Part 8
Geduld war die eigentümlichste Eigenschaft von Kyrill Petulikow. Er kannte seinen Bruder kaum und hatte ihn nicht geliebt -- wenigstens nicht mehr als alle Menschen, denen er stets mit Sanftmut und dem besten Willen zum Frieden entgegentrat. Er hatte den Bruder im Gedächtnis als etwas sehr Lautes -- etwas, das die Wände beben machte, wenn es die Türen ins Schloß jagte und mit den Absätzen in die Dielen hackte -- das, wenn es betrunken war -- und das war nicht selten --, die Knechte prügelte und die Hunde mit Stühlen warf, um ihnen beiden, Menschen wie Tieren, am anderen Morgen strahlend abzubitten -- etwas, das viel und eigentlich ohne rechten Grund zu lachen pflegte, im Gras lag und schwermütige Lieder sang -- etwas, dem die Weiber nachliefen wie die Ziegen einem, der Salz trägt -- etwas, das im Lichte stand und sich nicht kümmerte, auf wen es seinen Schatten legte.
Er hatte keine Ursache, seinen Bruder anzubeten, wie die Mutter es tat. Aber da er fühlte, daß es für Lisa Petulikowa zum Zweck des Lebens geworden war, von Jewgenij Iwanowitsch zu reden, so saß er Abend für Abend neben ihr und hörte ihr zu. Das war alles, was er für seine Mutter tun konnte. Ihr den Toten zu ersetzen, vermochte er nicht -- hätte er auch nie versucht. Und da wurde Lisa Petulikowa sehr rasch eine alte Frau, die nicht mehr acht auf sich gab, ein wenig liederlich herumging und ihr Haar nachlässig ordnete. Aber sie trug noch immer ihren schönen Schmuck und hatte ihn auch für die Reise nicht abgelegt, obgleich sie an Ceylon und den beiden Indien vorüberfuhr, indem sie in der Kabine saß und Patiencen legte, die nie aufgingen.
Sie haßte die Menschen, die fröhlich waren, obgleich Jewgenij Iwanowitsch starb -- und die Erde, den Himmel und das Meer, die schön waren, ohne daß er sich ihrer freuen konnte.
Außerdem war sie leidend. Und als sie die Nachricht bekommen hatte, daß sie das Ziel ihrer Reise nicht erreichen würde, fiel sie gleichsam in sich zusammen. Gewiß, man konnte in Japan aussteigen und ein anderes Schiff nehmen, das durch die Straße von Korea fuhr. Aber zu diesem Vorschlag, den Kyrill ihr machte, schüttelte Lisa Petulikowa hartnäckig den Kopf. Nein, sie wollte auf diesem Schiffe bleiben und umkehren und nach Hause fahren.
Diese ungeheuerliche Reise, die sie unternommen hatte, um das Grab ihres Abgotts zu besuchen, bedeutete den höchsten Einsatz von Willenskraft und Unternehmungsgeist, den sie in ihrem ganzen Leben aufgewendet hatte. Nun war alles sinnlos gewesen -- und wurde durch seine Sinnlosigkeit grotesk, eine Narrheit, die dem Mitleid nicht näher stand als dem Spott.
Alles, was sie an innerlichen Kräften besaß, hatte sie für diese närrische Reise aufgewendet. Ein Mehr davon war in ihr nicht übrig. Sie ließ sich zu Boden fallen, und da wollte sie liegenbleiben. Wer sie aufhob, wußte sie nicht und dankte es ihm nicht. Da sie an Herzkrämpfen litt, brauchte sie eine ständige Wache für die Nacht. Eine Stewardeß übernahm die Pflege. Es war ein stilles, etwas schweigsames Mädchen, aus Sheffield gebürtig, früher in Diensten auf der »North-Carolina«, die in San Franzisko beheimatet war. Aber nun wollte sie nach Hause. Sie hieß Kate Mathew und hatte blondes Haar.
