Chapter 15 of 19 · 3973 words · ~20 min read

Part 15

Heinrich Korn lachte, aber es kam nicht aus dem Herzen herauf und hatte zumeist einen grimmigen Unterton. Seine Frau hatte nach ihrer Rückkehr aus der Stadt in dem Bericht, den sie ihrem Mann erstattet, klug alles vermeiden wollen, das ihn hätte belasten können, aber er hatte mit dem Herzen gehört und die feinen Schwingungen des anderen verstanden. Und wer brächte es fertig, jeden Fehler zu vermeiden, wenn das Herz vor sich selber auf der Lauer ist? Der Selbstmord des Bankiers, der Besuch bei Grete Frieders, das Zusammentreffen mit dem erregten Menschenhaufen vor der Bank, es waren Angelegenheiten gewesen, mit denen der Hohlöfner fertig wurde, ob er auch keine von ihnen mit einem Kopfschütteln abtat.

Als aber die Frau in der Absicht, ihren Sohn zu erhöhen und zu zeigen, wie weit er schon war, erzählte, daß Rudolf gesagt, er werde als derselbe Lehrling wiederkommen, als der er gegangen sei, während er doch in Wirklichkeit bereits sein Rüstzeug viel besser gebrauchen gelernt, als er meine, da hatte der Mann wohl das eine gehört, nicht aber das andere. Und das machte ihm Not. Rudolf glaubt als derselbe Lehrling wiederzukommen, als der er gegangen ist? O weh! Er irrt. Als er ging, vertraute er sich selber. Wenn er wiederkommt, wird er das Selbstvertrauen verloren haben. Er kommt nicht als derselbe, er kommt als ein Ärmerer. Diese Armut wächst herauf aus bitteren Enttäuschungen. Die tun weh, machen schlaflose Nächte, lähmen die Kräfte. Alles kann der Mensch verlieren, aber das Vertrauen zu sich selber darf er nicht verlieren. Was soll aus ihm werden? Er sieht alles unter einem grauen Schleier. Wehe dem Bauern, der bei der Saat an kommenden Hagelschlag denkt. Der Sämann ist verloren, dem in dem Augenblicke, da ihm die Körner aus der Hand sinken, Hoffen nicht zum Glauben ward. Das Feld kann nur helle Bauernaugen brauchen. Rudolf hat sie gehabt, die weit auslangenden Augen, die in die Tiefe sehen, in der sich die Wurzeln nähren, und in die Höhe, aus der der Segen strömt. Schreibt der Bauer nicht dem Herrgott unmittelbar in die Hand? Das kann nur mit festen Fingern geschehen. Zitternde Finger schreiben eine krause Schrift, und die kann weder der Herrgott noch der Mensch lesen.

Heinrich Korn ward das Wort vom innerlich müden Lehrling nicht los. Hundert Ursachen fand er, zu sagen: »Er muß wieder her.« Lauter äußere Gründe. Sie könnten nicht allein mit der Ernte fertig werden; wer sollte im Herbste ackern und das neue Saatbeet herrichten? Die ~eine~ Ursache, die ihn wie ein verhaltener Schrei bedrückte: »Die Stadt nimmt mir in meinem Jungen den Bauern!« verschwieg er, und seine kluge Frau brachte es nicht fertig, sie als Unterton zu hören.

Wohl ahnte sie Sorge, aber sie erachtete sie nicht als so groß, daß sie in ihr die Düsterkeit gerechtfertigt zu sehen vermocht hätte, die in stillen Stunden auf dem Manne lastete. Rudolf schrieb seltener als früher, aber seine Briefe waren zuversichtlich. Der Bauer las nicht, was ~auf~ den Zeilen stand, er las zwischen ihnen, und -- er übertrieb.

Seine Frau redete ihm zu, in die Stadt zu fahren, und, wenn er dem Sohne eine ganz besondere Freude machen wolle, das Mariele mitzunehmen.

