Part 7
»Gut. Und nun zu Ihnen, gnädige Frau ... Ihre Lage ist nicht ganz einfach. Es kann den japanischen Behörden nicht verborgen bleiben, daß Ihr Mann verschwunden ist. Sie dürfen sogar fest davon überzeugt sein, daß sie recht bald darauf aufmerksam werden. Für diesen Fall halte ich es durchaus nicht für ausgeschlossen, daß der Verdacht, der durch den Tod jenes armen Narren eingeschläfert wurde, von neuem auflebt und sich auch gegen Sie richtet. Sie haben es nie versäumt, Ihr Deutschtum und Ihre Vaterlandsliebe in einer Weise zu betonen, die jedes Mißverständnis in dieser Richtung ausschließt. Und bei einiger Beobachtungsgabe, die ich der japanischen Geheimpolizei in hohem Maße zutraue, wird man zu dem Schluß kommen, daß Sie sehr wohl die Frau sind, von Gefühlen zur Tat überzugehen.«
»Und die Folgen davon?«
»Welche das auch sein mögen -- auf keinen Fall dürfte es im Sinne Ihres Mannes sein, wenn Sie sich ihnen aussetzten,« sagte Tystendal.
»Weiter ...« sagte Beate und sah ihn aufmerksam an.
»Ich möchte Sie darum bitten, sich in den Schutz irgendeiner Persönlichkeit zu begeben, die nicht nur dadurch, daß sie Ihnen Gastfreundschaft gewährt, jeden Verdacht gegen Sie von vornherein entkräftet, sondern durch ihre Stellung auch in der Lage ist, Sie gegen jeden Übereifer zu schützen, von welcher Seite der auch kommen möge.«
»Und welche Persönlichkeit meinen Sie?«
»Den amerikanischen Konsul.«
»Danke,« sagte Beate. »Der Mann spricht Englisch. Wahrscheinlich denkt er auch in dieser Sprache. Wir würden uns schwerlich verstehen.«
»Er ist der Vertreter einer neutralen Macht, gnädige Frau.«
»Es gibt keine Neutralität der Gesinnung,« sagte Beate. »Jeder ergreift Partei, wenn auch nicht jeder die Konsequenzen zieht. Ich will es lieber nicht darauf ankommen lassen, die Probe auf die Gesinnung des Amerikaners zu machen. Ich wüßte nicht, was mich veranlassen könnte, die Farben des neutralen Sternenbanners für waschecht zu halten. Der Grundstock der amerikanischen Presse ist das englische Geld; das wollen wir nicht vergessen. Haben Sie die Zeitungen gelesen?«
»Ja.«
»Und glauben Sie, was Sie da gelesen haben?«
»Ich denke gar nicht daran,« antwortete der Schwede kopfschüttelnd.
»Ich danke Ihnen.«
»Es scheint eine Art von Delirium über die amerikanische Presse gekommen zu sein,« fuhr Tystendal fort. »Jede Zeitungsüberschrift eine Kinoreklame ... Dabei kann man ihnen allein nicht einmal die Verantwortung zuschieben. Sie drucken, was ihnen die englischen Kabel übermitteln. Denn es gibt keine deutschen Kabel mehr. Und wir können uns ziemlich fest darauf verlassen, daß den Herren der Vereinigten Königreiche, die Amerika mit Kriegsberichten versorgen, bei der Übersetzung Ihrer Generalstabsmeldungen -- soweit sie sich auf deutsche Siege beziehen -- plötzlich die Vokabeln ausgehen werden.«
Beates Lippen verzogen sich in schmerzlichem Hohn.
»Nun!« sagte sie und beugte sich im Sitzen vor. »Glauben Sie wirklich, lieber Freund, ich würde es gelassen mit ansehen, wenn der amerikanische Konsul mit seiner ehrenwerten Familie beim Frühstück die deutsche Flotte verspeist, beim Dinner den Kronprinzen mit englischer Soße und beim Abendessen drei bis vier deutsche Armeekorps +à la+ Eiffelturm zubereitet --? Ich würde ihm, wenn er es wagte, zu behaupten, daß er den Wahnsinn seiner Zeitungen für wahr hielte, diese seine sämtlichen Zeitungen an den Kopf werfen, so wahr ich Beate Hoyermann heiße. Und hätte im gleichen Augenblick sein Haus verlassen. Und dann stünde ich auf demselben Fleck wie vorher.«
»Gut, gut,« sagte Tystendal mit einem flüchtigen Lächeln. »Ich ziehe meinen Antrag zurück. Und ich bitte Sie, mir Ihre Vorschläge zu machen. Denn ich müßte mich sehr in Ihnen täuschen, wenn Sie nicht bereits Ihre festen Pläne hätten, Frau Beate Hoyermann ...«
»Sie haben Recht,« antwortete Beate. »Und mein Plan ist sehr einfach ... Ich will nach Deutschland zurück.«
Christian Tystendal sah die Frau, die vor ihm saß, an und zog die Augenbrauen hoch.
