Chapter 2 of 20 · 3980 words · ~20 min read

Part 2

Dann rieben sie ernsthaft die Nasen aneinander -- nach Gerhards Behauptung eine durchaus asiatische Sitte, die nicht ohne Reiz war --, gaben sich einen europäischen Kuß und nickten sich befriedigt zu.

Beate sagte nichts. Sie wußte ganz genau, daß jetzt eine Explosion irgendwelcher Art erfolgen würde.

Gerhard warf sich neben ihr auf den Rücken, kreuzte die Arme unter dem Nacken und fragte: »Weißt du, was das Neueste ist?«

»Nein.«

»Wir stehen unter polizeilicher Bewachung!«

»Ach nee!« sagte Beate sehr begeistert. »Wie kommst du darauf?«

»Soll ein Nilpferd nicht darauf kommen, wenn ihm vom ersten bis zum letzten Schritt in diesem gesegneten Lande ein Kerl auf den Fersen klebt, der gar nichts da verloren hat! In den ersten Tagen habe ich überhaupt nichts gemerkt. Dann glaubte ich, ich hätte mich getäuscht. Schließlich wurde ich aufmerksam und knöpfte Augen und Ohren gehörig in Sperrweite ... Bei Gott, Beate, man lauert uns auf!«

»Aber weshalb um alles in der Welt?«

»Weiß der Teufel! Tatsache ist, daß ich keinen Fuß rühren kann, ohne daß ich an irgendeiner Ecke einen finde, der auf mich aufpaßt, als wäre ich der japanische Staatsschatz auf Urlaub. Und ich sollte mich sehr wundern, wenn nicht auch deine Schritte sehr genau bewacht würden.«

»Na wenn schon!« meinte Beate in vollkommener Heiterkeit. »Laß ihnen doch das Vergnügen ... Wir sehen beide etwas zu wenig japanisch aus, um in Gefahr zu geraten, für eingeborene Verbrecher gehalten zu werden, die man möglicherweise inbrünstig sucht, um sie dem Gott der Unterwelt in den Rachen zu werfen.«

»Im Gegenteil,« sagte Gerhard. »Wir sehen drei Meilen gegen den Wind so aus, daß die höfliche Bande da unten uns zu Ehren die ›Wacht am Rhein‹ singen würde, wenn sie dazu imstande wäre. Und vielleicht sind wir ihnen gerade deshalb noch viel interessanter, als wenn wir eingeborene mehrfache Raubmörder wären.«

»Bär,« sagte die Frau und fuhr ihm in die Haare, »du hast Halluzinationen!«

»Wenn du Mut hast, dann behauptest du jetzt noch, daß ich für gewöhnlich darunter leide!«

»Nein, den Mut hab' ich nicht ...«

»Das ist auch dein Glück, Löwin.«

»Aber sonst«, fuhr Beate fort, »wird es mir daran nicht fehlen, und darauf möchte ich dich noch einmal ausdrücklich aufmerksam gemacht haben, Bär -- falls du glaubst, mir etwas Wichtiges grammweise beibringen zu müssen. Kannst es mir alles auf einmal versetzen. Ich vertrag' schon einen Puff ...«

»Das weiß ich. Ich hab' auch gar nicht die Absicht, homöopathisch vorzugehen ... Die ganze Geschichte beruht darauf, daß die Bande irgendwie erfahren haben muß, daß ich deutscher Offizier gewesen bin -- zuerst im Heer, dann in der Schutztruppe. Und daß sie jetzt etwas sehr Geheimnisvolles hinter der Tatsache vermuten, daß ich mir erlaube, ganz einfach als Gerhard Hoyermann mit Frau aus Berlin an der Spree hier in Japan spazierenzugehen.«

»Herrje!« sagte Beate. »Vermuten sie vielleicht in Tokio, daß du ein Spion in kaiserlich deutschen Diensten seist?«

»Du hast die Tokioter Vermutungen jedenfalls auf die einfachste Formel gebracht, Löwin,« sagte Gerhard Hoyermann.

