Chapter 22 of 24 · 3990 words · ~20 min read

Part 22

Um auf das zurückzukommen, was der von der traurigen Gestalt vornahm, als er sich allein sah, so erzählt die Geschichte, daß, wie Don Quijote mit seinem Radschlagen fertig war, von der Mitte bis unten nackt und seine obere Hälfte bekleidet, und er bemerkte, daß Sancho fortgeritten, ohne weiter nach seinen Narrheiten hinzuschauen, bestieg er den Gipfel eines hohen Felsen und überlegte noch einmal, was er schon oft überlegt hatte, ohne einen Entschluß fassen zu können, ob es nämlich besser und ihm geziemlicher sei, den Roldan in seinen schädlichen, oder den Amadis in seinen schwermütigen Unsinnigkeiten nachzuahmen, worauf er so zu sich selber redete: War Roldan wirklich ein so wackerer und tapferer Ritter, wie allgemein von ihm gesagt wird, wo steckt da das Wunderbare? denn am Ende war er doch immer bezaubert und keiner konnte ihn umbringen, wenn er ihn nicht mit einer Nadel in einen einzigen Punkt seines Fußes stach, weshalb er immer Schuhe mit siebenfachen eisernen Sohlen trug: ob ihm gleich diese Kunst nichts gegen den Bernardo del Carpio half, der sie wußte und ihn bei Roncesvalles in seinen Armen erdrückte. Wir wollen aber seine Tapferkeit beiseitesetzen und nun auf sein Verstandverlieren kommen; gewiß ist es, er verlor ihn wegen der Zeichen, die er an der Quelle fand und über die Nachrichten, die ihm ein Schäfer gab, wie Angelika viele Stunden mit dem Medor, einem jungen Mohren mit schönen Locken und Edelknaben des Agramant, geschlafen habe: und indem er die Wahrheit davon einsah, und daß seine Dame ihm diesen Schimpf wirklich angetan habe, vollbrachte er nichts sonderliches darin, unsinnig zu werden. Aber ich, wie kann ich ihm in seinen Unsinnigkeiten nachahmen, wenn ich ihn nicht auch in der Ursache derselben nachahme? denn ich möchte wohl darauf schwören, daß meine Dulzinea von Toboso zeit ihres Lebens keinen Mohren mit Augen gesehen hat, so wie er ist und in seiner Landestracht, und daß sie so unschuldig ist, wie die Mutter, die sie gebar: auch bezeigte ich ein hauptsächliches Unrecht, wenn ich anders von ihr dächte und also in der Art unsinnig würde, wie der rasende Roldan seine Unsinnigkeiten beging. Auf der andern Seite leuchtet mir ein, wie Amadis von Gallia, ohne den Verstand zu verlieren, ohne Unsinnigkeiten zu begehen, sich wohl als Verliebter noch größeren Ruhm erwarb, denn wie seine Geschichte erzählt, wurde er von seiner Dame Oriana verschmäht, die ihm geboten hatte, nicht eher, als bis es ihr Wille sei, in ihrer Gegenwart zu erscheinen: er zog sich deshalb auf den Felsen Arnuth zurück, seine Gesellschaft war ein Einsiedel, und dorten weinte er so lange, bis ihm der Himmel in seiner größten Not und Bedrängnis Hilfe sendete. Ist dies nun wahr, wie es wahr ist, warum soll ich mich damit abquälen, ganz nackt herumzulaufen, diesen Bäumen Schaden zuzufügen, die mir kein Leid tun, warum soll ich das Wasser dieser klaren Bächlein trüben, die mir, wenn ich durstig bin, zu trinken reichen müssen? Nein! es lebe Amadis! und ihm will Don Quijote von la Mancha nachahmen, so gut er es nur kann: wenigstens soll man auch auf ihn den bekannten Ausspruch anwenden können, daß, wenn er große Taten nicht vollendet, er im Versuche starb. Und wenn ich auch nicht von meiner Dulzinea verworfen oder verachtet bin, so ist es, wie schon gesagt, genug, von ihr entfernt zu sein. Auf dann! die Hand ans Werk! Kommt in mein Gedächtnis, all ihr Handlungen des Amadis und lehrt mich, wie ich den Anfang mache, euch nachzuahmen! Doch ich erinnere mich, das Vorzüglichste, was er tat, war beten und dieses will ich auch tun. --

