Chapter 8 of 19 · 3989 words · ~20 min read

Part 8

Und doch war es nicht die Arbeit, vor der es ihn leise gruselte. Der ~Sohn~ fehlte ihm. Hatte er auch nie viel Wesens um ihn gemacht, war er sogar kürzer und herber gewesen, als es nötig und, vielleicht, recht war, er hatte sich doch immer des stillen, zuverlässigen Menschen gefreut. Im Morgenwandern hörte er die Klänge, die von Seele zu Seele gegangen waren, und nun würde der Klang irregehen. Er, der Bauer, würde ins Leere fragen, und Rudolf -- -- vielleicht fragte er überhaupt nicht. Lüg nit, Hohlöfner, schalt sich der Mann. Lüg nit, er fragt, -- und -- du wirst ihm antworten. Und wenn du selber fragst, wirst du auch nicht ohne Antwort bleiben. Da drüben liegt die Stadt, dort hinter Wäldern und Bergen. Du siehst nichts von ihr, aber was macht das aus? Siehst vom Herrgott noch weniger und verständigst dich doch mit ihm.

Aber hart ist es, daß eure Gedanken einen so weiten Weg zu machen haben, und es müßte nicht sein, wärst du nicht ein so querköpfiger Vater.

»Ist ein Übergang,« sang die Lerche.

»Soll ein Übergang sein und soll nit lange dauern,« antwortete der Mann. Die Furchen, die ihm das Grübeln durch die Stirn gezogen, glätteten sich, die Augen, die gewohnt waren, das Nahe und das Ferne gleichzeitig mit raschem Blick einzufangen, wurden wieder blank, der Mund spitzte sich zum Pfeifen. Er sollte der Hohlöfner sein und nicht auch ~dabei~ einen Spaß auflesen können? Wie sie ihn im Dorfe ansehn, wie sie auf den Busch klopfen werden! Er wird sie alle hinter die Fichte führen. Wer meint, ein verdrossenes Gesicht bei ihm zu sehen, der soll sich irren.

Was er ihnen sagen wird? Ei nun, er wird den klugen Mann und Vater spielen. Warum der Rudolf davongelaufen sei? Wer das Wort: Davongelaufen braucht, der soll's mit ~ihm~ zu tun kriegen. Der Einzige vom Hohlofenhofe läuft nicht davon wie ein Polacke, der geht für einige Zeit aus dem Vaterhause, um -- zu lernen, seinen Gesichtskreis zu erweitern. So wird er sagen. Und er wird sagen, das sei längst unter ihnen ausgemacht gewesen; nur über die Zeit sei man sich noch nicht einig gewesen. Mit dem Berteles-Mariele und der Fünftausend-Taler-Wette habe das gar nichts zu tun, auch nicht einen Deut.

Rudolf habe immer auf die Schule gewollt. Was seien Schulen! Das ~Leben~ sei die richtige Schule.

So wird der Hohlöfner sagen und dabei ein Gesicht machen, daß nicht einmal der Ender auf einen anderen Gedanken kommen soll.

Aber -- -- die fünftausend Taler muß das Mädel in die Hand kriegen, und das muß klug angefangen werden.

Der Hohlöfner lächelt. Darum ist ihm am wenigsten bange. Und es müßte wunderlich zugehen, käme gerade dabei nicht mancher Spaß heraus.

Der Bauer drehte um, schlug einen Bogen, schritt den Hang hinab, zu sehen, wie das Gras auf den Bodenwiesen stünde, und atmete mit voller Brust den herben Duft der Wälder und Wiesen.

Im Bodenwege begegnete ihm der Ender, der mit seinen Kühen in die Mühle fuhr. Der Mann trug ein unfrohes Gesicht in den Morgen hinaus, und die Kühe waren, weiß Gott, die schlechtesten im ganzen Dorfe.

Heinrich Korn blieb am Wegrande stehen und schüttelte den Kopf. Ender grüßte knurrend und kurz.

