Part 13
Beate ging zuerst nach der Post und gab ihren Brief an Tystendal auf. Um zu bezahlen, zog sie ihre Pelzhandschuhe aus, die sie behinderten. Ein Mann stieß an sie an; die Handschuhe fielen zu Boden. Er entschuldigte sich sehr höflich und bückte sich, um seine Ungeschicklichkeit wieder gutzumachen. Beate dankte freundlich und gedankenlos. Sie verließ das Postgebäude und sah nach ihrem Zettel, auf den sie die notwendigen Besorgungen aufgeschrieben. Sie konnte ihn aber nicht finden.
Sie entsann sich, daß sie ihn in den rechten Handschuh gesteckt, um ihn immer griffbereit zu haben. Wahrscheinlich war er ihr bei dem kleinen Zwischenfall in der Post verlorengegangen. Sie nahm es nicht sehr schwer. Sie hatte ein gutes Gedächtnis und würde wohl nichts vergessen. Schlimmstenfalls wiederholte sie an einem der nächsten Tage ihre Fahrt.
Sie blickte auf die Uhr und setzte ihren Weg beschleunigten Schrittes fort. Die Zeit drängte. Lisa Petulikowa liebte es nicht, wenn sie warten mußte.
Als Beate auf die Straße trat, hörte sie in der Entfernung lebhaftes Schreien und Rufen, ohne sonderlich darauf achtzuhaben. Aber das Schreien lief ihr in den Weg. Es spülte sich von weit her heran wie eine ständig steigende Flut, auf der, gleich weißen Gischtflocken, die hellen Stimmen von Weibern tanzten. Was sie riefen, war nicht zu verstehen, aber das Brausen der Rufe war nicht freundlich.
Unwillkürlich blieb Beate stehen. Kyrill Petulikow hatte ihr genug von den Aufläufen in russischen Städten erzählt, daß sie wünschen mußte, keinem zu begegnen. Sie sah sich um, unschlüssig, wohin sie sich wenden sollte. Aber sie kam nicht dazu, für sich selbst einen Entschluß zu fassen. Was sie sah, mehr noch als was sie hörte, hielt sie fest auf der Stelle, wo sie stand.
Am äußersten Ende der Straße, in der das Postgebäude lag, erschien ein Mensch -- ein Mann, der in lang flatterndem Kaftan, barhäuptig, in Sprüngen wie ein gehetzter Hund, über den Schneeschlamm des Fahrweges setzte. Den Kopf über die Schulter gewandt, rannte er taub und blind drauflos. Beate sah, daß er alt war; die langen, schmutzigen Locken hingen ihm grau um das zerpflügte Gesicht. Der Mund stand ihm offen; bei jedem Sprunge, den er tat, pfiff ihm der Atem durch die klaffenden Lippen.
Die Menschen auf der Straße blieben stehen und gafften. Ein Jude, der um sein Leben lief -- nun ja, was weiter? Die einen spuckten aus, die anderen lachten ...
Aber dann überlegten sie ... Warum lief der Jude um sein Leben? Er wurde verfolgt -- was hatte er getan? Gleichgültig, was er getan hatte ... Man mußte ihn aufhalten ... He --! He ...! Zwei -- drei -- fünf der Gaffer schlossen sich zu einem neuen Trupp von Verfolgern zusammen.
Aus der Richtung, von der der Flüchtende gekommen war, schwoll das Geschrei näher heran. Immer spritzten die gellenden Stimmen der Weiber über das dumpfere Brausen hinaus. Jetzt spülten sie um die Ecke, die ersten trüben Wellen einer Empörung, die satt werden wollte.
»Haltet den Juden fest --! Haltet ihn fest, den Hundesohn --!«
Schrille Pfiffe von rechts, von links ...
»Was hat er denn getan -- was --? Was ...?!«
Nun, was wird er getan haben! Es war eine sehr einfache Sache ... O, es gab noch eine Gerechtigkeit auf der Welt --! Die Gerechtigkeit soll leben ...
