Part 9
Die englischen Frauen und Mädchen, die kein Wort von dem verstanden, was er sprach, merkten doch, daß er ein Geistlicher war und mit dem Schöpfer des Himmels und der Erde verhandelte; sie warfen sich neben ihm auf die Knie, reckten die Hände in die Höhe und mischten das irre Gestammel ihrer Angst mit seinem ruhigen und fast gewaltigen Beten.
Die schneidende Stimme des Ersten Offiziers hallte scharf und hoch über das ganze Schiff: »Wenn der Befehl zum Verlassen des Schiffes gegeben wird -- die Frauen zuerst in die Boote --!«
Der Chilene kam, völlig betrunken, die Treppe heraufgestolpert. Er war kreideweiß im Gesicht.
»Die Boote sollen ins Wasser gelassen werden!« schrie er und rannte torkelnd in die Menschen hinein. »Wo ist der Kapitän --? Die Boote sollen ins Wasser gelassen werden --!«
»Verhalten Sie sich ruhig, Herr --!« antwortete ihm der Erste Offizier mit einem grimmigen Ton.
Aber der Chilene bekam einen mächtigen Verbündeten. Drüben auf dem deutschen Kreuzer blitzte es zum zweiten Male auf, und das Gebrüll des Schusses erschütterte die gepeitschte Luft, und diesmal schlug das Geschoß keine Schiffslänge mehr hinter der »Princeß of India« ins Wasser. Der aufspringende Wind trieb die Tropfenschleier des hochgeschleuderten Geisers über die Menschen hin, aus deren Mitte ein verworrenes Geschrei aufstieg und Worte gewann und schließlich drohende Fäuste.
»Der Dampfer soll halten --! Der Kapitän soll das Zeichen geben, daß er halten will --! In einer Minute können wir alle in die Luft fliegen --!«
Der betrunkene Chilene war der Wortführer einer Schar, die ständig wuchs; er erzwang sich mit den rücksichtslosen Ellbogen der Trunkenheit und der Angst den Weg zum Kapitän.
»Herr, lassen Sie das Schiff halten!« brüllte er, und um so lauter, je mehr ihm das Grausen vor dem Erleben dieser Nacht nach der Kehle griff. »Wir befehlen Ihnen, daß Sie das Schiff halten lassen --!«
»Ich verbiete Ihnen, sich in meine Angelegenheiten zu mischen,« sagte der Kapitän sehr scharf, denn er wußte recht gut, daß hinter dem Chilenen eine brandende Mehrheit stand. Es ging um die Kommandogewalt auf der »Princeß of India«.
»Ihre Angelegenheiten, Herr --?!« brüllte der Chilene. »Wenn wir von dem Satan hinter uns in Grund und Boden geschossen werden, so ist das ebensogut unsere Angelegenheit wie die Ihre --! Und wenn Sie sich weigern -- Herr, ich sage, wenn Sie sich weigern,« wiederholte er und schrie in der Fistel, während er dem Kapitän mit beiden Händen vor dem Gesicht herumfuchtelte, »dann werden wir uns der Leitung des Schiffes mit Gewalt bemächtigen --! Dann sind Sie Kapitän gewesen! Dann machen wir selbst die Boote klar --!«
Der Kapitän der »Princeß of India« hob den Revolver in Augenhöhe.
»Den ersten, der sich untersteht, einen Schritt zu tun, den ich nicht billige,« sagte er klingend, »schieße ich über den Haufen -- auf mein Wort! Verhalten Sie sich ruhig, Myladies und Gentlemen! Ich habe die Verantwortung -- das kann Ihnen genügen.«
Es trat ein Augenblick der Stille ein, in dem nichts zu hören war als das Keuchen des fliehenden Schiffes und das Tosen des Wassers, nichts als das Schluchzen einiger Frauen und die gehobene Stimme des Missionars, über dem die volle Heiterkeit einer geliebten Pflichterfüllung lag.
Das leise Jammern Jelisaweta Petulikowas war verstummt und hatte der Stumpfheit Platz gemacht, die auf alles gefaßt ist und sich in alles ergibt. Sie hockte auf ihren eigenen Fersen und war durch nichts zu bewegen, aufzustehen und sich bequemer unterbringen zu lassen. Sie hatte den Kopf mit den halbgelösten Haaren in die Arme vergraben und zitterte unaufhörlich. Sie antwortete auf keine Frage mehr.
