Chapter 16 of 19 · 3970 words · ~20 min read

Part 16

»Sieht ganz danach aus.« Die Frau zog den Schein unter den nachgebenden Fingern hervor. »Laß dich's nit dauern, Vater. Kommt ja doch alles wieder auf den Hof. Ist bloß geliehenes Geld.«

»Dunnerlichting,« der Hohlöfner runzelte die Stirn, aber die Schelmerei saß ihm behaglich in den Augenwinkeln, »so habe ich das nit gemeint.«

»Aber ich! -- Brauchst nit auf mich zu warten. Ich geh bloß in das Berteles-Häusel.«

»Wie ist denn das überhaupt mit den Leuten? Ich denke, sie haben soviel wie nix geerntet?«

»Ist schon abgemacht, Vater. Gute Nacht.«

Draußen war die Frau, und der Bauer schlug lachend auf den Tisch. »Wenn die Weiber zwei zusammenbringen wollen, dann ist eine wie die andere. Ei, ei.«

Er raffte das Geld zusammen und stieg die Treppe hinauf. Sorgfältig steckte er es in die Ledertasche, die in seiner Truhe lag, griff dann in das Bettstroh und verleibte etliches dem Strumpfe ein, auf dem er fest und ruhig schlief, als seine Frau leise in die Kammer trat. Sie betrachtete den Schlafenden einen Augenblick und lächelte wehmütig. Du lieber, närrischer Mann!

Am anderen Morgen ging der Hohlöfner nach dem zum Schlagen bestimmten Waldstück. Da begegnete ihm Ender, der Waldstreu holen wollte. Er ließ den Kopf tief hängen. Der Hohlofenbauer redete ihn an und fragte nach der Ernte. Mürrisch entgegnete Ender, daß sie so ausgefallen sei, wie sie nach dem Hagelschlag habe ausfallen müssen.

»Bist schlecht daran,« bestätigte ihm Korn.

Dazu schwieg Ender, so daß der Hohlöfner fragen mußte: »Ist denn sonst noch etwas? Du tust so niedergeschlagen.«

»Mein Paul ist krank.«

»Dein Paul? Was ist denn mit ihm?«

»Der Doktor sagt, es wäre eine Lungenentzündung.«

»Herrgott,« entfuhr es dem Hohlöfner, »immer was Neues, aber nix Gescheites. -- Halt den Kopf hoch, Ender. Das kommt auch wieder anders.«

»Bei mir nit.« Der geschlagene Mann trottete weiter.

Die Freude, unter der er aus seinem Hause gegangen, war dem Hohlofenbauern verhagelt. Er kam in seinen Wald, ging von Stamm zu Stamm, schaute prüfend von unten bis in die Wipfel und beschloß, von seinem Vorhaben abzustehn. Sosehr er sich darauf gefreut, dem Ziele wieder ein Stück näherkommen zu können, die Sorge um sich und seine Leute trat vor dem nachbarlichen Mitleid zurück. Wenn mich der Ender angeht, helf ich ihm, beschloß er. Ihm selber Hilfe anzubieten, das ging zu weit, und Heinrich Korn empfand nicht, daß er mit seinem Gutmeinen eigentlich auf halbem Wege stehenblieb. Er kehrte heim, und der erste Schnee sickerte.

Die Tage gingen. Still und kahl standen die Bäume in den Gärten und an den Straßen, und in den Astwinkeln ballte sich der Schnee. Das ganze Land lag da in weißer Reinheit. Hungrige Krähen schweiften über die Fluren, aber sie wagten sich noch nicht in die Höfe. Anders die Goldammern und Haubenlerchen. Wenn der Bauer den Tauben das Futter streute, waren sie da, und wenn die Bäuerin die Hühner fütterte, holten sie sich ihr Teil. Man freute sich ihrer, und man freute sich der Meisen, die in den Gärten die Zweige absuchten.

Winter ist stille, aber nicht tote Zeit auf dem Dorfe. Der Hohlöfner schritt jetzt gern, die Flinte in der Hand, über die Felder, Hasen zu schießen, saß dann und wann an den Abenden mit den Nachbarn zusammen und hatte sein Gleichgewicht wiedergefunden. Er plauderte auch zuweilen von seinem Sohne, der jetzt in der Gießerei war. Das war durchaus in der Ordnung. Den Zufall wußte der Bauer als planmäßige Entwicklung zu deuten. Es hätte gar nicht anders kommen dürfen.