Beate sah ihn ungläubig an. Aber er scherzte nicht. Wirklich nicht.

»Das ist ja phänomenal albern!« sagte sie.

»Nicht so sehr, wie du denkst,« meinte Gerhard Hoyermann nachdenklich und sah in den Himmel hinauf. »Bekanntlich sind diejenigen, die selbst hinterm Ofen zu sitzen pflegen, sehr rasch zu der Annahme bereit, auch andere könnten eine Vorliebe für diesen Platz entwickeln.«

»Nun --?«

»Nun -- es war einmal eine Festung, die hieß, wenn ich mich nicht irre, Port Arthur ... in der gab es keine Scheuerfrau, keinen Briefträger und kein Waschweib, die nicht im Hauptberuf japanische Offiziere gewesen wären ...«

»Im Kriege --!«

»Im Frieden.«

Beate dachte nach. Sie hatte das Kinn in die Hände und die Ellbogen auf die Knie gestemmt und sah mit verschnürten Brauen aufs Meer hinaus.

»Und wenn du Recht hast -- was dann?« fragte sie nach einer Weile.

»Dann -- dürfte es immerhin von Vorteil sein, sich nicht allzu fest auf das verbindliche Lächeln der gelben Bande zu verlassen,« meinte Gerhard Hoyermann. »Schließlich sind wir nicht in dieses allerliebste Ländchen gekommen, um den Rest unseres Urlaubs in getrennten Zellen irgendeines Untersuchungsgefängnisses zu beschließen.«

»Ohne jeden Grund --?!«

»O, wenn man ~uns~ erst mal hat, wird man den Grund schon ~dazu~ finden,« sagte Gerhard Hoyermann phlegmatisch. »Auch bin ich fest davon überzeugt, daß die Sicherheitsorgane, die uns unter ihre Obhut nehmen würden, es mit dem zuvorkommendsten Lächeln von der Welt täten und daß man sich, wenn unsere gänzliche Harmlosigkeit erwiesen wäre, in Entschuldigungen und Sympathiekundgebungen ergehen würde, die ein Pferd nur mühsam aushalten könnte, die einen Menschen aber vollkommen blödsinnig machen würden. Dann, bitte, beschwere dich! -- Der Kerl, der dich verhaftet hat, wird außer sich sein, daß er dich belästigen mußte -- er wird den Tag seiner Geburt verfluchen, weil er gezwungen war, dir Ungelegenheiten zu bereiten. Er wird lächeln und sich verneigen, wenn du ihm so klar als möglich zu machen suchst, daß diese Wirtschaft in seinem gottverlassenen Nippon eine riesengroße Schweinerei sei und daß deinetwegen das ganze Inselreich in den Mond gesprengt werden könnte ... Aber deine Wochen Haft hast du weg. Und wenn du aus dem Hafen von Kobe abfährst, wirst du die Entdeckung machen, daß sich mit dem letzten Boot, das dein Schiff verläßt, ein Schatten von deinen Füßen gelöst hat, der eine verdammte Ähnlichkeit mit einem Geheimpolizisten besitzt. Und höchstwahrscheinlich wird er dich noch vom Boote aus verbindlich lächelnd grüßen ...«

»Ich hoffe, daß du eines schönen Tages Ursache haben wirst, unseren augenblicklichen Gastgebern deine düsteren Vermutungen abzubitten,« sagte Beate nicht sehr zuversichtlich.

