Part 4
»Aber ein unerschöpfliches. Während der fünf Jahre, die ich in Japan bin, war es mein Steckenpferd, die japanische Seele zu analysieren. Es ist mir nicht gelungen. Das einzige Ergebnis meiner Schürfungen liegt in der Erkenntnis dessen, was den Ostasiaten vom Westeuropäer trennt -- und es kann sein, daß auch das ein Trugschluß ist --: die Verschiedenheit der Ehrbegriffe ...«
»Ist die so schwerwiegend?« fragte Gerhard Hoyermann mit einem flüchtigen Lächeln.
»Urteilen Sie selbst. Ich will Ihnen zwei winzige Geschichten erzählen, die den Japaner vollkommen widerspiegeln ... Ein Europäer hilft einem Japaner aus großer Verlegenheit, indem er ihm eine ziemlich beträchtliche Summe leiht. Der Japaner gibt die geliehene Summe nach geraumer Zeit zurück mit der Versicherung, daß er seinem Helfer aus der Not bis an sein Lebensende die unverbrüchlichste Dankbarkeit bewahren werde. Bei irgend einer späteren Gelegenheit geraten die beiden Männer in einen heftigen Zwist, und der Europäer läßt sich im Laufe der Auseinandersetzung dazu hinreißen, den Japaner zu ohrfeigen. Der Japaner will sich auf ihn stürzen, bezwingt sich aber, verneigt sich lächelnd und geht. Zu Hause angelangt, schreibt er dem Europäer einen Brief, in dem er ihm mitteilt, daß er von ihm aufs tödlichste beleidigt worden sei, daß ihm die Dankbarkeit gegen seinen einstigen Wohltäter jedoch verbiete, sich an ihm zu rächen. Er wähle darum den einzigen Weg, der ihm übrigbleibe, um die Schmach von sich abzuwaschen. Nachdem er den Brief sorgfältig gesiegelt und fortgeschickt, begeht er Harakiri, indem er sich den Bauch aufschlitzt ...«
»Und die andere Geschichte?« fragte Gerhard Hoyermann, seinem Gaste den Rücken zugewendet.
Der Fremde lächelte.
»Die zweite Geschichte ist noch bedeutend kürzer, aber nicht minder lehrreich,« sagte er. »Ein Japaner bittet die Götter um Erfüllung seiner heißesten Wünsche -- er hat sie ihnen, glaube ich, aufgeschrieben -- und legt ein Gelübde ab, ihnen dafür einen Torii aus edelstem Metall zu erbauen. Seine Wünsche werden erfüllt, und er baut den Göttern einen Torii aus drei winzigen Stahlnadeln ...«
»Und die Summe von beidem: -- eine erhabene Schweinebande,« sagte Gerhard Hoyermann, ohne sich umzuwenden.
»Mag sein. Auf jeden Fall ein Menschenschlag, der eine andere Ehre hat als wir. Sie haben ein anderes Gut und Böse als wir -- als die ganze übrige Welt, mit der wir rechnen müssen. Es wird gut sein, wenn wir das beizeiten erfassen und uns danach richten.«
»Wer -- wir?«
»Wir -- von der anderen Seite der Erde ...«
»Falls es der Zweck Ihres Herkommens war,« sagte Gerhard Hoyermann, »mir diese Warnung zu übermitteln und mich -- trotz aller Schwierigkeiten, die ihr entgegenstehen -- zur beschleunigten Abreise aus Japan zu veranlassen, so begegnen sich unsere Wünsche. Ich reise so bald als möglich, und wenn ich persönlich die japanische Regierung von der Grundlosigkeit ihres Verdachts gegen mich überzeugen müßte, um loszukommen.«
Der Fremde stand auf.
»Im Gegenteil,« sagte er langsam. »Der Zweck meines Herkommens war, Sie zu bitten, nicht nur Ihre Reise nach Europa bis zu einem bestimmten Zeitpunkt aufzuschieben, sondern auch keinerlei Schritte zu unternehmen, den Verdacht der japanischen Regierung gegen Sie zu entkräften ... Es ist von alleräußerster Wichtigkeit, daß dieser Verdacht gegen Sie bestehen bleibt, bis --«
»Bis --?«
»Bis die Person, gegen die er sich eigentlich richten müßte, Zeit gefunden hat, ihre Aufgabe zu erfüllen ...«
»Diese Person sind Sie?« fragte Gerhard Hoyermann mit einem ruhigen Blick.