Auf dem Hohlofenhofe fand sich jetzt öfters ein Gast ein, den die Bäuerin jedesmal gern willkommen hieß. Sie hatte den jungen Lehrer eines Tages einfach auf der Dorfstraße angeredet und ihn gefragt, was er denn an den langen Winterabenden mache.

»Ich lese,« war die Antwort gewesen.

Darüber hatte sich Minna Korn entrüstet. »Immerzu lesen? Das verdirbt die Augen und tut Ihnen auch sonst nit gut. Sie müssen mehr unter die Leute gehn.«

»Wohin soll ich denn gehen? In das Wirtshaus?«

»Dann und wann ist's nit verkehrt, aber warum wollen Sie nit auch zu uns kommen? Da ist weiter niemand als mein Mann und ich und das Mariele, aber die kommt nit immer.«

»Wenn ich kommen darf, dann tue ich's gern.«

»So müssen Sie nit sagen. Kommen dürfen! Mein Mann weiß so manchmal nit, was er machen soll.«

Da saß denn der junge Mensch am Tische des Hohlöfners. Heinrich Korn saß ihm gegenüber, die Bäuerin und das Mariele spannen, und die Räder schnurrten lustig.

Die Männer führten keine tiefgründigen Gespräche, aber der Bauer ließ, wenn er merkte, daß der junge Lehrer zu husten begann, gern die Pfeife ausgehn und entbehrte nichts dabei. Sie plauderten von der Stadt, aus der der Lehrer kam und in der Rudolf war, und es mochte wohl die tiefe, lange Stille sein, die den jungen Menschen erwartete, daß er die feinen Untertöne des Lebens deutlicher vernahm und sein Urteil weiser und ruhiger war, als es die Jahre rechtfertigten.

Schon nach wenigen Abenden hatten sie den Weg gefunden, auf dem gemeinsam zu gehen ihnen Herzensbedürfnis war. Zwischen ihnen lag ein Brief, den Rudolf geschrieben. Er hatte von dem Ernst und der Vielgestaltigkeit der Arbeit berichtet und dankbar Grete Frieders genannt, die ihn dahin und dorthin wies, zu hören und zu sehen.

»Wenn er wiederkommt,« sagte der Hohlöfner stolz, »wird er das Dorf schon durcheinanderrütteln.«

»Hoffentlich versucht er das nicht,« entgegnete Lehrer Siebert.

»Warum nit? Dazu ist er fortgegangen, und wir haben vielzuviel faule Köpfe. Denen tut es not, daß sie munter gemacht werden.«

»Wenn er wiederkommt,« sagte der Lehrer leise, »gehe ich.«

»Dummes Zeug,« wehrte der Bauer. »Das ist keine Art, mit fünfundzwanzig Jahren vom Sterben zu reden.«

Siebert lächelte. »Also reden wir nicht mehr davon. -- Aber mit Ihrem Sohne würde ich gern einmal sprechen.«

»Dazu ist bald Gelegenheit. Er kommt zu Weihnachten, aber Sie dürfen ihn mir nit kopfscheu machen.«

»Das werde ich nicht tun, und wenn ich ihn recht beurteile, wird er, was ich ihm sagen möchte, selber wissen.«

»Was wollen Sie ihm sagen?«

»Daß er vorsichtig sein soll, hier wie dort. In der Stadt schlagen sie ihm die Knochen entzwei und -- -- --« Der Hohlöfner lachte. »Dazu gehören zwei, einer, der schlägt, und einer, der sich schlagen läßt. Und Rudolf müßte nit mein Junge sein, wenn er nit auf eine Backpfeife zwei setzte.«

Lehrer Siebert lächelte. »Wie denken Sie sich eigentlich die Art, in der er in der Stadt Einfluß auf die Leute gewinnt?«

»Wie ich mir das denke? Er soll auf den Tisch hauen und ihnen sagen, wieviel hundertmal ein Schwein gefüttert werden muß, ehe es drei Zentner wiegt.«

