Chapter 17 of 20 · 3993 words · ~20 min read

Part 17

»Haben Sie vergessen, Mascha, daß Sie vor zwei Stunden noch eine politische Gefangene waren -- der Spionage angeklagt?«

»Nun --?!«

»Waska hat gute Freunde unter guten Reitern -- und er wird ihnen nicht verschwiegen haben, daß hier vielleicht noch einmal ein fettes Trinkgeld zu holen wäre ... Das wollen sie sich nicht entgehen lassen ... Und ich habe sie erwartet. Warum soll ein Verräter nicht zweimal verraten -- nach rechts und nach links? Er ist vielleicht mitten unter ihnen ...«

»Und --« Beate fiel im Schlitten auf die Knie ... »und wenn sie uns einholen?«

»Sie holen uns nicht ein ...«

»Vielleicht nicht unterwegs ... Aber wenn sie aufs Gut kommen?«

»Darum schicke ich die Leute fort ...«

»Und wir --?«

»Wir -- wir werden nicht mehr auf dem Gute sein, wenn sie kommen.«

»Kyrill Petulikow, wohin wollen Sie mich bringen --?!«

Der Mann wandte den Kopf. Für einen Augenblick sahen sie sich ganz nahe in die Gesichter.

»Wohin ich Sie bringen will? -- Nach Deutschland ...«

Beate stieß einen Schrei aus, den ihre eigenen Hände erstickten.

»Nicht scherzen, Kyrill Iwanowitsch --! Damit nicht --!«

»Bei der Liebe Gottes, Mascha, meine Schwester -- es ist kein Scherz!«

»Kein Scherz --? Ich soll ... ich soll nach Deutschland kommen?« Beate Hoyermann schluchzte auf; sie lachte, und die Tränen liefen über ihr Gesicht. »Ich soll nach Deutschland kommen?!«

»Wenn nicht ein Unglück geschieht, Mascha, ja -- dann werden Sie nach Deutschland kommen!«

»Aber wann -- mein Heiland im Himmel -- wann --?«

»Heute noch -- noch an diesem Morgen ...«

»Heu ...« das Wort erstarb ihr auf den Lippen. Sie richtete sich auf. »Verlangen Sie von mir, daß ich an Wunder glauben soll, Kyrill Iwanowitsch?«

»Es bedarf keines Wunders ... Sie brauchen dazu nichts als einen Freund und eigenen Mut ...«

»Mut habe ich.«

»Wirklich, Mascha? Unbedingten, tollkühnen, todverachtenden Mut --?«

»Allen Mut, den Sie wollen, wenn es sich darum handelt, nach Deutschland zu gelangen.«

»Das ist gut,« sagte Kyrill Petulikow. »Dann haben Sie auch den Freund, den Sie brauchen.«

»Sind Sie es, Kyrill Iwanowitsch?«

»Ja, meine Schwester ...«

Sie legte ihre Hände auf seine Schulter. »Ich glaube Ihnen,« sagte sie einfach. »Ich werde tun, was Sie von mir verlangen. Was haben Sie mit mir vor?«

»Vertrauen Sie mir Ihr Leben an?«

»Das tue ich.«

»Ohne sich zu besinnen?«

»Ohne mich zu besinnen.«

»Danke, Mascha ... Wenn mein Plan mißlingt, dann werden wir wenigstens ~beide~ nicht mit dem Leben davonkommen. Aber ich werde das Menschenmögliche tun. Ich werde Sie im Flugzeug mit mir nehmen, die deutsche Grenze zu überfliegen versuchen und Sie auf deutschem Boden landen ... Das ist alles ...«

»Kyrill -- Kyrill!«

»Wollen Sie --?«

»Herr mein Gott -- Herr mein Gott ...«

»Sie sagten eben, daß Sie mir Ihr Leben anvertrauten -- und nun nehmen Sie Ihr Wort zurück ...«

»Nicht um meinetwillen, Kyrill Iwanowitsch! Bei Gott, nicht um meinetwillen! Es geht auch um ~Ihr~ Leben ...«