Er zog hierauf einige große Galläpfel vou einer Eiche auf einen Faden, die ihm zum Rosenkranze dienen mußten; was ihn aber sehr bekümmerte, war, daß er keinen Einsiedler auffinden konnte, dem er beichtete und mit dem er sich tröstete, er mußte sich also damit unterhalten, auf der kleinen Wiese auf und ab zu gehen, Verse in die Rinde der Bäume zu schneiden oder im Sande niederzuschreiben, die seine Traurigkeit besangen und andere zum Lobe Dulzineas waren; diejenigen, die man noch fand und die man noch lesen konnte, als man sie fand, waren nicht mehr als folgende:

Ihr Pflanzen, so frisch und so heiter, die ihr auf dem Platze hier seid, ihr Bäume, ihr grünenden Kräuter, wenn ihr euch des Unglücks nicht freut, so hört meine Klagen nun weiter.

Macht doch meinen Schmerz nicht zur Zote, denn er ist so fürchterlich ja, so steht euch ein Bach zu Gebote, denn hier bewein' ich, Don Quijote, die Trennung von Dulzinea von Toboso.

Hier ist er, der Ort, den erwählet der Liebende, ewig getreu, der ihn der Geliebten verhehlet, hier reißet der Schmerz ihn entzwei, er weiß nicht recht, was ihn so quälet. Die Liebe, sie schleppt ihn im Kote, wie keinem es jemals geschah, drum welkt er wie Bohn' oder Schote denn hier bewein' ich, Don Quijote, die Trennung von Dulzinea von Toboso.

Er suchte wohl hier Abenteuer in Orten, an Felsen so reich, er flüchtete dem Ungeheuer, doch hört er im wüsten Gesträuch von Leiden nur die alte Leier. Es peitscht ihn die Liebe zu Tode und bleibet zur Marter ihm nah, drum kratzt er den Kopf mit der Pfote, denn hier bewein' ich, Don Quijote, die Trennung von Dulzinea von Toboso.

Bei denjenigen, die diese Verse fanden, erregte der Zusatz von Toboso nach dem Namen Dulzinea ungemeines Gelächter, denn sie glaubten, daß Don Quijote glauben müsse, daß, wenn er Dulzinea nenne und nicht auch das Toboso hinzufügte, die Strophe unverständlich bliebe: und dies war auch in der Tat der Fall, wie er es nachher gestanden hat. Er schrieb noch mehr Gedichte, aber wie gesagt, sie erhielten sich nicht und nur diese drei Strophen blieben vollständig übrig. Hiermit und daß er seufzte und die Faunen und Sylvanen der Gebüsche dort anrief, die Nymphen der Flüsse und die trauernde klägliche Echo, wie sie ihm alle antworten, Trost geben und zuhören möchten, unterhielt er sich; auch suchte er Kräuter, um sich mit diesen so lange zu erhalten, bis Sancho wiederkäme: wenn dieser so drei Wochen weggeblieben wäre, wie er drei Tage ausblieb, so wäre der von der traurigen Gestalt so ungestalt geworden, daß ihn seine leibliche Mutter selbst nicht wiedererkannt hätte.

Wir wollen ihn jetzt in seinen Seufzern und Versen verhüllt lassen, um zu erzählen, was dem Sancho Pansa auf seiner Gesandtschaft begegnete. Als er auf die große Straße gelangt war, machte er sich auf den Weg nach Toboso und gelangte am folgenden Tage bei der Schenke an, wo ihn das Mißglück mit der Prelle betroffen hatte; er hatte die Schenke kaum erblickt, als es ihm auch schon so war, als wenn er wieder in den Lüften flöge, weshalb er auch nicht einkehren wollte, obgleich es eine Stunde war, in der er es wohl gekonnt und gesollt hätte, denn es war um die Mittagszeit, und er auch ein großes Verlangen spürte, etwas Warmes zu essen, weil er schon seit vielen Tagen danach großen Hunger empfunden hatte. Dieser große Appetit trieb ihn auch bis dicht an die Schenke hinan, aber doch blieb er noch ungewiß, sollte er einkehren oder nicht: wie er noch in dieser Gemütsverfassung war, kamen zwei Leute aus der Schenke, die ihn sogleich kannten und von denen der eine zum andern sagte: »Herr Lizentiat, ist der auf dem Pferde da nicht Sancho Pansa, von dem die Haushälterin unseres Abenteurers sagte, daß er mit seinem Herrn als Stallmeister fortgezogen sei?«

