Chapter 3 of 19 · 3994 words · ~20 min read

Part 3

Er genügte der Pflicht, die zweite Ehrenrunde mit dem nächsten der Mädchen zu tanzen, holte Lina Franke, und nun waren es zwei Paare, die sich, von den anderen umjubelt, im Saale drehten. Die Feierlichkeit begann nachzulassen. Vielsagende Blicke gingen von Auge zu Auge, Kantor Ritter legte der Berteles-Mutter, die, klein und verschüchtert, in der Ecke stand, die Hand auf den Arm und nickte ihr ermunternd zu. »Kann eine an das Mariele? Weit und breit nicht.« Mutter Berteles nahm es kaum als Trost. Sie nickte, aber die Tränen waren ihr nahe.

Auch die zweite Ehrenrunde war vorüber, alle Förmlichkeiten waren erfüllt. Jetzt länger im Schmuck des Straußes und der Tücher einherzugehen, wäre Maskerade gewesen. Heinrich Korn schritt auf seine Frau zu, überreichte ihr seinen Schmuck, ihn aufzuheben, kehrte in die Runde der jungen Leute zurück und löste sich völlig von seinen Verpflichtungen. Er reichte dem Mariele und Lina Franke die Hand: »Seid bedankt, ihr zwei,« drückte dem Sohne einen größeren Schein in die Hand: »Das ist für die Gesellschaft,« gebot seinem Kleinknecht, den Hammel heim in den Stall zu führen, und gab Jugend und Fröhlichkeit völlig die Bahn frei. An der Bertelessin vorüber ging er zum Schmied und den anderen Nachbarn, setzte sich unter sie und sah schmunzelnd dem Treiben zu.

Fritz Ender, der ihm gegenüber saß, fragte hämisch, was den Hohlöfner der Spaß koste.

»Mehr nit, wie ich bezahlen kann,« entgegnete er kurz.

Tolpatschig ließ sich Ender nicht zurückweisen. »Hab den Hammel auch einmal gewonnen, denk aber nit gern dran. Sie gönnen's einem nit und haben immer so einen Verdacht, als wenn -- --«

Der Schmied unterbrach ihn: »Heute hat niemand Verdacht, daß es nit sauber zugegangen wäre, und ist keiner, der dem Hohlöfner die Ehre nit gönnte.«

Heinrich Korn war rot angelaufen, aber er hielt an sich. »Kannst mich heute nit ärgern, Ender,« rief er über den Tisch hinweg.

Und der, wiederum hinterhältig: »Will ich auch nit. -- Ist ein schmuckes Mädel, die kleine Bertelessin. Wenn sie nur nit so hoch hinaus wollte.«

Da war der Hohlöfner mit einem Schlage wieder völlig der Alte. Fritz Ender hatte einen Sohn, der ein braver, schlichter Mensch war und seine Augen überhaupt nicht zum Mariele erhob. Der Vater aber tat es für ihn, die Männer hatten dann und wann im Wirtshause spöttisch mit kurzen Worten davon gesprochen und sich über Ender lustig gemacht. Heinrich Korn quittierte des Bauern Anzapfung mit ein paar kurzen, treffenden Worten, deutete auf den Fuchs hin, der vergeblich nach den Trauben sprang, lachte hell auf und schlug auf den Tisch: »Nachbarn, morgen stellen wir unseren Mann wieder bei der Arbeit. Soll uns keiner nachsagen, daß wir ihn nit auch auf dem Tanzboden stellen könnten. Ich habe heut zum letzten Male den Hammel gewonnen. Es war ein gutes Ende; das Mariele ist das schmuckste Mädel, mit dem ich getanzt habe. Morgen geht alles wieder im alten Hü und Hott. Heute nehme ich Abschied von meiner Jugend. Los, Nachbarn, wir holen unsre Weiber. Die Jungen sollen nit denken, daß sie mehr könnten als wir.«

Froh berauscht war der Mann, riß die anderen mit, und sie, die meist in allzu schweren Stiefeln gingen, ließen sich gern mitreißen. Niemand hat den Hohlöfner je betrunken gesehen, der Mann wußte stets Maß zu halten, nie aber hatte er sein ganzes Dorf in seiner inneren Fröhlichkeit, die förmlich ein Rausch war, so hinter sich gehabt wie heute.