»Das hoffe ich auch,« antwortete Gerhard Hoyermann. »Zur Sicherheit möchte ich dich aber trotzdem bitten, geliebte Frau, nicht mehr allein in dieser reizvollen Landschaft herumzufahren. Denn wenn dir irgend etwas geschähe, so würde ich, beim Barte des Propheten! nicht schüchtern sein in der Wahl meiner Mittel, um mir Genugtuung zu verschaffen, und wenn ich den Minister des Äußeren eigenhändig verprügeln müßte. Immerhin ist es besser, wenn das nicht notwendig wird.«

»Vielleicht schonst du dein Organ ein bißchen,« meinte Beate. »Es könnte ja möglicherweise geschehen, daß irgendwo und irgendwann eine Prügelei zwischen Gott weiß wem ausbricht; nachher bist du's gewesen. Außerdem fahre ich nicht mehr allein. Ich bin gar nicht versessen darauf, eine politisch verdächtige Persönlichkeit zu werden. Der Ruhm, deine Frau zu sein, genügt meinem Ehrgeiz durchaus.«

»Gott segne diesen Standpunkt!« sagte Gerhard Hoyermann. »Er gibt mir meine gute Laune wieder. Und wenn du nichts dagegen hast, lassen wir Akira und Mosaku ein Wettrennen veranstalten, wer uns am schnellsten nach dem nächsten Theater fährt! Ich habe Sehnsucht danach, drachenmäulige Teufel, verhexte Katzen und waffenklirrende Samurais zu sehen. Vorwärts, Frau Beate!«

Als sie am Tempel der Göttin »mit den schönen Augen« vorübergingen, sahen sie einen Betenden vor dem goldschimmernden Standbild der milden Göttin Kwan-on.

Er lag auf den Knien und hatte das Gesicht zwischen die flachen Hände auf den Sockel der Statue gelegt.

Das Antlitz der Göttin hing über ihm, von der Gloriole des runden Mondes umgeben. Der feierliche Frieden derer, die nichts wünschen, leuchtete auf ihrer Stirn.

»War der Mensch schon hier, als du kamst?« fragte Gerhard unterdrückten Tones, während sie durch den Fichtenhain nach der Steintreppe gingen.

»Nein. Wenigstens habe ich ihn nicht bemerkt.«

»Eine verwünscht günstige Stellung, um sein Gesicht nicht sehen zu lassen,« murmelte Gerhard Hoyermann, indem er rückwärts schaute.

»Hältst du den Mann für den Minister des Äußeren?« fragte Beate und zog ihn hinter sich drein.

»Man kann nie wissen, was ein Japaner im Nebenberuf ist,« antwortete ihr Mann. »Und du wirst mir schon erlauben müssen, meine hochgemute Löwin, daß ich meine Augen schön fleißig spazierenführe.«

Beate blieb stehen, am Fuß der Treppe, die auf den Vorhof mündete.

»Bis jetzt haben wir gescherzt --« meinte sie.

»Ich nicht, Beate ...«

»Du glaubst, daß man uns aus ernsthaften Beweggründen -- beobachtet --?«

»Ich bin überzeugt davon.«

Beate zog die Lippen zwischen die Zähne.

»Und was gedenkst du zu tun?« fragte sie dann und sah zu ihrem Manne auf.

Gerhard Hoyermann lächelte und zog den Arm seiner Frau an sich.

»Zunächst fahren wir ins Theater, liebste Frau, und freuen uns an dem Japan, das nicht mehr ist. Und dann -- vielleicht -- werden wir im ›Garten des Freundes‹ Kriegsrat halten ... mit Tystendal, wenn ich ihn auftreiben kann. Das ist, außer uns beiden, der vernünftigste Mensch, den ich kenne, und seine hellen Schwedenaugen können uns von großem Nutzen sein.«

Beate fragte nicht weiter. Sie nahmen in ihren Jinrikishas Platz und hatten es nicht nötig, die Kulis zur Eile anzutreiben. Akira und Mosaku liefen wie die Irrsinnigen, versuchten beständig sich zu überholen und knirschten einander mit freundlich grinsenden Zähnen an, wenn sie Seite an Seite trabten.

Trotz ihrer Eile erreichten sie die Stadt nicht vor der Dämmerung.

