Part 16
Beate taumelte vorwärts -- in ein dunkles Loch hinein, das völlig leer zu sein schien bis auf ein wenig Stroh, das sie unter den Füßen fühlte. Unwillkürlich blieb sie regungslos stehen, als sich die Türe hinter ihr geschlossen hatte und die Stimmen ihrer Wächter nur noch gedämpft zu ihr hereindrangen. Sie hatte so viele Schrecknisse durchgemacht an diesem Tage und in dieser Nacht, daß sie vor jedem Schritt bebte, den sie zu gehen gezwungen war. Sie hätte sich nicht gewundert, wenn in der Mitte dieser Gefängniszelle ein Loch gewesen wäre, in das man sie stürzen lassen wollte, um sie loszusein und nichts von ihrem Verbleib zu wissen.
Minutenlang stand sie so, die gespreizten Hände ein wenig von sich abhaltend. Sie hatte Angst -- eine wahnsinnige Angst, deren sie nicht Herr werden konnte. Die Dunkelheit des Lochs, in dem sie steckte, und die todestraurige Bleichheit der Nacht, die durch das Fenster hoch über ihrem Kopfe schimmerte und nur dazu gemacht schien, die Dunkelheit noch trostloser zu gestalten -- die Stille, die fast einen Körper gewann und zu wachsen schien, je länger sie währte, die sich auf sie heranwälzte und unendlich langsam und unendlich sicher ihr die Luft zum Atmen abschnürte -- der Gestank, der in dem Gefängnisloch herrschte und förmlich in Wolken zu ihr aufstieg ... alles das vereinigte sich zu einem Schrecknis, dem ihre höchstgespannte Kraft zu erliegen drohte. Sie zitterte vom Kopf bis zu den Füßen. Über ihre Lippen kam ein wimmernder Laut, vor dem sie selbst erschrak. Sie bedeckte sich den Mund mit ihren Händen und stand ganz still, mit vorgebeugtem Kopfe.
Hinter ihrer Türe rührte sich etwas -- ein Schritt ... Der Wächter ...
Er summte vor sich hin.
Jetzt hörte sie, wie er sein Gewehr aufnahm und die Patronenkammer füllte ...
Es war also Ernst -- vollkommener Ernst ...
Gott -- großer Gott im Himmel ... Das war ja Wahnsinn ... sie hatte ja nichts getan, das auch nur im entferntesten den Verdacht gerechtfertigt hätte, um dessentwillen sie hier war. Warum hatte sie sich nicht gewehrt? Warum hatte sie nicht zu entkommen versucht -- warum war sie mitgegangen wie ein Stück Schlachtvieh --?
Es konnte noch nicht zu spät sein! Sie mußte doch mit irgendeinem Menschen reden können, den sie aufklären konnte ... Man konnte sie doch nicht ins Gefängnis werfen, ohne sie verurteilt zu haben -- und verurteilen konnte man sie nicht, denn sie war ja nicht schuldig ...
Sie hörte vor ihrer Türe das gleichmäßige und gelassene Auf und Ab des Postenschrittes; der Mann summte noch immer vor sich hin. Er hatte eine hübsche, weiche russische Stimme und sang ein kleines Volkslied; Beate kannte die Worte gut. Aber sie entsetzte sich vor ihnen in dieser Umgebung ...
Unwillkürlich wich sie von der Türe zurück und tastete mit der vorgestreckten Hand an der Mauer hin, ob sie vielleicht auf eine Bank stoßen würde, um einmal für Sekunden auszuruhen ...
Plötzlich zuckte ihre Hand zurück.
Es war etwas über ihre Finger gelaufen ... Eine Spinne? ... Sie schleuderte das Unsichtbare von den Fingern ... Aber es war noch da ... Es kroch nicht, nein, es rieselte gleichsam über ihre Haut ...
Sie streifte mit der rechten Hand über ihre linke ... Sie fühlte ... das war keine Spinne, das war überhaupt nicht ein Tier -- das war eine Heerschar von gleitenden, behenden und unentwegten Geschöpfen ... Sie spürte das rasche Rieseln an ihrem Halse; etwas brannte sie -- ein Tropfen Gift ... Sie schlug sich mit beiden Händen nach der Kehle ...