Kyrill Petulikow pflegte bis gegen Mitternacht bei seiner Mutter zu wachen. Dann kam das Mädchen und nahm seine Stelle ein. Aber nicht immer ging er dann. Er setzte sich meistens in eine Ecke des behaglichen und nicht engen Raumes und blieb dort, ohne sich zu rühren, stundenlang, die Hände auf den Knien zusammengelegt, mit gesenktem Kopfe, von dem die dunklen Haare weich und locker in die Stirn fielen. Wenn das Mädchen sich umgewandt hätte, dann wäre sie seinem Blick begegnet, der still und gleichsam ausruhend auf ihr lag. Aber sie wandte sich nicht um.
Sie sprachen fast gar nicht miteinander. Er war des Englischen so wenig mächtig wie sie des Russischen. Einmal redete er sie französisch an, und sie antwortete in der gleichen Sprache, aber so einsilbig, daß er wieder verstummte. Personen dienenden Standes gegenüber war Kyrill Petulikow immer etwas befangen. Es war ihm stets peinlich, die Dienste eines Menschen in Anspruch zu nehmen, so hoch er sie auch bezahlte. Er war ein Narr im Trinkgeldgeben und schämte sich für die Leute, die es annahmen. Aber während er Kate Mathew beobachtete, kam er zu dem Ergebnis, daß es unmöglich sein würde, ihr eine Fünfpfundnote in die Hand zu drücken.
In einer Nacht, da die Kranke besonders heftig an Herzkrämpfen gelitten hatte und Kate Mathew sie in den Armen hielt und stützte und leise, unverständliche Worte zu ihr sprach, auf die die Kranke mit wirren Augen horchte, fing Kyrill Petulikow zu reden an.
Er beugte sich in seinem Sessel vor und schüttelte den Kopf.
»Sie sind nicht immer Stewardeß gewesen,« meinte er halblaut, und es war kaum eine Frage.
Kate Mathew stand einen Augenblick, ohne sich zu bewegen, und dann wandte sie sich mit einer Art betonter Festigkeit nach dem Manne um.
»Warum glauben Sie das?« fragte sie und schob mit dem Ton ihrer Stimme das Gespräch weit von sich ab. Aber das hörte Kyrill Petulikow nicht, oder er wollte es nicht hören. Er lächelte ein wenig.
»Ich habe ohne Unterlaß auf Ihre Hände gesehen,« sagte er mit einer gewissen schwermütigen Heiterkeit, für die er keinen Grund hätte angeben können. »Sie haben helfende Hände, aber keine dienenden. Ihre Hände tun, was getan werden muß, von selbst, wie von innen heraus. Man muß ihnen nichts befehlen. Sie wissen mit ihren eigenen Nerven, was das Notwendige und das Gute ist. Dienende Hände sind gehorsam -- das ist alles. Wenn man sie nicht schickt und leitet, irren sie sich leicht und greifen fehl. Aber Ihre Hände irren sich niemals. Und ich möchte auf Ihre Hände schwören, daß sie nur dienen, weil etwas außerhalb ihres Wesens sie dazu zwingt.«
Kate Mathew antwortete nicht gleich. Die halblauten und ruhigen Worte des Mannes, der mit seinen stillen Augen zu ihr hinsah, waren so völlig sanft und voller Erkenntnis, daß es sinnlos gewesen wäre, sie verwirren zu wollen.
»Sie haben Recht,« sagte Kate Mathew nach einer Pause. »Aber ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie nicht mehr über mich nachdenken wollten, denn es würde zu keinem Ergebnis führen.«
»Sie können mir verbieten, es Ihnen zu sagen,« meinte Kyrill Petulikow, »aber Sie können mir nicht verbieten, es zu tun. Ich bitte Sie sehr um Verzeihung, Miß Mathew, wenn ich Sie mit meiner Teilnahme belästige ... Sie waren sehr gut zu meiner Mutter. Meine Mutter hat Sie gern um sich herum, was mit sehr wenig Menschen der Fall ist. Darum sprach ich zu Ihnen ... Wenn Sie Ihren jetzigen Beruf nur aus Zwang erwählt haben -- unter dem Drucke irgendeiner Not ...«
»Ja ...« antwortete Kate Mathew, da er etwas innehielt und sie ansah. »Ja, es war eine Not ... Aber nicht, die Sie meinen ... Bitte, wir wollen nicht mehr davon reden, +m'sieur+ ...«
»Verzeihen Sie mir, Miß Kate,« wiederholte der Russe demütig. »Ich hoffte, Ihnen helfen zu können.«
Kate Mathew nahm die Schüssel, in der das Eis zerronnen war, und ging lautlos aus der Kabine. Kyrill Petulikow ging ihr nicht nach. Wenn er es getan hätte, so würde es ihn vielleicht sehr nachdenklich gestimmt haben, die Pflegerin seiner Mutter, Stewardeß auf der »Princeß of India«, zehn Schritte weiter auf einer Treppe sitzend zu finden, wie sie den Kopf in beiden Händen hielt und sehr leise und sehr inbrünstig mit ihrem Herrgott deutsch sprach.
