dieses nicht, so tue Sancho, ich beschwöre dich, ein Ding, damit du deines Irrtums los werdest und merkest, wie ich die Wahrheit rede: besteige deinen Esel und reite ihnen nach, so wirst du gewahr werden, daß, sowie sie nur eine kleine Strecke entfernt sind, sie ihre erste Gestalt wieder annehmen, keine Hammel mehr sind, sondern Menschen, so recht und gerecht, wie ich sie dir erst beschrieben habe. Doch entferne dich für jetzt nicht, denn ich bedarf deiner Hilfe und Liebe: komme her und sieh, wie viele Backen- und Vorderzähne mir mangeln, denn mir ist, als hätte ich keinen einzigen im Munde behalten.«
Sancho machte sich so nahe an ihn, daß er die Augen fast in seinen Mund steckte, und dies geschah, indem der Balsam schon im Magen Don Quijotes gewirkt hatte; indem sich also Sancho an ihn machte, um in seinen Mund zu schauen, schoß er heftiger wie eine Büchse das von sich, was er in sich führte und alles in den Bart des mitleidigen Stallmeisters hinein. »Heilige Mutter Gottes!« rief Sancho, »was ist mir da zugestoßen? Gewiß ist der arme Sünder auf den Tod verwundet, denn das Blut stürzt ihm aus dem Halse.« Da er sich aber ein wenig sammelte und an Farbe, Geschmack und Geruch merkte, daß es kein Blut, sondern der Balsam aus der Flasche sei, den er ihn hatte trinken sehen, ergriff ihn ein so heftiger Ekel, daß auch sein Magen sich umwandte und er seinen Gebieter bespie, worauf sie sich beide wie Brillanten ausnahmen. Sancho lief nach seinem Esel, um aus dem Schnappsacke etwas zu holen, sich abzutrocknen und seinen Herrn zu heilen; da er diesen nicht fand, war er im Begriff den Verstand zu verlieren. Er fluchte von neuem und nahm sich im Herzen vor, seinen Herrn zu verlassen und nach Hause zu gehen, wenn er auch selber seinen Gehalt und die Hoffnung auf die Regierung der versprochenen Insel verlieren sollte.
Jetzt erhob sich Don Quijote, steckte die linke Hand in den Mund, weil ihm die Zähne immer noch weh taten, mit der anderen faßte er die Zügel des Rosinante, der sich nicht von der Seite seines Herrn gerührt hatte (so redlich und schön war sein Gemüt) und ging zu seinem Stallmeister, der sich mit der Brust über seinen Esel lehnte und die Backen zwischen den beiden Händen hielt, wie ein Mensch, der in den tiefsten Gedanken versunken ist. Als Don Quijote diese Zeichen einer so gewaltigen Schwermut bemerkte, sagte er: »Wisse, Sancho, daß ein Mensch nicht mehr ist als ein anderer, wenn er nicht mehr tut als ein anderer; alle diese Stürme, die uns verfolgen, sind Beweise, daß sich das Wetter bald aufheitern muß und daß unsere Sachen zum Glück ausschlagen müssen, denn es ist unmöglich, daß so Glück als Unglück immer daure. Hieraus folgt, daß, da wir viel Unglück überstanden, das Glück uns nahe sein muß. Darum laß die Betrübnis über Widerwärtigkeiten, die mir zustoßen, da sie dich nicht mit betreffen.«
»Also nicht?« antwortete Sancho, »war denn der, den sie gestern prellten, ein anderer als ich in eigener Person? Und der Schnappsack, der heute mit allen meinen Habseligkeiten weg ist, gehört wohl einem anderen als mir?«
»Also der Schnappsack ist weg?« fragte Don Quijote.
»Freilich ist er weg,« antwortete Sancho.
»Auf die Weise haben wir heute nichts zu essen,« erwiderte Don Quijote.