»Gut. Und?«

»Und wie unser Tag fünfzehn und achtzehn Arbeitsstunden hat.«

»Hm. Dabei muß er schon vorsichtig sein.«

»Und wie eins auf das andre angewiesen ist.«

»Das ist wieder richtig.«

»Und daß sie sich nit verhetzen lassen sollen.«

»Dann schlagen sie ihm die Knochen entzwei. -- Herr Korn, so, wie Sie sich das denken, täte Rudolf weder sich noch der Stadt noch dem Dorfe einen Dienst. Ein Saal voller Menschen ist nicht die Stätte der Vernunft. Wollte er in der Stadt mit seiner Weisheit an das Rednerpult treten und über die Köpfe das Gegenteil dessen donnern, was die Leute hören wollen und was als Zündstoff unter ihnen liegt, dann würden ihn hundert Fäuste zugleich hinauswerfen. Und wollte er es auf dem Dorfe tun, dann würde ihn niemand mehr für einen Bauer ästimieren. So geht das nicht. Ein kluges, mäßiges Wort ist angebracht und läßt die Leute aufhorchen. Die Gebärde des Reformators aber ist überall am falschen Platze. Ich sehe nicht mehr als Ergebnis der Lehrzeit Ihres Sohnes, als daß der einzelne wieder den einzelnen gewinnt. Von dem einzelnen aus muß die Sache langsam wachsen. Tropfen geben den fruchtbaren Regen. Wenn es regnet, als wenn Mulden ausgeschüttet würden, dringt nichts in die Erde. Wir kriegen nur Hochwasser. Wenn es aber leise und langsam sickert und rauscht, dringt jeder Tropfen ein, die Felder trinken sich satt, die Halme und die Ähren wachsen, und kein Bach wird zum Unhold. So muß die Arbeit hüben und drüben getan werden, und es ist schon viel gewonnen, wenn der gute Wille da ist, einander zu verstehen und gerecht zu werden. -- Das wollte ich Ihrem Sohne sagen, aber es wird nicht nötig sein. Er hat seine kluge Freundin in der Stadt, und er wird selber genug gesehen und gehört haben.«

Der Hohlofenbauer sah den jungen Mann nachdenklich an. »Hm, das ist freilich anders, als ich mir das gedacht hatte.«

»Bei dir soll es im Sturmschritt gehen, Vater,« sagte die Bäuerin vom Spinnrade her.

»Wenn auch das nit grade, aber das andere ist gar zu langsam.«

»Dafür gründlich,« entgegnete der Lehrer.

»Dunnerlichting,« der Hohlöfner schnaufte, »darüber sterben wir ab.«

»Und die nach uns auch noch, und noch eine Reihe von Geschlechtern,« kam es eindringlich aus Lehrer Sieberts Munde.

»Dann hätte Rudolf überhaupt nit in die Stadt zu gehen brauchen.«

Der Bauer war so befangen in den ernsten Erwägungen, daß er abermals die Ursache vergaß und Dichtung ihm zur Wahrheit ward.

Die Bäuerin lächelte und nickte ihrem Manne vielsagend zu.

Lehrer Siebert aber beruhigte den Bauern. »Herr Korn, der Gewinn wird größer sein, als Sie meinen. Ich wollte nur, das Beispiel bliebe nicht ohne Nachahmung, und zwar von beiden Seiten her. -- Nun will ich heimgehen. Morgen bringe ich die Dorfchronik mit, ein andermal wollen wir von dem Werden des Bauernstandes reden, und dann kommt der Arbeiter dran.«

»Herr Lehrer,« rief der Hohlofenbauer, »können da nit auch ein paar andere Männer dazu kommen?«

»Ich kann den Rauch nicht gut vertragen,« wehrte Siebert verlegen ab.

»Es wird auch nit geraucht. Dafür will ich sorgen.«

So saßen denn an den kommenden Abenden fünf, sechs Männer um den Tisch des Hohlofenhofes, hörten, tauschten ihre Meinungen aus und waren wie Ackerfelder, in die hinein eine treue Hand Samen wirft.