Viel Wunderliches hatte geschehen müssen, bis Kate Mathew von der »North-Carolina« mit dem Engländer nach Europa zurückfuhr ...
Die »North-Carolina« war von Frisko gekommen, und das weibliche Dienstpersonal hatte Urlaub erhalten, sich in der fremden Stadt ein wenig umzuschauen. An der Landungsbrücke, wo die Boote anlegten, hatte ein Mann gestanden und die Mädchen an sich vorübergehen lassen; und als Kate Mathew kam, war er ihr nachgegangen und hatte, an ihr vorüberstreifend, ihr eine Fünfpfundnote in die Hand gedrückt und gesagt, sie möge sich einen Jinrikisha nehmen und ihm folgen.
Das hatte Kate Mathew ohne weiteres getan.
In einem behaglichen Zimmer des Yeddo-Hotels hatte der Mann ihr auseinandergesetzt, was er von ihr wollte. Es war eine einfache und klare Sache. Er wünschte ihren Paß, ihre sämtlichen Papiere und ihr gesamtes Hab und Gut zu kaufen, soweit es sich auf ihren Beruf als Stewardeß bezog. Darauf würde sie sich in ein sehr hübsches japanisches Landhaus zurückziehen, das ihr mit allen Bequemlichkeiten der Verpflegung und einer zahlreichen Dienerschaft zur Verfügung stand -- bis zu dem Tage, wo man sie bitten würde, sich möglichst unauffällig zu trollen. Dann sollte sie sich beim Konsulat beschweren, daß man ihr die Papiere gestohlen habe. Sie konnte es ohne jede Gefahr tun. Ihr Sheffielder Dialekt hätte vor jedem englischen Gerichtshof ihre britische Waschechtheit bezeugt.
Für das Eingehen auf diesen Plan bot ihr der Fremde die runde Summe von zweihundert Pfund, zahlbar in zwei Raten: bei der Auslieferung ihrer Papiere und Ausrüstung und am Ende ihrer Wartezeit.
Kate Mathew von der »North-Carolina« war ein verständnisvolles und selbstsicheres Mädchen; sie verlangte dreihundert. Und dann tat es ihr leid, daß sie nicht fünfhundert gefordert hatte. Sie war überzeugt, daß man ihr auch diese Summe anstandslos bewilligt hätte, und vielleicht irrte sie sich nicht.
Am Abend des Tages, da Kate Mathew ihr hübsches Landhaus bezog, machte Christian Tystendal eine nächtliche Bootsfahrt aufs Meer hinaus.
Das Meer dehnte sich über der vollkommenen Dunkelheit der Tiefe wie eine leichtgewölbte Kuppel über einer Halle aus Saphir. Breit ausgegossen lag der Schein des Mondes über der ruhigen Bläue. Und Christian Tystendal lag in seinem Boote auf dem Rücken, spürte das anschmiegende Gleiten der Wellen unter sich und wartete auf Monduntergang.
Einmal -- und auch darauf hatte er gewartet -- glitt der Schatten eines Drachensegels über sein Boot. Und dicht an ihm vorbei, wie eine Möwe, strich ein kleines, schnelles Schiff. Ein Mann beugte sich über den Rand und spähte dem Liegenden ins Gesicht.
Aber Christian Tystendal sang mit der Stimme eines Trunkenen, halblaut und glückselig, das Lied des großen und zeit seines Lebens nicht nüchternen Dichters Li-tai-po in den Mond hinauf:
»Trinket der Becher drei, und ihr ergründet die Tiefe der Weisheitslehre! Leeret die Flasche, und ihr erschöpfet die Weisheit der Welt! Nur im Becher wohnt das Glück und die Wonne der Erde! Laßt mich, des Weines voll, eingehn zur Unsterblichkeit!«
Der Mann im Drachenboot schien keine Ursache zu haben, diese poetische Weinseligkeit zu stören; das Boot verschwand. Es steht in Japan jedem Betrunkenen frei, auf die von ihm bevorzugte Weise aus dem Leben zu verschwinden. Die Behörden kümmern sich lediglich um die übrigen.