»Morgen,« erwiderte der Hohlöfner, »fahr stad, Nachbar, wirst sachte andre Kühe einstellen müssen.«

»Mach's, wenn du Geld hast.«

»Fehlt's denn gar so sehr?«

»Frag nit so daher. Hab, dächte ich, Unglück genug gehabt.«

»Wird auch wieder besser. Wird mir in den kommenden Zeiten auch nit ganz leicht werden.«

Ender horchte auf. »Dir? Möchte wissen warum.«

Heinrich Korn wies nach Osten. »Da geht jetzt mein Junge.«

Ender riß die Augen auf. »Dein -- Rudolf?«

»Derselbige. Ist heute in die Stadt gegangen.«

»Was will er da?«

»Ich hab ihn fortgeschickt.«

»Des Mariele wegen?«

»Das hat mit dem Mariele nix zu tun. Das war lange ausgemacht. Er soll sehen, wie's andre treiben.«

»Was geht das den Bauern an?«

Und der Hohlöfner in gemachtem Zorn: »Das ist's ja eben, daß jeder tut, als ginge ihn der andre nix an. Guckt jeder bloß auf seinen Misthaufen. Solche Leute kann die heutige Zeit nit brauchen. Schmeißt einer immer dem anderen an den Kopf, wie gut es ~ihm~ ginge, und weiß keiner wirklich vom anderen, wo den der Schuh drückt. So kommen wir nit zusammen. Heute nit und niemals. Meinst du, es wäre mir leicht gefallen, den Rudolf jetzt zu entbehren? Aber ich tu's. Er soll hinaus unter fremde Leute. Gerade wem's der Herrgott so kommod gemacht hat, der soll sehen, wie sauer es dem andern wird. Erben ist kein Kunststück. Aber das ist ein Kunststück, das, was einer erbt, zu begreifen. Hab mein Lebtag ~den~ Bauern nit gemocht, der großartig Viere lang gefahren ist, und der auf dem Bocke gesessen hat, als müsse selber der Herrgott den Hut vor ihm ziehen. Kann die Hanswürste nit leiden. -- Ich bin der erste in Schönbach, mein Junge soll's wieder werden, aber nit, weil er mich beerbt und weil er unser Einziger ist, sondern weil er sich hat die Nase putzen lassen und nit beiseite guckt, wenn ein armer Teufel mit dem Hundewagen daher kommt. Paßt gut, daß ich grade dir das sagen kann, Ender. Nun weißt du Bescheid. Mach damit, was du willst.«

»Mußt du mir gleich den Morgen verderben, Hohlöfner?«

»Hab ich nit gewollt und habe ich nit gemacht. Deinem Gesicht nach hast du gar nix von dem schönen Morgen gesehen. Nun mach die Augen auf, guck über dich, nit immer bloß auf die Steine im Wege. Hätt'st mich um ein Haar nit gesehen, und ich bin lang und breit genug. -- Grade dir hab' ich's sagen wollen, daß du siehst, daß der Hohlöfner ein Mensch ist, der was verlangt und der auch -- was geben kann. Fahr zu, Nachbar.«

Die Kühe zogen an, Heinrich Korn schlenderte seines Weges weiter und pfiff leise vor sich hin.

Daheim traf er seine Frau am Frühstückstische. Sie empfing ihn mit ernstem Gesicht, er setzte sich mit ernstem Gesicht ihr gegenüber. Schweigend tranken sie ihren Kaffee. Als sich die Bäuerin erheben wollte, langte der Mann über den Tisch und nahm ihre Hand.

»So geht das nit, Mutter.«

Die zuckte die Achseln. »Wirst dich daran gewöhnen müssen.«

Rascher Zorn wollte in dem Manne auflodern. Er atmete ein paarmal langsam und tief.

»Mutter, so geht das nit, sag ich, und so darf das nit werden! Das geht mir gegen den Strich.«

»Hast ja auch nit gefragt, ob mir das andere nit gegen den Strich war!«

»Kreizdeibel, ist mir auch nit nach der Mütze, aber -- -- --«

»Du bist der Hohlöfner.«

Das besänftigte den Mann. Es wetterleuchtete noch in seinem Gesicht, aber die Gutmütigkeit siegte. Er suchte nach der richtigen Maske, kniff das linke Auge halb zu und dozierte, was er auf dem Bodenwege dem Ender gesagt.