Michail Michailowitsch war ein guter Wirt; seine Kneipe erfreute sich des regsten Besuches, denn er war ein gemütlicher Mann und verstand es, zur rechten Zeit beide Augen zuzudrücken ... Nein, niemand hatte Ursache, sich über Michail Michailowitsch zu beklagen ...
Aber der Zar -- Gott segne ihn! -- hatte in seiner Weisheit verboten, daß irgend jemand im russischen Reiche Schnaps ausschenken sollte. Gegen den Willen des Zaren gab es keine Auflehnung. Es wurde kein Schnaps mehr ausgeschenkt; die Welt wurde so nüchtern wie am ersten Tage ihrer Schöpfung.
Doch das Unglück -- oder die Gerechtigkeit (für die Sünder ist die Gerechtigkeit immer das Unglück) -- wollte es, daß gestern Abend ein paar Dutzend Soldaten in die Stadt einrückten, die nach Moskau weiterbefördert werden sollten. Es war Krieg, und man brauchte die Soldaten, gut --!
Als sie ankamen, waren sie so nüchtern wie frisches Stroh. Heute hatte man sie sternhagelvoll in sämtlichen Kammern der Kneipe Michail Michailowitschs zusammensuchen müssen.
Die Offiziere hatten geflucht, daß die Fenster bebten. Sie hatten geschworen, der Ursache dieser Schweinerei auf den Grund zu kommen. Sie hatten den Wirt in den Hof geschleppt und ihm mit der blanken Klinge unter der Nase herumgefuchtelt: »Kerl, wo hast du den Schnaps her, den du gestern nacht an die Soldaten verkauft hast --?! Weißt du nicht, du Dreckseele, daß es verboten ist, Schnaps zu verkaufen --?!«
Michail Michailowitsch fiel auf die Knie und beschwor seine sämtlichen Ahnen in ihren Gräbern: er hatte keinen Schnaps -- nicht ein Fäßchen, nicht ein Glas voll, so wahr er selig werden wollte!
Aber die Juden hatten Schnaps -- ja, die verbargen ihn in ihren Kellern ...
Sein Nachbar -- der hatte Schnaps! Man mußte nur suchen! Die Fässer würden ja wohl noch übrig sein.
War sein Nachbar ein Jude --?
Ein polnischer Jude, meine Herren -- ein krummer Hund, der es mit den Deutschen gehalten hatte. Niemand wußte, mit wem er es jetzt hielt -- er trieb sich in den Nächten viel draußen herum ... Wenn man seiner habhaft wurde, kam sicherlich manches an den Tag, wovon man sich bis heute nichts hatte träumen lassen ...
Aber der Jude wartete es nicht ab, daß man ihn fing wie eine Maus in der Falle. Er kannte die russischen Gefängnisse und die russische Polizei. Und er wußte, wenn die russische Polizei einen Schuldigen brauchte, dann fand sie ihn, und wenn der, den sie finden wollte, ein Jude war, dann war er schuldig, und hätte der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs selber für seine Unschuld gezeugt.
Die Keller des Juden waren ebenso frei von gefüllten wie von leeren Fässern, und drüben bei Michail Michailowitsch brauchte man nur ein paar Säcke voll Lumpen wegzuräumen, um zu entdecken, was man suchte. Aber Michail Michailowitsch war ein getreuer und gehorsamer Untertan des Zaren und ein gutgläubiger Christ, und er würde einen Eid schwören, so hoch und teuer man es nur irgend von ihm verlangte, daß er von dem Vorhandensein der Fässer nichts geahnt bis zu dem Augenblick, da man sie ihm zeigte -- und daß der verfluchte Hund, der beschnittene, die Fässer heimlich in den Keller von Michail Michailowitsch geschafft hatte, um ihm zu schaden ...
Der Jude, dem die Verfolgung von Jahrhunderten ein gutes Gehör vererbt hatte, lief, sobald der Tumult in der Nachbarschaft nach der Polizei schrie, zu seiner Frau und seiner Tochter, die an der Schwindsucht litt; er jagte sie, wie sie gingen und standen, auf die Straße hinaus -- durch die Hintertüre, nach der Judengasse. Er ließ ihnen nicht so viel Zeit, sich warm anzukleiden. Die Kälte konnte barmherzig sein -- die Polizei gewiß nicht ...
