Chapter 11 of 20 · 3964 words · ~20 min read

Part 11

»Ja, vielleicht. Aber Sie wissen nicht, ob Sie es bis zum Ende wollen. Wer sind Sie und wer bin ich? Ich kenne nicht einmal Ihren Namen. Denn Sie sind nicht die Kate Mathew, für die Sie sich ausgeben; daraus haben Sie mir gegenüber nie ein Hehl gemacht, und das danke ich Ihnen. Und ich möchte doch gern wissen, wie Sie eigentlich heißen, damit ich Sie manchmal bei Namen nennen kann, wenn ich Sie selber rufe und nicht irgendeine fremde Frau ... Und ich möchte, daß Sie mich nennen, wie mich meine Freunde nennen, Kyrill Iwanowitsch ... Ah, ich möchte, daß Sie ein wenig Russisch könnten, um mir dieses oder jenes Wort zu sagen, das nur in der Muttersprache einen Sinn hat ...«

»Um Russisch zu lernen,« meinte Beate, »werde ich wohl kaum genügend Zeit haben, Kyrill Iwanowitsch ... Aber bei Namen will ich Sie gerne nennen, wenn Sie es wollen. Vielleicht kommt auch einmal eine Stunde, in der ich Ihnen meinen Namen sagen werde ... Aber dann müßte es Frieden sein, oder wir müßten einander in meiner Heimat wiedersehen, was ich schwerlich glauben kann, solange es Krieg ist. Können Sie sich nicht an Miß Kate gewöhnen?«

»Nein,« sagte der Russe kopfschüttelnd. »Miß Kate ist irgend jemand, aber nicht Sie ... Ich hatte eine kleine Schwester, die Mascha hieß. Sie ist als Kind gestorben; meine Mutter liebte sie nicht sehr. Meine Mutter liebte nur Jewgenij Iwanowitsch, der ein schöner und starker Mensch war und immer lachte ... Meine kleine Schwester war kein heiteres Kind, aber wir liebten uns sehr. Und sie war ein schönes Kind, obwohl sie immer vor irgend etwas zu zittern schien und sich in sich selbst verkroch. Als sie starb und begraben werden sollte, versteckte ich mich auf dem Friedhof in ihrem Grabe. Aber sie entdeckten mich, wie sie den Sarg hinunterließen, und zogen mich herauf, und meine Mutter war ganz verstört, weil sie sich vor allen Menschen meiner schämen mußte. Ich habe meine Schwester nie vergessen. Sie ist in mir lebendig geblieben, mit mir gewachsen und nun groß geworden. Aber nun weiß ich nicht mehr, wie sie aussieht, und manchmal quält mich das ... Wenn ich Ihren Namen nicht wissen soll, so möchte ich Sie Mascha nennen. Und der Name ist sehr schwer von trauriger und inniger Verehrung ...« Kyrill Petulikow lächelte ein wenig. »Das mag daher kommen, daß ich als Knabe glaubte -- und heute noch nicht ganz sicher bin, ob ich mich in meinem Glauben getäuscht habe --, daß meine kleine Schwester nun viel klüger und stärker sei als ich, weil sie das Leben und den Tod gleichermaßen überwunden hatte und bei Gott war, der sie liebte ...«

Kyrill Petulikow schwieg. Beate hatte den Arm aufs Knie gestemmt und ihr Kinn in die Hand gelegt. Sie sah mit ganz verträumten Augen in den grenzenlosen Schatten des »Meeres ohne Wasser« hinab.

»Soll ich nun sprechen?« fragte der Mann behutsam.

