Part 4
Der Händedruck war ausgestanden. Heinrich Korn rückte sich einen der schweren Stühle heran und schlug zur Begrüßung mit dem Knöchel der geballten Faust auf den Tisch. Keiner der Männer dachte sich etwas bei dieser herkömmlichen Form des Grußes, und er war doch uralte deutsche Art. Einst hatten die Urväter, wenn sie sich zum Trunke niederließen, die kurze scharfe Waffe mit festem Hieb neben sich in den Tisch getrieben, damit bedeutend, daß sie sich für die Zeit des Gelages wehrlos machten. Wenn sie den Humpen zum Munde führten und den Hals zurückbogen, wäre es ehrlos gewesen, den Dolch zu zücken.
Der Hohlöfner kam neben einen Mann zu sitzen, der zu den ständigen Gästen der Schönbacher gehörte und dem doch die weite Welt eben gerade groß genug war. Niemand wußte, woher er kam, wo seine Wiege gestanden, welch Schicksal ihn getroffen. Er war ein Landstreicher und, vielleicht, ein Genie. Nun zog er, die Fiedel unter dem Arme, durch die Welt, stimmte und besserte Orgeln und Klaviere aus und war ein Meister auf allen drei Instrumenten. Überall, wohin er kam, war er gern gesehen. Bescheiden, still, saß er unter den Männern, neigte das blasse, von dunklem feinen Bart und Haar umrahmte Gesicht lauschend vor und ließ die großen braunen Augen von einem zum anderen gehen. Meist erkannte er seine Stunde, war, wenn er das Maß voll wußte, verschwunden und suchte sein Strohlager auf. Ein Bett nahm er niemals an.
Die Fiedel unter dem Arme, kam er, fragte, ob etwas zu stimmen oder auszubessern sei, erledigte seine Arbeit und ging, still, wie er aufgetaucht war. In seinen Augen lag immer eine leise Trauer, und um die schmalen Lippen zuckte der Schmerz. Keine Bitte vermochte ihn an das Klavier zu zwingen. War aber seine Stunde da, dann stand er auf, fragte nach niemand, ließ sich durch keinen Lärm stören, spielte und -- spielte ein großes Schweigen herauf. Der lebendigste Mund verstummte, der umnebeltste Sinn spürte das Wunder, das sich vor ihm auftat, das vertrocknetste Herz ahnte die heiligen Höhen der Kunst und die Abgründe menschlicher Not. Nicht für einen Bauernhof hätte der Mensch gespielt, wenn es von ihm gefordert ward. Seine Geige hat überhaupt niemand in der Nähe gehört, aber wenn Philipp Engel im Orte war, dann konnte es geschehen, daß, wer in aller Frühe auf sein Feld ging, stehenbleiben mußte, um den fast unirdisch schönen, wehmütigen Geigenklängen vom Waldrande her zu lauschen. Ging er darauf zu, dann fand er niemand. Das Spiel war verstummt, der Geiger verschwunden. Auch die Tasten meistern hatte den Mann mancher in seinem Leben überhaupt nicht, mancher einmal gehört, und nur Glückliche hörten ihn zwei- oder dreimal. Wer ihn aber hörte, vergaß die Stunde nicht wieder. Neben den kam der Hohlöfner zu sitzen, und als er sich niederließ, ging ein heller Schein über das Gesicht des Landfahrers.
Eine eigene Art hatte Philipp Engel den Gendarmen gegenüber. Er mochte deren einen treffen, wo er wollte, immer blieb er, geschah es auf der Landstraße, stehen, stand er, fügte es sich im Wirtshause, auf, zog bescheiden seine Papiere und bot sie dem Hüter der Ordnung zur Durchsicht und Prüfung. Die Männer kannten ihn, und selbst des Rauhesten Stimme ward weicher, wenn er abwehrte, die Papiere zu nehmen. »Lassen Sie das doch, Mensch. Ich kenne Sie ja doch lange genug und weiß, daß Sie keiner Fliege etwas zuleide tun.«
»Danke,« sagte dann der Fiedler mit leiser Stimme und ging, einen Schein blasser, seines Weges weiter oder zog sich auf seinen Platz zurück.