Seine Frau sah ihn halb lächelnd, halb ärgerlich an. »Kannst gut Theater spielen. ~Mir~ spielst du nix vor. Ich kenne meinen Hohlöfner besser, als er sich selber kennt.«

Da lachte Heinrich Korn.

»Brauchst nit zu lachen, wo der Rudolf jetzt -- -- -- Wer weiß, wo er gerade steckt.« Die Frau hob den Schürzenzipfel, als wolle sie eine rasche Träne trocknen, und schwieg einen Augenblick. »Hast dein Fleisch und Blut aus dem Hause gejagt. Daran ändern deine Faxen nix. Magst anderen weismachen, was du mir einlöffeln wolltest. Es hört sich gut an, ist aber nit ehrlich von dir.«

»Bist du noch nit fertig, Mutter? Ich dächte, es langte für den Anfang.«

»Halt still, alter Hitzkopf. ~Das~ mußt du dir gefallen lassen, und dann -- wollen wir sehen, wie wir zurechtkommen. Bist auf denselben Trichter gekommen, auf den ich auch gekommen war, aber ich kam von der andern Seite her, mach keine Faxen und will den Leuten nix weismachen. Die Zeit wird dem Rudolf nicht schaden, und vor dem Dorfe wirst du ja mit deinen Flausen zurechtkommen, so daß du nit Schaden leidest. Das aber sage ich dir: Ich vermisse den Rudolf auf Schritt und Tritt.«

»Ich auch, Mutter. Hab's gar nit gedacht.«

»Aber ich hab's gedacht für dich. Und jetzt lernst du deinen Jungen erst kennen, weißt jetzt erst, was du an ihm hast. Er ist die Schlafmütze nit, für die du ihn gehalten hast, ist anders wie du, aber nit weniger wert. Ein anderer wär ~nit~ so gegangen wie er. Beide Hände hält er über dich. Nun halt du sie auch über ihn und -- über das Mariele. Das verlang ich; denn ich bin die Mutter.«

Heinrich Korn sah seinem Weibe in das Gesicht, und ein Funke der alten Schelmerei glomm in seinen Augen auf.

»Nun bist du wirklich fertig, Mutter?«

»Für's erste ja.«

Da ward der Bauer ernst. »Nit für's erste, für immer. So darfst du nit wieder reden. Das vertrag ich nit oft.«

Und noch ernster: »Hast recht, Mutter, hast völlig recht. Die Hand drüber halten. Das Mariele aber bleibt aus dem Spiele. Daß sie auf den Hof kommt, will niemand lieber als ich, aber -- ich bin der Hohlöfner. Langsam, Mutter, keine Dummheiten.«

»Du willst so tun, als gehöre das Mariele nit zu uns?«

»Ich denk nit dran. Grad erst recht soll sie zu uns gehören.«

»Mein ich auch.«

»Aber du kannst dem Dorfe nit von heut zu morgen weismachen, daß sie die fünftausend Taler beieinander hätte. Das muß Zeit haben.«

»Wie willst du das überhaupt anfangen?«

»Das laß meine Sorge sein.«

»Die Dummheiten, die ich nit machen soll, die willst du selber machen?«

Da ging die helle Freude wieder über des Mannes Gesicht.

»Wenn's sein kann, ja, Mutter. Die Dummheiten behalt ich mir vor. Ich bin der Hohlöfner.«

Sie hatten sich beide erhoben und standen voreinander. Heinrich Korn nahm seine rundliche Frau in die starken Arme und klopfte ihr den Rücken.

»Wir sind alleweil einig gewesen, Mutter, und wollen es auch jetzt sein.«

»Wenn du es einem nur nit so schwer machen wolltest.«

Und der Bauer mit leise wehmütigem Lächeln: »Eine Wette gehe ich in meinem Leben nit wieder ein.«

»Du, auch dafür lege ich die Hand nit in das Feuer.«

Da lachte der Mann so laut auf, daß die Mägde draußen verwundert die Köpfe zusammensteckten. Ihre Verwunderung ward größer, als der Bauer kurz darauf mit grimmigem Gesicht über den Hof ging. Daß er dies Gesicht erst unter der Haustür aufgesteckt, wußten sie nicht.