»Ja ... ja ...«

»Ich glaube, Sie lieben Ihr Vaterland sehr, Miß Kate, nicht wahr ...«

»Ja, weiß Gott ...«

»Sie lieben es, weil Sie an seine Zukunft glauben -- ist es das?«

»Ich weiß nicht, was der Grund ist -- und ob man überhaupt einen braucht, um zu lieben. Aber ich glaube an seine Zukunft, und ich liebe es ...«

»Ich könnte mir denken, daß es so wäre,« fuhr der Russe fort, »daß man sein Vaterland mit dem Gefühl umschlösse, das eine Mutter, die nicht wie die meine ist, für ihr Kind haben mag. Ja, das ist wunderlich, nicht wahr ... Wir sind doch selbst die Kinder des Landes und müßten zu ihm aufschauen als zu dem Älteren -- dem, das vor uns war, geheiligt durch Überlieferungen, durch die Größe des Vergangenen -- das Geliebte um der Ehrfurcht willen ... Und dennoch weiß ich: wenn ich mein Vaterland lieben würde, dann würde ich es tun in einem Gefühl -- jenem sehr verwandt, das wir für die Jüngeren haben, für die, die sind, wenn wir nicht mehr sein werden, für die Kommenden, die Zukünftigen ... in einem Gefühl des grenzenlos beglückten Beiseitestehens, unverlangend, voller Ergriffenheit, dankbar und vertrauend ...«

»Ja,« murmelte Beate.

»Und ich könnte mir auch denken, wenn das Land, das man so liebt, in den Krieg zöge, daß man mit jedem Herzschlag, mit jedem Atemzug und jedem Gedanken bei ihm wäre in Angst oder Zuversicht, weil es um ein Höher oder Tiefer die Würfel schüttelte ...«

»Ja ... ja ...«

»Ich könnte mir auch denken, daß man im Kriege sein Bestes opfert, sein Leben wegwirft und fühlt: es ist nicht zuviel ... Denn das Opfer ist gut und hat einen Sinn. Es wird Früchte tragen und gesegnet sein ... Das liebe Land, das geliebte Land wird größer durch die Opfer, die es fordert -- wir fallen ihm wie Ähren dem Schnitter, damit es neue Aussaat hat -- dieses Land, das junge, das zukünftige -- das Land von morgen ... Ja, das wäre schön. Das könnte einem dazu verhelfen, sein Leben zu lieben, nur um es als gedoppeltes Opfer darbringen zu können ... Aber Opfer, die Rußland gebracht werden, haben keinen Sinn ...«

»Das ist ein sehr hartes Wort, Kyrill Iwanowitsch ...«

»Sie werden Rußland sehen, Miß Kate -- Sie werden es mit Ihren klaren germanischen Augen sehen und werden sagen: er hatte Recht, der Kyrill Iwanowitsch ... Glauben Sie mir, es ist ein sinnloser Zufall, daß die Grenze Europas quer durch Rußland läuft. Wir gehören nicht mehr zu Europa. Wir sind Asien. Wir sind ein Koloß auf tönernen Füßen. Unsere Dichter -- und wir haben herrliche Dichter! -- halten uns den Spiegel vors Gesicht: Seht -- seht, wie ihr in Wahrheit ausseht ... Wir betrachten uns und nicken: Ja, ja, du hast Recht, Brüderchen ... aber was willst du? So sind wir nun einmal -- Gott hat uns so geschaffen ... Wenn ich das Saufen lasse, Brüderchen, so wird die Welt darum nicht besser. Und der Schnaps schmeckt mir; warum soll ich ihn nicht trinken, wenn er mir schmeckt? Er ist dazu da, um getrunken zu werden. Und wenn ich ein Beamter bin, so ist es nicht schön von mir, wenn ich mich bestechen lasse -- aber sage selbst, Brüderchen: soll ich das Geld einem anderen lassen, einem Amtskollegen, der es doch auch nur versäuft --? Wir sind allzumal Sünder vor Gott; aber Gott ist gut, er verzeiht uns ...

»Es gibt auch andere -- Schwärmer, ja ... die machen Revolutionen. Und es gibt auch Schurken; die machen den Krieg. Die einen wollen das Heil für Rußland, die anderen für sich selbst. Und die Revolutionen kosten Blut und Geld, und der Krieg kostet Blut und Geld, und wenn irgend jemand dabei gewinnt, so ist es nicht Rußland. Wir haben uns in eine Sackgasse verrannt und finden nicht den Mut zur Umkehr, das ist es ... Wenn der russische Soldat sich schlägt und sich opfern läßt, wie man Stiere opfert -- glauben Sie, er weiß, wofür er sich schlägt und geopfert wird? Es ist ein Bild zum Heulen, Miß Kate: Millionen von Menschen, die dumm und gutmütig in den Krieg ziehen -- für nichts ... Denn wenn dieser Krieg überhaupt einem Lande Nutzen bringt, dann wird es nicht Rußland sein.«

»Warum,« fragte Kate Mathew etwas hart, »gab sich Rußland dann zum Schilde von Mördern her?«

»Ich glaube, diese Frage wird man Ihnen in London besser beantworten können als in Petersburg,« antwortete Kyrill Petulikow vorsichtig.