»Ja.«
»Sie sind also --«
»Was ich bin,« fiel ihm der Fremde sehr rasch in die Rede, »darauf kommt es jetzt nicht an. Man pflegt im allgemeinen unserem Beruf einen etwas anrüchigen Namen zu geben; auch darauf kommt es nicht an. Nichts ist jetzt wichtig als die Tatsache, daß ich in diesem Beruf eine Aufgabe zu erfüllen habe, die ich keinem sonst anvertrauen kann. Denn niemand -- außer mir -- der Nichtjapaner ist, geht unbeargwöhnt durch dieses Land. Mich haben die Jahre sanktioniert, in denen ich, mich von Reis und Tee nährend, auf mein einstiges Vaterland, meine frühere Religion und alle Gewohnheiten von ehemals spuckte. Ich gelte als Überläufer, werde als solcher verachtet und nicht bewacht. Glauben Sie mir, Herr Hoyermann, man muß sein Vaterland sehr lieben, um so leben zu können ... Nun, verzeihen Sie, ich wollte nicht von mir persönlich reden ... es ist eine fast dienstliche Angelegenheit, in der ich zu Ihnen gekommen bin ...«
»Ich habe Sie sehr gut verstanden,« sagte Gerhard Hoyermann. Nach einer Pause fuhr er fort: »Sie sprachen von einem bestimmten Zeitpunkt, bis zu welchem ich meine Heimreise verschieben sollte. Welcher ist das?«
»Die russische Kriegserklärung an Österreich.«
»Sie rechnen mit aller Bestimmtheit auf sie?«
»Ich habe Nachrichten aus zuverlässigster Quelle, daß Rußland bereits in aller Stille mobilisiert.«
»Gegen Österreich --?«
»Und gegen Deutschland -- natürlich ...«
»Das wissen Sie?« fragte Gerhard Hoyermann und schlug mit der Faust auf die Lehne des Stuhles -- »und dabei verlangen Sie von mir, Mensch, daß ich noch einen Tag länger in diesem gottverfluchten Nest sitzenbleiben soll, während es zu Hause um Kopf und Kragen geht --?!« Er stieß beide Hände vor sich hin, als schöbe er etwas weit von seiner Brust ab. »Nee, mein Bester! Zu dem Handel suchen Sie sich gefälligst einen anderen! Mich kriegen Sie nicht dazu!«
»Ein anderer steht mir leider nicht zur Verfügung,« sagte der Fremde mit völlig unbewegtem Gesicht. »Ich würde Sie sonst ganz gewiß nicht belästigt haben. Es bleibt mir aber keine Wahl. Obgleich ich fest davon überzeugt bin, daß das Deutschtum in Ostasien augenblicklich auf einem verlorenen Posten kämpft und sehr bald gänzlich außer Gefecht gesetzt sein wird, halte ich es doch für meine Pflicht, bis zum letzten Moment auf meinem Posten auszuhalten. Zu diesem Zweck ist es sehr notwendig, daß ich eine Nachricht, die mir persönlich überbracht werden soll, hier in Ruhe erwarten und dann meinerseits persönlich weiterbringen kann, da sowohl Briefe als Depeschen -- Chiffredepeschen nicht ausgeschlossen, denn sie würden einfach nicht befördert werden -- für mich nicht in Betracht kommen. Man war mir auf der Spur ... Seit Beginn der europäischen Krise ist man in Ostasien sehr nervös geworden ... Es blieb mir nichts anderes übrig -- ich brachte die Spürhunde Haganés, der selbst der schlauste seiner Hunde ist, auf Ihre Fährte ...«
»Sie waren allerdings nicht heikel in der Wahl Ihrer Mittel,« meinte Hoyermann mit einem kurzen Lachen.