Er ging auf seine Frau zu, die jetzt neben der Bertelessin stand. »Komm, Mutter.« Sie reichte Tücher und Strauß der Berteles-Mutter zum Aufheben. Sie tanzten. Nach etlichen Runden sagte die Bäuerin, hastiger atmend, als es wohl nötig gewesen wäre: »Vater, ich kann nit mehr. Ich bin zu stark geworden.«

»Hast dein Gewicht, stimmt.«

»Geh, führ dem Mariele seine Mutter einmal auf. Ich glaube, die hat seit zehn Jahren nit mehr getanzt. Und dann darfst du das Mariele selber nit vergessen, die doch heute deine Ehrenjungfer ist. Mich laß sitzen. Ich tanze nit eher wieder, als bis der Rudolf Hochzeit hat.«

»Da kannst du lange warten. Der tut gar nit danach.«

»Kommt manchmal eher, als man denkt.«

Die laue Nacht träumte, der Flieder duftete, der Maibaum raunte, harmlose Menschen ließen sich von des Festes hochgehenden Wogen tragen. Und auch der Tanz selber war wie hundert andere vor ihm. Der »Rangiermeister« war da, ein kurzer, stämmiger Bursche aus dem Nachbardorfe, nicht mehr weit von den Dreißigern, der, bevor er zu tanzen begann, sein Mädel fragte, ob sie »rangieren« könne, und der, wenn sie das bejahte, sich etwas darauf zugute tat, daß er quer durch den Saal zu chassieren vermochte; die Mädel sangen in den Tanzpausen ihre schwermütigen Lieder, die Burschen schritten, stolz wie Könige, die Mädchenfront ab und winkten sich die Erkorene heran.

Der Hohlöfner ging durch die Reihen, neckte da, redete ernsthaft dort, tanzte wiederholt mit dem Mariele und tat es immer in der feinen, zurückhaltenden Art, zu der er sich, weil er sie vor anderen gern hatte, gerade ihr gegenüber verpflichtet fühlte. Es kam ihm, wenn er besonders gut gelaunt war, auch einmal nicht auf einen Scherz an, der einem Mädel eine leichte Röte über das Gesicht jagte. Dem Mariele gegenüber wäre ihm nie ein solch loses Wort über die Lippen gegangen.

Wieder tanzte er mit ihr. Übermütig wickelte er sich, als sie wartend in der Reihe standen, des Mädchens Zöpfe um den Arm.

»Mariele, wo hast du das bloß her? So was hat ja noch gar kein Mensch in Schönbach gesehen.«

»Wo ich das her habe? Hab mir's halt beim lieben Gott so bestellt.« Und neckend: »Weißt du, wenn ich einmal einen Mann habe und der nit folgen will, dann bind ich ihn damit fest.«

»Möchte wissen, wer dir nit folgen wollte. Wirst doch nit gar soviel verlangen.«

»Nein, bloß gern haben muß er mich und allweil seinen Mann stehen. Darf kein Hanswurst sein.«

»So wie ich?« Und der Bauer zwinkerte ihr zu.

»Um Gottes willen,« wehrte das Mädchen ab. »Du! Ich wüßte keinen Mann, den ich mehr achten könnte als dich. Dir kommt so leicht keiner gleich. Und daß du dabei so lustig sein kannst, das hat der Herrgott extra gut gemacht.«

»Willst mir schöntun, Mariele?« Und er umspannte das ganze liebe Mädel mit einem väterlichen Blick.

»Wenn du das schöntun nennst, gern; denn ich mein's, wie ich's sage, und niemand in Schönbach denkt anders.«

