Chapter 10 of 20 · 3920 words · ~20 min read

Part 10

Nach zehn Minuten kam sie aus der Kabine, in dem schwarzen Kleid, das sie am Tage der Schiffskatastrophe getragen und das um ihren abgemagerten Körper schlotterte. Sie ging mit ganz unsicheren Füßen und dennoch eilig, mit den ausgestreckten Fingerspitzen rechts und links die Wände des Ganges berührend. Ihre Augen standen noch immer viel zu weit offen, und es sah aus, als hätten sie sich nie mehr geschlossen, seit sie das Letzte -- das Bild des verwundeten Mannes auf der »Princeß of India« -- geschaut, und als sähen sie es noch immer. Über ihre Lippen, die das Fieber verbrannt hatte, flog der Atem. Ihre Füße schlürften über den Boden, als seien sie sich selbst zu schwer.

Unwillkürlich machte Kyrill Petulikow eine Bewegung, als wollte er ihr entgegengehen. Aber er besann sich und ließ sie auf sich zu kommen.

Kate Mathews geweitete Augen schienen durch ihn hindurch zu sehen. Er stand an der Treppe, die zum Deck hinaufführte, und hielt die Kommende mit einer kleinen Bewegung seiner Hand zurück.

»Verzeihen Sie,« murmelte Kate Mathew und schwankte, als sie stehenblieb. »Ihre Mutter --?«

»Meine Mutter, Miß Kate,« sagte Kyrill Petulikow mit seinem mildesten und ehrerbietigsten Lächeln, »mag ein wenig warten ... Sie haben sehr lange keine Sonne gesehen und keinen Salzwind geatmet ... Das würde Ihnen gut tun. Und ich möchte Ihnen dies und jenes sagen, ehe Sie zu meiner Mutter gehen. Bitte, kommen Sie ...«

Sie machte nicht den leisesten Versuch des Widerstandes; sie ging sofort auf die Treppe zu und begann, die Stufen hinaufzusteigen. Kyrill Petulikow hatte das Gefühl, daß sie mit derselben Widerstandslosigkeit in brennendes Feuer hineingegangen wäre, so völlig war sie ihres eigenen Willens beraubt.

»Hier ...« sagte er und schob ihr einen Stuhl hin. Das Sonnensegel dämpfte Licht und Wärme. Sie setzte sich und legte die flachen Hände im Schoß zusammen. Sie sah den Mann nicht an; ihre Augen irrten über das schöne, stille Meer, wie Vögel, die nicht wissen, wo sie ruhen sollen.

Kyrill Petulikow setzte sich ihr gegenüber.

»Miß Kate,« begann er mit einem vorsichtigen Rufen, als wünschte er, sie aufzuwecken, damit sie seine Worte gut begriff, »ich möchte Ihnen sagen ... vielleicht tut es Ihnen gut, das zu wissen ... der Mann, der -- damals -- auf der ›Princeß of India‹ zurückgeblieben war und verwundet schien und rief ... er ist gerettet worden ...«

Eine Weile schien es, als hätte die Frau ihn nicht verstanden. Sie starrte ihn völlig blicklos an. Und dann ging ein Zittern über ihre Lider, ihre Lippen, über ihre Hände, die sie ihm entgegenhob. Sie hielt den Atem in der Brust zurück und schluckte krampfhaft, ehe sie mit einem fast blöden Ausdruck fragte: »Was sagten Sie eben, Kyrill Petulikow?«

Der Mann wiederholte seine Worte mit einer merkwürdigen Bitterkeit des Tons. Er sah die Frau an und dachte: Ich bin ein Narr ... Und er stand auf, um fortzugehen.

Aber er ging nicht.

Kate Mathew hielt ihn zurück -- weit mehr noch durch ihren Blick als durch die unschlüssige Gebärde ihrer Hände.

»Er ist also gerettet worden?« fragte sie. »Er ist gewiß gerettet worden?«

»Ja, Miß Kate,« antwortete Kyrill Petulikow.

Kate Mathew schloß die Augen. Und dann lächelte sie.

»Das ist gut,« sagte sie, mit einem schluchzenden Atemholen. »Das ist gut ...«

Und dann stand sie auf. Sie hatte ihren Willen wiedergefunden, und sie konnte auch wieder, was sie wollte.