»Was wollen Sie ... es werden weit schmutzigere Mittel für weit wertlosere Ziele tagtäglich in der Politik angewandt, und die meisten werden durch den Erfolg gerechtfertigt und durch den Mißerfolg gerichtet.«
»Ihre Philosophie, Herr, ist mir jetzt völlig egal, -- mich kümmert nur das eine, daß Sie mich veranlassen wollen, hier hockenzubleiben, während bei uns in Deutschland womöglich schon die scharfen Patronen im Lauf sind!« sagte Hoyermann und schlug mit der Faust in die Luft. »Wäre ich doch bloß meinem ersten Trieb gefolgt und wäre abgereist, als ich vom Mord in Serajewo hörte!«
»Sie würden vermutlich auch nicht weiter als bis zum Suezkanal gekommen sein,« meinte der Fremde. »Wofür glauben Sie, daß England seine Flotte gebaut hat?«
»England --?«
»Wir sprachen vom europäischen Konflikt ... Rechnen Sie England nicht mit zu Europa?«
»Unsere eigenen Vettern ...?«
»Hm ...« machte der Fremde. Er räusperte sich. »Was das betrifft, so kommen in den besten Familien Streitigkeiten vor, sobald es sich um Geldangelegenheiten handelt. Die Gründe, um derentwillen es zum europäischen Kriege kommt, mögen sein, was sie wollen, -- in jedem Falle wird es ein Wirtschaftskrieg; und was ist der anderes als eine Geldangelegenheit ... wenigstens für den, der ihn anzettelt ...«
»Sie sehen die Dinge von einem übelkeiterregenden Standpunkt, Herr ...«
»Ich sehe sie vom Standpunkt des Kaufmanns aus London City und der Bank von England. Wenn Sie mir heute nicht glauben, werden Sie es in vier Wochen tun. Vielleicht auch schon eher. Es kommt auf die Geduld des Deutschen Reiches an, wie viele Armeekorps Rußland gegen seine Westgrenzen marschieren lassen kann, ehe ihm von deutscher Seite aus der Krieg erklärt wird. Von diesem Augenblick an, dürfen Sie überzeugt sein, ist die Hauptsprache des Krieges die englische. Ganz besonders in Amerika und Japan ...«
»Ich glaube Ihnen heute schon,« sagte Gerhard Hoyermann und bog den Kopf in den Nacken. »Pfui Deibel!«
»Wir werden in der nächsten Zeit noch öfters Gelegenheit haben, ›Pfui Deibel!‹ zu sagen,« meinte der Fremde. »Das schadet nichts; es stärkt das Rückgrat und das Bewußtsein der Berechtigung, gegen allerhand Gesindel loszugehen, ohne Samthandschuhe.«
»Und ausgerechnet dabei soll ich nicht mit zupacken!« Gerhard Hoyermann lachte grimmig. »Nee, mein Bester! Sie können sagen, was Sie wollen! Ich habe auch eine Pflicht zu erfüllen -- da drüben, wo Deutschland liegt! Hier mit meinen zwei gesunden Fäusten! Ich will zu meinem Regiment. Da können sie jetzt bestimmt jeden brauchen, der ein Gewehr anzupacken weiß. Und wenn ich weiter nichts tun könnte, als Rekruten drillen für den Felddienst -- das wäre mir wurscht. Aber dabei sein will ich ... Ich reise ...«
»Ich weiß nicht,« begann der Fremde und räusperte sich, »ob ich mich so außerordentlich unklar ausdrücke ... Wenn ich mich nicht irre, Herr Hoyermann, erlaubte ich mir, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß Ihre Abreise -- selbst wenn sie Ihnen gelänge ...«
»Darauf können Sie sich verlassen ...«
»Gut. Nehmen wir das vorläufig an ... -- doch zu keinem anderen Ziele führen würde, als daß Sie bestenfalls irgendwo in ein Konzentrationslager kämen. Glauben Sie wirklich, daß die Gegner Deutschlands die Rückkehr seiner wehrfähigen Männer aus dem Ausland zulassen würden?«
»Wir würden es tun ...«
»Ja ... Wir sind bei allen solchen Dingen von einer bedauerlichen Anständigkeit, die kein anderes Ergebnis hat, als daß sie mißverstanden und als Schwäche gedeutet wird. Ich glaube aber, daß es weder sehr angenehm ist, interniert zu werden, noch daß es für das Land, dem Sie doch helfen wollen, den geringsten Zweck hat. Die einzige Art, auf die Sie Ihrem Vaterlande einen Dienst erweisen können, ist, daß Sie mir helfen, meine Botschaft unbehelligt an ihren Bestimmungsort zu bringen. Bitte, geben Sie mir jetzt eine klare Antwort -- ja oder nein. Meine Zeit ist leider nicht unbemessen, und ich stehe beständig in Gefahr, den rechten Augenblick zu versäumen.«
Gerhard Hoyermann sagte weder ja noch nein. Er ging im Zimmer auf und ab und rannte mit dem Kopf gegen unsichtbare Hindernisse.
