Chapter 6 of 20 · 3947 words · ~20 min read

Part 6

»Es mag sein,« antwortete sie und sah vor sich hin. »Aber du mußt mich jetzt schon lassen, wie ich bin. Sonst ... stehe ich nicht sehr fest auf den Füßen. Und das muß ich doch ... Vielleicht ist es notwendig, daß eine Frau ganz ausgelöscht wird, wenn der Mann für einen ganz nur männlichen Gedanken brennt. Ich glaub' es fast und sehe es auch ein. Aber es wird dadurch nicht leichter ... Morgen schon ... und später jeden Tag und jede Nacht, Gerd, will ich dir alles abbitten, was jetzt in mir an Bitterkeit ist; heute laß mich nur ... Es tut zuweilen ganz gut, ungerecht zu sein, und es hilft einem weiter als alle gute Erkenntnis ...«

Sie tat ein paar Schritte und blieb verwirrt stehen, als er ihr in den Weg trat.

»Wo willst du hin, Beate?«

»Ich weiß es nicht,« sagte sie. Und sie sagte die Wahrheit.

Da nahm er sie in seine Arme ...

Es war der kleinen pechäugigen Umè durchaus nicht abzugewöhnen gewesen, daß sie einfach in das Schlafzimmer ihrer Gebieterin und deren verehrungswürdigen Gemahls trat, wenn sie es für angemessen hielt. Der Verehrungswürdige hatte sich das schon zu verschiedensten Malen verbeten, ohne die Kraft seiner Stimme im geringsten zu schonen, und hatte sich etliche Gelegenheiten, seine Wurfsicherheit zu erproben, nicht entgehen lassen. Aber Umè wußte, was sich für eine japanische Dienerin schickte. Sie sammelte die Gegenstände, die ihr an den Kopf geflogen waren, sorgfältig auf und stellte sie dem Gebieter mit einer untertänigen Verbeugung für späteren Gebrauch wieder zur Verfügung. Und blieb ... Lag an der Türe auf den Knien und blieb. Daß ein Mensch sich wusch, war ja nichts, dessen er sich zu schämen gehabt hätte. Höchstens, wenn er sich nicht wusch.

An diesem Morgen erwachte Umè eher als sonst. Sie erwachte von einem Ruf oder einem Schrei, von dem die Luft noch zu beben schien, und sie wußte doch nicht, ob er wirklich war oder ob sie ihn nur geträumt. Aber vielleicht hatte die Herrin nach ihr gerufen. Umè stand auf und schlüpfte, ohne sich anzumelden, wie es ihre bescheidene Erziehung forderte, durch die auseinandergeschobenen Wände ins Zimmer ihrer Herrin.

Nein, die Herrin schlief nicht mehr. Sie stand aufrecht mitten in dem zarten, weiten Gemach, dessen Gartenwand von der aufgehenden Sonne in einen einzigen roten Schimmer verwandelt schien, und sie löste sich aus den Armen ihres lieben Herrn, als sie Umè eintreten hörte, wandte sich um und sah das Mädchen an.

Und obgleich sie lächelte und ganz gewiß nicht zürnte, fiel Umè beim Anblick dieses Lächelns lautlos auf die Knie, neigte die Stirn zu Boden und stand auf und ging hinaus.

Beate rief sie zurück.

»Willst du dem Herrn das Bad zurechtmachen, Umè?«

Gewiß, wenn die Herrin befahl ... Umè war in großer Verwirrung. Sie mußte doch wohl geträumt haben, als sie den Schrei hörte. Und dann hatte die Sonne sie geblendet, als sie vor dem Antlitz ihrer Herrin erschrak. Sie schämte sich sehr.

Das ganze Haus wurde lebendig. Es nahm ein Bad in der sprühenden Sonne, die über das Meer und den feuchten Sand tanzte. Die Schwertlilien, die um den kleinen Teich her standen, taten sich weit auf und schienen vor Entzücken zu beben. Turmhoch über der Insel, in einer Luft, die vor Licht und Frische glitzerte, stand eine Gabelweihe und fiel und schwang sich wieder auf, die Morgenbeute in den Fängen.

Umè haßte die Gabelweihen und die Krähen gleichermaßen und wußte viele Spottlieder auf sie ...

Aber jetzt war keine Zeit zum Singen. Der verehrungswürdige Gebieter wünschte zu frühstücken. »Sofort!« hatte er gesagt.