Neben ihr standen ihr Sohn und ihre Pflegerin. Und Kyrill Petulikow ließ seine Augen mit einem sonderbaren Ausdruck auf der Frau ruhen, deren Blicke nicht den Himmel, nicht das Meer, nicht die Menschen suchten -- nur das Schiff hinter ihnen -- nur den deutschen Kreuzer.
Kate Mathew wußte es ebensogut wie der Chilene, wie die jammernden Frauen und Kinder, wie der Kapitän und die Männer, die sich und ihre Angehörigen mit Rettungsgürteln versahen: das war eine Fahrt auf Leben und Tod. Und der Kreuzer fraß die Entfernung zwischen sich und dem Engländer. Er mußte -- er würde ihn einholen ... Der nächste Schuß würde der »Princeß of India« in den Flanken sitzen, so gewiß da drüben deutsche Matrosen an den Geschützen standen.
Und wenn sie dann in die Rettungsboote gehen mußten -- die See war aufgeregt wie die Menschen ... Es gab keine Gewähr gegen das Unglück. Und der nächste Schuß aus den Kruppschen Geschützen konnte, zu hoch gehalten, das Deck treffen, an Stelle des Schiffsrumpfes -- konnte mittenhineinschlagen in die Menschenmasse, die sich jammernd zusammendrängte und sinnlose Schutzwände suchte.
Und doch war der Ausdruck auf dem Gesicht von Kate Mathew, das weiß und leuchtend im vollen Schein der feindlichen Lichtströme stand, nicht Furcht, nicht Haß, nicht Verstörtheit noch Ergebenheit ...
In ihren Augen, die sich ganz weit aufgetan hatten, in ihren Händen, die sich falteten, in dem Sichöffnen ihrer Lippen, die nicht lächelten, doch stets dazu bereit schienen, lag eine solche Inbrunst der Liebe, wie Kyrill Petulikow sie noch niemals auf einem Menschengesicht gesehen hatte.
Und darüber staunte er sehr, und seine Gedanken gingen wunderliche Wege.
Die Frau neben ihm wußte nicht, daß sie beobachtet wurde. Vielleicht wäre es ihr in dieser Stunde auch gleichgültig gewesen. Sie sah dem deutschen Kriegsschiff in die flammenwerfenden Augen hinein und spürte eine närrische Sehnsucht, niederzuknien und zwischen Jauchzen und Weinen das deutsche Schiff bei Namen zu rufen: »Du --! Du --!«
Sie liebte die Lichtkegel, die die Dunkelheit zerfraßen und das englische Schiff in den starken Klauen hielten wie an straff gespannten, bebenden Seilen.
Sie liebte die breite Fahne, die da drüben im Luftzug dieser rasenden Wettfahrt knatterte und die sie nur mit den Sinnen ihrer Seele hörte und sah; sie liebte das sprühende Feuer, das aus den drei Schloten wehte; sie liebte die Rauchstandarte, die im Winde flog und flackte.
Sie liebte -- ja, sie liebte das Aufblitzen und Aufbrüllen der deutschen Geschütze und würde das Geschoß lieben, das mit jeder Sekunde hineinschlagen konnte in den Rumpf des englischen Schiffes, und wenn's auch um den Preis ihres eigenen Unterganges wäre -- sie würde es doch lieben ...
Denn all dies war ein Stück Heimat -- ein Stück von Deutschland, das im Kriege stand mit der halben Welt -- etwas von allem, dem in dieser Zeit ihre tiefste und schmerzlichste und ihre gläubigste Liebe galt -- Heimat, Volk und Vaterland ...
Und der Gedanke erfüllte sie mit einer heimlichen und grenzenlosen Glückseligkeit: da unten, da, wo das Herz des Schiffes schlug, schlug auch das Herz eines Menschen, der fühlte wie sie ... Auf diesem von sinnloser Flucht gejagten Menschenboot, innerhalb dieser keuchenden, glühenden, von Wut und Angst geschleuderten Menge, die zu Gott im Himmel um Rettung schrie, war einer, der grimmig und herzlich lachte -- einer, der nur darauf wartete, daß die »Princeß of India«, die sich gutwillig nicht ergab, vom nächsten scharfen Schuß des deutschen Kreuzers getroffen der Vernichtung in den Rachen taumelte -- und wenn er mit hinunter müßte ... mit einem letzten Gedanken inbrünstigen Hasses und inbrünstiger Liebe ...
