Chapter 3 of 20 · 3961 words · ~20 min read

Part 3

Yuki wollte gehorchen; sie mühte sich, die Sprache und die Wünsche der fremden Frau zu begreifen und ihnen untertan zu sein. O, ihre Verehrung für die Herrin war sehr groß ...

Aber sie war von Kindheit an gelehrt worden, daß es eine schlechte Sitte und grobe Unhöflichkeit sei, Fremden ein anderes als ein heiteres Gesicht zu zeigen und sie mit dem zu belästigen, was jedes Menschen eigenstes Eigentum ist -- mit Kummer und letzter Not ...

Die Herrin war sehr gütig ... Yuki wollte ihr danken ... Sie hob den Kopf -- lächelte ...

Die verzweifelten Tränen der fremden Frau fielen auf ihr Gesicht.

Gerhard Hoyermann und der Schwede mühten sich, die Boote ins Wasser zu bringen. Das Meer tanzte wie verrückt zwischen den beiden Ufern. Gerhard brüllte nach dem Diener.

Der Mensch kam, starrte seinem Herrn mit offenem Munde ins Gesicht.

Fahren -- hinüberfahren --? Wozu?

»Frag nicht, Mensch --! Greif zu --!« Gerhard zerbiß den kräftigsten deutschen Fluch zwischen den Zähnen. Tystendal warf seine breiten Schultern gegen das Boot. An seinen Schläfen sprangen die Adern wie junge Nattern auf.

Der Diener gehorchte nicht. Er wies mit ausgereckter Hand vor sich hin.

Nun, was er zeigen wollte, war an sich schon beredt genug.

Von drüben, von dem Ufer der Verdammten, stießen Boote ab -- drei, fünf, acht, ein Dutzend und mehr. Ihre flammenspitzen Segelzacken wölbten sich, durchglüht von einem brausenden Rot, über den plumpen und mürrischen Bootsleibern.

Das Meer machte sich einen Spaß mit ihnen.

Warum sollte das Meer feiern, wenn die Erde vom Lachen der Unterirdischen bebte und Flammen spuckte vor Vergnügen ...

Der Wind, glutheiß vom Spiel des großen Brandes, tollte blind in die Segel hinein.

Er pfiff, zum Teufel, daß es die Ohren zerschnitt ...

O -- warum verloren die Menschen den Kopf, wenn sie ihn am nötigsten brauchten? Krachend schleuderten die ersten beiden Boote sich gegeneinander, wirbelten wie betrunken um sich selbst -- da, das eine hatte zu tiefen Schluck genommen ... Das breite Segel klatschte aufs Wasser, versetzte dem Meer eine fürchterliche Ohrfeige ... O, ich will dich wohl unterkriegen -- eine Welle, die sich rasend reckte -- hach --!

So, nun war es verschwunden ... Menschenköpfe trieben auf der langanrollenden Flut. Hände griffen ins Leere ...

Und die Flut, so weit das Auge sehen konnte, war bedeckt mit wahnsinnig tanzenden, hüpfenden, sich fortschnellenden Rotlichtern -- bis auf den Grund erleuchtet und durchzuckt.

»Herrgott, wir müssen doch helfen --!« schrie Gerhard Hoyermann in Wut und Ratlosigkeit.

Tystendal zuckte die Achseln. Er schüttelte den Kopf und schlug mit der Faust gegen das Boot, das träge im Sande lag.

»Es nützt nichts,« sagte er. »Wir können nicht helfen ... Es ist das Land und sein Schicksal. Erdbeben und Feuer und der Sturm ... Jedes Jahr fressen sie ganze Städte hinunter -- Städte aus Brettchen und Papier ... Aber sie bauen sie immer wieder -- aus Brettchen und Papier ... Man muß sie lassen ...«

Hoyermann entgegnete nichts. Er stand, ohne sich zu rühren, und starrte nach dem Brande hinüber. Beate hatte die Hände um Yukis Kopf gefaltet und flüsterte törichte, kleine Wortfetzen auf das Mädchen hinunter, während sie das grausige Schauspiel vor sich mehr fühlte als sah.