Wenn der Verehrte mit der Stimme Emm-As, des Gottes der Unterwelt, seine Wünsche durch das Haus donnerte, glaubte Yuki keine Veranlassung zu haben, sich besonders zu beeilen. Sie lächelte dann ermutigend und versprach, daß der Verehrte in kürzester Zeit zufriedengestellt sein würde -- ein Versprechen, das sie niemals hielt.

Aber wenn er sehr ruhig sprach, Yuki ansah und »Sofort!« sagte, dann bebte die kleine Kochfrau. Und dann verdarb sie regelmäßig den Tee.

Heute half ihr die Herrin bei dem wichtigen Amte der Teebereitung. Und obgleich Yuki in der Tiefe ihres japanischen Herzens feststellte, was sie längst wußte -- daß die hochverehrten Menschen mit der weißen Haut nicht die geringste Ahnung von der Feierlichkeit besaßen, mit der echter Tee bereitet sein wollte, noch von den dabei zu wahrenden Regeln der Höflichkeit und der Schönheit --, so lag doch etwas in den Bewegungen, mit denen die fremde, weiße Frau ihrem lieben Herrn das Frühstück bereitete, das die kleine Yuki nachdenklich stimmte.

Drüben am Strand, den die Ebbe freilegte, hockten Akira und Mosaku bei ihrem Kohlenfeuer, klopften die Pfeifen aus und stopften sie und grinsten sich feindselig an. Sie erhofften viel vom heutigen Tage, denn das Wetter war schön wie eine junge Frau am Morgen der Hochzeit.

Die Wildtauben schwatzten im Gehölz ...

Gerhard und Beate gingen zusammen durch den Garten. Sie gingen Arm in Arm geschlungen und hielten sich an den Händen. Eine Stunde hatten sie noch Zeit. Und der Mann sah sich nicht um in dem Lande, das er verlassen wollte. Aber die Frau ließ ihre Augen über den Garten hingehen, über die Bäume, den Teich und die Blumen, über die mildfarbigen Steine und künstlichen Grotten, über den kleinen Wasserfall, die Goldfische und den klaren Sand der Wege -- über all die in sich selbst entzückte Schönheit eines Gartens, den die Pflege von Jahrzehnten zum Meisterwerk geschaffen hatte -- als ob sie es sei, die Abschied nehmen mußte -- nicht der Mann.

Und ganz gewiß würde sie seine Schönheit von nun an nicht mehr sehen ...

Plötzlich sagte sie: »Ich werde es wissen, wenn du tot bist ...«

Er drückte ihre Hand.

»Wenn du es kannst, denke fröhlich an mich. Ich habe es immer gefühlt, wenn du mit deiner großen Zuversicht bei mir warst ...«

»Ja,« antwortete sie. »Ich werde es wissen, wenn du tot bist.«

Sie sprach diese Worte, als hätte sie mit ihnen eine tiefe Kraft aus sich geschöpft. Sie holte ruhiger Atem, nachdem sie sie gesprochen.

Gerhard sagte: »Du kannst dich auf Tystendal verlassen wie auf mich selbst. Wir haben alles Notwendige verabredet. Laß die Zeit sich klären. Wenn es ohne Gefahr geschehen kann, wird er dich zu seiner Mutter bringen. Von Schweden aus gelangst du ohne Schwierigkeiten nach Deutschland.«

»Du mußt nicht an mich denken,« sagte sie mit einem flüchtigen Lächeln.

Als sie an das Ende des Gartens gekommen waren, blieb Beate stehen. Sie blickte auf die Uhr an ihrem Handgelenk.

»Tystendal wird gleich kommen,« sagte sie und schluckte. Sie hob den Kopf.

»Laß dich noch einmal recht ansehen,« murmelte sie. Sie legte ihre Hände auf seine Schultern, und während sie mit ganz geweiteten Augen in sein Gesicht sah, ließ sie ihre Finger niedergleiten über seine Arme und Hände, legte sie auf seine Brust und tastete nach seinem Herzen, als fürchtete sie, blind zu werden und ihn nie wiederzusehen. Sie lächelte dabei und sah ihn immer an. Ihre Lippen standen ein wenig offen, als suchten sie irgendein Wort, das sie nicht finden konnten.

»Mein geliebter Mann,« sagte sie. Es klang fast einfältig.