»Er ist es,« sagte der Lizentiat, und ebendas Pferd gehört auch unserm Don Quijote.

Diese Leute kannten ihn so gut, weil sie der Pfarrer und der Barbier desselben Ortes waren, die nämlichen, die das Verhör und Gericht über die Bücher gehalten hatten. Wie diese nun den Sancho Pansa samt dem Rosinante erkannt hatten, begierig, von Don Quijote Neuigkeiten zu hören, liefen sie gleich zu ihm, und der Pfarrer rief ihn bei seinem Namen und sagte: »Freund Sancho Pansa, wo bleibt denn Euer Herr?«

Sancho Pansa kannte sie auch gleich und nahm sich vor, es nicht zu verraten, wo und wie sein Herr zurückgeblieben war: er antwortete also, sein Herr sei in voller Arbeit an einer gewissen Stelle und in einer gewissen Sache zurückgeblieben, die erstaunlich wichtig sei, die er aber nicht verraten dürfte, so lieb ihm die Augen im Kopfe wären.

»Nein, nein,« sagte der Barbier, »wenn Ihr uns, Sancho Pansa, nicht sagt, wo er geblieben ist, so werden wir glauben, wie wir es schon glauben, daß Ihr ihn umgebracht und geplündert habt, denn Ihr reitet auf seinem Pferde: wahrhaftig, Ihr müßt uns den Herrn des Gaules schaffen, oder es ergeht Euch übel.«

»Ihr braucht mir nicht so zu drohen, denn ich bin ein Mann, der keinen plündert und keinen umbringt, jeden bringt sein Schicksal nur, oder vielmehr Gott selbst. Mein Herr ist hier mitten im Gebirge zurückgeblieben, wo er nach Herzenslust Buße tut.« -- Und zugleich erzählte er ihnen in einem ununterbrochenen Strome, wie er zurückgeblieben sei, samt allen gehabten Abenteuern und wie er einen Brief an die Dame Dulzinea von Toboso bei sich führe, die Tochter des Lorenzo Corchuelo, in die sein Herr bis über die Augen verliebt sei.

Die beiden standen voll Erstaunen über das, was Sancho Pansa ihnen erzählte, denn obgleich sie Don Quijotes Narrheit sowie die Art derselben kannten, so waren sie doch immer von neuem verwundert, so oft sie davon hörten. Sie baten Sancho Pansa, ihnen den Brief zu zeigen, den er an die Dame Dulzinea von Toboso mit sich führe. Er sagte, daß er in ein Taschenbuch geschrieben sei und wie ihm sein Herr befohlen habe, ihn auf Papier im ersten Orte abschreiben zu lassen, worauf der Pfarrer sagte, daß er ihn nur zeigen möchte, denn er wolle ihn selber sehr schön abschreiben. Sancho Pansa fuhr hierauf mit der Hand in den Busen und suchte die Schreibtafel; aber er fand sie nicht und hätte sie nicht gefunden, wenn er auch ewig gesucht hätte, denn Don Quijote hatte sie behalten und ihm nicht gegeben, sowie er es auch vergessen hatte, sie von ihm zu fordern. Als Sancho sah, wie er das Buch nicht fand, wurde er blaß im Gesichte, er fühlte sich hierauf noch einmal hastig am ganzem Körper herum und sah und begriff zum zweiten Male, daß er sie nicht fand, worauf er sich ohne weiteres mit beiden Fäusten in den Bart griff, ihn halb zerzauste und sich dann sehr hastig ohne auszuruhen ein halbes Dutzend Faustschläge ins Gesicht und gegen die Nase gab, daß das Blut herunterfloß. Da dies der Pfarrer und Barbier sahen, fragten sie, was ihm denn zugestoßen sei, daß er sich so übel begegne?

