Part 14
Da drüben heulen sie, die deutschen Wölfe ... Man hat sie zu Paaren getrieben und kitzelt sie mit langen guten Messern ... O, nur ein wenig, nur zum Spaß ... Es soll ihnen nicht ans Leben gehen ... Obgleich es gut wäre, wenn man sie samt und sonders mit einem guten Strick aus der Welt beförderte ... Was meinst du, Brüderchen? Haben sie's etwa nicht verdient?
Kniet nieder, ihr schmutziges Gesindel, und bittet um euer Leben ...!
Greise, Frauen und Kinder -- weiter niemand ... Die Männer waren schon längst aus der Stadt getrieben worden -- nach Sibirien verschickt -- geradeswegs aus den Betten in die Untersuchungsgefängnisse und dann in die Bahnwagen. Man machte wirklich nicht viel Federlesens mit ihnen ... Warum sollte man es mit denen machen, die übriggeblieben waren?
Die eine oder andere der Frauen war schön ... Und wenn man ihnen die Kinder nahm, wurden sie vielleicht auch willfährig.
»He, du Kleine, komm her --!«
Das Kind, von den Flammen, dem Geschrei, dem Blut im Schnee und an den Fäusten der Männer zu Tode geängstigt, verkroch sich noch tiefer hinter den Rock seiner Mutter, die am Boden lag und heulte.
»Komm her, sag' ich dir --!«
Das Kind gehorchte. Aber die Mutter fuhr in die Höhe, schnellte auf, als seien ihre Knie von Stahl.
»Rühr das Kind nicht an!« schrie sie. Allen Jammer, alle Verzweiflung, allen Haß funkelten ihre Augen dem Menschen entgegen, der nach ihrem Kinde griff.
»Ruhig, ruhig, meine Taube -- sonst wird man es dir beibringen ...«
»Seht doch, seht doch --! Wassilij Petrow im Kampf mit der deutschen Wölfin! He, he, Wassilij -- nimm dich in acht! Sie hat blanke Zähne!«
»Willst du loslassen, verdammte Bestie?!«
Aber das Weib ließ nicht los. Sie hatte ihm die Zähne in die Hand gegraben und krallte sich in seinen Rock.
»Du Teufel --! Du elender Teufel --!«
Wassilij Petrow wehrte sich nicht sehr. Er war mehr erstaunt als erzürnt. Er sah auf die Frau hinunter, die ihm mit den Zähnen am Leibe hing -- und dann machte er eine Bewegung -- nur eine ganz kleine. Er war ein starker Kerl, der Wassilij -- alle Achtung! Wie sie beiseiteflog, die deutsche Beißzange -- wie ein Sack Lumpen ...
Da lag sie ...
Wassilij Petrow bückte sich über sie ... »Nun, meine Taube --? Wirst du jetzt vernünftig sein --? Komm her --!«
Er richtete sich auf. Eine Faust war ihm ins Gesicht geschlagen. Die Faust einer Frau, die mit ihrem Leibe die Liegende deckte.
»Du Feigling --!« sagte die Frau mit einer ganz tiefen, schwingenden, von Ekel und Empörung gesättigten Stimme. Ihre Augen sprühten ihn an. »Du Feigling --!«
Wo kam die fremde Frau her? Sie sprach deutsch ... Sie trug einen kostbaren Pelz und hatte blonde Haare ...
Nikolai Sontscheff duckte sich, schlich an den Häusern hin und rannte zuletzt ...
Eine dürre, schmutzverkrustete Hand schob sich vor Beates Mund. Eine Stimme zischelte ihr am Ohr: »Wenn der Frau Baronin lieb is ihr Leben, soll se sein ganz still und laß mich machen.«
Beate bog den Kopf zurück; ihre Augen suchten. Sie kannte den Mann, der sich vor ihr hin in den Schnee warf, ihre Füße küßte und ihr Kleid und einen Schwall von russischen Worten über sie ergoß. Allmählich verstand sie ... ja, ja, der gute alte Nathan, der Raritätenhändler aus der Jüdengass' -- Nathan Löb hieß er, nun besann sie sich ... Der wollte sie schützen. Der gab sie für eine Russin aus -- vielleicht gar für eine Fürstin, alter Nathan, wie? -- es kam dir nicht darauf an ... Du merktest nur, daß die deutsche Frau, die freundlich zu dir, zu deiner Frau und deiner Tochter gewesen war, in eine brandhelle Gefahr hineingelaufen war mit ihrem zornigen und von Mitleid überströmenden Herzen ... Und da sannst du dir ein gutes Märchen aus, braver alter Löb ...