Und ehe der Mann ihr antworten konnte, kam der Diener und meldete, das Boot des erwarteten Freundes seines verehrten Herrn sei soeben an Land gestoßen.

»Es ist gut,« sagte Gerhard Hoyermann.

Beate senkte den Kopf. Sie wandten sich und gingen nach dem Hause.

Der Schwede kam ihnen nicht entgegen. Er erwartete sie im Empfangszimmer, wo Yuki bereits auf den Knien lag, um für den verehrten Gast den Tee zu bereiten.

Beate streckte dem Freunde ihres Mannes die Hand entgegen. Er sah sie an und wollte reden, aber er tat es nicht. Er küßte ihr die Hand. Dann schüttelte er Hoyermann die Rechte. Die Diener warteten. Drunten am Strande schwatzten die Bootsleute.

»Hoffentlich sind Sie mir nicht böse, gnädige Frau,« begann der Schwede, »daß ich Ihnen Ihren Herrn Gemahl für ein paar Tage entführe. Aber wenn man Sie ansieht, glaubt man's Ihnen, daß Sie zu angegriffen sind, um mit von der Partie zu sein ...«

»Es tut mir selbst sehr leid,« antwortete Beate. »Enoshima soll sehr schön liegen und viel Interessantes bieten ... Stammen die reizenden japanischen Perlmutterarbeiten nicht aus Enoshima?«

»Ich werde dafür sorgen,« sagte Tystendal, »daß Ihr Gatte Ihnen das Hübscheste mitbringt, was wir gemeinsam bei sämtlichen Künstlern auftreiben können.«

»Danke!« sagte Beate mit erlöschendem Laut.

Die beiden Männer sahen sich an.

»Fertig?«

»Ja.«

»Dann können wir also aufbrechen ...«

»Ich bin bereit ...«

»Auf Wiedersehen, gnädige Frau!« sagte der Schwede und beugte sich zum zweiten Male über Beates Hand.

Unwillkürlich deckte er diese Hand auch mit seiner anderen, als wollte er sie wärmen. Dann ließ er sie los, verbeugte sich und ging aus dem Zimmer.

»Auf Wiedersehen, Beate!« sagte auch Gerhard Hoyermann.

»Auf Wie--«

Sie fuhr sich mit der Linken nach dem Halse -- nach der Stirn, lächelte und hob ihr weißes Gesicht den Lippen ihres Mannes entgegen. Sie schloß die Augen, und für die Dauer eines Kusses, den drei sanfte, staunende und unbewußt etwas verächtliche Pechaugenpaare beobachteten, krampften sich ihre Finger in den Stoff seines Rockes. Dann lösten sie sich.

»Auf Wiedersehen, Gerd!« sagte die Frau.

»Beate ... Beate, wir sehen uns wieder ...«

»Ja, ganz gewiß ...«

»Leb wohl ... sag mir noch irgendein Wort ...«

»Ich weiß nichts, Gerd ... Ich liebe dich -- ist es das?«

»Ja, Beate.«

»Ich liebe dich,« wiederholte sie. Sie hatte das Lächeln jener Frauen, die für ihren Glauben starben. Und sie schien dem Tode nicht fern zu sein.

»Nun mußt du gehen,« sagte sie. »Leb wohl ...«

Er ließ ihre Hände los. Sie fielen an ihr nieder, als wären sie leblos, aus Holz.

Er ging.

Beate trat auf die Veranda, um ihm nachzusehen. Sie beugte sich über das Geländer. Vor weniger als zwölf Stunden hatte sie auch hier gestanden und ihn zu sich gerufen. Wenn sie ihn jetzt noch rief -- vielleicht kehrte er um ... Aber sie rief ihn nicht ...

Sie sah ihn unter den Bäumen, die am Ufer standen, verschwinden, ging die Stufe zum Garten hinunter und nach dem Strande. Als sie ihn erreichte, war das Boot schon abgefahren, und die weichen Morgenwellen glitten unter ihm geschmeidig fort. Der Wind lag im Segel, das sich in die Brust warf wie ein Schwan.

Beate ließ ihr Taschentuch wehen. Sie sah nichts. Von den Männern einer sprang auf und winkte mit dem Arm -- schrie ihr etwas zu -- aber sie hörte nichts. Vielleicht sollte sie heimgehen. Vielleicht war es nicht gut, daß sie hier stand und ihnen nachsah. Sie neigte den Kopf und ging zum Hause zurück, ohne sich noch einmal umzusehen.