Durch den dünnen Vorhang des Feuers konnte sie die Menschen erkennen, die sich aus der Brandhöhle hinaufretteten zum Hügel über der Stadt. Da oben stand das wundervolle Bild der Göttin Kwan-on -- der ewigen Barmherzigkeit. Es stand feierlich und tief gelassen in Stein und Gold, mit dem ruhigen Monde um das freundliche Haupt ...

Warum hilfst du ihnen nicht? dachte Beate stumpf.

Die Fichten des Hügels waren durcheinandergetaumelt beim ersten Stoß. Und immer noch bebte die Erde. Vielleicht war das Bild der Göttin niedergestürzt und lag ohnmächtig zerschellt in seinem zerrütteten Tempel ...

Nach hundert Tagen würden die Menschen ihr ein neues Standbild aufgerichtet haben. Denn sie liebten sie, die Göttin mit den schönen Augen.

Was konnte sie dafür, daß die Dämonen der Unterwelt Herren der Stunde gewesen waren ... Sie hatte gewiß getan, was sie konnte, Kwan-on, die Liebliche ...

Auch wenn zu ihren Füßen, unter die sich die Drachen schmiegten, eine Stadt in Flammen aufging ...

Das Feuer war satt geworden. Es hatte seinen Fraß gierig hinuntergeschluckt und leckte nur noch mit langer Zunge da und dort um eine halbverzehrte Beute. Die Glut wurde dunkler und dunkler, zu bläulichem Rot. Funken stoben, wo ein Pfahl zerbarst. Der Himmel, der nichts mehr zum Gaffen hatte, zog sich hoch über die Hügel zurück, wurde kühl und gleichgültig blau -- kümmerte sich um sich selbst und prunkte in Sternen. Der Himmel und die Sterne schienen unendlich weit weg zu sein.

Mit ganz erstarrten Gliedern raffte Beate sich auf und taumelte. Yuki lag ihr zu Füßen, die Stirn am Boden. Sie wollte sich bücken, um sie aufzuheben; aber in einer plötzlichen Trägheit des Entschlusses wie ihrer Glieder blieb sie mit hängenden Armen stehen. Der Nacken schmerzte sie. Sie war müde zum Umfallen. Mit einem dumpfen Blick sah sie zu ihrem Manne auf. Ihr Kinn zitterte.

»Komm, Kind,« sagte er.

Sie gingen ins Haus. Tystendal folgte ihnen. Wie ein Schatten glitt die kleine Dienerin an ihnen vorbei. Auf ihrem hilflosen, matten Gesicht lag die Beschämung darüber, daß sie vergessen hatte, nach dem Essen zu sehen. Sie war sehr nachlässig gewesen -- die Herrin möge verzeihen ...

Beate schüttelte geistesabwesend den Kopf ... ja, ja -- natürlich ...

Sie ging selbst nach der Küche; sie hatte einen Gast.

Ihre japanische Jungfer -- das Mädchen, dessen Lächeln sie heute so peinigend empfunden hatte -- stand plötzlich neben ihr und glitt auf den Boden ...

Die Herrin hatte vergessen, die Schuhe auszuziehen.

»Wie du willst, Umè ...«

Umè lag noch auf den Knien, als Gerhard Hoyermann in die kleine Küche trat.

»Was ist --?« fragte Beate, aufgeschreckt durch den Ausdruck seines Gesichts.

»Nichts weiter,« antwortete ihr Mann. »Es hat jemand meinen Koffer erbrochen und meine sämtlichen Papiere durchstöbert. Gestohlen wurde nichts ... immerhin -- das Leben in Japan und auf unserer Insel fängt an, interessant zu werden ...«

2

Es regnete.

