Chapter 5 of 20 · 3901 words · ~20 min read

Part 5

»Früher«, fuhr sie fort -- und ihre Stimme war wie die des kleinen Vogels, der in der Nacht nach seinem Freunde rief -- »sprachen wir zueinander von jeder Stunde des Tages, von den fröhlichen und den traurigen. Ich weiß nichts, was ich dir jemals nicht gesagt hätte, und glaube nicht, daß du mir etwas verschwiegst ... Ich kam immer zu dir gelaufen und mußte alles erzählen, und so tatest du auch, und wir teilten uns hinein -- ... War das schön?«

»Ja, Beate ...«

»Und wenn wir Sorgen hatten oder Kummer -- und wenn wir einmal nicht wußten, wo ein noch aus ... Gerd, wir haben uns so fest bei der Hand gehalten und sind uns so nahe gewesen in schweren und schwersten Stunden, daß es war, als läge alle Last auf ~einer~ Schulter, und doch war's deine und meine ... Aber wir spürten die Last kaum, weil wir zusammen gingen ... Ich glaubte, ich sei dir ein guter Kamerad gewesen ...«

»Das warst du, Beate -- weiß Gott!«

»Warum schiebst du mich dann jetzt beiseite, Gerd?«

»Das tu' ich nicht -- nein ... Ich wollte nur noch ein wenig warten, Beate ... Wir werden leicht feige, wenn wir wehtun müssen, nicht wahr?«

»Mußt du mir weh tun, Gerd?«

»Ja, mein Liebling ...«

»Ich will dir schon stillhalten.«

Gerhard Hoyermann hob die Hand und legte sie um den Nacken seiner Frau.

»Ich möchte jetzt wohl dein Lächeln sehen,« sagte er nachdenklich. »Ich weiß noch, wie du damals lächeltest, als ich nach Hause kam und sagte: ›Ich habe das Fieber‹ ... ›Das wollen wir schon unterkriegen‹ sagtest du und lächeltest und warst so weiß wie dein Kleid ... Damals warst du ergreifend schön; ich hab's nie vergessen können ...«

»Sprich nicht von damals,« sagte Beate und netzte ihre spröden Lippen. »Sprich von heut.«

»Ja. Das muß ich auch ... Nun, der Krieg ist erklärt ...«

»Zwischen Österreich und Serbien?«

»Ja.«

Beate sagte nichts. Erst nach einer Weile fragte sie: »Und Rußland?«

»Rußland mobilisiert ...«

»Aber ... der Zar -- hast du die Depeschen nicht gelesen, die zwischen dem Zaren und dem Kaiser gewechselt worden sind? Der Zar hat sein Ehrenwort gegeben.«

»›Ehrenwort‹ klingt anders in russischer Sprache als in deutscher,« sagte Gerhard Hoyermann mit einiger Bitterkeit.

»Du glaubst also -- daß der europäische Krieg unvermeidlich sein wird?«

»Ich hoff's, Beate -- ich hoff's --!« rief der Mann und hob die Arme über den Kopf. »Herrgott, wenn wir nur jetzt nicht wieder zurückzucken! Wenn wir nur jetzt fest bleiben! Wenn es nur um Gottes willen nicht wieder wie damals wird bei der Marokkogeschichte! Wir gehen vor die Hunde, wenn der Krieg nicht kommt! Rußland, England, Frankreich treten uns mit den Stiefelabsätzen im Gesicht herum -- und wenn wir jetzt unsere Stellung in der Welt nicht wahren, fressen sie uns auf wie die Geier ein Aas --! Ach wir -- wir mit unserer blonden, satten, himmelstürmenden Gutgläubigkeit --! Wir Narren, wir Hanswurste der Weltgeschichte! -- Wir haben die Kraft und die Begabung, um dem ganzen Erdball unseren Stempel aufzuprägen -- und wir bücken uns und heben den Abfall auf, den die Herren an der Tafel uns übriglassen ...! Sag mir nichts, Beate -- es muß einmal herunter! Es würgt mich lange genug ...«