Da kam ihr ein Geruch in die Nase ...
Und im gleichen Augenblick schrie sie auf, gellend, kreischend, wie von allen Teufeln der Hölle gepackt -- schlug mit Armen und Händen um sich und schrie und fühlte, wie unter ihren Kleidern, an ihren Haaren, in ihrem Gesicht -- bis in ihre Augen hinein das Brennen, Rinnen -- der höllische Gestank von ihr Besitz ergriff ...
Wanzen ...
Und da war der Mut der Beate Hoyermann zu Ende. Sie fiel auf die Knie in den Kot des faulenden Strohs, das auf dem Boden der Zelle verstreut lag, und schlug mit beiden Fäusten gegen die Türe ihres Gefängnisses. Sie schrie nicht mehr mit offenem Munde, denn die Wanzen waren ihr über die Lippen gekrochen, und sie hatte sie auf der Zunge gespürt. Sie schrie mit geschlossenen Zähnen wie ein gefangenes Raubtier, dem man die Zähne verschnürt hat -- schrie, daß ihr das Blut aus der Nase sprang -- schlug sich die Fäuste wund an der summenden Türe.
Aber der Wächter hörte sie nicht, denn er wollte sie nicht hören ... O, er kannte das -- so schrien die meisten, die man dort hineinbrachte in die hübschen kleinen Zellen des Gefängnisses. So donnerten die meisten mit den Fäusten gegen die Tür; aber die Türen waren verläßlich, die hielten fest, auch wenn die Aufgeregtesten statt der Fäuste die Absätze nahmen. Wenn sie heiser wurden, hörten sie schon auf zu schreien, und wenn sie sich müde getobt hatten, dann ließen sie auch die Türen in Ruh. In der zweiten Nacht pflegten sie bereits viel vernünftiger zu sein. Man mußte ein wenig Geduld mit ihnen haben ...
Der Wächter summte sanftmütig weiter ...
Aber bei Gott, die deutsche Bestie trieb es arg ... Er mußte sie doch wohl ein wenig zum Schweigen bringen, sonst brachte sie das ganze Haus in Aufruhr ...
»Willst du still sein, du --?!«
Er stieß den Gewehrkolben gegen die Zellentür, daß sie dröhnte. Aber die da drin war nicht still, sie rüttelte mit aller Kraft an den Bohlen und röchelte dazwischen -- als spräche sie mit geschlossenen Zähnen, so sonderbar klang's --: »Mach auf --! Mach auf --!«
»He, mein Täubchen, das werde ich bleiben lassen ... Es steht eine strenge Strafe darauf, wenn man sich mit den Gefangenen einläßt -- und du scheinst mir eine ganz Gefährliche zu sein, Ljuba, meine Liebe ... Geduld, Geduld -- auch diese Nacht geht vorbei ... Morgen wird man sehen, was mit dir geschehen muß ...«
Beate konnte ihre Hände nicht mehr rühren. Sie konnte auch nicht mehr rufen, nicht einmal mehr röcheln. Sie lag vor der Schwelle der unerbittlichen Türe und brannte am ganzen Leibe in einem fressenden Feuer des Ekels -- in einem Entsetzen, das keine Worte und fast keine Gedanken mehr hatte. Sie fuhr sich mit den Händen, an denen die Wanzen in Trauben hingen, nach dem Gesicht und streifte sich das beißende stinkende Gezücht von der Stirn, von den Wangen, von der Kehle -- sie fühlte sich mit Blasen bedeckt wie mit Brandwunden, und ihr Bewußtsein ging unter in einer so grenzenlosen Verzweiflung, daß sie zu fühlen glaubte, wie ihr Verstand sich zerrüttete. Dann schlug sie mit der Stirn gegen die Türe ... Nur ein Ende machen ... ein Ende machen ... ganz gleich, welches -- nur ein Ende ...
Als sie mit voller Wucht, in der irrsinnigen Hoffnung, sich den Schädel einzuschlagen, den Kopf gegen die Türe hämmerte, fiel ihr Trauring aus ihrem Haar und mattklingend vor ihr auf den Boden.
Mein Gott, mein Gott, den hatte sie vergessen ...