Aus tiefhängenden und zerfetzten Wolken, die so ermattet aussahen, als kämen sie von sehr weit her, fiel der Regen -- unzählig dünnen, schrägen Strichen gleichend -- über das Land und die zerbrannte Stadt und über das Meer, von dessen Glätte die Tropfen abprallten wie von einem gläsernen Spiegel, aufhüpften und zergingen.

Der »Garten des Freundes« duckte sich gleichsam im Regen zusammen und verschwand zwischen Wasser und Wasser, die dritte und dunkelste Tönung von Grau zwischen Meer und Himmel bildend.

Seit der Nacht des Erdbebens und des Brandes waren drei Wochen vergangen; seit acht Tagen wartete Gerhard Hoyermann auf das Schiff, das ihn und seine Frau zum Hafen mitnehmen sollte, in dem der Europadampfer einlief.

Der Dampfer kam nicht.

Gerhard Hoyermann hatte sich zur Bucht hinüberrudern lassen, in der das Schiff anzulegen pflegte. Er hatte jeden Menschen, dessen er habhaft werden konnte, beim Kragen genommen und eine Auskunft von ihm gefordert, wann, zum Kreuzmillionendonnerwetter! der Dampfer kommen würde.

Sein Fluchen wurde nicht begriffen; und der Dampfer würde morgen kommen -- o ganz bestimmt, morgen!

Dieses Morgen war unsterblich und unerreichbar -- wurde nie zum Heute.

Und sie wollten fort -- so rasch als irgend möglich. Sie hatten genug von Ostasien, bei Gott! Drüben im alten Europa umgraute sich der Himmel, wie es schien. Es knurrte in den Wolken, noch nicht eben laut, aber doch vernehmbar. Wenn das Donnerwetter hereinbrach, mußten sie dabei sein, das war ausgemacht.

Und nun waren sie festgelegt, weil sie auf einen Dampfer angewiesen waren, der immer erst morgen kommen würde ...

Gerhard Hoyermann fluchte gottslästerlich. Und es war mehr als Ungeduld in seinem Fluchen. Es stak ein ganz seiner selbst bewußter Ernst dahinter. Wenn er auch Beate nichts davon merken ließ.

Tystendal war kein Schwätzer. Auch kein Schwarzseher -- nein. Es war immer ratsam, seine Worte, wenn sie ernsthaft klangen, auch so zu nehmen. Hoyermann war sehr geneigt, das zu tun und sich danach zu richten. Auch Tystendal wollte nach Schweden zurückkehren.

»Ich glaube,« hatte er gemeint, »daß unser kleines Europa in der nächsten Zeit bedeutend interessanter sein wird als alle buddhistischen Tempel, Teehäuser und Schwerttänzer -- interessanter als ganz Asien zusammengenommen.«

Hoyermann hatte ihm nicht widersprochen.

Aber es war, wie es schien, nicht ganz einfach, von Asien loszukommen.

Mißmutig ließ Gerhard Hoyermann die Bucht, in der er sich nach der Ankunft des Dampfers erkundigt hatte, im Rücken. Das »Morgen, Herr!« des Narren, der ihn täglich mit einem strahlenderen Gesicht empfing, um von morgen zu schwatzen, war ihm ein Klotz im Wege. Er mußte über ihn weg, es half nichts.

Als er nach der Straße einbog, die durch das abgebrannte Häusergewirr sich gleichsam krummgezogen von der Hitze mit neuen und sinnlosen Ecken wand, schritt ein Mann neben ihm her, doch immer so, daß drei Schritte Wegs zwischen ihnen blieben. Der Mann trug einen Strohmantel, wie ihn die Japaner zum Schutz gegen den Regen tragen, hatte den flachen Hut sehr tief gezogen und stelzte auf unsagbar schmutzigen Beinen und klappernden Holzsandalen halb trabend durch den Schlamm der Straße.