»Nicht ohne mich, mein Mann,« flüsterte Beate und suchte mit ihrer Hand, wie sie in diesen Tagen oft getan, den Pulsschlag der Maschinen, die ein Gruß aus der brüllenden Tiefe waren; »nicht ohne mich ...«
Kyrill Petulikow sah, daß ihre Lippen sich regten; aber er verstand nicht, was sie sagte -- er beugte sich zu ihr ... und im nächsten Augenblick taumelten sie beide -- wie die Fichten um den Tempel der Göttin mit den schönen Augen, als das Erdbeben sie warf.
Diesmal hatten sie gut gezielt auf dem deutschen Kreuzer ...
Das dröhnende Rollen des dritten Schusses mischte sich mit dem kreischenden Laut, der die Flanken der »Princeß of India« zerriß -- und mit dem aufgellenden Schrei der Menschen, die er halb zu Boden warf.
Jelisaweta Petulikowa lag auf den Knien und krallte ihre beiden Hände in das Kleid ihrer Pflegerin; der Mund stand ihr offen und war ganz verzerrt. Sie hatte den Blick einer Wahnsinnigen und schrie ununterbrochen nach ihrem toten Sohne. Ihr Schreien war das eines Kindes, das vor Schrecken verrückt geworden ist.
Beate bückte sich zu ihr und nahm den Kopf der Heulenden mit beiden Armen an ihre Brust. Auch ihre Augen, ihre Lippen standen weit offen -- aber sie lauschte auf etwas anderes.
Mitten in dem tosenden Durcheinander von Rufen, Schluchzen, Brüllen, Pfeifen hörte sie: die Maschinen der »Princeß of India« arbeiteten nicht mehr im Takt.
Alle ihre Pulse waren in Verwirrung geraten. Jetzt rasten sie, und jetzt hielten sie fast gänzlich inne -- und waren wie der Herzschlag von einem, der mit dem Tode ringt.
Das Geschoß war in den Maschinenraum geschlagen ...
Die »Princeß of India« jagte noch immer wie von tausend Teufeln besessen durch das zischende Wasser. Aber was sie vorwärts trieb, war nur noch der eigene Schwung der Bewegung. Sie gehorchte der Steuerung nicht mehr. Der ungeheure Leib des Schiffes taumelte wie betrunken.
Aus allen geöffneten Ventilen trillerte der abblasende Dampf mit einem Zischen, das die Ohren taub machte. Das Schiff schrie, als sollten die Sirenen platzen.
Rauch quoll aus der Tiefe ...
Der Chilene torkelte über das Deck und krallte die Finger in die Luft.
»Feuer --!« gellte seine Stimme auf. Und noch einmal: »Feuer --!«
Dann fiel er hin und schlug mit den Fäusten und Füßen um sich.
In einem Augenblick wußten es alle, daß er Recht hatte: Die »Princeß of India« brannte in ihrer Tiefe.
Das zerreißende Jammern der Weiber, die ihre Kinder in den Armen hielten, deckte die Stimme des Kapitäns zu, der den Befehl zum Halten gab. Er hatte es nicht mehr nötig. Die »Princeß of India« war am Ende ihrer Kraft. Noch ein paar hundert Meter vorwärts geschleudert ohne Willen, lag sie treibend auf dem Wasser.
Langsam, unendlich langsam und dennoch merklich, neigte sie sich, wie ein ungeheurer Riese, dem eine Flechse durchschnitten wurde.
Die Turbogeneratoren, die den Lichtstrom erzeugten, arbeiteten nicht mehr. Das Schiff war in seinen Tiefen so dunkel wie die Tiefe des Meeres. Aber die Scheinwerfer des deutschen Kreuzers badeten seinen Untergang mit weißem, ganz enthüllendem Licht, das ohne alle Wärme unbarmherzig war.