Heinrich Korn polterte in gemachtem Zorn dagegen: »Das könnte dem Ausreißer so passen, daß ihm sein alter Vater nachläuft! Und das Mädel mitnehmen? Du bist nit gescheit, Mutter! Ich bin der letzte, der dem Dorfe den Hanswurst macht!«

Und doch zog es den Mann zu dem Sohne, dem er in die Augen sehen wollte. Aber er fürchtete sich. Herrgott, wenn Rudolf, der, war er auch stets langsam und bedächtig gewesen, doch Leben und Arbeit immer mit festen Händen angefaßt hatte, als ein müder Mann vor ihm stand, dem die Bitterkeit allen Geschmack auf der Zunge verdarb! Er würde nichts sagen, aber, ein Angeklagter, würde der Hohlöfner vor seinem Richter stehen.

Heinrich Korn übertrieb. Was war zu machen? Er übersteigerte immer. -- -- --

Heiß durchmaß der Juli den ihm bestimmten Weg, heißer trat ihn der August an. Stiller ward es auf den reifenden Äckern, zu denen herüber die Berge grüßten. Die Halme wurden gelb, die Ähren schwer. »Morgen wollen wir anfangen zu schneiden,« sagte der Hohlöfner ernst.

»Es steht eine gute Ernte draußen, Vater. Der Herrgott hat uns auch dies Jahr nit verlassen.«

Eine gute Ernte? Der Hohlöfner wußte es lange und hätte in jedem anderen ähnlichen Jahre lachend gesagt: »Ja, sie verlassen uns beide nit, der Herrgott und der gute Mist.« Heuer sprach er stirnrunzelnd: »Da kann man noch gar nix sagen. Erst muß die Ernte in der Scheune sein, und dann muß man sehen, was sie beim Dreschen gibt.«

Am selben Abend stand die Bäuerin vor Marie Berteles. »Mariele, halt beide Hände über den Vater!«

»Korns Mutter,« sagte das Mariele traurig, »das tu ich, sosehr ich kann, aber -- er zupft mich nit ein einzigmal mehr an den Zöpfen.«

Es wurde im ganzen eine unfrohe Ernte. Meist hieß der Bauer das Mariele auf den Wagen steigen und laden. Das Mädchen hatte wahrlich flinke Hände, und der Wille, dem künftigen Schwiegervater Freude zu machen, erhöhte ihre Arbeitslust. Sie war nie so fleißig gewesen, aber sie tat dem Hohlöfner nicht genug. Er gabelte wie wild. Als ob jeder Handgriff unter einem heißen Zorn geschähe, spießte er die Garben auf und warf sie auf den Wagen. Sie flogen wie Bälle, und Mariele Berteles hatte nur zwei Hände.

Da schrie sie der Bauer an: »Ihr habt nit arbeiten gelernt. Zimperlich seid ihr. Geh herunter vom Wagen. Ich hole die alte Norle (Leonore), die kann's besser als du.«

Die Tränen in des Mädchens Augen wollte er so wenig sehen wie das, daß ihr Gesicht allmählich seine frische Farbe verlor. Der bittende Blick aus Mädchenaugen machte ihm wohl Not, aber er erschlug sie mit seiner größeren.

Die hätte helfen können und die gesehen hätte, wo und wie zu helfen war, die Bäuerin, war nicht mit auf dem Felde.

Es ging auf das Ende der Ernte zu. Die Leute vom Hohlofenhofe waren am Hafer. Selten war der so lang und schwer gewesen. Der Abend kam, das letzte Fuder war für heute geladen, das Mariele ließ sich am Wagenseil herab und -- sank mit einem leisen Wehschrei auf die Stoppeln.

Heinrich Korn hatte eben die Pferde herumlenken wollen. Nun sprang er herzu, weil die Magd aufschrie: »Jesus, das Mariele!« Sie warf sich über das Mädchen, rüttelte es, bat: »Mach doch die Augen auf, Mariele!« Das Mädchen lag bleich und still wie eine Gestorbene.

»Was ist?« fragte der Hohlöfner rauh.

»Sie ist weggeblieben.« Und grollend setzte die Magd hinzu: »Ihr habt zuviel von ihr verlangt. Gerade als wenn sie ein Stück Vieh wäre.«

»Was -- hab -- ich?« Es kam fremd und verwundert aus des Mannes Munde.

