Chapter 18 of 19 · 3980 words · ~20 min read

Part 18

Ganz still stand der Bauer, aber er nahm Philipp Engels Hand. »Hast recht, Lipp, aber der Herrgott hat's doch gutgemacht. Komm, drin sitzen der junge Lehrer und das Mariele. -- Nit, nein, nein. Es ist nit so, wie du denkst, aber es geht doch alles in der Ordnung, und wenn der Flieder wieder blüht, heiraten sie, der Rudolf und das Mariele.«

Da ließ sich der Geiger still in das Haus führen. Lehrer Siebert ging ihm mit ausgestreckten Händen entgegen, sie sanken einander in die Arme, und Siebert vermochte ein kurzes Aufschluchzen nicht ganz zu unterdrücken.

Sie freuten sich alle des Besuches. Es war keiner, der den stillen, scheuen Geiger, der doch ein armer Landfahrer war, nicht von Herzen gern gehabt hätte, weil sie alle seine innere Vornehmheit fühlten und die Schicksalsrunen in dem edelgeformten Mannesantlitz eindringlich genug redeten. Die Männer setzten sich miteinander in eine fernere Stubenecke, und eine halbe Stunde darauf trat Engel, der genug vernommen und das übrige aus leisen Untertönen erraten hatte, lächelnd und frei auf Marie Berteles zu, strich ihr über das Blondhaar und sagte: »Das ist schön. Ja, das ist schön!«

Die Neujahrsglocken huben an zu läuten, Minna Korn nahm das Mariele an ihr Herz: »Übers Jahr, Mariele, ist alles ganz beieinander.«

Der Hohlöfner vermochte nicht viel zu sagen, und hätte er so ernst gesprochen, wie es ihm um das Herz war, die Augen wären ihm übergegangen. So nahm er denn des Mariele beide dicke Zöpfe in seine große Hand. »Du nixnutziges Mädel, mach mir im neuen Jahr nit wieder soviel Not wie im alten.«

Marie Berteles Augen aber schimmerten feucht. Sie vermochte nicht auf den Scherz einzugehen, brachte kein Wort heraus, drückte nur dem Hohlöfner fest die Hand. Da mußte der trösten. »Wird schon alles gut werden. Vielleicht wird derweile noch einmal Weihnachten.« Da mußte auch das Mädchen lächeln.

Abseits aber standen zwei Männer, still, wehmütig lächelnd, Hand in Hand.

Der Hohlöfner trat mitten in die Stube und begann mit seiner starken Stimme zu singen: »Nun laßt uns gehn und treten.« So war es Brauch auf dem Hofe, und so war es schon zu Vaters und Großvaters Zeiten gewesen.

Als das letzte Geläut verstummte und die Glocke den Ablauf der ersten Jahresstunde verkündete, gingen Lehrer Siebert und der Geiger.

Draußen nahm der junge Lehrer des Freundes Arm. »Ich habe nicht geglaubt, dich noch einmal zu sehen.«

Engel zuckte die Schultern. »Es war auch wahrhaftig nicht meine Absicht, noch einmal herzukommen -- aber kannst du dafür? Ich bin im Kreise gelaufen. Der Mensch bleibt ein Narr, solange er lebt. Das ist wie mit dem Magneten, und hier sind es ihrer drei, du, das Mädel und der Bauer. Du warst der stärkste, und auf einmal stand ich halt vor dem Dorfe.« Als wäre er unzufrieden mit sich selber, schüttelte er den Kopf. »Wenn man sich das Herzhaben abgewöhnen könnte! Aber da kriegt man so ein verdammtes Erbteil mit, ohne gefragt zu werden, ob man es haben will. Sieh zu, wie du damit fertig wirst. -- Wir wollen schlafen gehen, Kleiner.«

»Philipp,« bat Siebert herzlich und eindringlich, »spiele!«

»Du bist verrückt, Kleiner! Klapperst wie ein Hund und willst dich in die kalte Kirche setzen.«

»Philipp, tu mir die Liebe.«

Des Hohlöfners Knecht kam daher. Lehrer Siebert drückte ihm ein Geldstück in die Hand. »Wollen Sie eine Stunde die Bälge treten?«

»Meinetwegen.«

Engel schüttelte den Kopf. »Kleiner, du bist wie ein Kind,« aber er ließ sich in die finstere Kirche ziehen, stieg zum Orgelchor hinauf und begann zu spielen.