Beate sah zum Himmel empor, dessen merkwürdige Beleuchtung ihr auffiel. Er war nicht blau, sondern gelb. Sie hatte Färbungen der Luft wie diese nur noch in der ägyptischen Wüste gesehen, ehe der Khamsin ausbrach. Die Sonne, die hinter den Inseln ins Meer sank, schien durch den rötlichgelben Dunst einem grausigen Schicksal entgegenzuwirbeln. Als sie verschwunden war, wurde der Himmel braun.

Vielleicht, daß ein Gewitter kommt, dachte Beate. Und sie erinnerte sich der afrikanischen Gewitter, die keinen Donner und keine Blitze kannten, sondern ein vom Himmel niederstürzendes Wassermeer waren, das in Flammen stand und brüllte.

Sie kannte die Tage und Nächte Japans nur, wenn sie lächelten, und freute sich auf ihren Groll.

In den Straßen brannten die Laternen und hingen in der dunstigen Luft, als schwebten sie frei darin -- ein lose gereihtes, tausendfaches Geschmeide der Dunkelheit. Über das weiße Papier krochen die tausendjährigen chinesischen Schriftzeichen, samtschwarz und verwirrend.

Vor den Theatern, die eine ganze Straße für sich in Anspruch nahmen, glühten die Laternen rot.

Beate und Gerhard verzichteten darauf, sich Shakespeares »Sommernachtstraum« oder Goethes »Faust« in japanischer Ausgabe anzusehen. Sie suchten das alte Japan mit seinen starrenden Ritterrüstungen, seinen Fratzen und seinen Wundern.

Im Vorraum des Theaters, vor dem Akira und Mosaku einmütig innehielten, standen Hunderte von kleinen und großen Holzsandalen. Die Fremden zogen ihre Schuhe aus und fühlten die weichen Matten glatt und reinlich unter ihren Sohlen. Ein uralter Japaner führte sie die Treppe hinauf und schob die Rückwand eines kleinen Käfigs beiseite, mit einer tiefen Verbeugung die verehrten Besucher einladend, darin Platz zu nehmen.

Gerhard und Beate kamen der Aufforderung nach mit dem Gefühl, in eine Welt zu treten, die weiter von ihren Seelen entfernt lag, als Ostasien von Westeuropa liegt. Aber sie kamen ohne Maßstab und wollten genießen. Es schadete nichts, daß ihnen die rauhen und dumpfen Kehllaute der japanischen Schauspieler unverständlich blieben. Was sie sahen, war fremd; aber es wurde auch von dem schwarzen und goldenen Gürtel umspannt, der alles, was Menschenblut in den Adern hat, umrundet.

Rechts und links der Bühne, in kleinen, versteckenden Bambushainen, saßen die Musikanten, die einen Lärm vollführten, als wollten sie das Jüngste Gericht herbeirufen. Ein Verbrechen war geschehen. Auf der Bühne lag eine Frau in ihrem Blut, das träge aus ihrer durchschnittenen Kehle sickerte. Und ihr Mörder entkam mit dem Schmuck der schönen Tänzerin. Über den »Blumenweg« schlich er davon, der von der Bühne aus über die Köpfe der Zuschauer hinweg ins Unbekannte führte.

Die Zuschauer murrten; sie waren unzufrieden damit, daß der Schuldige entkam. Die Samisenen zirpten und schrillten wie hunderttausend Zikaden. Die kleinen Trommeln bebten vor Entrüstung.

Beate, von der Unmittelbarkeit und Kraft dieser Darstellung und ihres Eindrucks gleichermaßen gefangengenommen, suchte mit ihrer Linken die Hand ihres Mannes. Sie spürte seinen Gegendruck und wollte sich mit einer Frage an ihn wenden, als die Rückwand ihres kleinen Käfigs abermals beiseitegeschoben wurde und ein Mann eintrat. Ein Europäer.

Es war der Schwede Tystendal.

»Guten Abend!« grüßte er gedämpft, beugte sich über Beates Hand und drückte Gerhards Rechte.

Hoyermann betrachtete das Gesicht seines Freundes aufmerksam.