Da belferte die Magd los: »Ihr habt das freilich nit sehen wollen, wie sie von Kräften gekommen ist. Gegabelt habt ihr, daß sie zehn Hände hätte haben müssen.«

Da fuhr der Bauer auf. »Halt das Maul!« Und zu dem Knechte: »Fahr zu. Wir kommen nach.«

Er hob das Mädchen auf und bettete es auf die zur Seite liegenden Hafergarben. Dann neigte er sich über sie. Die Ohnmacht war tief und lang. »Mariele,« rief der Bauer leise und nahm ihre kalte Hand. »Mariele.« Sie regte sich nicht. Jetzt riß er ihre Hand an sich und suchte den Puls. Er fand ihn nicht. Da drückte er den Kopf auf die junge Brust. Er hörte den Herzschlag nicht. Tot? Ein Herzschlag infolge Überarbeitung? »Mariele!« schrie der Bauer auf, daß es weit über die Felder schallte. Sein eigener Herzschlag setzte jetzt aus und raste hernach. Der kalte Schweiß stand ihm auf der Stirn. »Mariele!« Da holte sie tief Atem, schlug die Augen auf, sah den Bauer an und lächelte.

»Gott sei Dank!« stöhnte der Mann aus tiefer Brust. »Was war denn das jetzt, Mariele?«

»Ich weiß auch nit.«

»War das schon öfter?«

»Nein. Heute das erstemal.«

Sie erhob sich, taumelte noch ein wenig und lächelte doch dabei. Da nahm der Mann sie in seine Arme und drückte sie an die Brust. »Mariele, hast eine schwere Zeit gehabt. Ich -- will's gutmachen.«

Und das Mädchen, in dessen Augen die Tränen selten waren, drückte das Gesicht fest an des Hohlöfners breite Brust und weinte.

Unbeholfen strich ihr der Mann über die feinen Haare. »Mußt nit, Mariele, mußt nit. -- Kannst du gehn oder soll ich dich tragen?«

Da löste sie sich aus dem Mannesarm, sah dem Bauern mit rührendem Lächeln in das Gesicht: »Tragen? Ich kann laufen. Es ist mir wieder gut.« Sie drängte ihre Hand in die des Bauern. »Nit böse sein, gelt? Ich habe nix dafür gekonnt.«

Sie gingen miteinander heim. Der Hohlöfner litt es nicht, daß das Mädchen mit auf den Hof ging, um beim Abladen zu helfen. Er brachte sie bis an das Häuschen der Mutter und drückte ihr die Hand. »Hast dir ein ordentlich Erntegeschenk verdient. Gute Nacht, Mariele.«

Das kleine Erlebnis war dem Bauern gut. Von dem Tage an sah er nicht mehr nur in sich hinein, sondern auch wieder um sich her. Und siehe, es war viel da, sich zu freuen. Wenn er jetzt auf den abgeernteten Feldern hinter dem Pfluge schritt, die Griffe festhielt, daß die Arme schütterten, und die Pferde leise schnauften, dann ließ er den Blick über die Wälder im Osten gehen, suchte und fand seinen Sohn und sah allmählich einen vor sich, dessen Gesicht wohl harte Linien hatte, dessen Augen aber nicht müde und stumpf waren, sondern in festem Willen aufleuchteten.

Die Bäuerin merkte die Veränderung und machte das Mariele darauf aufmerksam. »Der Vater wird wieder anders.«

»Ja, aber er zupft noch nit.«

»Kommt auch wieder, Mariele.«

Und es kam.

Kartoffeln und Rüben waren geerntet, die Kirmes war vorüber, über dem Lande lag alle Tage ein feiner Nebelhauch. Auch der letzte Schlehdornstrauch besann sich darauf, daß er seine Blätter dem Herbste opfern müsse, und ließ sie langsam aus den Händen gleiten.

Da holten die Schönbacher ihre Dreschmaschine aus dem Maschinenhause. Anton Dreier säuberte den Kessel vom Staube, prüfte die Ventile, ölte und sagte: »Nun kann's losgehn. Jetzt wollen wir mal wieder Speck ansetzen.« Er freute sich darauf, daß er nun acht Wochen lang werde jeden Tag Klöße und Schweinefleisch essen können, obwohl er wußte, daß es auch in diesem Jahr so gehen werde, daß er nach vier Wochen um ein Erbsengericht zum Mittag bitten werde.