»Nun, was weiter?«

»Was weiter? -- Und Ihre Mutter, Kyrill Iwanowitsch?«

Er lachte. »Meine Mutter ist in Moskau sehr in Sicherheit, Mascha, das dürfen Sie mir glauben ... Und wenn ich ein Unglück hätte, so wäre es das meine und nicht das meiner Mutter. Auch das dürfen Sie mir glauben ... Sprechen wir nicht mehr, Mascha! Achten wir auf den Weg ... Wir brauchen noch zehn Minuten ... Können Sie die Reiter hinter uns jetzt sehen?«

»Ja, ich sehe sie.«

»Sind sie uns nahe?«

»Sie sind so groß wie Krähen, Kyrill Iwanowitsch ...«

»Sie konnten keine frischen Pferde haben -- das war gut,« sagte der Russe. Er ließ die seinen rasen, als sollten sie den Wind einholen, der über sie wegjagte -- der von Westen kam. Weder er noch Beate sprachen mehr ein Wort. Und wenn er sprach, galt es den Pferden ... »Vorwärts, meine Falken, meine schnellen Falken ...!«

Ein schwarzer Fleck im Schnee, so tauchte das Gut vor ihnen auf. Noch unterschieden sie kein Licht.

»Mascha!«

»Kyrill Iwanowitsch?«

»Sehen Sie die Verfolger noch?«

»Sie sind näher gekommen ...«

»Wie nahe --?«

»Ich kann es nicht schätzen, Kyrill Iwanowitsch ... Sie sind so groß wie Füchse ...«

Der Russe stand auf. Im Stehen holte er aus und wirbelte die Nagajka um den Kopf.

»Vorwärts, meine Falken, meine Tauben, vorwärts --!«

Die ersten Bäume des Dorfes -- wie festgefrorene, entsetzte Gespenster, die sich am Wegrand reckten und vergebens einem Schrecknis zu entfliehen suchten ... vorüber ...

Die ersten Häuser, armselig, geduckt -- die Fenster vom Schnee geblendet ... vorüber ...

Die elende Kirche -- der Friedhof -- vorüber ...

Die letzten Häuser -- wieder freie Straße ...

Schwarz schob sich der Klumpen des Gutes gegen sie heran. Doch brannte ein Licht hinter den niedrigen Scheiben am Eingang. Das Tor stand offen; sie stoben in den Hof.

Kyrill Iwanowitsch wickelte die Leinen um seine Hand; er stieß einen gellenden Pfiff aus.

»Dmitri --!!«

Er stemmte sich rückwärts, als sollten seine Muskeln und Adern bersten. Die Pferde vor dem Schlitten stiegen kerzengerade und peitschten mit den Vorderhufen die Luft. Sie geiferten und knirschten; der Schweiß troff ihnen von den blanken Leibern ...

»Dmitri! Dmitri --!!«

Ein Schatten, gebückt und schwankend, glitt über die hellen Scheiben -- verschwand. Die Riegel der Haustür kreischten. Der Schlüssel drehte sich, einmal, zweimal ... Licht fiel durch die sich öffnende Tür.

Kyrill Iwanowitsch war vom Schlitten gesprungen und strängte die Pferde aus.

»Rufe die Leute zusammen -- alle!« schrie er dem Diener zu. Dmitri wandte sich um. Er rief etwas ins Haus hinein und winkte. Kyrill Iwanowitsch trieb die frischen Gäule aus der Stadt vor dem Schlitten zusammen. »Komm her, -- hilf mir --!«

Dmitri kam.

Im Handumdrehen war der Schlitten neu bespannt. Beate war ausgestiegen. Sie lehnte mit verhülltem Gesicht an der Hauswand. Sie hörte, was um sie her vorging, wie durch einen dicken Nebel. Kyrill Petulikow sprach.

»Hört mich gut an, ihr Leute ... Ihr nehmt den Schlitten -- und die Pferde, die ledig sind -- und laßt sie laufen, was ihre Beine hergeben, bis ihr an der Grenze des Waldes von Wladimir Prontoff auf den Juden Nathan Löb trefft. Der wird euch sagen, was ihr weiter zu tun habt. Aber eilt euch, als hinge euer Leben von eurer Eile ab! Und seht euch nicht um! Seht euch nicht um -- hört ihr? Und wenn ihr es dennoch tut, bei Gott, bei den Heiligen, ich prügle den mit eigenen Händen wie einen Hund, der es wagen sollte, zurückzukommen --! Habt ihr mich verstanden?«

Gemurmel ringsum ... Flüstern ... hastige Schritte ... Die Glöckchen der Pferde klangen ...