Der Fremde war aufgestanden und wartete, den Hut in der Hand. Sein Gesicht war weder ungeduldig noch besorgt. Er schien seiner Sache gewiß zu sein.
»Sie sagten,« fing Hoyermann endlich an, »daß ich bis zum Ausbruch des drohenden europäischen Krieges hierbleiben sollte ... Dann bin ich meiner Verpflichtung ledig?«
»Ja.«
»Das ist eine Verspätung von mindestens acht Wochen ...« murmelte Hoyermann.
»Ich fürchte, Sie kommen auch dann noch reichlich zur Zeit, wenn es Ihnen gelingen sollte, durchzubrechen,« meinte der Fremde. »Dieser Krieg wird, wenn er in der Tat ausbrechen sollte, nicht in acht Wochen beendet sein. Denn es geht um die Erbfolge in der Welt, das können Sie mir glauben. Und jeder wird sich um sein Letztes wehren müssen ...«
Gerhard Hoyermann blieb stehen und dachte nach. Und dann schob er mit einem Ruck, der das Kartenhaus ins Wanken brachte, die Zimmerwand beiseite, die ihn von seiner Frau trennte.
»Komm herein, Kamerad,« sagte er. »Du sollst mir helfen ...«
Der Fremde grüßte die junge Frau mit einer Höflichkeit, die seinen fünfjährigen Aufenthalt in Japan bestätigte. Beate sah ihn ernst und schweigsam an. Sie war sehr blaß.
»Nun, Beate --? Du weißt, worum es sich handelt?«
»Ja.«
»Und was sagst du?«
»Ich glaube,« antwortete Beate mit trockenen Lippen, »daß du tun mußt, was er von dir verlangt.«
»Ich danke Ihnen, gnädige Frau,« sagte der Fremde.
Beate erwiderte nichts. Sie sah ihren Mann an. Ihre Augenlider zitterten.
Gerhard Hoyermann wandte sich um.
»Es ist gut,« sagte er. »Ich bleibe. Acht Wochen früher oder später -- es macht so viel nicht aus. Aber ich stelle eine Bedingung.«
»Bitte ...«
»Ich kenne Sie nicht. Ich habe keinerlei Bürgschaft dafür, daß Sie nicht im Auftrage unserer Gegner handeln, wie Sie handeln. Diese Bürgschaft will ich haben. Am liebsten eine schriftliche. Welcher Art -- das überlasse ich Ihnen ...«
»Ihr Verlangen ist sehr gerechtfertigt,« meinte der Fremde. »Ich hätte daran denken sollen. Aber ich hole es nach. Hierher will ich nicht zum zweiten Male kommen. Ich kann nicht vorsichtig genug sein ... Bestimmen Sie, wo Sie mich in einer Stunde -- oder wann es Ihnen beliebt -- treffen wollen ...«
Gerhard Hoyermann überlegte.
»Wenn ich nicht komme, so wagen Sie nichts dabei,« meinte der Fremde, der sein Zögern mißverstand. »Es steht dann Ihrer Abreise nichts im Wege.«
»In einer Stunde am Tempel der Kwan-on,« sagte Gerhard Hoyermann.
»Ich werde pünktlich dort sein.«
Der Fremde verneigte sich und ging.
Gerhard und Beate sahen sich an. Minuten vergingen. Dann sagte der Mann, während er sich mit der Hand über die Stirn fuhr: »Nun mußt du deine Koffer wieder auspacken, arme Beate ...«
»Ich habe es schon getan,« antwortete die Frau mit ihrem stillen Gesicht. Dann, als hätte sie einen Stoß von innen her erhalten, warf sie ihrem Manne die Arme um den Hals und fragte, Herz an Herz gedrängt: »Wir werden uns nie trennen, Gerd, nicht wahr --? Was auch geschehen mag -- was du auch tun willst, Gerd -- wir werden uns nie trennen, nicht wahr --?«
»Ich weiß es nicht, mein Liebling,« sagte Gerhard Hoyermann. Und als der halb unbewußte Blick seiner Augen den Jammer der ihren ergriffen, fuhr er fort: »Wir werden tun, was wir müssen, geliebte Frau ... und was gut ist -- ja, das werden wir tun ...«
»Woher willst du wissen, was das Gute ist?« murmelte sie, die Hände auf seinen Schultern.