Hopp, der Kessel klapperte und klirrte über die Schwelle. Danach kam die Maschine, die Emil Eckart nachgesehen hatte, und dann fand sich auch Ernst Wichmann ein, der an der Maschine der Ersatzmann war. Nun war alles beieinander, Kessel, Maschine und Menschen.

Rumpelnd fuhren des Hohlöfners Pferde den Kessel in Adolf Wiegands Hof, der in diesem Jahre zuerst dran war. Es war schon höllisch kalt. Jeden Morgen lag dicker Reif auf dem Grase. Aber es war doch im ganzen Dorfe, als ginge es auf eine Festzeit zu.

Dreschen war ein Fest! Die Nachbarn halfen einander aus. Der schickte seinen Knecht, der die Magd, der andere Sohn oder Tochter. Dieser oder jener kam auch selber. --

Die Nacht lag auf dem Lande, die gefrorenen Gräser klirrten und brachen bei jedem Schritte, da schürte Anton Dreier das Feuer unter dem Kessel, stellte die große Wanne zur Seite, in der der Sauger lag, paffte aus der kurzen Pfeife und plauderte mit dem Hausherrn. Er war ein bewanderter Mann, der Heizer, wußte, was von ~der~ Kohle und von jener zu halten war, kannte sich aus unter den Leuten im Dorfe und in den Nachbarorten und hatte mehr als eine Heirat gestiftet.

Gemächlich schritt er einher, legte den breiten Riemen auf, der vom Kessel zur Maschine führte, schlug einen Keil fester, guckte auf die Uhr, beäugte den Druckmesser und zog die Pfeife. Huiii, heulte es über das Dorf, schlug sich durch den Nebel und zerbarst am Waldrande. Huiii! Wohl fünf Minuten lang. Der Pfiff hatte die Wirkung eines elektrischen Schlages. Alle Nasen hoben sich witternd in die Luft. Den Kindern, die zur Schule gingen, ward der Weg sauer, die Knechte, die heute Säcke tragen mußten, spuckten zum erstenmal in die Hände und erprobten, ob sich auch die Muskeln ordentlich spannten, die Mädchen suchten nach den Kopftüchern, und selbst den alten Weibern, die Spreu abtragen mußten, kribbelte es in den Fingern.

Eine reichliche halbe Stunde später der zweite Pfiff. Anton Dreier hatte schon guten Druck auf dem Kessel und goß eben noch einen Schnaps in die Kehle, um auch innerlich auf Druck zu kommen. Nachher im Laufe des Tages trank er nur noch, um den massenhaft umherfliegenden Staub hinabzuspülen. Der Staub aber war zähe. Wenn der Abend kam, mußte der Mann ordentlich Klöße und Schweinefleisch vorlegen und das aufstoßende Fett hinabtrinken. --

Endlich kam der dritte Pfiff. Ganz kurz und befehlend: Habt acht, es geht los! Alles war auf dem Posten. Anton Dreier drehte das Ventil auf, zisch, zisch machten die Kolben, surre, surre sangen die Räder.

Und surre, surre sangen sie den ganzen Tag bis in die sinkende Nacht, und das Jungvolk sang mit, wenn es nicht vor Lachen kreischte; denn die Maschinenmänner machten Witze, die mehr Staub aufwirbelten als die Maschine. Es war harte Arbeit, und Hand mußte in Hand greifen, aber es war doch eine festliche Zeit. Und es war eine Zeit, in der die Erwartung in aller Augen stand; denn das Jahr hat nur eine Ernte, und das kommende Jahr liegt in den Ähren des vergangenen beschlossen. Die Garben zureichen, wissen am Gewicht, welcher Art der Bauer ist, dem sie die Frucht ausdreschen, und der Mann auf der Maschine läßt es langsam sickern, wenn ihm die schweren Halme durch die Hände gleiten, und läßt es rauschen und regnen, wenn er leichte Ware zwischen den Fingern hat.