»Dmitri --!«

»Herr!«

»Du hast noch etwas gutzumachen, du weißt es!«

»Ja, Herr!«

»Du wirst der letzte sein, der geht ... Du wirst das Tor abschließen und verriegeln. Du wirst im Hause alles Licht brennen lassen, damit niemand auf den Gedanken kommt, es könnte verlassen sein -- hörst du?«

»Ja, Herr.«

»Wenn ich selbst das Gut verlassen habe, wirst du es auch verlassen -- fortgehen und dich nicht umschauen, hörst du?«

»Ja, Herr!«

»Jetzt sollst du mir helfen -- komm!«

Kyrill Iwanowitsch ergriff Beate am Arm.

»Nun ist es Zeit, Mascha ...«

Sie leistete keinen Widerstand. Sie hörte die Hoftür sich in den Angeln drehen. Sie hörte den weichen Galopp von vielen Pferden, der jenseits des Gutes verklang. Dmitri lief an ihr vorbei, öffnete die Tür des Schuppens, an dem die Werkstatt lag.

Mit einer krampfigen Anstrengung blieb sie stehen und riß sich los. Sie machte eine Bewegung auf das Tor zu. Kyrill Iwanowitsch sprang ihr in den Weg.

»Was wollen Sie tun, Mascha!«

Ihr Atem flog, daß sie kaum reden konnte.

»Ich will -- ich will mich denen da draußen ausliefern.« Sie wehrte mit beiden Händen, als er reden wollte. »Lassen Sie mich sprechen, Kyrill Iwanowitsch! Sie haben das Unerhörteste für mich getan! Kein Bruder, kein Freund -- mein eigener Mann nicht hätte mehr für mich tun können! Das -- kann ich nicht von Ihnen annehmen! Der Flug, den Sie unternehmen wollen, ist das grausigste Spiel mit dem Tode, das ein Mensch sich ausdenken kann -- grausiger als jedes andere, das Sie bisher gewagt haben! Ich will nicht die Veranlassung dazu sein -- ich nicht, bei Gott!«

»Sie haben keinen Mut, Mascha -- das ist es! Sie wagen den Flug nicht -- das ist es!«

»Ich --! Ich wage ihn nicht --! Kyrill Iwanowitsch, ich will Ihnen etwas sagen! Als ich hierherkam, als ich Sie mit der Maschine arbeiten sah, als ich merkte, daß nichts zum Fliegen gehörte als die Kenntnis von zehn Griffen und Mut -- faßte ich den Entschluß: wenn es mir auf keine andere Weise gelang, nach Deutschland zu fliehen, dann wollte ich Sie bitten, mich das Notwendige zu lehren ... Ich wäre mit Ihnen geflogen, dreimal -- zehnmal -- und eines Tages hätte ich den Flug allein gewagt -- bei Gott, Kyrill Iwanowitsch, das hätte ich getan! Und ich hätte Ihnen einen Brief hinterlassen, der alles gesagt hätte, was nötig gewesen wäre, um mir Ihr Verstehen, Ihr Verzeihen zu sichern. Aber so nicht! So nicht --! Ich will für mich selbst mein Leben wagen und werde mich nicht einen Augenblick besinnen -- aber nicht das Ihre, Kyrill Petulikow! Nicht das Ihre --!«

Er hatte ihre Hände gepackt und hielt sie fest. Sie hatte nicht gewußt, daß er so viel Kraft besaß. Er stand ganz dicht vor ihr.

»Nun hören Sie mich auch!« sagte er halblaut, und seine Stimme glühte. »Ich schwöre Ihnen bei dem, was mir das Heiligste auf der Welt ist, Mascha -- bei Ihrem Haupte und bei Ihrem Leben! -- daß ich mir in dem Augenblick, wo Sie Ihr Vorhaben, sich auszuliefern, ernstlich versuchen, eine Kugel durch den Kopf jage. Bei Ihrem Haupte und bei Ihrem Leben, Mascha! Es ist mein tödlichster Ernst --!«

