Part 10
»Ihr denkt, das ist der alte närrische Hohlöfner. Nein, Nachbarn, diesmal nit. Ich weiß, was ich mache, und mein Junge weiß es auch. Sechs, acht Wochen wird er in der Grube bleiben, vielleicht auch nit so lange, vielleicht länger, wie's trifft. Dann geht er in die Gießerei, wo sie unsere Maschinen machen, dann in die Fabrik, dann kommt er heim, und dann ist er einer, der sagen kann, mir braucht keiner was vorzumachen, ich bin die Schulen selber durch. -- So, Nachbarn, nun braucht sich keiner mehr den Kopf zu zerbrechen. Wir sind nit uneins auseinander gegangen. Ich stehe zu meinem Jungen, wie er zu seinem Vater steht. Aber das sage ich: Was er gemacht hat, das müßten eure Jungen auch machen. Das Dorf soll die Stadt bei ihrer Arbeit aufsuchen, die Stadt das Dorf bei seiner. So geht's vorwärts und anders nit. Alles, was ohne die Unterlage geredet wird, das wird in die Luft geredet und bringt uns auseinander, aber nit zusammen.«
Das sprach der pudelnärrische Mann in ehrlicher, tief innerer Erregung. Sein Gesicht war überstrahlt von ernstem Wollen. Er glaubte an sich und seine Sache, hingerissen von den eigenen Gedanken, vergessend die Ursache. So riß er sie denn auch alle aus Zweifel und Unsicherheit empor. Sie dünkten sich klein ihm gegenüber, neideten ihm heimlich Lebensklugheit und Großzügigkeit und duckten sich, als er es wie Hagelschauer über die Köpfe prasseln ließ: »Denkt mancher, er kennt die Welt, weil er seine Ochsen nach Schleiz zum Wiesenmarkt getrieben hat, und sieht doch ewig nit über seinen Misthaufen hinaus. Dabei fängt die Welt erst an, wo er denkt, sie hört auf. Macht's nach, Nachbarn, und ihr sollt sehen, was nach uns für Kerle kommen.«
»Man weiß wahrlich nit, was man sagen soll,« bemerkte der Schmied, der als einziger noch nicht ganz mit seinen Zweifeln fertig wurde. Die harmlose Plauderei und Neckerei war vorüber, langsam schob einer nach dem andern seinen Stuhl unter den Tisch und ging heim. Der Schmied schloß sich dem Hohlöfner an. »Heinrich,« sagte er draußen, »man weiß bei dir niemals nit, wie man dran ist. Ich kenne dich, aber heute -- -- -- Ist das wirklich wahr, was du da gesagt hast, oder -- -- --«
Heinrich Korn sah ihm ernst in das Gesicht. »Das ist wirklich wahr. Das soll mein Junge.«
Er brachte es vor des Meisters ehrlichen Augen doch nicht fertig, zu sagen: Das ~will~ er. Der Schmied aber machte den feinen Unterschied nicht. Er reichte dem Manne, den er nachbarlich liebhatte und auf den er heimlich stolz war, die Hand.
»Heinrich, dann sage ich: Alle Achtung vor euch beiden, vor dir und deinem Rudolf. Und -- jetzt sei vernünftig und bring das andere auch in Ordnung.«
Der Ausdruck der Achtung aus so wortkargem Munde hatte Heinrich Korn belastet, die freundschaftliche Mahnung, die er durchaus verstand, befreite den alten Hohlöfner in ihm.
Schelmisch zwinkernd, fragte er: »Das -- andere? Etwa mit -- -- --«
»Stell dich nit so dumm,« brauste der Schmied auf.
»Natürlich mit dem Mariele.«
»Ach so. Ja, hm. Von mir aus -- -- --« Korn zuckte die Achseln.