»Was wird mir zugestoßen sein,« antwortete Sancho, »als daß ich, wie man eine Hand umkehrt, drei junge Esel verloren habe, wovon mir jeder so wert wie ein Palast war.«

»Wie das?« fragte der Barbier.

»Das Taschenbuch habe ich verloren,« antwortete Sancho, »worin der Brief an die Dulzinea war und auch eine Wechselverschreibung von meinem Herrn, auf die mir die Nichte drei junge Esel von den vieren oder fünfen ausliefern sollte, die er im Hause hat;« worauf er ihnen auch den Verlust seines Grauen erzählte.

Der Pfarrer tröstete ihn und sagte, daß, wenn er seinen Herrn anträfe, er ihn die Verschreibung wollte erneuern lassen, und zwar so, daß er sie auf Papier aufzeichnete wie es gebräuchlich und gewöhnlich sei, denn Verschreibungen in Taschenbüchern würden nicht für gültig anerkannt.

Damit tröstete sich Sancho und sagte, daß, wenn dem so sei, er sich nicht sonderlich gräme, daß er den Brief an Dulzinea verloren habe, denn er wüßte ihn auswendig, so daß er niedergeschrieben werden könnte, wo und wann sie es wollten.

»Sagt ihn gleich her, Sancho,« sprach der Barbier, »wir wollen ihn gleich niederschreiben.«

Sancho Pansa stand still, kratzte den Kopf, um den Brief ins Gedächtnis zu locken; bald stellte er sich auf den einen Fuß und bald auf den andern, jetzt schaute er die Erde an und jetzt wieder den Himmel, und nachdem er sich die halbe Spitze vom Finger heruntergebissen hatte und die beiden in der größten Erwartung standen, was er doch sagen würde, sagte er endlich nach einer ewigen Pause: »Mein Seel, Herr Lizentiat, der Teufel soll gleich das Wort holen, das ich noch aus dem ganzen Briefe weiß, außer das im Anfange gesagt wurde: Erhabene Herrscherin! Mein Närrchen!«

»Es wird nicht«, sagte der Barbier, »mein Närrchen heißen, sondern vielleicht meine Königin oder Monarchin.«

»So ist es auch,« sagte Sancho, »und gleich darauf, wenn ich mich recht erinnere, kam -- -- -- -- wenn ich mich recht erinnere -- -- -- -- der Geplagte und Schlaflose und der Verwundete küßt eure gnädigen Hände, undankbare und vorzüglich unbekannte Schöne; und dann kam, ich weiß nicht, was von Gesundheit und Krankheit, die er schickte, und dann ging's so weiter, bis es am Ende hieß: Der Eurige bis in den Tod, der Ritter von der traurigen Gestalt.«

Das gute Gedächtnis des Sancho Pansa machte den beiden kein geringes Vergnügen, sie lobten ihn sehr und baten ihn, den Brief noch einmal und dann noch einmal wieder herzusagen, und jedesmal sagte er wieder tausend neue Tollheiten. Hierauf erzählte er selbst alle Geschichten seines Herrn, aber er sagte kein einziges Wort von der Prelle, die ihm in der Schenke widerfahren war, in die er nicht einkehren wollte; er beschloß damit, wie sein Herr, wenn er von der Dame Dulzinea von Toboso gute Botschaft brächte, willens sei, sich auf den Weg zu machen und Kaiser zu werden oder wenigstens Despot, denn so wäre es unter ihnen beiden ausgemacht, nach der Tapferkeit seiner Person und der Gewalt seines Armes müsse ihm auch dieses Ding ziemlich leicht werden, wenn das geschehe, so wolle er ihn verheiraten, denn er würde dann wohl Witwer sein und müßte es sein, dann sollte er das Fräulein der Kaiserin zur Gemahlin kriegen, die eine reiche und große Herrschaft auf dem festen Lande erbte, denn aus Inseln oder Eiländern mache er sich nichts.