Lehrer Siebert konnte meist nicht lange sprechen. Die Männer hielten beide Hände über ihn, und wenn sie heimgingen, knurrten sie: »Es ist ein Jammer. Gerade wo wir ihn so gut brauchen könnten, da muß er ein Sterbling sein.« --

Immer tiefer sank das Land in Winterruhe und Winterschnee. Es kamen lichte Sonntage, an denen der Schnee glitzerte und leuchtete, und es kamen Nebeltage, an denen die behäbigen Häuser dastanden wie Großmütter, unter deren dicker Pelzhaube hervor ein gutes Gesicht lächelt. Weihnachten schritt langsam über den Berg daher. Es nahte in Filzschuhen, aber sie hörten doch alle seinen Schritt, die Alten und die Jungen.

In gespannter Erwartung zählte der Hohlofenbauer die Tage. Je öfter die Männer untereinander zusammenkamen, desto lauter fragte der Mann in sich hinein: »Wie wird dein Sohn wiederkehren?«

Der Heilige Abend war da. Es schneite in großen Flocken. Langsam gingen des Tages Stunden, und Minna Korn beobachtete lächelnd, wie unruhig ihr Mann durch das Haus ging.

Gegen drei fuhr er in das Städtchen. Es war viel zu früh, der Zug traf erst um fünf ein, aber es litt den Bauern nicht mehr daheim. So sagte er, er habe noch etliches zu besorgen, und fuhr los.

Unterwegs knurrte er ein Dunnerlichting nach dem andern. Daß er die Dummheit im Wirtshaus gemacht, daß er den Sohn in die Stadt gelassen, daß er ihn jetzt selber vom Bahnhof abholte! Dunnerlichting! Er hatte vor lauter innerer Unrast nicht Auge und Ohr für des Winters wundervolle Heimlichkeiten, nicht dafür, daß Weihnachten auf jedem Ackerrain hockte, und selbst jede armselige Meise ein: Stille Nacht, heilige Nacht, -- sang.

Es hörte auf zu schneien. Langsam trotteten die Pferde durch den weichen Schnee, die Schellen klingelten, der Schlitten knarrte, und, als ob eine frohe Mutterhand das verhüllende Tuch vom Gabentisch gezogen hätte, lag das Land da in seiner weihnachtlichen Weiße und seiner frommen Ruhe.

Heinrich Korn stellte die Gäule für eine Stunde in den Wirtshausstall, schlenderte durch das Städtchen, fuhr einem ärmlich gekleideten Krauskopf, der sich das Näschen am Schaufenster platt drückte, über die Haare und sagte: »Junge, nun kommt das Christkind.«

»Nee,« antwortete der Kleine, »wir wohnen ganz hinten am Bach in der Ecke drin. Da, hat der Vater gesagt, findet's nicht hin, und -- da will ich drauf warten.«

»Das ist verkehrt, Junge. Sehn läßt sich das Christkind nit.«

»Och! Auch nicht da am Markte?«

»Nein. Überhaupt nit.« Er nahm den Jungen an der Hand. »Aber was das Christkind gebracht hat, kann man sehen.«

»Vater sagt, bis zu uns langt das Zeug nicht. Da wollte ich -- -- --«

»Ihm unterwegs was abnehmen? Ist nit schlecht gedacht.«

Kling, machte die Ladentür. Wer hätte im Städtchen den Hohlofenbauern nicht kennen sollen? Der Kaufmann kam ihm mit ausgestreckter Hand entgegen, Korn blinzelte ihm zu.

»Wohin gehört der Kleine?«

»Das ist ja Albin Schmidt vom Graben.«

»So.« Der Bauer langte nach einer Kleinigkeit und gab die dem Jungen. »Da. Nun lauf heim. Vielleicht langt's bei dem Christkind heute abend doch noch bis zu euch.«

Und der Hohlofenbauer, der oft genug am Weihnachtstage in der Stadt gewesen war, oft genug arme Kinder gesehen und nie den Menschenfreund in sich entdeckt hatte, spielte den Weihnachtsmann. Er griff nicht allzu tief in die Tasche, aber er griff hinein, und als er draußen war, sahen sich der Kaufmann und seine Frau verwundert an. Was war mit dem Hohlofenbauern?

Ja, was war mit ihm? Er stand auf dem Bahnsteige, und -- hatte Herzklopfen, bis der Zug herankeuchte. Da ward er ruhiger und machte ein zorniges Gesicht.

Rudolf sah ihn schon von weitem. Freundlich ernst ging er auf ihn zu.

