Part 12
»Er guckt sich nach den Mädeln um. Das willst du doch sagen.«
Der Bauer lacht. »Hab ich nit sagen wollen, aber -- -- -- Mutter, er ist siebenundzwanzig Jahre!«
»Und hat das Mariele!« zürnt die Mutter.
»~Will~ er haben, hat er noch nit.«
»Vater! Die hat er. Und wenn er mir etwa -- -- -- Dann kriegt er's mit mir zu tun!«
»Und du bist keine Gute!«
Jetzt lacht auch die Bäuerin. »Hättest mich beinahe kopfscheu gemacht, Vater. -- Ich weiß, wie ich mit meinem Jungen dran bin, und das Mariele weiß es auch.«
»Dann ist's ja gut. -- Was macht eigentlich der kleine Lehrer?«
»Gar nix. Er geht dem Mariele nit aus dem Wege, aber er sucht sie auch nit auf. Wenn er sie trifft, freut er sich.«
»Und sie auch.«
»Ja, aber so nit, wie du denkst. Vater, Vater, wenn ich dich früher so gekannt hätte!«
»Hättest du mich auch genommen.«
Frohgemut kamen die beiden Menschen heim. Der Knecht hatte heute frei, eine der Mägde war zur Mutter gegangen. Da griffen die Herrenleute im Stalle selber mit zu.
Der Abend kam, es hörte langsam auf zu regnen, in schweren, breiten Wellen flutete der herbe Duft aus Wiesen und Feldern über das Dorf. Es litt den Hohlöfner nicht daheim. Er spürte das frohe Drängen und Wachsen selber in allen Gliedern und mußte wieder hinaus.
Mitten aus der starken Lebensbejahung aber stieg wie ein grauer Notfelsen wiederum die Sorge. Wenn Rudolf nun doch im Krankenhause lag? Und wer war letzten Endes schuld? Etwa der Ender? Hohlöfner, auf den armseligen Menschen kannst du nichts abwälzen. Hin- und hergeworfen zwischen Zweifel und froher Sicherheit, meinte der Bauer, er werde am besten mit sich zurechtkommen, wenn er sich aufs Ohr lege und schlafe.
Er kehrte heim. »Mutter, morgen früh ist die Nacht weg. Wir wollen um vier auf der Trubichswiese sein. Ich lege mich hin.«
Die Bäuerin lachte ihn aus. »Gehst du denn heute nit ins Wirtshaus?«
»Alles zu seiner Zeit. Heute nit.« Er stieg die Treppe hinauf, und seine Frau, die eben noch mit der Milch hantierte, rief ihm nach, daß sie nicht lange auf sich warten lassen werde.
Und dann war ihr der Abend doch zu schade. Es war erst reichlich neun, und draußen war alles so frisch. So setzte sie sich denn an das Fenster, noch ein Weilchen dem Treiben auf der Dorfstraße zuzusehen. Ihr Blick fiel auf die Zeitungen. Aus denen machte sie sich zwar niemals viel, aber so am lieben Sonntagabend kann man immerhin einmal einen Mund voll Neuigkeiten mitnehmen.
Sie holte die Brille aus dem Topfbrette, putzte sie umständlich mit der Schürze, langte nach den Blättern. Da ein paar Zeilen lesend und dort ein paar, waren rasch etliche Nummern abgetan. Gleichmütig breitete sie ein neues Blatt aus. »Der Bergmann Richard Frieders -- -- --« Reichlich zwei Zeilen und soviel Jammer!