»Himmel, Herrgott, sei nit so ein Bock! Weißt du denn immer noch nit, was du an deinem Jungen hast?«
»Das weiß ich. Und auch was ich an dem Mädel hätte, weiß ich, aber die fünftausend Taler muß sie mitbringen. Anders nit.«
»Dann gib sie ihr doch, wenn du gar so verbohrt bist.«
»Damit ihr mich auslachen könnt?«
»Hansnarr, es lacht dich keiner aus.«
»Das weiß ich besser.«
»Nix weißt du. Das sage ich dir, wenn -- -- -- Quatsch, ich sag nix. Aus ist's zwischen uns, wenn -- -- --«
Und der Hohlöfner mit dem alten, an ihm gewohnten übermütigen Gesicht: »Darüber reden wir noch einmal. Leb wohl, Nachbar.«
Er ging heim, belastet und befreit zugleich. Es war ausgestanden. Was vorhin im Wirtshausgarten geredet worden, wurde jetzt bereits in dem und jenem Hause erörtert und war morgen durch das ganze Dorf gewandert. Damit konnte der Hohlöfner zufrieden sein. Es würde mancher und manche den Kopf schütteln, aber sie würden sich alle langsam an den Gedanken gewöhnen, daß hier eine ungewöhnliche Großzügigkeit vorliege, die sie zwar nicht nachahmen würden, die sie aber achten mußten.
Und das war es, das den Mann belastete. Man würde ihm Achtung entgegenbringen, die er nicht verdiente. Aber auch das wäre noch nicht weiter schlimm, wäre die Sache nicht an sich so bitter ernst. Er hat das bis jetzt nachgeplappert, was seine Frau herausgefunden hat. Lehrzeit! Er beginnt nun zu erkennen, daß das etwas ganz Großes, Ernstes, Zukunftweisendes ist. Damit wächst ihm die Geschichte über den Kopf, gleitet ihm aus der Hand, läßt seinen Sohn wachsen und drückt ihn hinab in das, an dem Großen gemessen, unbedeutende Dasein des Hohlofenbauers in Schönbach. So hat er sich das nicht gerade gedacht, hat es gar nicht dahin kommen lassen wollen und muß nun beiseitestehen und zusehen, wo das alles noch hinausläuft.
Dunnerlichting, er muß machen, daß das Mariele zu seinen fünftausend Talern kommt. Aber -- wenn der Rudolf nun etwa die Sache selber so ansehen gelernt, wie er sie den Nachbarn dargestellt hat, wenn er sagt: Vater, nun ~will~ ich nicht heim? Pah, wenn man erst sagen kann: In vier Wochen wird geheiratet, dann tritt dahinter alles zurück; denn -- das Mariele und nicht heute lieber heiraten wollen als morgen?
Aber die fünftausend Taler! Hätte er wenigstens nur dreitausend gesagt! Zeit lassen. Warum soll nicht auch einmal etwas Gutes unvorhergesehen kommen? Übrigens: Von morgen ab wird gespart. Er hat seine Pläne.
Die jagen das Grübeln davon, Heinrich Korn beginnt leise zu pfeifen, kommt an seinen Hof, sieht seine Frau und das Mariele auf der Gartenbank sitzen, schleicht sich von hinten heran, als beschliche er einen Rehbock, steht hinter den zweien, hört, wie das Mariele sagt: »Wenn er erst wieder einmal zupft, dann will ich glauben, daß er nit mehr böse ist,« zupft das Mädchen herzhaft an den Zöpfen und ruft es der Erschrockenen, indes es in seinem Gesicht wetterleuchtet, zu: »Zupft schon wieder, aber böse ist er deswegen doch noch.«
Das Mariele aber hat sich rasch gefaßt. »Aber ich glaube nit mehr dran,« ist ihre Antwort.
»Halt's, wie du willst,« entgegnete der Bauer, sieht zornig aus und setzt sich dicht neben die beiden auf die Bank.
Sie hatten ein ernstes Gespräch gehabt, die zwei Frauen. Marie Berteles hatte der Hohlöfnerin von dem Abend erzählt, da sie die erste Wachtel gehört. Die Frau hatte eine Träne im Augenwinkel zerdrückt und des Mädchens Hand gestreichelt. »Mariele, tu ihm zugute, was du kannst. Damit nimmst du dem Rudolf nix. Der arme Mensch aber verdient, daß ihm das Leben noch ein bissel gut ist.«
»Habt Ihr gewußt, daß es so mit ihm stand?«
»Gewußt nit, geahnt ja. -- Bei guter Zeit fahre ich einmal in die Stadt, und dann will ich's dem Rudolf sagen. Schreiben kann man das nit. Wenn man so was erzählt, muß man sich dabei in die Augen sehen können.«
Von dem Abend auf dem Feldraine war das Gespräch über Rudolf hinweg zum Vater gegangen, und dazu war der Hohlöfner gerade gekommen.