Nun suchte sie ihn und fand ihn, hob ihn mit einem jämmerlichen Wimmern auf und rieb ihn mit einem Zipfel ihres Kleides. Sie lallte etwas, das ganz Zärtlichkeit und Verzweiflung war, und suchte, worin sie den Ring verbergen konnte, um ihn nicht vom Schleim des stinkenden Ungeziefers besudeln zu lassen. Schließlich barg sie ihn in ihrem Munde.
Sie dachte an ihren Mann. Sie nannte sich seinen Namen, wie ein Ertrinkender nach einem Seile greift. Sie kauerte sich in der Ecke neben der Türe zusammen und fiel in einen Zustand, der zwischen völligem Stumpfsinn und heulenden Ausbrüchen ihrer Verzweiflung hin und her schwankte; schließlich überließ sie sich, ohne mit einem Finger Widerstand zu leisten, den gierigen, vergiftenden, zerfressenden Angriffen des Ungeziefers. Sie hoffte sehr, zu sterben. Sie war so ganz ohne Kraft und Willen, daß man sie hätte abschlachten können; sie würde sich nicht gewehrt haben ...
Der Kopf sank ihr auf die Brust ...
Und plötzlich hob sie ihn wieder.
Sie hatte etwas gehört -- nicht die Schritte des Postens -- nicht sein Summen noch das dumpfe Aufstoßen seines Gewehrkolbens auf dem Gange. Sie hatte eine Stimme gehört ... Die Stimme kannte sie ...
Sie richtete sich mühsam auf; die Knie gehorchten ihr nicht. Ihre Hände, ihre Füße waren verbrannt von der Fäulnis, in der sie gelegen hatten ...
Die Stimme vor ihrer Türe sprach mit dem Posten -- ein anderer redete dazwischen -- das war Waska ...
»Da hast du dein Geld, Hundesohn -- scher dich zum Henker!« zischte er.
»Du wirst dich um deinen Hals bringen, Brüderchen,« murmelte der Posten halb betrübt.
»Schuft, was geht dich mein Hals an? Kümmre dich um den deinen und mach dich fort!«
Stille. Tritte, die sich entfernten ...
Und wieder eine Stimme: »Die Schlüssel? -- Wo hast du die Schlüssel --?!«
»Geduld, Geduld -- ich werde doch die Schlüssel nicht vergessen haben --! Hier hast du sie, Herr ...«
Ein Kreischen im Schloß der Zellentür; ein Spalt, der sich öffnete; ein Lichtschein, der dünn und scheu in das Dunkel des Zellenloches leuchtete; eine Stimme, die rief, als würde sie erwürgt: »Mascha --!«
Beate taumelte vorwärts, in den Lichtstrahl hinein; er fiel auf ihr Gesicht.
Der Mann an der Türe, der die Lampe hielt, schrie beinahe auf: »Jesus -- um Gottes willen!!« Und wollte nach ihr greifen. Aber sie wich vor ihm zurück, schüttelte sich, streckte beide Arme zur Abwehr aus ...
»Rühren Sie mich nicht an! Seien Sie barmherzig -- rühren Sie mich nicht an --«
Kyrill Petulikow warf einen Blick auf den Menschen neben sich; der zuckte die Achseln: »Was willst du, Herr? Es ist nun einmal nicht anders bei uns ... Die Wanzen sind mächtiger als wir ... Niemand kann etwas gegen sie ausrichten ...«
Kyrill Petulikow stieß die Türe weit auf, daß sie zur Mauer zurückflog.
»Kommen Sie,« sagte er.
Beate taumelte an ihm vorbei, durch die Zellentür, durch die Haustür, hinaus in den Hof, in dem der Schnee fußhoch lag. Und sie warf sich in den Schnee und wälzte sich darin -- sprang auf und schüttelte sich und fiel wieder im Schnee zusammen ... griff mit beiden Händen in das lockere Weiß und wusch sich das besudelte Gesicht, tauchte die Hände, die Arme hinein -- hob den Schnee zu ihrem Halse.
Kyrill Petulikow bückte sich zu ihr.
»Mascha, Mascha --! Wir haben keine Zeit zu verlieren --! Stehen Sie auf --!«
Sie gehorchte. Doch als er sie beim Arm nehmen wollte, wich sie wieder zurück.
