Chapter 12 of 20 · 3978 words · ~20 min read

Part 12

Ich schreibe Ihnen englisch, weil mir das sicherer erscheint. Ob der Brief überhaupt in Ihre Hände kommen wird, das weiß Gott. Vielleicht sind Sie gar nicht mehr in Japan. Vielleicht haben Sie meine Zeilen, die ich aus Kairo an Sie richtete und die Ihnen soviel erzählen sollten, auch nicht mehr erhalten. Manchmal, wenn ich mir überdenke, was ich erlebt habe, seit Sie mir im ›Garten des Freundes‹ in Ihr kleines Boot halfen, glaube ich meiner eigenen Erinnerung nicht und bin wie im Traum. Aber das Leben träumt nicht, das ist sehr wirklich und läßt es uns fühlen.

Seit vierzehn Tagen sind wir nach einer endlosen und höchst ungemütlichen Reise auf dem Gute Lisa Petulikowas. Sie würden wahrscheinlich sehr erstaunt sein, wenn Sie dieses Gut kennenlernten. Es ist größer als manches kleine deutsche Fürstentum, und das Herrenhaus sieht aus wie eine große Scheune. Ein langgestreckter, einstöckiger Kasten, grau beworfen, mit winzigen Fenstern. Das Land ist so flach wie ein Tisch, aber nicht reizlos, namentlich nicht jetzt, da der Schnee kniehoch liegt.

Ja, mein Freund, als wir uns trennten, war es Sommer auch hier. Nun ist es November geworden und Winter. Seit drei Monaten weiß ich nicht mehr, wo meine Gedanken den Mann suchen sollen, den sie lieben. Sie haben mir redlich geholfen, den Weg zu finden, der mir versperrt zu werden drohte, um wenigstens nach Europa zu gelangen. Nun bin ich in Europa. Bin ich meinem Ziele näher? Ich weiß es nicht!

Die Überwachung aller Grenzen -- auch der neutralen -- ist so streng, daß es ein Ding der Unmöglichkeit zu sein scheint, ohne genügenden Ausweis an sein Ziel zu kommen ... Sie wissen, ich kann mich nicht deutlicher ausdrücken. Ich fürchte schon bei jedem Wort, zuviel gesagt zu haben. Von Rumänien oder Griechenland aus wäre ich als Kate Mathew wohl nach Österreichs Grenze gekommen -- aber als Kate Mathew nicht hinüber. Und da wohl Kyrill Petulikow weiß, wer ich bin, aber nicht seine Mutter, habe ich es vorgezogen, in dieser Richtung keine weiteren Schritte zu unternehmen, sondern auf bessere Gelegenheit zu warten ...

Meine dringlichste Bitte an Sie, lieber Freund, ist nun die: Schicken Sie einen genauen Bericht der Vorkommnisse in Japan in ihren ganzen Einzelheiten an eine schwedische Persönlichkeit, zu der Sie Vertrauen haben und an die ich mich wenden kann, wenn ich von Rußland aus über Schweden nach Hause zu kommen versuche. Und teilen Sie mir mit, ob Sie das getan haben und was Sie mir weiterhin raten. Selbstverständlich werde ich auch alle anderen Wege einzuschlagen versuchen, aber ich möchte die Beruhigung haben, daß ich mich im Notfall auf Sie berufen kann und wenigstens einen ungefähren Zeitpunkt vor Augen habe, an dem ich auf meine Heimkehr rechnen kann.

Wie ich mich danach sehne, kann ich Ihnen nicht schildern. Sie wissen es! Denn Sie wissen, wie ich mich nach Hause gesehnt habe. Meine Gefangenschaft hier ist eine sehr gelinde, denn Kate Mathew genießt das Vertrauen, das die Behörden für das Haus Petulikow haben, mit. Aber meine Nerven ertragen es doch nicht mehr allzulange, nichts zu wissen und alles zu befürchten ... Der Krieg geht seinen fürchterlichen Weg, und ich erhalte keine Nachricht ...

Übrigens geht es mir nicht schlimmer als den meisten russischen Familien selbst. Die mörderischsten Schlachten werden geschlagen, aber weder das Ergebnis noch die Verluste werden bekannt. Die russischen Mütter und Frauen brauchen ihr ergebenes Lächeln jetzt sehr notwendig und auch ihre Dumpfheit gegen das Schicksal. Ich, weiß Gott, besitze weder das eine noch das andere ...