Der saß da, hatte sich eine Pfeife gestopft, rauchte, stützte die Ellenbogen auf die Knie, hing ein wenig vornüber und nickte vor sich hin.
»So ist's richtig. Wenn der Alte nit da ist, wird über ihn geredet.«
»Lauter Schlechtes,« wußte seine Frau.
»Brauchst du mir nit erst zu sagen, bin ich gewohnt.«
»Dann bleibst du ja in der Schnur. -- Hör auf mit den Dummheiten, Vater. Das Mariele will uns in der Heuernte helfen.«
»Ist auch nit mehr als recht und billig.«
»Wann willst du denn anfangen?«
»Am Donnerstag mit der Bodenwiese.«
»Wirst du bis dahin mit eurem fertig sein können, Mariele?« wandte sich die Bäuerin an das Mädchen.
»Was nit fertig ist, bringt die Mutter zu Ende.«
»Dann ist's gut.«
»Donnerstag früh um zwei wird angefangen zu hauen,« knurrte der Hohlöfner von unten herauf.
»Wen willst denn da hauen?« fragte das Mädchen lachend. »Die Bodenwiese doch nit etwa? Da wird's erst fünf Minuten vor vier Tag.«
Da mußte auch der Hohlöfner lachen. »Auf die Minute genau?«
»Auf die Minute. Nit eine früher und nit eine später.«
»Gut, dann fangen wir um vier an.«
»Ich werde auf dem Platze sein. -- Gute Nacht.«
Das Mariele reichte den beiden, die sich mit ihr erhoben hatten, die Hand und schritt aus dem Garten über den Hof.
Minna Korn schob ihren Arm in den des Mannes. Sie gingen hinter dem Mädchen drein. Die Bäuerin drückte des Mannes Arm fest an sich. »Vater, guck bloß ~die~ Zöpfe!«
»Die sind ja eben das Unglück.«
»Red nit so daher! Das ganze Mädel ist wie seine Zöpfe. Wenn sie nur erst auf dem Hofe wäre!«
»Hab gar kein Verlangen danach, ins Ausgedinge zu ziehen.«
»Du bist der richtige für das Ausgedinge, alter Brummbär.«
6.
Rudolf Korn erwachte. Eine Amsel, die in der Ulme vor dem Fenster saß, hatte ihn geweckt. Betäubt von den rasch aufeinander folgenden Ereignissen, war er am Abend todmüde gewesen. Er wußte nur, daß er eben noch an das Mariele gedacht und eine dumpfe Empfindung der Ungeheuerlichkeiten gehabt, die er erlebt. Im übrigen hatte er sich nicht einmal in seiner Kammer umgesehen.
Nun pfiff der Amselhahn, und vor den Fenstern stand die Sonne. Es war noch still im Hause, und auch von der Straße her kam kein lauter Ton. Auf welcher Seite war eigentlich die Straße? Rudolf Korn stand auf und sah zum Fenster hinaus. Er blickte in einen weiten Garten mit hohen Silbertannen und langnadeligen Kiefern. Eine Blutbuche stand inmitten eines weiten Rasenplans, Ulmen umdrängten das Haus, auf Rosenbeeten waren bunte Farben vertropft.
Rudolf sah nach der Uhr. Es war kurz nach vier. Er hatte ausgeschlafen und hätte selbst, wäre er noch müde gewesen, nicht wieder einzuschlafen vermocht. Die Gedanken drängten in dichten Schwärmen heran, aber es war kein Heimgedenken. Auch das Mariele tauchte nicht vor ihm auf.
Er setzte sich auf den Bettrand, legte die Hände ineinander und starrte vor sich hin. Der Blick ging den langen, dunklen Stollen entlang und stieß sich an dem Kohlenhaufen, aus dem die tote Hand ragte. Die Finger waren einwärts gekrümmt, die Nägel gruben sich in das Fleisch.