»Das nicht!« sagte sie. »Das nicht ...«
»Wir müssen weiter, Mascha -- Jesus Christus, wir können in jeder Minute verloren sein ...«
»Gehen Sie ... ich folge Ihnen. Aber rühren Sie mich nicht an --!«
Kyrill Petulikow wandte sich um. Waska trat ihm in den Weg. Er streckte die Hand aus.
»Herr, mein Geld --?«
»Du wirst es bekommen, wenn wir in Sicherheit sind, nicht eine Minute eher. Geh voran!«
Waska lächelte schlau. Er nickte und ging. Es schien ihm ein guter Gedanke gekommen zu sein.
Kyrill Petulikow und Beate folgten ihm auf den Fersen. Sie begegneten niemand. Es war zwischen zwei und drei Uhr morgens.
Sie kamen auf die Straße, in der das Gefängnis lag. An der nächsten Ecke hielt ein Schlitten. Ein Mann, bis über die Ohren eingehüllt und unkenntlich, hielt die Pferde fest. Beate stieg ein; der Mann rührte sich nicht. Kyrill Petulikow bückte sich zu ihm und flüsterte etwas. Der Mann nickte und setzte sich neben Beate. Er hob ihr die Pelzdecken um Knie und Hüften. Seine Hände waren ungeschickt vor Kälte oder Aufregung.
Kyrill Petulikow nahm die Zügel auf und setzte sich zurecht. In dem gleichen Augenblick, da er den Pferden die Nagajka über die Rücken jagte, richtete der Mann im Schlitten sich auf und schleuderte Waska ein schmales Bündel vor die Füße.
»Tausend Rubel für dich, Brüderchen -- weil du ein braver Schurke bist --!«
Waska bückte sich ... Die Pferde gingen in wildestem Galopp. Der Schlitten bog um die Ecke -- das Gefängnis verschwand.
Und der kleine Mann im Schlitten beugte sich vor und suchte die Hände der Frau, die mit klirrenden Zähnen neben ihm saß, und lachte ...
»Was wird sich freuen Rahelche, mein Kind, und die Rebekka, meine Frau, daß ich ihnen bringe mitten in der Nacht so e feinen und hochgeehrten Besuch ...!«
»Nathan Löb?« murmelte Beate. Sie war wie betäubt.
»Der alte Nathan Löb aus der Jüdengass', ja --! Und der alte Nathan Löb hat viel erleben müssen an Schlimmem und Gutem in beinah sechzig Jahr' ... Aber ihm will scheinen: daß er hat helfen dürfen herauszuholen die gnädige Frau aus dem Hundeloch, dem Gefängnis ... das ist doch von seinem ganzen Leben das Beste gewesen ...«
Beate antwortete nicht. Es ging ein ganz verwirrtes Lächeln über ihr Gesicht. Sie nahm den Ring -- ihren Trauring -- und schob ihn wieder an seinen rechten Platz. Es ging nicht so leicht. Ihre Finger waren gequollen und wund, mit Blasen bedeckt.
Beate holte zitternd Atem. Und dann schluchzte sie, den Kopf in die Hände legend, ganz haltlos, im Jammer aller Erkenntnis dessen, was hinter ihr lag ...
Der alte Nathan Löb schüttelte den Kopf und seufzte.
»Es is e lumpige Welt,« murmelte er und rückte an seiner Mütze, »e Welt, als ob se wär' gemacht von e Menschen ... und der wär' gewesen meschugge ...«
9
Rebekka und das Rahelche hatten nicht viel Zeit gehabt, sich über den feinen Besuch zu freuen, den Nathan Löb ihnen zwischen Mitternacht und Hahnenschrei ins Haus brachte.
Kaum eine Stunde waren sie geblieben; Beate warf ihre Kleider, ihre Wäsche von sich, als seien sie aus den Nesseln des Märchens gewebt, und wusch sich das Haar, um sich dann vors offene Feuer zu setzen, um es zu trocknen. Rebekka Löb, die mit solchen Sachen gut Bescheid wußte, nahm den Pelz der gnädigen Frau und ihre Mütze und steckte beides in den Backofen, unter dem sie ein Höllenfeuer anschürte. Zuletzt wurden die ausgeglühten Stücke einem Schneebad unterzogen, geklopft und gefettet und tadellos befunden. Es bedurfte einiger Mühe, Beate, trotz aller selbstbeobachteten Gewaltmaßregeln, von der Tadellosigkeit ihres Eigentums zu überzeugen.