Die Kirchentür war offen geblieben. Lehrer Siebert ging vor bis an den Altar, setzte sich auf die unterste Stufe und legte das Gesicht auf seine Knie. Die Orgeltöne aber wallten die Dorfstraße hinauf und hinab, pochten zuerst an die Fenster des Hohlofenhofes und riefen die Leute heraus, pochten von Haus zu Haus und fanden Gehör. Leise, ganz leise kamen sie, traten in die Kirche, schoben sich in die Bänke, rückten zu, machten einander Platz. Philipp Engel spielte, und des kommenden Jahres ernste und frohe Stunden wanderten vorüber, die Sonne leuchtete, und der Donner grollte, die Saat sproßte, und die Sichel rauschte.

Kein lauter Atemzug im Kirchenschiffe, Stille, als wäre es leer. Und mitten durch die Hörer ging nach einer Weile Lehrer Siebert wie ein Nachtwandler, hörte und sah keinen, stand draußen, wartete auf den Freund, unter dessen Händen eben die Orgel verstummte, und war bis in das Herz erschüttert, als er die stillen Menschen hernach an sich vorüberziehen und in den Häusern verschwinden sah.

Philipp Engel trat aus der Tür, legte Siebert den Arm um den Nacken, zog ihn fort: »Komm, Kleiner, ich schlafe die Nacht bei dir.«

Er nahm aber weder Bett noch Sofa an, schlief auf dem Teppich vor Sieberts Bett, hatte dessen herabhängende, heiße Rechte in seiner Hand und -- erzählte sein Leben. Es war ein Leben, dem Liebe gelogen. Künstlerschicksal, hart, bitter, voll grausamer Lebensironie und doch überstrahlt von dem Lichte, das unmittelbar aus des Herrgotts Herzen kommt und das, ob seines Ursprungs willen, im Tiefsten ein Glaube ist, den kein Sturm zerbricht.

Als der Freund geendet, tat auch Lehrer Siebert sein junges Herz auf, und es war so viel Schönes, das er zu berichten wußte, daß Engel ihm immer wieder die Hand drücken mußte. Und einen Plan hatte der junge Mensch, einen schönen, lieben Plan, und es war bitter, daß er beides, das er gern tun ~wollte~, kaum würde tun können.

Philipp Engel jedoch wußte Rat.

Der Hohlöfner war am andern Morgen überrascht, als der Landfahrer urplötzlich vor ihm stand, ihn am Arme nahm und sagte: »Wir müssen etwas bereden.«

Als sie auseinandergingen, wischte sich Heinrich Korn die Augen. »Herrgott, wie gern sie alle das Mädel haben!«

9.

Es war Rudolf Korn diesmal beinahe schwerer, sich an die Stadt zu gewöhnen, als das erstemal. Er biß die Zähne zusammen und tat seine Arbeit. Gewiß, es ging, aber wenn er vor der Weißglut der Schmelzöfen stand, sah er die stille Bauernstube auf dem väterlichen Hofe vor sich. Mitten im Rasseln und Klirren der Ketten hörte er die Dorfkirchenglocken, und wenn er mit Grete Frieders plauderte, sehnte er sich nach dem Mariele.

Paul Ender hatte auf Rudolfs Fürsprache Arbeit in der Gießerei erhalten und enttäuschte nicht. Die Schulkameraden trafen sich fast an jedem Tage nach der Arbeit, hatten gemeinsamen Weg, kamen auch an den Abenden zusammen, und Rudolf erkannte schon nach wenigen Wochen, daß Ender nicht wieder auf das Dorf zurückkehren werde. Es gefiel ihm in der Stadt, er hatte sich mit dem Gedanken abgefunden, daß einer der Brüder das Vatererbe übernehmen werde, und hörte nicht den Schrei der Scholle, fühlte nicht ihren bittenden Blick, atmete nicht ihre Treue, sah nur ungelohnte Mühe und Plage, und die Erinnerung an daheim war ihm nichts als das Gedenken an freudlose Tage und ein friedloses Haus. Freudlos und friedlos, das war der Enderhof. Die Not war größer als die Kraft der Scholle. Der alte Ender wußte sich seiner Erde noch so fest verwurzelt, daß er eher sterben würde als sie aufgeben. Seine Söhne hatten nicht einzuwurzeln vermocht. Einer war gegangen, der zweite hatte in allem die Art des älteren Bruders, und von dem dritten wußte man noch nicht recht, wie er sich innerlich einstellen werde.