»Albin,« rief er den Knecht an, »die Faulenzerei ist jetzt vorbei. Jetzt heißt es zugreifen.«

»Hab ich immer gemacht.«

»Richtig. Bist der unebenste nit, aber jetzt muß das noch ganz anders gehen.«

»Mehr als arbeiten kann kein Mensch.«

»Kommt bloß drauf an, ~wie~ er arbeitet. -- Der Rudolf ist fort.«

»Der -- ist -- fort?« Dem Knechte blieb der Mund offenstehen. »Wegen -- -- --«

»Brauch keine Maulaffen. Mach's Maul wieder zu. Gar nit: Wegen. Er hat's gewollt. Will sehen, wie's andern Leuten zumute ist bei ihrer Arbeit, und ist recht, daß er so denkt, und freut mich. Könnte keinem schaden, wenn er wüßte, wie's hinter dem Berge aussieht und das Brot an fremdem Tische schmeckt.«

»Da hast du recht, Bauer.«

»Also. Und nun müssen wir zwei den Rudolf ersetzen, Hopp, faß an. Ich will dir zeigen, daß das geht.«

Hei, wie die Arbeit flog, und wie die Stunden flogen.

Die Nächte aber ließen sich nicht ausschalten. So kurz sie waren, sie waren lang genug zum Nachdenken. Und die Gedanken waren so schwer, daß sie dem Hohlöfner die Aussicht auf den Spaß, den er sich zu erhaschen gedachte, oft genug verdunkelten.

Etliche Tage darauf schrieb Rudolf, daß er mit einem Regimentskameraden zusammen im Bergwerk arbeite.

Die Hohlöfnerleute saßen am Abend am Tische. Es war still. Sie sahen aneinander vorüber. Schwerfällig stieß eine späte Fliege laut brummend gegen die Fensterscheiben. Der Hohlöfner stand auf, zerdrückte sie und ging dann mit langen Schritten in der Stube auf und ab. Alles geschah schweigend unter einem dumpfen Drucke, und der Mann preßte im Hin- und Hergehen die breite Hand auf die Brust.

Schließlich löste sich die Spannung in einem: »Dunnerlichting, Dunnerlichting!« Die Schritte wurden rascher. »Mußte denn das sein? Ausgerechnet in die Grube?«

»Wird halt nit anders gegangen sein. Denkst du, in der Stadt haben sie auf ihn gewartet und ihm den feinsten Posten präsentiert: Da hast du, weil du dem Hohlöfner aus Schönbach sein Sohn bist. Hast du das gedacht?«

»Red kein dummes Zeug, Mutter. -- Aber gerade das Bergwerk!«

Minna Korn war eine kluge Frau. Der Mann tat ihr leid, aber sie drängte ihn mit Absicht tiefer in seine Not hinein. Die Stimme dämpfend, trauriger scheinend, als sie war, begann sie: »Man muß sich das einmal ausdenken. In der Grube kommt fast jeden Tag einer zu Schaden.«

Das verfing nicht. Minna Korn hatte ihres Struwelkopfs Gedanken noch nicht ganz erfaßt.

»Das ist's nit,« polterte der Mann. »Auf dem Felde kann ihn der Blitz erschlagen, im Holze ein Stamm. Das ist's nit, aber -- -- so tief unter der Erde, keinen Himmel über sich!«

Da wußte die Frau Bescheid. Die Kerbe war angehauen, sie schlug fest darein.

»Kein Linsele Sonne! Und kein Vögele, das ihm singt, und keine Blume, die ihm blüht.«

»Was macht er sich aus den Blumen, aber -- -- --«

Die Frau fand den rechten Weg. »Und kein Kornfeld!«

»Ja, kein Kornfeld!«

»Und unser Korn steht so dick, und der Hafer ist so lang! Und er kann nit auf dem Rain hingehen, die Ähren in die Hand nehmen und sagen: Das habe ~ich~ gebaut! -- Wo er sonst die Hand aufhalten und sich die Sonne hineinscheinen lassen konnte, da ist's jetzt finster. Er hat immer so gerne auf dem Nußbühl gestanden und sich umgeguckt, hat den Bergkirchenturm über dem Walde gesehen -- -- --«