Heute hatte der Mann den Tag über die Schönbacher Orgel gestimmt, Lehrer Siebert, der selber viel musizierte, hatte ihm zugesehen und war ihm, die Tragik seines Lebens ahnend, innerlich nahegekommen. Die beiden waren hernach miteinander in den Wald gegangen, und der junge Lehrer hatte vor dem Landfahrer sein Herz ausgeschüttet. Er trug eine tiefe Liebe im Herzen, und diese Liebe hieß Marie Berteles. Es war so lächerlich, und es war so leidvoll. Ein armes, armes Mädel und -- doch zu reich für den armen Schullehrer. Begehrt von einem, dem Haus und Hof zu eigen wurden und der, entgegen allem Herkommen, nicht nach Besitz zu fragen entschlossen war. Von Liebe umrankt das Mädchen. Im schlichten Alltagskleide eine Königin an Seele und Anmut.
Philipp Engel hatte genickt. Was sagte ihm der Lehrer Neues? Einzig, daß er Marie Berteles liebhatte. Sonst? Der Fiedler hatte sie aufwachsen sehen, die zwei Menschen, die nun einander liebhatten, und wem vermöchte der Weise von der Gasse her nicht in das Innerste zu sehen? Er nickte bei des Lehrers Beichte still vor sich hin, schwieg und streichelte leise die Jungmännerhand, die ihm zur Seite auf dem Waldboden lag, zarter, als eine Mutter zu streicheln vermag. Wortlos standen sie auf, schweigend gingen sie heim, still saßen sie unter den Männern in Albert Rösners Wirtshaus.
Der Hohlöfner reichte dem Fiedler die Hand. »Willkommen, Lipp. Hab schon gehört, daß du im Dorfe bist. Woher kommst du?«
»Weiß selber nicht.«
»Und wohin willst du?«
»Wohin? Die Wege gehen alle auf das gleiche Ziel.«
Das war so seine Art, und die Männer waren sie gewohnt. Das bisher flache Gespräch rann flach dahin. Der Hohlöfner gliederte sich ein und plätscherte mit. Der Fliederstrauß stand mitten auf dem Tische. Heinrich Korn trank lebhafter, als es sonst geschah. Erst löschte er den Durst, und dann hatte er Appetit. Er suchte heute keine Zielscheibe lustigen Spottes. So nahm ihn sein Jugendfreund, der Wirt, selber zum Ziele, neckte ihn mit seiner großen Nase, seinem Hedrich im Hafer, seinem Gras in den Kartoffeln. Heinrich Korn blieb keine Antwort schuldig und ging, warm gemacht, selber zum Angriff über.
»Was hast du heute wieder geschafft, Albert?«
»Mehr als du.«
»Ha, deine Arbeit vom ganzen Jahre trage ich im Purzelkorbe fort, und braucht nit einmal ein großer zu sein.«
Die Neckereien gingen hin und her, wurden allgemeiner, wurden derber. Sie beteiligten sich alle daran, wärmten alte Geschichten auf, und einzig Philipp Engel und Lehrer Siebert saßen schweigsam in der Runde. Dazu ward lebhafter getrunken als sonst. Keiner aber brachte die Rede auf Mariele und Rudolf, ja, es hatte niemand gefragt, woher der Hohlöfner den Fliederstrauß gebracht, der nun prangend in der Mitte der Tafel stand. Sie fühlten alle, daß hier ein Rührmichnichtan war, und hatten den Hohlöfner und die beiden jungen Menschen viel zu gern, um mit tolpatschigen Fingern über eine Sache zu fahren, die war wie ein zartes Pflänzlein, von dem sie wußten, daß ihm harte Stürme und Wetterwucht drohten. Zu harmlosem Plaudern zusammengekommen, war es ihnen doppelt lieb, wenn daraus ein paar lustige, vielleicht sogar übermütige Stunden wurden.
Als die Lust am höchsten war, die Köpfe heißer waren, das Lachen gegen die Decke krachte, trat Fritz Ender ein. Für einen Augenblick schien es, als wehe ein kalter Luftzug. Ender aber setzte sich still in die Runde, hörte zu und verzog ab und zu den Mund zu einem kleinen Lächeln.
Albert Rösner hatte eben erzählt, wie ihn Heinrich Korn einst im Manöver aufgesucht und, nach dem Lagerplatz seiner Kompanie zurückkehrend, über die Zeltpfähle des Hauptmannszeltes gestolpert war und das ganze Zelt niedergerissen hatte. Bevor sich aber der Hauptmann fluchend aus den Planen gearbeitet, war der Übeltäter verschwunden gewesen.