Wartend aber stehen die Sackträger hinter der Maschine, haken an, heben ab. »Schlecht,« sagen sie bei dem einen und schlagen die Arme übereinander, und: »Sackerlot!« bei dem anderen und wuchten die hundertdreißig Pfund auf die Schulter. Auf dem Getreideboden aber steht der Bauer und hat die Kreide in der Hand. Bei jedem Sacke, der abgetragen wird, macht er einen Strich, und wenn eine Fruchtart ausgedroschen ist, dann überfliegt er zählend die Striche. Sein Gesicht ist bekümmert, wenn es ihrer weniger sind, als er erwartet, es ist zufrieden, wenn er seine Rechnung findet, und es geht lachend in die Breite, wenn er seine Erwartungen übertroffen sieht.

Einerlei wie der Tag war. Was fragt das Jungvolk danach? Der Abend kommt in jedem Falle, und der ist das Wichtigste am ganzen Tage.

Die alten Frauen, die Spreu abgetragen haben, sitzen beieinander und plaudern von denen, die den Kranz trugen und ihn nicht verdienten, und wissen, wer auf die Freit geht und wie die Geldsäcke zueinander passen. Dann reden sie von denen, die aus dem Dorfe gingen und die hereinkamen, dann von den Preisen für die Ferkel und die fetten Schweine. Dazwischen trinken sie Punsch, bis die Augen glühen und die Gesichter glänzen.

Bei der Gelegenheit kommen auch des Hohlöfners Rudolf und das Mariele dran, und -- es ist eine Schande. Eine Schande ist es! Was denn? Daß der Rudolf in die Stadt ging, oder daß er das Mariele freien will, oder daß der Alte fünftausend Taler verlangt? Es ist eben eine Schande, aber -- -- -- der Hohlöfner ist der Hohlöfner!

Die Bauern sitzen am Tische und karten, und wenn Christian Lorenz 50 Pfennige verloren hat, dann läßt er die Pfeife ausgehen, weil es sonst zu teuer wird.

Das Jungvolk aber fragt nach dem allem nicht, das wartet auf Wilhelm Hercher, der den Ziehbalg spielt. Nun ist er da, nun quäkt die Harmonika, die Füße, die den Tag emsig hin und her gesprungen sind, schleifen im Takte über die Dielen, daß die Splitter fliegen, und die Hände, die heute die schweren Säcke auf den Rücken geschwungen haben, halten die Mädel fest, daß denen vor Lust der Atem vergeht.

So acht Wochen lang Haus bei Haus. Und das sollte kein Spaß sein? Draußen aber brauen die Nebel, die Bäume tropfen, und um die Ecke lugt Weihnachten.

Eines Tages, es ist gegen Ende November, kommt die Hohlöfnerin in das Berteles-Häuschen. »Berteles-Mutter, wir wollen übermorgen dreschen. Ich brauche das Mariele. Wir müssen backen.«

»Freilich kann sie dir helfen.« Dabei klopft die Alte den Flachs auf der Breche. Das Spinnrad fängt in seiner Ecke beinahe von selber an zu schnurren.

Sie braten, backen und kochen auf dem Hohlofenhofe, und der Bauer geht mit einem Gesicht ab und zu, auf dem Ernst und Heiterkeit streiten. Sosehr er sich Mühe gibt, er ist innerlich noch nicht wieder der alte, aber er spürt, daß es darauf zugeht. Heute früh hat er gepfiffen, und nur weil der dumme Knecht sagte, das hätte er lange nicht gehört, war der Bauer still gewesen. Hätte der Knecht den Mund gehalten, hätte der Bauer noch länger gepfiffen. Und noch ein anderes fiel ihm auf. Wenn das Mariele an ihm vorüberging, zuckte es ihm in den Fingern, sie an den Zöpfen zu zupfen. Er überwand sich aber. Das Mariele blieb ungezupft.