»Freut mich, daß wir uns hier treffen,« meinte er. »Ich möchte etwas mit Ihnen besprechen und hatte die Absicht, Sie heute noch aufzusuchen.«

»Es ist kein Zufall, daß ich Sie hier finde,« antwortete Tystendal, ohne Platz zu nehmen. »Ich war bei Ihnen auf der Insel und hörte, daß Sie in die Stadt gefahren seien, entdeckte Ihre beiden famosen Kampfhähne vor dieser Türe und kam herauf.«

»Wollten Sie uns nur einen freundnachbarlichen Besuch machen -- oder kamen Sie aus besonderem Anlaß?« fragte Hoyermann.

»Aus einem erschütternden und schwerwiegenden Anlaß,« sagte der Schwede. »Sie wissen noch nichts davon, sonst wären Sie wohl nicht hier ... Der österreichische Thronfolger und seine Gemahlin sind in Bosnien von serbischen Anarchisten ermordet worden ...«

»Herrgott --!« sagte Gerhard Hoyermann fast laut. Beate brachte keinen Ton über die Lippen. Sie war so weiß im Gesicht, daß es aussah, als müsse sie ohnmächtig werden. Eine Minute lang machte keiner der drei Menschen eine Bewegung.

Dann stand Gerhard Hoyermann auf und packte Beate bei der Hand.

»Komm!« sagte er und ging hinter Tystendal aus der Loge.

Auf dem Wege nach der Insel konnten sie nicht miteinander sprechen. Aber ihre Gedanken gingen die gleichen Wege.

Beate fühlte, ohne sich Rechenschaft über die Ursache geben zu können, daß hinter dieser Botschaft und der Art, wie Tystendal sie ihnen überbracht, mehr verborgen lag als die einfach menschliche Teilnahme an einem Unglück, das zwei Menschen und deren Angehörige getroffen, mehr als der natürliche Abscheu gegen ein Verbrechen, dessen Beweggrund in Fanatismus wurzelte.

Zum ersten Male, seit sie Europa verlassen, spürte sie die ungeheure räumliche Entfernung von der Heimat als etwas Beklemmendes.

»Wir wollen nach Hause,« dachte sie. Und sie sprach es auch aus, als sie neben ihrem Manne im Boot saß und zur Insel hinüberfuhr.

»Es ist sehr möglich, daß Sie die Heimreise beschleunigen müssen,« sagte Tystendal.

Beate sah den beiden Männern ins Gesicht. Sie waren sehr ernst, und um Gerhard Hoyermanns Mund lag jener Zug der Entschlossenheit, um dessentwillen der Gouverneur von Ostafrika große Pläne mit ihm hatte.

»Glauben Sie,« fragte Beate, während sie nach dem Hause schritten, »daß dieser gräßliche Mord -- weittragende Folgen haben kann --?«

»Wenn er aus dem Fanatismus anarchistischer Mordbuben entsprang -- nein,« antwortete der Schwede. »Wenn er erkauft wurde -- dann ja ...«

»Ich bin überzeugt davon, daß er gekauft und sehr gut bezahlt worden ist,« meinte Gerhard Hoyermann.

»Ich auch,« sagte Tystendal.

»Gekauft -- von wem?« fragte Beate mit einem plötzlichen Kältegefühl im Rücken.

Gerhard Hoyermann zuckte die Achseln.

»Suche, wem das Verbrechen nützt -- ist ein alter juristischer Weisheitsspruch,« sagte er.

Beate fragte nicht weiter.

Sie betrat ihr Haus, an dessen japanischer Einfachheit und schöner Echtheit sie sonst so herzliche Freude gehabt, plötzlich nur mit dem Eindruck, in einem fremden Lande zu sein -- in einem Lande, das seine Häuser aus Papier baute, das fremde Götter hatte und eine ihr unverständliche Sprache mit noch unverständlicheren Schriftzeichen. Sie fühlte, daß sie ungerecht war, aber sie konnte es nicht ändern, daß sie das zarte Lächeln der Dienerin Umè, die sich zum Gruß vor ihr auf den Boden warf und ihn dreimal mit ihrer Stirn berührte, mit einem Gefühl des Widerwillens empfand.

