Chapter 15 of 20 · 3939 words · ~20 min read

Part 15

»Nu, Herr ... ich hab' se gesehen, wie se gekommen is und hat gestanden neben der Frau, der se wollten das Kind wegnehmen -- wozu? Um se zu machen gefügig für die Herren ... Ich hab' se gleich gekannt -- is se doch gewesen freundlich zu mir und zu Rebekka, dem alten Trödler Nathan Löb seiner Frau, und zu Rahelche, meiner Tochter, die der Herr mit Krankheit geschlagen hat seit ihrem fünften Jahr ... Is se doch gekommen oft genug zu dem alten Nathan Löb und hat gekauft -- schöne Sachen, feine Sachen, Herr -- für e Spottpreis -- weil se is freundlich gewesen zu meinem Rahelche ... hab' ich se gleich wiedergekannt, wie se sich hat geworfen über die Frau, die der Kerl hat von sich weggeschleudert wie 'nen Sack, weil se hat verteidigt ihr Kind, ihr kleines ... ›Du Feigling!‹ hat se gesagt, was is e deutsches Wort für en Lumpenkerl -- ›Du Feigling --!‹ Und hat gedeckt mit ihrem Leibe die Frau, die gelegen hat im Dreck auf der Straße ... Is der Nathan Löb e alter Mann geworden und hat doch nie gesehen soviel Verachtung und Mut und hat noch nie gehört soviel Haß, wie is gewesen in den Augen und in der Stimme von der Frau, die immer freundlich und sanft gesprochen hat zu Rebekka, meiner Frau, und zu Rahelche, meiner kranken Tochter ...«

Der alte Nathan Löb hob beide Hände, zu Fäusten geballt, und rüttelte sie gegen einen Unsichtbaren in großer Begeisterung.

»So hat se gemacht, die Frau -- und ›Du Feigling!‹ hat se gesagt ... Es is geworden förmlich e schönes Wort, wie se das gesagt hat ...«

»Und dann?« fragte Kyrill Petulikow; die Lippen blieben ihm offen stehen.

»Nu -- hat der alte Nathan Löb gedacht ... Es is e mutige Frau, aber e unvorsichtige Frau ... hat se gemacht gemeinsame Sache mit den Deutschen ... hat se Deutsch gesprochen ... ›Du Feigling!‹ hat se gesagt ... Das wird ihr kosten den Kragen, wenn se wird erkannt als e Deutsche. Und der alte Nathan Löb hat versucht, zu machen glauben die Leut', daß die Frau is e reiche, feine Russin, die aus Mitleid sich annimmt der deutschen Weiber und Kinder ... Aber es is gewesen ze spät ... Es sind gekommen zwei Kerle, die haben verhaftet die Frau und haben se fortgeführt ...«

»Wohin --?«

»Zum -- Pristaw, Herr ...«

Der alte Nathan Löb sprach das Wort nur zögernd aus. Kyrill Petulikow starrte ihn an.

»Du weißt noch mehr ...?«

»Ja, Herr ... Ich bin ihr nachgegangen ... hab' gewartet am Tor -- e halbe Stund -- dann is se wiedergekommen ... zwischen zwei Polizisten is se gegangen ... die haben se weitergeschafft -- nach dem Gefängnis ...«

Kyrill Petulikow erwiderte nichts. Er machte eine schwerfällige Bewegung zur Seite hin. Da stand ein Stuhl am Tisch. In den ließ er sich fallen. Er stützte die Ellbogen auf die Knie und legte den Kopf in die verschränkten Hände. Sein weiches dunkles Haar fiel über seine Finger ...

Oben am Treppengeländer erschien die träge Gestalt von Lisa Petulikowa. Ihr bleiches, ein wenig gedunsenes Gesicht beugte sich aus dem Dunkel vor; sie lauschte mit offenen Lippen.

Nathan Löb wartete eine Weile. Er trat von einem Fuß auf den anderen und zermürbte die alte Pelzmütze zwischen seinen knochigen Händen.