Das Schiff, das die deutsche Kriegsflagge trug, fegte mit der wundervollen und federnden Kraft all seiner bedingungslos gehorchenden Muskeln an die »Princeß of India« heran. In dem Augenblick, da das erjagte Schiff seine Rettungsboote ins Wasser ließ, setzte auch der Kreuzer seine sämtlichen Boote aus. Zwischen den beiden Riesen, über die sich, das Licht der Scheinwerfer für Minuten trübend, der schwere Qualm der Schornsteine wälzte, tanzten die schnellen und beweglichen Geschöpfe auf den Kämmen der eingepreßten Wellen, mit ausgestreckten Riemen, stoßbereit wie Vögel.
»Die Frauen in die Boote --!« brüllte der Kapitän.
»Die Frauen in die Boote --!« brüllten die Offiziere.
Kyrill Petulikow wollte seine Mutter aufheben. Sie sträubte sich; sie hatte eine wahnwitzige Angst vor den gleichgültigen, langen und greifenden Wellen, die ein Boot voller Menschen schleudern wie einen Ball. Sie fühlte nicht, daß die »Princeß of India« sich mehr und mehr neigte, achtete nicht auf den Rauch, der aus allen Luken dunkel quoll -- sie fühlte nur, daß sie noch festen Boden unter den Füßen hatte, und wollte ihn nicht verlassen.
Mit Gewalt schleppten Kyrill und Kate Mathew die Frau, die verzweifelt um sich schlug, nach der Stelle, wo die Ausbootung vor sich ging.
Der Erste Offizier des deutschen Kreuzers schwang sich an Deck der »Princeß of India«. Er grüßte den Kapitän.
»Ich bedaure, durch den Fluchtversuch Ihres Schiffes zu Gewaltmaßregeln gezwungen worden zu sein,« sagte er. »Ich habe jedoch nicht viel Zeit. Jeden Augenblick können englische Kreuzer auftauchen. Bitte, beeilen Sie sich. In fünf Minuten muß das Schiff verlassen sein; wir sind im Krieg.«
Der Kapitän grüßte. Mit der Uhr in der Hand verfolgte der deutsche Offizier das Fortschreiten der Rettungsarbeit.
Es waren hauptsächlich Frauen an Bord der »Princeß of India« gewesen. Sie hatten den Kopf verloren und wehrten sich teils verzweifelt gegen die Hände, die sich nach ihnen ausstreckten, teils sprangen sie blindlings über Bord, ins Wasser, das über ihnen zusammenschlug -- in die schon gefüllten Boote hinein, denen, die sich darin zusammendrängten, daß die Bemannung die Riemen nicht mehr rühren konnte, auf die Köpfe.
Die Frau und die Töchter des Schweizer Missionars befanden sich im zweiten Boot und streckten unter jammerndem Schreien die Arme nach dem Mann und Vater aus, der noch auf Deck des Schiffes stand und unentwegt seine starken und fast freudigen Gebete in das Toben der Verwirrung schickte.
Die beiden Töchter von Sir Hugh Trelawney hielten sich eng umschlungen und warteten, totenblaß und entschlossen, bis die Reihe an sie kommen würde. Sie schienen sehr geneigt zu sein, dem deutschen Kreuzer die Vernichtung der »Princeß of India« zu vergeben, weil er seine Sache sportsmäßig tadellos gemacht hatte. Dafür besaßen sie Verständnis.
»Drei Minuten,« sagte der deutsche Offizier laut.
Der Chilene, den angesichts der doppelten Gefahr von Wasser und Feuer die Seekrankheit mit allen Krallen gepackt hatte, stieß einen gurgelnden Schrei aus und arbeitete sich mit wütenden Ellbogenstößen eine Gasse durch die Frauen, die ihm vorgezogen wurden.
Der Kapitän der »Princeß of India« nahm ihn beim Kragen und schüttelte ihn wie einen nassen Hund ... »Feigling, infamer --!«
Aber die Angst um sein Leben gab dem Betrunkenen doppelte Kräfte. Er riß sich los und sprang über die Reling, schlug mit flachem Körper auf den Rand eines Bootes auf, das eben abstoßen wollte, und glitt ins Wasser. Von der nächsten Welle zurückgetrieben, stieß das Boot mit voller Wucht gegen den Körper des Schiffes -- gerade in dem Augenblick, als der Chilene wieder auftauchte. Er stieß einen grauenvollen Schrei aus, den niemand hörte, denn die heranrollende Welle spülte über seinen aufgerissenen Mund ... Ein Matrose bückte sich, um nach dem Versinkenden zu greifen; aber der ging unter wie ein Sack.