Die Frau warf der Tochter eine Tischdecke um den Kopf und die Schultern; sie hasteten über die unerhellten Stiegen ihres Hauses. Die Frau hielt die Hintertüre offen und schrie nach ihrem Manne. Sie wollte nicht ohne ihn davon.
Aber er jagte sie -- er fand harte Worte für die schlechte Mutter, die ihr Kind in die Hände der Henker fallen lassen wollte ... Willst du wohl gehen --?!
Das Weib und das Mädchen drückten sich schluchzend an den Mauern entlang; sie wandten bei jedem Schritt die Köpfe nach dem Gatten und Vater. Aber der kam nicht.
Es war nicht genug, daß er Frau und Kind zur Flucht verholfen -- er mußte auch die Verfolger auf sich hetzen -- er selbst ... Sie durften nicht Zeit gewinnen, um nachzuforschen, wieviel Türen das Haus des Juden hatte ...
Und er rannte und rannte. Und die Meute hinter ihm drein ... O, es war eine lustige Jagd, wahrhaftig! Sie rafften Schneeballen auf, so groß wie Kindsköpfe. Steine waren darin versteckt und Eisklumpen ... Um so besser flogen sie. Und wie sie flogen --! Da hatte einer den Juden am Kopfe getroffen ... Taumelst du, Jude --? Du sollst noch ganz anders taumeln --! Wartet, wartet --! Sperrt ihm den Weg ab! O zum Teufel, ihr seid nicht schnell genug! Er hat Feuer unter den Sohlen, der Jude --! Da ist er euch unter den Händen entwischt ... Gelächter, Fluchen, Pfeifen ...
Und plötzlich ein wiehernder Schrei -- er liegt! Er liegt --! Ein Klumpen Eis -- wer hat ihn geworfen? es muß, bei den Heiligen, eine wackere Faust gewesen sein! -- der hat ihn zwischen den Schultern getroffen. Und da ist er gestolpert und gefallen ...
Nun liegt er im Schneeschlamm, der ihm den Mund füllt ... Ersticken sollst du daran, schmutzige Bestie ... Aber erst sollst du gestehen: Wo hast du den Schnaps her, Hundesohn --?!
»Ich habe keinen Schnaps, ihr Herren ...«
Seht doch, seht doch -- sie will leugnen, die Dreckseele! Hund, man wird dir das Geständnis aus allen Gedärmen treten --! Wo hast du den Schnaps her -- hörst du nicht? Sie wollen eine Antwort, die Frager ...
»Ich habe keinen Schnaps, ihr Herren! Ich habe keinen! Und wenn ihr mich totschlagt, ich weiß nicht, was ihr wollt --!«
»Man wird dich totschlagen, sei ganz ruhig -- aber alles zu seiner Zeit! Erst gestehe! Du hast den Soldaten gestern Schnaps verkauft!«
»Nein, nein, nein --!«
»Willst du die Wahrheit sagen, du Mistkäfer?!«
»Ich sage die Wahrheit ...«
Er sagt sie mit blutigem Munde. Er liegt am Boden, sie lassen ihn nicht aufstehen. Fußtritte regnen auf seinen Rücken, auf seine Hüften. Er soll gestehen. Er gesteht nichts, weil er nichts zu gestehen hat. Sie müssen von ihm ablassen -- es ist nichts aus ihm herauszubekommen.
Aber die Menge hat einen Gedanken! Daß man nicht schon viel eher auf diesen erleuchteten Gedanken gekommen ist! Mag sein, daß dieser Jude nichts zu bekennen hat, daß er sogar unschuldig ist, so unwahrscheinlich das auch wäre ... Aber es gibt viele Juden in der Stadt! Wenn man bei denen nachforschte ...
Begeistert greifen sie den Gedanken auf ...
Zum Judenviertel --! Zum Judenviertel!