Sie entsann sich, daß dieses Mädchen vor kurzer Zeit seine Mutter verloren hatte und die Meldung vom Tode dieser Mutter mit demselben zarten Lächeln zu der Herrin brachte, mit der sie ihr den Tee zu bringen pflegte.

Das war vielleicht heroisch. Es entsprang vielleicht sogar einer Erziehung zur inneren Größe, erlittenen Verlust, noch schmerzenden Kummer unter einem Lächeln zu verbergen, um niemand damit zur Last zu fallen. Aber Beate dachte, daß der Aufschrei der ins Mark getroffenen Seele menschlicher und darum wertvoller sei.

Als sie zu den beiden Herren zurückkehrte, fand sie ihren Mann in seinem Zimmer auf und ab gehend, während Tystendal auf der Lehne des Schaukelstuhles saß und rauchte. Sie waren in lebhaftestem Gespräch. Beate winkte ihnen zu, sich nicht stören zu lassen, und setzte sich in ihre Lieblingsecke, die ein wundervoller alter Kakemono schmückte.

»Was ich sagte, sind alles nur Vermutungen,« meinte Tystendal. »Sie sind so lange von Europa fortgewesen, daß Sie fast die Fühlung mit diesem nervösen Erdteil verloren haben. Es mag auch sein, daß man in den Steppen und im Urwald den Sinn für Kleinarbeit verliert. Uns wird er anerzogen, selbst gegen unseren Willen. Und ich bin zu sehr Schwede, um nicht bei jedem Unrecht, das politisch geschieht, russische Hände im Spiel zu vermuten.«

»Russische Hände vielleicht, aber kein russisches Geld,« sagte Hoyermann.

»Es ist gleichgültig, wer das Geld gibt. Daß es gebraucht wurde -- und wozu, scheint mir wichtiger zu sein.«

»Das ist es auch,« gab Hoyermann ohne weiteres zu. »Es liegt aber auf der Hand, daß keine Bank der Welt etwas um Rußlands schöner Augen willen tut. Und wenn wir glauben, daß Rußland den Mord am österreichischen Thronfolger mit geborgtem Gelde bezahlte, dann dürfte es eben sehr interessant sein, zu erfahren, welche Gegenleistung es als Zinseszinsen versprach.«

»Truppen,« sagte Tystendal lakonisch.

»Wahrscheinlich ...«

Beate machte eine Bewegung. Christian Tystendal sah zu ihr hinüber und schüttelte den Kopf mit seinem herzlichen blonden Lächeln.

»Seien Sie unbesorgt, gnädige Frau -- wenigstens vorläufig!« sagte er. »Wenn Männer auf die Politik zu sprechen kommen, geraten sie meistens in die Superlative. Auch Truppen sind ein Superlativ ...«

»Denken Sie an die Möglichkeit eines Krieges -- als Folge der Mordtat in Bosnien?« fragte die Frau mit trockenen Lippen.

»Ich hoffe, daß ich zu schwarz sehe,« antwortete der Schwede. »Die nächsten Tage werden es zeigen. Österreich wird selbstverständlich Genugtuung fordern. Wird ihm die gewährt, so sind wir im Irrtum. Wird sie verweigert, so wissen wir, woran wir sind.«

»Dann, meinen Sie, kommt es zum Kriege zwischen Österreich und Serbien.«

»Unweigerlich.«

»Das ist ja sinnlos,« sagte Beate. »Die serbische Regierung kann sich und ihr Land doch nicht zum Selbstmord verurteilen, indem sie den Krieg gegen ein Heer wie das österreichische wagt.«

»Seien Sie versichert, gnädige Frau, daß Serbien -- wenn es diesen Krieg wagt -- weitgehende Garantien fremder Unterstützung besitzen wird.«