»Wenn Sie das einen einfachen Plan nennen, so möchte ich wissen, was Sie unter einem verwickelten verstehen, gnädige Frau,« sagte er, ohne zu lächeln.
»Ich glaube, Sie mißverstehen mich,« antwortete Beate. »Ich bin mir der Schwierigkeiten durchaus bewußt. Aber ich habe mich entschlossen, es mit ihnen aufzunehmen ... Und ich wende mich nun an Sie, weil Sie der Freund meines Mannes sind. Sie haben mir gesagt, daß ich mich auf Sie verlassen kann; nun nehme ich Sie beim Wort.«
Christian Tystendal stand auf und begann im Zimmer hin und her zu gehen. Die Augen Beates folgten ihm mit großer Aufmerksamkeit. Sie unterbrach sein Nachdenken mit keiner Bewegung.
»Würde es Sie sehr stören, gnädige Frau,« begann der Schwede nach einer Pause, »wenn ich mir eine Zigarre ansteckte?«
»Höchstens als Symptom,« meinte Beate. »Denn mein Mann pflegte zur Zigarre zu greifen, wenn die Sachlage kritisch wurde ...«
»Abermals eine Ähnlichkeit zwischen Ihrem Manne und mir,« sagte der Schwede trocken.
Beate legte die Hände zusammen. »Sie müssen ganz offen sein,« meinte sie mit jener aufmerksamen und sanften Gelassenheit, um derentwillen Gerhard Hoyermann seine Frau »Kamerad« zu nennen liebte.
»Das muß ich wirklich, gnädige Frau,« antwortete Tystendal. Er setzte sich ihr gegenüber und betrachtete den Brand seiner Zigarre. »Wie haben Sie sich Ihren Weg nach Deutschland gedacht?«
»Über Kiautschou,« sagte Beate. »Das ist deutscher Boden. Und da finde ich deutsche Menschen. Von dort aus will ich mir schon weiterhelfen.«
Christian Tystendal zog die Oberlippe zwischen die Zähne. »Ich fürchte, gnädige Frau, wenn Sie nach Kiautschou gingen ... Sie würden dort nicht lange auf deutschem Boden stehen ...«
»Was heißt das ...?«
»Der Hafen von Tsingtau ist zu günstig für die englische Schiffahrt, als daß sie nicht wünschen sollte, ihn, wenn nicht selbst zu besetzen, so doch wenigstens den Deutschen zu entreißen. Und das wird sie sehr bestimmt und sehr bald tun ...«
»Nein --!«
»Ja, gnädige Frau.«
»Sie glauben ernsthaft, daß England seine Truppen herüberschicken wird, um Kiautschou zu erobern --?!«
»Das wird England nicht nötig haben,« meinte der Schwede. »Es wird an sein Ziel kommen und die eigenen Truppen sparen.«
»Glauben Sie,« fragte Beate mit einem bitteren Lächeln, »daß der Gouverneur von Kiautschou das Pachtgebiet gutwillig übergibt?«
»Ganz gewiß nicht. Aber wie stark die Truppen, über die er verfügt, auch sein mögen, -- die Feinde werden, wenn sie es für nötig halten, in der zehnfachen Übermacht sein und vollkommen ausreichend, um das deutsche Gebiet von der Seeseite her wie vom Lande abzuschnüren.«
»Über chinesischen Boden hinweg?«
Tystendal zuckte die Achseln.
»China«, antwortete er, »ist weder ein militärischer noch ein politischer, sondern höchstens ein geographischer Begriff. Er wird die japanischen Truppen ganz gewiß nicht aufhalten.«
»Was für Truppen?« fragte Beate.