Was soll ich Ihnen noch schreiben? Meine Tage sind einförmig in verschiedenste Pflichten eingeteilt. Die oberste heißt Lisa Petulikowa. Sie bedarf meiner, und das macht mich ein wenig ruhig in aller Unruhe, daß ich doch einem Menschen etwas nützen kann, wenngleich ich tausendmal lieber in einer Seuchenbaracke daheim Pflegerin wäre. Die Menschen hier sind gut gegen mich. Und ich bin ungerecht, ich weiß es, denn es geht mir wohl. Aber ich wäre doch lieber zu Hause und teilte die Not meines lieben Landes, als daß ich hier in der braven Sicherheit der Fremde sitze.

Man redet in den Zeitungen viel von dem baldigen Ende Deutschlands. Nun, dann wäre der Krieg aus ... Was soll ich darüber sagen? Ich kann es mir nicht denken, daß das wahr sein soll. Wir hören hier nur die Kriegsberichte der Entente ...

Und Kiautschou ...

Lieber Freund, Sie waren ein sehr, sehr guter Prophet ...

Was soll ich Ihnen noch erzählen? Es ist sehr schwer, Lebensberichte um den halben Erdball herumzuschicken. Alles wird schwerfällig und unklar. Auch muß ich immer denken, daß der Brief doch nicht in Ihre Hände kommen wird, und das macht mich ganz unfrei.

Ich lerne Russisch. Kyrill Petulikow gibt sich viel Mühe mit mir. Wenn nicht diese verwirrende Fülle fremder Schriftzeichen wäre, käme ich wohl noch rascher voran. Aber ich fürchte -- oder ich hoffe, -- mein Aufenthalt in Rußland wird nicht ausreichen, um mir die Sprache ganz zu eigen zu machen.

Kyrill Petulikow bastelt halbe Tage und Nächte lang an seiner Flugmaschine. Er behauptet, eine Erfindung gemacht zu haben. Ich verstehe nichts vom Technischen, aber er hat einen ansteckenden Eifer. Ich fange wirklich an, mich auch dafür zu interessieren. Im Grunde genommen ist es ganz einfach. Die Beherrschung einiger Handgriffe -- nicht einmal so sehr viel körperliche Kräfte gehören dazu. Nur die Nerven muß man in der Hand behalten -- und namentlich dann, wenn es das Menschlichste wäre, die Augen zuzumachen und das Ende dem Zufall zu überlassen. Manchmal denke ich ...«

Beate Hoyermann unterbrach sich im Schreiben, richtete sich auf und sah gerade vor sich hin. Dann legte sie die Feder aus der Hand und stützte den Kopf in die Hände.

Es war drei Uhr nachmittags und dämmerte schon. Aber das Schneeleuchten gab noch ein feines, unirdisches Licht.

Das Zimmer, in dem Beate Hoyermann wohnte, lag im Giebel des Gutshauses und schaute mit seinen drei niedrigen Fenstern auf das flache Feld hinaus. Der Himmel über dem Felde war so ungetönt wie Wasser. Seit Wochen hing er voller Schnee. Und Schnee lag, grenzenlos weit und dicht, über dem demütigen Lande.

Beate liebte das Bild, das sich ihr von ihrem Platze aus bot, mit einer Art von schmerzlicher Liebe. Es störte sie nicht; es war traurig und still und paßte zu sehnsüchtigen Tagen und schlaflosen Nächten gut.

Nach Westen zu schloß ein Wald den Augenkreis -- einer von jenen unendlichen Wäldern, die tief und unerforschlich sind wie die Wüste und wie das Meer. Er schien ganz unlebendig; die Bäume standen bewegungslos. Wenn eine Axt sie getroffen hätte, so wäre ein Klang durch sie hingefahren wie von zerspringendem Kristall. Zuweilen strichen die Krähen von ihren Horsten aufs Feld hinaus oder zum Gutshof hinüber. Sie starben zu Tausenden in den strengen Stunden der Frühdämmerung. Wenn der Wind ging, blies er ihre Federn in Wolken über das fleckenlose Weiß rundum.