»Man weiß es immer,« sagte Gerhard Hoyermann nachdenklich. »Man tut es nur nicht immer ...« Er nahm das Gesicht seiner Frau in beide Hände und sah sie an, ein wenig mitleidig und ein wenig froh. »Wir beide, Beate -- wir werden es wissen und tun ... Das ist gewiß.«
Sie entgegnete nichts mehr. --
Eine halbe Stunde später machte sich Gerhard Hoyermann auf den Weg zum Tempel der Kwan-on.
Mosaku, im Strohmantel, triefend vor Nässe, trabte mit offenem Munde. Sein bellendes »Hai!« fuhr in die Menschen hinein, die mit Papierschirmen, auf die der Regen trommelte, über die Lachen und Löcher der Straße stelzten. Gerhard Hoyermann sah heute gleichsam durch die Menschen hindurch. Er bemerkte keine Gesichter. Seine zusammengelegten Hände öffneten und schlossen sich gedankenlos. Der Regen schlug auf ihn nieder. Er war lichter als vor ein paar Stunden; morgen gab es vielleicht einen schönen Tag.
Und Gerhard Hoyermann dachte, wie wohl zu Hause der Himmel aussehen mochte.
Nichts auf der Welt schien ihm jetzt wichtiger zu sein, als zu wissen, ob es daheim regnete oder ob die Sonne schien ...
Am Vorhof des Tempels angelangt, stieg er aus und stieg die glitschigen Stufen zum Gipfel des Hügels hinauf. Es war kein Mensch weit und breit zu sehen. Auch nicht der Fußtritt eines Menschen. Die Fichten um den Tempel der Göttin mit den schönen Augen standen zum Teil entwurzelt, und der Regen wusch die letzte Erde von den zersprengten lebendigen Seilen, mit denen sie in der Erde verankert gewesen.
Der Fremde war nicht gekommen.
Gerhard Hoyermann sah auf die Uhr.
Er trat in den Tempel; kein Priester, kein Betender war zu erblicken.
Als Gerhard Hoyermann zum zweiten Male nach der Zeit sah, waren zwanzig Minuten über die bestimmte Zeit verstrichen.
»Um so besser,« sagte Hoyermann halblaut. »Dann reisen wir also morgen ...«
Nach weiteren zehn Minuten beschloß er, noch einmal rund um den Tempel zu gehen, um ja sicher zu sein, daß er den Fremden nicht an falscher Stelle gesucht.
Als er die Rückwand des Tempels erreicht hatte, fand er ihn.
Es war schon sehr dämmerig, und der Regen trübte den Tag noch mehr. Aber Gerhard Hoyermann erkannte den Mann sofort.
Er lag neben einer umgestürzten Fichte auf dem Rücken; sein langes Haar fiel ihm in die Augen, die nach oben starrten und einen merkwürdigen fischigen Glanz hatten. Der Mund stand offen und war so sehr verzerrt, daß es schien, als grinse er in einem ungeheuren, lautlosen Gelächter. Die starken weißen Zähne bleckten ganz entblößt.
Der Mann war tot.
Er war erwürgt worden; mit einem guten Griff.
Dschiu Dschitsu, dachte Hoyermann mechanisch. Er schüttelte sich, in einem plötzlichen Zittern wütendster Wut. Dann packte er den Toten, dessen Last er nicht fühlte, und schleppte ihn in den Tempel der Kwan-on.
»Mag sie samt denen, die zu ihr beten, zusehen, wie sie mit ihm fertigwerden,« dachte er...
Als er heimkam, trat ihm Beate mit der Frage entgegen, ob er Takejiro entlassen habe.
»Nein.«
»Er ist aber fort, samt seinen Sachen.«
»Laß ihn laufen,« sagte Gerhard Hoyermann schwerfällig. Er setzte sich und legte den Kopf in die Hände.
»Was hast du?« fragte seine Frau und griff nach seiner Schulter.
Da erzählte er ihr.
Beate wurde grau im Gesicht.