Was scheren sie sich noch um den Einzelnen, der am Boden liegt und dem das Blut aus Nase und Mund läuft und den Schnee rot färbt ... Jetzt haben sie höhere Ziele ... Die Polizei setzt sich an die Spitze der Menge ... Hunderte, Tausende folgen ihr. Das Geschrei löst sich auf in johlende Lieder. Sie müssen sich Luft machen; die Begeisterung macht sie trunken. Es gilt eine heilige Sache -- eine herrliche Sache, Brüderchen ... die Juden haben unseren Herrn ans Kreuz geschlagen ... wir wollen ihn rächen ... Wer nicht mittut, ist ein schlechter Christ und ein Lump ...
Beate steht, die Hände rückwärts an die Hauswand stemmend; ihre Augen klaffen vor Grauen und Entsetzen und jammervollem Mitleid. Sie will schreien, aber der Laut erstickt ihr auf den Lippen. Sie will sich wehren, aber sie muß mit. Wenn sie nicht zertreten und zerrissen sein will von der Horde, die der Mordrausch toll gemacht hat, dann muß sie mit, eine Welle im siedenden und brodelnden Strom. Und sie taumelt vorwärts und sieht -- muß sehen und hören ...
Ohne Füße gleichsam geht sie diesen Weg ...
In der Judengasse sind alle Fenster und Türen geschlossen und verriegelt. Seht doch -- das schlechte Gewissen! Wie sie sich verkriechen! Wie sie ihre stinkenden Höhlen verrammeln! Es soll euch nichts nützen -- ihr Kinderschlächter!
Wo haben sie die Äxte, die Hacken, die Steine her? Niemand weiß es. Aber mit einem Male sind alle Fäuste bewaffnet und hochgeschwungen. Ein Steinhagel prasselt gegen das erste beste Haus ... Kriech aus deinem Loch, du Hundeseele ...!
Willst du nicht? Nur Geduld -- Geduld, sie werden dich schon holen --!
Ein Axthieb schmettert gegen die Haustür ... Weicht doch zurück, zum Teufel -- ich kann nicht ausholen ... Zum zweiten Male ... klingend trifft Eisen auf Eisen ... das Schloß kreischt und singt ...
Die gutgefügten Bänder platzen beim vierten, fünften Hieb ...
Aber die Türe gibt noch nicht nach, so wütend sich auch die Schultern des Stärksten dagegen pressen. Sie haben den Eingang durch Möbel verstellt -- o, einmal werden sie doch nachgeben müssen ... fester -- fester --! Noch einmal -- hoi --!
Nun haben sie's erzwungen ... Sich stauend, stoßend und drehend schwemmen die Angreifer in das gestürmte Haus ...
Die Weiber bleiben auf der Straße. Mit offenen Mäulern und zuckenden Fäusten. Die Männer werden ihnen die Beute schon zutreiben; sie brauchen sich keine Mühe zu geben, selbst die Judenbrut aus den Schlupfwinkeln zu zerren.
Im Innern des Hauses erhebt sich ein jämmerliches Geschrei ... Sie schleifen die Kinder aus den Betten, in die sie sich verkrochen hatten ... Ein junges Weib, eine Mutter, der das Haar in langen wirren Strähnen um die zerkratzten Wangen hängt, klammert sich an den Arm eines Kerls, der so lang ist wie Saul und einen Säugling hoch über seinen Kopf hält ...
»Gib deinen Schmuck her, Judenhexe, oder ich schlage dir mit deinem eigenen Wechselbalg den Schädel ein ...!«
Das Weib reißt sich die dünnen Goldringe aus den Ohren, zwei, drei Ringe von den Fingern ...
»Da -- da, nimm --!«
»Das ist nicht genug ... Du hast mehr, viel mehr, meine Taube --!«
»Nein, Herr, nein -- lieber, guter Herr, ich habe nicht mehr! Will ich tot hinfallen, wenn ich mehr habe!«
»Such nur -- du wirst schon noch was finden, das du vergraben hast!«
»Herr, Herr -- ich habe nichts mehr -- nichts!«
»Such, Hündin -- sage ich dir!«
Das Kind schreit auf ...
Und das junge Weib, dem die Verzweiflung fast die Augen aus den Höhlen treibt, greift nach ihm, kann es nicht erreichen -- springt mit versagenden Flechsen, unter dem johlenden Gelächter der anderen -- und wendet sich plötzlich, reißt laut heulend alle Fächer, alle Schränke, alle Schübe auf, daß die Kästen herausfallen und ihr Inhalt sich in den Stuben verstreut ...