Als der Mond hinter dem Hügel der Göttin Kwan-on versunken war und die Flut einsetzte, trieb das Boot des Jüngers von Li-tai-po an die Insel mit dem schönen Namen »Garten des Freundes« und lief knirschend am Ufer auf, unsichtbar vom jenseitigen Lande. Und ein erschrockener Nachtvogel huschte aus den Zweigen des Pflaumenbaumes, der die Tür des Hauses bewachte.
Eine Frau war aus dem Hause getreten und im Garten verschwunden.
Sie hatte seit Tagen und Nächten auf das Kommen des Mannes gewartet und war in jeder Stunde bereit gewesen, mit ihm zu gehen.
Sie wechselten nur wenige Worte.
»Wollen Sie als Stewardeß mit dem nächsten Europadampfer abreisen?«
»Ja.«
Sie hatte sich nicht einen Augenblick besonnen, ehe sie das Wort aussprach.
»Dann kommen Sie,« sagte Tystendal einfach.
»Was soll ich mitnehmen?«
»Nichts als das Geld, das Sie flüssig haben. Alles andere müssen Sie von der Eigentümerin Ihrer Papiere übernehmen. Sie sieht Ihnen soweit ähnlich, daß man eine geschmeichelte Photographie von ihr für eine miserable von Ihnen halten kann. Mehr brauchten wir nicht für den Augenblick. Diese flüchtige Ähnlichkeit veranlaßte mich, mit dem Mädchen in Unterhandlung zu treten, und sie erklärte sich bereit. Wenn Sie es auch tun, sind wir sehr bald am Ziele.«
Nach fünf Minuten hatte Beate Hoyermann den »Garten des Freundes« verlassen. Nach zwei Tagen trat die neue Stewardeß auf der »Princeß of India« ihren Dienst an; sie wurde die Pflegerin von Jelisaweta Petulikowa. Sie wachte in den Nächten und schlief nicht am Tage; und manchmal, wenn sie sich allein glaubte, saß sie auf den Treppenstufen und legte den Kopf in die Hände, horchte auf das unentwegte, gleichmäßig gesunde Pulsschlagen der Schiffsmaschinen und dachte an das höllische Feuer, das sie ernährte -- und sehnte sich, einen Weg zu gehen, den sie nur einmal gegangen war, am zweiten Tage ihres Hierseins, als sie gegen Morgen für Jelisaweta Petulikowa Eis holen wollte und sich im Gewirr der Gänge und Treppen verirrte.
Und schließlich war sie dahin gekommen, wo das dumpfe Brausen der Maschinen zum Tosen wurde und das Zittern des Schiffes zum schwirrenden Beben -- und hatte umkehren wollen und war stehengeblieben, weil irgendwo in der Finsternis unter ihr eine Tür sich geöffnet hatte und ein Bach von düsterem Glutschein sich in die Dunkelheit ergoß.
Eine schmale, steile Leiter führte aus der Tiefe halb empor und brach ab, als wagte sie sich nicht ins Lichte hinauf, das seine reinere Luft, seine Kühle und Frische gleich einem Almosen in das Glühen, den Dunst und die Finsternis hier unten warf.
Diese Leiter kam ein Mann empor. Er tauchte nur halb herauf, und der Widerschein des Feuers hinter und unter ihm röstete seinen nackten Rücken, seine Arme und Schultern, während das bleiche Licht der schwindenden Nacht auf sein Gesicht fiel und seine keuchende, entblößte Brust badete.
Er stand, die rußigen, vom Schweiß triefenden Fäuste ins Eisengestänge der Leiter klammernd, und hob das Gesicht, mit offenen Lippen atmend, wie einer atmet, der hart am Ersticken war; und das von der irrwitzigen Glut der Tiefe gejagte Herz toste gegen die Rippen, daß es den ganzen Menschen zu erschüttern schien.