»Mutter!« Der Bauer lief im Sturmschritt hin und her. »Hör auf, es langt.« Er hieb zornig durch die Luft. »Und nix ist, das einen ein bissel freuen tät! Warum kommt nit wenigstens das Berteles-Mädel einmal her? Hab die ganzen Tage her schon auf sie gelauert, aber sie macht sich so rar wie eine Stecknadel in den Dielenritzen.« Er begann zu poltern. »Ist das eine Art? Ich dächte, wenn sie unseren Jungen haben will, könnte sie sich auch ein bissel um die Alten kümmern. Aber so sind sie. Taugt heute eine nit mehr als die andre. Sind alle miteinander nit wert, daß man sich um sie kümmert.«

Minna Korn lächelte leise. »Hast recht, Vater. Hätt sich wohl ein bissel nach uns umtun können, wird sich's nur nit getraut haben.«

»Nit getraut? Soll ich's ihnen etwa noch leichter machen, als ich's ihnen schon gemacht habe?«

Die Bäuerin hatte es auf der Zunge, zu sagen: Hast es ihnen wahrlich leicht genug gemacht, aber sie schwieg. Der Mann warf sich in die Sofaecke und langte nach der Zeitung, die Bäuerin ging, in der Wirtschaft noch einmal zum Rechten zu sehen, und draußen feierte ein stiller Sommerabend. Die Frau kehrte nach kurzer Zeit zurück, und eine kleine halbe Stunde später trat das Mariele in die Stube, lebhaft von der Hohlöfnerin begrüßt. Heinrich Korn nahm es für Zufall, daß sie kam. Die kleine Magd hatte ihre Sache gut gemacht. Marie Berteles verriet mit keinem Wimperzucken, daß die Bäuerin nach ihr geschickt. Mit dem überlegenen Feingefühl des Weibes fand sie sich in die Sachlage. »Guten Abend,« grüßte sie.

Die Hohlöfnerin streckte ihr schon von weitem die Hand entgegen. »Guten Abend, Mariele. Das ist recht, daß du dich einmal nach uns zwei alten Leuten umsiehst. Gerade vorhin haben wir von dir geredet.«

Heinrich Korn saß brummend in seiner Sofaecke. Die Bäuerin nötigte das Mädchen, sich an den Tisch zu setzen, aber sie wußte es so einzurichten, daß der Hohlöfner nur ihren Rücken sah. Und das verdroß ihn. Er hätte viel lieber das gute Gesicht gesehen.

»Was macht die Mutter?« fragte die Hausfrau.

»Es geht ihr nit gut. Sie hat immer ihre Not, und wenn ich ihr auch die Arbeit abnehmen will, sie leidet es nit, denkt immer, es geht nit ohne sie.«

»Lernt's auch nit, die Frau,« kam es knurrend aus der Sofaecke. »Geht freilich ohne die Alten. Die Jungen machen ihr Zeug heutzutage für sich, brauchen uns nit mehr.«

Heinrich Korn stopfte sich eine Pfeife, seine Frau lächelte und nickte dem Mädchen zu.

»Ist nit so schlimm, gelt, Mariele? Weißt schon, was du deiner Mutter schuldig bist. -- Hast du nit auch einen Brief gekriegt?«

»Ja. Da ist er.« Das Mädchen zog einen Brief aus der Tasche. Minna Korn schob ihr den anderen zu. »Da lies, was der Rudolf an uns geschrieben hat.«

Sie lasen, der Hohlöfner paffte und war wütend, daß seine Frau den Brief, den Marie erhalten, nicht laut vorlas. Ja, sie tat nicht einmal, als wolle sie ihm den Brief geben, sondern legte ihn lächelnd auf den Tisch zurück.

»Er hat's gut getroffen, der Rudolf; hat schon immer so große Stücke auf den Frieders gehalten und oft von ihm erzählt, und nun ist er mit ihm zusammen.«

»Korns-Mutter,« sagte das Mädchen mit schwingender Stimme, »gut hat er's doch nit getroffen!«

»Warum denn nit? Die Bergleute verdienen unter allen das meiste Geld.«

»Ja aber, wenn da so ein Stein herabfällt. Und dann schießen sie doch auch da drunten.«

»Sogar mit Pulver,« grollte es vom Sofa her. »Ist das ein Getue! Hat früher auch schon geschossen, der Rudolf.«

»Aber nit so tief unter der Erde.« Marie Berteles wandte den Kopf ein wenig.