»'n Abend, Vater. Du bist selber gekommen?«

»Nit. Ich hatte noch beim Lorenz was zu bezahlen. Es hat gerade so gepaßt.«

»Ihr habt viel Schnee.«

»Es langt.«

Die Pferde standen an dem Bahnhofsgebäude. Rudolf ging darauf zu, stellte seine Handtasche unter den Sitz, streichelte die Tiere, langte nach den Zügeln und stieg ein.

»Komm, Vater.«

Da kletterte der Vater hinter ihm drein. Rudolf zuckte an den Zügeln, die Pferde zogen an. Solange sie durch die Stadt fuhren, ließ Rudolf die Gäule rascher laufen. Den Berg hinan liefen die Tiere von selber langsamer, aber auch auf der Höhe hielt er sie zurück, wenn sie traben wollten.

»Da hätte ich ja die alten Kühe vorspannen können,« sagte der Bauer knurrend.

»Wäre mir auch recht gewesen, Vater.«

»Hm. Scheinst an der Stadt nit viel Schönes zu finden.«

»Viel zu viel. So viel, daß man gar nit alles mitnehmen kann, aber -- -- -- Da hat ja der Günther den alten Birnbaum weggemacht!«

»Die Holzbirnen waren nix wert.«

»Aber der Baum! Nach dem haben wir uns schon als Kinder gerichtet, wenn wir in die Pfarrstunde gingen. -- Sackerlot, der Handmann hat ordentlich Mist aufgepflastert. -- Wie sind denn die Karpfen in dem Jahr gewachsen?«

Hundert kurze, knappe Fragen, nicht ein Hauch von Zärtlichkeit und nicht ein Wort von der Stadt.

Heinrich Korn aber ließ die Augen auf Rudolfs Gesicht ruhn. Er war anders. Das Träumerische mindestens war weg. Nun kam es nur darauf an, ob die Veränderung ein Fortschritt war.

Die Mutter nahm den Sohn in die Arme. »Daß du wieder da bist!«

»Ja, Mutter, auf zwei Tage.« Rudolf führte sie an der Hand in die Stube. Ein Jagdhund kam ihm entgegengesprungen, er streichelte ihn. Im Vorbeigehn reichte er dem Knechte und den Mägden die Hand mit einem munteren Worte, zog in der Stube die Jacke aus, fuhr in die Filzschuhe und setzte sich hinter den Tisch.

»Gesund seid ihr, ich bin's auch. Das ist die Hauptsache. Grete Frieders läßt euch schön grüßen.«

»Rudolf,« die Mutter wies auf seine Hand, auf der eine Wunde am Verheilen war, »was hast du denn da gemacht?«

»Ach, das ist nit viel. Faules Fleisch, das übrig war.«

»Hast nit viel Fleisch auf dem Leibe.«

Der Sohn lachte. Es war ein starkes, frisches Lachen.

»Für mich langt's.« Er dehnte die Arme, stand mit kurzem Rucke auf. »Vater, ich will einmal auf den Getreideboden geh'n. Brauchst keine Angst zu haben, ich nehme die Stallaterne.«

»Ich gehe mit.«

»Laß mich allein gehn. Ich -- habe doch alles gesät.«

Er stieg die Treppe hinauf, ging von Haufen zu Haufen, nahm von jedem eine Handvoll und prüfte die Körner. Schon hatte er sich gewandt, zurückzukehren. Da nahm ihm einer die Laterne aus der Hand. Es war einer, den niemand sah, auch der alte Hohlöfner nicht, der beobachtend auf der Bodentreppe stand. Ruckweise ging Rudolf Korn in die Knie, beugte sich langsam vornüber und legte sich still mitten in den Weizen hinein, lag einen Augenblick, ward rot im Gesicht, schämte sich vor sich selber, stand auf, nahm die Wurfschaufel und ebnete den Haufen wieder. Als er herabstieg, schnappte hinter dem alten Hohlofenbauer leise die Kammertür ins Schloß, und als sich Vater und Sohn hernach beim Abendbrot gegenübersaßen, waren des Bauern Augen so hell wie Christbaumkerzen, seine Stimme war so voll wie eine Glocke und sein Atem so frei wie Frühlingswind. Der Herrenmantel war ihm von den Schultern geglitten, der Vater zum Freunde des Sohnes geworden.