Dumpfe Angst stieg in ihr auf. Sie fürchtete nicht, daß auch Rudolf zu Schaden gekommen sein könne, aber sie ahnte seine seelische Erschütterung. Wie sollte er damit zurechtkommen? Den Frieders hatte er liebgehabt, hatte so warmherzig von ihm, seiner Frau und seinem Heim geschrieben, von seinem Sehnen heim zur Erde, seinem Fleiße und seinem Streben. Und nun hatte er den Menschen erschlagen gefunden. Alles hatte der Stein erschlagen, nicht nur den Leib. Wie das auf Rudolf wirken mußte! Der ältere Mensch weiß, daß hinter allem Geschehen ein Fragezeichen steht, ja, daß selbst erfülltes Hoffen noch keineswegs erfülltes Glück bedeutet, der junge aber steht bei solch hartem Schicksalsschlage vor einem breiten Riß, der durch sein Leben geht. Die wenigsten fliegen mit raschem Schwunge darüber und stehen wieder auf den Beinen. Andere zaudern, irren auf und ab, eine Brücke suchend, wagen aber schließlich doch den Sprung, der sie hinüber trägt. Die meisten klettern mühselig an der einen Seite hinab und an der anderen hinauf, immer bedroht von dem Ausgleiten. Und schließlich gibt es auch solche, die weder fliegen, noch springen, noch klettern, für die der breite Riß vor ihnen das Ende bedeutet.
Zu denen wird Rudolf nicht gehören, aber auch er wird weder fliegen noch springen. Er wird klettern, hinab und hinauf. Und das ist ein mühselig Werk, und eine helfende Hand tut not.
Der Vater suchte ihn heute in Gedanken im Wirtshausgarten, den Klängen der alten Märsche lauschend. Der Vater! Gott sei Lob und Dank, daß er so fröhlich war. Er weiß nichts von dem Unglück. Wüßte er es, er würde in eine Not geraten, die nicht viel geringer wäre als die des Sohnes; denn er würde die Verantwortung fühlen, die auf ihm lastet.
Was doch aus einem raschen Worte werden kann! Heißblütig wird es auf den Tisch geworfen, ist nicht viel mehr als ein Samenkorn, und was für ein Baum wird daraus.
Die Hohlöfnerin nickt vor sich hin. Ein Wort aus der Bibel fällt ihr ein: Siehe, die Zunge, welch ein kleines Glied ist sie, und was für einen Brand vermag sie zu entzünden!
Vater, du armer, guter Mann! Dein Weib wird dich davor bewahren, daß du zu der Last, die du, wenn du es auch zu leugnen versuchst, jetzt schon trägst, auch noch ~die~ schwere Bürde auf dich nehmen mußt.
Die Hohlöfnerin weiß sich viel besser Rat als ihr Mann. Dort steht der Ofen. Ein Streichholz flammt auf, das Blatt verlodert.
Dann sitzt die Frau wieder am Tische und grübelt. Was zu tun ist, weiß sie. Es muß eines hinfahren, dem Rudolf die Hand geben und ihm in die Augen sehen. Er ist ja doch im Hinanklettern. Drunten war er schon, -- die Nachricht ist fünf Tage alt, -- jetzt steigt er auf der andern Seite hinauf. Er wird auch allein fertig werden, aber wenn ihm einer die Hand entgegenstreckt, geht es rascher und sicherer.
Wer aber soll hinfahren? Der Vater nicht; denn er weiß nichts und soll nichts wissen. Das Mariele? Liebe hilft gewiß am ehesten, aber nicht ~die~ Liebe, die Mann und Weib zueinander führt. Hier muß die Mutter her.
Minna Korn wird den Sohn besuchen. Aber wie es dem Vater begreiflich machen? Eine Mutter ist zugleich Frau, und Frau sein heißt, Schwierigkeiten, an die der Mann Hebebäume und Flaschenzüge ansetzt, mit dem kleinen Finger beiseiteschieben, heißt, ein Guckfensterlein, durch das man auf grüne Erde sieht, auch in der dichtesten Wolkenwand finden, heißt, unter hundert Wegen, die alle auf das gleiche Ziel zuzuführen scheinen und von denen dann doch neunundneunzig daran vorbeigehen, den einen einzigen richtigen erkennen.
Ein kurzes Gedenken noch dem Sohne, -- die Mutter denkt an Krankenhaus und Leichenkammer vorüber und findet den Sohn, wo er ist, in seiner eigenen Kammer, -- und die Frau steigt ruhig mit festen Schritten die Treppe hinauf.