»Ich sage nichts, Gerd ...«

»Sieh dir unsere Kolonien an -- was sind sie? Ein Flicken auf der Landkarte! Wir plagen uns nach dem Worte der Bibel mit Dornen und Disteln um den Acker herum ... und bei den anderen trägt er, kaum daß sie säen, zweimal Frucht. Warum? -- weil wir zu spät kamen! Sieh dir unsere Flotte an! Ja! -- ja! Sie entwickelt sich und wächst, und es stehen Kerle an ihrer Spitze, bei denen einem das Herz im Leibe lacht ... Und laß den Krieg kommen -- was dann? Dann fegen die englischen Kreuzer das Weltmeer rein, und wir müssen hinunter, und sie bleiben obenauf! Warum? -- weil wir zu spät kamen! Glaube mir, Beate: es wird Zeit, daß wir hochgerüttelt werden! Uns muß man schon hart packen, wenn wir's glauben sollen, daß es ernst gemeint ist! Uns muß man schon mit Kolbenstößen auf den Platz befördern, auf den wir von Rechts wegen gehören -- und auch dann bitten wir noch vielmals um Entschuldigung, daß wir uns erlauben, das tüchtigste Volk zwischen beiden Polen zu sein ...«

»Du mußt nicht hart sprechen von Deutschland,« sagte Beate; »nicht hier ...«

»Warum tu' ich's denn?« fragte der Mann und richtete sich auf. »Weil ich das Land liebe -- liebe mit einem solchen Zorn und einer solchen Inbrunst, daß ich daran innerlich zugrunde gehen könnte ... Und darum wünsche ich ihm den Krieg -- ja, das tue ich!«

Es war eine Weile still zwischen den zwei Menschen. Beate sah vor sich hin.

»All das«, meinte sie dann, »war es nicht, was du mir sagen mußtest, Gerd. Ich warte noch darauf ... Du sagtest, du müßtest mir weh tun ... Tu's! ... Ich kann's schon ertragen, wenn es von dir kommt ...«

Gerhard Hoyermann lag ganz still. Beate konnte sein Gesicht nicht erkennen, aber sie fühlte, daß er sie nicht ansah.

»Beate,« fing er an und hob die Hand zu ihrem Arm, »wenn wir in Deutschland wären und es gäbe Krieg ...«

Er hielt inne. Beate sagte nichts. Sie saß aufrecht in den seidenen Decken und hatte die Finger ineinandergeschlungen. Sie wußte, was nun kommen würde. Sie wußte auch, daß er hoffte, sie würde ihm das bittere Wort aus dem Munde nehmen. Aber sie tat es nicht. Sie spürte das aufdämmernde Wissen von dem, was er sagen wollte, wie einen galligen Geschmack im Munde und dachte, ungerecht vor Jammer: Mag er es auskosten, das Bittere, das er mir zu trinken gibt ...

»Ich glaube, du würdest wohl weinen, Beate, wenn ich in den Krieg ginge,« fuhr Gerhard Hoyermann fort, und seine Stimme klang merkwürdig still. »Aber du würdest mich nicht zurückzuhalten suchen, wenn ich mich freiwillig stellte bei meinem alten Regiment -- nicht wahr?«

Beate schwieg. Alle ihre Muskeln spannten sich unbewußt, wie bei einem Menschen, der einen schweren Stoß erwartet; sie hielt den Atem zurück.

»Warum antwortest du mir nicht, Beate?«

»Sprich weiter,« murmelte sie zwischen den Zähnen.