Eine tiefe, rissige Falte sprang dem Grübelnden in die Stirn. Aus schmerzverkrampftem Herzen schleuderte er zum erstenmal in seinem Leben ein: Warum? und: Wozu? gegen den Himmel. Der ganze Bau seiner Jugend- und Mannesjahre wankte. Die Bitternis, unter der er von daheim gegangen war, ward mit einem Male herzlich unbedeutend. Was war der Rutenstreich gegen den Keulenhieb des Schicksals?
Lichtes Glück in den Augen, war der Freund am Morgen lachend aus der Haustür getreten. Das war noch keine vierundzwanzig Stunden her. Er hatte von seinem Mädchen geplaudert und hatte beide, Mutter ~und~ Kind, gemeint. Vielleicht, daß er des Weibes warme, weiche Arme noch um seinen Hals gespürt. Er hatte mit versonnenem Lächeln die eigene Wange gestreichelt. Und der tote, schwarze Stein hatte ihn erschlagen!
Rudolf war auch an den Sonntagen bei dem Freunde gewesen. Sie waren alle miteinander hinaus vor die Stadt spaziert. Da standen die kleinen Häuser mit den bescheidenen Gärten. Und jedes dünkte den sehnenden Mann ein Paradies. Er hatte stets gelobt, wenn er auch vor dem und jenem gesagt: »Den Garten mache ich mir anders. Das muß viel bunter sein. Ich mag die Zirkelei nicht leiden.«
Der Mann kam von einem Bauerngeschlecht her, und wenn auch der Hof selber im Dämmergrau der Vergangenheit versank, das Blut nährte sich noch immer aus der Erde und wollte zur Erde zurück. So war er im tiefsten Innern ein Bauer, der heim zur Scholle wollte.
Und alles, das tiefe Sehnen, das lichte Freuen, ja, die heilige Stimme des Blutes, hatte der Stein zerschlagen, der tote, schwarze Stein, in dem doch ein brennender Haß gegen die geisterte, die ihn aus den Jahrmillionen der Versunkenheit und Stille in das Licht zerrten.
~Der Stein~ haßte? Eine Macht nahm den Stein und warf ihn herab. Dieselbe Macht, die ihn mit dem kleinen Finger, ja, mit dem Blick ihres Auges hätte festhalten können, die ein Warnungszeichen hätte geben können. Warum ist nicht ein Knirschen durch den Stein gegangen? Warum hing er nicht noch eine Minute? Die einzige Minute, die ausgereicht hätte, das von Hoffen und Freuen, von Treue und Liebe schier berstende Herz vor dem Keulenhiebe, der es zerschmetterte, zu bewahren.
Und die Macht hieß: Gott?!
Ein schrilles Lachen gellte durch das Zimmer und prallte an der Sonne ab, die durch das Fenster brach. Gott, Heimat, Liebe -- Lüge! Lüge! Wirklichkeit nur das Schicksal, der Zufall, der heute einen Stein nimmt, sich morgen eines Paares durchgehender Pferde bedient, übermorgen den Blitzstrahl schleudert?
Rudolf Korn war mit einem Schlage daheim, und er kroch in sich zusammen. Da liegt die blühende Bodenwiese, und -- sie streiten sich um eine Erle! Da schreitet das Mariele mit seinen langen Zöpfen, und sie soll fünftausend Taler mitbringen, weil der Vater nicht dem Dorfe den Hansnarren abgeben will! Und da -- steht die Mutter, breit, gütig, lächelnd und hebt den Finger: Nit, Rudolf, nit!
Du hast recht, Mutter. Es gibt anderes als einen lumpigen Rutenstreich, und das weiß der Grübelnde, daß auch der Vater nur -- Werkzeug ist.
Einer, in dem das Jünglinghafte trotz allem überwog, war vor einigen Wochen in die Stadt gewandert, ein Mann erhob sich von der harten Bettkante. Ernst, gemessen in jeder Bewegung, das Leben nicht verneinend, aber es mit anderem Maße als gestern messend, stieg Rudolf Korn die Treppe hinab, die Pferde zu füttern.
Im Hausflur kam ein junges Mädchen trippelnd aus der Küche, hatte blanke Augen und einen frischen, roten Mund, und das weiße Häubchen stand ihm gut zu dem dunklen Haar.