»Es wäre übel,« versetzte Sancho, »wenn hier auf den Wiesen nun auch alle die Kräuter weg wären, die Euer Gnaden kennt, wie Ihr sagt, mit denen sich, wenn alles weg war, unglückliche irrende Ritter, wie Ihr einer seid, behelfen.«
»Mit alledem,« antwortete Don Quijote, »wäre mir jetzt ein Laib Brot und ein Stückchen Hering viel erwünschter als alle Kräuter, die Dioscorides beschreibt, selbst mit den Erläuterungen des Doktor Laguna. Aber vor allen Dingen besteige dein Tier, Sancho, mein Getreuer und folge mir: denn Gott, der für alle sorgt, wird auch uns nicht vergessen, da wir besonders alles, was wir arbeiten, zu seinem Dienste arbeiten, denn er speist die Fliegen in der Luft, die Gewürme der Erde und die kleinen Kreaturen der Flut; seine Güte läßt die Sonne über Böse und Gute aufgehen, er regnet auf die Gerechten und Ungerechten.«
»Euer Gnaden«, sagte Sancho, »taugt besser zum Prediger als zum irrenden Ritter.«
»Die irrenden Ritter, Sancho, verstehen alles und müssen alles verstehen,« antwortete Don Quijote, »denn ein irrender Ritter aus den verflossenen Jahrhunderten mußte, wenn es die Gelegenheit gab, eine Rede oder Predigt mitten auf freiem Felde halten können, so gut, als wenn er auf der Universität Paris den Gradus empfangen hätte: woher es sich auch schreibt, daß die Lanze nicht die Feder schmäht, die Feder nicht die Lanze.«
»Es gehe so, wie Euer Gnaden sagt,« antwortete Sancho, »wir wollen weiter und für die Nacht ein Unterkommen suchen und Gott möge uns nur an einen Ort führen, wo es keine Bettücher und Preller gibt, keine Gespenster oder verzauberte Mohren, denn wenn das wieder kömmt, so mag der Teufel vollends Sack und Pack holen.«
»Bitte du Gott, mein Sohn«, sagte Don Quijote, »und nimm du selbst den Weg, welchen du willst, denn dieses Mal soll es auf deine Wahl in Ansehung des Unterkommens beruhen. Gib mir aber die Hand und fühle mit dem Finger, wie viele Vorder- und Backenzähne mir rechts in der Kinnlade fehlen, denn dorten fühle ich den Schmerz.«
Sancho steckte die Finger hinein, fühlte aufmerksam und fragte: »Wie viele Backenzähne hatten Euer Gnaden denn sonst auf dieser Seite?«
»Vom Augenzahne vier,« antwortete Don Quijote, »alle vollständig und gesund.«
»Bedenkt wohl, was Ihr sagt,« antwortete Sancho.
»Viere sage ich, oder gar fünf,« erwiderte Don Quijote, »denn weder Vorder- noch Backenzahn habe ich mir jemals in meinem Leben ausziehen lassen, auch ist mir keiner von Krankheit oder Flüssen ausgefallen.«
»Hier auf der unteren Kinnlade,« sagte Sancho, »habt Ihr zwei Backenzähne und einen halben, in der oberen aber keinen halben und keinen ganzen, denn alles ist so platt wie meine flache Hand.«
»O ich Elender!« rief Don Quijote aus, als ihm sein Stallmeister diese traurige Neuigkeit hinterbrachte, »ich hätte lieber einen Arm hingegeben, nur nicht den, der das Schwert regiert, denn du mußt wissen, Sancho, ein Mund ohne Backenzähne ist wie eine Bäckerei ohne Backofen und ein Zahn ist viel höher als ein Diamant zu achten. Aber allem diesen sind die unterworfen, die wir uns zum strengen Orden der Ritterschaft bekennen; also steige auf, mein Freund, und führe an, denn ich will dem Wege folgen, den du aussuchst.«
Sancho tat es und richtete sich dahin, wo er eine Herberge erwartete, ohne den Weg zu verlassen, auf dem er sich eben befand. So zogen sie langsam fort, denn der Schmerz der Kinnbacken erlaubte Don Quijote nicht, still zu sein oder sehr zu eilen. Sancho bemühte sich also, ihm einige Unterhaltung und Ergötzung zu verursachen, und unter anderen Dingen, die er vortrug, war auch das, was man im folgenden Kapitel erzählen wird.