Gerhard Hoyermann achtete nicht auf den Menschen, bis dieser, die Straße kreuzend, an ihm vorüberglitt und in gutem, sehr verständlichem Deutsch vor sich hinsprach: »Bitte, beachten Sie mich scheinbar nicht. Geben Sie mir keine Antwort und machen Sie keine Bewegung, die verraten könnte, daß ich zu Ihnen rede ...«

Die Jagd auf Leoparden und Elefanten hatte Gerhard Hoyermann gegen Überraschungen abgehärtet; er rührte keine Muskel im Gesicht, ging gleichgültig weiter.

Der Fremde, der mit tiefgeneigtem Kopf gegen den schrägen Regen anlief, blieb immer in der gleichen Entfernung von ihm, sprang auf seinen fausthohen Stelzen unter den schmutzverkrusteten Beinen über Lachen, verkohltes Bambusgestänge und gestürzte Telegraphenstangen. Das asiatische Feuer hatte vor Europa und Amerika nicht haltgemacht. Verwirrt und geängstigt krochen die zerglühten Drähte übereinander.

»Ich bitte Sie,« fuhr der Fremde fort, »mich in zwei Stunden bei Ihnen zu erwarten. Ich werde pünktlich sein. Es handelt sich um Dinge von höchster Wichtigkeit ... Guten Abend ...«

Gerhard Hoyermann sah aus verschleierten Augenwinkeln, wie der Strohmantel neben ihm abermals die Straße kreuzte und dann mit einem wunderlich hüpfenden Gang, wie Stelzvögel mit gestutzten Flügeln ihn haben, in der nächsten Gasse verschwand. Er hütete sich, den Kopf zu wenden, um ihm nachzusehen. Er hatte bereits genug in diesem Lande erlebt, um neugierig auf das Weitere zu sein; das wollte er sich nicht durch vorzeitige Forschungen verscherzen.

»Dieser Strohigel«, dachte er, während er sich zur Insel hinüberrudern ließ, »sprach ein wunderbar farbechtes Brandenburger Deutsch. Er hat in mir den Landsmann erkannt und spielt ein wenig den Geheimnisvollen, um mich mit desto mehr Aussicht auf Erfolg anzupumpen. Wenn der Bursche gut spielt, werde ich ihm alles japanische Kleingeld, das ich noch besitze, mit Genugtuung überlassen. Ich will froh sein, wenn ich's nicht mehr nötig habe. Sela!«

»Löwin,« sagte er zu seiner Frau, nachdem er, wie gewöhnlich, im Bestreben, das Zimmer auf europäische Art zu öffnen, das ganze Haus an den Rand des Verderbens gebracht hatte, »was hältst du von Japanern, die Deutsch sprechen -- das Deutsch der Gegend, in der der liebe Gott den Streusand aufbewahrt, -- dich beschwören, so zu tun, als wüßtest du von nichts etwas, und sich im übrigen für zwei Stunden später bei dir anmelden?«

Beate, die ihren Mann vom Garten aus hatte heimfahren sehen und schon aus seinem grimmigen Gesicht erriet, daß der Dampfer wieder einmal für morgen verkündigt worden war, packte zum achten Male seit einer Woche ihren Handkoffer aus und sah, auf den Knien liegend, zu Gerhard auf. Ein Blick des Hausherrn fegte Yuki und Umè aus dem Zimmer. Auf weißen Socken trippelnd glitten sie hinaus; doch versäumten sie nicht, sich auf der Schwelle zu Boden zu werfen und mit der Stirn die Matte zu berühren. Wenn der Gebieter unhöflich und barbarisch war, so konnte sie das noch längst nicht veranlassen, es auch zu sein.

»Soll deine Frage ein Preisrätsel darstellen?« fragte Beate dagegen.

»Das kommt darauf an. Vielleicht ist es wirklich ganz lohnend, ihrer Lösung nachzuspüren. Jedenfalls möchte ich dich bitten, deine hübschen Lauscher etwas hochzustellen, wenn der Kerl tatsächlich kommen sollte. Und ich wüßte wahrhaftig nicht, warum er sonst so geheimnisvoll getan hat.«

Beate sah vor sich hin.