»Guten Morgen,« grüßte sie. »Haben Sie gut geschlafen?«
»Ja. Ich bin nit einmal aufgewacht.«
»Haben Sie auch geträumt?«
»Nein. Gar nix.«
»Das ist das beste. -- Wie muß man Sie denn nennen? Der vorige Kutscher hieß Johann.«
»Ich heiße Korn, Rudolf Korn.«
»Rudolf klingt gut. -- Wissen Sie Bescheid im Stalle? -- Warten Sie, ich zeige es Ihnen.«
Sie schritt plaudernd neben ihm her, erzählte, daß der vorige Kutscher schon lange verdient gehabt hätte, weggejagt zu werden; denn er sei nicht nur unzuverlässig gewesen, sondern hätte auch heimlich Hafer verkauft. Sie wisse es ganz genau. Und dann sei er immer gleich so aufdringlich gewesen.
»Ich werde nit aufdringlich sein,« sagte Rudolf Korn lächelnd.
»Das sieht man Ihnen an,« lobte das Mädchen. Dabei hantierte sie mit flinken Fingern da und dort, wies dies, wies jenes.
»So, nun wissen Sie alles, aber Sie brauchen nicht wieder so früh aufzustehen. Vor neun fährt der Herr nicht zur Bank.«
»Ich bin nit gewohnt, lange zu schlafen. Und ist denn da weiter nix zu tun, als den Herrn oder die Frau auszufahren?«
»Viel mehr nicht. Wenigstens ist das die Hauptsache.«
Das Mädchen begann zu kichern. »Ich höre Sie so gern reden. Sie sagen immer nit und nix.«
»Das bin ich halt so gewohnt.«
»Ich würde es mir auch nicht abgewöhnen.«
»Tu ich auch nit.«
Das Mädchen kehrte in das Haus zurück. Rudolf versorgte die Pferde. Gegen ein halb neun ließ ihn der Herr rufen. Er saß in seinem reich ausgestatteten Arbeitszimmer vor dem Schreibtisch. Ihm zur Seite saß seine Frau.
Als Rudolf eintrat, erhob sich die Frau, ging ihm einen Schritt entgegen und reichte ihm die Hand. »Ich danke Ihnen noch einmal herzlich.«
»Da ist nix zu danken,« wehrte Rudolf ab. »Ich hätte nur gleich fester zufassen sollen, dann hätten die Pferde eher gestanden, aber ich war noch nit recht bei mir.«
Das Wort fing der Hausherr auf. »Sie sind eigentlich Bergmann?«
»Das war ich bis gestern. Als ich die Pferde aufhielt, war ich's schon nit mehr.«
»Sie hatten Schicht gemacht?«
Da erzählte Rudolf mit ein paar kurzen Worten, was er erlebt. Es berührte den Herrn wenig.
»Das kommt leider immer wieder einmal vor. In dem Falle ist ja aber der Mann selber schuld gewesen. -- Im übrigen paßt es ganz gut. Sie haben zurzeit keinen anderen Posten. Wenn Sie wollen, können Sie bei mir bleiben. Es wird nicht viel von Ihnen verlangt, aber ich brauche einen unbedingt zuverlässigen Mann. Wie heißen Sie eigentlich?«
»Rudolf Korn.«
»Aus?«
»Aus Schönbach.«
»Kenne ich nicht. Ihre Papiere können Sie mir gelegentlich vorlegen. Sie gehen am besten gleich nachher einmal nach der Bank und fragen nach Herrn Siebold. Der wird Ihnen alles weitere sagen. Ich bin gewohnt, meinen Kutscher Johann zu rufen.«
»Ich heiße Rudolf.«
»Der andere hieß Anton. Bei mir heißen Sie Johann.« Der Mann zog die Uhr. »In zwanzig Minuten fahre ich zur Bank.«
Es lag eine nervöse Hast über allem, was der Mann tat und sagte. Er war wohl kaum über die Vierzig hinaus, aber das Gesicht war tief gefurcht, die Mundwinkel zuckten unaufhörlich, und die Augen irrten unruhig hin und her. Selbst die Hände vermochte er nicht einen Augenblick stillzuhalten. Die Augen funkelten unter einem Klemmer mit starken Gläsern, und hastige Finger fuhren unter den Gläsern weg bald über das rechte, bald über das linke Auge.