»Wollen Sie mich unglücklich machen, Kyrill Iwanowitsch --?«

»Ich will Sie retten -- ~das~ will ich! Ich will Sie in Sicherheit -- ich will Sie nach Hause bringen -- ~das~ will ich! Ich will -- o, weit mehr als das, Mascha -- auch für mich das Höchste und Größte, das ich gewinnen kann: das Bewußtsein einer Tat, die man vielleicht die eines Helden nennen kann -- und was mehr wert ist als dies: die Tat eines guten Menschen ... Sie wissen, daß ich Sie liebe ... Sie fragen nichts danach -- nun, du großer Gott, was kümmert es Sie auch --? Aber ich will, wenn wir beide am Leben bleiben, daß Sie an mich denken, Mascha, meine Schwester, daß Sie mit Achtung und Stolz an mich denken -- ~das~ will ich! Nun entscheiden Sie sich!«

Beate schlug sich die Fäuste vor die Stirn. Ihre Augen suchten mit einer Art von Wildheit den wolkenschweren Himmel.

Aber der Himmel gab ihr keine Antwort.

»Es ist gut!« sagte sie und wandte sich nach dem Schuppen, an dessen Türe Dmitri wartend stand. »Wenn Sie ums Leben kommen, so werden Sie es wenigstens nicht allein ...«

Sie hatten keine Zeit mehr zu verlieren.

Auf der Dorfstraße fieberte der kurze Galopp kleiner, harter Pferde.

»Vorwärts, Herr -- im Namen Gottes!« schrie Dmitri.

Kyrill Iwanowitsch warf der Frau alles zu, was die Werkstatt an Decken und Tüchern besaß. Er wickelte ihr selbst den Schal um die Ohren, ließ nichts als Nase und Augen frei. Durch die ungeschliffenen Gläser der Brille erschien alles sehr fremd und fern; sie war fast taub und hatte ein Gefühl, das dem sehr ähnlich war, wenn sie, tief unter stehendes Wasser tauchend, mit offenen Augen emporblickte.

Sie ließ sich zerren und schieben ...

Die Rückwand des Schuppens, die nach dem freien Felde zu lag, war klaffend offen. Das bleiche Schneelicht war doppelt unwirklich und wie von unten, von der Erde her, durchleuchtet unter dem Himmel, den der wärmere Wind immer bräunlicher färbte. Die Schultern und Fäuste der beiden Männer stießen und schoben an dem stählernen Riesenflieger, dessen Flügel in grenzenloser Spannung erstarrt schienen. Sie schrien sich zu, die Männer -- Beate sah es, aber sie hörte es nicht ...

Aber das hörte sie, daß jenseits des Hofes, vor dem Tor, Geschrei und Rufen sich erhob und wütende Tritte das Tor summen machten.

Auch Kyrill hatte es gehört. Er wandte das hochrote, schweißtriefende Gesicht Dmitri zu.

Er schrie etwas ...

Dmitri machte einen Sprung und riß Beate vorwärts.

»Hinauf --!«

Sie kletterte -- vergaß sich zu bücken, rannte mit der Stirn gegen stählernes Gestäng, daß ihr der Kopf dröhnte -- fiel auf einen schmalen Sitz.

Der Lärm vor dem Tore steigerte sich zum Geheul. Die Bohlen waren nicht von Eisen; sie mußten schließlich nachgeben, wenn Fäuste, Fußtritte und Kolbenstöße weiter gegen sie anstürmten.

Beate zitterte vor Erregung, daß ihr die Zähne gegeneinanderschlugen. Sie klammerte sich mit beiden Händen rechts und links am stählernen Leib der Maschine fest. Das Brüllen der Einlaßbegehrenden vor dem Tore wurde übertönt von dem jäh einsetzenden, tosenden Brummen des Motors. Kyrill Petulikow tauchte neben ihr auf; er hatte die Fliegerkappe über den Kopf gezogen. Sein Anzug triefte von Öl. Er streckte eine Hand aus und schrie Dmitri etwas zu. Beate hörte die Worte nicht, sie erriet ihren Sinn; er hatte nach dem Hofe gewiesen.

»Halte sie auf!« hießen Wort und Gebärde.

Dmitri fiel auf die Knie. Er bückte sich, raffte sich wieder auf.

Kyrill Petulikow schwang sich in den Führersitz. Er blickte vorwärts und rückwärts, seine griffsicheren Hände packten zu. Das Brummen des Motors legte sich wie eine Maske über die Ohren ... Beate schloß die Augen -- riß sie wieder auf ...

Das tote Geschöpf hatte Leben bekommen.