Sie ging in ihr Schlafzimmer, das Umè schon längst in Ordnung gebracht hatte; denn sie war eine gewissenhafte kleine Dienerin und ängstlich bemüht, ihre Herrin immer zufriedenzustellen.

Fest davon überzeugt, daß die Herrin wieder vergessen hatte, beim Eintritt ins Haus die Sandalen abzustreifen, ging sie ihr nach, um den Fehler gebührend wieder gutzumachen. Aber als sie einen Blick in das Gemach der Herrin getan, kehrte sie um und schlüpfte in die Küche, wo Yuki Kuchenteig bereitete und sang.

Sie sang ein kleines Lied, wie es einsame Wanderer singen, die in der Fremde sein müssen und an die Heimat denken:

»Wenn ich auch verarmt und glückberaubt Fern von dir ein totes Leben führe -- Lasse du im Frühling, neubelaubt, Tausend Blüten duften um dein Haupt, Süßer Pflaumenbaum vor meiner Türe ...«

»Sei still, Yuki,« sagte Umè. »Die Herrin schläft.«

Sie irrte sich; ihre Herrin schlief nicht. Und sie wäre von dem Dröhnen der mächtigsten Tempelglocken Buddhas, des Erhabenen, ebenso wenig aufgeweckt worden wie von dem Singen Yukis.

Aber die kleine Dienerin hatte noch nie einen ohnmächtigen Menschen am Boden liegen sehen, und darum war ihr Irrtum verzeihlich. Denn für eine japanische Frau wäre es keinesfalls schicklich gewesen, die Besinnung zu verlieren.

4

Wie auch die übrige Welt sich zum Ausbruch des europäischen Krieges stellen mochte, -- die japanischen Zeitungsjungen jedenfalls riefen den Segen der Gottheit auf ihn herab, denn er hob ihre Kaste zu den Höhen eines Triumphes, wie sie ihn seit den Tagen von Port Arthur nicht wieder erlebt.

Das Klappern ihrer dienstfertigen Holzsandalen wuchs zum Getöse an, und ihre Stimmen gellten übereinander weg:

»Die Kriegserklärung Deutschlands an Rußland --!«

»Die Kriegserklärung Deutschlands an Frankreich --!«

»Die Deutschen haben Luxemburg besetzt --!«

»Einmarsch der Deutschen in Belgien --!«

»Die Kriegserklärung Englands an Deutschland --!«

»Der Beginn der Feindseligkeiten --!«

O, es war herzerhebend, wie der Nachrichtendienst arbeitete. Es war ein Vermögen zu verdienen durch Zeitungsüberschriften. Man berauschte sich an Druckerschwärze. Der hypnotische Wahnsinn des allgemeinen Schreiens benebelte die Gehirne; der Veitstanz der großen Worte brach aus und griff um sich wie Flugfeuer.

»Schwere Niederlage der Deutschen bei Metz --!«

»Die Russen auf dem Vormarsch gegen Wien und Berlin --!«

»Selbstmord des deutschen Kronprinzen --!«

Die englischen Redaktionen zermarterten sich die Hirnkästen, um ihre Kunden zufriedenzustellen. Man zog den europäischen Krieg auf Flaschen und schenkte ihn möglichst vorteilhaft aus. Wo die Tatsachen mangelten, behalf man sich mit Erfindungen -- alles nur den Kunden zuliebe ... Man war es ihnen schuldig; sie mußten auf ihre Kosten kommen.

Nichts Neues? -- O doch, bitte: Die deutsche Flotte bei Wilhelmshaven vernichtet --! Falls sie genaue Zahlen wünschten, -- es sollte auf ein paar Kreuzer oder Linienschiffe nicht ankommen, nein ...

Beate kaufte keine Zeitungen mehr. Mochten die Jungen neben ihrem Jinrikisha herlaufen, ihr das letzte gellende Ereignis in die Ohren trompetend, -- sie wandte nicht mehr den Kopf danach. Sie warfen ihr die druckfeuchten Blätter in den Schoß; sie strich mit der Hand darüber und ließ sie in den Schmutz der Straße fallen.

Da gehörten sie hin ...