»Es ist nicht viel zu sagen, liebste Frau ... Du bist immer tapfer gewesen, warst ein guter Kamerad und hast den Kopf nicht verloren, wenn du auch wußtest -- damals in Afrika --, daß ich nicht von jedem Ausmarsch wiederzukommen brauchte. Du ließest mich immer ohne Klage gehen, denn ich hatte meine Pflicht zu tun. Und wenn du sie auch nicht immer liebtest, so hast du sie doch geachtet ... Mehr will ich schließlich auch heute nicht von dir ... Du sollst mich gehen lassen und tapfer sein ...«

»Gehen ... wohin?«

»Nach Hause, Beate ...«

»Das können wir ja nicht -- wir kommen ja nicht mehr durch ... sagte der fremde Mensch neulich -- und Tystendal meinte es auch ...«

»Es handelt sich nicht um uns, Beate -- es handelt sich nur um mich,« sagte Gerhard Hoyermann.

»-- Was sagst du --?«

»Ich würde versuchen, allein durchzukommen ... Ein Mann kann hundert Wege gehen, die einer Frau versperrt sind; wir müßten uns trennen, Beate -- ja!«

Beate holte tief Atem. Und dann hob sie die Hand und strich damit durch die Luft, als schnitte sie etwas mitten entzwei.

»Niemals!« sagte sie. Sie sagte es ohne jede Leidenschaft, mit einem tief schwingenden Ton. Aber das Wort stand wie ein Baum.

»Doch, Beate -- doch!«

»Niemals! Und wenn du hunderttausendmal dein ›Doch!‹ sagst, -- ich antworte dir hunderttausendmal ›Niemals!‹ Du hast mich eine tapfere Frau genannt. Gut. Das will ich sein. Es war noch kein Weg in unserem Leben, den wir nicht zusammen gegangen sind, und wenn ihn nie zuvor eine Frau gegangen war. Ich trenne mich nicht von dir, Gerd -- mag kommen, was will! Es kann dein Ernst nicht sein, das von mir zu verlangen ...«

Er wollte reden, aber sie verschloß ihm den Mund mit der Hand, und ihre fiebernden Worte überstürzten sich und bebten jetzt vor Angst wie frierende Vögel, weil sie fürchteten, doch -- doch vielleicht vergeblich zu sein.

»Du mußt mich nicht mißverstehen, Gerd ... es ist nicht, daß du in den Krieg willst ... Gott im Himmel, das weiß ich, daß ich dich da nicht festhalten dürfte -- und wenn ich weinte ... ich bin eine Frau, Gerd ... und Bäume, in die man mit der Axt hineinschlägt, die weinen auch ... Nein, nein, ich ließe dich gehen! Ich würde vielleicht auch fröhlich tun und sagen, daß ich ganz voller Zuversicht sei und wüßte, du kämst mir wieder ... Das ist es nicht, Gerd -- das nicht! Aber daß du fortgehen willst von hier -- und mich zurücklassen -- und ich weiß nicht, ob dir deine Flucht gelingt, ob du -- Gott weiß, auf welchen Wegen -- nach Deutschland gelangst ... Soll ich hier sitzen, Tage um Tage und Wochen um Wochen, und nicht wissen, wo du bist -- ob daheim oder in Gefangenschaft oder irgendwo im Kriege -- soll hier in den Nächten liegen und die Stunden über mich hingehen fühlen und Narrenspiele treiben mit sinnlosen Orakeln: Lebst du? Bist du tot --? Soll keinen Brief von dir erwarten dürfen -- nichts dir selber geben ... soll meine Angst und meine Hoffnung, die beide keinen Bürgen haben, auf die weißen Blätter schreiben und denken: Vielleicht wirst du sie niemals lesen ...! Das kannst du nicht von mir verlangen, Gerd --? Das kannst du nicht von mir verlangen --!«

Sie schluchzte auf und erstickte den jämmerlichen Laut mit beiden hochgerissenen Händen, die sie an den Mund preßte. Sie wollte nicht weinen, nein; das war nicht die Stunde zum Weinen; sie mußte die Gedanken klar behalten, um den großen Kampf gut führen zu können. Weinen ist ein Entspannen aller Kraft -- und sie brauchte ihre straffen Kräfte.