»Willst du nicht Tystendal benachrichtigen?« fragte sie.

»Warum?«

»Falls der Mensch unheimlich wird ...«

»I Gott bewahre! Ein Mensch ohne übertriebenes Reinlichkeitsbedürfnis; das dürfte aber auch das einzige sein, worin er unangenehm werden könnte. Möglich, daß er die Gewohnheit hat, ins Zimmer zu spucken. Im übrigen hat er's wahrscheinlich nur auf meinen Geldbeutel abgesehen. Sollte aber mehr hinter der Geschichte stecken, dann sind wir beide Manns genug, mit ihr fertig zu werden -- was, Beate?«

»Gott sei Dank!« sagte Frau Beate.

»Übrigens kannst du deine Koffer gleich wieder packen, Löwin. Wir reisen morgen auf jeden Fall. Wenn der verfluchte Dampfer wieder ausbleibt -- worauf ich völlig vorbereitet bin --, dann pfeifen wir auf ihn und rudern oder segeln mit unserem Drachen los. Das Wetter klärt sich auf. Ich habe die Warterei satt. Teils zu Wasser, teils zu Lande werden wir schon dahin kommen, wohin wir wollen; jedenfalls brauchen wir kaum mehr Zeit dazu, als wenn wir hier noch vierzehn Tage auf den Dampfer warten, der nie kommt. Einverstanden?«

»Vollkommen.«

»Schön. Dann überlasse ich dich jetzt deinem Schicksal und deinen beiden pechäugigen Schneegänsen. Du hörst es ja, wenn jemand kommt, und kannst dich danach richten. Bin neugierig, ob der Strohigel pünktlich ist!« --

Der Strohigel war pünktlich. Ein paar Minuten vor der angegebenen Zeit trat Takejiro, Hoyermanns persönlicher Diener, in das Zimmer seines Herrn und meldete mit einer Stimme, die von Feierlichkeit überströmte, daß ein fremder Mann den Hochgeehrten zu sprechen wünsche.

»Hat er seinen Namen genannt?«

Nein, das hatte der Fremde nicht getan. Er hatte gesagt, der Hochgeehrte wisse Bescheid ...

»Führe den Mann herein, Takejiro!«

Der Diener nahm diesen Auftrag entgegen, als wäre ihm befohlen worden, den Einzug einer Gottheit auf passende Art zu regeln. Er zog sich zurück, und eine Minute später glitten die Wände des Zimmers vor dem Fremden auseinander.

Die beiden Männer standen sich gegenüber.

Gerhard Hoyermann betrachtete seinen Gast etwas unsicher. Der Strohigel hatte sich verwandelt. Der japanische Mummenschanz war von ihm abgefallen; nach seinem sonstigen Äußeren zu schließen, hatte er ein Vollbad genommen und stellte sich in einer fast etwas zu tadellosen europäischen Ausgabe als ein kleiner, schlanker und sehniger Mensch vor, mit sehr schwarzem, unnötig langem Haar, sorgfältig rasiert und mit einem ausgezeichneten Gebiß. Seine Hände waren Bastlerhände, unschön, aber willenskräftig. Sie hatten die Angewohnheit, auf Gegenständen, die sie berührten, sehr lange liegenzubleiben. Sie sogen sie gleichsam in sich auf, als hätten sie die Absicht, das Gefühlte nötigenfalls auch im Dunkeln wiederzuerkennen.

Der Fremde verneigte sich; er lächelte nicht. Seine dunklen, zufassenden Augen glitten durch das Zimmer.

»Mit wem habe ich das Vergnügen?« fragte Gerhard Hoyermann mit einer gewissen Unbeirrtheit.

Der Fremde sah ihn an.