»Da --! ... Da -- ... da --!!«
Fluchend bückt sich der Kerl und läßt das Kind fallen. Das Weib fängt es auf, wendet sich zur Flucht.
»Wohin willst du, Kröte --? Hiergeblieben!«
Sie duckt sich, kriecht in eine Ecke, hält ihr Kind auf dem Schoß und schlägt die Arme über dem Kopf zusammen.
Die Beute war ganz gut -- aber sie muß noch besser werden. Das lohnt sich nicht, das Gewerbe ... Was ist da unten los? -- Ein junger Bursche spielt auf der Ziehharmonika.
O Nikolai Sontscheff -- du bist eine Seele -- ein Gemüt von Wachs ... Und außerdem bist du betrunken, Brüderchen! Wo hast du den Schnaps her --?
Nikolai Sontscheff gröhlt aus vollem Halse:
»Meines Mädchens rote, rote Lippen ...«
Zum Teufel mit den roten Lippen deines Mädchens, Geizkragen -- wo hast du den Schnaps gefunden --?
Geht zu Michail Michailowitsch, ihr Narren -- er wird ihn euch schon verschaffen! Michail Michailowitsch ist ein braver Junge und schlauer als ihr Dummköpfe alle miteinander ...
Nimm dich in acht, Brüderchen -- du wirst dich um den Hals reden ... die Polizei ist da ...
Hol' der Henker die Polizei -- wo ist sie?
Verschwunden ...
Was ging es die Polizei an, wie sich das Volk mit den Juden auseinandersetzte? Michail Michailowitsch hatte jedem der Beamten zwanzig Rubel in die Hand gedrückt ... Gott segne ihn ... Die Polizei hatte seine Keller durchsucht und nicht das geringste gefunden. Das genügte für eine Berichterstattung vollständig. Michail Michailowitsch war ein Ehrenmann; wenn man ihm ein Winkchen gab, fand die Polizei vielleicht Gelegenheit, die zwanzig Rubel auf gute Weise wieder loszuwerden ...
Was in der Judengasse vorging, stand auf einem ganz anderen Blatt ...
Nikolai Sontscheff kletterte auf einen Mauervorsprung. Er schrie, bis alle auf ihn horchten.
Was wollt ihr hier in der jämmerlichen Gasse, in den Rattenlöchern, ihr Esel und Narren! Warum, wenn ihr euch schon das Vergnügen machen wollt, die Juden auszuräuchern und ihre starren Beutel ein wenig zu schröpfen -- warum, im Namen der ganzen Hölle, frage ich euch, geht ihr nicht dahin, wo das Gold in Haufen zu finden ist --? Warum sucht ihr nach dem Abfall, wo ihr die ganze Tafel voller Herrlichkeiten haben könnt --?
Er hat Recht --! Freilich hat er Recht, der wackere Nikolai --! Vorwärts, vorwärts -- zu den Reichen! Zu den verdammten Blutsaugern, die auf ihren Goldsäcken sitzen! Wir wollen sie heruntertreiben, bei den Heiligen! Sie sollen uns Gold und Kleider, zu essen und zu trinken geben! Wir wollen an ihren Tischen sitzen, in ihren Betten schlafen ... Ihre Weiber sollen uns bedienen ... Wir wollen sie tanzen machen -- hoch Nikolai Sontscheff -- hoch --!
Hierhin, dahin brandeten die Wellen -- wo war der kürzeste Weg zum Ziel? Da lag ein Garten mitten vor ihnen, verschneit und einsam -- das Haus hinter den Bäumen mit toten Fenstern, geschlossenen Läden, ein Bild der Verlassenheit.
Wem gehört der Garten, wem gehört das Haus --?
Irgend jemand brüllt den Namen: »Schirmer -- Andrew Schirmer --!«
Ein Deutscher -- was?
Nun, mein Gott, ein Deutscher -- das kann man nicht sagen ... Er lebt seit dreißig Jahren hier.