»Ist gut, Mariele, ich kenn dich lange genug.«

Der Tanz war zu Ende, Heinrich Korn setzte sich schweigend neben sein Weib und hatte eine Falte in der Stirn. Zum ersten Male kam ihm der Gedanke: Wie wäre es, wenn dein Sohn das Mariele heiratete? Und das Herz schlug ihm höher. Wie das wäre, den Blondkopf mit den langen Zöpfen und dem guten Gesicht alle Tage durch das Haus gehen zu sehen und seine helle Stimme zu hören! Köstlich wäre es. Und dann die Enkelkinder! Ganz heiß wurde ihm. Wohl fuhr der Gedanke, daß das Mariele eines der ärmsten Mädchen war, wie ein rascher kalter Hauch über die warme Freude, aber damit ward der Mann heute merkwürdig leicht fertig. Viel schwerer lag es ihm an, daß er seinem bedächtigen, beinahe übergewissenhaften Sohne nicht zutraute, daß er sich das Mädchen werde erobern können. So stand er, halb zornig, auf, schob sich durch die Reihen, trat neben seinen Sohn und raunte ihm zu: »Weißt du nit, was du heut abend zu tun hast, wo das Mariele meine Ehrenjungfer war? Mit den anderen kannst du ein andermal tanzen. Ich hab genug für mein Teil. Du mußt das Mariele aufführen.« -- --

Die Sonne schickte ihre ersten Boten über die Berge, da war das Fest aus. Seiferts Ludwig ging mit den anderen Musikanten heim und blies auf seiner Klarinette die Straße durch Schönbach hinab: »Muß i denn, muß i denn zum Städtele hinaus.« Erst das war der völlige Abschluß des Festes und gehörte dazu wie der Gikgak, die preußische Friederike, der Hammel und der Maibaum.

2.

In der Ecke, gegen die Bodenwiesen hin, stand das Berteles-Häuschen, zu dem etwa acht Morgen Feld und Wiese gehörten. Der Berteles war, solange er lebte, ein sparsamer Mensch gewesen. Zimmermann von Hause aus, ging er vom zeitigen Frühjahr bis in den späten Herbst auf Arbeit, indes sein Weib daheim die Wirtschaft besorgte. Kam er von der Arbeit, dann griff er ebenso selbstverständlich nach Pflug, Sense oder Hacke, wie er es am Morgen tat, bevor er auf den Zimmerplatz ging. Hochgewachsen, blond, zuverlässig, war er ein gern gesehener Mann, sowohl als Arbeiter wie als Mensch.

In dem Manne lebte etwas vom Dorfpoeten, aber ohne daß es aufdringlich gewesen wäre oder daß sich der Zimmermann selber überschätzt hätte. Seine Poetennatur machte sich auch weniger in Versen Luft, als sie sich in seinem Hauswesen betätigte. Die Verse verbarg er scheu, und nur sein Weib wußte darum. Von der Mutter erfuhr es das Mariele nach des Vaters Tode. Sie übergab der Tochter ein dünnes Schulschreibheft. »Mariele, das hat der Vater geschrieben. Ich habe immer viel darauf gehalten, und wenn du auch jetzt noch nit alles verstehst, so halt das Buch doch in Ehren. Mit der Zeit begreifst du auch das Letzte.«

Seitdem lag das Heft in des Mädchens Lade, die Verse aber trug sie im Herzen, und es kam gar nicht selten vor, daß sie, wenn ihr Schatz neben ihr in der Laube saß, einen Vers mit leise schwingender Stimme hersagte, so wie er ihr aus dem Gemüt blühte, ihn in ~der~ Stunde gewissermaßen selber schaffend.

Das Häuslein hatte der Berteles aus seinen und seiner Frau Ersparnissen gekauft und es, als ihm ein kleines Erbteil zufiel, von Grund aus nach seinen eigenen Plänen umgestaltet. Allen, die durch Schönbach gingen, fiel es angenehm auf. Geradezu wunderschön war der Garten und war damit etwas Außergewöhnliches weit und breit; denn Bauerngärten verraten gewöhnlich nur, daß ihre Herren und Herrinnen keine Zeit haben. Sie sind zumeist eine bunte Wildnis.

Bunt war auch der Berteles-Garten, am Verwildern war er aber nur während eines Jahres gewesen. Das war in der Zeit, als sich die Witwe in ihrem Schmerze über den jähen Tod des Mannes nicht aufzurichten vermochte und der Tochter die Augen noch nicht aufgegangen waren für den Reichtum, der ihre Kindertage umblüht hatte.

Der Berteles hatte vor allem den Flieder gern gehabt. In jedem Frühjahr war denn der Garten auch ein einziges Fliedermeer, aus dem die Duftwellen weiß und blau und rot aufschäumten. In der Ecke kuschelte sich eine Laube unter die Fliederbüsche, dicht umrankt von Jelängerjelieber. Aus ihrer Tür sah man auf die kleinen runden Beete mit ihren ausdauernden Stauden und ein gutes Dutzend Rosenstöcke, die das Mariele sorgsam im Schnitt hielt.