Dies alles sagte Sancho mit solcher Ruhe, indem er sich von Zeit zu Zeit die Nase wischte und so ohne Verstand, daß die beiden sich von neuem verwunderten, indem sie erwogen, wie gewaltig Don Quijotes Tollheit sein müsse, weil sie auch den Verstand dieses armen Kerls mit sich genommen habe. Sie wollten sich die Mühe nicht geben, ihm seinen Irrtum zu benehmen, denn sie meinten, daß dadurch seinem Gewissen kein Schaden widerführe, wenn sie ihn darin ließen, wodurch seine Narrheiten ihnen überdies Vergnügen machten; sie sagten ihm also, er möchte nur für die Wohlfahrt seines Herrn zu Gott beten, denn es sei ein überaus mögliches und wahrscheinliches Ding, daß er im Verlaufe der Zeit wohl Kaiser würde, oder wenigstens Erzbischof oder eine andere ähnliche Würde bekäme.

Worauf Sancho antwortete: »Meine Herren, wenn das Schicksal nun die Sachen so einrichten sollte, daß es meinem Herrn einfiele, nicht Kaiser, sondern Erzbischof zu werden, so möchte ich wohl wissen, was denn die irrenden Erzbischöfe ihren Stallmeistern zu geben pflegen.«

»Sie geben ihnen wohl«, antwortete der Pfarrer, »irgendeine Kirchenstelle oder einen Küsterdienst, der etwas Tüchtiges einträgt, die Akzidenzen ungerechnet, die sich wohl ebenso hoch belaufen mögen.«

»Da wird's wohl nötig sein,« versetzte Sancho, »daß der Stallmeister nicht verheiratet ist und daß er wenigstens bei der Messe helfen kann, aber ach! ich armes Kind! ich bin verheiratet und weiß nicht die ersten Buchstaben vom Abc. Was soll aus mir werden, wenn sich's mein Herr in den Kopf setzt, Erzbischof und nicht Kaiser zu werden, wie es doch sonst bei den irrenden Rittern Gebrauch und Herkommen ist?«

»Seid ohne Sorgen, Freund Sancho,« sagte der Barbier, »denn wir wollen euren Herrn bitten und ihm noch dazu den Rat geben, ja es ihm zur Gewissenssache machen, Kaiser und nicht Erzbischof zu werden, für ihn wird dies auch viel leichter sein, denn er ist mehr ein Held als ein Gelehrter.«

»Das glaub' ich auch,« sagte Sancho, »doch muß ich sagen, daß er zu allen Dingen Fähigkeiten hat; was ich von meiner Seite tun will, ist, den lieben Herrgott zu bitten, daß er ihm das gebe, was ihm am meisten diene und wobei er mir das meiste geben kann.«

»Das ist eine verständige Gesinnung,« sagte der Pfarrer, »und darin handelt Ihr wie ein guter Christ; worauf wir aber jetzt denken müssen, ist auf die Art, wie wir Euren Herrn aus der unnützen Buße erlösen, die er jetzt verübt, wie Ihr sagt; damit wir aber besser darauf sinnen und zugleich essen können, denn es ist Mittag, wollen wir in diese Schenke hineingehen.«

Sancho sagte, daß sie nur hineingehen möchten, er aber wolle draußen warten und ihnen nachher die Ursache entdecken, warum er nicht hineingehe und es ihm widerwärtig sei, hineinzugehen; daß er sie aber bäte, ihm etwas zu essen, und zwar etwas Warmes zu bringen, auch Hafer für den Rosinante. Sie gingen hinein und er blieb draußen, und nach einiger Zeit brachte ihm der Barbier etwas zu essen.