Paul Ender konnte harte Urteile über Dorfheimat und Bauerntum anhören, ohne daß ihm die Röte in die Wangen schoß. Er versuchte weder ruhig und sachlich zu überzeugen, noch Heimat und Stand mit flammenden Worten zu verteidigen. Lachend ging er entweder beiseite oder sagte ebenso lachend: »Jeder redet, wie er es versteht.«

Rudolf Korn sah das mit tiefem Schmerze, und sein Plan, den er einst dem Vater entwickelt, ward stark erschüttert. Wäre Grete Frieders mit ihrem Lebensmut und ihrer warmherzigen Klugheit nicht gewesen, die Stadt wäre dem Sohne des Hohlöfners zur Qual geworden. An der Hand der Frau aber schritt er weiter und -- fand einen Weggenossen, der ihn über alle Enttäuschungen hinwegbrachte.

Es war in den ersten Märztagen. Von den Hausgiebeln pfiffen die Amseln. Rudolf Korn ging am Sonntagnachmittag spazieren. Da traf er den Bergmann, mit dem er bei Richard Frieders Beerdigung vom Friedhofe gegangen war. Der Mann trat auf Rudolf zu. »Sieht man dich auch einmal wieder?«

Korn sah ihm fragend in das Gesicht. »Ich -- weiß nicht.«

Der andere lachte. »Das kann ich mir denken, wenn du mir auch dazumal gesagt hast, du wolltest mich aufsuchen. Hast's natürlich nicht gemacht. -- Ich bin der Ludwig Hempel, und wir sind seinerzeit miteinander auf der Grube gewesen und sind miteinander weggegangen, als wir den Frieders begraben hatten.«

Jetzt wußte Rudolf Bescheid. Die beiden gingen miteinander weit über den gepflegten Park hinaus, kamen auf die Landstraße, stapften weiter und wurden es nicht gewahr, wie die Stunden vergingen und die Entfernung von dem Stadtinnern größer wurde.

Sie hatten beide heiße Köpfe und rangen ernsthaft miteinander. Der Bergmann war ein ehrlicher Mensch, der sich mühte, seine Meinung für sich zu haben. Er war den Einwendungen Rudolfs nicht unzugänglich, aber er lehnte ihre Wahrheit mit einer Beredsamkeit ab, daß der Bauernsohn ins Gedränge kam.

Schwach begrünt lagen Saatfelder zur Rechten und zur Linken. Aus ihnen her kam dem Bauern die Kraft, die er vergeblich in sich gesucht, solange der Atem der Stadt herwehte. Ganz Bauer ward er, ganz Mensch, und Rein-Menschliches war es, das er dem Manne, der neben ihm ging, bot. Dies Menschliche nahm den Bergmann gefangen.

Nichts erzählte Rudolf Korn, das außerhalb seines eigenen Erlebens gelegen hätte, nichts, das er an Anschauungen und Urteilen aufgelesen, sei es bei Grete Frieders oder in den Versammlungen oder in den kleinen Heften, die ihm die Witwe des Freundes in die Hand gedrückt.

Und nicht Bauern~arbeit~ war es, die den Bergmann still und nachdenklich machte, sondern Bauern~art~.

Irgendwie kommt jeder Mensch von der Erde her und ist erdgebunden. Und wenn die Wurzeln durch Jahrhunderte gehen, in des Blutes Wellen trägt der Mensch das Erdhafte durch die Zeiten.

Schlicht und warmherzig sprach der Bauer von der Scholle, die sein und doch nicht sein war, von der inneren Sorge, wenn die Gewitter am Himmel auftürmten, von der Freude, wenn die Saat schoßte und die Flur im bunten Funkellicht unter dem siebenfarbigen Bogen lag. Es ward ihm nicht bewußt, daß er jetzt: »Der arme Acker,« nachher: »Ein liebes Gewitter,« dann: »Die gute Wiese« sagte, aber es pochte an das Herz des Mannes, der ein Suchender war und fühlte, daß Mensch zum Menschen wollte, menschlich, brüderlich, eins im Tiefsten.