Am Zaune hin rauschte der Schönbach und wußte in den lauen Sommernächten unendlich viel Schönes zu erzählen.

Das Häuslein selber stand unmittelbar am Dorfwege, und wer vorüberging, konnte zwischen den bescheidenen Mullgardinen hindurch das saubere behagliche Stübchen mit seinem blanken Zinn im Topfbrett, der Nähmaschine am Hoffenster und den blühenden Blumenstöcken auf den Fensterbrettern übersehen. Wen es danach gelüstete, der trat an eines der Fenster heran und plauderte mit dem Mariele oder seiner Mutter. Und das taten ihrer viele; denn von dem Berteles-Hause ging stets ein Hauch von Zuverlässigkeit und guter, tapferer Gesinnung aus. Mutter Berteles allerdings verwand den Bruch, der durch ihr Leben ging, nicht. Und nun kam die Sorge um das Mariele dazu. Wo sollte das bloß noch hinausgehen! Dabei ließen sie sich nicht raten, die jungen Leute, und, freilich, freilich, der Hohlöfner war im Grunde eine Seele von einem Menschen, aber -- --

So lag Pauline Berteles auch in der Nacht vom Sonntag zum Montag wieder schlaflos vor lauter Sorgen. Und der Tag war doch so schön gewesen und die Hohlofenleute, nein, wirklich, als wenn das Mariele schon zu ihnen gehörte! Der Nachbar Ender, dessen Wirtschaft fünf Häuser weiter oberhalb am Bache lag, hatte sich der heimkehrenden Bertelessin zugesellt gehabt und, es geschah ganz gewiß in der allerbesten Meinung, die Rede auf Rudolf und das Mariele gebracht.

Pauline Berteles kannte ihn seit dreißig Jahren, sie wußte auch, daß die Leute manchmal nicht gut von ihm redeten und ihn einen Heimtücker nannten, aber die Frau tat niemand Böses und traute niemand Böses zu. Was der Ender sagte, das waren zudem Dinge, die sich die Bertelessin selber nicht verheimlichte.

Triefend von Biederkeit, hatte er davon gesprochen, daß das Mariele das beste Los verdiene, das einem Menschen werden könne, daß es aber doch unklug sei, es zwischen ihr und dem Einzigen vom Hohlofenhofe so weit kommen zu lassen, daß das Auseinandergehen mindestens nicht mehr stillschweigend und schmerzlos geschehen könne. Ernsthaft sei ja doch die Sache wohl kaum; denn daß Korn, der erste Bauer im Dorfe, eine Schwiegertochter willkommen heißen werde, die so wenig hinter sich habe wie das Mariele, das werde sich doch wohl die Berteles-Mutter selber nicht einbilden. Im übrigen, er wolle ja nichts sagen, aber Korn sei in der ledigen Zeit kein Guter gewesen. Dem Sohne sei gewiß nichts nachzureden, aber -- -- -- Junge Leute!!! Und was dann?

Bislang hatte die Bertelessin geschwiegen. Bei den letzten Worten aber war sie aufgefahren. Für das Mariele könne sie stehen und -- für den Rudolf auch. Vom Hohlöfner selber habe sie übrigens auch nie etwas Schlechtes gehört, und die Leute lebten so einig zusammen, daß es eine Freude sei. Ganz warm war die Berteles-Mutter geworden, hatte mehr gesprochen als sonst in Tagen und härter aufgetrumpft, als sie sich selber zugetraut. Der Ender war förmlich auf den Mund geschlagen gewesen und nicht dazu gekommen, der Frau seinen Sohn als Eidam anzubieten. Und das hatte er doch gewollt.

Hastigen Fußes kehrte Pauline Berteles heim, stand mitten in der Stube und seufzte. Und seufzend ging sie zu Bett. Da kehrten alle die Worte des Ender wieder, hatten ein ander Gesicht, bestachen durch ihre Biederkeit und forderten Bejahung. Auch die verletzenden. Sooft sie auch Mutter Berteles verneinte, sie saßen wie Widerhaken im Fleische.