»Sie wünschten mir etwas zu sagen,« meinte sie mit einem helleren Ton und Blick. Sie stand vor Kyrill Petulikow, als erwartete sie seine Anordnungen.

»Das Wichtigste habe ich Ihnen gesagt,« entgegnete der Russe ernst.

Die Frau sah ihm ins Gesicht. Und sie begriff, als sie seinem klaren und etwas schwermütigen Blick begegnete, daß er, wenn auch auf falschem Wege, zum mindesten ein Stück der Wahrheit erraten hatte. Und sie begriff zugleich mit dem Instinkt der Frau, die sich in ihrer Liebe sicher weiß und es nur natürlich finden würde, wenn Gott und seine Engel, die Menschen und die Tiere und alles, was auf der Welt ist, einzig dieser Liebe dienen würden, daß hier ein Mensch war, von dem sie alles erbitten und alles nehmen durfte, weil er wußte, wie groß ihre Liebe zu einem anderen war.

Sie wollte reden, aber Kyrill Petulikow schüttelte den Kopf.

»Sagen Sie mir jetzt nichts, Miß Kate,« kam er ihr zuvor. »Wenn Sie die Bitte, die ich an Sie richten will, erfüllen werden, dann haben wir noch reichlich Zeit vor uns, Geheimnisse aufzuklären -- falls Sie glauben, daß Sie das tun möchten ...«

»Ihre Bitte, Kyrill Petulikow?«

Er zögerte einen Augenblick. Er schien ein Wort zu suchen, das dem Mädchen gezeigt hätte, wieviel ihm an der Erfüllung seines Wunsches lag. Aber dann sagte er ganz einfach: »Ich wäre Ihnen so sehr dankbar, Miß Kate, wenn Sie meine Mutter nach Rußland begleiteten ...«

Er schwieg und wartete, ob sie etwas sagen würde; aber sie schien von seinem Vorschlag so überrascht zu sein, daß sie zunächst nichts erwiderte und ihn auch nicht ansah.

»Meine Mutter,« fuhr Kyrill Petulikow darum nach einer Pause fort, »hat Sie sehr entbehrt, Miß Kate. Sie haben eine feste und sanfte Art und sind der einzige Mensch, von dem sich meine Mutter etwas abschlagen läßt, das ihrer Krankheit förderlich wäre. Wir haben noch eine endlose Reise vor uns, die der Kriegszustand doppelt erschwert. Die Pforte hat die Dardanellen gesperrt. Ich glaube kaum, daß meine Mutter die Geduld besitzen wird, so lange in Ägypten zu bleiben, bis die Meerstraße wieder geöffnet ist. Wir wollen über Griechenland und Rumänien nach Rußland reisen ... Sie können sich denken, was solch eine Reise für meine Mutter bedeutet ... Sie würden ihr alles so sehr erleichtern ... Und auch mir, Miß Kate ... Aber ich bitte nicht um meinetwillen ...«

»Ich will nicht sofort eine Antwort von Ihnen,« schloß er seine Rede, da Kate Mathew noch immer schwieg und vor sich niedersah. »Ich will Ihnen gern Zeit lassen, mit sich zu Rate zu gehen. Ehe wir an die Weiterreise denken können, bleiben wir mindestens vierzehn Tage in Kairo. Vielleicht schenken Sie uns diese Zeit und sagen mir dann, was Sie tun wollen. Ist es Ihnen so recht?«

»Ja,« sagte Kate Mathew mit einem dankbaren Lächeln. Sie holte tief Atem und sah sich um.

»Was suchen Sie?« fragte Kyrill Petulikow.

Sie zögerte ein wenig; dann sagte sie, während ihr das Blut in die Schläfen stieg: »Ich habe Hunger ...«

»Gut, gut,« sagte der Russe, nun seinerseits lächelnd. »Wir wollen also wieder leben, wie es scheint ...«

Die Frau sah ihn an und nickte. Die Tränen standen ihr in den Augen.

»Sie sind sehr gut zu mir,« meinte sie ernst.

Kyrill Petulikow erwiderte nichts ...

Sechs Wochen nach der Abfahrt der »Princeß of India« von Japan kamen die Fahrgäste der »Buitenzorg« in Ägypten an. Und am Abend des nächsten Tages mietete Kyrill Petulikow für seine Mutter, deren Pflegerin und sich die stillsten und schönsten Zimmer von Shephards Hotel in Kairo.