Immer krauser ward seine Stirn, schwerer der Atem, langsamer der Schritt.

Mitten auf der Straße blieb er stehen und sah Rudolf in das Gesicht. »Ich weiß, daß du die Wahrheit sagst, wie ich dir die Wahrheit sagte, aber nun weiß ich eins nicht: Warum kommen wir nicht zusammen?«

»Wir werden zusammenkommen.«

»Aber das wird verdammt schwer sein.«

»Im Anfang ja. Haben wir erst den Boden, auf dem wir uns finden können, wird es rascher gehen.«

»Was hältst du für den richtigen Boden?«

»Den Willen, uns so zu sehen, wie wir wirklich sind.«

»Mensch, das sagst du so, als wenn's ein Dreck wäre, und es ist doch, weiß Gott, das allerletzte.«

»Hättest du nicht Lust, ein Jahr lang Bauer zu werden?«

»Ich weiß nicht. Dazu bin ich zu alt. Aber meinen Jungen kannst du kriegen. Er ist sechzehn und ist ein gewitzter Kerl.«

»Der scheint mir zu jung. Es können hüben wie drüben nur Kerle in Frage kommen, die weder das Land noch die Stadt verlassen wollen. Kennenlernen, aber jedem seine Art lassen.«

»Donnerwetter, du hast mich ganz konfus gemacht. Bekehren willst du mich nicht -- -- --«

»Du bist, wie mir scheint, nach der einen Seite genau so bekehrt wie ich nach der andern.«

»Das heißt, gar nicht?«

»Ja und nein. Du sagst: Ich bleibe in der Stadt und lasse denen auf dem Lande ihre Art, ich sag's umgekehrt, aber jeder von uns zweien läßt den andern in seiner Art gelten.«

Ein Lokomotivenpfiff ließ sie auffahren. Da wurden sie gewahr, daß es dunkelte. Zu Fuß konnten sie den Rückweg nicht gut machen. So fuhren sie mit der Bahn, und jeder saß still und in sich gekehrt.

Als sie in der Stadt gemeinsam durch die Straßen gingen, sagte Hempel ernst: »Du, der Nachmittag war nicht umsonst. Wenn du willst, können wir uns in acht Tagen wieder treffen.«

»Gern, Hempel. Dann bringe ich Grete Frieders mit. Die weiß mehr als wir beide miteinander.«

»Meinetwegen, wenn das Frauenzimmer wirklich so vernünftig ist.«

Der Plan, einander bei der Arbeit kennenzulernen, verdichtete sich in Rudolf Korn wieder so stark, daß er einmal nach Feierabend den alten Herrn Schmidt aufsuchte. Der kluge, erfahrene Mann goß ihm viel Wasser in den Wein, aber er sah zuletzt Rudolf doch freundlich in das Gesicht. »Ich habe es Ihnen schon einmal gesagt, Korn, daß, wenn ich zwanzig Jahre jünger wäre, ich die Sache ernsthaft mitmachen würde. Nunmehr muß ich sie Jüngeren überlassen, aber ich werde in unseren Kreisen ein gutes Wort für Ihre Idee einlegen und glaube, daß es an uns nicht fehlt, wenn -- die andere Seite will.«

* * * * *

Der Frühling kam. Über Nacht trieben die Erlen am Schönbach grüne Spitzen, Amseln und Drosseln jubelten, die Stare kehrten wieder, und die Pflüge wühlten sich ins Land.

Rüstig, ganz der frohe Mann, der er früher gewesen war, und doch einen großen Schritt weiter, marschierte Heinrich Korn hinter seinen Gäulen her, kommandierte: Halt, Vorwärts, Rechtsum, Linksum, und pfiff dabei, daß es über die Felder schallte.

Die Saat war der Erde anvertraut, in den Bäumen stieg der Saft, da schlug Heinrich Korn mit seinem Knecht zusammen das Holz, das er zum Fällen bestimmt. Er hätte gut und gerne noch ein paar Jahre warten können, aber -- das Mariele sollte in das Haus. Bei dem Gedanken kraute er sich den Kopf. Es paßte ihm allerlei nicht. Hätte er damals nicht fünf-, sondern dreitausend Taler gesagt, es hätte auch gelangt. So viel, daß die ganze Summe erreicht ward, konnte er bei dem kleinen Waldstück bei dem besten Willen nicht beiseitebringen, und -- Philipp Engels Plan, den er ihm am Neujahrsmorgen entwickelt, ging ihm gegen den Strich, sosehr er ihn anfangs gefangengenommen.