»Schläfst du schon, Alter?«
»Noch nit ganz, aber lange dauert's nit mehr.«
»War schade, daß du schon ins Bett krochst. Jetzt ist's erst schön draußen. Hör nur, wie die jungen Leute singen.«
»Könnten aufhören mit ihrem Geplärre. Sie wissen nix Neues. Nix weiter als: Schön ist die Jugend, sie kommt nit mehr.«
Die Hohlöfnerin lachte. »Das haben wir auch einmal gerne gesungen.«
»Heute hat man andre Gedanken.«
»Was denn? Hast du etwa darüber nachgedacht, wie das Mariele zu ihrem Gelde kommt?«
»Das ist doch nit meine Sache.« Und dabei langt der Bauer in Gedanken tief in das Bettstroh, wo der Sparstrumpf steckt.
»Vater! Das wär nit deine Sache? Wem seine denn sonst?«
»Den zweien ihre.«
»Dann denk ja nit dran, den Rudolf einmal wieder daheim zu haben.«
»So? Wär doch noch schöner, wenn wir uns immer mit fremden Leuten herumschlagen müßten.«
Eben kuschelte sich die Bäuerin in das Bett, klopfte die Federn alle nach den Füßen zu und sagte so ganz nebenbei im Klopfen: »Der Rudolf braucht frische Wäsche, und ich wollte mir schon lange ein neues Kleid kaufen. Was meinst du, Vater, wenn ich einmal zu ihm führe?«
Da schlägt dem Bauern wahrhaftig das Herz bis zum Halse. Soll er poltern oder soll er gütlich ausreden? Die Mutter darf auf keinen Fall fahren. Lieber Gott, wenn sie hinkäme, und der Rudolf läge im Krankenhause!
Der Bauer schlägt einen Mittelweg ein. Halb ist es Poltern, halb gütliches Zureden.
»Jetzt hinfahren, wo wir alle Hände voll zu tun haben? Ich habe nix dagegen, wenn du im Winter einmal hinfährst, obwohl er's nit wert ist, aber jetzt ist dazu keine Zeit.«
»Nit wert, Vater? Das mußt du nit sagen. So was tut einer Mutter weh.«
Der Hohlöfner knurrt, aber es ist nicht zu verstehen, was er zwischen den Zähnen malmt.
Schon redet die Frau weiter. »Und das mit der Arbeit stimmt auch nit. Ihr braucht mich ja gar nit. Was ich mache, das Essen herrichten, das kann die alte Henriette auch. Und einen Tag geht's allemal. Länger bleibe ich ja doch nit.«
»Hör auf, Mutter. Ich will's nit haben. Warum läßt er so lange nix von sich hören.«
»Hast doch selber gesagt, daß er in der Stadt so viel zu sehen und zu hören hat, daß er darauf vergißt.«
»Ich weiß nit, ob ich das gesagt habe. -- Aber er hätte lange wieder schreiben können, und dabei bleib ich.«
»Vater,« eine arbeitsharte Hand langt herüber und findet die des Mannes, »ich sehne mich halt so nach ihm. Ihr Männer seid härter, aber eine Mutter ist eine Mutter.«
Dagegen kommt der Mann schwer auf, und wenn jetzt überhaupt noch etwas zu erreichen ist, dann nur mit gütlichem Zureden.
»Er ist doch kein kleines Kind mehr.«
»Vater, einer Mutter bleibt ihr Kind immer so, daß sie ihm helfen möchte.«
»Er braucht keine Hilfe, verlaß dich drauf.«
»Ich will ja auch nit um seinetwillen hin, es ist doch um meinetwillen.«
»Sei vernünftig, Mutter. -- Warum willst du denn gerade jetzt fahren?«
»Weil ich gerad jetzt so ein Sehnen in mir hab. Ich möchte wissen, wie er aussieht und wie er wohnt, und den Frieders möchte ich kennenlernen und seine Frau auch. Das müssen rechtschaffene Leute sein.«
Den Frieders kennenlernen! Mutter, wenn du wüßtest!
»Dazu ist Zeit nach der Heuernte. Noch acht Tage, dann sind wir fertig, und wenn es durchaus sein muß, dann fahre nachher.«
Die Bäuerin ist zu klug, die Sache auf die Spitze zu treiben. Das müßte den Mann mißtrauisch machen. Aber sie wird morgen wieder davon reden und -- wird ihr Ziel erreichen; denn morgen darf die Sehnsucht gut und gern ein Stück größer sein.