Kyrill redete ihr zu. Und er tat es mit einem so eigentümlichen Gesicht, daß Beate schließlich dachte, er müsse seine guten Gründe haben. Vielleicht traute er den Pelzen, die Nathan und Rebekka eilfertig herbeischleppten, auch nicht ganz, obgleich sie in keinem russischen Gefängnis gewesen waren. Aber es gab schließlich noch andere Liebhaber ... hm ...
Nathan Löb hatte im Auftrag von Kyrill Petulikow mitten in der Nacht zwei sehr gute Schlitten und sämtliche Pferde aufgekauft, die Simon Asser, sein Freund, vorrätig hatte. Es waren zehn. Mit den Pferden und Schlitten fuhren Nathan und sein Sohn durch die Stadt voraus, bis auf die freie Straße, die nach dem Gute Kyrill Petulikows führte. Dort sollten sie auf ihn und Beate warten.
Beate wand sich die noch feuchten Zöpfe um den Kopf und zog die Pelzmütze darüber.
Von Rahelche aufs liebevollste ausstaffiert und unter den Schwüren der Mutter, daß ihre Kleider und Pelze jetzt schöner und sauberer seien, als sie gewesen, da sie neu waren, kleidete sie sich an und war fertig, als Kyrill an die Türe klopfte.
»Mascha -- es ist die höchste Zeit ...«
»Ich bin bereit, Kyrill Iwanowitsch ...«
Es waren die ersten Worte, die Beate mit freier Stimme zu ihm sprach, seit sie das Gefängnis verlassen hatte.
»Nehmen Sie gut Abschied von Rebekka und Ihrer kleinen kranken Freundin,« sagte Kyrill Petulikow vom Schlitten herunter. »Sie sehen sie nicht wieder ...«
Er sagte es mit einer gewissen Herbheit und Bitterkeit, die Beate nicht entgingen -- aber sie fühlte, daß sie sich nicht gegen ihre Person richteten.
In völliger Dunkelheit waren sie angekommen und fuhren sie weiter. Die Stadt lag im bleiernen Schlaf, der der Trunkenheit folgt. Sie kamen an Brandstätten vorüber, die noch rauchten. Niemand kümmerte sich darum. Je mehr von den Judenlöchern niederbrannten, desto besser ...
Tausend Schritte hinter der Stadt hielten Nathan Löb und sein Sohn.
»Nathan, willst du dir fünfhundert Rubel verdienen?«
Der alte Jude blinzelte vergnügt.
»Nu, Herr -- warum sollt' ich sagen nein --? E gutes Geschäft is e gutes Geschäft, und mer kann's brauchen ...«
»Dann fährst du mit deinem Sohne querab über die Felder, bis an den Wald, der die Grenze ist zwischen meinem Gut und dem von Wladimir Prontoff -- du kennst ihn?«
»Werd' ich ihn ~nicht~ kennen ...! Hab' gemacht oft genug gute Geschäfte mit dem gnädigen Herrn von Prontoff ...«
»Und kennst auch den Wald -- und wirst ihn finden ...?«
»Der gnädige Herr kann sein ohne Sorge ... Wenn der alte Nathan Löb sagt, er kennt den Wald, dann findet er ihn auch ...«
»Gut, gut ... Dorthin also fährst du ... brauchst deine Gäule nicht zu überanstrengen ... Aber dort mußt du warten ... Vielleicht nur kurze Zeit -- vielleicht eine Stunde -- vielleicht auch noch länger ...«
»Wird der alte Nathan Löb warten, bis der gnädige Herr kommt und schickt ihn nach Hause.«
»Auf mich, Nathan, mußt du nicht warten,« sagte Kyrill Petulikow mit einem leisen Lächeln. »Es könnte sonst sein, daß du den Rest deiner Tage da am Walde zubringen müßtest. Nein ... Aber vielleicht schicke ich dir meine Leute zu -- den Dmitri und die anderen ... Die nimmst du in deine Schlitten und fährst mit ihnen zu Wladimir Prontoff und sagst ihm, er möchte sie in seiner Obhut behalten, bis meine Mutter ihm Nachricht zugehen ließe -- hast du mich verstanden?«
»Ja, Herr ...« sagte Nathan Löb etwas zögernd und sehr ernst. Er sah Kyrill Petulikow nachdenklich an und schien nicht zufrieden zu sein mit dem, was er gehört hatte.