»Nun erzähle was von der Stadt, Rudolf,« drängte er. »Man ist doch neugierig.«

»Was soll ich erzählen, Vater? Ich weiß nit, wo ich anfangen und wie ich's sagen soll.«

»Dann scheint nit viel herauszuspringen,« wußte der Vater.

»Oder so viel, daß man's eben nit sagen kann.«

Der Hohlofenbauer berichtete nun seinerseits von den Abenden mit dem jungen Lehrer. Rudolf hörte bedächtig zu. Er warf aber kaum ein Wort ein. Da kam der Bauer allmählich ins Stocken. Rudolf sah ihn an. »Das ist gut und schön, Vater, daß ihr euch das anhört, und wenn ich wieder daheim bin, werde ich auch manches erzählen können, aber --,« er schüttelte den Kopf, »nein, es ist nit zu sagen.« Seine Augen gingen in die Ferne. »Gestern abend hat's auch bei uns geschneit. Ich mag das gern und bin allein aus der Stadt hinausgegangen. Da habe ich halt eine halbe Stunde gestanden, und dann bin ich wieder heimgegangen.«

»Und?« Der Vater neigte sich ihm entgegen.

»Ich habe gedacht: Jetzt stehe ich gerade da, wo Richard Frieders erschlagen ward. Da arbeitet jetzt ein anderer. Und vielleicht fällt gerade wieder ein Stein. Und fällt er nit heute, so fällt er ein andermal. Und fällt er nit da, so fällt er woanders, heute oder morgen oder übers Jahr. Deswegen aber arbeiten in der Grube doch zwölfhundert Menschen. Bei uns arbeiten sechshundert. Alles arbeitet, arbeitet, und wenn der Mensch nit arbeitet, hat ihn etwas anderes beim Wickel. Er kommt nit mehr zu sich selber. Und weil er nit bei sich selber ist, weiß er nix mit sich anzufangen. So will er gar nit mehr bei sich sein, hört sich nit mehr und sieht sich nit mehr. -- Aber manchmal wacht er auf, und da ist das Elend da, und er will heraus. Es ist nit wahr, daß sie den Hals nit voll kriegen können. Die ihn nit voll kriegen, werden überhaupt nit satt, und wenn ihnen heute einer die Hände voll Geld stopft, sind sie morgen leer. Mit denen ist nix mehr anzufangen. Die andern aber wollen nit Geld, sie wollen sich selber und können doch nit zu sich finden. Es ist zu viel Lärm in der Stadt, der nit nötig wäre. Aber der Lärm muß sein, daß man das Schreien nit hört.«

»Jesus, Rudolf,« rief die Mutter erschrocken.

Der Sohn lächelte sie freundlich an. »Ist nit so gefährlich, wie es aussieht, Mutter. Den meisten ist es recht so. Und es fehlt ihnen nix, und sie möchten es nit anders haben. Aber ~ich~ seh halt immer unsere Felder und Wiesen vor mir und denke: Was würde der Mensch, der jetzt auf Gott und die Welt schimpft, sagen, wenn er statt der Kammer im Hinterhaus nur ein Häusel wie das Berteles-Häusel hätte? -- Und hätte er das nit, wenn er wenigstens eine Stube hätte, in der er daheim wäre. Es sind zu viele, die nit mehr daheim sind. Vater, es kommt alles darauf an, ob einer noch was will, und ob er weiß, wo er aufhören muß mit dem Wollen. Nit anfangen, nein, aufhören. -- Als ich allein auf dem Felde stand, da habe ich die Stadt lauter gehört als auf der Hauptstraße. Ich will nit sagen, daß ich Erbarmen mit ihr gehabt hätte. Sie braucht kein Erbarmen. Achtung habe ich vor ihr gehabt und habe denken müssen: Laßt die heraus, die heraus wollen, und denen, die hinein wollen, denen zeigt zuerst die Hinterhäuser und die Krankensäle, die Grube und die Eisengießerei. Wenn sie das vertragen können, dann können sie auch die Schaufenster vertragen.« Rudolf Korn holte tief Atem. »Das habe ich alles gar nit sagen wollen, ist auch noch lange nit das richtige, aber ihr wolltet halt mein Gesicht sehen. Da habt ihr es.«

Er schwieg, sah vor sich hin, und der Vater vermochte die Augen nicht zu lösen von der hageren Hand mit der verheilenden Wunde.