»Stimmt,« bestätigte Korn lachend. »War mir dazumal nit so wohl dabei wie heute, wo ich davon rede. Aber was will die Purzelei bedeuten? Bin wenigstens immer ein ehrlicher Kerl gewesen, habe nit gemaust wie der Wirt.«
»Gemaust? Wen hat er bemaust?«
Albert Rösner wußte, was nun kam, lehnte sich an den Schanktisch und wischte sich bereits im voraus eine Lachträne aus den Augen.
Korn berichtete, lebhaft Arme und Hände bewegend, wie der Wirt, mit ihm gleichzeitig bei der Garde dienend, mit anderen zur Hilfeleistung anläßlich eines großen Festmahls in das Berliner Rathaus kommandiert worden war. Es war ein heißer Sommertag, die Mannschaften hatten blitzsauberes Drillichzeug an, trugen die schweren Platten hinauf an die Tür des Festsaales und empfingen sie da, halb oder ganz geleert, aus den Händen der Diener zurück. Albert Rösner ward eine Platte mit Eis, das ein anderer vor ihm, wohlgeformt, hinaufgetragen hatte, zur Rückgabe überantwortet. Was wußte der Schönbacher Bursche von Fruchteis? Die Kälte der Platte fiel ihm auf, er leckte am Rande, das Zeug schmeckte wunderschön, und Albert beschloß, sich damit zu »betun«. An einer Ecke rasche, prüfende Blicke treppauf und -ab, ein paar flinke Griffe, Hosen- und Jackentaschen voller Eis gestopft. Und dann die Bescherung! Wie das Eis zerlief, wie es in langen Straßen an den Hosenbeinen herabsickerte, wie die Jackentaschen tropften! »So ging er,« der Hohlöfner sprang auf und lief wie ein watender Storch durch die Gaststube, »so schlang er,« er langte mit beiden Händen in die Taschen und stopfte sie in den Mund. Und alles wußte er so urkomisch, so voller harmloser Neckerei darzustellen, daß die Decke förmlich zu niedrig war für das aufstürmende Lachen.
Er setzte sich, schwang sein Glas: »Prost, Nachbarn! -- Ich habe ihm Kinderwindeln angeboten, aber da wurde er falsch.«
Die Heiterkeit flaute ab, lebhafter aber kreisten die Gläser. Da begann Fritz Ender: »Wie ich noch diente -- --«
»Du hast gedient? Wo denn?« fiel Eduard Langer spottend ein.
»Ach, wie er Knecht war auf dem Schmurer Gute,« bemerkte ebenso harmlos spottend der Hohlöfner.
Fritz Ender aber ward falsch. »Konnten nit alle solche Freßkisten kriegen wie du.«
»Freilich, bin bloß durch die Freßkisten Unteroffizier geworden.«
»Wird nit viel anders gewesen sein.«
»Nein. Akkurat so war's.«
Der Hohlöfner lachte dabei. Fritz Ender kniff die Lippen zusammen. Korn hatte auch nicht im entferntesten die Absicht, Ender weh zu tun. Der Zufall hatte es gefügt, daß der zur Zielscheibe wurde. Rasche Angriffe, schlagfertige Antworten, Korn hätte lachend quittiert, der Abend wäre ausgeklungen, wie er begonnen hatte. Im Ender-Bauern aber hatte sich langer Groll aufgehäuft. Der Hohlöfner kam vorwärts, er mühte sich, sicher nicht weniger ernsthaft, vergeblich. Ein nicht gerade stürmisch auftretendes, aber dauernd nagendes Gallenleiden verbitterte ihn. Korn bestritt ihm die Erle auf der Wiesengrenze, Rudolf schnappte das Mädel weg, das sich Ender für seinen Sohn ausgesucht. Der Bauer fühlte sich durch die harmlose Neckerei verletzt, er ~wollte~ weh tun.