»Dann leb wohl, alter, braver Freund -- und du, Jakob, laß es dir gut gehen!«
Er drückte dem Vater und dem Sohne herzlich die Hand und reichte dem Alten die verheißenen fünfhundert Rubel. Aber Nathan Löb nahm sie nicht.
»Für e Spazierfahrt und e Stund', wo ich soll warten, nehm' ich kein Geld,« sagte er. »Und das Geld will mer nicht gefallen, Herr -- nichts für ungut ...«
»Nimm's nur -- nimm's für deine kranke Tochter.«
»Nu, Herr --«
Kyrill warf das Geld in den Schnee.
»Vorwärts, vorwärts --!«
Beate streckte ihre beiden Hände aus.
»Du wirst noch von mir hören, Nathan -- du wirst noch von mir hören!« rief sie fast schluchzend.
Der alte Jude nickte und lachte.
»Wird mer sein e hohe Ehre und e Freid!« rief er zurück.
Sein Sohn stand still neben ihm. Die listigen und die schwermütigen Augen des Morgenlandes schauten der Frau nach, die sich zu ihnen umwandte, so lange sie konnte. Dann gab der alte Nathan Löb seinem Sohn einen Stoß.
»Gott der Gerechte, Jakob, was stehste da wie Lots Weib? Haste die Sprach' verloren?«
Der junge Jakob Löb antwortete seinem Vater nicht. Er ging zu seinen Pferden. Der alte Nathan schaute ihm kopfschüttelnd nach. Aber er fragte nicht weiter. Sie fuhren schweigsam davon ...
Auch Kyrill und Beate schwiegen zunächst.
Noch immer war die Frau in einem Zustand halber Betäubung, der sich zum Unglauben gegen sich selbst steigerte, wenn sie dachte: Hier, auf dieser selben Straße, bin ich gestern gefahren -- es ist noch keine vierundzwanzig -- noch keine zwölf Stunden her -- und was liegt dazwischen ... Und was soll nun noch kommen?
»Kyrill Iwanowitsch ...«
»Was wünschen Sie, Mascha ...«
»Warum reden Sie nicht zu mir?«
Der Russe zögerte mit der Antwort. Dann sagte er, mit dem gleichen bitteren und herben Ton, den sie schon einmal von ihm vernommen: »Ich schäme mich dessen, was Sie erleben mußten, Mascha -- bei Gott, ich schäme mich dessen ...«
Sie verstand ihn recht gut.
»Ich weiß Unterschiede zu machen, Kyrill Iwanowitsch, und werde mich hüten, Ihr Vaterland nach seinen Gefängnissen und seinen Polizisten zu beurteilen ...«
»Alles in einem Lande ist ein Maßstab -- im guten wie im schlechten,« antwortete der Russe. Beate schwieg.
Kyrill Petulikow wandte sich um, aber nicht nach ihr. Er sah die Straße zurück, die sie gekommen waren.
»Schauen Sie nach den Juden aus?« fragte die Frau.
»Nein ...«
Er hieb auf die Pferde ein, zweimal -- dreimal ... Der Schlitten sprang über Schneewellen und Straßenlöcher. Kyrill Petulikow hatte drei der Pferde vorgespannt -- die anderen drei trabten frei nebenher.
»Kyrill Iwanowitsch!«
»Mascha --?«
»Ich wollte Sie fragen ... warum schicken Sie Ihre Leute vom Gut davon?«
Abermals wandte der Russe den Kopf über die Schulter. Und spähte ...
»Mag sein, daß es besser für sie ist ...«
»Das verstehe ich nicht, Kyrill ... Wollen Sie nicht offen mit mir reden?«
»Später, später ...«
Sie kamen an die Postmeisterei.
Kyrill Iwanowitsch sprang vom Schlitten und donnerte an die Haustür.