Es hatte Rudolf auf den Lippen gelegen, zu erklären, daß er den ihm angebotenen Posten nicht annehmen könne, aber ein Blick auf die Frau hatte ihn still gemacht. Auch ihr Antlitz war älter, als es die Jahre rechtfertigen konnten. Sie sah geradezu verhärmt aus.
Als Rudolf aus dem Zimmer trat, fing ihn das junge Hausmädchen wieder ab.
»Wie gefällt Ihnen der Herr?«
»Da kann ich noch gar nix sagen.«
»Pst, nicht so laut! Sie dürfen sich nicht verblüffen lassen. Er hat seinen Kopf voll.«
»Das kann man sich denken, aber -- -- --«
»Wissen Sie,« sie drängte sich dichter an ihn, »er hat seine Sorgen. Es steht faul mit der Bank. Der alte Herr soll helfen, der Vater der Frau, aber der tut's nicht mehr. Oh, Sie müßten manchmal hören, wie das zugeht. -- Aber um Gottes willen kein Wort! Ja nicht! Die Frau ist gut, seelengut. Die macht alles wieder glatt. Für den Herrn sind wir alle bloß Nummern, aber er tut uns doch auch leid. Der Alte könnte ruhig noch was herausrücken.«
Sie sprang davon, wandte sich um und legte den Finger warnend auf den Mund.
Eine reichliche Stunde später war Rudolf wieder zurück und brachte die Pferde in den Stall.
Da ließ ihn Frau Werner rufen und empfing ihn in ihrem eigenen Zimmer. In einer Ecke spielten zwei Kinder, ein Junge von etwa fünf und ein Mädchen von drei Jahren.
»Bitte, setzen Sie sich,« bat die Hausfrau. Sie rief die Kinder heran. »Das ist unser Ludwig und das unsere Ursula. Nun gebt mal dem Herrn die Hand und sagt: Danke.«
Der Junge legte die weiche Kinderhand in Rudolfs breite Rechte, machte seinen Diener: »Danke,« und ging wieder in seine Spielecke. Das Mädelchen sah aus wie ein hergewehtes Schneeflöckchen. »Danke ssön.« Die Hand mußte Rudolf festhalten, die allerliebste runde Kinderhand. Blaue Augen sahen vertrauend zu ihm auf. »Du bist ein Mann?«
»Ich bin ein Mann, aber kein großer.«
»Is bin droß.«
»Freilich, du bist groß, Urselchen. Nun geh wieder zu deinen Puppen. -- Sie wird Ihnen noch oft genug lästig werden, der kleine Irrwisch,« sagte Frau Werner freundlich.
»Das wird sie nit,« erklärte Rudolf. »Ich mag Kinder gern.«
»Um so besser. -- Sagen Sie, Sie sind doch nicht immer Bergmann gewesen?«
Eine kleine halbe Stunde später hatte die kluge, warmherzige Frau einen tiefen Blick in das Herz getan, das sich ihr nicht verschloß, sondern gern öffnete.
Sie reichte Rudolf die Hand. »Wenn die Sache so liegt, dann werden Sie wahrscheinlich nicht lange bei uns bleiben. Ich werde mit meinem Manne reden. Der -- Johann -- soll Ihnen erspart bleiben.« Sie seufzte. »Ach ja, das Leben! Es wird keinem leicht, damit fertig zu werden. Glauben Sie das nur. Jeder muß seinen Tribut zahlen. -- Nun wollen Sie sich gewiß einmal nach der Witwe Ihres Freundes umsehen. Gehen Sie nur. Ich fahre heute nicht aus. Mein Mann bleibt über Mittag in der Stadt. Er muß um fünf abgeholt werden. Bis dahin haben Sie Zeit. Den Pferden gibt Marie inzwischen noch einmal Futter. Sie hat das schon öfter gemacht. Im übrigen, Rudolf, wenn Sie etwas haben, kommen Sie zu mir. Unsere Herren stecken so tief in ihren Geschäften, es hängt oft so viel von einem Entschluß ab, daß sie mehr als genug mit sich selber zu tun haben. Sie dürfen darin keinen Mangel an Mitgefühl sehen.« Frau Werner reichte ihm erneut die Hand. »Ich will hoffen, daß es Ihnen, solange Sie bei uns bleiben, wenigstens gefällt. Und nun gehen Sie zur Bank und bringen Sie Ihre Sache in Ordnung, dann suchen Sie die arme Frau auf.«
Der Buchhalter Siebold teilte Rudolf Korn mit, daß er von seinem Herrn beauftragt sei, ihm für sein gestriges rasches Zugreifen fünfzig Mark auszuzahlen. In dem Sohne des Hohlöfners wollte sich der Geist des Vaters regen. Er biß die Zähne zusammen. Es ist für das Mariele!