»Wenn's mit dem Maule zu machen wäre, dann hätt'st du schon lange die ganzen Schönbacher aufgefressen.«
Noch quittierte der Hohlöfner lachend: »Dich nit, Ender. Du hast zuviel Knochen.«
»Tät'st lieber bei der kleinen Bertelessin anfangen, kann ich mir denken.«
»Ach nein. ~Den~ Bissen höb ich bis zuletzt auf.«
Ender verzog den Mund und nickte vielsagend vor sich hin. »Der Apfel fällt nit weit vom Stamme.«
Korn ward hellhörig. »Was willst du damit sagen?« fragte er scharf.
»Nix.«
Das Gespräch trödelte weiter, die Fröhlichkeit aber war verjagt. Ender war es, der die Rede auf Freite und Heirat brachte.
»Stand zu Stand,« sagte er.
Die anderen nickten, und der Hohlöfner bekräftigte: »Stand zu Stand! Immer, wie sich das gehört, sonst kommt nix Gutes dabei heraus.«
Ender lachte hämisch. »Wirst du das auch in der Hand haben? Sieht nit so aus, als wenn sich dein Junge Vorschriften machen ließe. Hat, wie's scheint, seinen eigenen Kopf.«
Was selten geschah, das geschah in dem Augenblicke. Der Hohlöfner war überrumpelt, war auf den Mund geschlagen, dachte nicht an das Mariele, vermutete, daß sein Sohn irgendeine leichtfertige Liebschaft angezettelt habe, daß eine Dummheit unterwegs sei. Es war eine ganz verrückte Enge, in der sich der Mann drehte. Das Mariele? Mit keinem Atemzug dachte er an sie. Wie wäre das auch möglich gewesen? Das hätte er merken müssen, wenn Rudolf ihr zu Gefallen gegangen wäre. Nein, er mußte im Begriff sein, sich irgendwie zu verplempern. Der Heimtücker, der Ender, wußte davon und wollte sich nun an ihm, dem Alten, reiben.
A bah, bange machen lassen? Er hatte es einen Augenblick ernst, ja, schwer genommen. Seine Stimmung schlug um, der Grundzug seines Wesens, Heiterkeit, der eine Neigung zur Überlegenheit nicht fremd war, brach durch, das reichlich und rasch getrunkene Bier war nicht ohne Wirkung. Er lachte schallend auf: »Ender, du Heimtücker, hätt'st mich, weiß Gott, beinahe kopfscheu gemacht.« Einer raschen Eingebung folgend, streckte er dem Ender die Hand über den Tisch entgegen: »Was gilt's? Mein Junge heiratet, die ich will, und es kommt mir keine in das Haus, die nit ihre abgezählten fünftausend Taler hat, oder ich will dem ganzen Dorfe den Hanswurst machen.«
»Topp,« schrie Ender aufspringend, knallte seine Rechte in die des Hohlöfners, hielt sie fest, ob sich auch Schmied Anders mit ganzer Wucht dazwischen warf.
Die Abmachung, lachend vom Hohlöfner angeboten, berechnend von Ender herbeigeführt und blutig ernst gemeint, war so rasch geschehen, wie wenn ein Blitz herabzuckt. Alle die Männer wußten mehr als der Hohlöfner, sahen längst im stillen dem Sturme entgegen, den sie ahnten, waren mit einem Schlage nüchtern und erschrocken bis in das Innerste.
Schmied Anders schlug mit den Fäusten auf die verkrampften Hände. Sie hielten fest.