»Herr,« fing er schließlich wieder an, »Se haben gescholten den Dmitri, weil er hat den Kopf verloren und is davongefahren ohne die Frau ... Ich hab' ihn gefragt: Dmitri, alter Esel, warum bist du davongefahren ohne die Frau, wo du hast wissen müssen, se wird kommen in Gefahr und wo's is gewesen deine Pflicht, se zu behüten vor Schaden. Er weiß nix, was is vorgegangen, in seinem dummen Schädel. Er is gefahren wie besessen und hat wollen melden, was is geschehen, auf dem Gut ... Dmitri, alter Esel, hab' ich gefragt, warum hast du nicht einfach angerufen den Herrn? -- Hat er gesagt, er weiß nicht Bescheid mit den neumodischen Erfindungen ... Nu, Dmitri, hab' ich gesagt, wollen wir hoffen, daß wir kriegen frei die junge Frau -- sonst geht's um deinen Kopf, weil der Herr wird sehr böse sein auf dich ... Aber Herr -- es wird nicht gut, was der Dmitri hat schlecht gemacht, wenn wir sitzen hier und legen den Kopf in die Hände ... Wir müssen etwas tun mit unsere zwei Händ' für die junge Frau ... noch in dieser Nacht, Herr ... Sonst bringen sie se fort -- nach Moskau oder weiter ... weil es heißt, se hat gehabt en falschen Paß und hat getrieben Spionage für die Deutschen ...«

Kyrill Petulikow stand auf und ging im Treppenhaus hin und her, mit tief gesenktem Kopfe, als suche er den Weg zur Rettung in den weißen, knirschenden Sandkörnern unter seinen Füßen.

Lisa Petulikowa schlich die Treppe hinab bis zu der Biegung, wo das Heiligenbild hing.

»Was sagt der Jude?« murmelte sie mit ihrem kurzen Atem.

Kyrill Petulikow blieb stehen. Er sah seine Mutter an, gab aber keine Antwort. Nathan Löb bückte sich bis zur Erde. Er zog sich nach der Tür zurück.

»Nun, Kyrill ...«

»Sie ist verhaftet worden,« sagte Kyrill Petulikow.

»Verhaftet -- wer ...«

»Sie -- Kate Mathew ...«

»Kate Mathew --? Warum, um der Heiligen willen --?!«

Kyrill Petulikow sah seiner Mutter in das bleiche, schlaffe, ein wenig gedunsene Gesicht. Vielleicht kam ihm für einen Augenblick der Gedanke, sich mit allem, was er fühlte, mit allem, was nun zu einer Tat werden mußte, der Frau anzuvertrauen, die seine Mutter war. Und vielleicht hätte Lisa Petulikowa, die trotz ihrer Trägheit und Eigensucht gutmütig und leicht zu rühren war, die Probe bestanden. Aber Kyrill Petulikow wagte die Probe nicht. Es stand zuviel auf dem Spiele, um es von der Laune einer kranken Frau abhängig zu machen. Und Kyrill Petulikow wußte auch, daß Frauen nicht immer gerecht sind, wenn es sich um eine Frau handelt.

»Mach dich fertig, Mutter,« sagte er mit einem plötzlichen Entschluß, »du mußt noch in dieser Nacht zur Stadt und weiter -- mit dem nächsten Zug, der nach Moskau fährt ...«

»Warum?«

»Du bist hier nicht sicher genug ... Es ist -- es ist etwas vorgefallen, das mich fürchten läßt, man werde uns auch hier auf dem Gute belästigen ... Kate Mathew ist als Ausländerin erkannt und festgehalten worden ... Ich wünsche nicht, daß du in die Angelegenheit verwickelt wirst ... In Moskau, bei deiner Schwester, bist du davor sicher ... Du hast eine Schlittenfahrt vor dir, die ein wenig beschwerlich sein wird -- und dann eine Reise -- nun ja ... aber das ist das kleinere Übel -- nicht wahr? Es wird mich beruhigen, wenn du in Sicherheit bist.«

»Und du -- was willst du tun?«

»Ich komme dir nach, sobald ich kann.«

»Und Kate Mathew?«

Kyrill Petulikow zuckte die Achseln. »Ich werde den englischen Konsul benachrichtigen -- mehr kann ich für sie nicht tun ... Es wird sich alles aufklären ...«

Lisa Petulikowa sagte nichts mehr. Sie stieg die Treppe wieder hinauf und rief nach ihrer Jungfer.