»Schlaf gut, Vater.«
»Du auch, Mutter.«
Und kurz darauf schläft die Frau tief und fest. Sie hat sich in schlichtem Sinn mit einem kurzen Gebet geholfen, und es war ihr nicht schwer, da sie den Sohn nicht in körperlicher Not suchte, für die seelische aber vertraute, daß auch Rudolf den alten Bauernweg zu finden wissen werde.
Der Mann aber stand wieder bis an den Hals in seiner Not. Verstummt das Lied der gesegneten Felder, versiegt des befruchtenden Regens silberne Melodie, ausgelöscht der feine Hauch auf den Ähren. Die Nacht regiert und mit ihr die Not, die gesteigert wird durch das Erbarmen mit seinem Weibe. Und alles um ein unbedachtes Wort und eine lächerliche Empfindlichkeit. Es ist zwar nicht zu glauben, aber in ~der~ Nacht ist der Hohlöfner dicht daran, sich umzukrempeln, und das wäre ein Jammer.
Er schläft ein paar kurze Stunden, ist vor der Sonne auf den Beinen, und im Morgenlichte wird er langsam wieder er selbst. Am Kreuzwege steht das Mariele und wartet auf die Leute vom Hohlofenhofe, die Arbeit nimmt Leib und Seele gefangen, und -- gegen zehn kommt der Briefträger aus dem Tale herauf und schwenkt schon von weitem einen Brief. Der Bauer muß sich Gewalt antun, um nicht das Arbeitsgerät hinzuwerfen und über die Wiese zu rennen. Er schickt einen kurzen Blick zum Mariele, die auch aufmerksam geworden ist, und wartet, bis der Mann herankommt.
»Morgen, Leberecht.«
»Morgen, Hohlöfner. Da. -- Für dich ist auch einer dabei, Mariele.« Der Briefträger kramt in seiner Tasche und reicht dem Mädchen einen Brief.
Der Bauer nickt dem Briefträger zu: »Trink ein Glas Bier auf meine Rechnung. Ich mach's glatt mit dem Wirte,« und, als der Postbote weitergeht, dem Mariele zunickend: »Komm.«
Sie schreiten miteinander auf den Holunderbusch zu. Korn zieht umständlich das Taschenmesser, indes das Mariele seinen Brief kurzerhand aufreißt. Sie ist mitten im Lesen, ehe der Hohlöfner noch begonnen hat; er sieht, wie ihr die Tränen in die Augen schießen, wie sie erblaßt und ihr die Hände zittern, aber er tut, als entginge ihm das alles, vertieft sich in ~sein~ Schreiben, richtet, als er zu Ende ist, den Blick auf das Mariele: »Ich -- hab's gewußt.«
Da fließen die Tränen stärker aus den Mädchenaugen. Der Bauer aber beruhigt sie: »Laß das Flennen. Es ist ja nun alles gut.«
»Aber wie schwer muß das dem Rudolf geworden sein!«
»Wird ihm auch jetzt noch nit ganz leicht werden, aber er lebt und ist gesund. Das andere findet sich. So viel weiß ich: Dem reichen Manne darf er den Kutscher nit machen. So weit darf er's nit treiben. -- Komm, wir wollen weitermachen.«
Es leidet aber den Hohlöfner nicht lange bei seiner Arbeit. Er denkt an seine Frau, und obwohl sie nichts weiß, war ihre Sehnsucht doch nicht von ungefähr, und er mußte ihr helfen.
»Jesses,« sagt der Mann, als erschräke er, »der Fleischer wollte ja heute um zehn kommen. Er will den roten Stier holen. Das muß ich selber mit ihm ausmachen.«
Er sticht den Rechenstiel in die Erde. »In einer reichlichen Stunde bin ich wieder da.«
Damit schreitet er langbeinig über die Wiese dem Dorfe zu.
Die Hohlöfnerin war zwar heute kaum unruhiger als gestern, aber sie wußte, daß sie unbedingt zu dem Sohne mußte, und zerbrach sich den Kopf darüber, wie sie ihre Worte setzen müsse, um hin zu kommen.
Da knarrte das Hoftor. Ihr Mann schritt über das Pflaster.