»Unter der Erde oder auf der Erde ist egal. Schießen ist Schießen.«

»Da bin ich doch nit deiner Meinung, Vater,« warf die Bäuerin bedächtig ein.

Der Hohlöfner war selber nicht seiner Meinung, aber er wehrte sich. »Das verstehst du nit, Mutter.«

»Nein, Vater, aber auf der Erde kann man aus dem Wege gehen. Dort drunten nit.«

Das war es ja, was sich der Bauer auch sagte, aber er murrte weiter: »Werden sich schon zu helfen wissen, ist nit unsre Sache. Jeder liegt, wie er sich das Bett macht.« Um ein Haar wäre das Mariele eingeschüchtert worden. Die Bäuerin aber nickte ihr wiederum zu. »Sage ich auch. Deswegen brauchen wir uns keine Sorgen zu machen. Ich denke, der Rudolf wird seinen Spaß daran haben. Er hat sich ja immer in alles geschickt. -- Wie steht denn euer Korn, Mariele?«

»Das wird eine traurige Ernte. Was der Hagel zusammengeschlagen hat, steht halt doch nit wieder auf.«

Minna Korn strich ihr über die Hand. »Werdet nit verhungern, ihr zwei. Da sind wir auch noch da.«

Die Reden gingen hin und her. Eine Weile hielt es der Hohlöfner noch in seiner Sofaecke aus. Dann stand er auf, trat an den Tisch, ließ sich dem Mädchen gegenüber nieder, nahm den Brief, der da noch lag, las ihn und legte ihn wortlos wieder auf seinen Platz. Die Rauchwolken wirbelten immer dicker aus seiner Pfeife, aber er schwieg. Von unten her aber sah er dem Mädchen mit scharfen Augen in das offene, klare Gesicht, und sein Blick verfing sich jedesmal in dem feingekräuselten Blondhaar über der Stirn. Als das Mariele im Plaudern einmal spielerisch einen der langen Zöpfe aufhob und ihn sich, wie es ihre Gewohnheit war, um das Handgelenk wickelte, lächelte der Bauer sogar mit verkniffenem Munde vor sich hin.

Die Zeit wanderte, das Mariele erhob sich. »Ich will heimgehen.«

»Ich gehe ein paar Schritte mit dir.« Minna Korn erhob sich, nickte ihrem Manne zu: »Warte auf mich, Vater, ich bin bald wieder da. Bloß ein paar Schritte, weil's so schön draußen ist.«

Vor dem Tore schob sie ihren Arm in den des Mariele. »Mußt nit denken, daß der Vater böse wäre.«

»Korns-Mutter, da ist nix zu denken, er ~ist~ böse. Ich bin's anders von ihm gewöhnt.«

Die Bäuerin streichelte ihre Hand. »Mußt noch viel lernen, Mariele. Auch die besten Männer haben ihren Kopf für sich. -- Klug ist nit falsch. Falsch darf eine Frau nit sein, aber klug muß sie sein für zwei, ach nein, für viel mehr, für ihren Mann und für jedes Kind extra. Und muß auch für jedes ein extra Herzkämmerlein haben, Mariele. Das ist wie im Hause. Allen zusammen die große Stube und jedem eine Kammer extra. Brauchst keine Angst zu haben. Es ist nit schwer, allen ihr Teil zu geben, gar nit. Der Vater ist nit böse, verlaß dich drauf. Ich kenne ihn doch. Es juckt ihm lange in den Fingern, dich wieder an deinen Zöpfen zu zupfen. Paß auf, das geschieht bald einmal wieder.«

»Wenn's nur heut schon geschehen wär.«

»Nur nit gleich zu viel verlangen. Er kommt doch noch nit einmal des Rudolfs wegen mit sich selber zurecht. Wie soll er da dich gleich noch mitnehmen. Nit gleich zu viel verlangen.«