Man hatte ihre Pässe und ihr sehr bescheidenes Gepäck -- die Riesenkoffer Lisaweta Petulikowas waren mit der »Princeß of India« untergegangen -- mit einer Gründlichkeit und Strenge durchsucht, die in schroffem Gegensatz zu der früheren Großzügigkeit der englischen Zollbeamten stand.

Kairo war nicht mehr die Stadt, die sie sonst gewesen. Sie hatte sehr viel von den Zügen der Weltdame verloren, sehr viel von ihrer Lebhaftigkeit, ihrem gastfreien Sinn und ihrer Sicherheit. An deren Stelle war das Gesicht des Feldherrn getreten, der Soldaten suchte -- Wachsamkeit und Nervosität.

Es gab auf den Straßen sehr viele Männer, die keine Polizeiuniform trugen, aber auf alles aufpaßten und stets bereit schienen, ihre Berechtigung dazu nachzuweisen. Sie waren sehr höflich, aber ebenso bestimmt, wenn sie es für gut befanden, ein Haus, eine Brücke, eine Straße für etliche Zeit zu schließen. Man erfuhr niemals den Grund dieser Maßnahmen; aber sie häuften sich von Tag zu Tag.

Kyrill Petulikow ermüdete die Beamten der öffentlichen Sicherheit durch seine Freude an dem fremden und starken Leben der Stadt, dem er mit einer sanften Unentwegtheit nachforschte, ohne sich im mindesten um politische oder militärische Grundsätze zu kümmern. Er geriet mitten hinein in eine Abteilung frisch angekommener indischer Soldaten, deren schmale und leidenschaftliche Gesichter er mit einer Art künstlerischer Freude anstaunte. Er bat sehr höflich um Entschuldigung. Er wußte mit solchen Dingen nicht Bescheid. Sein Lächeln entwaffnete jede Entrüstung. Schließlich hatte man sich an ihn gewöhnt und betrachtete ihn als einen liebenswürdigen und wohlwollenden Halbnarren einer verbündeten Nation. Sollte man ihn in Gottes Namen laufen lassen ...

Lisa Petulikowa war großmütig genug, ihrer Pflegerin zuzureden, sich den forschenden und genießenden Streifereien Kyrills anzuschließen. Aber Kate Mathew machte keinen Gebrauch von dieser Erlaubnis. Die Augen taten ihr weh, wenn sie über die Straßen ging und die turmhohen Buchstaben der angeschlagenen Extrablätter ihr in allen Farben entgegenbrannten.

Ja, die Deutschen hatten Lüttich erobert, hatten Brüssel besetzt und Maubeuge genommen ... O, niemand dachte daran, zu leugnen, daß sie tapfere Leute seien, diese armen Soldaten eines wahnsinnigen Kaisers ... Aber dann war die Schlacht an der Marne gekommen -- glorreiche Tage für Frankreich und seine erhabenen Verbündeten ... mehrere Armeekorps waren teils gänzlich aufgerieben, teils gefangen genommen ... Und die Gefangenen erzählten greuliche Dinge über das Gemetzel, das die eigenen Maschinengewehre in ihren Reihen angerichtet hatten, um Rebellion und Empörung gegen die Führer zu unterdrücken ...

Ja, die Deutschen hatten die Russen ein wenig geschlagen, nachdem diese ganz Ostpreußen besetzt und das Land einer Wüste gleich gemacht hatten ... Mein Gott, was hieß das, wenn Rußland ein paar tausend Soldaten verlor ... Rußland hatte Millionenheere genug ... Und die Russen hatten Lemberg erobert ...

In wenigen Wochen würden sie in Wien sein und bald darauf in Berlin, und die Schlacht an der Marne feierte ihren Triumph in der endgültigen Vertreibung des Feindes bis an das rechte Ufer des Rheins.

Bis Weihnachten war alles erledigt ...

Nun, Kate Mathew, die Engländerin, aus Sheffield gebürtig, hätte mehr Freude über all diese Dinge an den Tag legen müssen, als sie in Wirklichkeit tat. Sie war selbst für eine Engländerin ein wenig zu gleichgültig gegen die Dinge der Weltgeschichte ...