Minna Korn erschrak. Der Vater kam um ~die~ Zeit von der Wiese? Das war nicht von ungefähr.
»Da, Mutter,« sagte der Bauer und reichte ihr den Brief. »Jetzt wissen wir, warum er nit geschrieben hat. -- Du siehst ja richtig schlecht aus! Fehlt dir etwas?«
»Nein, ich war nur erschrocken, als ich dich über den Hof kommen sah.«
»Was ist denn da zu erschrecken?«
»Von ungefähr kommst du nit um die Zeit.«
»Ach so. Ist ja auch nit von ungefähr. Lies. Das Mariele hat auch einen Brief gekriegt und wird dasselbe drin stehen. Ist aber nix mit dem Rudolf. Der ist gesund.«
Wieder holte sich die Bäuerin die Brille aus dem Topfbrette, setzte sich hinter den Tisch und las. Scheinbar, um sich derweile zu beschäftigen, griff der Bauer nach den Zeitungen. Er las aber nicht darin, sondern warf immer nur einen Blick auf das Datum und legte das Blatt beiseite. Die Nummer, die er suchte, fand er nicht. Da suchte er ein zweites Mal und war eben beim dritten Male, als seine Frau den Brief auf den Tisch legte. »Laß nur, Vater. Das Blatt ist nit mehr da,« sagte sie mit schwingender Stimme.
Der Bauer sah sein Weib betroffen an. »Was denn, Mutter? Welches Blatt?«
Unter Tränen lächelnd nickte ihm die Frau zu und langte nach seiner Hand. »Laß gut sein, Vater, ich habe das Blatt schon gestern abend verbrannt.«
»Mutter!«
»Wir haben es halt beide gewußt und haben es eines vor dem andern nit Wort haben wollen.«
Da war der Bauer ganz still, und seine Augen ruhten lange auf dem Gesicht seiner Frau.
Die stand wieder mit beiden Beinen fest auf der Erde. »Das hat niemand wissen können, daß es so kommen würde. Ich denke, der Rudolf klettert schon wieder drüben hinauf.«
»Drüben hinauf?« fragte der Bauer verwundert.
Leise lächelnd erklärte ihm die Frau, wie sie sich das innerlich zurechtgelegt habe. Des Mannes Blick hing an ihrem Gesicht, und er schüttelte einmal über das andere den Kopf.
»Wann willst du denn nun hinfahren?« fragte er.
»Jetzt brennt's damit nit mehr. Du siehst ja, daß er schreibt, wenn etwa eins einmal käme, dann sollte es nit in das große Haus kommen, sondern zu dem Frieders seiner Frau gehen. Er will's nit haben, daß wir ihn da sehen, und ich kann das gut begreifen. Ich will ihm schreiben, und er kann es der Frau sagen.«
»Ist recht, Mutter. Aber schreib ihm gleich mit, daß ich das nit litte, daß er den Kutscher macht.«
»Das will ich ihm lieber sagen, aber, Vater, ich glaube nit, daß da viel zu machen ist, wenn ~er~ das will.«
Da brauste der Hohlöfner wieder auf. »Darüber ist nix zu reden. Das ist eine Schande vor dem Dorfe, und das kommt auf mich. Wenn die Leute das hören, dann ist's aus mit dem ganzen Schwindel.«
Die Bäuerin lächelte abermals. »Nit gleich wieder oben hinaus, Vater. Der Rudolf wird mit sich reden lassen. -- Ob ich das Mariele mitnehme? -- Nein, das mache ich nit. Es ist besser, ich rede allein mit ihm.«
Die Bäuerin hatte einen Haufen Strümpfe neben sich liegen. Sie war eben dabei gewesen, für die nächste Wäsche zu rüsten. »Vater,« wandte sie sich wieder an ihren Mann, »mir fehlt ein Strumpf von dir. Ich habe alles durchgesucht, aber ich kann ihn nit finden. Wo hast du denn den hingebracht?«
Der Bauer machte ein harmloses Gesicht, und nicht einmal ein Mundwinkel zuckte. »Wie soll ich denn wissen, wo der Strumpf ist? Das ist doch nit meine Sache.«
Diesmal täuschte er seine Frau wirklich. Sie kramte abermals und schüttelte den Kopf über ihr erfolgloses Suchen.