Aber das Grausigste an diesem Menschen waren seine Augen -- die weitaufgerissenen, blutigen und verdorrten Augen derer, die aus der Hölle kommen, den Himmel anstarren und wieder hinunter müssen ...
Du Gott -- du großer Gott im Himmel --!!
Der Mann auf der Leiter ahnte nicht, daß zehn Schritte von ihm entfernt eine Frau stand, die sich bei seinem Anblick rücklings gegen die schütternde Wand des Schiffsganges warf und beide Hände gegen ihren Mund preßte, um nicht zu schreien -- und die Zähne tief hineinpreßte in ihre Lippen, die sich öffnen wollten, und mit flatternden Fingern nach rechts und links tastete ... nicht nach einem Halt -- nein, nach irgend etwas, daran sie sich mit ihrem letzten, versagenden Willen festnageln konnte, um nicht vorwärts zu stürzen, auf den Mann zu, dem die Augen im Kopfe verkohlt waren von der Arbeit freiwilliger Verdammnis.
Aber sie rührte sich nicht; sie krallte sich die Nägel ins Fleisch und ging nicht. Sie starrte den Mann mit Blicken an, die ein einziges stummes Schreien waren; aber sie blieb, wo sie war.
Und erst, als er, mit einem letzten trinkenden Atemzug, die Fäuste vom Gestänge der Leiter löste und mit tastenden Füßen niedertauchte in das lohende Schwarzrot des unterirdischen Feuers und verschwand -- da ließ sie sich, wo sie stand, auf die Knie fallen und schlug mit der Stirn auf den Boden und streckte die verkrampften Hände vor sich hin -- und schleppte sich, auf den Knien liegend, zu der Stelle, wo er gestanden hatte, und drückte den Kopf in ihre Arme und biß in ihr schwarzes Kleid und stöhnte, lautlos, nach innen hinein: »Gerd --! Gerd --! Gerd!«
Ja, die »Princeß of India« war das erste Schiff gewesen, das Japan nach Ausbruch des europäischen Krieges verließ; daran hätte sie denken müssen. Sie hatte nicht daran gedacht. Ihre Gedanken waren im Grenzenlosen umhergeirrt und hatten den Mann, den sie liebte, gesucht -- auf dem Wege nach Amerika, nach China, nach Indien ... aber sie hatte keinen Herzschlag lang daran gedacht, daß sie auf gleichen Schiffsplanken stehen würden und die Heimat suchen -- in feindlichem Dienste, mit fremden Namen -- unbekannt sich selbst wie den anderen.
Denn das hatte sie begriffen im Augenblick, wo sie ihn sah: Er durfte nicht wissen, daß sie auf diesem Schiffe war ... Er mußte den unerhört schweren Weg, den er gehen wollte, zu Ende gehen ohne einen Gedanken der Sorge um sie. Wenn ihnen die Entdeckung drohte -- jetzt ... während der Weiterfahrt ... am Ende ihrer Reise ... mit keinem Blick, mit keiner Bewegung durften sie voneinander wissen.
Und Kate Mathew schwieg ....
Sie suchte auch den Weg nicht wieder, den sie in jener Nacht, sich verirrend, gefunden. Sie versagte sich das jämmerliche Glück, da, an den bebenden Rippen des Schiffs in der Dunkelheit zu kauern und darauf zu warten, daß vielleicht noch einmal in fünfzig Nächten der Heizer, dessen Namen sie nicht kannte, heraufkommen würde, um Atem zu holen nach dem Brodem der Tiefe. Und das einzige, was sie sich gönnte, war, daß sie, wenn ihre Kranke eingeschlafen war, in irgendeinem Winkel saß und den Kopf in die Hände legte und in scheuen deutschen Lauten vor sich hinsprach -- Worte der Zärtlichkeit, die ihr Ziel nicht erreichten ...
Und sie legte die Hand an die Wände des Schiffs, durch die der Pulsschlag seiner Maschinen zuckte, als suchte sie den Strom, der aus der Feuerbrandung kam und Leben wurde und Bewegung ...
Und während ihre Hand den Pulsschlag des Schiffes prüfte, spürte sie, daß er sich veränderte ...
Nein, es war keine Täuschung ...