»Miß Kate,« sagte Kyrill Petulikow eines Abends zu dem Mädchen, als sie der Kranken das Orangenblütenwasser bereitete, »ich kann es begreifen, daß man nach Japan fährt, ohne den Fujiyama zu sehen; denn wir haben es in der Tat fertiggebracht, meine Mutter und ich ... Aber daß man in Kairo ist, ohne die Pyramiden aufgesucht zu haben, das heißt, diese Methode des Reisens ein wenig zu weit treiben ...«

Kate Mathew begriff sehr gut, daß dies eine Bitte sein sollte. Sie sah die Kranke an und zögerte.

»Meine Mutter wird Sie entschuldigen,« fuhr Kyrill Petulikow mit seiner liebenswürdigen Sanftheit fort, gegen die es kein Mittel gab. »Wir reisen in wenigen Tagen ab ... Es ist ganz gewiß eine besondere Schönheit der Erde, Sonnenuntergang und Mondaufgang bei der Sphinx von Gizeh zu erleben ... Verderben Sie mir die Freude nicht -- kommen Sie mit!«

»Wenn Sie es ausdrücklich wünschen, Kyrill Petulikow -- und Ihre Mutter es gestattet ...«

»Beides, Miß Kate -- da es nötig zu sein scheint ...«

»Und wann wollen Sie aufbrechen?«

»In zehn Minuten werden die Esel vor der Treppe stehen.«

Der Eseljunge war pünktlich, und Kate Mathew war es auch. Achmed, der jugendliche und reichlich verschlagen aussehende Besitzer der beiden Reittiere, beschloß, als er Kyrill Petulikow in Begleitung einer Dame kommen sah, ihn unerhört zu betrügen, was ihm am Ende auch in Vollkommenheit gelang.

Da er den Russen französisch sprechen hörte, erwies er ihm die Ehre, seinen Esel Napoleon zu nennen, während Miß Kate auf Lord Nelson saß. Vor dem Kriege hatten sie zuweilen auch Bismarck und Radetzky geheißen, aber seit der europäischen Verwicklung, von der Achmed nichts begriff, als daß seitdem sein Geschäft zurückging, waren die Vertreter der Mittelmächte beurlaubt.

Sie ritten langsam, solange sie sich im Getriebe der Straßen befanden, das sich verstärkte, je mehr sie sich der Nilbrücke näherten. Wasserverkäufer mit ihren schwappenden Ziegenschläuchen, Obsthändler und Schuhputzer priesen Gott und sich selbst als die Wohltäter der Menschheit. Ihre singenden Rufe gingen unter im Geschrei der Zeitungsverkäufer, die das neueste Extrablatt ausriefen und eine grellrote, mit schwarzen Schrägstreifen geschmückte Broschüre: »Die Greueltaten der Deutschen in Belgien, nach amtlich beglaubigten Aussagen von Augenzeugen!«

Kate Mathew kaufte sich das Heft. Es war billig -- einen Sixpence kostete es. Der Verleger hoffte auf Massenabsatz, den er wahrscheinlich auch fand. Kyrill Petulikow sah, daß sie das Heft kaufte, schien sich ein wenig zu wundern, sagte aber nichts. Kate Mathew hatte das Gefühl, daß sie ihn in diesem Augenblick enttäuschte, und sie freute sich darüber. Sie steckte die Broschüre in ihre Manteltasche.

Längs der Straße, durch die sie ritten, säumten zu beiden Seiten, dichtgedrängt wie Datteln auf einer Schnur, bettelnde Kinder, Weiber und Greise den Weg, die meisten blind oder mit entsetzlichen Augenkrankheiten behaftet, von der Not und der Sonne zu Gerippen gedörrt, mit Lumpen bedeckt, ihre Krankheiten und Gebrechen entblößend; sie streckten ihre leichendürren Hände aus und murmelten, zu faul, das Wort »Bakhschisch« in seinem vollen Umfang auszusprechen, unaufhörlich: »-- schisch, schisch -- schisch ...«

Kyrill Petulikow warf Hände voll kleiner und großer Münzen unter sie, aber es war ein nutzloses Beginnen; das Elend schluckte seine Gaben ein wie die Wüste den Tau -- und blieb Elend, wie sie Wüste bleibt.