Lehrer Siebert ging es nicht gut. Er hatte sich in den ersten Februarwochen beurlauben lassen, wartete auf seinen Tod und wunderte sich, daß der so lange auf sich warten ließ. Wer am Schulhause vorüberging, sah den jungen Menschen still an seinem Fenster sitzen, und es lag ein Zug heimlicher Freude auf seinem Gesicht.

Zu seiner Vertretung war ein junger Mann gekommen, den die Schönbacher lieber heute als morgen wieder gehen gesehn hätten. Er war hochmütig und hielt sein Amt auf dem Dorfe für eine Verbannung.

Im April hatte Lehrer Siebert einige Tage fest gelegen. Obwohl ihm die alte Henriette Drescher keine schlechte Aufwärterin war, vermochte sie ihm doch nichts, gar nichts für das Herz zu bringen. Da suchte ihn die Hohlöfnerin vorerst allein auf, dann brachte sie das Mariele mit, und so fügte es sich von selber, daß das Mädchen schließlich den kranken Menschen auch allein aufsuchte, ihm aus Büchern vorlas und mit ihm plauderte. Auch die Bauern kamen an den Abenden, vorab der Hohlöfner. Der treue Zusammenhalt, die Liebe der Kleinen, die ihrem Lehrer Frühlingsblumen in die Krankenstube schickten, bewirkten, daß auch nicht ein einziges hämisches Wort gegen das Mariele fiel. -- -- --

Der Hohlöfner hatte sein Holz geschlagen und verkauft. In seiner Lade wartete ein Sparkassenbuch, das auf den Namen Marie Berteles ausgestellt und in dem ein hoher Betrag eingetragen war, darauf, in die richtigen Hände zu gelangen.

Wochenlang hatte der Bauer schon darüber gegrübelt, wie es anzufangen sei, ohne daß er einen Weg gefunden, der ihm gepaßt hätte.

Es war ein milder Sonntagabend im Maien. Am Bache blühten die Vergißmeinnicht, prahlten die Sumpfdotterblumen. Die Wiesen wurden von Tag zu Tag mehr zu dem bunten Teppich, den zu scheren jedem Bauer zugleich Freude und Schmerz ist. Aus den Fliedersträuchern im Berteles-Garten stiegen die ersten blauen, roten und weißen Duftmelodien.

Das Sparkassenbuch in der Jackentasche, war der Hohlöfner durch Felder und Wiesen geschlendert. Ganz weit hatte er sein Bauernherz dem stillen Abendgebet der Flur aufgetan. Langsam überquerte er die Bodenwiese, sprang mit kurzem Satze über den Bach und hielt auf das Berteles-Häuschen zu. Kam ihm heute die Gelegenheit zu Scherz und Überraschung, war es ihm recht. Kam sie nicht, mußte er weitergrübeln.

So stieg er gemächlich den Weg hinan. Auf einmal fuhr es ihm durch den Kopf: Dunnerlichting! Wenn sie ein Stubenfenster auflassen, dann ist ja geholfen!

Schon stand er am Zaun des Berteles-Gartens. Hopp, war er darüber. Der Zaun hatte zwar geprasselt, aber er hatte gehalten. Der Weg war grasbewachsen, und die Laube war dunkel. Da saß der Hohlöfner und lauerte. Hurra, das Fenster nach dem Garten blieb offenstehen. Jetzt hörte man das Mariele und seine Mutter die Treppe hinansteigen. In zwei Kammern, zwischen denen eine unerleuchtete Stube lag, ward Licht. Nach einer Weile öffnete das Mariele das Fenster, lehnte sich einen Augenblick auf den Fensterstock und ließ die weißen Arme vom Maienwinde streicheln. Dann schloß sie das Fenster wieder, und auch ihr Licht erlosch.

Jetzt noch ein Weilchen warten, bis sie fest schlafen, dann kann der Hohlöfner wie ein Dieb durch das Fenster steigen, dann ist's wieder -- Weihnachten!