Nathan Löb machte ein schlaues und sehr zufriedenes Gesicht.

Kyrill Petulikow stand einen Augenblick, die Hand vor der Stirn; und sah ins Leere. Dann schien er mit sich im klaren zu sein. Das machte ihn still und gab ihm seine Sanftheit wieder.

»Du wirst mit uns fahren,« sagte er zu dem Juden. »Und du wirst mir helfen, nicht wahr? -- Weil die fremde Frau freundlich zu dir und deiner Frau und deiner kranken Tochter gewesen ist ...«

»Herr, wenn ich nicht helfen wollte mit allem, was der alte Nathan Löb vermag -- wär' ich dann hergekommen?«

»Es ist gut,« sagte Kyrill Petulikow mit einem flüchtigen Lächeln. »Sag dem Dmitri, er soll die Pferde einspannen ... Sie werden müde sein; aber das hilft nichts. Wir werden sie wechseln und ihre Hälse in acht nehmen ... Nun geh ...«

Nathan Löb zog sich die Pelzmütze über die Ohren und ging. Er mußte wacker schreien, bevor er den schnarchenden Dmitri wach bekam. Der kratzte sich den Pferdemist, in dem er gelegen hatte, aus den Haaren und machte sich wortlos daran, den Befehl seines Herrn auszuführen. Hätte er ein besseres Gewissen gehabt, so würde er sich wahrscheinlich geweigert haben, die Pferde noch einmal in die Nacht hinauszujagen. So aber schwieg er. Nathan Löb schleppte alles Stroh, dessen er habhaft werden konnte, zusammen und polsterte den Karren damit aus. Er wünschte, daß Lisa Petulikowa möglichst wenig Grund zu Klagen haben sollte, denn er hoffte, dann würde sie auch wenig fragen.

Kyrill Iwanowitsch nahm alles Geld, das er im Hause hatte, legte einen Teil für Lisa Petulikowa beiseite und steckte das übrige zu sich. Er wußte, er würde es brauchen. Obgleich er sich beeilte, das Notwendige erwog und tat und nichts vergaß, war über seinem Gang und seinen Händen etwas von dem Wesenlosen einer Maschine. Er war wie ein Mensch, der weiß, daß er wach ist, und hofft, daß er träumt -- er überlegte jeden Schritt der nächsten zehn Stunden mit dem heimlichen Gedanken: Vielleicht habe ich ihn nicht nötig. Und sein Verstand sprach über diese Gedanken fort: Dies und noch viel mehr ...

Zuletzt ging er in das Zimmer, das Kate Mathew bewohnt hatte. Er nahm alles, was er an beschriebenen Papieren fand, ihr Ausgabenbuch, den kleinen Kalender, auf dem sie sich Notizen gemacht hatte -- selbst das Löschpapier ihrer Schreibmappe. Er machte ein Bündel daraus, das er verschnürte und versiegelte und mit sich nahm. Als er an der Türe stand, sah er sich noch einmal in dem weiten und niedrigen Raume um, neigte sich, als stünde er vor Lebendigem, löschte das Licht und schloß die Türe hinter sich.

Er ging die Treppe hinunter und rief nach Lisa Petulikowa. Es war nicht mehr weit von Mitternacht, aber niemand vom Gesinde hatte sich schlafen gelegt. Die Mädchen drängten sich im Winkel der Treppe zusammen. Sie fürchteten sich und schienen darauf zu warten, daß jemand sie beruhigte. Aber keiner dachte daran. Die Älteste betete ununterbrochen, ohne zu wissen, was sie sagte. Als Lisa Petulikowa aus ihrem Zimmer trat und, fast unkenntlich in ihren Pelzen, mit Augen, die von der Überstürzung aufgerissen und blöde zugleich erschienen, die Stufen herunterkam, brachen die Mädchen grundlos und dennoch einmütig in ein jämmerliches Geheul aus.