Es rannte geradeaus, wie blind, nahezu wie wahnsinnig, holperte, stieß und sprang -- die irrwitzige Angst eines Wesens, das von Feuer gepeitscht wird, lag über dieser hemmungslosen Vorwärtsbewegung ...

Aber mit einem Male hatte es sich auf sich selbst besonnen. Es löste sich von der Erde, deren Rauheit und spröde Gesetze nicht für ein Wesen solcher Art geschaffen waren. Es hob sich; es schwebte ...

Es flog mit der Kraft und dem weitausholenden Schwunge des Triumphes. Die Stimme des sausenden Stahls wurde zum Siegesgesang. Die Träume armer Jahrtausende warfen sich -- unsterblich durch die Sehnsucht, deren Kinder sie waren -- unter die breiten Schwingen des brausenden Menschengeschöpfs.

Beate wagte nicht, in die Tiefe zu blicken, deren Feindseligkeit gegen das beschwingte Wesen sie fühlte. Sie rang minutenlang mit dem schnürenden Gefühl tödlichster Übelkeit, das ihr den Magen und den Schlund zerwürgte. Der Schweiß brach ihr aus allen Poren. Sie preßte Zähne und Lippen übereinander und krallte sich die Nägel ins Fleisch. Mit einer ungeheuren Anstrengung gelang es ihr, den Aufruhr des Körpers und der Nerven zu überwinden. Tiefatmend öffnete sie die Augen.

Und nun empfand sie, daß sie flog ...

Sie blickte seitwärts in die Dunkelheit der Erde hinab, die unter ihnen wegzutaumeln schien -- wie von einem ungeheuren Schlund eingesogen. Und sie bemerkte, daß sie weniger vorwärts kamen, nur daß sich die Flugmaschine in weiten Spiralen höher und höher schraubte ...

Der dunkle Fleck im weißen Schneefeld unter ihnen -- war das Gut?

Noch während sie es fragend dachte, gewann das Bild unter ihr eine fremde Farbe. Es rötete sich. Die bläuliche Bleichheit des Schnees schien wegzuschmelzen, als sei die Erde unter ihr in Brand geraten. Aber nicht die Erde brannte, sondern das Gut.

Beate Hoyermann wollte schreien: »Kyrill! Kyrill --!« Aber es wäre sinnlos gewesen; er hätte sie nicht gehört. Und dann -- was hätte er tun können? Vielleicht sah er alles viel besser als sie, gewohnt, die Erde aus mehr als Berghöhe zu betrachten. Sie schwieg und starrte auf das rote Glosten unter sich. Die Lautlosigkeit des irdischen Geschehens unter ihnen war grausiger als das Brüllen der menschlichen Tiere, deren Tun sie gestern miterlebt.

Nun stiegen sie nicht mehr; mit einem Schwung stieß sich die Maschine in die Luft hinein, vorwärts -- und nahm den Flug nach Westen.

Beate beugte den Kopf bis fast auf ihre Knie; sie konnte nicht atmen, so pfiff ihr der Wind entgegen, nicht fühlbar als etwas, das glitt und strich, sondern wie ein Brett -- wie ein gepreßter Sack -- unteilbar und unbeweglich. Sie fühlte eine Faust auf ihrem Kopf ... Sie hatte nicht gewußt, daß Wind wie schweres Wasser sein kann. Sie bückte sich, um nicht Widerstand leisten zu müssen; er hätte ihr die Halswirbel verdreht.

Aber nun, da sie sich bückte, schlug ihr der Öldunst stinkend entgegen ... sie rang sich wieder hoch ... das war unmöglich, unmöglich ... Sie hielt sich nicht mehr fest; sie nutzte die Hände, sich gegen den Wind zu schützen und hinter ihnen Atem zu holen. Sie fühlte die kleine Erleichterung wie ein Geschenk und gab sich ihr hin -- aaah --!

Allmählich löste sich die Taubheit von allen Sinnen. Sie horchte auf das unentwegte brausende Brummen des Motors und gewann ein großes Vertrauen zu seiner Kraft und Ausdauer. Sie konnte ein sehr persönliches Verhältnis zu Maschinen gewinnen. Lokomotiven und Schiffsturbinen wurden ihr zu wesenhaften Dingen, mit denen man Zwiesprache halten konnte. Und sie tat es auch mit dem Motor, dem sausenden Herzen des Flugkörpers ...