Das Mariele hatte etliche schwere Tage, und als Rudolf Korn am Mittwoch leise an das Fenster nach dem Garten zu klopfte, zankte die Mutter ihre Tochter zum ersten Male um des Verkehrs willen aus. Das aber war der so völlig fremd und ungewohnt, daß sie weinend zu ihrem Schatze hinauskam.

Als Rudolf Korn erfahren, was vorlag, ging er kurzerhand zu Mutter Berteles in die Stube. »Das Mariele hat mir erzählt, daß Ihr unsere Heimlichkeit nit mehr leiden wollt. Ihr habt recht, und ich will da bald Ordnung schaffen. Aber das Mariele laß ich nit. Nit im Guten, nit im Bösen! Das sage ich. Schlechtes braucht ihr nit von mir zu denken. Nun seid nit bös, Berteles-Mutter.«

»Rudolf,« hatte die Frau entgegnet, »dein Vater leidet's nit. Das weiß ich, und dasselbe sagen andere Leute.«

»Wer sind denn die anderen Leute?«

»Der Ender -- -- --«

»Aha. Das ist gerade der richtige. -- Berteles-Mutter, ich weiß nit, was der Vater sagen wird, die Mutter steht auf meiner Seite. Der Vater? Er hat das Mariele selber viel zu gern. Will er's aber etwa doch nit leiden, dann wird's wohl hart zugehen, aber nachgeben tu ich nit. Eher will ich den Hof nit haben als das Mariele nit. Und die anderen Leute? Es sind noch nie zwei zusammengekommen, über die die Leute nix zu reden gehabt hätten. Loben tun sie bloß, die gestorben sind. Wenn mir aber der Ender noch einmal in die Quere kommt, dann soll er sich hüten. Das sag ich. Und nun, Berteles-Mutter, seid vernünftig. Wir zwei lassen nit voneinander.«

Mutter Berteles freute sich der Entschlossenheit Rudolfs, ohne daß deswegen ihre Sorge gemindert worden wäre. So hielt sie's denn mit dem Herrgott. Er hatte ihr das Mädel gegeben, das förmlich ein liebes Wunder war, hatte die jungen Herzen einander finden lassen und war nun verantwortlich. --

Die Woche verging. Es war eine harte Arbeitswoche. Vom Morgen bis in die Nacht arbeiteten die Leute auf ihren Kartoffelfeldern.

Heinrich Korn schritt im Morgenlichte hinter seinen Gäulen her, die zwischen den Furchen gingen, sang, pfiff, wie es kam, machte das zufriedenste Gesicht und war innerlich voll tiefen Dankes und hoher Freude.

Wie sollte ein Mensch auf solchem Stück Erde aber auch nicht fröhlich sein, obwohl der Boden eher dürftig als fruchtbar war. Schönbach lag reichlich vierhundertfünfzig Meter hoch, die Winde orgelten oft mit lauter Stimme darüber hin, die Donner vergrollten lang anhaltend in den Tälern rundum, die Erde gebar schier in jedem Jahre Millionen neuer Schieferplatten, aber es war Heimat, herrliche, weite Berg- und Waldheimat, in der aus jeder Breite der Schweiß langer Geschlechter wie frommer Opferrauch stieg. Mit der Sonne stand der Hohlöfner auf, griff in der Wirtschaft zu und ließ es sich nicht nehmen, der erste auf dem Felde zu sein. Dann brauten in den Tälern noch die weißen Nebel und krochen wie lange Schlangen an der Berge trutzigen Mauern dahin. Von den Wipfeln der Bäume pfiffen die Amseln, und über den Feldern trillerten die Lerchen. Die Furchen dampften, Stare marschierten hinter dem Pflüger drein, Immen flogen summend vorüber.

Die Bienen waren Heinrich Korns besondere Freunde. Er war einer der wenigen Schönbacher Bauern, die sich selber der Bienenzucht befleißigten, und tat es viel weniger des Honigs wegen als darum, weil ihm das Leben im Bienenstocke Gleichnis war und er daran Freude fand. Überhaupt sah der Mann in Tieren allezeit Kameraden. Soviel er von seinen Pferden verlangte, er gab ihnen kaum einmal harte Worte, und das übliche Hü und Hott hatte er in militärische Kommandos umgewandelt, befahl: Marsch, gebot: Halt, kommandierte: Rechtsum, linksum. Der Hohlofenhof war, obwohl der größte in Schönbach, doch keineswegs groß. Es gehörten zu ihm etwa achtzig Morgen Feld und Wiese und knapp hundert Morgen Wald. Die Wirtschaft aber ging am Schnürchen, die Felder trugen gute Ernten, und Korns Vieh war stark und gut gehalten. Des Bauern Leute hingen an ihm, kannten seine Art, freuten sich seiner Scherze, steckten schweigend einen harten Tadel ein, weil er nie unverdient war. So gern der Mann polterte, lieber noch scherzte er.