Die Zeit der Vorbereitungen war vorüber, die Dreschmaschine stand auf dem Hohlofenhofe. Anton Dreier hatte zum ersten, zum zweiten und zum dritten Male gepfiffen. Die Maschine surrte. Emil Eckart kriegte die ersten Garben. »Langsam!« brüllte er in die Scheune hinauf. Er konnte es nur tröpfeln lassen. »Sackerlot!« sagten die Sackträger und verausgabten im Laufe des Tages die Spucke literweise. Der Hohlöfner aber stand am Balken und machte Striche. »Dunnerlichting,« sagte er nach etlichen Stunden, »seid ihr denn mit dem Korn noch nit fertig?«

»Noch lange nit!«

Da ward sein Gesicht ganz blank vor Freude.

Als er zu dem kurzen Mittagbrot hinabging, lief ihm das Mariele in den Weg. Da konnte er wahrhaftig nicht anders, da mußte er -- zupfen.

Die sah ihm lachend in die Augen.

»Er zupft wieder,« sagte der Mann frohmütig.

Und: »Gott sei Dank, daß er wieder zupft,« das Mariele und lief rasch wieder in die Küche.

Da stand die Bäuerin und arbeitete mit heißem Gesicht.

»Er zupft wieder,« rief ihr das Mariele schelmisch zu.

Und: »Laß ihn zupfen,« quittierte die Hohlöfnerin, lichte, erlöste Freude in den Augen.

Einen ganzen Tag und vom anderen drei Viertel surrte die Maschine auf dem Hohlofenhofe, und Heinrich Korn wußte zuletzt weiter nichts zu sagen als: »Das ist noch gar nit dagewesen! Ja, unser Herrgott und der gute Mist!« Wie oft er in der Zeit gezupft, das wußte weder er noch das Mariele. Nur seine Frau hatte ihn einmal verwiesen: »Mach's nit gleich gar zu arg, Vater.«

Am Abend des ersten Tages aber war es auf dem Hofe bügelhoch gegangen.

Minna Korn saß unter dem Häuflein der Alten und Christel Müller hatte es gewagt, zu fragen: »Wird's denn nun was, Minna?«

»Warum soll's denn nit werden?« hatte die Bäuerin dagegen gefragt und ihr harmlos in das Gesicht gesehen.

»Tja, wir haben doch gehört -- -- -- Sie soll doch fünftausend Taler mitbringen.«

Und Minna Korn ganz ernsthaft: »Ist das etwa zuviel verlangt, wenn sie auf den Hohlofenhof kommt?«

»Gar nit, nein, aber -- -- --« Und das Aber hatte hundert a gehabt.

Es tat den alten Frauen unendlich wohl, daß die Bäuerin so leutselig und so offenherzig war. »Sie hat das natürlich noch nit ganz beieinander, aber sie hat viel mehr, als man gewußt hat.«

»Was du nit sagst! Man darf wohl nit wissen, wieviel?«

»Nein, Christel, das darf man nit. Aber das darfst du wissen, daß sie übers Jahr auf dem Hofe ist, und dann wird alles in der Ordnung zugegangen sein.«

Inzwischen quäkte die Ziehharmonika lustig drauflos, und die Paare wirbelten, daß es eine Art hatte.

Der Hohlöfner saß neben den Kartenspielern, und der alte Humor war springlebendig in ihm. Er hetzte da und stachelte dort und lachte aus vollem Halse, wenn ihm einer auf den Leim gegangen war und die Pfennige aus der Westentasche kramen mußte.

Bei einer solchen Gelegenheit ward Christian Lorenz teufelswild, keifte auf den Bauer los und sagte, er möge sich mit seiner Scheinheiligkeit zu dem jungen Pack scheren, er, Christian Lorenz, habe das grüne As nehmen wollen, und das hätte den Stich gemacht. Der Hohlöfner habe auf dem Eichel-Alten bestanden, und nun hätte man den Dreck.

Heinrich Korn schlug ihm lachend auf die Schulter. »Ich geh zu den jungen Leuten. Du bist mir zu grob, Christian.«

Eben spielte Wilhelm Hercher einen Walzer. Da ging der Hohlöfner breitbeinig auf das Mariele zu.

»Komm, Mariele, wir müssen einen miteinander machen.«

Hercher zerrte den Ziehbalg, daß er doppelt laut aufschrie, Korn umfaßte das Mariele und drehte es so zierlich und behutsam, als tanze er mit einer Prinzessin. Rundherum aber stand das Jungvolk, juchzte und klatschte nach dem Takte in die Hände. Kein ander Paar tanzte. Des Hohlöfners Augen aber blitzten. Er drehte weiter, lachte nicht und hatte doch ein strahlendes Gesicht.