Eine Schar von schwatzenden Fellachenweibern, verschleiert, dampfend vor Hitze, kehrte über den Kasr en Nil nach ihrem Dorfe zurück. Über ihren nackten Füßen klirrten die Spangen. Sie trugen die leeren Körbe auf den Köpfen und hatten den Gang von jungen trächtigen Gazellen. Vom Rücken ihrer Mütter herunter bettelten die Kinder, die noch nicht laufen konnten, mit ausgestreckten Händchen: »--schisch.«

Als Beate den Nil erblickte, hielt sie unwillkürlich ihren Esel an. Sie blickte nach Süden, woher er kam, und dachte an das Land, in dem seine Quellen lagen -- das sie geliebt hatte und dessen Wasser sie getrunken.

Ein plötzlicher tiefer Jammer würgte sie am Halse. Kyrill Petulikow fragte sie etwas; sie gab keine Antwort. Blind vor Tränen, die ihr die Augen beizten, ritt sie weiter. Sie überließ es dem Russen und Achmed, mit den bettelnden Bewohnern von El Kafr fertigzuwerden, die die Straße nach Gizeh belagerten und unermüdlich neben den Fremden herliefen, um ihnen unechte Skarabäen, falsche Münzen und Mumienglieder aus jüngster Zeit der Schöpfung aufzudrängen.

Achmed schlug mit dem Stecken unter zornigen Anrufen Allahs, des Allvermögenden, in das zudringliche Gesindel hinein, wobei er nicht verfehlte, den scheinbar unerschöpflichen Sack seiner schwerstwiegenden Schimpfwörter über das Gezücht von Hunden und Schakalen auszuschütteln. Aber es nützte ihm nur wenig. Bis an die Türe des Menahouse-Hotels, vor dem die mauerngefaßte Straße zu den Pyramiden schon in blauem Schatten lag, blieben ihnen die Schmarotzer der Pharaonen getreu. Dann erkaufte sich Kyrill Petulikow ihren Verzicht auf weitere Annäherungsversuche durch Vermittlung des Portiers mit einem Bakhschisch, dessen Höhe ihn für ewige Zeiten zu einem Nationalheiligen von El Kafr erhob.

Kyrill Petulikow und Beate hatten auf dem Wege von Kairo nach dem Menahouse-Hotel kaum ein Wort miteinander gewechselt. Jetzt, als sie nach einer kurzen Pause der Erfrischung ihre Wanderschaft zur Cheopspyramide fortsetzten, kam er an ihre Seite und sprach sie an.

»Ich wußte nicht, daß Ihnen dieser Ausflug so sehr ungelegen kommen würde,« begann er das Gespräch. »Ich hätte Sie sonst nicht um Ihre Begleitung gebeten, Miß Kate.«

Kate Mathew sah geradeaus.

»Verstehen Sie mich nicht falsch, Kyrill Petulikow,« antwortete sie. »Ich bin wahrscheinlich sehr ungerecht ... Das wird man, wenn man unfrei ist. Ich weiß, wie gut Sie es meinen, und danke Ihnen ehrlich dafür. Aber ich wünschte mir eben so sehr, Sie möchten mich in Zukunft nur als die dienende Pflegerin Ihrer Mutter betrachten, wie ich mir anderseits wünschen muß, daß ich von Ihrem guten Willen weniger abhängig wäre.«

»Sie sind keine Dienerin,« sagte Kyrill Petulikow kopfschüttelnd.

»Ich bin es, denn ich bin im Dienst ...«

»Ja, ja ... Seien wir nicht kleinlich, Miß Kate ... Wenn eine Königin zum Rocken greift, so wird sie keine Spinnerin; aber sie macht das Spinnen zu einer königlichen Arbeit.«

»Halten Sie mich für eine verbannte Königin?« fragte Beate, unwillkürlich lächelnd.

»Vielleicht,« antwortete Kyrill Petulikow etwas verträumt.

»Das ist etwas sehr Trauriges,« meinte die Frau.

»Nein, Miß Kate. Sie sind, so wie Sie nun leben müssen, doch ganz gewiß ein königlicher Mensch -- wie Raffael ohne Hände der große Maler ... Irgendein deutscher Dichter hat einmal so etwas gesagt.«

»Sie irren sich, Kyrill Petulikow.«

Der Russe schwieg, aber sie fühlte, daß er es nur tat, um ihr nicht noch einmal zu widersprechen.