»Hund,« brüllte er den Ender an, »das gedenk ich dir, daß du dem Besten Herzeleid machen willst. Laß dich nit wieder in meiner Schmiede sehn!«
Albert Rösner, der Wirt, schlug dem Hohlöfner derb auf die Schulter. »Heinrich, nimm's zurück. Das tut nit gut. Hast nit gewußt, was du machst. -- Heinrich, nimm Vernunft an. Ein Mensch ist kein Scheit Holz. Laß los, Ender. Das geht nit gut aus, und du hast keine Freude daran!«
Ender wollte loslassen. Der Hohlofenbauer aber hielt eisenfest. Er hatte sich aufgerichtet, schwankte nicht, war blaß im Gesicht, seine Stimme schwang in tiefer Bewegung. »Nachbarn, ich hab's für einen Jux genommen. Ich sehe, daß es keiner ist. Nun sag ich's noch einmal: Wer den Hohlofenhof erbt, hat nit das Recht, sich zu hängen, an wen er möchte. Und keine kommt mir auf den Hof, die nit ihre fünftausend Taler mitbringt, oder ich will dem ganzen Dorfe den Hanswurst machen; und ihr wißt, daß ich nix schlechter vertrag als das Ausgelachtwerden.« Noch einmal griff er zu, daß dem Ender alle Knochen der Hand krachten. »Bin dir auf den Leim gegangen, Heimtücker. Freude sollst du nit daran haben.« Mit einem Ruck schleuderte er die Hand zurück und setzte sich, schlug auf den Tisch. »Noch eins, Albert! Ich muß das Gift hinunterspülen. -- Macht nit solche Gesichter. Deswegen steht die Welt nit still, und der soll erst noch kommen, dem der Hohlöfner nit gewachsen wäre. -- Prost!«
Die schlichte Fröhlichkeit der Männer war totgeschlagen. Sie spürten, daß Not frevelhaft heraufbeschworen war, rückten ab von Fritz Ender, scharten sich, gleichsam eine Schutzmauer bildend, um den Hohlöfner, aber keiner deutete selbst jetzt auch nur von fern auf das Berteles-Mariele hin.
Als sie sich in der Runde umsahen, waren zwei nicht mehr da, die zuvor unter ihnen gesessen. Philipp Engel hatte sich, als die Hände der beiden Männer ineinander knallten, erhoben, war totenblaß gewesen, hatte nach seiner Fiedel gelangt und war hinausgetaumelt. Als ihm Lehrer Siebert auf dem Fuße folgte, fand er ihn draußen an der Mauer lehnen. Der Mann weinte wie ein Kind, wies die Hand zurück, die ihm tröstend über das Gesicht fahren wollte, und ging mit langen Schritten hinaus in die Wiesen.
* * * * *
Im Berteles-Garten blühte der Flieder. Blau und weiß überschäumte er die grünen Büsche. Die Nacht kam. Der Schönbach rauschte sein Sommerlied hinauf zu den Erlen und Eschen und streichelte der Weiden schwanke Zweige. Wasseramseln und Eisvögel hatten ihre Nester in Uferlöchern und an Felsnasen aufgesucht. Eulen huschten über die Waldränder hin, und Fledermäuse streiften ihre Reviere ab. Still standen die Blumen, den Segen der lauen Nacht erwartend, leise erschauernd im Ahnen nahen Wetters. Es war schwül, und aus den feuchten Wiesen stiegen die Nebel. Da kam einer beinahe desselben Weges, den zwei Stunden früher der alte Hohlöfner gegangen war, gehorchte gern dem Gebot des Herzens und hatte doch eine tiefe Falte in der Stirn.
Rudolf Korn ging zu seinem Schatze und war in ernsthaftem Nachdenken vorhin zu dem Entschlusse gekommen, morgen mit den Eltern zu reden.
Das Mariele empfing ihn am Gartentürchen, eng umschlungen gingen sie den kurzen Weg zur Laube und ließen sich auf der Bank nieder, die einst Vater Berteles gezimmert. Um sie sang der Flieder seine blauen und roten Duftmelodien, der Jelängerjelieber wisperte, der Bach schwatzte, und durch feine Wolkengespinste sah der Mond herab.
Marie Berteles hatte die langen Zöpfe rechts und links über die Schultern gelegt, so daß ihr die Enden im Schoße lagen, hielt die Hände leicht verschlungen und lehnte in Rudolfs Arm. Mit freudig schwingender Stimme berichtete sie, daß Rudolfs Vater sich vorhin einen großen Busch Flieder geholt, und der Bursche lächelte.