»Ja, ja, meine Kinder,« stammelte Lisa Petulikowa, mehr erschreckt als gerührt, mit einem Blick auf ihren Sohn, der schon wartend an der Türe stand, »ja -- weint nicht ... Warum weint ihr? Ich fahre nach Moskau ... was weiter? Seid nicht närrisch, meine Kinder ...«

Aber nun fand sie selbst, daß sie bejammernswert sei, und weinte heftig. Die Gebete der ältesten Dienerin wurden fast zu Beschwörungen. Die Grundlosigkeit und Heftigkeit dieses Jammers gab dem Abschied Lisa Petulikowas ein Gewicht, als sei er nur die Vorbereitung zu wahrhaftem Unheil, das gewiß kommen würde. Nur Wassilissa, die Jungfer, hatte blanke, freche Augen. Sie freute sich auf Moskau, das bei Gott ein lustigerer Aufenthalt war als dieser Kuhstall zwischen Feldern und Wald.

Sie war die einzige, die mit leichtem Herzen in die Nacht hineinsah.

An den Köpfen der Pferde stand Dmitri und schien bereit, vor seinem Herrn abermals auf die Knie zu fallen.

»Laß, laß --!« sagte Kyrill Petulikow. »Höre, was ich dir sage, Dmitri ... Es ist sehr ernst und wichtig, und du wirst gut aufpassen, verstehst du ...«

»Ich will ewig verflucht sein, Herr ...«

»Laß das -- höre! Du wirst wach bleiben während der ganzen Nacht. Du wirst an der Türe sitzen und warten, ob ich wiederkomme. Und wenn du mich rufen hörst, öffnest du die Türe und wirst tun, was ich dir sagen werde, ohne dich einen Atem lang zu besinnen ... Wenn aber nach mir -- noch in dieser Nacht oder morgen früh -- ein Mensch kommt und fragt dich nach dem, was in dieser Nacht geschehen ist, so hast du geschlafen und weder gehört noch gesehen, was vorgefallen ist. Du wirst sagen, Lisa Petulikowa und ich seien fortgereist, doch du wüßtest nicht wohin und noch weniger, wann wir wiederkämen ... Hast du mich verstanden?«

»Ja, Herr.«

Drei Minuten später fuhren sie davon. Lisa Petulikowa, ihr Sohn und der Jude. Kyrill hörte noch, wie Dmitri die Haustür schloß und die Riegel vorschob. Er wußte, daß das Haus in Flammen aufgehen konnte, aber Dmitri würde auch dann seinen Posten nicht verlassen.

Wassilissa, die zu den Füßen ihrer Herrin im Stroh kauerte, schlief ...

Kyrill Petulikow spürte den Wind in seinem Gesicht. Er kam von Westen und roch nach Schnee.

Kyrill Petulikow dachte an die Frau, um derentwillen er diese Fahrt unternahm.

»Sie wird wissen, daß ich alles für sie tun werde, was ein Mensch tun kann,« ging es ihm durch den Kopf. »Darum wird sie mutig sein und warten ...«

Der Gedanke machte ihn ruhig. Aber er irrte sich. Beate Hoyermann wartete nicht auf ihn ... Und sie war auch nicht mutig.

Sie war es gewesen; ja. Sie hatte sich bei dem ersten Verhör, dem man sie unterzog, ganz aufrecht gehalten bis zum letzten Augenblick. Auch als sie merkte, daß sie verloren war. Auch als sie das sicher wußte.

Sie hatte sich von den Polizisten fortführen lassen und nicht den geringsten Widerstand geleistet, als der eine ihr die Faust zwischen die Schultern stieß: »Vorwärts, deutsches Schwein -- soll ich dir Beine machen?«

Sie war still geblieben, als man sie durch die Straßen schleppte und das Volk, das von der Plünderung der deutschen Läden, dem Feuer und ihrer Beute, von dem Rausch der Nacht und Grausamkeit noch trunken war, auf sie aufmerksam wurde, ihr nachzulaufen begann und seine Wut und seine Freude johlend über sie ergoß.

Es war nicht bei Worten geblieben, freilich, nein ... Sie hatten wissen wollen, warum man die Frau ins Gefängnis führte. Nikolai Sontscheff hatte sein Licht leuchten lassen. Noch etwas zerkratzt von seinem Kampf mit dem stärkeren Gegner, stieg er auf den Vorsprung eines Kellerfensters, schwang die Arme durch die Luft und brüllte ...