Kate Mathew wollte etwas sagen, aber sie verschluckte es.

»Vielleicht wird man einmal behaupten,« fuhr Kyrill Petulikow fort, »daß dieser Krieg auch von Rußlands Seite aus wirtschaftlichen Gründen geführt worden ist. Und die Worte vom eisfreien Hafen und vom Einfluß in Kleinasien werden wieder auftauchen ... Aber der schönste eisfreie Hafen kann dem russischen Reiche das nicht geben, was es braucht: eine andere Volksseele ...«

Beate hob den Kopf.

»Ich habe bisher geglaubt, daß die russische Volksseele sehr liebenswert sei,« meinte sie.

»Ja. Für die anderen. Wir sind so unendlich sanft, nicht wahr ... Wir sind die Ergebungsvollen und die Ungefährlichen. Wir haben das Lächeln, das Christus hatte, als er seinen Feinden verzieh -- wissend und wehrlos. Darum wurde er auch ans Kreuz geschlagen. Aber mit all unserer sanften Ergebung in den Willen Gottes, der in Rußland sehr schlechte Statthalter besitzt, sind wir so weit gekommen, daß wir keine Rettung für den Staat mehr haben als Krieg oder Revolution. Und beide sind zwecklos. Man rettet einen blutkranken Menschen nicht dadurch, daß man ihn wirtschaftlich unabhängig macht; man erleichtert ihm höchstens sein Siechtum. Aber darauf kommt es nicht an ... Man müßte ihm ein Bethesda weisen, in dem er sich gesund baden könnte, und das liegt nicht am Persischen Golf und nicht am Bosporus. Das müßte im Herzen Rußlands selber liegen ...«

»Was nennen Sie das Herz Rußlands?« fragte die Frau.

»Das Herz jedes Volkes -- seine Mütter,« antwortete der Russe.

Kate Mathew machte eine Bewegung. »Die Mütter,« wiederholte sie. Und unwillkürlich kam das Wort sehr versonnen aus ihrem Munde.

»Ja -- die Mütter ...«

Es war wiederum eine Weile zwischen den beiden Menschen ganz still. Und als Kyrill Petulikow weitersprach, geschah es so leise und so stockend, daß die Frau Mühe hatte, ihn zu verstehen.

»Vielleicht ist es nur ein neues Narrentum -- wer weiß es? -- Vielleicht sucht man immer in dem das Alleinseligmachende, was man selbst am meisten entbehrt ... Vielleicht ist es eine Torheit mehr, die Genesung des russischen Volkes in einem Traum von sehr mütterlichen Frauen zu suchen ... Ich weiß es nicht ... Und wenn ich es auch gewiß wüßte -- das wäre noch kein Schritt weiter zur Erfüllung dieses Traumes. Es ist ein Irrtum, zu glauben, daß Unglück zur Stärkung eines Menschen notwendig und gut sei ... Die Glücklichen sind die Starken ... Und wir sind nicht glücklich. Wir betrinken uns nicht um des schönen Rausches willen und feiern unsere Feste nicht, weil wir das Leben lieben. Wir betrinken uns, weil wir dann vergessen, und sind ekstatisch heiter in der Erkenntnis, daß wir nichts anderes haben als den Taumel. Und dann kommen die grauen Stunden der Ernüchterung, aus denen es keine Errettung gibt als die neue Trunkenheit des Vergessens ... Und wir müssen sehr viel vergessen und haben nichts, daran wir uns gern erinnern -- nicht einmal die Stunden, da wir Kinder waren. Wir haben auch keine Hoffnungen -- wir haben nur das Vergessen.«

»Sie sprechen von sich selbst,« meinte Beate halblaut. Es war eine Mahnung.