~Fünftes Kapitel~
Weises Gespräch, welches Sancho mit seinem Herrn führte; Abenteuer, welches diesem mit einem Leichnam begegnete und andere preiswürdige Begebenheiten
«Ich glaube, gnädiger Herr, daß alle die Unglücksfälle, die uns in diesen Tagen begegnet sind, gewiß eine Strafe vorstellen, weil Ihr Euch gegen den Orden Eurer Ritterschaft versündigt habt, denn Ihr habt Euren Schwur nicht in Erfüllung gesetzt, auf keinem Tischtuch zu essen und nicht mit der Königin Euch zu ergötzen nebst allen übrigen Zubehör, was Ihr, gnädiger Herr, alles zu tun geschworen habt, bis Ihr die Blechhaube von dem Schandriem oder wie der Mohr sonst heißen mag, denn das weiß ich jetzt nicht, erobert habt.«
»Sehr hast du recht, Sancho,« antwortete Don Quijote, »aber die Wahrheit zu sagen, es war meinem Gedächtnisse entfallen und du kannst ebenfalls vergewissert sein, daß zur Strafe, weil du mich nicht zeitig genug erinnert, dich die Prelle betroffen hat. Aber ich will es wieder gut machen, denn im Orden der Ritterschaft gibt es für alle Dinge Mittel.«
»Aber hab' ich denn, um Gotteswillen, geschworen?« fragte Sancho.
»Es kommt nicht in Betracht, ob du geschworen hast,« antwortete Don Quijote, »denn soviel ich einsehen kann, bist du nicht völlig vor aller Teilnehmung gesichert, es mag nun aber sein oder nicht, so ist es nicht undienlich, auf ein Mittel zu denken.«
»Wenn die Sachen so stehen,« sagte Sancho, »so trachtet ja, gnädiger Herr, daß Ihr es nicht ebenso wie den Schwur vergeßt, sonst kriegen die Gespenster wohl von neuem Lust, sich mit mir Spaß zu machen und vielleicht verfallen sie auch auf Euch, wenn sie Eure Hartnäckigkeit gewahr werden.«
Unter diesen und anderen Gesprächen überfiel sie auf dem Wege die Nacht, ohne daß sie einen Ort entdecken konnten, wo sie die Nacht zubringen möchten; das Schlimmste aber war, daß sie fast vor Hunger starben, denn mit ihrem Schnappsacke war ihnen auch aller Vorrat an Lebensmitteln verschwunden und um ihr Unglück vollständig zu machen, ereignete sich ein Abenteuer, das in der Tat und ohne künstliche Nachhilfe eins war, die Nacht brach nämlich mehr mit zunehmender Finsternis herein. Sie setzten aber dennoch ihren Weg fort, denn Sancho glaubte in zwei oder drei Stunden gewiß auf eine Schenke zu treffen, da sie sich auf dem großen Wege befanden.