Aber es sollte dir nichts helfen -- und der Frau auch nicht, vor der du dich als ein lebendiger Schild aufgerichtet hattest ... Nikolai Sontscheff hatte flinke Füße, trotz seiner Betrunkenheit ... Und er hatte ganz genau gewußt, wo er die Polizei finden würde ... Bei Michail Michailowitsch ...
Eine Hand legte sich auf die Schulter der Frau. Sie fuhr herum ...
»Was ist --?!«
»Kommen Sie ...«
»Wohin --?«
»Auf die Wache ...«
Vor Beates Augen tanzte die ganze Welt. Sie straffte sich in den Knien; aber sie schwankte doch.
»Was soll ich -- auf der Wache --?!«
»Das werden Sie dort erfahren ... Kommen Sie ...«
Sie ging.
Nathan Löb, der alte Raritätenhändler aus der Jüdengass', blieb auf den Knien liegen und drückte seinen mürben, ratlosen Kopf in beide Hände ...
Die Polizisten führten Beate durch drei, vier Gassen; sie kamen an ein sehr langgestrecktes, graues Gebäude mit vergitterten Fenstern. Posten schritten davor auf und ab. Sie wandten neugierig die Köpfe.
Durch zwei eiserne Tore und einen Gang, in dessen steinernen Gewölben sich die Laute ihrer Füße fingen, kamen sie auf einen engen, viereckigen Hof, der völlig leer war. Eine Türe tat sich auf. Ein dunkler Flur ... Stufen, ausgetreten und krumm ... eine Öllampe an der Windung der Treppe; Tabaksqualm -- Stimmen und Faustschläge auf dröhnende Tischplatten. Dann abermals eine Tür, die sich öffnete ...
Um einen Tisch, den die Holzwürmer zerfressen hatten, saßen fünf oder sechs Polizisten, die beim Eintritt der Frau und ihrer Begleiter die Köpfe wandten. Sie spielten Karten und ließen sich nicht stören. Nur einer, der auf einem dreibeinigen Schemel an der Tür gesessen hatte, stand auf, wechselte ein paar Worte mit den Neuangekommenen und verschwand, ohne einen Blick auf Beate geworfen zu haben, im Nebenzimmer.
Einige Augenblicke später stand Beate Hoyermann vor einer Schranke, die sie von mehreren Beamten trennte, deren Tätigkeit vor kurzem auch das Kartenspiel gewesen sein mußte, denn die französischen Blätter und Haufen von kleinen und großen Münzen lagen noch auf den Tischen.
Einer von Beatens Begleitern erstattete Meldung. Der älteste der Beamten forderte die Frau mit einer Handbewegung auf, näher zu treten. Beate gehorchte, ohne zu zögern. Sie sammelte alle ihre Kraft.
»Darf ich fragen, Madame,« begann der Russe in fließendem Deutsch, »wie es gekommen ist, daß Sie sich in eine Angelegenheit des Straßenpöbels mischten?«
Beate, die auf eine andere Frage vorbereitet gewesen war, zögerte einen Augenblick. Aber dann hob sie den Kopf in den Nacken und sagte, ebenfalls deutsch redend: »Weil ich zu meinem Bedauern feststellen mußte, M'sieur, daß die Polizei nicht zur Hand war, um wehrlose Frauen und Kinder vor der Gemeinheit des Straßenpöbels zu bewahren.«
Der Beamte sah seine Kollegen an und lächelte ein wenig.
»Deutsche Frauen und Kinder -- nicht wahr?« fragte er weiter.
»Allerdings, M'sieur ...«
»Und eben, weil es deutsche Frauen und Kinder waren, fühlten Sie sich veranlaßt, sie in Ihren Schutz zu nehmen ...«
»Die Nationalität würde in keinem Falle bei mir eine Rolle spielen, wenn es sich um die Verhütung einer Gemeinheit handelt,« sagte Beate etwas herb.