»Ich spreche von mir wie von hundert und tausend anderen. Wir sind arm und müde, weil unsere Kindheit arm und müde ist und sehr einsam. Wir wissen nicht, was wir lieben sollen, und lieben uns selbst am wenigsten. Es ist etwas Gespenstisches um unsere Heiterkeit wie um unsere Trauer. Wir wissen, daß wir krank sind, aber wir glauben an keinen Arzt. Die Schönheit der Erde stimmt uns traurig. Denn es hat uns niemand gelehrt, als wir Kinder waren, daß sie für uns schön ist und uns gehört. Das Leben schenkt uns nichts, wir müssen uns alles erobern, ohne Eroberer zu sein. Denn niemand sagt uns, wenn wir Kinder sind, welchen Weg wir gehen müssen, um glücklich zu werden; vielleicht wissen unsere Mütter es selber nicht; auch das mag sein. Diese Frauen, die immer ein wenig träge sind, die das Leben bitter gemacht hat, weil sie es nicht verstanden, das Leben auszulachen -- die legen ihre breiten Schatten auf unsere kindischen Wege und nehmen uns den Glauben daran, daß unsere Zukunft einmal schöner sein könnte als ihre Gegenwart. Sie lieben uns vielleicht als Menschen, wenn wir erwachsen sind. Aber sie lieben uns nicht als Kinder, die beständig fragen, wünschen und hoffen. Und das Erbe dieser Frauen ist es, das ein Volk von Männern mit sich schleppt. Die Freudlosigkeit, die wir ererbt haben, die Sanftheit des Entsagens und der Unglaube an morgen -- das ist's, woran wir elend geworden sind. Aber nun liegt es uns im Blute ...«

»Vielleicht«, sagte Beate nach einer Stille, »wird dieser Krieg das alles wachrütteln, was an Liebe, an Kraft und Hoffnung im russischen Volke schläft ...«

»Wenn es eine Liebe ist, so ist es eine verzweifelnde,« antwortete Kyrill Petulikow. »Denn wir werden am Ende dieses Krieges an nichts reicher sein als an Gräbern.«

»So mutlos sind Sie ...«

»Ja ...«

Beate Hoyermann wandte den Kopf und sah dem Manne ins Gesicht.

»Sie sind nicht glücklich, Kyrill Iwanowitsch,« sagte sie gelind.

»Wer ist glücklich?« fragte der Russe mit einem Lächeln.

»Ich,« sagte die Frau. Dann verstummte sie. Sie legte ihren Kopf in beide Hände.

»Nun wissen Sie,« fuhr Kyrill Petulikow fort, »warum ich an dem großen Kriege weniger Anteil nehme, als Sie von einem Manne erwarteten -- und vielleicht auch zu erwarten berechtigt waren. Man kann ein großes Unglück lieben, wenn es der Weg zu großen Zielen ist. Aber das Sinnlose kann man nicht lieben ... Ich bin ein Bauer, wenn Sie so wollen, und mein Vaterland ist meine Erde, die nimmt und gibt. Aber der Bauer treibt keine Politik und kümmert sich nicht um die Händel der Welt, solange man ihm die Äcker nicht verwüstet. Und auch dann denkt er: Sie mögen die Städte und die Dörfer niederbrennen -- die Erde können sie nicht verbrennen. Und das ewige Gesetz von Saat und Ernte bleibt bestehen, wenn alle anderen Gesetze aufgehoben werden. Was will ich mehr?«

»Es würde Sie also nicht bekümmern, wenn Rußland schwer geschlagen würde?« fragte Beate Hoyermann.