»Hast ihn gut im Garn, Mariele,« sagte er. »Vergangenen Sonntag die Extratouren mit ihm getanzt, vorgestern auf dem Nußbühl zweistimmig mit ihm gesungen, heute der Strauß. Ich wüßte nit, woran es nun noch fehlen sollte.«
»Rudolf, ob er nix ahnt?«
»Nein. Verlaß dich darauf. Sonst hätte er etwas gesagt, dir oder mir, vielleicht allen beiden. Er ahnt nix. Geradezu blind ist er, aber ich weiß, was er von dir hält.«
»Es ist mir so bange.«
»Warum denn, Mariele? Tust, als hättest du gar nix mitzubringen.«
»Was habe ich denn auch? Das Häusel und unser kleines Feld? Da müssen wir Zinsen zahlen.«
»Soll denn der Mensch bloß nach den Talern fragen?«
»Ist nit recht, aber du weißt doch, wie die Leute sind.«
»Laß die Leute. Der Hohlöfner ist nit wie die Leute.« Und ernster redend: »Mariele, ich mache mir nix vor. Wärst du nit, die du bist, dann brauchte ich wohl überhaupt gar nit davon anzufangen. Aber du bist das Mariele, und das ist's. Hast mich gern, Mariele?«
»Ach, Rudolf, das mußt nit fragen.«
»Kann's aber doch gar nit oft genug hören und, weißt du, später sagt man sich das nit mehr.«
»Kann ich mir von uns zweien nit denken.«
»Ich auch nit. -- Also hast mich gern?«
»Nit zum Sagen.«
»Womit beweist du das?«
Das Mariele lachte leise. »Ich weiß schon, was du willst. Da.« Sie richtete sich auf und wickelte dem Burschen ihre langen Zöpfe eng um den Hals, schmiegte sich an ihn und küßte ihn.
»Meinst du das?«
»Ja, das meine ich, und davon kann ich auch nit genug kriegen.«
»Wenn's nur nit so heimlich sein müßte.«
»Gerade darum ist's so schön. -- Mädel, was mach ich bloß vor lauter Gernhaben? Ist's nit verrückt, geradezu verrückt, daß man einen Menschen so gern haben muß, einen fremden Menschen? Und daß ~du mich~ gern haben mußt! Einen Kerl wie mich!«
Und immer wieder die süßen, alten Torheiten, die der Mensch später belächelt und um derentwillen ihm doch noch in der Erinnerung das Herz rascher schlägt. Der Flieder sang seine duftenden Melodien, die Nacht feierte, eine gesunde, reine Liebe ließ ihre Opferflammen hoch aufleuchten.
Endlich rückte Rudolf mit seinem Entschlusse heraus. Das Mädchen fest an sich pressend, bekannte er: »Morgen rede ich mit meinen Leuten.«
Da wickelte das Mariele rasch die Zöpfe von seinem Halse und rückte ein Endchen von ihm ab. »Rudolf!«
Der aber scherzte: »Ist dir das etwa nit recht? Ich denke, du willst das Heimlichtun nit mehr haben.«
»Das schon, aber -- -- -- Ach Gott, wenn's bloß erst vorüber wäre.«
»Mariele! Ich kenne doch den alten Hohlöfner. Wenn ich sage: Das Mariele ist's, dann spricht er: Du Töffel, warum hast du dazu so lange Zeit gebraucht? Und dann: Erst kommt der Alte und macht den Freiwerber, dann komme ich. Wirst sehen, so ist's.«
»Und wenn's nit so ist?«
»Wenn's nit so ist? Dann komme ich doch. Und komme gerade auf euer Haus zu und nit über die Wiesen. Das weißt du: Vom Mariele lasse ich nit!«
Sie schwiegen, lehnten aneinander, und aus tiefem Sinnen heraus sprach das Mädchen einen der Verse aus ihres Vaters schlichtem Büchlein.
Die Linde rauscht, es scheint der Mond, Da suchen sich zwei in Treuen. Der Herrgott, der im Himmel wohnt, Muß selber sich dran freuen. Und geht der Neid auf krummem Weg Und schielt aus tiefen Gründen, So baut der Himmel doch den Steg, Auf dem die zwei sich finden.