»Und dann --?«

»Dann haben wir den europäischen Krieg.«

»Sie sind ein Pessimist, lieber Freund ...«

»Im allgemeinen ist das nicht mein Fehler.«

»Um so unheimlicher wirkt es jetzt ... Ich habe, offen gestanden, von solchen Gesprächen genug für heute, wenn Sie nichts dagegen haben ... Am Nachmittag erklärt mir mein Mann, daß er und ich unter polizeilicher Bewachung stünden und durchaus nicht sicher davor wären, aus heiterem Himmel in ein japanisches Untersuchungsgefängnis zu geraten ... Ein paar Stunden später kommen Sie und verheißen uns den europäischen Krieg. Das ist etwas viel auf einmal.«

»Vielleicht hängen diese beiden Umstände enger zusammen, als wir ahnen,« bemerkte Gerhard Hoyermann, ohne seinen Weg zu unterbrechen.

Beate öffnete den Mund zu einer Entgegnung, aber sie kam nicht dazu, auszusprechen, was sie auf der Zunge hatte.

»Was war das --?« fragte Tystendal und sprang auf.

Es war ein Ton über das Haus hingerollt, der einem Donner sehr ähnlich, aber selbst keiner war. Das leichte Gebäude zitterte wie ein Kartenhaus unter seinem Murren.

»Es klang fast -- wie ein Schuß,« stammelte Beate. Sie griff mit beiden Händen nach der mildbrennenden Laterne, die neben ihr auf der Matte stand, ein schimmerndes Viereck, mit Ideogrammen betuscht; sie tanzte wie behext auf ihren zierlichen schwarzen Lackbeinen.

Gerhard Hoyermann sagte nichts. Er sprang nach der Wand, die das Haus vom Garten abschloß, und schob sie zur Seite.

Drunten, an dem kleinen Teich, den ein künstlicher Wasserfall nährte, liefen die beiden Mädchen Beates und die männliche Dienerschaft kopflos durcheinander. Sie rannten nach dem Meere, wiesen zur Stadt hinüber ...

Über dem milden Hügel der Göttin mit den schönen Augen war der Himmel kein Himmel mehr. Er hing über ihm und der Stadt gleich dem aufgehobenen und weitgereckten, widerlich braunen Mantel der Hölle, die aufgebrochen war und die Erde heimsuchte.

Dieser Mantel war ehern und ein kunstreiches Versteck grausiger Waffen. Wenn seine Falten sich bewegten, klirrten sie, und die Erde zuckte vor Entsetzen.

Eine Hand hatte sich aus der Tiefe gereckt und rüttelte an den Grundfesten der Hügel, daß ihre Fichten durcheinandertaumelten wie Kinderspielzeuge. Aus dem Innern der Erde klang das rasende Gebrüll entfesselter Dämonen, die mit der Wucht ihrer anstürmenden Schultern und Fäuste aus ihrem Kerker brechen wollten und die Klammern der Erde lockerten. Und das entsetzte Meer wich von dem gerüttelten Eiland zurück und wurde ihm wieder zugejagt, schäumte und wehrte sich, bäumte sich auf und schrie ...

Herrgott -- wie konnte das geängstigte Meer schreien ... aufgellend und röchelnd, im eigenen Geifer erstickt ...

Stoß auf Stoß erschütterte das Land und rieselte verebbend über die Insel. Und die Menschen im »Garten des Freundes« sahen wie auf eine Bühne hinüber und sahen das irre Umhertaumeln der wild geschleuderten Laternen, die von der saugenden Dunkelheit verschlungen wurden und wie fallende Sterne erloschen, sahen den zuckenden Todestanz einer verdammten Stadt, deren Dächer, Hauswände und dünnes Gebälk um sich schlugen wie Ertrinkende in der Flut.

Jetzt warf sich die braune Dunkelheit der Nacht mit ganzem Leibe über die Verwüstung, um sie zu bedecken. Aber die Stunde wollte sehen, was sie vollbracht hatte, und sie zündete sich eine Fackel an.