»Nein, Miß Kate. Denn wenn die Männer, die Rußland in den Krieg geschickt haben, Recht behielten, dann wäre das ein viel größeres Unglück für das Land als eine Niederlage.«

»Und nach der Niederlage -- was dann?«

»Was dann? -- Nichts ... Sommer und Winter, Frost und Hitze, Samen und Ernte -- Tag und Nacht ...«

»Und Sie stehen abseits und bauen den Acker. Auch das ist schön ...«

»Sie irren sich, Miß Kate. Sie denken jetzt, auch Bauerndienst sei Vaterlandsdienst. Aber daran habe ich nicht gedacht. Und auch bei dem, was ich tun will, wenn ich in Rußland sein werde, denke ich nicht an Vaterlandsdienst ...«

»Was wollen Sie tun, Kyrill Iwanowitsch?«

Der Russe gab keine Antwort. Sie hörte an seinem Atmen, daß er reden wollte, aber er schien die Worte nicht zu finden, die er suchte. Beate Hoyermann ließ ihm Zeit. Und dann fragte sie noch einmal und mit aller Zartheit einer guten Schwester: »Mascha fragt, was Sie tun wollen, Kyrill Iwanowitsch ... Mögen Sie es ihr nicht sagen?«.

Er schwieg aber.

Beate fragte nicht weiter. Den Kopf in die Hand gelehnt, sah sie in die Dunkelheit hinein, die immer blasser und blauer geworden war. Im Nordosten über der Stadt war der Mond heraufgekommen. Er badete die Stirn der Sphinx mit einem kühlen, weißen Licht. In El Kafr heulten die Hunde; sie hatten Furcht. Die Nacht am Saume der Wüste hatte keinen Frieden; sie war ganz unerlöst und schön wie eine schöne Tote.

»Warum fragten Sie mich, Miß Kate?« sagte Kyrill Petulikow tonlos.

»Sie wollten mich wie Ihre Schwester nennen -- warum tun Sie's nicht?«

»Ich weiß nicht, ob Sie mir antworten würden, wie Mascha getan hätte ...«

»Versuchen Sie's nur, Kyrill Iwanowitsch,« sagte die Frau, in der stillen Sicherheit ihres Herzens gütig und fest.

Kyrill Petulikow holte tief Atem.

»Sie haben meinen Bruder nicht gekannt,« begann er. »Er war der Abgott meiner Mutter, weil er ihr Ritter war. Während er lebte, liebte sie ihn; als er gestorben war -- und als ein Held gestorben --, betete sie ihn an ... Miß Kate, Kain war kein Russe ... Was wissen wir, wieviel er litt, bevor er Abel erschlug?«

»Haßten Sie Ihren Bruder so sehr?« fragte Beate mit einer schweren Bewegung.

»Nein. Ich haßte ihn nicht. Aber ich wünschte, ihm ähnlich zu sein. Jewgenij Iwanowitsch ähnlich sein, das hieß: ganz sorglos, ganz leichtsinnig, ganz ohne Schwermut sein, niemand in Wahrheit lieben und die Liebe aller besitzen. Ich wünschte mir nur eine Liebe: die meiner Mutter. Diese Sehnsucht meiner Kindheit und meiner Knabenjahre ist mir sehr treu geblieben ... bis auf den heutigen Tag ... Und vielleicht habe ich das Mittel gefunden, meine Mutter zu zwingen, daß sie mich wenigstens nach meinem Tode liebt ...«

»Wollen Sie sterben, Kyrill Iwanowitsch?«

»Nein. Nicht so ... so ohne Sinn ...« Kyrill Petulikow beugte den Kopf in den Nacken und sah in den lichtgetränkten Himmel hinauf. »Es ist vielleicht eine närrische Torheit ... nun, was mehr? In meinem Leben ist nichts, das weise wäre. Und ich kenne nichts Schöneres, als zu fliegen -- die Erde unter sich wegsinken zu sehen -- losgelöst zu sein von allen Gesetzen, denen wir hier unten dienstbar sind ... Ich habe einen Freund, der auch Flieger ist; er war nicht sehr glücklich vordem ... Nun hat er den Rausch gefunden, dem kein Ekel folgt ... dieses Gaukeln mit dem Tode ... Mein Bruder ging in den Krieg und fand den Tod im Meere ... Da sie mich als Soldat nicht brauchen können und meine Mutter mir das nicht verzeiht ...«

»O Kyrill Iwanowitsch --!«

»Was wollen Sie, Mascha? Es ist so ... Sie liebt mich nicht, weil sie nicht stolz auf mich sein kann. Und es mag närrisch sein, das gebe ich freilich zu -- aber ich sehne mich nach der armen Rechtfertigung meines Lebens, daß ich den Tod nicht fürchtete ... und daß meine Mutter es erfahren wird ... ja, danach sehne ich mich sehr ...«

»Sie lieben Ihre Mutter, Kyrill Iwanowitsch ...«

»Ja,« sagte der Mann. »Ja, ich liebe meine Mutter ... Oder ich weiß nicht einmal, ob ich sie liebe ... Ich möchte nur, daß sie mich liebt und daß ich ein Recht dazu hätte, es von ihr zu fordern -- da sie mir das Recht nicht schenkt ...«

»So einsam sind Sie?« murmelte die Frau.