Das ist ganz gleichgültig -- er ist trotzdem ein deutsches Schwein! Wäre er sonst geflohen? Du siehst ja, daß er nicht zu Hause ist! Er ist ausgerissen, der Feigling!
Nun, was das betrifft -- Nikolai Sontscheff hat ein wunderbares Geschick, immer einen erhöhten Standort zu finden, von dem aus er seine Reden in die Menge schleudert -- was das betrifft, gute Freunde -- vertraut euch meiner Führung an! Ich zeige euch Nester, in denen die Vögel noch sitzen ...
Was -- Deutsche --?
Deutsche, bei meiner armen Seele --! Die schönsten und reichsten Läden der ganzen Stadt gehören den deutschen Schweinen! Und den Juden --! Wer weiß, ob die nicht überhaupt unter einer Decke stecken? Ob die nicht schuld an allem sind, was der Krieg über uns bringt? Wer hat ihn angezettelt? Die Deutschen -- komme die Hölle über sie dafür!
Was -- die Hölle --! ~Wir~ wollen über sie kommen! Jetzt -- auf der Stelle! Mach voran, Nikolai Sontscheff! Zeig uns den Weg --!
»Meines Mädchens rote, rote Lippen Küss' ich morgens, mittags und am Abend!«
sang Nikolai Sontscheff und ließ die Ziehharmonika quieken.
Beate Hoyermann raffte ihren Mantel zusammen und lief -- lief wie eine Hirschkuh auf der Flucht. Von rechts, von links wurden ihr Püffe und Stöße zuteil. Sie fühlte nichts, sie lief. Man schrie ihr nach -- he, he -- was hat sie es so eilig --? Sie hörte nichts, sie lief. Menschen kamen ihr entgegen, Gesichter beugten sich zu ihr, Hände streckten sich nach ihr aus. Sie sah nichts, sie lief.
Sie lief, und vor ihren Augen flirrte das Blut. Sie kam in die Straße, wo Dmitri auf sie warten sollte. Er war nicht da. Der Schlitten war nicht da. Frische Spuren zerschnitten den Schneeschlamm. Und dennoch schrie Beate mit aller Kraft ihrer Lungen, als müßte -- müßte der Mann sie hören: »Dmitri --! Dmitri --!«
Was wollte sie von ihm? Er sollte ihr helfen! Helfen -- wobei? -- Mein Gott, wobei --?! Beim Warnen, beim Retten ...
»Dmitri --! Dmitri --!!«
Keine Antwort ...
Sie stürzte vorwärts, aufs Geratewohl in eine Straße hinein. Da standen Menschen, anständig gekleidete Menschen ... Sie rannte auf diese Menschen zu ...
»Helfen Sie! Um Gottes willen, helfen Sie!«
Niemand verstand sie -- sie hatte deutsch gesprochen ... Sie rang die Hände und hob sie vor die Stirn ... Mein Gott, mein Gott, was sollte sie tun --?!
Das Gebrüll der Menschen, die auf Raub ausgingen wie die Tiere der Wildnis, kam näher und näher heran. Worte schäumten auf: »Nieder mit den Deutschen! Nieder mit den Juden --! Schlagt sie tot, die verdammten Hunde --! Hängt sie --! Hängt sie --!«
In dem Eckhaus der Straße, Beate zunächst, wo ein freier Platz sich breitete, erloschen plötzlich die Lichter.
Die Tür des Ladens schloß sich. Irgend jemand mühte sich, die Rolläden herabzulassen. Aber die Mechanik versagte, oder die Hände waren ungeschickt. Schiefhängend verbargen sie nur halb die weiße Schrift auf den großen Scheiben.
Vielleicht hatte ein Fernruf den Besitzer des Ladens gewarnt. Vielleicht war in dieser behexten Stadt ein Mensch, der alle warnen wollte, die deutsche Namen trugen oder jüdischen Ursprungs waren, mochten sie außerdem so gute Russen sein wie der Zar selbst.
Aber er konnte so schnell nicht warnen, wie der Pöbel an sein Werk ging. Und die herabgelassenen Läden boten dem auch keinen Widerstand -- sie reizten ihn nur noch mehr.