Als er die Augen hob und sie in die des Sohnes senkte, lachte der ihn an. »Vater, so eine Ernte weiß ich nit, so alt wie ich bin. Es ist ein Staat.« Wieder reckte er die Arme. »Wenn ich erst wieder hinter dem Pfluge gehe!« Und tief ernst: »Vater, und wenn ich hundertmal mit euch und dem Lehrer zusammengesessen und hundert Bücher gelesen hätte, es wäre nix, gar nix gegen vier Wochen vor dem Schmelzofen. Wie ich jetzt auf die Erde horchen werde!« Er langte über den Tisch und nahm des Vaters Hand. »Vater, du hättest gar nix Gescheiteres machen können als -- -- --«

»Die Dummheit,« setzte der Hohlöfner rasch hinzu. Es schwang in der Tiefe ein ganz feiner, wehmütiger Ton, aber wie voller Orgelklang brach ihm die Freude aus den Augen, als Bauernhand die Bauernhand drückte.

Rudolf stand auf. »Ich will zum Mariele.«

Die Mutter stellte sich ihm in den Weg. »Nix da! Du bleibst daheim. Das Mariele kommt und bringt die Mutter mit. Du mußt nit denken, daß der Vater Verstecken gespielt hätte. Was, Vater? Rudolf weiß ja gar nit, daß du schon lange wieder zupfst.«

»So,« sagte Rudolf lachend, »dann ist's ja in Ordnung.«

Der Vater aber war ein wenig verlegen. »Noch nit ganz, Rudolf, aber das ist wahr, Verstecken spiele ich nit, und mit dem anderen werden wir auch fertig werden.«

Kurz hernach saßen sie auf dem Hohlofenhofe unter dem brennenden Baum. Mutter Berteles und das Mariele waren da, die Hohlöfnerin hatte auch den jungen Lehrer gebeten, und Rudolf begegnete ihm mit schöner Herzlichkeit.

Schweigend aber lehnte der Hohlofenbauer in der Sofaecke, bis wohin das Kerzenlicht nicht reichte. Er beobachtete seinen Sohn und das Mariele, und die erfühlte Verantwortung machte ihn still; er beobachtete den blassen, hageren, jungen Lehrer, und die Wehmut feuchtete ihm die Augen. Keinem schien es aufzufallen, daß der allzeit muntere Mann schweigend in der Ecke saß.

Da trat Rudolf heran und setzte sich neben ihn. Die Gespräche unter dem Baume waren in ein Lied hinübergemündet, da sagte der Sohn, nur dem Vater vernehmlich: »Vater, bleib ja der alte Hohlöfner! Es wäre ein Jammer, wenn du anders würdest!«

Das war, einem raschen Herzensgebot folgend, gesagt, aber es war doch unerhört. Rudolf hätte es früher nie über die Lippen gebracht, der Vater es nicht vertragen.

Es rumorte in dem Bauern, aber es war nicht ein Fünklein Zorn dabei, Verlegenheit, Fremdheit und doch eine befreiende Freude.

Das Lied unter dem Baume war zu Ende, da kam es aus der Sofaecke her: »Ihr singt doch heute abend auf dem Turme mit?«

»Freilich,« entgegnete Rudolf und sah nach der Uhr. »Wo kommen sie denn heute abend zusammen, Mariele?«

»Bei Widuwilds Albert.«

»Dann gehen wir in einer Stunde hin.«

Korns Mutter brachte derweile Punsch und Kuchen, die Lichter am Baume wurden gelöscht, und nur der Hohlöfner sah, mit welch tiefer innerer Bewegung Lehrer Siebert eine Flamme langsam zwischen den Fingern zerdrückte.

Es war kurz vor zwölf, da gingen Rudolf und das Mariele zu Widuwilds, um nachher mit den übrigen Burschen und Mädeln auf den Turm zu steigen und von da herab die alten Weihnachtslieder zu singen.

Heinrich Korn saß neben dem jungen Lehrer und fragte ihn: »Was meinen Sie, hat er etwas gelernt?«