»Das, teure Freunde, war eine deutsche Bestie, die das heilige Rußland an seine Feinde verriet. Eine Spionin, Herzensbrüder --! Die Geliebte eines Großfürsten, die in einer Nacht das Einkommen von zwei Ministern verspielte -- eine von denen, die schuld daran waren, daß das Volk hungerte --! Hört ihr wohl, sie hat Papiere gestohlen! Festungspläne hat sie gestohlen und an die Deutschen ausgeliefert --! Sie hat sich eingeschlichen und Rußlands Gastfreundschaft mißbraucht --! Sie hält es mit den Juden und liefert ihnen kleine Christenkinder ans Messer --! Betet zu allen Heiligen, daß man sie aufhängt an einem doppelten Strick, der ganz gewiß nicht reißt --! Hängen soll sie, die Bestie!«

Nikolai Sontscheff war so betrunken, daß er sich zwischen jedem Satz seiner geifernden Wut erbrach. Schließlich verlor er das Gleichgewicht auf seinem erhöhten Standpunkt, stolperte und fiel vornüber. Niemand kümmerte sich um ihn. Er blieb im Schnee und Schlamm liegen und schluchzte in herzzerreißendem Mitleid mit sich selbst. Endlich schlief er ein. Einer seiner guten Bekannten hatte nur auf diesen Augenblick gewartet, um sich in voller Ruhe über ihn herzumachen und ihm die Taschen auszuleeren. Er hatte ein gutes Ergebnis, denn Nikolai Sontscheff war bei der Plünderung eifrig tätig gewesen ...

Kein Mensch hatte ein Wort von dem geglaubt, was der Betrunkene über die verhaftete Frau an Unflätigkeiten ausgeschüttet hatte. Aber seine Rede war doch ein willkommener Anlaß gewesen, schmutzige Klumpen harten Schnees von der Straße aufzuraffen und sie der Frau, die einen Pelz und einen Schleier trug, an den Kopf zu werfen. Die Polizisten, die sie führten, ließen das Volk gewähren, bis ein ungeschickt gezieltes Wurfgeschoß dem einen die Mütze vom Schädel schlug. Mit einem Fluch wandte sich der Getroffene gegen die Nachdrängenden; -- sie wichen zurück. Sie begnügten sich damit, der Verhafteten das Geleite zu geben, bis das Gefängnistor sich hinter ihr schloß.

Mit einer wunderlichen krampfartigen Neugier hatte Beate ihre Umgebung betrachtet. Das Grausen, das sie aus hundert russischen Schilderungen zorniger oder entsagender Dichter von den Gefängnissen des Zarenreiches in sich hinein gelesen, stellte sich noch nicht ein. Sie war sich noch nicht klar geworden, in welcher Lage sie sich befand. Noch schien alles ein Scherz zu sein -- ein schlechter und roher Scherz vielleicht ... Aber kein Ernst -- o nein ... Sie würde eine Nacht hier zubringen müssen; man würde sie abermals verhören und sich davon überzeugen, daß sie wahrhaftig keine Spionin sei -- und dann würde man sie wegschicken ... Ob Dmitri freilich so lange warten würde --?

Armer Bursche ...

Sie hatte noch Zeit, an ihn zu denken, fast mit einem Lächeln. Aber nicht lange mehr.

Man brachte sie in ein Zimmer, das von der Hitze zu bersten schien. An dem Tisch in der Mitte, unter einer blakenden Petroleumlampe, saßen ein paar Kerle, die Schnaps auswürfelten. Beim Eintreten Beatens wandten sie nur die Köpfe, ohne sich unterbrechen zu lassen.

Einer der Polizisten wollte Bericht erstatten; aber der älteste der Kerle fuhr ihm entgegen.