Hierauf beratschlagten sich die beiden gründlich, wie sie ihren Vorsatz ausführen wollten, und der Pfarrer kam endlich auf einen Gedanken, der ganz in Don Quijotes Sinn und auch so beschaffen war, wie er zu ihrem Zwecke taugte; er sagte nämlich dem Barbier, wie sein Gedanke sei, sich als eine irrende Jungfrau anzukleiden, und daß er sich, so gut es anginge, als Stallmeister zurechtmachen möchte, so wollten sie sich hinbegeben, wo Don Quijote sei, er wolle dann eine betrübte und bedrängte Jungfrau vorstellen, die eine Gabe von ihm flehte, welche er ihr nicht als ein wackerer irrender Ritter abschlagen könne; die Gabe aber, um die er flehen wolle, sei, daß er mit ihr ziehen möge, wohin sie ihn führte, um ein Leiden zu entwickeln, in das sie ein schlechter Ritter verwickelt habe, und daß er ihn auch darum bäte, daß er nicht befehlen möchte, sie solle den Schleier aufheben, auch nichts Weiteres von ihr zu erfahren trachten, bis er die Ungeradheit jenes schlechten Ritters gerade gemacht. Er glaube, Don Quijote würde in dieser Form alles bewilligen, worum er nur bäte, und so wollten sie ihn aus dem Gebirge locken und nach seiner Heimat bringen, um ihn dort, wenn es möglich wäre, von seiner außerordentlichen Tollheit zu heilen.

~Dreizehntes Kapitel~

Wie es mit dem Plane des Pfarrers und Barbiers geriet, nebst anderen Dingen, würdig, in dieser großen Geschichte vorgetragen zu werden

Dem Barbier mißfiel die Erfindung des Pfarrers nicht, sondern sie erschien ihm so gut, daß sie sogleich zur Ausführung schritten. Sie ließen sich von der Wirtin ein Kleid und etliche Röcke geben, wofür der Pfarrer ein ganz neues Priesterkleid zum Pfand einsetzte. Der Barbier machte sich einen weißlichen oder gelblichen Bart von einem Ochsenschwanze, an dem der Wirt seine Kämme aufhing. Die Wirtin fragte sie, was sie mit diesen Dingen anstellen wollten. Der Pfarrer erzählte ihr kürzlich Don Quijotes Narrheit und wie diese Verkleidung dazu dienen solle, ihn aus dem Gebirge herauszulocken, in dem er sich jetzt aufhielte. Der Wirt und die Wirtin fielen sogleich darauf, daß dieser Narr gewiß ihr Gast mit dem Balsam und der Herr des geprellten Stallmeisters sein müsse; sie erzählten dem Pfarrer hierauf alles, was sich mit diesen beiden zugetragen hatte, ohne das zu verschweigen, was Sancho so vorsorglich verschwieg. Die Wirtin kleidete endlich den Pfarrer so an, wie man nichts Schöneres sehen konnte, sie legte ihm nämlich ein tuchenes Kleid an, das voller schwarzer Samtbänder hing, die eine Spanne breit und ausgepackt waren, hierauf ein Leibchen von grünem Samt mit ganz weißen Bandschleifen, wovon alles aus den Zeiten des Königs Bamba zu sein schien. Der Pfarrer litt nicht, daß man ihn coiffürte, sondern er setzte auf den Kopf ein baumwollenes Mützchen, das er nachts zum Schlafen bei sich hatte, und um die Stirn band er ein Strumpfband von schwarzem Taft, mit einem andern Strumpfband machte er sich ein Vorhängsel, womit er ziemlich gut Bart und Gesicht verdeckte; dann drückte er sich den Hut in die Augen, der so groß war, daß er ihm wohl zum Sonnenschirm dienen konnte, worauf er noch einen langen Mantel überwarf und sich quer auf sein Maultier setzte. Der Barbier bestieg seinen Esel, mit seinem Barte, der ihm bis auf den Gürtel reichte und ins Weiße und Gelbliche spielte und der, wie schon gesagt, aus dem Schwanze eines tüchtigen Ochsen gemacht war. Sie nahmen von allen Abschied, auch von der braven Maritorne, die, so sündhaft sie auch selber sei, einen Rosenkranz zu beten versprach, damit Gott seinen Segen verleihe, daß sie die schwierige und so christliche Unternehmung, die sie unternommen hatten, glücklich beendigen möchten.