Der Buchhalter sah das Zögern und lächelte.
Kurz darauf schritt Rudolf durch die Straßen.
Frieders wohnten in einem der hohen Mietshäuser. Langsam stieg der Besucher die Treppen hinauf. Grete Frieders öffnete ihm und hatte ihr Mädelchen auf dem Arm. Ihre Augen waren tief zurückgesunken, die Backenknochen traten stärker als sonst aus dem schmalen Gesicht. Und doch fiel es Rudolf Korn im ersten Augenblick auf, wie zusammengerafft die Frau war. Nicht ein Härchen lag außer der Reihe.
Sie reichte dem Freunde ihres Mannes die Hand.
»Guten Tag, Rudolf. Kommen Sie herein. Ich habe schon gestern auf Sie gewartet.«
»Da konnte ich nit kommen.«
Grete Frieders ging vor ihm her und sagte im Schreiten: »Das glaube ich gern. Sie mußten auch erst wieder zu sich selber kommen. -- So, bitte, setzen Sie sich.«
Nun saßen sie einander gegenüber und sahen sich in das Gesicht. Die Frau hatte keine Träne, und doch waren die Wasser nicht eingefroren. Still vor sich hinnickend, sprach sie: »Wir zwei waren zu glücklich. Wissen Sie, so was hat selten Bestand. -- Hat er eigentlich gar nichts geahnt?«
»Nein. Er kam ja mit lachendem Gesicht aus dem Hause.«
»Freilich, freilich.« Die Frau lief rot an. »Ja, er ging mit Lachen fort, aber ich habe doch so eine Angst gehabt. -- Es hat keinen Zweck, darüber zu reden. Bleiben Sie nun eigentlich in der Grube?«
»Ich bin schon nit mehr da. Das hätte ich nit fertiggebracht, noch einmal den Stollen langzugehen.«
»Wie lag der arme Mann eigentlich da?«
Sollte Rudolf Korn die Wahrheit sagen? Die junge Frau sah sein Zögern.
»Lieber Rudolf, Sie können mir alles sagen. Ich habe ja genug gesehen. War er eigentlich ganz verschüttet?«
»Bis auf den Kopf und die rechte Hand.«
Es zuckte krampfhaft in des Weibes Gesicht. Sie erhob sich, nahm ihr Kindchen, das derweile hin und her getrippelt war, auf den Arm, küßte es und stellte es wieder auf seine Füße. Rudolf Korn grübelte an der Frau herum.
Wie ist das denkbar, daß sie nicht weint? Andere würden doch den Kopf auf den Tisch schlagen und laut aufheulen, und sie hat keine Träne. Wenn ich nicht wüßte, wie gut sie miteinander ausgekommen sind, wunderte ich mich nicht, aber sie sagt ja selber, daß sie glücklich waren. Grete Frieders trat an das braune Vertiko und nahm ihres Mannes Bild, das dort im Rahmen aufgestellt war, in die Hand. Sie schien nicht recht zu wissen, was sie tat, wischte über das Glas, sah darauf nieder, stellte das Bild zurück und fuhr mit dem kleinen Finger in den Augenwinkel. Es sah aus, als wäre sie unwillig über sich selber. Das Haupt zurückwerfend, setzte sie sich wieder dem Gaste gegenüber.
»Er hat sehr viel auf Sie gehalten, Rudolf. Unter den anderen hat er wohl kaum einen besonderen Freund gehabt, obwohl sie ihn alle gern hatten. -- Sagen Sie,« sie blickte ihn aufmerksam an, »Sie sind nicht mehr in der Grube? Ich dächte, Sie hätten vorhin so etwas gesagt.«