Sie gingen allein. Achmed war bei seinen Eseln zurückgeblieben; die drei Beduinen, die ihnen bei der Ersteigung der Cheopspyramide helfen sollten, waren vorausgegangen und erwarteten sie am Fuße des Grabmals. Die Sonne stand nur noch zwei Hände breit über dem Horizont. Die Luft war sehr dunstig.

Als sie droben standen, ging die Sonne unter.

Und die drei braunen Männer, denen die weißen Mäntel um die langen, hageren Glieder schlugen, lösten sich die Gürteltücher von den Hüften, breiteten sie aus und warfen sich zum Beten auf ihr Gesicht.

»Es ist kein Gott außer Gott ...«

Kyrill Petulikow und Beate hatten sich am Rande der platten Kuppe niedergelassen und schwiegen.

Unter ihnen, vom Sande der Jahrtausende halb begraben, lag die Sphinx und wandte ihr fremdes, strenges Haupt nach Osten, gen Sonnenaufgang. Fern drüben schimmerten die Kanäle, vom Grün der Sykomoren überlaubt. Und ganz verloren im Duft des Sonnensinkens ruhte die Stadt -- die »Siegreiche«. Ihre schlanken, unwirklich zarten Kuppeln und Minarette blickten aus den Träumen einer anderen Welt herüber zu den lastenden Gräbern ihrer Königsahnen, und mitten zwischen beiden pfiff der Schnellzug von Assuan.

Beate Hoyermann sah und hörte dies alles und bemerkte es doch nicht. Sie spürte in der Tasche ihres Mantels das grell gebundene Heft über die Greueltaten der Deutschen in Belgien, und sie kam sich vor, im Angesicht der ausgebreiteten Herrlichkeit zu ihren Füßen, wie ein Mensch, der Brot braucht und jemand schenkt ihm eine Perlenkette.

»Sagen Sie mir, Kyrill Petulikow,« flüsterte sie, um die Betenden nicht zu stören, »würde es schwierig sein, von Rußland aus nach Schweden zu reisen?«

Kyrill Petulikow sah aus, als müsse er seine Gedanken erst zusammenrufen, ehe er antworten konnte.

»In Rußland ist alles schwierig,« meinte er dann; »aber in den meisten Fällen ist es eine Geldfrage.«

»Das würde keine Rolle spielen ...«

»Wie die Verhältnisse jetzt im Kriege liegen, kann ich natürlich nicht sagen, da ich Rußland verlassen habe, bevor der Krieg ausgebrochen war. Aber ich glaube, mit einigem guten Willen wäre es zu erreichen, daß Sie Schweden ... Übrigens, was wollen Sie in Schweden, Miß Kate?«

»Ich suche eine Brücke, um nach Hause zu kommen,« antwortete Beate.

»O -- und Sie wollen mit uns nach Rußland fahren --?«

»Es bleibt sich gleich für mich, auf welchem Umweg ich nach Hause reise,« antwortete Beate etwas herb. Sie merkte an seinem Schweigen, daß er diese Herbheit sehr wohl empfand. Mit einer unwillkürlichen und starken Gebärde faltete sie die Hände.

»Es ist, wie es scheint, eine unglückliche Bestimmung, Kyrill Petulikow, daß ich auf alle Ihre guten Worte eine rauhe Antwort haben muß, wenn ich nicht heucheln will ... Aber in alles, was ich denke, redet mir der Krieg hinein ... Wenn ich zu anderen Zeiten und nicht als die Kate Mathew, die Sie kennen, auf dem Gipfel der Cheopspyramide säße, dann würde ich's vielleicht den Männern da drüben nachtun, meine Augen nach Sonnenaufgang wenden und anbetend sprechen: ›Es ist kein Gott außer Gott‹ ... Aber dies ist dafür nicht die Stunde ... Und zu anderen Zeiten wäre ich vielleicht sehr stolz darauf gewesen, daß Ihnen und Ihrer Mutter so viel daran liegt, daß ich mit Ihnen reise -- und daß Sie mir die Kranke anvertrauen. Aber heute ist die Reise nach Rußland für mich nichts als ein Weg, der auch ein anderer sein könnte, um mich nach Hause zu bringen -- und den ich nur darum gehe, weil er vielleicht trotz allem der beste ist ...«

»Sie nehmen großen Anteil am Kriege,« meinte der Russe nach einer Pause.