Sie hatte ein anderes Gesicht bekommen, die junge Beate Hoyermann. In wenigen Tagen waren ihre Lippen schmal und hart geworden, und ihre Mundwinkel hatten sich gesenkt. Der Kummer hatte das Werk angefangen, und der Ekel hatte es vollendet. Sie war mager geworden, denn sie aß seit Tagen fast nichts, weil alles in ihrem Munde zu Galle wurde.

Die Zeit war vorbei, da sie auf ihren Fahrten mit Akira oder Mosaku japanische Vokabeln und Sprichworte lernte. Sie fragte der fremden Seele nicht mehr nach. Die ganze Erdkarte schien für sie ausgelöscht zu sein bis auf den kleinen Fleck, der Deutschland hieß. Den aber liebte sie.

Und sie liebte ihn mit der zornigen Sehnsucht, aller Welt ins Gesicht zu schreien, wie sehr sie ihn liebte. Obgleich sie sehr wohl fühlte, daß dies weder der Ort noch die Stunde dafür sei.

Tystendal hatte ihr einen Boten geschickt. Seinen schwedischen Diener, der nichts als seine Muttersprache verstand. Tystendal hielt einen schweigsamen Diener für vorteilhafter als einen sprachgewandten. Er behielt ihn so lange, bis er ihn beim Versuch einer fremdsprachigen Unterhaltung ertappte; dann entließ er ihn. Da er seine Untergebenen ausgezeichnet bezahlte, zogen sie es vor, sich aufs Schwedische zu beschränken.

Lars Larssen hatte der Herrin im »Garten des Freundes« einen Brief überbracht, ohne ein Wort zu verlieren. Der Brief enthielt drei Zeilen und eine Nachschrift.

»Da ich es in Ihrem Interesse nicht für ratsam halte, wenn ich ohne Gerhard von Enoshima zurückgekehrt bei Ihnen erscheine, bitte ich Sie, sich meinem Diener rückhaltlos anzuvertrauen.

Tystendal.

Verbrennen Sie diese Zeilen, noch ehe Sie fortgehen.«

Beate hatte nicht einen Augenblick gezögert, die Aufforderung Tystendals zu befolgen. Sie tat es vielmehr mit dem Nachdruck und der Entschiedenheit eines Menschen, der gewillt ist, alle Dinge auf ihre Brauchbarkeit für einen einzigen und sehr bestimmten Zweck zu prüfen und sie, falls sie tauglich befunden wurden, sich unbedingt dienstbar zu machen.

Lars Larssen war ihr vorangegangen, denn der Strand war trocken von Küste zu Küste, hatte sich in seinen Jinrikisha gesetzt und dem herbeistürzenden Akira einen Wink gegeben, ihm mit der weißen Frau zu folgen. Akira erkundigte sich bei seinem Kastengenossen nach dem Ziele der Fahrt und erhielt eine Auskunft, die ihn bleich machte. Er beschloß jedoch, ans Ziel zu kommen oder vor seinem Jinrikisha den Geist aufzugeben, und trabte herzhaft hinter seinem um vieles jüngeren und sehnigeren Führer drein.

Nach einer Fahrt von mehr als einer Stunde hielten sie an einem Tempelhof, den Beate nicht kannte. Aber das wollte wenig sagen in diesem Lande der Tempel. Sie stieg aus und folgte dem Schweden, der sie über Treppen und Höfe zu einem anderen Tor führte, vor dem er stehenblieb und zwei der herbeistürzenden Jinrikishabesitzer mit Beschlag belegte. Diesen sagte er ein einziges Wort und erntete dafür ziemliche Betroffenheit. Dann fuhren sie davon, und Beate erkannte bereits nach einigen Minuten, daß sie nach einem kleinen Umweg auf derselben Straße zurückfuhren, auf der sie gekommen waren.

Diese Vorsichtsmaßregel, die im natürlichen Zusammenhang mit ihrer Notwendigkeit wenig geeignet war, das Gefühl persönlicher Sicherheit zu verstärken, weckte in Beate das instinkthafte Aufhorchen, das die Tiere der Wildnis haben. Durch ihr Leben in dem ostafrikanischen Vulkangebiet war sie daran gewöhnt worden, jeden Aufenthalt in einem fremden Lande als Freundschaft mit einem zahmen Löwen zu betrachten. Wenn die prankenbewehrte Majestät im Vollbesitz ihres Gebisses und schlechter Laune ist, läßt sich schwer für sie einstehen. Ohne einen sehr dringenden Grund hetzte Christian Tystendal die Frau, die er gebeten, zu ihm zu kommen und den Brief, in dem er sie dazu aufforderte, zu verbrennen, nicht durch die halbe Provinz hin und her. Im Gegenteil. Und Beate Hoyermann war entschlossen, den Grund in seiner ganzen Tragweite kennenzulernen.