Tausend Schritte vom Gut entfernt lagen die geduckten Holzhäuser der Bauern, bis an die Fenster im Schnee versunken. Manchmal -- ganz selten -- kam ein Wagen, ein Schlitten aus der Stadt; die zwei Pferde, eins vor das andere gespannt, dampften, daß sie kaum zu erkennen waren. Und ihre kleinen Glocken klangen -- es war ein fast rührender Klang in dieser furchtbaren und ihrer selbst ganz unbewußten Einsamkeit, in die er sich verirrt hatte und sich selbst zum Trost geschaffen schien.

Beate beschloß, ihren Brief selbst in die Stadt zu bringen und auf die Post zu tragen. Sie schloß ihn mit drei Worten, unterschrieb und steckte ihn in den Umschlag, den sie offen ließ, schrieb die Adresse in russischen und englischen Worten und fügte den Absender dazu. Bei all dem dachte sie: Es ist sinnlos, daß ich es tue; Tystendal wird den Brief nie bekommen. Aber das hoffende »Vielleicht doch!« behielt die Oberhand.

Sie verließ das Zimmer und ging die Treppe hinunter, die, mit weißem Sande bestreut, vor Sauberkeit leuchtete.

Dmitri, der Diener Kyrill Petulikows, tauchte aus dem Winkel neben der Türe seines Herrn auf, wie ein alter lichtscheuer Kauz ins Helle blinzelnd.

»Dmitri, wo ist dein Herr?«

Der Alte deutete mit dem Kopf nach dem Hofe hinaus, in der Richtung der Werkstatt, die Kyrill Iwanowitsch sich eingerichtet hatte. Dmitri sprach nicht gern. Seine Stimme war wie eingerostet und schwer aus ihrem Verlies heraufzulocken. Aber er hatte Ohren wie eine Katze und Augen wie ein Sperber und hätte sich für seinen jungen Herrn lebendigen Leibes zerreißen lassen. Und er liebte die junge fremde Frau, die mit seinem Herrn gekommen war, weil er es wohl gemerkt hatte, daß Kyrill Iwanowitsch vom Morgen bis zum Abend nach den Händen dieser Frau blickte, daß sie seine Herrin geworden war und daß seine Seele sich vor ihr bückte bis auf die Erde. Da hatte sich auch Dmitri stillschweigend in ihren Dienst gestellt.

Als er ihr den Pelz umgegeben hatte und sie die Mütze über das Haar zog -- denn der Weg bis zum Werkstattschuppen genügte, um sich die Ohren zu erfrieren, wenn man aus dem Süden kam --, blieb der Alte vor ihr stehen, und seine wunderlichen Kropfbewegungen deuteten darauf, daß Dmitri sprechen wollte, was immer, seiner Seltenheit entsprechend, einiger Vorbereitungen bedurfte.

Beate, die mit ihren Gedanken sehr fern war, bemerkte es nicht. Sie wandte sich zum Gehen. Aber der Alte trat ihr in den Weg und legte die Hand auf die Klinke, die sie erfassen wollte.

Beate blieb stehen und sah ihn an.

»Nun, Dmitri!« sagte sie zuredend und lächelte, denn sie wußte, daß ihr sehr junges Russisch auf eine harte Probe gestellt werden würde.

Dmitri bückte sich, um den Saum ihres Kleides an die Lippen zu ziehen.

»Ich bitte dich um Vergebung, Mütterchen!« sagte er, mit einer gewissen Feierlichkeit. »Aber es ist nicht gut ...«

»Was ist nicht gut, Dmitri --?«

»Es ist nicht gut, was unser Herr tut, Mütterchen ... Ich sage es dir, Mütterchen, und ich weiß, was ich sage ...«

»Was tut denn unser Herr, das nicht gut wäre?« fragte Beate geduldig. Sie sah ein, daß sie so leichten Kaufes nicht davonkommen würde, und lehnte sich gegen die Wand.