Der Takt des stählernen Pulses beschleunigte sich, als ob ihm das Fieber ins Blut gefallen wäre.
Warum hatte es die »Princeß of India« mit einem Male so eilig?
Beate stand auf und wollte die Treppe hinaufsteigen, um an Deck zu gelangen. Aber im gleichen Augenblick stolperte von droben ein Mensch die schmalen Stufen hinab, stieß an die Frau, die da im Halbdunkel stand, und brüllte: »Verdammnis über die Hunde --! Lichter aus!«
Im nächsten Moment erloschen sämtliche Lampen, und Beate stand in vollkommener Finsternis.
Was hieß das, großer Gott --?!
Beate hörte, daß eine Türe sich öffnete; Schritte kamen den Gang herauf. Der dünne und scharfe Strahl einer elektrischen Taschenlampe spießte sich in die Dunkelheit, glitt über ihr Kleid und ihr Gesicht.
»Miß Kate?«
»Ja ...«
»Was geht auf dem Schiffe vor?«
»Ich weiß es nicht. Warum sind die Lampen gelöscht worden?«
Kyrill Petulikow zuckte die Achseln. »Gehen wir hinauf!« sagte er und beleuchtete die Stufen. Aber die Stewardeß schüttelte den Kopf.
»Ich muß zu der Kranken,« sagte sie.
»Meine Mutter schläft,« antwortete der Russe.
»Sie könnte doch erwachen und würde sich vielleicht ängstigen in der Dunkelheit.«
»Gut, gut ... Ich danke Ihnen, Miß Kate ... Ich werde Nachricht bringen, wenn es sich um etwas Besonderes handeln sollte ...«
Er leuchtete ihr nach der Türe seiner Mutter und stieg, als sie dahinter verschwunden war, die Treppe hinauf. Beate blieb an der Schwelle der Kabine stehen und fuhr sich mit der Hand über die Stirn.
Das war sehr merkwürdig, alles ...
Sie spürte das verdoppelte Jagen der Schiffsmaschinen wie ihren eigenen Pulsschlag durch den ganzen Körper, von den Füßen bis zum Halse. Sie sah sich um, völlig verständnislos.
Die Kranke lag und schlief. Durch die beiden runden Fenster glotzte eine bleiche Dunkelheit. Es regnete nicht mehr. Es war windig geworden. Zuweilen flogen, Möwen gleich, schneeweiße Fetzen von Gischt an den dicken Scheiben vorbei.
Die »Princeß of India« hatte ihre schöne, schnelle Gelassenheit verloren; sie raste mit berstenden Lungen vorwärts, vorwärts ...
Plötzlich wurden die Fenster weiß.
Ein tagheller, fressender Schein glitt an ihnen vorbei -- war gleich wieder erloschen -- und kam wieder ...
Im selben Augenblick trat Kyrill Petulikow in die Kabine.
Er atmete sehr hörbar.
»Was ist?« fragte Beate. Sie stand noch an der Türe. Das spitze Licht in seiner Hand erhellte ein wenig ihr vorgeneigtes Gesicht.
»Wir werden verfolgt,« antwortete Kyrill Petulikow.
Beate verstand nicht. »Verfolgt --?«
»Ja.« Er sagte es, aber sie hörte es nicht. Sie sah es nur an der Bewegung seiner Lippen.
Sie wollte weiterfragen, aber sie kam nicht dazu.
Der schwere und rollende Schlag eines Kanonenschusses dröhnte über das Jagen des Schiffes hin.
Die Kranke fuhr in die Höhe und schrie auf -- schrie zu allen Heiligen ...
Kate Mathew sprang ihr zu Hilfe.
»Heilige Mutter Gottes von Kasan -- was war das --?! Warum wird geschossen, Kyrill -- Kyrill --?!«
»Ein deutscher Kreuzer verfolgt uns,« antwortete Kyrill Petulikow und wandte sich nach Kate Mathew um, die fast gefallen wäre.
Aber es war nur ein Augenblick gewesen. Im nächsten hatte sie sich schon wieder in der Hand.
Und fast ohne ein Wort zu reden, zerrte sie die jammernde und widerstrebende Frau auf die Füße, half ihr, sich anzukleiden ... Vorwärts, vorwärts, Lisa Petulikowa -- wir haben bei Gott nicht einen Augenblick zu verlieren ... Das war ein blinder Schuß ... der nächste wird scharf sein ... Es ist Krieg, und ein deutscher Kreuzer verfolgt ein englisches Schiff ...