»Glaubst du,« sagte sie und würgte an den Worten, »daß Takejiro ... euch belauscht hat und dann ...«
»Sehr möglich ...«
»Und du willst ihn laufen lassen --?!«
Gerhard Hoyermann zuckte die Achseln.
»Was willst du? Wenn er den Mord im Auftrag der Polizei beging, was mich gar nicht wundern würde und sehr wahrscheinlich ist, denn der Tote war entschlossen und tüchtig in seinem Fach --, dann wird die Polizei ihn schützen. Und wenn wir oder irgend jemand sonst bei der deutschen Gesandtschaft vorstellig würden und diese die Bestrafung des Mörders forderte, dann sei versichert, daß sich irgendeiner finden würde, der den Mord auf sich nähme und sich hängen ließe für den wirklichen Mörder, der vielleicht seinem Lande noch nützlich sein kann ...«
Er stand auf und reckte die Schultern.
»Wir leben nicht unter Menschen -- wir leben unter Begriffen, Beate ... Und die haben in einem Lande, wie dieses ist, das ewige Leben ...«
Er hatte das Wort noch im Munde, als Tystendal hereintrat. Er hatte ein Zeitungsblatt in der Hand ...
»Das Ultimatum Österreichs an Serbien,« sagte er.
»Gut!« sagte Gerhard Hoyermann nachdrücklich.
3
Beate lag in ihrem Zimmer, dessen papierene Wände in der Nacht wie Milchglas matt schimmerten, und wartete auf ihren Mann.
Umè hatte der Herrin das Lager aus vielen kostbar seidenen und wattierten Futons übereinander geschichtet und auch das hölzerne Bänkchen bereitgestellt, auf das die Japanerinnen ihre kunstvoll frisierten Köpfe legen und das, nach unerforschtem Brauch, so heilig ist, daß niemand es versehentlich stößt, ohne es um Verzeihung zu bitten. Die Herrin hatte zwar erklärt, seiner nicht zu bedürfen, aber Umè hielt es immerhin für besser, wenn es an seinem Platze stand.
Draußen schritt eine wunderschöne Sommernacht über Land und See. Die Frösche quakten, aber ganz fern; manchmal rief ein Vogel einen einzigen, schwermütigen Laut in die milde Tiefe der Dunkelheit. Unten am Teich schwatzte der kleine Wasserfall.
Beate lag auf dem Rücken und hatte den Kopf ganz in den Nacken gebeugt. Sie hatte ein Gefühl, als träte jede einzelne Minute auf ihren Leib, und sie könnte sich nicht wehren. Ihre weit offenen Augen sahen gegen die Decke des niedrigen Zimmers; aber sie waren wie blind.
Sie lauschte.
Es war schon sehr spät -- weit nach Mitternacht. Gerhard hatte sich in der Stadt mit Tystendal verabredet. Sie waren jetzt oft zusammen, die Freunde; öfter noch als sonst. Und wenn er dann nach Hause kam, blieben doch seine Augen wie weit fort, und seine Liebkosungen waren ein wenig traurig.
Jedesmal, wenn er sie dann küßte, beugte sich Beate in seinen Armen zurück und hielt mit ihren Händen seinen Nacken und sah ihn verzweifelt an. Sie wollte ihn fragen: »Was hast du? -- Was verschweigst du mir?« Aber sie fragte nicht. Sie hatte Angst vor seiner Antwort.
Aber nun ertrug sie es nicht mehr.
Vom ersten Tage ihrer Ehe an war sie gewöhnt gewesen, daß sie beide alles, was sie zwischen zwei Dämmerungen erlebt hatten, zusammenpackten und zueinander brachten, um es auszutauschen. Sie pflegten sich gegenseitig bei den Ohren zu nehmen und dem anderen vorzuwerfen, daß er verschwenderisch und aus der Maßen leichtsinnig sei, um sich am Ende dieser Auseinandersetzungen mit blanken Augen anzulachen -- Gerhard mit seinem urwalderschütternden Gedröhn und sie mit ihrem leichtfüßigen Jauchzen darüberkletternd: »Hohoho, meine Löwin --!« ... »Bär! Bär, du hast eine schwarze Nasenspitze -- hahei!«
Nein, sie waren ganz taumelig -- total verrückt -- und glücklich, glücklich -- glücklich -- ach! Die ganze Welt tanzte in der Hand ihres vergnügten Schöpfers ...