»Sehr anerkennenswert ... Aber man hat gehört, wie Sie Deutsch sprachen, Madame ...«
»Sie selbst sprechen ein ausgezeichnetes Deutsch, M'sieur ...«
»Es ist ein Vergnügen, mit Ihnen zu verhandeln, Madame -- Sie führen eine vortreffliche Klinge,« sagte der Beamte mit einer Verbeugung. Beate antwortete nicht.
Der Beamte nahm ein Aktenformular aus dem Pult und legte es vor sich hin.
»Wenn ich recht unterrichtet bin, wohnen Sie augenblicklich auf dem Gute von Kyrill Iwanowitsch Petulikow -- nicht wahr?«
»Ich bin die Pflegerin seiner Mutter,« sagte Beate.
Der Beamte lächelte leicht.
»Es dürfte Ihnen nicht unbekannt sein,« sagte er, »daß man Sie in der Stadt in nähere Beziehung zu Kyrill Petulikow selbst als zu seiner Mutter bringen will, Madame ...«
Beate verstand nicht gleich. Und dann lief ihr das Blut übers Gesicht. Im nächsten Augenblick war sie kalkweiß bis zu den Lippen.
»M'sieur,« sagte sie, und ihre Augen funkelten, »ich genieße den ehrerbietigsten Schutz im Hause Kyrill Petulikows, den sich eine verheiratete Frau wünschen kann.«
Der Beamte verbeugte sich.
»Sie sind also verheiratet?«
»Ja.«
»Mit wem?«
»Das tut nichts zur Sache.«
»Ganz wie Sie wollen, Madame ... Gestatten Sie mir eine andere Frage: --« und er nahm einen Brief aus dem Aktenbogen, den er Beate reichte ... »haben Sie dieses Schreiben verfaßt und heute zur Post gegeben?«
Beate nahm den Brief nicht; sie erkannte ihn beim ersten Blick. Es war der, den sie an Tystendal geschrieben.
»Ja,« sagte sie.
»Sie werden es begreiflich finden, Madame, daß sich der Staat in diesen Zeiten -- zur eigenen Sicherheit -- um die Angelegenheiten seiner Bürger mehr noch als sonst bekümmern muß ...«
Er sah die Frau an; aber Beate schwieg.
»Der Brief ist geöffnet an uns übergeben worden; und die Polizei hat ihn gelesen ... Er enthält einige Punkte, die im Zusammenhang mit anderen Ereignissen nicht uninteressant für uns waren ... Doch zuvor noch etwas anderes.« Er nahm abermals den Aktenbogen zur Hand. »Haben Sie dies hier geschrieben?«
Beate nahm den Zettel, den er ihr bot.
»Ja,« sagte sie. Es war der Zettel, den sie auf der Post verloren zu haben glaubte. Sie wurde rot vor Zorn.
»Wie kommt es, Madame,« fuhr der Beamte in seinem Verhör fort, »daß sie deutsche Worte mit russischen Buchstaben geschrieben haben?«
»Zur Übung,« sagte Beate einfach.
»So ... Sie lernen also Russisch?«
»Ja. Ist das ein Verbrechen?«
»Etwas Ähnliches, Madame ... Wenigstens in diesen Zeiten ...«
»Das verstehe ich nicht.«
Der Beamte zuckte die Achseln.
»Es muß um so verwunderlicher erscheinen, als Sie -- nach diesem Brief zu urteilen -- die Absicht haben, Rußland recht bald wieder zu verlassen!«
»Bei der ersten Gelegenheit, die sich mir bietet.«
»Das heißt -- Sie wünschen nach Deutschland zurückzukehren,« sagte der Beamte, ohne Beate anzusehen.
»Ja,« sagte sie kurz und fest. Wenn ihr Leben davon abgehangen hätte -- es wäre ihr unmöglich gewesen, »nein« zu antworten.
»Sie sind also deutsche Staatsangehörige?«
»Ja.«
»Mit einem deutschen Manne verheiratet?«
»Ja.«
Der Beamte machte eine Pause.