Nicht weit vom Hohlofenacker hatte die Bertelessin ein Stück Kartoffelland. So ging denn das Mariele, die Hacke geschultert, das Wäglein hinter sich herziehend, jeden Morgen am Hohlöfner vorüber. Sie kam keinen Morgen vorbei, ohne daß er sie angehalten hätte. Über den freundlichen Gruß hinaus wußte er stets ein Scherzwort. Einmal ging er hinter seinen Pferden her und sang, daß es schallte: Wer recht in Freuden wandern will, der geh' der Sonn' entgegen. Das Lied hatte einst Kantor Ritter im Gesangverein eingeübt. Und siehe, als er so lustig sang, kam auf einmal vom Wege her die zweite Stimme, und das war eine Frauenstimme. Der Bauer stutzte, drehte sich um, nickte dem Mariele zu und sang weiter. Da war das Mädchen heran, Korn kommandierte: Halt! Die Pferde standen, er setzte sich auf den Pflug.

»Von vorne, Mariele. Das hab ich gar nit gewußt, daß du so schön singen kannst. Wer recht ...«

Es schallte über die Felder hin, brandete an die nahe Waldmauer und versickerte zwischen den Stämmen. Das Lied war zu Ende. »Das hast du gut gemacht, Mariele. Was kannst du denn eigentlich nit?«

»Heiraten.«

»Wieso nit?«

»Das muß ich mir doch gefallen lassen.«

»Spottvogel. Heiratest doch auch.«

»Kommt ganz drauf an. Vielleicht muß ich ledig bleiben.«

»Wäre noch schöner. Werden doch die Burschen nit alle Schlafmützen sein. -- Wie weit bist du eigentlich mit euren Erdäpfeln?«

»Noch zwei Tage, dann bin ich fertig. Die Mutter kann nit mit zugreifen.«

»Hast's nit ganz leicht, Mädel.«

»Möcht's gar nit leichter haben.«

»Ist recht. -- Wenn der Rudolf nachher kommt, kann er die Pferde nehmen. Dann bist du mit Ja und Nein fertig.«

»Hohlöfner, wir -- können's nit bezahlen.«

»Mach mich nit falsch, Mariele. Hab ich was gefordert?«

»Dann sage ich schön Dank und will's in der Ernte glattmachen.«

»Kannst du halten, wie du willst.« Der Bauer schmitzte mit der Peitsche. »Marsch!« Die Pferde zogen an.

So schlenderte der Mai langsam aus der Welt. Es verging kein Tag, an dem Heinrich Korn nicht mit dem Mariele Gruß und Scherzwort ausgetauscht, und immer wärmer ward ihm bei dem Gedanken: Wenn dir der Rudolf ~die~ als Schwiegertochter brächte! Und es war wunderlich: Der Mann, der sonst wahrhaftig der Herr im Hause war, getraute sich nicht, seiner Frau die heimlichen Gedanken zu verraten, weil er glaubte, ihr sei das Mädchen zu gering.

Wieder war es Sonnabend. Der Flieder, der im hochgelegenen Schönbach bis tief in den Juni hinein blühte, überschüttete das Berteles-Häuschen mit Duftwellen, und wer vorüberging, brach sich gern eine der hängenden Blütentrauben ab. Das Wetter hatte in den letzten warmen Tagen mehrfach gedroht. Wolken waren hochgekommen und hatten sich wieder verzogen. Heute hatten die Schönbacher bestimmt geglaubt, es werde ein Gewitter geben. Am Abend aber spannte sich der Himmel wieder weit und klar über das Bergland.