»Wir alle sind einsam, der eine mehr, der andere weniger, Mascha ... Und dieses große Einsamsein macht uns zu Schwächlingen ... Jetzt spreche ich, weil es Nacht ist und weil wir am Rande der Wüste sind und gleichsam unkörperlich zwischen zwei Ewigkeiten. Morgen, wenn es Tag sein wird und wir in der Stadt einander wiedersehen werden, bereue ich es wahrscheinlich, daß ich ein Schwächling war und Sie beim Namen meiner toten Schwester nannte, um Ihnen meine tiefste Seele in die Hände zu schütten ... Kennen Sie die Sage von den Memnonsäulen? ... Ich glaube, wir alle haben eine Stunde, in der wir zu klingen anfangen ... Und dann verstummen wir wieder und sind Stein ... Man sagt, die Memnonsäulen klingen bei Sonnenaufgang ... Sie sind in mein Leben hineingetreten, Mascha, wie ein starkes, klares Licht und haben alles in mir zum Klingen gebracht, was steinern war ... Sie brauchen nicht zu erschrecken ... Was ich sage, ist ganz ehrfürchtig und ohne Wunsch. Ich habe Sie an jenem Tage -- in jener Nacht, da die ›Princeß of India‹ unterging, gesehen, wie Sie sich mit beiden Händen ins Haar griffen, weil da auf dem untergehenden Schiffe ein Mann war, dem das Blut übers Gesicht lief, und ich habe ihre irren Augen gesehen und die Gebärde, mit der Sie sich ins Meer warfen ... Und ich habe Sie gesehen, wie Sie die Augen schlossen, als ich Ihnen sagte, der Mann sei gerettet worden ... Sie haben Ihr Geheimnis, und ich rühre nicht daran. Und ich sage Ihnen, was ich davon erriet, nur, um Sie meiner ganz sicher zu machen ...«

Beate Hoyermann faltete die Hände und hob sie vor ihre Stirn; und dann ließ sie sie auf die Knie fallen und reckte sich in den Schultern.

»Ich will kein Geheimnis vor Ihnen haben, Kyrill Iwanowitsch,« sagte sie fest, und die Worte fielen klingend in die Stille. »Ich habe Ihr Vertrauen genommen wie ein Geschenk und gebe Ihnen das meine ... Der Verwundete, den Sie auf dem Schiffe gesehen haben, war mein Mann.«

Kyrill Petulikow sagte nichts. Er wartete.

»Er hat als Heizer die Reise auf der ›Princeß of India‹ angetreten, wie ich als Stewardeß, um nach Hause zu gelangen ...«

»Nach England?«

»Nach Deutschland ...«

Stille ...

Kyrill Petulikow hob die Hand und fuhr sich über die Stirn.

»Sie müssen Ihr Vaterland sehr lieben,« sagte er still.

»Das tun wir. Und nun habe ich's in Ihre Hände gelegt, Kyrill Iwanowitsch, ob ich den Weg nach Hause finden werde oder nicht ...«

Kyrill Petulikow lächelte schwermütig.

»Sie irren sich, Mascha ... Selbst wenn ich wollte -- ich könnte nichts gegen alle Ihre Schritte tun. Ich glaube, Sie sind einer von jenen Menschen, die in ihrer Liebe gehen wie in einem Mantel aus Stahl und Gold; nichts kann sie verletzen noch aufhalten. Wie die Heilige der Sage gehen sie mit schlafwandlerischer Sicherheit über Drachen und Teufel, die sich unter ihre Füße werfen ... Das Leben ist sehr seltsam, Mascha. Immer gibt es uns so viel, daß wir von dem, was mehr wäre, träumen müssen ... Auch das ist sehr schön ... Ich will Ihnen helfen ...«

»Geben Sie mir die Hand, Kyrill Iwanowitsch,« sagte Beate.