Nun, seit Tagen, schwiegen sie voreinander.
Aber sie wollte nicht mehr schweigen. Sie wollte nicht mehr, weil sie nicht mehr konnte. Sie würde ihn fragen, beide Hände auf seine Brust gelegt, als wollte sie an seinem Herzen anpochen ... Gerd --?
Dann mußte er Antwort geben.
Und darum wartete sie auf ihn mit offenen Augen, während sie in ihrem Zimmer mit den milchigen Wänden lag und die Dunkelheit um das Haus herfloß wie ruhig ziehendes, tiefes Wasser um einen gläsernen Schrein.
Die kleineren Sterne waren schon unsichtbar geworden, als Gerhard Hoyermann nach Hause kam. Beates Ohren, durch das schweigsame Lauschen in die Stille hinein geschärft, hörten das Knirschen des feinen Sandes, in dem das Boot auflief, und dann die Schritte ihres Mannes, die sich dem Hause näherten.
Aber er kam nicht herein.
Sie hörte, wie er stehenblieb und dann zögernd wieder ging; doch nicht zu ihr. Er ging durch den Garten. Nun entfernten sich seine Schritte; nun kamen sie wieder näher; sie wanderten um das stille, wartende Haus, ruhelos und müde; so wie Verbannte um die Grenzen ihrer Heimat schleichen, dachte Beate. Sie lag noch immer, als könnte sie sich nicht rühren, mit offenen Augen und Lippen, die eine uneingestandene Bitterkeit ein wenig herbe machte.
Doch als die Schritte draußen den Weg zu ihr nicht finden konnten, obgleich es schien, als sehnten sie sich sehr, hereingerufen zu werden, stand sie auf und tastete sich, unsicheren Ganges, nach der Tür, die auf die Veranda führte. Sie schob sie auf und beugte sich, vortretend, über das schmale Geländer.
Die Nacht war nicht dunkel. Sie konnte den Mann gut sehen, der mit gesenktem Kopf unter den Pflaumenbäumen hinging. Er trug den Hut in der Hand.
»Gerd --!« rief sie halblaut.
Er fuhr zusammen und kam auf sie zu -- so eilig, als wollte er einer Frage zuvorkommen.
»Mein Liebling ...«
»Ich hörte dich durch den Garten gehen ... Warum kommst du nicht herein?«
»... Ich wollte dich nicht wecken.«
»Ich schlief nicht ...«
Er entgegnete nichts, sondern kam herauf und in das Zimmer, in das Beate zurückgetreten war. Sie wartete, ob er etwas sagen würde. Er schwieg aber, strich nur, als er an ihr vorüberging, mit seiner Hand über ihre Schulter. Ein sinnloses Schluchzen stieg der Frau in die Kehle. Aber es wurde nicht laut.
Sie legte sich nieder und wartete. Plötzlich, als fühlte er die Stille des Zimmers körperlich und peinigend, sagte er laut: »Tystendal läßt sich dir empfehlen ...«
»Danke schön ... Warst du mit ihm allein?«
»... Entschuldige ... was fragtest du?«
Beate schluckte. »Laß nur, es war nichts Wichtiges ...«
»Ob ich mit ihm allein war ... ja, natürlich ... Habe ich dir seine Grüße ausgerichtet?«
Beate gab keine Antwort. Er schien auch keine erwartet zu haben, denn er fragte nicht zum zweiten Male. Er legte sich nieder, atmete tief und lag still.
»Gute Nacht, mein Liebling,« sagte er halblaut mit jener schweren und traurigen Zärtlichkeit, die sie ganz verstörte. »Schlaf gut ...«
Sie gab ihm den Wunsch nicht zurück.
Sie wartete eine Weile und horchte auf seine Atemzüge. Sie fühlte, daß er nicht einschlafen konnte. Sie richtete sich behutsam auf und beugte sich über ihn. Seine Augen standen weit offen.
Da legte sie ihre Hände auf seine Brust, so wie sie es hatte tun wollen und sich gesehnt zu tun, und fragte: »Gerd ...?«
»Ja, Beate?«
»Gerd, warum verschweigst du mir auf einmal so vieles?«
Er sagte nichts. Sie fühlte sein Herz unter ihrer Hand.