Der Mann blickte zu ihr hin und nickte. »Ja, ja, meine gnädige Frau -- der arme, tote Narr, der, wie mir Ihr Mann erzählte, den Wesensunterschied zwischen der asiatischen und der europäischen Rasse in der Verschiedenheit der Ehrbegriffe suchte, war vielleicht ein größerer Weiser, als wir dachten ... Ich bin fest davon überzeugt, daß Japan sich die Ehre, seinen ehemaligen Lehrer und Meister abwürgen zu helfen, außerordentlich hoch bezahlen läßt. Aber es wird das Geld einstecken und sich feierlich auf den Bündnisvertrag mit England berufen, um vor der Welt im Recht zu sein ... Wenn der Deutsche die Leidenschaft des Lehrens hat, so hat der Japaner die des Lernens. Und wie der eine ein unübertrefflicher Lehrer ist, so ist der andere ein unübertrefflicher Schüler, aber im Grunde genommen ist es für jeden Schüler ein befriedigendes Gefühl, seinen Lehrer zu besiegen; er glaubt damit sein Meisterstück zu machen und sich die innerliche Unabhängigkeit von dem Besiegten zurückzukaufen. Es mag abscheulich sein, aber es ist menschlich. Und um so menschlicher, je abscheulicher es ist. Damit müssen wir rechnen, Frau Beate!«
»Sie müssen aber doch einen Grund für ihr Vorgehen angeben ...« meinte Beate.
»Mein Gott, der Grund ... Kain erschlug seinen Bruder Abel wegen eines Opferfeuers. Vielleicht wird dieser ›Grund‹ später einmal das Gelächter der Weltgeschichte; augenblicklich handelt es sich um ein Geschäft.«
Beate richtete sich auf und bog den Kopf in den Nacken.
»Sie rechnen also damit,« zog sie den Schluß, »daß Japan über kurz oder lang auf die Seite von Deutschlands Feinden treten wird?«
»Ja,« nickte der Schwede.
»Und trotzdem machten Sie mir vorhin das Anerbieten, in Japan zu bleiben?«
»Trotz aller Ihrer Einwände, gnädige Frau, halte ich meinen Vorschlag nach wie vor für den besten, den Ihnen ein Freund machen kann,« sagte Tystendal ernst.
»Das gibt mir leider den Beweis, daß Sie eine sehr falsche Meinung von mir haben,« antwortete Beate und stand auf.
Auch der Mann erhob sich. Sie standen sich gegenüber.
»Liebe gnädige Frau,« sagte der Schwede, ohne sich zu bewegen, »ich bitte Sie herzlich -- im Namen Ihres Mannes, den Sie lieben --, keine Unbesonnenheit zu begehen!«
Beate fuhr sich mit beiden Händen nach den Schläfen. »Unbesonnenheit!« wiederholte sie, und ihre Augen wurden dunkel. »Ich will Ihnen etwas sagen, Herr Tystendal! Wenn ich hier bliebe in diesem Lande, das demnächst mit uns im Kriege sein wird -- unter diesem Volke, das die Ausbildung seines Heeres deutschen Offizieren verdankt, das an unseren Universitäten gelernt hat und bei unseren Ingenieuren in die Schule gegangen ist --, dann würde ich nicht nur vielleicht, sondern ganz gewiß eine Unbesonnenheit begehen! Denn ich könnte nicht schweigen! Ich müßte mir's von der Seele herunterreden -- allen Groll und allen Schmerz und alle Verachtung -- und alle meine himmelhohe Zuversicht für die deutsche Sache! Und wenn die Herren Japaner bis dahin keinen Grund gehabt hätten, mich mit mißtrauischen oder feindseligen Augen zu betrachten, -- dann würden sie ihn bekommen!«
»Niemand würde Sie mit feindseligen Augen betrachten,« sagte der Schwede. »Im Gegenteil! Ich bin fest davon überzeugt, daß Japan alles tun wird, den drohenden wie den verwirklichten Kiautschoukonflikt als eine Episode hinzustellen, die auf seine sonstigen guten Beziehungen zum Deutschen Reich nicht den geringsten Einfluß hat, und wird diese Bemühung durch besondere Zuvorkommenheit gegen die Angehörigen der deutschen Nation unterstreichen ...«
»O, ganz gewiß!« sagte Beate. »Sie würden uns das Herz aus der Brust nehmen und lächelnd versichern, daß es nur +ad majorem gloriam+ Nippons und ohne jede böse Absicht gegen uns geschehen sei. Aber ein höflicher Henker ist auch ein Henker, und ich für meine Person ziehe den Haß, der mir ins Gesicht springt, bei weitem der lächelnden Klugheit vor, die aus dem Kriege eine Geschäftsepisode macht und durch eine Verbeugung ihre Gemeinheit zu entschuldigen sucht. Und wenn mein Entschluß, dieses Land zu verlassen und nach Deutschland zurückzukehren, schon vorher sehr fest war, -- jetzt ist er unerschütterlich geworden.«
»Und wie wollen Sie das anfangen?«
»Ich weiß es nicht. Ich hoffe, daß Sie mir helfen werden.«
»Nein, gnädige Frau,« sagte der Schwede.