Dann wandte er sich Beate ganz zu und sah ihr mitten ins Gesicht.
»Darf ich um Ihren Paß bitten, Madame?« sagte er mit vollkommener Höflichkeit.
Beate öffnete ihre Tasche, die sie im Muff getragen hatte, und übergab ihm den Paß. In diesem Augenblick wußte sie, daß sie verloren war. Sie stand aufrecht und still.
Der Beamte prüfte den Paß, ohne daß sich in seinem Gesicht irgendeine Regung gezeigt hätte.
»Dieser Paß ist gefälscht?« fragte er.
»Es ist der Paß einer anderen,« antwortete Beate.
»Weiß Kyrill Iwanowitsch oder seine Mutter, daß Sie Deutsche sind?«
»Nein,« sagte Beate, ohne sich zu besinnen.
Der Beamte schob den Paß zu den übrigen Stücken der Akten.
»Ich bedaure, Madame, durch Ihr Verhalten dazu gezwungen zu sein, Sie verhaften zu lassen,« sagte er höflich, aber sehr ernst.
Beate schluckte.
»Warum?« fragte sie dann. Sie fragte es fast nur, um Zeit zu gewinnen.
»Sie stehen unter dem dringenden Verdacht der Spionage ...«
»Das ist ein Irrtum,« sagte Beate still.
»Ich hoffe es um Ihretwillen, Madame,« antwortete der Beamte.
Er drückte auf einen Klingelknopf. Einer der Polizisten trat ein. Der Beamte sagte ihm nur zwei Worte. Der Polizist öffnete die Tür ...
Und Beate folgte ihm ...
8
Nathan Löb hatte keinen Schlitten, aber er hatte einen Karren. Und er besaß keine Pferde, aber er besaß Freunde. Das kam auf eins heraus.
Er schickte seinen Sohn in den Hof hinunter; er mußte den Karren abladen, die Räder losschrauben und den Karren auf Kufen setzen. Das war eine Arbeit von zwanzig Minuten. Und Nathan Löb selber lief in der Nachbarschaft umher und fragte, wer ihm zwei Pferde leihen wollte. Da er ein ehrlicher Mann war, fügte er gleich hinzu, es sei sehr möglich, daß er die Pferde zu Tode jagen würde. Aber Nathan Löb stand im Rufe, zwei Pferde recht gut ersetzen zu können. Er bekam sie.
Er sagte keinem Menschen, wohin er fahren wollte. Er dachte: was einer nicht weiß, das verrät er nicht. Als er die Stadt hinter sich hatte, hieb er auf die Gäule ein, daß sie den Schlittenkarren hinter sich dreinrissen, als säße ihnen der Satan im Genick. Sie hatten es nicht allzu schwer. Sie liefen auf der Spur eines anderen Schlittens, der die gleiche Richtung hielt. Und dem Mann, der diesen Schlitten gelenkt hatte, mußte es auch nicht auf das Leben oder die Beine seiner Pferde angekommen sein. Der Schlitten hatte Sprünge gemacht wie ein Ball ...
Als Nathan Löb beim Postmeister anlangte und Pferde von ihm forderte, sagte der Mann, er habe keine. Nathan Löb griff in die Tasche seines Kaftans und klimperte mit gutem Silber. Der Postmeister blieb dennoch bei seiner Behauptung. Nathan Löb sagte, er wolle die Pferde kaufen und ihm außerdem die anderen überlassen. Der Postmeister führte ihn in den Stall und zeigte ihm die Gäule, die er drin stehen hatte. Aber sie standen nicht, sie lagen. Ein Knecht rieb sie mit Strohwischen. Nathan Löb betrachtete sie, schüttelte den Kopf und ging hinaus. Nein, die konnte er nicht brauchen. Sie dampften noch von der letzten Fahrt. Und das war keine gute gewesen.
Die Frau des Postmeisters, die auf dem Ofen lag und ihr jüngstes Kind säugte, wollte wissen, was es denn drin in der Stadt gegeben habe ... Der Dmitri vom Gut sei dagewesen, habe die halbtoten Pferde ausgewechselt und sei wie verrückt gewesen. Was habe es denn gegeben, bei allen Heiligen --?