Ihre erste Frage, als sie Tystendal gegenüberstand, galt ihm.

Der Schwede war ihr bis an die Grenze seines japanischen Besitztums entgegengegangen, und das bedeutete von seinem Hause aus einen Weg von fünf Minuten, wenn man sich nicht sehr beeilte. Der Garten war gewiß der schönste, den liebevolle Künstlerhände nach einem japanischen Traum von Anmut und Zierlichkeit geschaffen; aber die beiden Menschen des Abendlandes, die ihn durchschritten, verstanden weder den Tiefsinn von kleinen bunten Steinen am Saum von schneeweißen Wegen, die nur zum Beschauen, nicht zum Betreten auf ihrer Inselwelt waren, noch hörten sie den Schwung und erstarrten Rhythmus jener hochgewölbten Brücken, die über einen Teich führen, als läge am anderen Ufer das Land der ewigen Glückseligkeit.

»Warum der Umweg?« hatte Beate gefragt.

»Trauen Sie Akira so unbedingt?« fragte der Schwede dagegen.

»Er sieht sehr harmlos aus,« meinte Beate nach einem kleinen Zögern.

»Um so besser eignet er sich für gewisse Zwecke seiner Obrigkeit,« sagte Tystendal ernst. »Ich bin jedenfalls zu dem Entschluß gekommen, keinem Menschen zu trauen, bevor ich ihn geprüft habe. Auf diese Weise kann ich nur noch angenehm enttäuscht werden.«

»Sie sind Skeptiker, Herr Tystendal ...«

»Allerdings ... da ich die Menschen kenne.«

»Ist das die notwendige Folge davon?«

»Für mich war sie es, gnädige Frau ...«

Beate schwieg.

»Wir sind vollkommen ungestört,« fuhr Tystendal mit einem zugleich brüderlichen und ehrfürchtigen Lächeln fort und blickte auf die schmalen Hände der Frau, die sich gedankenlos öffneten und schlossen. »Fragen Sie mich alles, was Sie fragen wollen, gnädige Frau. Soweit es in meiner Macht liegt, will ich Ihnen Antwort geben.«

»Wo ist mein Mann?« fragte Beate.

»Soviel ich weiß, noch in Japan,« antwortete der Schwede. »Die Schiffe laufen nicht aus. Die Kriegserklärung zwischen England und Deutschland hat die Schiffe von der See in die Häfen gescheucht. Sie werden eine Weile brauchen, bis sie sich wieder hinaustrauen ...«

»Hat er mir ... noch etwas Besonderes sagen lassen?« fragte Beate weiter. Sie sah vor sich hin, in den Himmel hinauf.

»Er hat mir einen Brief gegeben,« sagte der Mann. Und er dachte, während er neben ihr stehenblieb und auf sie niedersah: »Wunderlich sind sie, die Frauen ... Sie stehen da und lächeln, wenn sie Abschied nehmen. Und ein Glück wirft sie um.«

Es war ihm nicht wohl zumute.

Er gab ihr wortlos den Brief, den sie empfing, als sei er eine zerbrechliche Schale; und so auch hob sie ihn an die Lippen ... Wenn sie allein wäre, dachte der Mann, dann würde sie auf den Knien liegen und mit geschlossenen Augen weinen.

»Gnädige Frau!« sagte er bittend.

Erst nach einer Weile antwortete sie mit einem so sanften Ernst, daß er den Kopf senkte, als hätte sie ihm die Hand aufs Haar gelegt: »Wenn Sie einmal eine Frau haben werden, Herr Tystendal, dann wünsche ich ihr und Ihnen, daß Sie es nie nötig haben mögen, sich solch einen Brief zu schreiben ... Aber wenn Sie es tun müssen, dann wünsche ich Ihnen, daß Ihr Brief für die Frau, die Sie lieben, so viel vom Kostbarsten des Lebens bedeuten möge wie dieser Brief für mich. Denn dann müssen Sie sehr glücklich miteinander werden ...«

»Ich danke Ihnen für diesen guten Wunsch, gnädige Frau,« sagte der Schwede etwas schwermütig.