Kyrill Petulikow trug seine Mutter die Treppe hinab; irgend jemand nahm sie ihm aus den Armen; sie wehrte sich nicht mehr. Sie war ohnmächtig geworden.
»Miß Kate!« schrie der Russe und sah sich nach allen Seiten um. »Miß Kate --!«
Kate Mathew antwortete ihm nicht.
Sie wollte das Schiff nicht verlassen, ehe sie nicht mit eigenen Augen gesehen hatte, daß auch die Heizer alle es verließen. Sie verkroch sich in einen dunklen Winkel und preßte die Zähne in ihre Hand.
»Nicht ohne dich, Gerd ... nicht ohne dich ...«
Sie hörte das Rufen Kyrill Petulikows, aber sie drückte sich nur noch tiefer in ihr Versteck ...
»Nicht ohne dich ... nicht ohne dich ...«
Es waren keine Frauen mehr an Bord -- nur sie allein. Die männlichen Fahrgäste verließen das Schiff, das Personal, die Offiziere -- und die Heizer. Aber der, den sie suchte, war nicht dabei.
Von den Heizern waren drei oder vier verwundet ... Einen mußten sie ins Boot hinuntertragen. Sein nackter Oberkörper war mit einem Tuch verhüllt, das dunkle Flecken zeigte.
Kyrill Petulikow suchte noch immer und rief nach ihr, die nicht hören wollte.
»Fertig --?«
»Nein, um Gottes willen, nein --!«
»Bitte, beeilen Sie sich -- es ist die letzte Minute ...«
Das Wort jagte die Frau aus ihrem Winkel hervor. Sie wollte in das Schiffsinnere hinunter. Sie wollte den Mann suchen, den sie vermißte. Sie würde den Weg wiederfinden, den sie damals gegangen war. Sie würde nach ihm rufen -- mochte dann geschehen, was wollte ...
Bei dem ersten Schritt, den sie tat, entdeckte Kyrill Petulikow ihren Schatten. Er stolperte auf sie zu und griff nach ihr.
»Kate -- Kate, haben Sie den Verstand verloren --?!«
Er zerrte sie hinter sich drein; sie wehrte sich wie ein wildes Tier. Sie wollte ihm sagen: »Lassen Sie mich los! -- Lassen Sie mich frei --!«
Aber in der fürchterlichen Verwirrung dieser Stunde fehlten ihr die Worte der fremden Sprache. Sie konnte sich nicht besinnen, und wenn der Weltuntergang daran gehangen hätte, was das für Laute waren, die sie in diesem Augenblick brauchte. Sie rüttelte an den Armen, die sie hielten, und biß in die Hand, die ihre Hände fesseln wollte.
Mit schleifenden Füßen hängte sie sich, so schwer sie konnte, an die Kraft des Mannes, den sie ermüden wollte. Aber sie vermochte nicht, ihn zu bewegen, daß er sie losließ. Die deutschen Worte sprangen ihr bettelnd auf die Lippen, aber sie würgte sie mit einer ungeheuren Anstrengung hinunter. Nichts verraten -- ihn nicht -- sich nicht ... Heiliger Gott im Himmel!
»Fertig --?«
Der deutsche Offizier sprang in das letzte Boot. Gleichzeitig mit dem seinen stieß auch das, in dem Kyrill Petulikow, Beate quer vor sich in den Armen haltend, angelangt war, von der »Princeß of India« ab.
Beate ließ sich zu Boden fallen; sie krallte mit beiden Händen in ihr Haar.