»Korns Mutter, ist Euch wirklich nit bange um den Rudolf?«

»Aber gar nit. Ich möchte doch auch wissen warum.«

»Mir ist bange. Da drunten in der Finsternis -- -- --«

»Sieht er immer jemand vor sich, der lange, lichte Zöpfe hat.«

»Ach -- -- und da ist's so still.«

»Dafür hört er jemand, den er am liebsten hört.«

»Und -- -- und da passiert soviel Unglück.«

»~Auf~ der Erde noch viel mehr. Mußt nit so dumme Gedanken haben, Mariele. Was soll denn das werden? Meinst du, ich hätt den Jungen nit grade so gern wie du ihn hast? Ehbevor er noch sonst jemandes war, war er mein. Ich habe ihn grad so gern wie du, aber Angst um ihn? Nit ein Linsele. Meinst du, da geschähe etwas von ungefähr? Müßte doch ein armer Stümper sein, der Herrgott, wenn er eine so kreuzverdrehte Geschichte geschehen ließ, so aus einem Körnlein Sand einen Berg machte, wenn nix Gutes dabei herauskommen sollte. Wir wollen übers Jahr wieder darüber reden, Mariele. Und das will ich dir noch sagen: Ja nit den Kopf hängen lassen. Werde wieder, wie du immer warst. So. Für heute ist genug geredet. Da will ich umdrehen.«

Sie reichte dem Mariele die Hand. Grade als die zwei auseinandergehen wollten, grüßte sie einer mit einem hellen: »Guten Abend.«

Die Hohlöfnerin erkannte den Grüßenden an der Stimme. Es war der junge Lehrer, und den hatte sie mütterlich lieb, den einsamen, kranken, jungen Menschen.

Herzlich und freundlich erwiderte sie den Gruß, und Lehrer Siebert trat an die zwei heran.

»Na, Herr Lehrer,« fragte die Bäuerin, »noch spazierengehen? Ist recht. An solch einem Abend geht man nit gern ins Bett. Nit wahr, es läßt sich auf dem Dorfe leben? ~Die~ Abende macht uns die Stadt nit nach.«

»Ich gehe auch nicht wieder in die Stadt,« sagte der Lehrer leise, und seine Worte hatten einen traurigen Unterton.

Sie hörten ihn beide, die Hohlöfnerin und das Mariele, aber während das Mädchen nicht zu antworten vermochte, weil sie nicht unwahr sein wollte, wußte sich Minna Korn zu helfen. »Ist recht, Herr Lehrer, ist recht. Hat Sie jeder gern, vor allem die Kleinen. -- Wollen Sie nach den Bodenwiesen?«

»Nein. Ich will an die Bärenäcker. Da schlägt eine Wachtel.«

»Was Sie sagen! Eine Wachtel? Wüßte nit, wann ich einmal wieder eine bei uns gehört. Es scheint den Tierlein bei uns zu kalt geworden zu sein. So vor zwanzig, fünfundzwanzig Jahren hatten wir sie immer da. Hast du eigentlich schon einmal eine Wachtel gehört, Mariele? Nit? -- Herr Lehrer, nehmen Sie das Mariele mit. Ist ja nur ein paar Schritte. Das mußt du hören. Es heißt immer: Fürchte Gott, und heute Abend heißt's: Fürchte ~dich~ nit! -- Ich muß umdrehen. Der Vater wartet. -- Gute Nacht.«

Langsam gingen die zwei jungen Menschen das Dorf hinab. Minna Korn kehrte auf den Hof zurück. Der Bauer saß, wo er gesessen, las keine Zeitung, wie er gern nach der Arbeit tat, sondern paffte und grübelte und grollte in sich hinein.

Mit raschen Schritten trat seine Frau auf ihn zu.

»Sinnst du noch immer, Vater?«

»Nein. Auf dich gewartet hab ich. Hat lange genug gedauert. -- Hast gewiß dem -- Mädel abgebeten.«

»Ach nein, das mach selber. Ich hab ihr nit weh getan. Bin nit einmal mit bis zum Berteles-Häusel gegangen, hab das Mariele bloß dem jungen Lehrer überantwortet.«

Heinrich Korn sah seine Frau verwundert an.

Die nickte ihm zu. »Er will nach den Bärenäckern. Da schlägt eine Wachtel.«

Ungläubig forschte der Mann im Gesicht seiner Frau. »Eine Wachtel? Und -- deswegen -- -- --«