Was --? Wollten die Hunde sich verstecken? Wollte man sie um ihr schönes Vergnügen bringen -- um ihre Beute, um ihren herrlichen Raub --?!
Hoch die Stangen, die Gitter -- auf, auf --!
Glas splitterte und knirschte unter wütenden Tritten ... Wie hieß der Name, der auf den Scheiben stand? Lochmann -- Julius Lochmann. Wagte es die schmierige Seele wahrhaftig noch, in einer gut russischen Stadt, auf russischem Grund und Boden russisches Geld verdienen zu wollen? -- Warte --! Dafür sollst du bluten! Wir wollen dein Geld schon finden -- und dich dazu!
Wer wohnt da drüben? Konstantin Abramow ... Ein Jude --? Nein, nein! -- Wer weiß das? -- Zum mindesten stammt er von Juden ab. Nieder mit dem Juden --!
Nikolai Sontscheff trat mit dem Stiefelabsatz in die Spiegelscheibe hinein. Unter dem brausenden Gelächter der Menge begann er, die Juwelen und Goldsachen der Auslage mit vollen Händen unter die Weiber zu streuen, die sich darum die Gesichter blutig schlugen ...
Aber es war zu dunkel -- viel zu dunkel --! Sie hatten die Lampen ausgelöscht, die deutschen Hunde! Glaubten Sie vielleicht, im Dunkeln entkommen zu können? He, ihr Schlauberger, ihr sollt eine Fackel auf euren Weg bekommen, daß euch die Augen tränen sollen ...
Fäuste donnerten an eine gutrussische Tür.
»Aufgemacht, Väterchen -- wir brauchen deine schöne Lampe!«
Erschrockene Gesichter zeigten sich an den Fenstern.
»Was ist, um der Heiligen willen?!«
»Laßt die Heiligen ungeschoren -- wir wollen eure Lampe haben! Was braucht ihr eine Lampe? Es soll euch bald hell genug werden ... Oder steckt ihr vielleicht mit den deutschen Hunden unter einer Decke --?«
»Nein, nein ...« Es gab keinen Schwur, der hoch genug gewesen wäre, um in dieser Stunde die Gemeinschaft mit den Deutschen abzuschwören ....
Die Lampe wurde aus dem Fenster gereicht. Sie flackerte; die Stichflamme zuckte aus dem Zylinder ...
He, he, meine blonde Schöne, nicht so hitzig ...
Nikolai Sontscheff stand auf einem Prellstein und sang aus voller Kehle ...
Geh herunter, besoffenes Schwein -- du nimmst mir den besten Platz weg --!
Und der lange Kerl, der in der Judengasse zwei Ohrringe und drei dünne goldene Reifen erbeutet hatte, gab dem Betrunkenen einen Stoß, daß er in den Schnee torkelte. Gelächter wusch über ihn weg ... Er raffte sich fluchend auf und trat seinem Gegner in die Kniekehle, daß der vornüberschlug, in die Scherben eines Fensters hinein. Die Wucht des Angriffs nahm auch ihm das Gleichgewicht; sie lagen in Schlamm und Scherben und verbissen sich ineinander; um sie herum färbte sich der Schnee blutrot ...
Und dann zuckte eine Flamme auf. Eine breite, schöne und sehr helle Flamme. Jemand, der sein Geschäft verstand, hatte die brennende Petroleumlampe in ein Lager von Seidenstoffen geschleudert. Die Lampe war gesprungen, und das Öl lief breit lohend über die köstlichen Stoffe. Nun war die Straße bedeutend heller erleuchtet, als sie es jemals auf Kosten der Stadt gewesen.
Willst du deine Lampe bezahlt haben, Väterchen? Komm heraus und hole dir, was du willst ... Alle Schätze stehen dir zur Verfügung ... Gold, Edelsteine, Seide und Pelze ... Ist deine Tochter blond, Väterchen? -- Dann nimm den schwarzen, er wird sie wunderbar kleiden ... Eine Fürstin hätte dreitausend Rubel und mehr dafür bezahlen müssen. Du bekommst ihn für eine Petroleumlampe. Preise dein Schicksal und die Gnade der Heiligen und greif zu ...