Marie Berteles hatte es so schlicht und mit solch innerer Wahrhaftigkeit gesprochen, wie es der Vater einst geschrieben. Sie schwieg, und -- da klang, kaum ein paar Schritte von ihnen, von drüben über dem Bache her eine Geige. In einer unendlich tiefen Wehmut sang sie, daß die Herzen sich den Klängen auftun mußten. »Der Lipp,« sagte das Mariele leise und scheu. »Der Lipp! Er ist wieder im Dorfe.« Und als sich Rudolf Korn erheben wollte, heiß und bittend: »Nit, nit, lieber Rudolf! Bleib, ich bitte dich! Kein Mensch hat ihn spielen sehen. -- Ach Gott, am Ende ist das überhaupt gar kein Mensch nit. -- So schön kann es gar keiner.«
Süß, schmerzlich süß klang die Geige durch die Nacht. Eine gottbegnadete, von des Schicksals Geißel blutig geschlagene Künstlerseele vertropfte hinein in des blühenden Flieders Duftmeer. Kein wilder Strich, kein rascher Laut, lauter Wehmut. Ein Herz spielte, das eben gesehen und gehört hatte, wie der Sturm aus seinem Schlafe gerissen wurde, dahinzufahren über junge Liebe und zu entblättern, was sich zum Blühen anschickte. Nicht Grabgesang war es, das der Geiger spielte, aber es war eine Melodie, deren Grundton Herzeleid hieß. Philipp Engel hatte schon eine ganze Weile unter der Erle gesessen, hatte, zuckenden Herzens, die süßen Torheiten von drüben her vernommen, sein Gesicht war darüber zu Stein erstarrt und war zerflossen in Trauer. Einst, ach einst! Er war gekommen, den beiden ein Lied zu spielen, wild, aufreizend: Wehrt euch! Seid stärker als die Niedertracht! Sein Arm war lahm gewesen und hatte die Geige nicht an das Kinn zu heben vermocht. Da kam durch die Nacht Marieles gläubiges: So baut der Himmel doch den Steg, auf dem die zwei sich finden.
Nun hob sich dem Geiger von selber der Arm, der Bogen setzte an, zog -- tat es der Mann, tat es der alte Weltenmeister? -- durch, fuhr auf und ab, die Finger griffen in die Saiten. Philipp Engel spielte Vater Bertels Lied, wehmutüberhaucht und doch voll tiefen, sieghaften Glaubens.
Das Mariele barg sich ganz fest in Rudolf Korns Arm, er fühlte, wie sie bebte, legte ihm die Arme um den Hals, weinte und schrieb es doch mit leuchtenden Zeilen an den Frühlingshimmel: Es wird alles gut werden!
Der Geiger brach ab. Das Mariele drängte ihren Schatz: »Geh heim!« Sie küßten sich nicht mehr. Ruhig, wie es immer seine Art war, ging Rudolf Korn heim.
Als er in die Stube trat, stand da auf dem Tische der duftende Fliederbusch. Heinrich Korn hatte ihn eine reichliche halbe Stunde nach der Abmachung mit dem Ender vom Tische genommen, war merkwürdig still gewesen, hatte zum Abschied wieder auf den Tisch geklopft und war langsam die Dorfstraße hinaufgegangen. Er fand sein Weib schlafend, legte sich nieder, grübelte eine kurze Weile, ahnte eine folgenschwere Übereilung, schämte sich, irgendwoher läutete ein Glöcklein: Armes Mariele! Da lächelte der Bauer wieder. Und ging es um die, war das Fernliegendste, Unwahrscheinlichste Wahrheit und Wirklichkeit, dann -- war er immer noch Manns genug, einen Weg zu finden. So schlief er, leidlich beruhigt, ein. --
Philipp Engel war entschlossen, das Strohlager, das ihm Albert Rösner bereitet, nicht aufzusuchen. Er wollte seines Weges weitergehen. Als er aber auf den Bodenweg heraustrat, saß da unter einem wilden Rosenstrauch ein junger Mensch, hatte die Ellenbogen auf die Knie gestützt und das Gesicht in den Händen vergraben. Da kam Lipp nicht vorüber.
Er rührte sacht an Lehrer Sieberts Schulter: »Komm! Du hättest schlafen sollen. Was treibst du dich da in der Nacht herum, du Kind? Meinst du, du könntest nicht fertig werden mit dir? Hat sie dir Treue versprochen und lügt sie nun? Was hast du ihr in die Hand gegeben? Nichts. Sie hat ja nichts von dir gefordert. Geh, du Schwächling, den die Not kaum anrührt. Bis heute hat sie dich nur gestreichelt und schon das tut dir weh? Wie willst du denn fertig werden, wenn sie wirklich die Geißel schwingt?« Und milder, väterlich: »Komm, mein Bub. Ich könnte gut dein Vater sein. Komm, du mußt heim.«
Er schob seinen Arm unter den des Lehrers. Sie gingen die Dorfstraße hinauf.
An der Kirche stand Siebert still. »Ich habe die Schlüssel noch in der Tasche. -- Komm, tu mir die Liebe.«