Sie hatten das Haus erreicht und betreten. Der Diener schob die Wände des Empfangszimmers vor ihnen auseinander.

»Es ist eine nordische Sitte,« meinte Tystendal, »daß man seine Gäste an der Schwelle willkommen heißt. Ich habe sie fast vergessen; aber ich möchte Ihnen beim Kommen und Gehen sagen: Gott segne Sie, Beate Hoyermann, um Ihrer großen Liebe willen ...«

Er neigte sich vor ihr und ließ sie allein, um ihr Zeit zu lassen, den Brief ihres Mannes zu lesen. Aber sie las ihn nicht. Sie fühlte ihn nur mit gleitenden Fingern und sah sich verloren um. Sie würde noch viele, viele Tage Zeit haben, diesen Brief zu lesen. Und sie bedurfte jetzt aller ihrer Kräfte, die sie durch den Brief vielleicht verlor. Sie war nicht hierhergekommen, um sich auf den Boden fallen zu lassen und die Hände zu ringen. Sie war gekommen, um Auskunft und Rat und, wenn es möglich war, auch Hilfe zu holen, und darum sah sie sich das Zimmer, in dem sie stand, mit Augen an, die seinen Besitzer durch die Umgebung, in der er lebte, ganz ergründen wollten.

Die Wohnung Christian Tystendals war ein wunderliches Gemisch von Sybariten- und Spartanertum. Er schien die Liebhaberei zu haben, seine Mahlzeiten im Liegen einzunehmen, und hatte sich aus allen Zeiten und Weltteilen zusammengeschleppt, was die verschiedensten Begriffe menschlicher Bequemlichkeit hervorgebracht hatten. Seine Mahlzeiten selbst aber waren auf die Notwendigkeit, das Leben zu erhalten, beschränkt und dienten außerdem lediglich als Überleitung zu dem Genuß, unter vollkommenem Stillschweigen, höchstens in Gesellschaft eines naturwissenschaftlichen oder geschichtlichen Buches, eine Zigarre, einen Tschibuk oder eine Wasserpfeife zu rauchen.

Er betrachtete die Kunst in allen ihren Erscheinungen als persönliche Angelegenheit des Empfängers und hatte den Mut, Berühmtheiten des Tages schon am Morgen abzulehnen, ehe ihnen vom Abend das Todesurteil gesprochen wurde. Er war in allen Dingen, auf die es ankam, ganz gewiß ein Mensch, über den sich seine Nachbarn -- sofern er welche besaß -- in mehr als üblichem Maße ärgerten, weil er unabhängig und gleichgültig war. All dies zusammengenommen, glaubte Beate, daß er der Mann sei, an den sie sich wenden mußte, um ihr Ziel zu erreichen.

Dieser Gedanke machte sie sehr ruhig, und als Christian Tystendal wieder eintrat, ganz darauf vorbereitet, sie über dem Briefe ihres Mannes, im Jammer ihrer Tränen zu finden, saß sie mit einem stillen und willensstarken Gesicht, ein wenig gerader aufgerichtet als sonst, im Sessel neben seinem Schreibtisch, hatte die Hände im Schoß zusammengelegt und sah ihm mit Augen entgegen, die schon auf ihn gewartet hatten. Woraus Christian Tystendal die Schlußfolgerung zog, daß Frauen im allgemeinen immer das Gegenteil von dem tun, worauf der Mann vorbereitet war.

Während der Diener den Tee brachte und einschenkte, schwiegen sie beide; doch als sich die Türe hinter ihm zugeschoben hatte, begann die Frau, und ihre Worte sprangen wie ein Pfeil auf das Ziel: »Was haben Sie mir zu sagen?«

»Zunächst das eine, das mir das Wichtigste ist,« antwortete der Schwede sehr nachdrücklich. »Ihr Mann ist mein Freund; wir haben in letzter Zeit Stunden gemeinsam verlebt, die uns zusammengeschweißt haben. Daran bitte ich Sie zu denken und als Gerhard Hoyermanns Frau immer und bedingungslos über mich zu verfügen.«

»Danke,« sagte Beate einfach und sah ihn mit ruhigen Augen an. »Ich werde es tun.«