Als das letzte Boot dreißig Meter von dem verlorenen Schiffe entfernt war, erschien droben, an der Reling der »Princeß of India«, ein Mann, dem das Blut über das Gesicht lief. Er hob den nackten Oberkörper; der linke Arm gehorchte ihm nicht; er winkte mit dem rechten. Und er schrie mit der ganzen Kraft seiner Lungen zu den deutschen Matrosen hinüber: »Kameraden --!«
In dem Boot, in dem Kyrill Petulikow saß, entstand eine Bewegung. Eine Frau war aufgesprungen und hatte sich mit einem Rufe, den niemand verstand, ins Wasser geworfen, um nach der sinkenden »Princeß of India« zurückzuschwimmen.
Ein Mann neben ihr, ein englischer Matrose, packte sie bei den Haaren und hob sie ins Boot zurück, wo sie regungslos liegenblieb.
»Es ist nichts, es ist nichts,« sagte er gleichmütig und schob ihr seinen Rock unter den triefenden Kopf. »Sie hat wahrscheinlich den Verstand verloren.«
6
Wellen kamen -- aus einer unendlichen Tiefe her. Sie stiegen auf ... müde, müde ... waren so dunkel und so schwer wie schwarzer fließender Marmor. Und immer, wenn sie dem Lichte des Bewußtseins und dem Tage nahe kamen, ebbten sie langsam wieder zurück und versanken in einem Meere von Verwirrung und Unlösbarem.
Beate schlief nicht. Sie träumte auch nicht. Sie lag nur unbeweglich und fühlte mit weit offenen Augen, wie die dunklen Wellen aus ihrer Tiefe heraufkamen und zu ihr emporstiegen, immer schwerer, immer breiter -- langrollend und unaufhaltsam. Im nächsten Augenblick würden sie über sie wegfluten oder sie fassen und mit sich saugen in die grenzenlose Dunkelheit, aus der sie gekommen waren, um wieder in ihr zu versinken.
Dann suchte sie irgend etwas, an das sie sich anklammern konnte -- vermochte kein Glied zu rühren und fühlte das Versagen ihrer Lungen, wollte schreien und schrie doch nicht ...
Denn immer, wenn sie die Lippen öffnen wollte, blitzte als einziges Licht in der Finsternis das Warnen ihres Verstandes auf: nichts verraten -- verrate dich nicht ...
Dieses wachende Licht erlosch nicht einmal im Fieber. Aber es war schuld daran, daß ihr Puls und ihr Hirn nicht zur Ruhe kommen konnten -- daß sie mit fliegendem Atem und dem Herzschlag eines kleinen kranken Kindes in der Kabine des holländischen Dampfers lag, der die Mehrzahl der Fahrgäste von der »Princeß of India« dem deutschen Kreuzer abgenommen hatte.
Von der »Buitenzorg« wehte der Heimatwimpel; sie kam von Batavia und wollte nach Amsterdam. Kyrill Petulikow und seine Mutter hatten beabsichtigt, auf gleichem Wege heimzukehren, wie sie ausgefahren waren. Aber die Pforte hatte die Dardanellen gesperrt, und schon der Gedanke an die Möglichkeit, noch einmal zwischen zwei Staaten zu geraten, die in Meinungsverschiedenheiten waren, genügte, um Lisa Petulikowa krank zu machen -- um so mehr, als die Ereignisse, die hinter ihr lagen, ihrer Gesundheit schon einen schweren Stoß versetzt hatten.
Kate Mathew fehlte ihr.
Die junge Holländerin, die ihre Pflege übernommen hatte, konnte sich mit ihr nicht verständigen und brachte die Kranke, der alle Nerven bebten, zu Weinkrämpfen durch die Unerschütterlichkeit ihrer heiteren Seelenruhe, durch ihre roten Pausbacken und ihre blanken Augen -- und durch die unschuldige Freude, die sie an den Tag legte, wenn Lisa Petulikowa das Essen zurückschickte.
Am Tage, bevor die »Buitenzorg« in den Suezkanal einfuhr, fragte Kyrill Petulikow, ob er Kate Mathew sprechen könne.
Der Schiffsarzt zuckte die Achseln. Gewiß könne er das; aber es sei die Frage, ob sie ihm antworten würde. Sie war nicht eigentlich krank; es lag nur eine Starrheit über ihr, wie über einem Menschen, den der Schreck versteint hat. Es bestand nicht die geringste Gefahr für ihr Leben; aber es schien, als weigere sie sich, zum vollen Bewußtsein zurückzukehren. Ihr Geist tastete sich einen weiten Weg zurück, aus der Dunkelheit ins Licht; aber wenn sie an der Türe des Erkennens stand, die Klinke schon in der Hand hatte, schauderte sie und kehrte wieder um -- tauchte von neuem unter im Nichts.