»Schweig, Hundesohn --! Hat dir einer zu reden erlaubt?«

Die Polizisten zogen sich nach der Tür zurück. Beate blieb mitten in dem freien Raum zwischen Tür und Tisch stehen. Noch war kein eigentlicher Schrecken in ihrem stillen Gesicht. Sie wandte den Kopf mit einer langsamen und zaghaften Bewegung, wie manchmal Tiere sie haben, die lange im Dunkeln waren und jäh ins Lichte gebracht werden. Sie war sehr müde, und die stinkende Hitze des niedrigen Zimmers legte sich ihr wie ein schnürendes Band um die Stirn.

»Ich bitte Sie um Verzeihung, meine Herren,« sagte sie, und ihre Stimme klang in der großen Erschöpfung so hoch wie die eines Kindes und ganz verschleiert, »würden Sie mir gestatten, daß ich mich setze?«

Keiner der Männer gab eine Antwort.

Was den Schmähungen und Mißhandlungen des Pöbels nicht gelungen war, das gelang der gleichgültigen Unfreundlichkeit. Beate fühlte, daß es nicht mehr lange dauern konnte, dann würden ihre Nerven nachgeben und sie selbst in Tränen ausbrechen. Sie senkte den Kopf und biß sich auf die Lippen. Sie dachte an ihren Mann. »Wenn du da wärst!« -- und: »Gut, daß du mich so nicht siehst ...« Der Jammer ihrer Verlassenheit würgte sie in körperlichem Schmerz an der Kehle. Sie legte die Hände ineinander, als wollte sie sich an sich selbst festhalten.

Endlich, nach mehr als einer halben Stunde, waren die Kerle mit ihrem Spiel zu Ende, warfen die Karten zusammen und rückten die Stühle vom Tisch. Der eine, der Beate gerade gegenübersaß, stand auf und trat auf sie zu.

»Hast du Geld?« fragte er.

»Ja,« antwortete sie.

»Gib es her.«

Sie öffnete ihre kleine Tasche und nahm alles Geld heraus, das sie besaß. Es waren vielleicht achtzig Rubel.

Der Russe zählte die Summe, blies über die Lippen und steckte das Geld ein.

»Das ist nicht genug,« sagte er. Seine Kameraden lachten dröhnend. Beate blickte von einem zum anderen. Sie verstand nichts.

»Ich habe nicht mehr,« meinte sie sanft.

»Du hast ~wohl~ mehr ...«

»Nein ...«

Der Mann ging auf eine Tür im Hintergrund des Zimmers zu, stieß sie auf und brüllte: »Nastaßja --!«

Ein Frauenzimmer erschien, bei deren Anblick Beate unwillkürlich fror. Sie hatte anscheinend geschlafen; das Haar hing ihr in die Augen. Sie keuchte, denn sie war unförmlich dick. Auf der linken Seite ihres roten Gesichts war ein blauunterlaufenes Mal, das sehr vermutlich von einer Schlägerei herrührte. Wenn dem so war, so hatte ihr Gegner den Hieb zu bereuen gehabt, denn es war durchaus unwahrscheinlich, daß dieses Weib in einem Zweikampf unterliegen konnte, den sie nicht mit einem Ringkämpfer von Beruf unternahm.

»Nastaßja, meine Taube,« sagte der Mann, der sie gerufen hatte, »verzeih, daß ich deinen Schlummer störte, aber es gibt zu tun. Nimm das Weib in deine Obhut und sieh nach, ob sie wirklich nicht mehr als die paar Rubelchen in der Tasche hat, wie sie behauptet ... Aber sieh gut nach, hörst du?«

Das Weib sah Beate an; sie fuhr sich mit der Zunge über die dicken Lippen.

»Komm her,« sagte sie.

Beate folgte ihr. Sie hatte das Gefühl, daß sie ihre Kräfte noch zu ganz anderen Dingen brauchen würde, und wollte sie nicht verschwenden in zwecklosem Widerstand. Die Türe schloß sich hinter ihr und der Frau.

»Gib dein Geld her,« sagte das Weib.

»Ich habe nichts mehr, Mütterchen,« antwortete Beate. Ihre Stimme rief.

Das Weib sah sie an. Sie murrte etwas und zog die Augen zusammen. Beate rang mit der fürchterlichen Übelkeit, die der Dunst des Zimmers, in dem sie sich befand, in ihr erweckte.