»Was er tut, Mütterchen, das heißt Gott versuchen -- in Wahrheit, Mütterchen, das heißt Gott versuchen,« sagte der Alte und rüttelte die aufgehobene Hand. »Sascha Alexandrowitsch, der auch ein Flieger war und unseren Herrn dazu verleitet hat, daß er es ihm nachtut, war ein kühner junger Mann und fürchtete den Tod nicht. Aber er liebte ihn auch nicht -- er liebte das Leben mehr ... Aber unser Herr liebt das Leben nicht, und das ist Sünde ...«

»Warum glaubst du, daß er das Leben nicht liebt?« fragte Beate mit einer unwillkürlichen Schwermut, der sie sich nicht entziehen konnte.

»Du gehst ihm nicht nach, Mütterchen -- du siehst ihn nicht ... Ich gehe ihm nach, und ich sehe ihn. Ich habe meine scharfen Augen noch, obgleich ich alt geworden bin, und ich gebrauche sie, meine scharfen Augen ... Wenn unser Herr zum Flug aufsteigt -- die Pest über die Maschinen, Mütterchen: sie denken nicht, sie sind tot --, gehe ich aufs Feld hinaus und warte, bis der Herr wiederkommt. Wenn er wiederkommt, kreist er über dem großen Felde wie ein Adler. Ich stehe unter ihm im Schnee und recke meine alten Arme hoch und schreie, denn ich glaube in jedem Augenblick: nun stürzt er, dein Herr ... Aber er hört mich nicht -- wie sollte er? Er ist viel zu hoch über mir, um mich zu hören. Und doch kann ich das Schreien nicht lassen; es preßt mir das Herz aus dem Halse, Mütterchen, dem Herrn zuzusehen ... Er fliegt nicht, wie die Vögel tun ... Fliegen ist ein schönes Ding, und Sascha Alexandrowitsch lachte immer, wenn er davon erzählte ... Aber der Herr fliegt nicht, -- er stürzt und steigt, stürzt und steigt -- wie die Lerchen tun ... Aber eines Tages wird er stürzen und nicht mehr steigen ... Er wird fallen und ein Loch in die Erde hineinschlagen, tief genug für ein Grab ... Er wird das tun, weil er Gott versucht und weil er das Leben nicht liebt, Mütterchen -- ich, Dmitri, sage es dir ...«

»Warum sagst du es mir, Dmitri,« meinte Beate und sah über den Alten fort ins Leere, »und sagst es nicht dem Herrn selbst? Er würde auf dich hören.«

Der Alte schüttelte den Kopf.

»Er würde auf mich nicht hören und nicht auf Lisa Petulikowa und auf Sascha Alexandrowitsch auch nicht, Mütterchen ... Er würde sagen, daß wir töricht seien, weiter nichts. Und er würde mir vielleicht verbieten, ihm nachzugehen und ihm zuzusehen, wenn er über dem großen Felde fliegt ... Aber auf dich würde er hören, Mütterchen; darum sage ich es dir. Und du mußt mit ihm reden, daß er davon abläßt, Gott zu versuchen. Denn was er tut, ist eine schwere Sünde, für die er verdammt werden wird, wenn er nicht davon läßt. Niemand darf sein Leben so wegwerfen, wie unser Herr es tut ... Sprich zu ihm, Mütterchen, ich bitte dich darum ...«

»Ich will es versuchen, Dmitri,« sagte Beate und wandte sich zum Gehen. »Aber du mußt es nicht auf meine Schultern schieben, wenn dein Herr auch auf mich nicht hört ...«

Dmitri antwortete nicht. Er bückte sich, um Beates Kleid zum zweiten Male an die Lippen zu ziehen. Mit einer tiefen Verbeugung öffnete er das schwere Haustor vor ihr und ließ sie hinaus.

Wie ein bissiger Hund sprang der Wind in den Flur hinein.

Beate hob den Muff vors Gesicht und stemmte die Stirn dem Druck der eisigen Luft entgegen. Es schneite nicht, aber der Wind blies die scharfgeschliffenen Kristalle von den Dächern und ließ sie tanzen; sie zerschnitten die Haut wie unsichtbare winzige Messer. Auf dem Wege vom Haus zum Werkstattschuppen jenseits des Hofes hatte sich der Muff Beates vom Hauch ihres Mundes mit Eis bedeckt.