Kyrill Petulikow sagte, er wolle sie trotzdem sprechen. Sie sei die Pflegerin seiner Mutter gewesen und habe immer gewußt, wie man am besten mit der Kranken fertig werden konnte. Vielleicht war sie doch imstande, ihm das Mittel zu nennen, das sie angewandt, um Lisa Petulikowa zur Ruhe zu bringen ...
»Versuchen Sie's,« meinte der Arzt. »Es wäre ein großes Glück, wenn es Ihnen gelänge, dieses Mädchen aus seiner Stumpfheit aufzurütteln. Der Zustand, in dem sie sich befindet, erinnert verzweifelt an eine beginnende Geisteskrankheit ...«
Kyrill Petulikow antwortete nicht.
Das saubere und freundliche Geritje, das die Kabine mit Kate Mathew teilte, war sehr erstaunt, als der junge Russe bei ihnen eintrat; es lächelte sein hübschestes Lächeln und wollte ihm das Feld überlassen. Aber Kyrill Petulikow nickte ihr zu, sie möge nur getrost dableiben. Von Geritje wußte er, daß sie kein Französisch verstand.
Kate Mathew hatte seinen Eintritt nicht bemerkt.
Sie lag, wie sie seit vielen Tagen zu liegen pflegte, mit weit offenen, trockenen Augen, die nichts sahen, und mit krampfhaft geschlossenen Kinnbacken, als müsse sie etwas in ihrem Munde festhalten, an dem ihr Leben hing. Ihre Hände, die ganz durchsichtig geworden waren, lagen bleich und schmal ausgestreckt auf der bunten Decke ihres Bettes. Ihre Wangen waren so eingefallen, daß sich alle Zähne dahinter abzeichneten. Sie glich sich selbst so wenig, daß Kyrill Petulikow Mühe hatte, sie zu erkennen.
Und er dachte, während er auf sie niedersah, daß Kate Mathew nicht der Mensch war, den die Angst, das eigene Leben zu verlieren, um seinen klaren, starken Verstand brachte.
Er hatte nicht nach Kate Mathew gefragt um seiner Mutter willen; aber er glaubte, vielleicht sei die Mahnung an ihre Pflicht das einzige, was imstande war, die Wand zu durchstoßen, die sie vom Bewußtsein schied.
»Miß Kate,« sagte er behutsam, indem er sich über sie beugte, »meine Mutter ist sehr leidend; sie verlangt nach Ihnen. Werden Sie kommen?«
Ja, nun war es geschehen. Nun hatte eine andere Hand die Türe aufgemacht, vor der Kate Mathew sich so geängstigt hatte. Sie schrak zusammen und faltete die Stirn, als besänne sie sich auf die Worte, die sie gehört; und dann begriff sie.
Es ging nicht an, daß man sich vor dem Leben verkroch und sich taub und blind stellte. Das Leben kannte seine Diensttauglichen ganz genau und rüttelte sie wach, wenn es glaubte, daß es Zeit sei.
Sie war nicht Beate Hoyermann, die sich fallen lassen durfte und ihre Not austrinken wie eine Schale voll von betäubendem Wein. Sie war Kate Mathew, Stewardeß auf der »Princeß of India« und Pflegerin einer kranken Frau, die nach ihr verlangte.
In ihre Augen kam der Blick zurück. Sie faßte die Gegenstände und den Menschen, der sich über sie beugte, und begriff sie und was sie von ihr wollten.
»Ja,« sagte sie, die Lippen regend, als müsse sie erst wieder sprechen lernen. »Ja, ich komme.«
Kyrill Petulikow hatte noch weitersprechen wollen; aber die Enge und Ungemütlichkeit des Raumes bedrückte ihn.
Er sagte: »Danke, Miß Kate,« und ging hinaus. Auf dem Gang, den sie durchschreiten mußte, wartete er auf sie.
Er brauchte nicht lange zu warten.