»Ja, das tue ich ... Sie nicht?«

»Nein,« sagte Kyrill Petulikow. »Nicht sehr. Nicht so, wie Sie es meinen.«

»Das wundert mich,« meinte Beate und schüttelte den Kopf.

Kyrill Petulikow schwieg. Er wandte den Kopf von Beate ab und schaute nach Westen, wo die Sonne nun ganz versunken war, wo die Wüste anfing und die Nacht. Sie kam sehr rasch, ohne Dämmerung; alle Farben erloschen, als stürben sie für immer. Die Unendlichkeit der erstarrten Wellen im »Meere ohne Wasser« schien gleichsam mit geschlossenen Augen unter dem blassen Himmel zu liegen, an dem die Sterne groß und weit voneinander verstreut zu funkeln begannen.

Der Wind, der während des ganzen Tages fast unfühlbar gewesen, machte sich nun auf und wehte von Nordwesten, mit einem langen, sehr sanften Hauchen, schwermütig und einsam. Das kaum hörbare Gleiten, Rieseln und Beben des Sandes wurde in der Vollkommenheit der Stille ringsum ein Klang.

Die Sphinx war ganz in Dunkelheit versunken. Über Kairo, jenseits des Nils, war der Himmel trüb golden vom Widerschein der erleuchteten Stadt.

Die Beduinen hatten sich niedergehockt und schwatzten leise miteinander. Allmählich verstummten sie auch. Ihre weißen Burnusse schimmerten in der Finsternis.

»Jetzt bin ich Ihnen ganz fremd geworden,« sagte Kyrill Petulikow nach einer tiefen Stille, ohne sich umzuwenden.

»Ist es nicht ein wenig sonderbar,« meinte Beate dagegen, »wenn ein Mensch -- und noch dazu ein Mann -- eines der größten Ereignisse der Weltgeschichte miterlebt und sagt, er nehme keinen rechten Anteil daran?«

»Was nennen Sie miterleben?« fragte Kyrill Petulikow. »Zur selben Zeit auf der Welt sein? Ich bin nie Soldat gewesen und werde es nie sein können.«

»Und ich bin eine Frau,« sagte Beate, -- »ich bin auch nie Soldat gewesen und habe meinen Platz ein gut Stück hinter der Front, wo diese auch sein möge ... Aber wer seine Heimat und sein Vaterland liebt, der erlebt den Krieg mit allen Nerven und Fasern seines Herzens, und wenn er nie einen Schuß mit eigenen Ohren zu hören bekommt.«

»Ich weiß nicht, ob ich mein Vaterland liebe,« sagte Kyrill Petulikow.

»Dann wollen wir nicht mehr über den Punkt sprechen,« antwortete Beate und richtete sich ein wenig auf.

Es war wieder still zwischen ihnen. Kyrill Petulikow stützte den Kopf in die Hand.

»Ich wünschte mir doch, Sie hörten mich an,« meinte er schließlich, und seine stille Stimme tastete sich vorsichtig durch die Dunkelheit, als sei sie ein lebendiges Wesen, das in der großen Einsamkeit verirrt und müde nach Hause verlangte. »Aber ich weiß nicht, ob Sie mich verstehen können, Miß Kate. Wir sind einander so unendlich fern und fremd. Wenn wir reden, so müssen wir unsere Worte im Geist aus zwei verschiedenen Sprachen in eine dritte übersetzen; glauben Sie, daß es dann wirklich noch dieselben Worte sind, die wir gedacht haben? Und warum soll ich es Ihnen nicht sagen, Miß Kate ... ich habe es mir sehr gewünscht, einmal mit Ihnen zu sprechen ... wie man eben nur ein einziges Mal mit einem Menschen spricht, in besonderen Stunden, die nie wiederkommen ... Und nun habe ich nicht den Mut dazu ... Denn man kann sein Tiefstes nicht so hinschütten in den Sand, vor die Füße eines Menschen, der nicht darauf achtet -- wenn man weiter mit ihm leben will. Es darf keine Scham zwischen zwei Menschen sein, die unter einem Dache wohnen ... Scham ist schlimmer als Haß; und manchmal ist sie seine Mutter ... Man muß seine Seele in zwei Hände legen können, die sich zu einer Schale zusammenfügen. Dann ist das Reden leicht ... Aber ich weiß nicht, ob Sie mir Ihre Hände so geben wollen ...«

»Das will ich, Kyrill Petulikow,« sagte Beate geduldig.