»Sie verweigern mir Ihre Hilfe?«
»Ich weigere mich, bei einem Unternehmen mitzuwirken, das, wie ich bestimmt weiß, die Billigung Ihres Mannes nicht haben würde.«
Beate lächelte. Und dies Lächeln war so wenig die Antwort, die der Mann erwartet hatte, daß er glaubte, die Frau habe ihn mißverstanden.
»Sie sagen, Sie kennten meinen Mann gut,« meinte Beate. »Ich kenne ihn besser, und er kennt mich. Ich sage Ihnen heute -- und hoffe, es wird ein Tag kommen, an dem Sie die Bestätigung meiner Worte erhalten: In dem Augenblick, wo mein Mann erfährt, daß zwischen Japan und Deutschland der Krieg ausgebrochen ist, weiß er, daß ich nicht mehr in Japan bin. Und wenn wir uns wiederfinden sollten -- vielleicht erst sehr spät, vielleicht schon bald, wer kann das sagen? --, dann werde ich ihm nichts zu sagen und zu erklären brauchen; er wird alles im voraus begreifen und billigen. Denn er kennt mich und liebt mich, wie ich bin ... Ich weiß den Weg noch nicht, den ich gehen muß, aber ich werde ihn ganz gewiß finden. Und es wird kein anderer Unterschied sein als der: ob ich ihn mit Ihrer Hilfe finden werde oder ohne sie. Ich habe Ihnen meinen Entschluß mitgeteilt und werde Sie ganz gewiß nicht zu beeinflussen suchen. Aber je rascher Sie sich entscheiden, um so dankbarer werde ich Ihnen sein.«
Christian Tystendal antwortete nicht. Er sah vor sich nieder, und in seinem Gesicht spielten die Muskeln. Beate ließ ihm Zeit. Aber als die Minuten vertropften, ohne daß er sprach, nahm sie die Rede wieder auf, und ihre Stimme war die eines Menschen, der seiner selbst ganz gewiß ist und darum sanft und heiter sein kann.
»Als ich von Gerhard Abschied nahm, da haben Sie mich vielleicht für eine sehr tapfere Frau gehalten, Herr Tystendal. Aber Sie haben sich getäuscht. Ich war damals schon entschlossen, ihm nachzugehen -- wenigstens so weit, daß ich -- die deutschen Verlustlisten in die Hand bekam. Ich wollte seine Spur finden und wissen: er ist da oder dort. Dann wollte ich auf mich nehmen, was das Schicksal mit mir vorhat. Und arbeiten wollte ich. Es wird genug zu tun geben für eine Frau, die zugreifen kann und will. Und ich wollte an Gerhard schreiben: Ich bin hier; sorge dich nicht um mich -- ich bin nun ganz ruhig; ich warte ... Dann hätte mein Leben doch einen Sinn ... Aber wenn ich hier bliebe oder irgendwo sonst, wo nicht Deutschland ist, dann würde ich nicht leben ...«
Tystendal räusperte sich, aber er sagte nichts. Beate senkte den Kopf.