Ja, das tat er. Er fegte hinter der »Princeß of India« drein, daß die lohende Glut aus allen Schornsteinen breit flackernd wehte. Er hatte seinen knappen »Halt!«-Befehl zu dem flüchtigen Schiff hinübergefunkt, aber die »Princeß of India« ergab sich nicht; sie floh weiter, was die Maschinen hergeben wollten, und sie jagte ihre Hilferufe in alle Richtungen der Windrose.
Der Mann am Marconiapparat würgte seine Flüche hinunter; der Schweiß lief ihm übers Gesicht. Er bekam keine Antwort.
Und drunten im Heizraum standen zehn, zwölf nackte Menschen vor dem geöffneten Rachen der Hölle, die Weißglut von sich spie, und das Wasser verdampfte auf ihren krebsroten Körpern und verzischte auf dem Boden unter ihren Füßen und rieselte und spülte unablässig um sie, während sie keuchend, knirschend, mit versagenden Lungen und Augen, die aus den Höhlen quollen, Felstrümmer, Berge von Kohlen in die gefräßige Glut schleuderten.
Das Schiff stöhnte vor Anstrengung. Das gleichmäßige Sausen der Maschinen wurde zum Geheul. Auf eine halbe Meile rund um die »Princeß of India« war das Meer in kochenden Gischt zerschlagen und zerpflügt.
Aber es half ihr nichts ...
Der erste Schuß grollte über die Wellen. Er war ein letzter Haltbefehl. Er jagte die schlafenden Fahrgäste aus den Betten; halbbekleidet, grotesk und lächerlich, mitleiderregend hasteten sie die Treppen hinauf -- drängten sich an das Oberdeck. Männer, Weiber, Kinder taumelten durcheinander und klammerten sich an jeden Menschen, der ihnen in den Weg kam -- fragten, heulten, beschwerten sich ...
Der Kapitän der »Princeß of India« war ein ruhiger und kaltblütiger Mann. Er war fest entschlossen, es aufs Äußerste ankommen zu lassen. Er ergab sich nicht beim ersten blinden Schuß. Den Revolver in der Hand, erteilte er seine Befehle. Die Bedienungsmannschaft der Rettungsboote flog an ihre Plätze. Das ohrenzerreißende Rufen der Trillerpfeife gellte ununterbrochen über Deck. Das Schiff lag noch immer im bleichen Dunkel der ersten Morgenstunde.
Aber da kam das weiße Gleißen wieder ... Der breite Keil eines Scheinwerfers sauste aus der Höhe und Ferne des verfolgenden Kreuzers mit einem schwingenden Zupacken zu dem fliehenden Schiff hinüber und hielt es in den Klauen. Ein zweiter legte sich flirrend daneben ...
Zwei Sekunden später blitzte es drüben auf -- das Gebrüll eines Raubtiers folgte ...
Zweihundert Meter hinter dem gehetzten Schiff schlug das Geschoß ins kochende Gischten des Kielwassers und schleuderte einen Geiser sprühender Wassersäulen haushoch in die Luft.
Auf der »Princeß of India« brach eine Panik aus.
Die Fahrgäste taumelten durcheinander, als seien sie betrunken vom Schrecken. Das Geschrei der Frauen und Kinder übertönte jeden anderen Laut. In dem weißen und eiskalten Licht der Scheinwerfer, die das fliehende Schiff nicht aus den Fängen ließen, die es förmlich aufzusaugen schienen, waren alle Gesichter verzerrt und durch das Fremde, Niegedachte, Nieerlebte von einer Art grausiger Neugier gespannt.
Aller Lippen standen offen; alle raunten, murmelten, schrien etwas.
Eine Gruppe von Frauen drängte sich um den Schweizer Missionar, der barhäuptig und ohne Rock mitten auf Deck stand und mit unerschütterlicher Stimme und hocherhobenen Armen die kräftigsten Psalmen Davids sprach; die Stimmen seiner Frau und seiner Töchter schwangen sich über die seine hinweg wie ein Flug von geängstigten Tauben.