Der Bauer aber war inzwischen hinauf in die Schlafkammer gegangen. Da stand seine Truhe, und in der verwahrte er das eingehende Geld. Er hob den Deckel, suchte in der Geldtasche, nahm einen größeren Schein heraus und schloß die Truhe wieder. Dann ging er an sein Bett, langte tief hinein in das Stroh und -- brachte den fehlenden Strumpf herauf.
Der war zwar nicht bis obenan gefüllt, aber es war bereits ein ansehnlicher, schwerer Klumpen, der sich in ihm ballte. Heinrich Korn war der sparsamste Mann im Dorfe geworden und täuschte sich vor, die Sparsamkeit an die Stelle früherer Verschwendungssucht gesetzt zu haben. Danach hätte der Bauer einstmals ein wüster Verschwender sein müssen. Dabei hatte er sich in Wirklichkeit zwar nicht versagt, wonach es den heiteren, lebenstüchtigen Mann verlangte, und das ging über bescheidene bäuerliche Ansprüche hinaus, aber er hatte niemals verschwendet.
Aber so war der pudelnärrische Mann. Seine Frau hatte ihn gestern gefragt, ob er an dem schönen Abend nicht noch auf einen Sprung ins Wirtshaus gehen wolle. Die Frage war nicht unangebracht. Er ging seit einiger Zeit fast jeden Abend -- ~hinter~ das Wirtshaus. Die Bäuerin wunderte sich zwar darüber, daß er jetzt so oft ausging, aber sie entschuldigte es gern mit der Tagesarbeit in heißer Sonne, die Durst macht, und damit, daß der Mann wahrscheinlich immer ein Stück innerer Unruhe hinunterspülen müsse. Niemals kam er spät heim, niemals auch nur angeheitert.
Dabei aber warteten die Nachbarn seit Wochen vergeblich auf ihn, rieten hin und her, schüttelten die Köpfe, und langsam kam das Fundament ins Wanken, das der Hohlöfner seinerzeit im Wirtshausgarten an dem Sonntagnachmittag klug erbaut hatte. Die Einigkeit zwischen Vater und Sohn war am Ende doch nicht gar so groß gewesen, Rudolfs Weggang in die Stadt eher unter Zwang als freiwillig geschehen, der ganze gut klingende Erziehungsplan eine Ausrede des Hohlöfners, der den Leuten wieder einmal Sand in die Augen streute.
Heinrich Korn sparte. Es ging gerade jetzt wenig Geld in der Wirtschaft ein, und obwohl es nicht schwer war, bei dem oder jenem Verkauf seiner Frau die Summe ein wenig niedriger zu nennen, so fleckte es doch nicht recht. Also mußte sich der Mann auf den Verschwender hinausspielen. Er hatte sich das schon an dem Montagmorgen zurechtgelegt, als Rudolf nach der Stadt ging, aber er hatte dazumal in Gedanken viel mehr Spaß daran gehabt, als ihm jetzt die Wirklichkeit bereitete. Überhaupt: Jux schien bei der ganzen Sache nicht mehr herauszuspringen. Es kamen Tage, an denen er gar nicht der alte Hohlöfner war, und wenn das etwa für immer so werden sollte, dann wollte er wahrhaftig lieber den Spott des ganzen Dorfes auf sich nehmen und wieder der freie, necklustige Mann sein, als sie alle hinter die Fichte zu führen und selber als einer übrigzubleiben, der, je länger je mehr, den anderen gleich ward und schließlich als eine Art Widuwilds Vater die Pfeife mit dem Bierflaschengummi in den Mund steckte.
»Dunnerlichting,« grollte Korn, riß den Strumpf auf, schob den Schein hinein und verbarg den Klumpen wieder im Bettstroh.
Dann trat er an das Fenster und wollte eben wieder hinabgehen, als er seine Frau die Treppe heraufkommen hörte. Da riß er rasch die Schranktür auf und warf einen Haufen Wäsche neben sich.