»Sie kennen uns erst so kurze Zeit,« sagte sie, fast ohne die Lippen zu bewegen. »Ich weiß nicht, ob Sie das verstehen werden, was wir in unserer Ehe einander geworden sind ... Ich glaube, Sie denken nicht sehr hoch von den Frauen ... Vielleicht gehören Sie zu jenen Menschen, deren Sehnsucht nach der Frau so grenzenlos ist, daß sie notwendig enttäuscht werden müssen ... Mein Mann und ich, wir sind zwei Bäume, die zusammenwuchsen ... Sind Sie einmal durch einen Wald gegangen und haben zwei Bäume klagen hören, an deren ganz verschlungenen Stämmen der Sturm riß? -- Es klingt, als läge im Gebüsch ein Tier, das verendet ... Und wenn man sie trennt, dann bluten sie ... Niemand weiß um unsere Liebe ... Wenn wir vor den Menschen stehen, dann lachen wir uns an und sind Geschwister. Aber wenn wir allein sind und unser selbst bewußt werden, dann beben wir im Innersten vor großem Glück und Staunen und stehen manchmal, wie Menschen in einem allzu starken Licht, mit geblendeten, geschlossenen Augen und sind alle beide mit lachenden Lippen und tanzenden Herzen sehr zum Knien und Weinen geneigt ... Ich will, daß Sie mich verstehen, lieber Freund, und darum spreche ich Ihnen von unserer Liebe ... Wenn ich dahin gehen will, wo ich wenigstens Nachricht von meinem Manne erhalten kann, und wäre es die schlimmste -- die Nachricht von seinem Tode --, dann ist das nicht, weil ich unbesonnen bin. Es ist auch nicht das Abenteuer einer unternehmungslustigen Frau. Es ist einfach eine Notwendigkeit für mich -- ein Mut, der einer Feigheit sehr ähnlich sieht; denn ich weiß: ich würde das Leben nicht ertragen ... Da haben Sie die ganze Wahrheit. Und ich schwöre Ihnen, sie ist bitterlich wahr ...«
»Ich glaube Ihnen, Frau Beate,« sagte der Schwede mit einem trinkenden Atemzug. Er sah etwas verträumt aus. Dann gab er sich einen Ruck und fuhr fort: »Und ich werde Ihnen helfen ...«
»Danke,« antwortete Beate Hoyermann. Sie schien ihrer Sache ganz sicher gewesen zu sein. Sie sah den Mann mit ruhigen und freundlichen Augen wartend an, daß er lächeln mußte, als er ihrem Blick begegnete.
»Sie müssen mir etwas Zeit lassen,« meinte er. »Ich war, weiß Gott, so wenig auf Ihren Plan vorbereitet wie auf meinen Tod. Und wir müssen mit höchster Überlegung zu Werke gehen. Von der Verantwortung abgesehen, die ich auf mich nehme und der ich nichts als die Wahrung alleräußerster Vorsicht entgegenzusetzen habe, würden Sie, gnädige Frau, bei einem möglichen Scheitern Ihres Vorhabens in eine sehr viel unangenehmere Lage geraten, als Sie je erlebt haben. Deutsche oder österreichische Schiffe kommen für Sie nicht mehr in Betracht; es handelt sich nur um ein feindliches oder ein neutrales, was auf dasselbe herauskäme; denn Sie würden auch auf einem holländischen Dampfer der Durchsuchung des Schiffes durch englische Kreuzer nicht entgehen. Und es ist durchaus nicht sicher, ob man nicht vorziehen würde, Sie als deutsche Frau höflichst aufzufordern, mit nach England zu reisen. Möglich, daß man Ihnen nach einiger Zeit die Heimreise nach Deutschland gestattete. Aber es ist nicht sicher. Und Sie würden in England nicht weiter noch näher von Deutschland und der Wahrheit entfernt sein als in Japan oder Amerika. Das sehen Sie ein, nicht wahr?«
»Ohne weiteres.« Beate hatte sich wieder gesetzt und die Hände im Schoß zusammengelegt, wie es ihre Gewohnheit war, wenn sie sich vollkommen sammeln wollte.
»Also --«
»Also werde ich nicht als Deutsche reisen,« sagte Beate.
»Mit falschem Paß ...«
»Mit einem englischen Paß.«
»Warum gerade mit einem englischen?«
»Ich spreche Englisch wie Deutsch, mit dem Londoner Akzent ...«
»Gut, sehr gut ...« Tystendal ging im Zimmer hin und her; er hatte eine gerötete Stirn. Beate rührte sich nicht. Der Diener trat ein und räumte die unberührten Tassen fort; er ging wieder hinaus und schob die Türe zu. Obgleich Tystendal ihn nicht bemerkt zu haben schien, hatte der Eintritt des fremden Menschen doch seine Gedanken unterbrochen und in eine neue Bahn gejagt. Er sah dem Diener nach und brummte. »Hm ...«
Endlich wandte er sich mit einer entschlossenen Bewegung zu der wartenden Frau und schlug die flache Hand auf den Schreibtisch.