»Ich habe mich auf eine sehr ungewöhnliche Weise bei Ihnen eingeführt,« meinte er, ernst wie zuvor. »Sie würden mir einen besonderen Gefallen erweisen, wenn Sie mir erlaubten, bei der Methode zu beharren. Ich bin leider -- gewissermaßen -- gezwungen dazu. Wenn ich Ihnen sagte, daß ich Schmidt oder Lehmann hieße, so würden Sie mir wahrscheinlich nicht glauben und darum geneigt sein, auch meine übrigen Behauptungen in Zweifel zu ziehen. Es liegt mir aber sehr viel daran, bei Ihnen Glauben zu finden. Also lassen wir den Namen beiseite. Das hat für Sie wie für mich den Vorteil, daß Sie gegebenenfalls, wenn Sie nach mir gefragt werden, seelenruhig einen Eid darauf ablegen können, mit einem Menschen meines Namens niemals gesprochen zu haben.«

»Könnte ein Gespräch mit Ihnen unter Umständen belastend werden?« fragte Gerhard Hoyermann und stand noch immer.

»Allerdings,« antwortete der Fremde.

Gerhard Hoyermann schmunzelte.

»Bitte, nehmen Sie doch Platz!« sagte er und wies auf einen der amerikanischen Schaukelstühle, die zwar die Echtheit der japanischen Zimmer mordeten, aber für die europäische Art des Sitzens unerläßlich waren.

Der Fremde setzte sich.

»Ihre Frau Gemahlin befindet sich im Nebenzimmer,« stellte er in verbindlichem Tone fest.

»Stört Sie das?« fragte Gerhard Hoyermann gelassen.

»Durchaus nicht -- im Gegenteil. Da Sie Ihrer Frau Gemahlin den Inhalt unseres Gesprächs doch mitteilen würden ...«

»Unbedingt.«

»... so ist es sicherlich einfacher für Sie, wenn sie ihn unmittelbar aus erster Hand erfährt.«

»Falls sich das Zuhören lohnt?«

»Jetzt sage ~ich~: Unbedingt!«

»Sie haben uns also interessante Mitteilungen zu machen?«

»Sehr interessante ...«

»Bitte,« sagte Gerhard Hoyermann mit einer Handbewegung. Er hatte die Backenmuskeln ein wenig gesenkt und die Oberlippe zwischen die Zähne gezogen. Seine vollkommen ruhigen blauen Augen schlossen den Fremden ein, der sich ihnen nicht entzog.

»Ich nehme an, daß Sie mich für eine Art von Hochstapler halten,« begann der Fremde.

»Nein,« entgegnete Hoyermann. »Vor zwei Stunden glaubte ich allerdings, daß es sich -- um eine Geldangelegenheit handeln würde. Das scheint aber nicht der Fall zu sein ...«

»Keineswegs. Ich werde von meinen Auftraggebern zu meiner vollen Zufriedenheit bezahlt und bin außerdem nicht davon abhängig -- mehr Liebhaber in meinem Beruf. Die Bitte, mit der ich zu Ihnen komme -- denn es handelt sich in der Tat um eine Bitte --, bezieht sich auf Ihren Aufenthalt in Japan ...«

»Der sich nur noch auf Tage erstrecken wird; wir stehen im Begriff, abzureisen.«

»Ich weiß, daß Sie die Absicht haben,« meinte der Fremde mit einem leisen Zucken seiner Augendeckel. »Sie erkundigen sich seit acht Tagen regelmäßig nach der Ankunft des Dampfers, mit dem Sie reisen wollen. Seien Sie versichert, daß dieser Dampfer innerhalb der nächsten vierzehn Tage nicht kommen wird -- nicht bis zur völligen Klärung der europäischen Lage.«

»Das wird mich sehr kühl lassen,« sagte Gerhard Hoyermann. »Meine Frau hat bereits die Koffer gepackt, die wir morgen im Segelboot verstauen werden. Wir fahren nicht um die Inseln herum, sondern wir überqueren sie. Die Eisenbahnen und Jinrikishas werden wohl noch in Tätigkeit sein, wo wir zu fahren wünschen. Einsperren wird man uns ja wohl nicht so ohne weiteres, solange es ein deutsches Konsulat in Tokio gibt -- wie?«