Er heuchelte Überraschung, als ihm die Frau zurief: »Was soll denn das wieder sein, Vater? Du schmeißt mir ja die ganze Wäsche durcheinander.«
»Ich hab dir doch schon zehnmal gesagt, du sollst meine Schnupftücher obendrauf legen.«
Ein Griff der Bäuerin in den Haufen. »Da liegen sie doch. Laß andermal die Finger von den Dingen, die du nit verstehst. Sag's mir, wenn du was brauchst. Jetzt habe ich wieder eine Viertelstunde Arbeit. Wie sieht das Zeug aus!«
Da lachte der Mann und tätschelte seiner Frau den breiten Rücken. »Nit immer gleich schimpfen, Mutter. -- Ich geh jetzt wieder auf die Wiese. Schick ein bissel mehr Fleisch mit wie die letzten Male. Ich werde überhaupt nit mehr richtig satt.«
»Darum schickt ihr jedesmal die Hälfte wieder heim.«
»Heute bleibt nix übrig, verlaß dich drauf.«
Unterwegs traf der Hohlöfner den Wirt. Sie gingen ein Ende Weges miteinander, und der alte Freund fragte, ob denn Heinrich Korn ein Einsiedler geworden sei.
Der zog die Stirn in Falten. »Das nit, aber man ist ja am Abend wie erschlagen. Der Rudolf fehlt mir doch in der Arbeit.«
»Dann mach ein Ende, hol ihn wieder.«
»Du bist nit gescheit! Er hat doch kaum angefangen, und die Schule ist noch lang.«
»Heinrich,« der Wirt warf ihm einen vielsagenden Seitenblick zu, »die Leute fangen an zu tuscheln, daß das mit der Lehrzeit am Ende doch nit ganz stimmt.«
»Soll's ~mir~ einer sagen, dann wird er die richtige Antwort schon kriegen.«
»Sie werden sich den Deibel tun. Du kannst grob werden.«
»Kann ich! -- Was soll ich denn im Wirtshause, wo der Ender das Wort hat?«
»Hat er gar nit. Erstens kommt er selten, zweitens sitzt er ganz still und sagt nix. Der arme Kerl hat seine Sorgen. Das Hagelwetter! Und im Stalle hat er egal Unglück, und krank ist er auch. -- Gestern abend hättest du dabei sein müssen. Ich habe die Nacht nur zwei Stunden geschlafen. Als ob Pech an den Stühlen geklebt hätte!«
Der Wirt lächelte über den lustigen Abend, und der Hohlöfner lächelte auch. »Wenn ich das gewußt hätte, dann wäre ich eingekehrt. Vorbeigegangen bin ich.«
Sie trennten sich am Kreuzwege. Der Hohlöfner ging der Trubichswiese zu und überlegte, daß es klüger sei, dann und wann wieder einmal in das Wirtshaus zu gehen, nicht immer nur daran vorbei. Er hatte es in den letzten Wochen so gehalten, daß er zwar ausging, aber durch die Felder schlenderte und dann anderen Tages das doppelte dessen in den Sparstrumpf steckte, das er nach seiner Schätzung verzehrt haben würde. Heute fand er das dumm. Es fleckte nicht.
Um das, was das Mariele brauchte, zusammenzubringen, mußte er anders aufpflastern. Der Bauer spitzte den Mund zum Pfeifen. Laßt nur erst die Ernte kommen. Außerdem wird noch vor Weihnachten das Holz am Dreieck geschlagen. Das soll flutschen!
7.
Das nette Hausmädchen der Frau Bankier Werner mühte sich allmählich um den neuen Kutscher, und sie war ein hübsches, munteres Ding. Sie fing Rudolf jeden Morgen an der Treppe ab, lachte ihm in das Gesicht, plauderte, ging mit ihm nach dem Stalle und kicherte, wenn ihre Hände beim Futtermischen denen des Mannes begegneten. Der war so anders als die aus der Stadt, aber, sollte er ihr ganz gefallen, dann mußte er doch lebendiger werden. Daß sein Gesicht im allgemeinen ernst und nachdenklich war, das stand ihm gut, aber man mußte doch allmählich wissen, ob er auch tanzen und küssen könne.
»Rudolf,« plauderte sie eines Morgens, »warum sind Sie denn eigentlich in die Stadt gegangen?«
»Weil ich sehen wollte, wie's andern Leuten zumute ist.«