Die Frösche quaken aus den Teichen inmitten der Wiesen her, als könnten sie sich gar nicht genugtun vor lauter Lust und Wonne; der Bach rauscht und plaudert, über dem Berge steht der helle Mond, und -- der Hohlöfner lauert, hundert Schelmengeistlein in den Augenwinkeln.

Jetzt -- ist es wohl so weit. Langsam, vorsichtig erhebt er sich. Da -- saust einer auf dem Rade heran, das Gartentürchen wird aufgedrückt, Rudolf schreitet, ebenso leise wie vorhin der Vater, in den Garten.

Dunnerlichting, denkt der Hohlöfner, das hat gefehlt. Und: Dunnerlichting, so ein scheinheiliges Volk miteinander! Wer weiß, wie oft der Junge schon dagewesen ist, aber keinmal ist er heimgekommen! Und das Mariele!

Er drückt sich in die finsterste Ecke der Laube, macht sich so klein, wie er kann, aber -- wohin gehn verliebte Leute in Maiennächten? Allemal in die Lauben. Dunnerlichting!

Draußen ein leises Hantieren, dann vorsichtige Schritte auf dem Wege. Heinrich Korns Augen werden groß und größer, er kann sogar einen herzhaften Schnaufer nicht ganz unterdrücken.

Rudolf kommt daher, trägt eine Leiter, lehnt sie ganz leise und vorsichtig an das Haus -- sie reicht gerade bis an des Marieles Kammerfenster -- und steigt hinauf. Heinrich Korn drückt sich die Hand fest auf den Mund, um nicht laut hinauszufluchen, und denkt: Das Sparkassenbuch steckt gut, wo es steckt. Ich will's euch zweien schon weismachen!

Droben poch, poch an das Fenster. Das Mariele schreit leise auf. Da ist sie an der Scheibe, öffnet den Flügel und die weißen Arme leuchten.

»Rudolf!«

»Pst, nit so laut! Komm herunter!«

Husch ist der Bursche die Leiter herab an der Haustür. Der alte Hohlöfner kraut sich in den Haaren: »Ich weiß wirklich nit, ob ich das auch so gemacht hätte,« und das Sparkassenbuch sitzt wieder lockerer.

Einen Augenblick hat der Bauer die Sorge, daß die zwei in die Laube kommen könnten, vergessen. Nun sie wieder da ist, findet sie einen lachenden Mann. Hei, das gibt einen Spaß, wenn sie kommen, ihn nicht gleich sehen, und er mitten in das Kosen und Küssen mit einem: Dunnerlichting, jetzt langt's! fährt. Und wenn sie ihn dann fragen, was er hier macht, dann wird er sagen: Auf das Mariele aufpassen für den Fall, daß gewisse Leute etwa durch das Fenster klettern wollen.

So sitzt er und lacht innerlich, und von drüben her kommen leise Stimmen.

»Woher kommst du denn auf einmal, Rudolf?«

»Aus der Stadt.«

»Aber das hast du doch noch gar nit gemacht.«

»Nein, ist das erste- und letztemal, denn meine Zeit geht auf die Neige. -- Ich war heute mit Grete Frieders und Hempel spazieren, da sagte die Frau auf einmal: Rudolf, Sie sind ein langweiliger Kerl. An Ihrer Stelle säße ich jetzt lange auf dem Rade und führe zu meinem Schatz. -- Das ging mir durch die Knochen. So ein schöner Abend! Und wie weit ist's denn? Drei Stunden bin ich gefahren. Hempel bot mir sein Rad an. Da bin ich. Und was kriege ich jetzt?«

»Nit viel, dummer Rudolf. Da.«

Das kennt man, denkt der Hohlöfner.

»Das langt nit,« spricht Rudolf. »Ich will mehr haben.«

Da wickelt ihm das Mädchen ihre Zöpfe um den Hals. Und wieder -- -- -- Das kennt man.

Dunnerlichting! Der Rudolf ist zwar ein langweiliger Kerl, aber ~die~ Sache versteht er. Früher war es übrigens einmal ähnlich, bloß daß seinerzeit Minna Heidrich nicht so lange Zöpfe hatte.