»Nein, einsperren würde man Sie nicht,« sagte der Fremde etwas zögernd. »Im Gegenteil -- man würde Sie ein wenig spazierenfahren. Japan ist nicht allzu groß, aber immerhin geräumig genug, daß man einen Landfremden durch sämtliche Provinzen reisen lassen könnte -- jeden Tag in einer anderen --, bis der Dampfer, mit dem er nach Europa fahren wollte, hundert Meilen vom Hafen ist.«

»Man wünscht also, deutsch gesagt, meine Rückkehr nach Europa zu hintertreiben?«

»Ja.«

»Wer ist dieses ›Man‹?«

»Als höchste Instanz -- die japanische Regierung.«

Gerhard Hoyermann stand auf und begann im Zimmer hin und her zu gehen. Der Fremde saß still, in seinen Stuhl zurückgelehnt; er betrachtete seine Fingerspitzen.

»Ich will Ihnen etwas sagen,« begann Hoyermann nach einer Weile und blieb stehen. »Vor vierzehn Tagen hätte ich wahrscheinlich geglaubt, Sie seien ganz einfach ein Gespensterseher oder ein Betrüger, der den Versuch machte, für eine Warnung vor nicht bestehenden Gefahren eine Belohnung zu erpressen ... Aber ich habe in der Zwischenzeit allerhand erlebt, was mir Ihre Reden sehr glaubhaft erscheinen läßt ...«

»Ich weiß,« warf der Fremde ein. »Man hat in der Brandnacht Ihre Koffer erbrochen und Ihre Papiere untersucht ...«

»Woher wissen Sie das -- Herr?«

»Sie sprechen manchmal etwas zu laut -- für japanische Verhältnisse,« sagte der Fremde freundlich. »Und Sie haben aus Ihrer Entrüstung über den Vorfall durchaus kein Hehl gemacht, als Sie sich mit Ihrem Freunde Tystendal in dessen Wohnung darüber unterhielten. Übrigens hatte ich etwas Ähnliches erwartet, denn ich wußte, daß Sie keinen Brief erhalten, der nicht zuvor von der japanischen Geheimpolizei unbemerkt geöffnet wurde ... Das war auch der Grund, warum ich Ihnen nicht schreiben durfte, sondern gezwungen war, mich Ihnen auf der Straße zu nähern ...«

Gerhard Hoyermann stand vor dem kleinen Fremden und blickte auf ihn hinunter. Sein Gesicht verlor allmählich das, was Beate den Ferienfahrplan nannte: die unbekümmerten und fröhlichen Züge, die ins Grünblaue der Welt gehen. Es sammelte sich und verschloß sich mit plötzlich harten Lippen, und seine Pupillen zogen sich zusammen, als fiele ein jähes Licht in sie hinein.

»Ich weiß, was Sie denken,« meinte der Fremde. »Sie sind ebenso verwundert wie empört ... Wenn Sie länger in Japan lebten -- jahrelang, wie nun ich --, dann würden Sie weder das eine noch das andere mehr sein. Die japanische Polizei ist in der Hand eines geschickten Mannes das wunderbarste Instrument, das man sich denken kann. Es hat immer den rechten Ton, versagt niemals und hat das vollkommene Taktgefühl einer gutgeschmierten Maschine. Ich bin fest davon überzeugt, daß Sie vom ersten Tage Ihres japanischen Aufenthalts an keinen einzigen unbewachten Schritt getan haben.«

»Zu diesem Zweck --« begann Hoyermann, unterbrach sich aber sofort mit der Frage: »Glauben Sie, daß meine Dienerschaft bei der Durchsuchung meiner Koffer beteiligt war?«

»Sehr wahrscheinlich.«

»Ich werde die Kerle heute noch hinauswerfen ...« murmelte Hoyermann.

Der Fremde schüttelte den Kopf.