»Es nützt nichts, wenn du lügst,« sagte das Weib. »Ich werde dich durchsuchen, und das sehr genau. Waska läßt nicht mit sich spaßen, wahrhaftig ...«

Und sie griff nach dem Mantel ihrer Gefangenen.

Das Entsetzen, das Beate durchfuhr, als sie die rohen Hände an ihrem Leibe fühlte, machte sie schlau.

»Mütterchen,« sagte sie und bückte sich, um im Nebenzimmer nicht gehört zu werden, »ich schwöre dir, ich habe kein Geld bei mir ... Ich habe alles dem Manne gegeben, den du Waska nennst. Ich habe nicht eine Kopeke mehr in meiner Tasche noch sonst Geld versteckt oder eingenäht ... Aber ich habe ein wenig Schmuck ... nicht viel -- doch immer noch mehr an Wert als die Rubel, die Waska bekommen hat. Wenn du mich nicht durchsuchen willst, so will ich ihn dir schenken -- dir allein. Waska braucht nichts davon zu erfahren, verstehst du ... Wenn du mich durchsuchst, wirst du den Schmuck auch bekommen, aber ich werde dann Waska sagen, daß du ihn hast, und dann wirst du teilen oder ihn ganz hergeben müssen ... Nun, was willst du tun?«

Das Weib drückte die Lider zusammen und verzog den Mund.

»Gib her,« sagte sie unterdrückt.

»Wache an der Tür,« flüsterte Beate.

Das Weib gehorchte. Die Gier hatte sie gepackt.

Beate nahm ihren Trauring und schob ihn mit einer krampfhaften Bewegung tief in ihr dichtes Haar. Dann zog sie ihre anderen Ringe ab, löste ihre Schmucknadel und die feine goldene Kette vom Halse, legte die Uhr auf den Tisch und streckte die nackten Hände vor sich hin.

»Ich bin fertig,« sagte sie, tief atemholend.

Das Weib überschaute ihre Beute, raffte sie mit der Schnelligkeit der Diebin zusammen und schob sie in das Stroh ihres Bettes.

Sie stieß die Türe auf und sagte verdrossen: »Sie hat nichts, die Hündin ...«

Beate lehnte sich einen Augenblick gegen den Türpfosten; dann ging sie weiter und stand vor den Männern still.

»Schafft sie weg,« befahl Waska mit einem Fluch. Die Polizisten nahmen Beate in die Mitte; sie verließen das Zimmer und schritten durch Gänge und Gänge über Treppen und winzige Höfe, Luftschächten gleich, in ein abseits liegendes Gebäude hinein. Es hatte Fenster so groß wie zwei Hände, und sie waren vergittert.

»Was ist das?« flüsterte Beate mit einem versagenden Laut.

»Wart's ab,« sagte der eine ihrer Wächter. »Du wirst es noch zeitig genug erfahren.«

Er donnerte mit dem Absatz an eine Tür.

»He --! Schläfst du, Lumpenkerl? Mach auf, es gibt etwas Neues!«

Die Türe ging auf. Ein Licht flackerte in einem schmalen und schmutzigen Gang. Ein Mann stand auf der Schwelle. Er trug Uniform und Mütze. Hinter ihm an der Wand lehnte sein Gewehr. Er war sehr verschlafen.

»O zum Teufel, Bruder, warum kommst du mitten in der Nacht? Es wäre besser gewesen, du hättest das Frauenzimmer laufen lassen, anstatt mir Scherereien und Arbeit zu machen ...«

»Halt's Maul, Freund, und mach deine beste Kammer auf. 's ist eine Spionin, die wir bringen ... eine deutsche Bestie, verstehst du? Gib acht, daß sie nicht entwischt, sonst gebe ich keine Kopeke für deinen Hals, Brüderchen ...«

»Wie soll sie entwischen?« brummte der Gefängniswärter. »Aus diesem Hause entwischt keine Ratte, sei gewiß, Brüderchen ... Ich passe auf ... Ich werde mir ein Liedchen singen, um munter zu bleiben ... Nun, vorwärts, deutsches Vieh -- kriech in deinen Stall -- pascholl!«