Auf einmal durchzuckt es den Hohlöfner wie ein Blitz. Die zwei da drüben haben offenbar nicht die Absicht, in die Laube zu kommen, drüben aber steht die Leiter, droben ist des Mariele Kammer und -- so gut paßt es im Leben nicht wieder!

Husch, ist der Bauer aus der Laube, leise wie ein Fuchs, schleichend wie ein Marder. An der Leiter ein Augenblick des Zögerns und Lauerns und von drüben -- -- -- Das kennt man. Heidi, die Leiter hinauf, das linke Bein über das Fensterbrett, das rechte nachgezogen.

Sackerlot, die zwei kommen in den Garten. Und -- Rudolf nimmt die Leiter weg. Um ein Haar hätte der Bauer laut aufgelacht. Er ist nicht einen Augenblick mehr verlegen. Das Glück steht ihm bei, so oder so.

Der Mann sieht sich in dem Stübchen um. Ein rührend einfaches Stübchen, selbst für Bauerngewohnheit. Da steht das Bett, da die Lade, dort der Schrank. Wohin nun mit dem Buche? Das Mariele soll darauf schlafen. Unter das Kopfkissen. Husch, ist es darunter, und der Hohlöfner streicht mit linder Hand, ein sinniges Lächeln im Gesicht, darüber. Schlaf gut auf deinem »Heiratzgut«, braves Mariele.

Nun der Rückzug. Der Bauer hat Stiefel an, und wenn er auch fast lautlos die Leiter hinaufklettern und in das Stübchen steigen konnte, die Treppe hinab kommt er nicht ohne Lärm, und er ~muß~ hinab!

Leise zieht er die Stiefel aus, nimmt sie in die Hand, riegelt die Tür auf, probiert -- sie kreischt glücklicherweise nicht in den Angeln. Er steht auf dem Hausboden, aber er weiß keinen Bescheid im Berteles-Häusel, ist zum erstenmal darin, und es ist finster. Jetzt hat er die Treppe, jetzt setzt er einen Fuß vor den andern. Da -- knarrt eine Stufe! Der Hohlöfner quittiert seinen Schreck mit innerlichem Lachen. Die alte Bertelessin scheint einen guten Schlaf zu haben. Der Bauer steht im Hausflur und sucht die Tür zu gewinnen.

Rudolf und das Mariele gehen draußen auf und ab, immer hin und her zwischen Garten und Haustür. Wenn sie sich einmal ein paar Minuten drüben verhalten, wird der Hohlöfner mit raschem Sprunge den kleinen Hof überqueren.

Die zwei aber verhalten sich nicht, und die Zeit zwischen Hin und Her ist zu kurz, sich in Sicherheit zu bringen.

Wozu in aller Welt hat der liebe Gott die Lauben erfunden, wenn nicht für Liebesleute! Aber das ist ganz der Rudolf! Immer hin und her wie ein Uhrenperpendikel!

Jetzt stehn sie an der Haustür. Rudolf redet vom Heimfahren. Heinrich Korn hat gerade noch Zeit, den kleinen Steinflur entlang zu huschen. Er erreicht die Kellertür und steht auf der Kellertreppe, entschlossen, wenn es not tut, noch ein paar Stufen hinabzusteigen.

Rudolf und das Mariele stehen im Hausflur. Es geht ans Scheiden, aber wenn Liebesleute Abschied nehmen, so gehn sie deswegen noch lange nicht auseinander.

»Mariele,« sagt Rudolf, »was hättest du denn gemacht, wenn ich durch das Fenster gestiegen wäre?«

Da war ich auch noch da, denkt der Hohlöfner. So leicht wäre das nicht gewesen.

»Was ich gemacht hätte?« sagt das Mädchen dagegen, halb im Scherz, halb im Ernst. »Meine Zöpfe hätte ich mir abgeschnitten. Ratzekahl. Die hätten dann nit mehr für mich gepaßt.«

Will ich mir merken, denkt der Hohlöfner. Ist eine gute Probe aufs Exempel.

»Bist nit gescheit! Hast mich lieb, Mariele?«

»Gar nit!«

»Womit beweist du das?«

»Damit.«

Das kennt man.

Die Kellerstufen sind kalt, aber -- jetzt reden sie von dir, Hohlöfner.

»Du glaubst gar nit, wie gut der Vater ist,« spricht das Mariele.