Sie war nicht erfahren in Weibesmitteln, hatte niemals solche Waffen geübt noch gebraucht; doch mit dem Tastsinn ihrer verzweifelten Angst griff sie unbewußt nach der stärksten. Sie gab sich ganz auf und hin, warf sich gleichsam muskellos, den Jammer ihrer Seele ganz entblößend und aussagend, in die Hände des Mannes und rief seine Großmut an ...

»Du sagst, ich sei tapfer, Gerd ... ich bin's auch -- aber nicht ohne dich! Ich bin feige und elend ohne dich ... Wenn du mir heute sagst: Ich will im Ruderboot mit dir über den Atlantischen Ozean -- da besinn' ich mich nicht einen Augenblick, ich fahre mit dir ... Und wenn du quer durch Sibirien laufen willst oder durch Tibet -- sag mir nur, wann du aufbrechen willst; ich gehe mit ... Ich will mich verkleiden -- als Mann, als was du willst. Du wirst mich nie müde finden, nie ängstlich oder verdrossen ... Ich will wie dein junger Bruder sein, Gerd -- ganz unerschrocken, ganz unermüdlich ... Aber laß mich nicht allein --! Laß mich um Gottes, um Himmels willen nicht allein, Gerd --!«

Sie spürte sein tiefes Atemholen und schob sich näher zu ihm hin, kauerte sich ganz zusammengeduckt neben seine Brust und schob ihre flatternden Hände, die wie geblendete Vögel umherirrten, nach seinem Munde.

»Sprich nicht,« bettelte sie; »sprich noch nicht ... Ich habe dir ja noch nichts gesagt -- noch nichts von allem, was wichtig ist ... Ich weiß auch nicht, wie ich es sagen soll ... Der Kopf tut mir weh ... Ich bin auch nicht beredt -- hab' dich noch nie um etwas so bitten müssen ... Hab Mitleid mit mir, Gerd ... ich geh' daran zugrunde ... Was soll ich zu dir reden, Gerd ...? Welche Worte muß ich finden, damit du mich hörst --? Du hörst mich nicht ... du siehst mich nicht an ... Ich liege hier und bettle um mein Leben, und du siehst mich nicht an ... Hast du alles vergessen, Gerd, was wir uns gewesen sind? Soll das alles vorbei sein? -- Ich liebe dich ... ich liebe dich ... Ich kann dir nichts anderes sagen als dies: Laß mich nicht so bettelarm fortgehen, Gerd ...«

Ihr blutendes Stammeln erlosch; sie beugte den Kopf auf ihre Hände und weinte.

Gerhard Hoyermann streichelte ihr Haar. Er zog sie zu sich nieder und hielt sie an seinem Herzen fest. Und als ihr Weinen leiser geworden war und der Krampf ihres Körpers nachließ, begann er zu sprechen. Er sprach sehr leise, und sie spürte die Schläge seines Herzens hart und stark.

»Meine arme kleine Beate ... nun hast du mir dein ganzes Herz gezeigt; das war schön, Beate -- wunderschön ... Und ich will dir auch das meine zeigen, damit du nicht dastehen und glauben könntest, du habest dich vor einem enthüllt, der nicht wüßte, was du damit getan ... Es ist nicht wahr, daß du unberedt seist, geliebte Frau ... Du hast mir alles gesagt, was ein Mensch dem anderen sagen kann, um ihn zu sich hinüberzurufen -- auf die andere Seite ... Ich will nichts anderes tun. Ich will dir alles sagen. Und ich lege die Entscheidung in deine Hände ... Ja, das tue ich ...«

Beate hielt den Atem an. Sie lag wie eine Tote. Noch ehe er zu sprechen anfing, wußte sie, was das Ende sein würde. Er kannte sie und wußte, was er tat, wenn er die Entscheidung in ihre Hände legte.