Abermals stand Heinrich Korn, die Pfeife im Munde, im Hoftore. Er tat es immer gern, am liebsten aber am Sonnabend, wenn der Sonntag um die Ecke lugte. Da blickte der Mann in tief innerlicher Freude das sauber gefegte Dorf hinab, in dessen Mitte Kirche und Schule standen und etliche große Linden im Abendwinde rauschten. Dann war es ihm feierlich zumute. Ohne sich Rechenschaft darüber geben zu können, spannte er seine Seele weit hinaus, feierte wortlos auf seine Art und war in dem Augenblicke ein demütiger Mensch, der seiner Tage und seines Lebens Grenzen erfühlte und ahnte, daß es schade sei um ein Leben, das sich nicht dem Guten verschrieben.

Sich rückwärts kehrend, sah er den Sohn mit einer Schütte Stroh aus der Scheune kommen. So wenig er mit dem ob seiner stillen Art einverstanden war, so gern achtete er seinen nie ermüdenden Fleiß und seine unbedingte Zuverlässigkeit. Hätte er eines gewußt, das, daß Rudolf nicht weichlich, daß er, wenn es not tat, eisenfest und stahlhart sein konnte, er wäre restlos mit ihm zufrieden gewesen. Dafür aber hatte ihm der Sohn noch keinen Beweis gegeben und nicht geben können.

Rückwärtsgewandt, rief der Bauer: »Rudolf, ich gehe auf eine Weile zum Wirt. Sag's der Mutter.«

»Ist recht, Vater.«

Heinrich Korn schlug jedoch nicht den Weg das Dorf hinab ein, er überquerte die Straße, ging zwischen Illings und Jenkes Scheune hinaus auf die Bücherwiesen, schlenderte einen schmalen Pfad dahin. Das Gras stand hoch, die Heuernte würde gut werden. Schade um das bunte Blumenzeug, das rot und blau und weiß mitten in die grüne Herrlichkeit vertropft war. Auf den Bücherwiesen lagen eine Anzahl kleiner Teiche. Aus denen her musizierten die Frösche, und ein wohltuender, kühler Luftzug strich herein.

Im Bogen die Wiesen überquerend, kam Heinrich Korn am unteren Dorfende wieder herein. Es begann zu dunkeln, aus den Bodenwiesen stiegen leichte, feine Nebel. Am Berteles-Häuschen blieb der Hohlöfner stehen. Marie Berteles kam über den Hof und grüßte.

»Mariele,« rief der Bauer, »ich will mir ein bißchen von eurem Flieder mitnehmen.«

»Gerne.« Das Mädchen stellte den Eimer hin und kam raschen Schrittes heran. Sie pflückte dem Hohlöfner einen Strauß des köstlichsten Flieders, der im Berteles-Gärtchen wuchs.

»Hör auf, Mädel,« mahnte der Bauer, »sonst muß ich ja deinen Handwagen nehmen.« Er maß Haus, Garten und Mädel mit einem vergleichenden Blicke. »Ihr paßt zusammen, das Haus, der Garten und du. Hat einen guten Blick gehabt, dein Vater. Schade um den Mann. Ist viel zu bald gestorben. Ihr stündet heute anders da.« Der Bauer steckte seine starke, scharfrückige Nase in den Strauß. »Da freut sich unsere Mutter. Was geb ich dir denn nun dafür?«

»Nix.«

»Sollst einen Mann für dich allein kriegen.«

»Einen wie du bist.«

Der Hohlöfner drohte mit dem Finger. »Du, die Sorte ist nit leicht zu behandeln. Hat lauter Raupen im Kopfe.«

»Wollt schon damit fertig werden. -- Ich muß in die Stube, die Mutter wartet.«

»Und ich muß ins Wirtshaus. Dunnerlichting, so ein guter Geruch!«

Sie gingen lachend auseinander.

Im Wirtshause traf Heinrich Korn etliche Nachbarn, die, gleich ihm, auf ein Ruhe- und Plauderstündchen zusammengekommen waren. Albert Rösner, der Wirt, war des Hohlöfners Altersgenosse und guter Freund und steckte, wie der Bauer, voller Schnurren. Wenn sie sich begrüßten, dann lagen die Hände wie Klammern ineinander. Jeder drückte den anderen mit aller Kraft, die er aufzubringen vermochte. Es schmerzte, aber keiner verzog den Mund. Das war die hundertmal wiederholte Probe darauf, ob sie noch die Alten wären.