Indem sie so fortzogen, die Nacht finster, der Stallmeister hungrig und der Herr nach Speise lüstern war, sahen sie, daß ihnen auf ihrer Straße eine Menge von Lichtern entgegen kamen, die Sterne schienen, die sich bewegten. Sancho erschrak, indem er es bemerkte und dem Don Quijote war es nicht ganz unheimlich; jener zog den Strick seines Esels, dieser den Zaum seines Pferdes an und so standen sie beide und schauten aufmerksam hin, was sich daraus ergeben würde; sie sahen, wie ihnen die Lichter entgegenzogen und wie sie immer größer wurden, je näher sie ihnen kamen. Bei dieser Wahrnehmung fing Sancho an wie Espenlaub zu zittern und dem Don Quijote richteten sich auf dem Haupte die Haare in die Höhe; er ermannte sich aber ein wenig und sagte: »Ohne Zweifel, Sancho, ist dieses das allergrößte und furchtbarste Abenteuer, in welchem es vonnöten sein wird, alle meine Gewalt und Kraft aufzubieten.«
»Ach ich Unglückskind!« antwortete Sancho, »wenn das Abenteuer aus Gespenstern besteht, wie es sich fast dazu anläßt, wo einen Buckel hernehmen, um alles auszuhalten?«
»Seien es immerhin Gespenster,« sagte Don Quijote, »so werde ich dennoch nicht zugeben, daß sie dir nur ein einziges Haar krümmen, trieben sie jüngst ihren Scherz mit dir, so durften sie's, weil ich nicht auf die Mauer des Hofes konnte, aber jetzt befinden wir uns in offenem Felde, wo ich, soviel ich nur mag, Hiebe mit meinem Schwerte ausholen kann.«
»Wenn sie nun das Schwert bezaubern und kraftlos machen, wie sie schon so oft getan haben,« sagte Sancho, »was hilft's da, das Feld mag frei sein oder nicht?«
»Sei es wie es will,« versetzte Don Quijote, »so bitte ich dich, Sancho, einen guten Mut zu fassen, denn die Erfahrung wird dir zeigen, wie ich dieses Unternehmen anfassen will.«
»Gott gebe, daß es so verfaßt werde,« sagte Sancho und zugleich stellten sie sich auf die Seite des Weges, um von neuem aufmerksam hinzusehen, was das doch mit den wandernden Lichtern sein möchte und so entdeckten sie nach und nach viele Gestalten in weißen Gewändern, bei deren fürchterlichem Anblicke Sancho Pansa vollends den letzten Mut verlor und so mit den Zähnen klapperte, als wenn ihn ein Fieber ergriffe, wobei sein Zittern und Zähneklappen sich in dem Maße vermehrte, in welchem sie die Gegenstände genauer erkennen konnten. Denn sie sahen nun wohl zwanzig in weißen Hemden, alle beritten, mit brennenden Fackeln in den Händen, hinter denen eine Bahre folgte, mit Schwarz behängt, der sechs andere Gestalten beritten nachzogen, in schwarzen Flören bis auf die Füße ihrer Maultiere hinunter verhüllt, denn daß es keine Pferde waren, sah man an dem langsamen Gange; die in den weißen Hemden murmelten etwas mit dumpfer und kläglicher Stimme.
Diese wunderbare Erscheinung in der Stunde und an diesem einsamen Orte war gewiß vermögend, das Herz Sanchos mit Furcht zu erfüllen, auch selbst das seines Gebieters und Don Quijote gab auch der Furcht ein wenig Raum als Sancho schon von den letzten Funken seines Mutes verlassen war: der Gebieter aber ermunterte sich bald, der sich stracks lebhaft in seiner Phantasie vorbildete, wie dieses eines von den Abenteuern aus seinen Büchern sei. Er machte nämlich in seinen Gedanken die Trage zu einer Totenbahre, auf welcher sich ein schwer verwundeter oder toter Ritter befände, den zu rächen ihm allein vorbehalten sei: er legte also ohne weiteres Bedenken die Lanze ein, setzte sich dann im Sattel fest und lagerte sich dann mit edlem Anstande und Bezeigen in der Mitte des Weges, wo die weißen Gestalten durchaus vorbei mußten, die er mit lauter Stimme, als er sie nahe genug befand, also anredete: »Haltet an, Ritter, wer ihr auch sein mögt, Rechenschaft zu geben, wer ihr seid, woher ihr kommt, wohin ihr geht, wer derjenige ist, den ihr auf der Bahre mit euch führt, denn nach dem äußeren Anscheine habt ihr Unrecht entweder verübt oder erlitten und es geziemt sich und ist vonnöten, daß ich solches wisse, um euch für das Unheil, welches ihr gestiftet, zu züchtigen oder euch für die Ungebühr zu rächen, die man an euch verübt.«