Der Russe nahm die Hand, die sie ihm gab, und hob sie an seine Lippen. Aber er küßte sie nicht. Er bog den Kopf in den Nacken und gab ihre Hand wieder frei.

»Wollen wir gehen?« fragte er, atemholend.

Beate stand auf. Sie weckten ihre schlafenden Helfer und begannen den Abstieg, dem der Mond leuchtete.

»Ich möchte noch einmal der Sphinx ins Gesicht sehen,« sagte Beate.

Schweigend wanderten sie durch den feinen losen Sand.

Das volle Licht des Mondes lag auf dem kantigen Schädel des Rätsels der Jahrtausende. Und um den Mund der steinernen Riesin lag der grauenhafte Zug des Alleswissens und der Erkenntnis in das Nichts alles Irdischen. Und ihre toten Augen, die dem Sonnenaufgang entgegensahen, waren voll grenzenloser Gleichgültigkeit gegen das Lebende.

Schweigend, wie sie gekommen waren, gingen die Menschen.

Auf dem Heimwege nach Kairo, den Achmed der Eseljunge nur unter standhaften Anrufungen Allahs auf sich nahm, blieb Kyrill Petulikow, plötzlich anhaltend, stehen.

»Was war das?« fragte er und neigte den Kopf auf die Seite.

Beate hatte nichts gehört. Achmed, der an die Dämonen der Wüste dachte, fing an, die heilige Fatah zu beten.

Über sein Flüstern hinweg ging ein heller, bretterner Ton. Es klang, wie wenn dünne, harte Hölzer sehr rasch gegeneinandergeschlagen werden.

»Gewehrfeuer,« flüsterte Beate. Sie kannte den Laut aus ihren ostafrikanischen Tagen.

Kyrill Petulikow trieb seinen Esel an. Achmed trabte ihm dicht zur Seite. Er fürchtete sich anscheinend bedingungslos vor Menschen und Geistern.

Plötzlich stieg aus dem trübgoldenen Schimmer der noch fernen Stadt eine feine, sehr helle Flamme nadelspitz in die Luft. Und Sekunden später folgte der Knall, den die Entfernung schwächte.

»Das sieht nicht sehr nach nächtlicher Übung aus,« murmelte der Russe.

Als sie näher kamen, schwirrte die Luft von einem grellen, doch schon erstickenden Geschrei.

An der Nilbrücke standen zwei Posten, das Gewehr schußfertig in der Hand. Sie verweigerten die Freigabe des Weges in die Stadt.

»Was ist denn los?« fragte Kyrill Petulikow durch Beates Vermittlung, die sich als gute Britin auswies. Die Posten zuckten die Achseln. Achmed schimpfte und machte sich mehrerer Beamtenbeleidigungen schuldig. Nach einer Stunde ergebnislosen Hinundherredens kam die Ablösung der Wache aus der Stadt, mit ihr ein Offizier, an den sich Kate Mathew wandte, um gegen den Eingriff in die von Gott und aller Welt anerkannte persönliche Freiheit jedes britischen Staatsangehörigen Verwahrung einzulegen.

Der Offizier hörte sie ruhig bis zu Ende und sagte dann, ziemlich einsilbig: »Es ist Krieg ...«

»In Ägypten --?!«

»Es scheint so ... Sie können weiterreiten ... Gute Nacht ...«

»Was heißt das?« fragte Kyrill Petulikow unterdrückten Tones, als sie die Brücke hinter sich hatten.

Beate zuckte die Achseln. Sie atmete fieberhaft, und ihre Augen funkelten vor Freude.

»Wartet --!« sagte sie vor sich hin, und nun sprach sie deutsch. »Wartet nur!«

Am anderen Morgen erfuhren sie, daß in dieser Nacht zwanzig Rädelsführer eines meuternden indischen Regiments erschossen worden seien. Ein Pulvermagazin war in die Luft geflogen ...

Die Stadt war ruhig ...

7

»Lieber Freund!