Nathan Löb blinzelte.
»Nu -- was soll es gegeben haben --? Nichts ... Die Leute machten sich ein Späßchen ... Warum sollen sie sich nicht ein Späßchen machen bei den ernsten Zeiten, so gut sie es verstehen? -- Hübsche Kinderchen hast du, Mütterchen, unberufen -- und gesunde Kinderchen ... Hundert Jahre sollst du werden und hundert Enkel haben, Mütterchen ... Gute Nacht ...«
Die Postmeisterin zog ihr Jüngstes fester an sich und seufzte. Sie stützte den Ellbogen auf und legte das Gesicht in ihre flache Hand. Dann hustete sie .... Es war Winter. Und der Winter pflegte sehr lange zu dauern ... Nun, man mußte Geduld haben ... Einmal nahm alles ein Ende ...
Nathan Löb fuhr weiter ...
Zwanzig Werst hinter dem Postmeisterhause, etwa auf halbem Wege zum Gut, lag ein dunkler Klumpen im Schnee. Das war der Schlitten von Dmitri. Er war umgefallen und halb im Schnee versunken. Dmitri hatte die Pferde ausgesträngt. Das eine stand mit hängendem Kopfe, und der Wind blies ihm die lange Mähne um Hals und Augen. Das andere lag am Boden; es war tot. Der Schlag hatte es getroffen. Unter seinen Nüstern fletschten die ganz entblößten Zähne. Der Schaum an den Lefzen war zu Eis geworden.
Mit triefendem Gesicht arbeitete Dmitri, um den Schlitten wieder aufzurichten. Er wandte sich, wischte sich den Schweiß aus den Augen und winkte.
»Jude, hilf mir und gib mir deine Pferde!«
Nathan Löb betrachtete sich das Bild. Er schüttelte den Kopf.
»Warum soll ich dir geben meine Pferde, daß du mir die fährst auch noch kaput?« fragte er. »Wenn du willst fahren aufs Gut, Dmitri, komm auf meinen Karren. Wirst du fahren e bissel langsamer, aber sicherer mit dem alten Juden. Wenn mer hat Eile, is e totes Pferd nix nutz. Oder biste gefahren wie meschugge, bloß um dich selber zu bringen in Sicherheit --?«
Dmitri sagte nichts. Er spannte das ledige Pferd neben dem ersten des Juden ein, kletterte auf den Karren und griff nach den Zügeln. Aber Nathan Löb schüttelte den Kopf und hielt sie fest. Dmitri ließ ihn gewähren. Er merkte sehr bald, daß der Jude die Gäule nicht schonte. Als sie auf dem Gute anlangten, war es zehn Uhr.
Lisa Petulikowa schlief noch nicht. Sie wartete auf ihre Pflegerin. Es war noch niemals vorgekommen, daß Kate Mathew länger als vier Stunden in der Stadt geblieben wäre, ohne auf irgendeinem Wege Nachricht zu schicken, daß sie aufgehalten worden sei. Kyrill Iwanowitsch hatte alle Welt angerufen -- niemand wußte etwas. Mit einem Male hatte das Amt keine Antwort mehr gegeben, was die Unruhe und Besorgtheit noch gesteigert hatte.
Kyrill Iwanowitsch war im Begriff gewesen, den nächsten besten Ackergaul zu nehmen, um nach der Stadt zu reiten und nach Beate zu suchen. Aber Lisa Petulikowa lag ihm mit ihrer krampfhaften Furcht vor dem Alleinbleiben vor den Füßen. Sie traute keinem Menschen außer ihm, Kate Mathew und Dmitri. Wenn alle sie zu gleicher Zeit verließen, würde sie verrückt werden vor Angst.
Also blieb er.
Das Zimmer Beatens war das einzige, von dem aus man nach der Landstraße blicken konnte, die zur Stadt führte. Kyrill Petulikow hatte es noch nie betreten. Jetzt schlich er um die Türe herum wie ein Verfluchter um die Kirchentür. Und endlich drückte er die Klinke nieder.