Die Werkstatt Kyrill Petulikows war ein sehr großer, niedriger Raum, an den sich der Schuppen für die Flugmaschine anschloß. Kyrill hatte sich die Werkstatt selbst gebaut, indem er die alte Scheune ausräumte und in alle vier Ecken einen mächtigen Herd einsetzte. Auf diesen Riesenherden brannten die Feuer unausgesetzt. Es wäre sonst vor Kälte nicht zu ertragen gewesen. Im Schein der Feuer arbeitete Kyrill Petulikow am Schraubstock. Mitten im Raum stand der rohe Tannentisch, mit Werkzeugen aller Art bedeckt. Kyrill Petulikow hatte keinen Gehilfen; er tat alles selbst. Und wenn Beate ihn bei seiner Arbeit beobachtete, fühlte sie, daß dies die einzigen Stunden waren, in denen Kyrill Petulikow etwas wie Glück empfand.

Sie trat bei ihm ein, ohne anzuklopfen. Sie wußte, daß es ihn freute, wenn sie wie eine Schwester, unangemeldet, zu allen Stunden, zu ihm kam. Er saß auf der Ecke der Hobelbank und prüfte das Gewinde einer Schraube. Als er die Türe gehen hörte, hob er den Kopf und grüßte die Frau mit seinem stillen Lächeln, das immer unerwidert blieb.

»Lassen Sie sich nicht stören,« sagte Beate etwas schüchtern, da sie russisch sprach. Ihrer Gewohnheit getreu, ging sie der fremden Sprache mit großer Hartnäckigkeit zu Leibe. Sie versäumte keine Gelegenheit, sich darin zu üben.

»Setzen Sie sich, Mascha,« entgegnete Kyrill Petulikow und schob mit der Hand einen Haufen von Berechnungsplänen von einem hölzernen Schemel.

Sie setzte sich und sah ihm zu.

»Sind Sie zufrieden mit Ihrer Arbeit?« fragte sie nach einer Weile.

»Ja, Mascha ... Aber Sie kamen nicht, um mich das zu fragen, nicht wahr?«

»Nein,« sagte sie ehrlich und sanft.

In seinem Gesicht rührte sich kein Muskel. Er nahm die Feile zur Hand.

»Ich bin gekommen,« fuhr sie fort, »um Sie zu fragen, Kyrill Iwanowitsch, ob ich heute noch zur Stadt fahren könnte -- oder ob Sie anders über die Pferde verfügt haben.«

»Warum fragen Sie das, Mascha?« sagte Kyrill Petulikow und sah sie kopfschüttelnd an. »Sie wissen, daß Sie die Herrin in diesem Hause sind, solange Sie darin wohnen. Ich bin eigensüchtig: ich hoffe, daß es lange ist. Sie wünschen sich das Gegenteil, und ich sehe Sie nie nach der Stadt fahren, Mascha, ohne daß ich darauf vorbereitet wäre, Sie nicht wiederkommen zu sehen. Aber ich bitte Sie -- nicht um meinetwillen, sondern weit mehr noch für Sie selbst und Ihren eigenen Wunsch --: unternehmen Sie nichts Unbedachtes ... Sie kennen Rußland und seine Verhältnisse nicht. Sie kennen vor allem nicht die russische Polizei. Es genügt der allergeringste Anlaß, um Sie den Behörden verdächtig zu machen. Dann wird man Ihnen den Paß abfordern, und dann sind Sie jeder Willkür ausgeliefert. Als Ausländerin sind Sie den Leuten sowieso eine unheimliche Erscheinung. Erkennt man Sie als Deutsche, Mascha, so stehe ich für nichts ein ...«

»Ich werde vorsichtig sein,« versicherte sie mit einem Lächeln, das seiner Sorge dankte. »Ich werde auch nichts unternehmen, ohne Sie um Rat gefragt zu haben. Aber setzen Sie sich in meine Lage, Kyrill Iwanowitsch ... Ich bin nicht Ihr Gast -- ich bin durch die Verhältnisse eine halbe Gefangene, und während ich hier sitze und die Hände in den Schoß lege, bricht vielleicht mein ganzes Leben zusammen, und ich weiß es nicht einmal ... Ich will nach Hause ... Ich muß nach Hause ... Geben Sie mir ein wenig Hoffnung, daß ich bald nach Hause komme, Kyrill Iwanowitsch -- und ich will mich gedulden ...«