»Daß wir gemeinsam versuchen könnten, nach Deutschland zu gelangen, Beate -- daran ist nicht zu denken ... Am allerwenigsten von hier aus ... Bis zum Suezkanal kämen wir -- vielleicht. Dann würden sie uns wohl aufgreifen ... Wir müßten also hierbleiben. Oder nach Amerika gehen. Das bliebe sich gleich. Wo wir auch wären, wir wären nirgends auf deutschem Boden ... Vielleicht würde das Leben, das wir führten, sehr schön sein, sehr bequem und sorgenlos. Vielleicht wäre die Natur um uns her so ergreifend schön, daß wir sie schmerzlich lieben müßten. Vielleicht fänden wir auch Menschen, die uns wert würden -- wer weiß es? Vielleicht kämen Stunden, in denen wir sehr glücklich wären und uns aneinanderklammerten und dächten: Gott sei Dank -- Gott sei Dank, daß wir uns haben und fühlen mit unseren Händen und Lippen ...

»Aber dann, Beate, die anderen Stunden, die ganz gewiß kämen -- und reichlicher mit jedem Tage ... in denen einer von uns das Wort Krieg ausspricht ... Im Anfang hätten wir wohl noch den Mut dazu. Dann hätten wir ihn nicht mehr. Denn wir lieben unsere Heimat, Beate, nicht wahr? ... Und wir würden denken: Da drüben auf der anderen Seite der Erdkugel, da ist Krieg. Da ereignet sich das Größte, was Menschen erleben können. Und wir sind nicht dabei. Deutschland schlägt seinen wildesten Krieg; aber wir wissen nicht -- bis zum Ende nicht --, ob es siegt oder unterliegt ... Denn der arme Teufel, den sie neulich erdrosselt haben, weil er zu gute Ohren hatte, der sprach ganz gewiß eine bittere Wahrheit, als er sagte, daß die Hauptsprache dieses Krieges die englische sein wird -- Zeitungsenglisch, Beate. Wenn wir siegen, werden sie stumm sein; wenn wir unterliegen, werden sie's verdreifachen -- aber immer werden wir im ungewissen sein. Vielleicht lügen sie auch -- es ist ihnen schon zuzutrauen -- und dann quälen wir uns im Dunkeln und schlagen uns Kopf und Hände an türenlosen Mauern wund ...

»Und wenn wir erst einmal so weit sind -- Beate, ich denke mir dann meine Tage und Nächte aus ... ja, ja, Geliebte, ganz eigensüchtig denke ich nur an mich dabei -- den Mann.... Ich sitze hier, die Hände im Schoß, und genieße mein Dasein, nicht wahr? Ich freue mich am guten Wetter, gehe auf die Jagd, treibe Sport und lebe meiner Gesundheit, nicht wahr? Ich kaufe schöne, bunte Stoffe und fremden, verwirrenden Schmuck und putze meine Frau damit. Ich habe ein gutes Gewissen, denn ich bin ja verhindert worden, nach Hause zu fahren, um mich zu stellen. Ich hätte es gern getan, gewiß -- aber man hat mir abgeraten ... Kannst du dir das ausdenken, Beate?«

Die Frau gab keine Antwort.

»Du sagtest,« fuhr Gerhard Hoyermann fort und zog sie fester an sich, »du habest mich lieb ... Ich liebe dich, weiß Gott, so sehr, mein Herz, daß ich keinen Maßstab dafür habe. Du weißt es auch. Wir haben am Alltag keine Worte dafür; aber tief in uns, wo die Feiertage unserer Seelen liegen, da sind wir uns dessen ganz bewußt, daß unsere Liebe etwas unbegreiflich Wundervolles ist. Das will ich uns erhalten. Ich will nicht, daß wir uns eines Tages mit heimlich feindseligen Blicken betrachten, wie die Menschen tun, die unglücklich und einsam sind und ohne Vertrauen zueinander, weil sie sich nicht mehr achten. Das ist es, Beate ... Wir würden anfangen, uns selbst zu hassen, weil wir um unserer Liebe willen feige waren. Und dann würden wir unsere Liebe hassen ... Vielleicht würde ein Tag kommen, wo mich der Ekel vor mir und meiner Tatenlosigkeit so würgen würde, daß ich nicht gut zu dir sein könnte, nur weil der Mann und Soldat in mir sich schämten. Und weil wir ungerecht werden, wenn wir unglücklich sind, darum ließe ich es dich vielleicht entgelten, und unsere Ehe würde in Scherben gehen. Kannst du dir die Zeit ausdenken, Beate, da wir es vermeiden würden, uns in die Augen zu sehen ...? Und die Zeit müßte kommen, weil wir sind, wie wir sind. Aber ich will sie nicht erleben ...«