Das Zimmer war unverschlossen. Kate Mathew hatte keine Geheimnisse, die man mit Schlüsseln sichern konnte. Die warme Dunkelheit und der Duft des Menschen, der es bewohnte, gab ihm etwas von der Lebendigkeit des Menschen selbst. Die drei kleinen Fenster glotzten bleich und in ihrer Dreiheit gespenstisch wie die Augen eines Märchenwesens.
Kyrill Petulikow drückte den Kopf an die kühle, gleichgültige Scheibe. Er war sehr hilflos, weil er schweigsam sein mußte. Er starrte die Straße an, als sei sie verantwortlich für das, was auf ihr entlang kommen mußte -- und endlich auch kam.
Mit zwei Pferden war Dmitri fortgefahren; mit dreien kam er zurück. Kyrill Petulikow war sehr geneigt, diesen unvermuteten Zuwachs des Reichtums für ein böses Zeichen zu halten. Für sein Wesen war das Unvermutete und Unvorhergesehene auch immer das Unglückbringende.
Er lief quer durch das ganze Haus; Lisa Petulikowa öffnete ihre Türe; ein Lichtschein fiel auf die ersten Treppenstufen; die anderen verloren sich im Dämmer des Lämpchens vor dem bunten Heiligenbild.
»Kyrill --! Kyrill, wohin läufst du so --?«
»Sie kommen!« antwortete Kyrill Petulikow. Er riß seinen Hut vom Nagel und zerrte an den Riegeln der mächtigen Haustür. Lisa Petulikowa beugte sich über das Treppengeländer.
»So nimm doch den Pelz, Kyrill!« rief sie. »Willst du dir den Tod holen --? Was willst du mit dem Hut anfangen? Der Wind bläst ihn dir fort, ehe du ans Tor gekommen bist ... Um der Heiligen willen, Kyrill, laß dir den Pelz bringen! Es ist dein Ende, wenn du so hinausgehst --!«
Kyrill rüttelte an der Türe, die er nicht öffnen konnte, weil die Riegel seinen unruhigen Händen widerstanden.
Die Stimme Lisa Petulikowas jammerte fort; hinter ihrer breiten Gestalt tanzte das Licht ihres Zimmers.
»Sprich nicht zu mir, hörst du --!« schrie Kyrill Petulikow in einer plötzlichen Wildheit. Er sah seine Mutter mit einem Blick an, der sie von ihrem Posten verscheuchte. Knirschend riß er an dem trägen Eisen, das endlich nachgab. Die Türe flog auf. Im gleichen Augenblick, da Kyrill Petulikow auf den Hof hinauslief und der Schneewind ihm den Atem nahm und den Hut vom Kopfe fegte, läuteten die Schlittenglocken unter der Einfahrt in das Gut.
Kyrills Augen bohrten sich in die Dunkelheit. Er unterschied zwei Gestalten auf einem Gefährt, das nicht das seine war, und keine davon war eine Frau.
»Dmitri --!!«
Niemals in seinem Leben hatte der Diener seinen Herrn in Wut gesehen. Er hatte sich aus den Decken des Karrens befreit und war von seinem Sitz gesprungen, bevor Nathan Löb die Pferde zum Stehen bringen konnte.
Jetzt fiel er mitten im Schnee auf die Knie.
»Herr, -- Herr, ich kann nichts dafür --! Bei der Seele meiner toten Mutter -- ich kann nichts ...«
»Wo hast du die Frau gelassen --?!«
Kyrill Petulikow stand vor ihm, barhäuptig, Dampf vor dem Munde. Er schüttelte den Diener an beiden Schultern, wie ein starker Hund ein Wild schüttelt.
»Wo hast du die Frau gelassen -- du ...?!«
»Ich kann nichts dafür, Herr! -- Ich kann nichts dafür --!«
»Wofür kannst du nichts! Willst du reden? -- Wofür kannst du nichts --?!«
»Ich kann nichts dafür, Herr -- bei meiner armen Seele! -- Ich kann nichts dafür!«
Kyrill Petulikow ließ ihn los. Dmitri fiel ganz in sich zusammen und lag, ohne sich zu rühren, im Schnee, den Kopf zwischen die Hände drückend, als erwarte er einen Hieb ins Genick. Ratlos und in erbitterter Verzweiflung blickte Kyrill Petulikow auf das Bündel Menschheit zu seinen Füßen nieder, das der Schreck um jeden Rest seines Verstandes gebracht zu haben schien.