Sie hatten kaum die Schenke verlassen, als dem Pfarrer der Gedanke kam, daß es von ihm nicht gut gehandelt sei, sich so auszustaffieren, sondern im Gegenteil unschicklich für einen Priester, wenn der Zweck, weshalb es geschähe, auch noch so gut sei; er sagte dies dem Barbier und bat ihn, den Anzug umzutauschen, weil es anständiger sei, daß er die notgedrängte Jungfrau vorstelle; er wolle der Stallmeister sein und daß er so seinem Amte weniger vergebe; wolle er dies nicht tun, so sei er fest entschlossen, nicht weiterzugehen und wenn den Don Quijote auch der Teufel selbst holen sollte. Indem kam Sancho hinzu, der über den Aufzug lachen mußte, in welchem er die beiden sah. Der Barbier ging alles ein, wie es der Pfarrer wollte, sie tauschten ihre Masken um, der Pfarrer unterrichtete ihn, wie er sich gebärden und welche Redensarten er gegen Don Quijote zu führen habe, um ihn zu bewegen und zu zwingen, mit ihm zu gehen und den Ort zu verlassen, den er zu seiner unnützen Buße ausgewählt hatte. Der Barbier antwortete, daß er selbst seine Lektion wüßte und sie gewiß aufs pünktlichste hersagen wolle. Er wollte sich aber noch nicht ankleiden, bis sie sich an der Stelle befänden, wo Don Quijote sei; er legte also den Anzug zusammen, der Pfarrer machte seinen Bart fest, und so setzten sie ihren Weg fort, von Sancho Pansa angeführt, der ihnen erzählte, was ihnen mit dem Verrückten begegnet sei, den sie im Gebirge gefunden hätten, wobei er aber sorgfältig den Fund des Mantelsacks und das, was er in diesem angetroffen hatte, verschwieg, denn so dumm er auch war, so war dieser brave Herr doch gut auf sein Bestes bedacht.

Am andern Tage kamen sie an die Stelle, wo Sancho seine Merkmale, nämlich die Zweige ausgestreut hatte, um den Platz wiederzufinden, wo er seinen Herrn gelassen hatte und sowie er sie erkannte, sagte er, daß dieses der Eingang sei, und daß sie sich nun anziehen könnten, wenn dies nötig sei, um seinen Herrn frei zu machen; denn sie hatten es ihm vorher gesagt, daß diese Reise und diese Verkleidung bloß angestellt sei, um seinen Herrn von dem unglückseligen Leben zu befreien, welches er sich auserwählt habe, und daß es sehr nötig sei, daß er seinem Herrn nicht sagte, wer sie wären, oder daß er sie kenne, und wenn er fragte, wie er gewiß fragen würde, ob er den Brief an Dulzinea abgegeben habe, sollte er ja sagen, und weil sie nicht lesen könne, habe sie ihm die mündliche Antwort gegeben und ihm bei Strafe ihrer Ungnade befohlen, augenblicklich zu ihr zu kommen, weil ihr dies vorzüglich am Herzen liege; dadurch und durch das, was sie ihm sagen wollten, wären sie versichert, ihn zu einem besseren Leben zurückzubringen und ihn so anzufrischen, daß er sich gleich auf den Weg mache, um Kaiser oder Despot zu werden, denn was den Erzbischof betreffe, darüber solle er ohne Sorgen sein.

Sancho hörte alles an und prägte es sich gut ins Gedächtnis, dankte ihnen auch für die gute Absicht, daß sie seinem Herrn zureden wollten, er möchte Kaiser und nicht Erzbischof werden, denn er seinerseits halte dafür, daß, was das angehe, die Stallmeister trefflich zu bedenken, ein Kaiser mehr als ein irrender Erzbischof tun könne. Er sagte auch, daß es besser wäre, wenn er voranginge, ihn zu suchen und ihm die Antwort von seiner Dame zu sagen, denn vielleicht sei das schon hinreichend, ihn von der Stelle zu bringen, ohne daß sie sich so viele Mühe zu geben brauchten. Den beiden schien das gut, was Sancho sagte, sie beschlossen also, dort zu warten, bis er mit der Nachricht, daß er seinen Herrn gefunden habe, zurückgekehrt sei.