Aus der braunen Finsternis schlug eine Flamme auf -- stach spitz und nadelscharf hervor wie ein hochgeschnellter Pfeil.

Und nun war es, als sickere aus der geborstenen und zerrütteten Erde ein Bach aus Feuer, der sich ohne Eile, kurze Wellen als Kundschafter ausschickend, seinen Weg über das Eiland suchte. Und er wuchs und überschwemmte, was ihm im Lauf entgegenstand, mit einem ruhigen, breiten Lohen. Er leistete ganze Arbeit; er ließ nichts übrig. Die kleinen Kundschafterwellen kletterten vorsichtig über Bambus und Papier, hielten sich nicht auf, wußten, daß die breite Lohe, die hinter ihnen kam, wacker am Werke sein würde.

Es sah zierlich und unbegreiflich fürchterlich aus, wie das Feuer über die Stadt hinspülte, ohne Widerstand zu finden.

Im Geishaviertel war der Brand ausgebrochen. Er machte die Straßen nackt, hetzte die Menschen in durchsichtige Glut hinein, denn er hatte fast keinen Rauch, war so heiter wie eine festliche Beleuchtung.

Und der grausige Eindruck des Heiteren in der Verwüstung wurde noch erhöht durch das leisere Stoßen und Beben der Erde, das wirkte, als würde die Brust eines riesigen Meerteufels, der aus den Wellen aufgestiegen war und Narrheiten trieb, vom Lachen erschüttert.

Beate schrie laut auf und rannte ...

»Yuki --! Yuki --!!«

Lief schreiend über den schmalen Strand und ins Meer hinein, in das ihre Dienerin bis zur Brust hineingewatet war -- packte das Mädchen an den Schultern und schleppte sie zurück, schüttelte sie in schluchzendem Zorn ...

»Hast du den Verstand verloren, Mädchen --?!«

Die kleine Yuki, die Schneeflocke vom Gipfel des Fujiyama, warf sich vor ihrer Herrin auf die Knie, berührte die zitternde Erde mit der Stirn, streckte die Hände aus, lächelte ... ja, bei allen Göttern! sie lächelte mit ihrem verstörten Blumengesicht ...

O, die vielverehrte Gebieterin möge ihr verzeihen ... Ihr Vater, ihre Mutter, ihre kleinen Schwestern und Brüder wohnten in der brennenden Stadt ... Sie glaubte, sie schreien zu hören ... Sie hatte zu ihnen laufen wollen, obgleich die Flut gekommen war und die Straße zu einem kochenden See machte -- sie hatte ihnen helfen wollen ... Es war sinnlos, natürlich ... Die Herrin möge ihr verzeihen und sich nicht um den belanglosen Kummer einer kleinen Dienerin das Herz trüben lassen ...

Beate verstand nicht, was das Mädchen stammelte. Sie sah nur das zarte, vom Grausen geschüttelte Weibgeschöpf, hörte die flatternden Worte Vater und Mutter, erriet, was sie heißen sollten in dieser Stunde, und sah das Mädchen lächeln. Sie ertrug das Lächeln nicht. Sie warf sich auf dem weißen, vom Feuer rot übergossenen Sand in die Knie, wo das Mädchen lag, und nahm den Wahnwitz seines Lächelns in ihre Arme, um ihn zu ersticken.

Sie drückte Yukis Kopf an ihre Brust und hielt sie da fest -- fühlte den Krampf der Angst, der den schmalen Kinderkörper stieß und lähmte, hob ihn hoch auf ihren Schoß und bedeckte die Augen, die der Brand gebeizt hatte, mit ihren Händen und ihrem Schluchzen ...

»Lächle nicht, Kind ... um Gottes -- um alles in der Welt -- um der Barmherzigkeit willen ... lächle nicht --! Schreie --! Schlag um dich --! Heule wie ein Tier -- aber lächle nicht, Yuki --! Nicht lächeln --!«