Ein Licht wurde hinter den trüben Scheiben angezündet. Der Postmeister kam; er hatte in den Kleidern geschlafen und glotzte verwundert, als er den gnädigen Herrn vom Gut erkannte.
»Hast du Pferde, Andrej Ljonotschka --?«
»Nein, Herr.«
»Du hast Pferde, gib sie her.«
»Ich hab' keine zum Totfahren übrig, Herr -- oder willst du sie tauschen?«
»Ich will sie weder totfahren noch tauschen -- ich will sie kaufen, für mich, verstehst du, Andrej Ljonotschka.«
»Ich will sie nicht verkaufen -- ich will sie eintauschen gegen zwei von den deinen, Herr, anders nicht ...«
»Kerl, du wirst mir die Pferde geben, die du im Stalle hast, oder ich zünde dir das Haus überm Kopfe an ... Vorwärts, bring sie her!«
Andrej Ljonotschka wehrte sich bis an die Grenze der Grobheit, aber Kyrill Petulikow blieb Sieger. Er holte sich die Pferde selber aus dem Stall, bezahlte sie um das Doppelte ihres Wertes und koppelte sie mit denen zusammen, die frei liefen.
Sie hatten vor der Postmeisterei eine Viertelstunde Aufenthalt gehabt. Während der ganzen Zeit hatte Beate das Schreien des kleinen Kindes gehört, und es hatte ihr weh getan. Sie suchte nach etwas, das sie ihm hätte schenken können. Aber sie besaß nichts mehr. Sie nahm das seidene Tuch, das sie um den Hals getragen, und gab es dem Manne, der verdrossen unter der Türe stand.
»Gib es deinem kleinen Kinde um, wenn es ins Freie geht,« sagte sie.
Andrej Ljonotschka bückte sich bis zur Erde. Er rief dem Schlitten seine Segenswünsche nach, bis er das Geläut der kleinen Glocken nicht mehr hörte.
Beate blickte nach ihm zurück.
»Was ist das, Kyrill Iwanowitsch?« sagte sie.
Er wandte den Kopf.
»Was -- Mascha --?«
»Dort hinten -- sehen Sie? Die kleinen schwarzen Punkte im Schnee ... Ist das Nathan Löb mit seinen Pferden?«
Kyrill Petulikow erwiderte nichts. Er peitschte auf die Pferde, daß sie sprangen. Der Schlitten tanzte wie ein Boot bei schwerer See -- gerissen und geschleudert. Beate Hoyermann beugte sich vor zu dem Manne.
»Sind es Wölfe, Kyrill Iwanowitsch?«
»Wir haben hier keine Wölfe.«
»Wer ist dann hinter uns? -- Und warum lassen Sie die Pferde so rasen? Das ist unbarmherzig, Kyrill Iwanowitsch!«
»Vorwärts, vorwärts, meine Schwalben!« schrie der Russe. Die Nagajka sauste durch die Luft.
»Kyrill -- Kyrill Iwanowitsch --!«
»Vorwärts, vorwärts, meine Lieblinge -- meine Falken --!«
»Kyrill« -- Beate Hoyermann richtete sich auf, hielt sich mit der einen Hand krampfhaft fest und versuchte mit der anderen, dem Manne in den Arm zu fallen -- »Kyrill, haben Sie den Verstand verloren --?!«
Keine Antwort. Kyrill Petulikow schlug auf die Gäule ein und rief ihnen zu. Sie galoppierten, daß ihre Hufe nicht mehr zu unterscheiden waren. In großen Flocken flog der Schaum von ihren Mäulern.
Beate rüttelte die Schulter des Mannes mit aller ihrer Kraft.
»Ich will jetzt wissen, was das bedeutet!« rief sie leidenschaftlich.
»Später, später, Mascha!«
»Jetzt auf der Stelle --! Ich bin kein Kind. Ich habe genug erlebt, um noch mehr ertragen zu können! Aber ich will wissen, um was es sich handelt!«
»Sind sie uns näher gekommen?«
Beate wandte sich um.
»Nein ... Nun sehe ich sie überhaupt nicht mehr ...«
»Wir haben die besseren Pferde,« murmelte Kyrill Petulikow.
»Die besseren -- als wer?« fragte Beate zupackend.
»Als die Kosaken ...«
»Was gehen uns die Kosaken an, mein Gott!«