Kyrill Petulikow arbeitete schweigend. Dann sagte er: »Ich verspreche Ihnen, daß ich in nächster Woche nach Moskau fahren werde, um mich für Sie einzusetzen, daß man Ihrem Wege nach Schweden nichts in den Weg stellt. Vielleicht gelingt es mir; es kommt auf die Stunde an. Niemand kann in Rußland sagen, was ein Beamter tun wird, wenn er schlechter Laune ist. Der Himmel ist hoch, und der Zar ist weit. Er ist sogar sehr weit ... Aber ich will es versuchen ... Genügt Ihnen das?«

»Ja, Kyrill Iwanowitsch -- ich danke ...«

»Danken Sie mir nicht, Mascha,« sagte Kyrill Petulikow leise.

Sie schwiegen beide.

Kyrill Petulikow schob einen der riesigen Holzklötze, die am Herde lagen, an die Flamme, die ihn spielend zu belecken anfing. Mit einem verlorenen Blick sahen der Mann und die Frau dem Spiele zu; aber ihre Gedanken gingen sehr verschiedene Wege.

»Darf ich Sie darauf aufmerksam machen, Mascha,« begann der Russe, »daß Sie sich beeilen müssen, wenn Sie heute noch in die Stadt wollen? Es dunkelt früh, und die Wege sind keine Wege mehr ... Sie haben mir nie erlaubt, Sie zu begleiten, und ich achte Ihre Gründe, obgleich sie ein wenig schmerzlich für mich sind ... Aber Sie können mir nicht verwehren, daß ich mich um Sie sorge ...«

»Dazu haben Sie keinen Grund, Kyrill Iwanowitsch,« antwortete Beate. »Ich nehme mich schon in acht ... aber ich kann nicht fortgehen, ohne Ihnen gesagt zu haben --«

»Was -- Mascha?«

Sie hob den Kopf und sah ihn an.

»Kyrill, warum spielen Sie mit dem Tode?«

Er machte eine Bewegung, mehr des Erstaunens als des Unwillens.

»Wer hat Ihnen gesagt, daß ich das tue?«

»Ich weiß es, das ist genug. Warum tun Sie das, Kyrill?«

»Nun,« fragte der Russe versonnen, »und wenn ich es tue? Das Spiel ist schön!«

Sie schüttelte den Kopf mit ernsten Augen. »Es ist ein unedles Spiel, Kyrill Iwanowitsch ...«

Er lächelte. »Wie Sie das sagen, Mascha! -- So ernsthaft, als wenn Ihr Herz es sagte ... Und das fragt nichts danach ... Seien Sie unbesorgt ... Wir spielen mit dem Leben oder mit dem Tode -- es kommt am Ende auf eins heraus; nur daß das Spiel des Todes keinen Ekel kennt. Und das ist schon viel wert ... Als ich den Gedanken faßte, Flieger zu werden, hatte er einen Sinn. Jetzt hat die Wirklichkeit einen anderen. Und ich liebe sie beide und weiß manchmal nicht, welcher der stärkere ist. Das, was ich auf der Erde niemals hatte, das breite und zufriedene Herrengefühl -- da oben habe ich es. Und wenn ich es ausgekostet habe, was soll ich dann die Gewohnheit an seine Stelle treten lassen, und die Übung an die Stelle der Kühnheit? Das wäre schal, Mascha -- das wünschen Sie mir nicht ...«

»Sie sagen es also -- Sie sagen es, daß Sie das Leben wegwerfen wollen!« rief die Frau mit einem tiefen und schönen Zorn.

Er schüttelte den Kopf. »Nicht ohne Zweck, Mascha -- ganz gewiß nicht ohne Zweck ... Seien Sie unbesorgt ...«

Sie stand auf und legte ihm die Hände auf den Arm.

»Ich will nicht, daß Sie so reden!« sagte sie und rüttelte ihn, während ihr die Tränen übers Gesicht liefen.

Kyrill Petulikow beugte den Nacken. Er schob ihre Hände von seinem Arm.

»Bitte, tun Sie das nicht --!« sagte er leise.

Beate Hoyermann ging.