Wirst du aushalten? Wirst du gehorsam sein bis zum Ende? Wirst du mir dienen und die Luft beherrschen? ... Die Maschine donnerte und heulte ein einziges erschütterndes Ja ...

Und Beate glaubte ihr.

Je ruhiger sie wurde, desto stärker wurde sie sich des Erlebnisses dieser Stunde bewußt. Sie schaute.

Da waren dunkle und lichte Flecken in der ungeheuren Leere des Raums vor ihr. Wolken? Sie rasten darauf zu ... Nun spülte es um sie her, wehende Nebel ... Nässe, eisige Kälte ... Was war das --? Sie bekam den Wind nicht mehr von vorn -- seitwärts drückte er sich gegen sie an ... Der Apparat zitterte heftig, er schwankte ...

Die Todesangst krallte sich um das Herz der Frau; sie öffnete die Lippen zu einem Schrei des Entsetzens ... Aber sie hatte keinen Atem zum Schreien ... Sie klammerte die Hände um den federnden Stahl, der ihr als Stütze diente, schloß die Augen und überließ sich dem Sterben ...

War es nur das Gefühl ihrer Ohnmacht, der körperlichen Schwäche -- oder war es Wirklichkeit, daß der riesige Stahlvogel um sich selbst gewirbelt wurde wie ein Stein, der in einen Strudel fällt --? Tanzte das donnernde, heulende Menschengeschöpf auf den schiefen Wänden dieses Luftwirbels den grausigen Todestanz --?

Das Flugzeug schwebte nicht mehr auf seinen weitgespannten Flügeln -- es taumelte, es rollte wie ein schlechtgeladenes Schiff herüber, hinüber ... Wie die Saiten einer übergewaltigen Harfe summten und schwangen die Drähte ... Aber sie hielten -- sie hielten sich gut ...

Und plötzlich ... sank es nicht, nein -- es fiel, fiel wie ein Sack, lotrecht hinunter, als fiele es in einem luftleeren Raum ... Die Luft trug es nicht mehr -- sie war gleichsam nicht mehr da ... nicht die Zeit noch die Tiefe dieses Fallens ließen sich messen ...

Beate hatte ein Gefühl, als sollte ihr der Sturz die Eingeweide aus dem Halse jagen. Sie biß die Zähne tief hinein in ihre Lippen; in eisigen Strömen rann ihr der Schweiß über das verzerrte Gesicht ... Sie dachte: Gott ist nicht in der Welt ... nirgends ist Gott ...

Und dann schwebten sie wieder.

Nach der gräßlichen Leerheit des Luftloches war es nun, als glitte das Flugzeug auf tragenden Wellen Wassers dahin ...

Triumphierend brüllte die Maschine ...

Beate brach in Tränen aus. Sie machte nicht die geringste Bewegung, sich diese Tränen abzuwischen -- mochten sie laufen! Es war schön, zu weinen -- es war wunderschön, ganz einfach loszuheulen ... Alles war schön -- das Leben, das Atmen, das Fliegen ... Sogar die Kälte, der Wind und der Ölgestank waren schön ... Alles wirkte so unsagbar versöhnlich, zum Lächeln und Weinen lockend. Ja, mein Gott -- Nathan Löb hatte Unrecht ... deine Welt ist ein herrliches Geschöpf ...

Eine Menschenstimme gröhlte hinter ihr ... Ja so, der Kyrill --! Der Kyrill Iwanowitsch Petulikow! Der sorgte sich um sie und wollte wissen, ob sie noch lebte! Keine Angst, du lieber, guter Kerl --! Ich lebe! Und ob ich lebe! Jauchzend, jauchzend lebe ich --! Hei --!

Sie winkte mit der Hand nach rückwärts. Sie verspürte eine sehr ausgeprägte Lust zum Singen. Aber es singt sich schlecht mit einem Wollschal von drei Meter Länge und entsprechender Breite rund um den Kopf gewickelt. Also ließ sie es bleiben. Sie würde noch Zeit zum Singen haben -- noch viel, viel Zeit ... Wie alt war sie? Vierundzwanzig Jahre kaum -- noch viele tausend Tage lang konnte sie singen ...