»Lassen Sie mir ein paar Tage Zeit, gnädige Frau -- ich muß eine Reise machen ... Seien Sie versichert, daß ich keine Stunde verlieren werde; aber zwei bis drei Tage brauche ich notwendig, um die Sache ins Geleise zu bringen ... Ich hoffe, ich werde zu Ihrer Zufriedenheit arbeiten. Vertrauen Sie sich mir an?«
»Ja.«
»Und lassen Sie mir in allen Entschließungen freie Hand?«
»Vollkommen.«
»Danke, gnädige Frau! Mehr brauche ich nicht zu wissen.«
Beate erhob sich. Sie reichten sich die Hände.
»Auf Wiedersehen, mein Freund!«
»Auf Wiedersehen, Frau Beate ... Gott segne Sie ...«
»Ich werde Tag und Nacht auf Sie warten.«
»Ich komme, sobald ich Ihnen etwas Greifbares zu bringen habe. Aber seien Sie mit jeder Stunde auf Ihre Abreise vorbereitet ...«
»Gut,« sagte Beate ernst.
Sie fuhr auf demselben Wege zurück, auf dem sie gekommen war. Bevor sie die Insel erreichte, war es Nacht geworden. --
Als Umè vier Tage später ins Schlafgemach ihrer Herrin trat, um sie zu wecken, fand sie das Zimmer leer.
Sie dachte: Die verehrungswürdige weiße Frau wird zum Baden ans Meer gegangen sein, und hockte sich auf die Fußmatte, um geduldig zu warten.
Aber sie wartete umsonst. Ihre Herrin kam nicht wieder ...
5
Die »Princeß of India« war eine schöne, starke und schnelle Riesin. Sie bebte vor verhaltener Kraft. Drei Tage länger, als sie zuerst gewollt, hatte sie im Hafen vor Anker liegen müssen. Der Gipfel des Fujiyama hatte sich ihr nicht entschleiert; der Regen, der schräge Regen eines wohlwollenden Gottes, hatte ihr die Flanken gewaschen. Nun war sie ihn leid. Sie wollte in die Sonne hinein und glänzend, rauschend und brausend, von Musik umspült wie von den langen Wogen des Ozeans und der Luft ihre neuen Ziele suchen.
Die »Princeß of India« war das erste Schiff, das nach Ausbruch des europäischen Krieges einen japanischen Hafen verließ. Um so mehr Fahrgäste hatten sich an Bord gedrängt. Es waren fast durchweg Angehörige der britischen Nation, die nach Southampton zurück wollten. Und die meisten hatten es sehr eilig. Sie wollten noch rechtzeitig in Europa ankommen, um den Einzug der siegreichen französischen und russischen Truppen in Berlin mitzuerleben und die Heimkehr der Lorbeergekrönten nach Paris. Die hübschen Töchter von Sir Hugh Trelawney fürchteten ernsthaft, daß der Krieg schon längst durch die Zerschmetterung Deutschlands beendet sein würde, wenn die »Princeß of India« in den Heimatshafen einlief.
Im übrigen war die Stimmung an Bord so heiter wie möglich. Niemand ließ es sich in den Sinn kommen, dem Kriege einen ernsthaften oder gar besorgten Gedanken zu widmen. Man befand sich auf dem Meere -- das hieß, man befand sich auf englischem Grund und Boden. Und man fuhr mit einem englischen Schiffe -- das hieß, man war so sicher wie beim lieben Gott.
Die Musik spielte »+Rule, Britannia!+« und »+God save our gracious king!+« und verzichtete auf Richard Wagner. Das war vielleicht das einzige Auffallende an dieser ganzen Fahrt.