Er sah ihr einen Augenblick nach; dann nahm er die Schraube wieder zur Hand. Aber er arbeitete nicht. Der Widerschein der großen Feuer spielte in seinen dennoch unerhellten Augen ...

Eine halbe Stunde später wateten die Pferde, die Dmitri lenkte, durch den kniehohen Schnee der Straße, die zum Dorfe führte. Es war ein weiter Weg nach der Stadt; sie würden die Gäule wechseln müssen.

Als sie das Dorf hinter sich hatten, blies der Wind über die flachen Felder. Die Bäume am Straßenrand waren bis zu den Kronen eingeweht. Es war nicht mehr so kalt, wie es am Morgen gewesen war; Schnee drohte in dem tiefgespannten, gleichsam gelockerten Himmel.

Beate hatte sich an diese Schlittenfahrten auf Straßen, die keine Straßen waren, allmählich gewöhnt. Sie wußte schon, wie man sich festhalten mußte, um nicht zermalmt und zerschleudert am Ziele anzukommen. Die Pferde stöhnten und dampften. Dmitri fluchte vor sich hin und redete den Gäulen zu, indem er ihnen schmeichelte ...

»Vorwärts, vorwärts, meine Täubchen, meine Schwalben -- vorwärts, meine Prinzessinnen, meine Edelsteine! Ihr, schneller als der Wind und ausdauernder! Vorwärts, lauft, lauft, meine goldenen Rosen! Ihr sollt in Hafer stehen bis an die Augen! Ihr sollt Brot und Zucker haben und Schnaps zu saufen! Brecht euch das Genick, aber lauft!«

Schließlich erstickte auch sein Gemurmel hinter dem Vorhang aus dampfendem Eis, zu dem sein Bart geworden war.

Im Hause des Postmeisters, wo sie die Pferde wechseln mußten, war Beate wohlbekannt; sie hatte immer die Taschen voll Süßigkeiten für das Kindergewimmel, das vom ersten Schneefall bis zur Schmelze nicht vom Backofen herunterkam.

In dem niedrigen halbdunklen Raum, der vor Hitze zu beben schien, knisterten die Holzkohlen des Samowars, und es dauerte keine Minute, daß vor Beate das glühende Glas mit frischem Tschai stand. Während Dmitri und der Postmeister die Pferde aussträngten und wechselten, saß Beate am Herde und ließ die Kinder auf sich herumklettern, und unter ihren Füßen balgten sich friedlich die Schweine und die Hühner -- die Überreste des Paradieses, auf die mit weltabgewandten Augen die bunten Heiligenbilder niederblickten.

Es war völlig Abend geworden, als Dmitris Schlitten in die Stadt einbog.

Die Stadt war nicht groß -- ein sehr weit vorgeschobener Vorposten von Mütterchen Moskau. Zur Zeit des Friedens hatte sie einen starken und gesunden Pulsschlag. Aber der Krieg hatte ihr das beste Blut aus den Adern gepumpt; das dralle junge Weib war zur Vettel geworden.

Wie immer, wenn sie in die Stadt fuhr, hatte Beate alle Hände voller Aufträge für das Gut. Aber da es ihr darum zu tun war, möglichst rasch wieder nach Hause zu kommen, übertrug sie die Erledigung der Hälfte Dmitri und erklärte ihm, sie werde sich zu Fuß auf den Weg machen, das übrige besorgen und nach einer Stunde im Gasthof sein, wo er ausspannte.

Dmitri war mit dieser Anordnung durchaus nicht einverstanden. Und er wußte, auch sein Herr hätte es nicht geduldet, daß die Frau, die er Mascha nannte, zu Fuß wie eine Bäuerin durch die schmutzigen Gassen der Stadt lief, sich neben stinkende Weiber in die Läden drängte und sich mit den betrügerischen Hundesöhnen von Kaufleuten bei jedem Handel um dreißig Kopeken die Lunge aus dem Halse schreien mußte.

Aber Dmitri hatte den bedingungslosen Gehorsam der Leibeigenen noch im Blute; er widersprach nicht; er bückte sich vor der jungen Frau und tat, wie sie ihm gesagt hatte ... In einer Stunde, wie die Herrin befohlen, würde er wieder zur Stelle sein, gut, gut ... Gott schütze dich, Mütterchen ...