Wie lange flogen sie nun schon? Sie konnte die Zeit nicht raten. Und die Winternacht war unendlich lang ... Wo waren sie? Hatten sie sich trotz des wütenden Kampfes mit der Luft in gerader Richtung halten können? Flogen sie nach Westen, nach Deutschland -- Herrgott in deiner blauen Höhe! -- nach Deutschland zu --?!

Wieviel Kilometer durchrasten sie in einer Stunde? Würden sie unterwegs landen müssen, um Benzin zufassen -- oder trug die Maschine Kyrill Iwanowitschs genug von ihrer Nahrung bei sich, um achthundert Kilometer zu überwinden?

Übrigens -- Nahrung ... Es war schon eine gute Weile her, seit sie zum letzten Mal gegessen hatte. Das fiel ihr jetzt ein -- keineswegs zur rechten Zeit, wie sie meinte. Aber zum Kuckuck, das fehlte noch, daß sie nicht einmal vierundzwanzig Stunden fasten konnte, wenn es nach Hause -- nach Hause ging ...

Sie flogen so hoch, daß sie die Erde nicht erkennen konnte; sie waren über den Wolken, manchmal versanken sie ganz darin. Dann tauchten sie wieder auf und erblickten den reineren Himmel. Es war sehr viel stiller geworden. Die Heftigkeit des Windes flaute mehr und mehr ab; nur tief unter ihnen jagte er Schneelasten vor sich her; das war schön anzusehen ...

Alle Märchen aus Tausendundeine Nacht, alle erfüllten Sehnsüchte der Kindheit des Menschen drängten sich zusammen in diesem königlichen Schweben eines Geschöpfes aus stählernstem Stahl, von Menschen geschaffen. Beate beugte den Kopf zurück und sah in den Himmel hinauf, dessen bläuliche Schwärze alle Sterne verschluckt zu haben schien. Er war ganz lichtlos und unbeschreiblich ernst ...

Sieh mich nicht streng an, dachte Beate. Ich gehe nach Hause ... nach Hause ...

Mit einem Male weiteten sich ihre Augen. Was war das -- was war das --?!

»Kyrill! Kyrill, was ist das --? Oh -- oooh!«

Vor ihnen, über dem wallenden Ziehen der Schneewolken, erhob sich etwas -- ein Berg? Ein Riesenfelsen --? Nein, nein, es hätte denn ein Wunder geschehen müssen, das den gewaltigsten Giganten des Himalaja hierhergezaubert hätte ... Noch schien es grenzenlos fern und füllte dennoch aufragend allen Raum zwischen Erde und Himmel. Es ruhte in unerschütterlicher, erhabenster Gelassenheit mit seiner Grundfläche tief unter den ziehenden Wolken und hob einen Gipfel -- einen einzigen, doch war er von zackiger Krone gekrönt -- in das verblassende Dunkelblau des Himmels hinauf.

Und dieser gekrönte Gipfel, der so weiß war wie die Brustfedern eines weißen Schwans, begann zu glühen -- er wurde ganz Glut, goldenste Glut. Und über ihm der Himmel tönte sich lichter und lichter, bis er zu einer Kuppel wurde, die aus einem einzigen Türkis geschnitten schien. Von dem Gipfel des fernen Riesen floß das helle Glühen breit ausgegossen über seine Hänge, und Hunderte, Tausende von zarten Wolken lösten sich gleich einem Schwarm von Flamingos aus dem Meer der tiefer ziehenden, bis der stählerne Vogel unter dem Himmel aus Türkis in einem Lichte schwamm, das seinesgleichen auf der Welt nicht hatte, außer in der Farbe milder Rosen.

Die Sonne war aufgegangen und warf den Schatten des Flugzeugs in weichstem Blau über die durchglühten Wolken.

Der Schneeriese der Ferne löste sich auf und verschwand. Die Offenbarung der Schönheit zerstörte sich selbst. Das Flugzeug stieg abermals und suchte die höheren Höhen mit der Kraft und Sicherheit des Adlers.

Beate schloß die Augen und neigte den Kopf auf die Seite. Eine große Müdigkeit kam über sie; die Erschöpfung des Grauens, der Verzweiflung und der Angst des Fliehens hatte der süßeren und beinahe tieferen des Erlöstseins Platz gemacht. Das gleichmäßige, sehr tiefe Brummen des Motors verklang immer ferner und ferner. -- Sie schlief ein ...

Was sie weckte, war ein Schuß.