Außer den englischen Reisenden -- die »Princeß of India« hatte nahezu achthundert Gäste an Bord -- fuhren nur wenige Ausländer mit. Ein lungenkranker Chilene, der nach Heluan wollte, aber alle Aussicht besaß, sich schon lange vor seiner Ankunft in Ägypten an Whisky und Sodaeiswasser zu Tode getrunken zu haben. Ein Schweizer Missionar mit seiner Frau und zwei Töchtern, den die Aussichtslosigkeit seiner Bestrebungen auf japanischem Boden an den Rand des Tiefsinns gebracht hatte; er hoffte, in der Umgebung von Benares davon geheilt zu werden, ohne für diese Annahme den leisesten Grund zu haben ... Und eine Russin, die bereits von Afrika aus mit der »Princeß of India« nach Japan gefahren war und nun wieder umkehrte, ohne japanischen Boden betreten zu haben.
Der Grund ihrer Reise war, daß sie das Grab ihres ältesten Sohnes hatte aufsuchen wollen. Dieses Grab war das Meer des Ostens. Jewgenij Iwanowitsch Petulikow war bei der großen Vernichtung der Zarenflotte im russisch-japanischen Kriege mit der »Ossljabja« untergegangen.
Als die »Princeß of India« bei der Hinfahrt, von Süden her, in die japanischen Gewässer kam, hatte sich Jelisaweta Petulikowa, die Witwe des Iwan Petulikow, zum ersten Male während der ganzen Reise aus ihrer Kabine aufgemacht, um den Kapitän zu suchen. Und dann fragte sie ihn, während auf ihrem erschöpften Gesicht, das sie seit dem Tode ihres Sohnes nicht mehr schminkte und dem der Puder den Ton von welkendem Flieder gab, ein unaussprechlicher Schrecken ausgeprägt war, wann die »Princeß of India« in die Seestraße von Korea komme.
»Überhaupt nicht,« hatte der Kapitän geantwortet.
Er mußte es wissen. Lisa Petulikowa glaubte ihm und ergab sich.
Sie war von ihrem Gute aus, das in der Nähe von Moskau lag -- kaum hundertzwanzig Kilometer westlich davon --, in Begleitung ihres jüngeren Sohnes nach Afrika gefahren, hatte sich dort nach dem ersten Dampfer erkundigt, der nach Japan wollte, und hatte auf der »Princeß of India« die Reise angetreten.
Jewgenij Iwanowitsch war ihr Gott gewesen. Die Liebe einer Mutter lag nicht in ihrem Wesen; Jewgenij Iwanowitsch war nicht ihr Sohn, er war ihr Ritter. Er kam nur selten nach dem Gute seines Vaters, aber wenn er kam, brachte er alles Brausen seiner Jugend, allen Leichtsinn seiner Zärtlichkeit, allen Rausch der Siegesgewißheit mit und überschüttete die immer noch sehr schöne Frau, die seine Mutter war, mit Liebkosungen, mit Geschenken, mit Verheißungen für die Zukunft, wenn er eine Braut gefunden haben würde und einen Palast in Petersburg am Wassilij Ostrow besaß und die Mutter bei ihnen wohnen sollte ... Aber er fand die Frau nicht, die er suchte. Sie mußte wie seine Mutter sein -- das war die Schwierigkeit ...
Jewgenij Iwanowitsch lachte sein heiterstes Lachen, während er so sprach. Und seine Mutter sah ihm mit Entzücken nach, wenn er pfeifend durch die alten Zimmer des Gutshauses schritt und sich in den Hüften wiegte.
Solange Jewgenij Iwanowitsch lebte, war Lisa Petulikowa eine junge Frau.
Aber dann starb er. Und Kyrill, sein Bruder, war nicht der Mensch, sein Erbe anzutreten. Als er den Bruder verlor, war er zwölf Jahre alt, und es diente seinem schüchternen und vom eigenen Unwert gänzlich überzeugten Wesen nicht zum Vorteil, daß er gleichsam im Schatten der Trauer um einen Toten aufwuchs.
Die beiden Brüder hatten sich nur selten gesehen. Lisa Petulikowa war der Meinung gewesen, daß es für Kyrill das beste war, in einem sehr vorzüglichen Institut des Auslandes erzogen zu werden. Sie schickte den Knaben nach Paris, von wo aus er nur zu den großen Festen nach Hause kam.
Erst als Jewgenij Iwanowitsch gestorben war, rief die Mutter nach ihrem jüngeren Sohne und behielt ihn bei sich; sie brauchte einen Menschen, der geduldig zuhörte, wenn sie von dem Toten sprach und sein Leben im Erzählen zu einer Legende schuf, bis sie sie auswendig hersagen konnte.