»Ich auch nicht,« flüsterte Beate mit einem Schauder, der ihr die Hände krampfte.

»Nicht wahr, mein Liebling ... Und das kannst du nicht wollen, du, die mich liebhat, daß ich hier liegen soll wie ein Tier im Käfig, wie ein -- wie ein leckes Schiff ... es gibt ja keinen Vergleich für einen Menschen wie mich, mit gesunden Knochen und als tüchtiger Soldat erprobt, der irgendwo in der Welt dem Herrgott die Tage stiehlt, während in der Heimat die Erde brennt -- das kannst du nicht wollen, Beate -- nicht wahr, nein?«

Beate gab auch jetzt keine Antwort. Sie wußte, daß ihr Schicksal besiegelt war, aber sie begriff es noch nicht. Sie betrog sich noch selbst.

Natürlich ist das alles Unsinn ... dachte sie. Entweder ich träume -- dann wird es süß sein, aufzuwachen und Gerhard neben sich zu fühlen -- und dann am Morgen ihm den Traum zu erzählen und sich von ihm auslachen zu lassen ... Oder er spricht wirklich zu mir -- dann scherzt er nur; er will sehen, was ich ihm antworte ... ich muß ein wenig auf der Hut sein mit meiner Antwort ... sonst neckt er mich bis ans Ende meiner Tage damit, daß ich mich -- damals -- ins Bockshorn jagen ließ ...

Und über diesen Gedanken, die sich duckten und krümmten, lag die Erkenntnis dessen, was wirklich war, richtete sich auf und reckte sich und griff mit hartem Griff nach allen anderen, verlogenen Gedanken.

»Mein Gott, mein Gott --!« murmelte sie und hob ihre beiden Hände mit einer ganz verstörten Gebärde zu den Schläfen. Sie preßte die Zähne in die Lippen, daß sie stöhnen mußte. Ich will mich zusammennehmen, dachte sie. Sonst verliere ich den Verstand ... und den darf ich nicht verlieren ...

»Es gibt keinen anderen Weg,« sagte sie vor sich hin; es war aber keine Frage.

»Wenn's einen gäbe, Beate -- ich hätt' ihn gefunden ... Aber es gibt keinen. Ich allein schlage mich vielleicht durch. Wenn es mißlingt, dann hab' ich wenigstens das Bewußtsein, das Menschenmögliche versucht zu haben. Doch ich hoffe, es gelingt mir. Tystendal wird mir helfen. Aber ich habe die Entscheidung in deine Hände gelegt, geliebte Frau. Ich hab' nichts mehr zu sagen ...«

»Es ist auch nichts mehr zu sagen,« antwortete Beate halb gedankenlos. »Du wirst fortgehen, und ich werde hierbleiben. Es ist eigentlich ganz einfach. Es ist gar nicht so schwer zu verstehen ... Ich kann mir nur vorläufig noch nichts darunter denken ... sei nicht böse ...«

»Sei still --!« sagte der Mann, fast rufend.

Und so wie sie lagen, Brust an Brust, spürte eins das Beben des anderen, den würgenden Jammer vor dem, was kommen würde; und sie küßten sich, um nicht zu stöhnen.

»Wann willst du fort?« fragte Beate und reckte sich unwillkürlich auf, als wollte sie den Schlag des Wortes gewappneter empfangen.