»Tun Sie das nicht. Sie wechseln nur die Namen -- weiter nichts. Wenn Sie sich zwanzig Diener vorstellen ließen und alle wieder wegschickten, um den einundzwanzigsten zu nehmen, so würde eben dieser Einundzwanzigste derjenige sein, der im voraus für Sie bestimmt war. Es ist eine bewunderungswürdige Organisation.«

»Sie werden entschuldigen,« sagte Hoyermann, »wenn ich augenblicklich zu sehr Partei bin, um für diese bewunderungswürdige Organisation die nötige Objektivität zu besitzen. Ich bin der harmloseste Mitteleuropäer, den sich die japanische Regierung wünschen kann, und will meinerseits in Ruhe gelassen werden.«

»Ihre Harmlosigkeit ist es eben, die man bezweifelt.«

»Und warum, zum Teufel hinein --?!«

»Sie waren deutscher Offizier ...«

»Ich war in der Schutztruppe.«

»Zuletzt -- ja. Vor sechs Jahren waren Sie noch Oberleutnant im preußischen Heer, traten dann zur Schutztruppe über und sind schließlich auch aus dieser ausgetreten ...«

»Allerdings. Ist das in japanischen Augen ein Verbrechen?«

»An sich -- nein. Aber wenn ein ehemaliger Oberleutnant Seiner Majestät des Deutschen Kaisers plötzlich als Privatmann in Japan auftaucht, dann erinnert man sich hier an die Gepflogenheit, daß Offiziere, die in irgendeinem fremden Lande besondere Studien treiben wollen, aus dem Heere ausscheiden, um -- wenn ihre Studien allzu eingehend befunden und unter richterliche Beleuchtung gezogen werden -- ihre Regierung nicht zu kompromittieren ...«

»Ah --!« machte Gerhard Hoyermann. »Man glaubt, ich sei ein Spion ...«

»Ja.«

»Zu solchen -- Ausflügen pflegt man im allgemeinen seine Frau nicht mitzunehmen ...«

»Warum nicht? Um so harmloser wirken sie.«

»Pfui Deibel!« sagte Gerhard Hoyermann.

Der Fremde hob die Schultern.

»Sie kennen dieses Volk nicht,« meinte er. »Man wollte neulich Ihre Papiere durchsuchen und machte sich den großen Brand zunutze. Wäre der Brand nicht infolge des Erdbebens ausgebrochen, so würde man ihn vielleicht angelegt haben, unbekümmert darum, daß eine Stadt dabei zugrunde ging. Eine Stadt ist etwas sehr Geringfügiges, wenn es um die Sicherheit Nippons geht, nicht wahr? Und es gäbe unter denen, die im Feuer Hab und Gut verloren, kaum einen Menschen -- nein, ich glaube wirklich, keinen einzigen --, der es nicht selbstverständlich fände, alles zu verlieren für das große Nippon. Begreifen Sie das?«

»O ja,« sagte Gerhard Hoyermann mit großem Nachdruck. »Das begreife ich sehr gut ...«

»Es ist eine Art von Religion -- das Hohelied des Vaterlandsdienstes in die Lehre des Shinto hineingegossen. Diese Menschen haben nichts, was sie nicht opfern würden, wenn es um die Größe und Ehre Nippons geht. Sie besitzen tatsächlich alles nur gewissermaßen auf Widerruf: Leben, Vermögen, Freiheit, Glück ... Sie haben in Wahrheit nichts zu verlieren, weil sie nichts in Wahrheit ihr eigen nennen, -- und es ist ein sehr weises Wort Goethes, der sagt: ›Fürchterlich ist einer, der nichts zu verlieren hat‹ ... In der Tat -- fürchterlich gefährlich ...«

Gerhard Hoyermann erwiderte nichts. Er ging im Zimmer auf und ab und hatte den Kopf gesenkt.

»Im übrigen«, fuhr der Fremde fort, »bin ich nicht zu Ihnen gekommen, um über die Psyche des Japaners mit Ihnen zu philosophieren ...«

»Es ist ein sehr reizvolles Thema,« murmelte Hoyermann.