Das Mariele noch an der Hand, stand er im Kreise, sah rundum und sagte: »Denkt ihr etwa nit, ihr Schafsköpfe?«

Sie wußten nicht, was sie »nit denken sollten«, aber sie lachten aus vollem Halse.

Einer der Sackträger ging auf den Bauern zu und wies ihm seine Hände. »So sehen sie aus! Und das hat einen Extralohn verdient.«

Der Bauer aber lachte ihn aus. »Das sollen Bauernhände sein? So hat sie die alte Norle auch.«

Er war es auch, der vorschlug, dem Rudolf eine Karte zu schreiben. Es geschah, jedes malte seinen Namen darauf, der Hohlöfner hatte wieder einmal auf der ganzen Linie gesiegt. Und sein Weib hatte ihm getreulicher geholfen, als er wußte; denn nicht das ist die Hauptsache, was die Männer denken und sagen, sondern das, was sich die alten Weiber zutuscheln. Und die sagten heute abend, daß -- die Hohlofenleute ein rechtes Gotteswerk täten. --

Die Maschine war wieder vom Hofe gefahren worden. Heinrich Korn stand auf seinem Getreideboden und ließ die Augen auf den Haufen ruhn. Von denen ging sein Blick auf die Kreidestriche auf dem Balken. Er zählte sie durch und schüttelte den Kopf. Eine solche Ernte hatte der Hohlofenhof nie gehabt. Der armen Bertelessin aber war die Ernte verhagelt. Der und auch dem Ender.

Nicht der Dank gegen Gott zog den Bauern auf die Knie. Den hatte er schon am Erntefest mit einem Zehnmarkschein in den Klingelbeutel abgemacht. Und doch war es himmelweit von Rechnen und Berechnen entfernt, als der Bauer niederkniete und die Hände ganz tief in den goldenen Weizen grub. Es war -- Gottesdienst. So langte er tief hinein in des Herrgotts Herz, und ob es sich auch nicht formte, ja nicht einmal in den Bereich des Sagbaren hereinragte, der Bauer griff andachtsvoll die goldenen Sonnenstrahlen, die das Jahr über gefunkelt, ließ sich den fruchtbaren Regen über die Hände rieseln, trank die heiligen Kräfte Himmels und der Erde in sich hinein, als er, ernst verklärten Gesichts, die Arme bis über die Ellenbogen in die Weizenkörner grub. Er liebkoste die Frucht, liebkoste in ihr seine Scholle und sah von unten herauf demütig dem Herrgott in die Augen. Gottesdienst auf dem Getreideboden!

Der Hohlöfner richtete sich auf, rüttelte sich wach und schritt hinab. Drunten langte er nach der Zeitung und studierte die Getreidepreise. Sie waren gut. Da beschloß er, zu verkaufen. Noch nicht alles, o nein, aber so viel, daß er -- -- -- Das brauchte er niemand zu sagen.

»Mutter,« rief er der eintretenden Bäuerin zu, »das Getreide steht nit schlecht. Ich denke, wir fahren morgen ein Fuder in die Stadt.«

»Ist das nit ein bissel zu früh, Vater?«

»Ich denke nit.«

»Hast du denn dem Mariele überhaupt schon ein Erntegeschenk gemacht?«

»Das geht mich nix an, ist deine Sache.«

»Bring Geld, dann wollen wir wieder drüber reden.«

»Nit zu bunt, Mutter,« drohte der Bauer lächelnd.

»Nein, bloß, was es austrägt,« quittierte die Frau mit heller Stimme.

Heinrich Korn fuhr zwei volle Wagen in die Stadt. Als er am Abend das Geld auf den Tisch zählte, langte seine Frau nach einem Hundertmarkschein. Der Hohlöfner legte seine Hand auf die zugreifenden Finger.

»Da wird nix draus, Mutter.«

»Aber Vater, es ist doch für das Mariele!«

»Es ist zu viel. Du machst mich bankerott.«