»Heute noch, mein Liebling,« sagte Gerhard Hoyermann.

»Heu--te ...?!!« Sie riß sich auf die Knie hoch und beugte sich zurück, daß sie die Hände gegen die Wand stemmen mußte, um nicht zu fallen. »Heute -- hast du gesagt --?!«

»Beate, Beate --!« Er sprang auf und griff nach ihren Händen, um sie aufzuheben, aber sie wehrte sich, schüttelte den Kopf, umschlang seine Knie und preßte ihre Stirn dagegen.

Sie war nicht mehr tapfer, nein -- sie konnte nicht mehr. Sie wollte auch nicht mehr. Was lag daran, ob sie kraftlos wurde im Weinen, ob sie vollkommen ihrem Jammer unterlag. Sie schrie die bittere Not ihres Herzens aus, und das hilflose Schluchzen rüttelte sie: »Heute, Gerd -- heute --?!«

»Ja ... Es ist gleich, Beate, ob heute oder morgen ... es wäre nur ein längeres Abschiednehmen ... Liebes Kind -- Beate, als ich vorhin durch den Garten lief und mich nicht zu dir hineingetraute, da war ich so feige, daß ich den Gedanken erwog, heimlich, in aller Stille fortzugehen und dir nur zu schreiben ... Aber ich sehnte mich danach, den Abschied mit dir zu teilen und deinen Kummer und deine Tränen wie ein Geschenk zu empfangen und mit mir zu nehmen ... So eigensüchtig war ich, Beate. Gönn es mir. Es wird für lange Zeit das Letzte sein, was ich von dir empfange.«

Beate verstand nichts von dem, was er sagte. Der grauende Tag, der die Dunkelheit auch von ihrem Gesicht wischte, ließ ihre Züge erkennen. Und Gerhard Hoyermann bückte sich, um diese Züge, die er nicht ertragen konnte, mit seinen Händen zuzudecken.

Unter seinen Fingern wiederholte sie, wie eine Blöde, ausdruckslos: »Heute?« Und immer wieder: »Heute --?«

Gerhard Hoyermann sagte nichts. Es war eine Weile völlig still in dem dämmerigen Zimmer. Dann stand Beate auf; er half ihr, aber sie sah ihn nicht an.

»Ich muß dann wohl packen -- für dich,« murmelte sie.

»Nein, Beate ... Ich darf nichts mitnehmen. Ich muß fortgehen wie zu einem Ausflug. Tystendal wird mich abholen, als wollten wir nach Enoshima -- für ein, zwei Tage ... Du weißt, wie wir beobachtet werden ... Alles hängt davon ab, daß ich unbemerkt von hier fortkomme. Das Spätere muß sich aus den Umständen ergeben. Ich kann keinerlei Pläne machen, kann dir auch nichts mitteilen -- entsinne dich, was der Mann, den sie ermordet haben, von unseren Briefen sagte ... Vielleicht ist es mir möglich, dir durch Tystendal Nachricht zu schicken ...«

»Er wird dich abholen,« wiederholte sie stumpf.

»Ja.«

Sie nickte vor sich hin. »Das wird wohl das beste sein,« meinte sie und rieb sich die Stirn, wie ein Mensch, der sich auf sich selbst besinnen möchte. »Wann wird er kommen?«

»Gegen acht Uhr ...«

»So bald,« sagte sie vor sich hin. Und als er sprechen wollte, schüttelte sie den Kopf. »Laß nur,« sagte sie. »Es tut nichts. Jede Stunde ist die gleiche, wenn sie die letzte sein soll. Dann besser bald. Dann besser gleich. Wir wollen uns nicht aneinander quälen. Du bist sehr gefaßt. Ich will es auch sein. Du sollst dich nicht in mir getäuscht haben ...«

Gerhard Hoyermann sah seine Frau an und schüttelte den Kopf.

»Jetzt bist du ein wenig ungerecht gegen mich, Beate,« sagte er still.

Sie stand mit hängenden Armen.