Ein vorsichtiger Finger rührte ihn an.
»Wollen wir nicht gehen ins Haus, Herr?« fragte Nathan Löb zuredend. »Es nützt nichts, daß Sie schlagen Ihren Diener zu Brei ... sind andere, die müßten zerschlagen werden, da drin in der Stadt ... Muß noch vieles geschehen in dieser Nacht, Herr, wenn es nicht sein soll zu spät ... Hat Dmitri gemeint, Eile sei das Beste ... Hat er gefahren ein Pferd zu Tode. Hat er es gut gemeint -- nu ... kann er dafür, daß er war allein und wußte nicht zu helfen sich selbst und der Herrin?«
»Wo ist sie?« fragte Kyrill Petulikow. Er hatte nichts von allem gehört, was der Jude sagte. Er hatte nur begriffen, daß der Jude etwas von dem wußte, was geschehen war -- vielleicht auch alles. Er fragte und fuhr sich mit der Hand über die Stirn, die vom Schweiße troff: »Wo ist sie --? Weißt du, wo sie ist --?«
»Gehen wir ins Haus, Herr!« bat der Jude und zerrte an Dmitri, der noch immer wie ein Sack am Boden lag. »Willst du aufstehen, alter Bursche --? Wird dich der Herr nicht fressen, weil du ein Narr gewesen bist! Steh auf -- he!«
Dmitri rührte sich nicht. Der Jude zuckte die Achseln und wandte sich ab. Kyrill war ins Haus gegangen; er wartete, in der Türe stehend, auf Nathan Löb. Als sie verschwunden waren, taumelte Dmitri von den Knien auf, klopfte sich den Schnee vom Leibe und rieb sich den Schädel. Und dann fing er die Pferde ein und brachte sie in den Stall. Aber er tat alles, als sei er betrunken. Als er fertig war, fiel er ins Stroh zwischen die Hufe der Pferde, die zu müde waren, um zu fressen. Und so schlief er ein. Denn Dmitri war über siebzig Jahre alt, und das Leben hatte ihm das Mark aus den Knochen gesogen. Er schnarchte mit offenem Munde.
Nathan Löb hatte die Haustüre hinter sich geschlossen.
»Wo ist die Frau ...?« fragte Kyrill Petulikow. Er stand mit dem Rücken gegen den Tisch im Flur gelehnt und stemmte die Hände rückwärts auf die Platte.
»Müßt' ich lügen, Herr, wenn ich wollte sagen, ich wüßte, wo sie ist,« antwortete der Jude und hob die Hände. »Aber ich hab' gesehen mit meinen eigenen Augen, wie sie ist worden verhaftet und fortgeführt ...«
»Was sagst du --?« murmelte Kyrill Petulikow und beugte sich vor.
»Ich sag' die Wahrheit, Herr -- Gott soll mir helfen!«
»Sie ist verhaftet worden --?«
»Verhaftet, Herr!«
»Aber warum -- warum! -- im Namen Gottes?!«
»Nu, Herr -- warum wird mer verhaftet in Rußland? Gott behüte, der alte Nathan Löb will nichts gesagt haben! -- Aber warum wird mer verhaftet aus heiterem Himmel als e anständiger und feiner Mensch --? Wenn mer hat e Herz für die Armen, für die Juden, die se haben ausgeräuchert, die Henker ... wollen Se verzeihen, Herr ... und für die Deutschen, denen se haben eingeschmissen die Fenster und die Türen, denen se haben angezunden die Dächer über den Köpfen, denen se haben gegossen das brennende Öl über die feinen guten Stoffe und haben e mächtiges Feuer angerichtet und hineingeschmissen alles, was hat werden können zu Asche ... Se haben können sparen für de ganze Nacht de Straßenbeleuchtung von der halben Stadt, Herr, wahrhaftig ...«
»Wo ist die Frau --?« fragte Kyrill Petulikow mit einer gewaltsamen Drehung seines Nackens. Er glaubte den Dunst des Brandes zu riechen, der schwelend aufstieg von der fernen Stadt.