Chapter 11 of 19 · 3992 words · ~20 min read

Part 11

Rudolf erzählte, Grete Frieders hörte scheinbar aufmerksam zu, aber es geschah, daß sie jetzt an ihm vorübersah, so daß er wußte, sie hört mich nicht, dann ihn fragte: »Wie war das doch?«, dann mit dem Kopf nickte, ohne daß eine Ursache dazu gewesen wäre. Und aus den kleinen Zügen, aus der blitzenden Stube, aus dem sorgfältig gestrählten Haar und den tiefen Augen, die an sich selber herumirrten und sich gegen das Vereisen wehrten, wuchs vor dem Schönbacher Bauern ein Bild, vor dem er sich innerlich neigen mußte.

»Rudolf,« bat die Frau, als er geendet hatte, »nicht wahr, Sie erzählen mir das später noch einmal. -- Das ist alles so sonderbar. Ich weiß gar nicht, ich komme noch nicht zurecht damit. Sie werden sozusagen aus der Grube herausgeschleudert durch den Tod meines Mannes. Ich weiß gar nicht -- -- -- Ach, man weiß ja überhaupt nichts.« Sie richtete ihre braunen Augen groß und voll auf Rudolfs Gesicht. »Rudolf, Sie sollten sich nicht zu lange hier aufhalten. Man kann später nicht nachholen. Richard wollte durchaus ein Jahr eher heiraten, aber ich bestand darauf, daß ich erst mein Zeug alles zusammenhaben müsse. So sind wir ein Jahr weniger beieinander gewesen. -- Sie kommen doch morgen mit auf den Friedhof? Die Beerdigung ist um drei.«

Und das alles sagte die Frau mit ruhiger Stimme, aber es war so erschütternd in seinen Untertönen, daß es den Mann im Halse würgte, daß das Mitleid hundertmal gewaltiger heraufbrach, als wenn die Frau laut aufgejammert und geweint hätte, daß seine Stimme rauh ward und sein Mund zuckte.

»Grete, wie wird das nun mit Ihnen?«

»Ach, das geht alles weiter. Ich behalte vorläufig auch unsere kleine Wohnung. Bis ins einzelne kann ich Ihnen das natürlich nicht sagen, aber ich komme schon durch mit meinem Kinde, soweit es sich um Essen und Trinken dreht. Sehen Sie,« sie langte zur Seite nach einem Brief, »da haben meine guten Günthers geschrieben, ich möchte sofort wieder hinkommen und auch unser Kind mitbringen. -- Ach, Sie wissen da gar nichts? Das wundert mich, daß Richard nicht davon gesprochen hat. Ich war, bis wir heirateten, bei Günthers in der Henkelstraße. Da war ich eigentlich alles, Tochter, Hausmädchen, Verkäuferin. Sie haben das Weißwarengeschäft. Wie hätte ich denn sonst eine solche Einrichtung zusammenbringen können, wenn mir die guten Leute nicht geholfen hätten? Daß Richard etwas kaufte, habe ich nicht gelitten. Von der Stunde an, in der er mir von dem Häuschen gesagt, wäre es ja unverantwortlich gewesen, wenn ich etwas von ihm verlangt hätte. Ach ja, das Häuschen! Übrigens, Rudolf, den Gedanken gebe ich nicht auf. Nein, das übernehme ich als meines Mannes Erbe. Nur: Unser Mädelchen wird derweile groß werden. Was schadet's? Ich bin auch ohne Garten aufgewachsen. Aber dem Kinde will ich einmal sagen können: Das hat dein Vater für dich gewollt.«

Und über allem, was die Frau schlicht und still daherredete, standen die großen braunen Augen wie offene Tore, durch die man in einen Garten mit tiefen, dunklen Gängen sieht.

Rudolf Korn erfaßte vorerst nur ahnend des Weibes Tiefe, aber ~ein~ Gedanke formte sich ihm von selber. »Sie sind doch aus der Stadt, Grete?«

Frau Grete verstand die Beziehungen nicht. Sie nickte. »Ja, ich bin hier geboren. Mutter lebt noch.«

Rudolf Korn erhob sich. »Ich kann Ihnen also mit gar nix helfen?«

»Nein, Rudolf, mit gar nichts. Was ich brauche, haben Sie mir gebracht. Ich brauchte Herz.«

Dabei fügte es sich, daß die zwei vor dem kleinen Bücherbrett an der Wand standen. Rudolf Korn blickte gedankenlos auf die goldbedruckten Bücherrücken. Frau Grete aber deutete den Blick als ein Suchen, griff hinüber, zog eines der Bücher heraus. »Das mochte Richard am liebsten. Er hat es wohl zehnmal gelesen.«

Es war die Heiteretei von Otto Ludwig. Frau Grete neigte sich dem Freunde ein wenig entgegen, und ihre Stimme ward noch tiefer und dunkler. »Wissen Sie, Rudolf, wenn Richard am Leben geblieben wäre, dann hätte ihm auch das Häuschen draußen im Grünen nicht ganz genügt. Ich habe lange nicht gewußt, was es war, das mich aus dem Manne heraus manchmal groß ansah. Seit ich ihn mit Ihnen zusammen reden hörte, weiß ich's. Sein Großvater war Bauer, sein Onkel ist's noch. Er war's auch. Das stirbt nicht so rasch. Haben Sie schönen Dank für den Besuch, Rudolf, und, wenn Sie mir einen Gefallen tun wollen, dann kommen Sie manchmal wieder. Dann werden wir auch über manches reden können, womit ich heute noch nicht fertig bin.«

Und wieder kam eine stille Sommernacht, aber sie glich nicht der Schwester, die gestern über die Erde gegangen war. Aus ihres Mantels Falten sank dem Schönbacher Bauern nicht der Schlaf.

Rudolf Korn versuchte, von seinem Grübeln loszukommen, indem er an das Mariele dachte, aber es war, als schwebe die lichte Mädchengestalt irgendwo in der Ferne, ihm gewiß, ja, der Weg jedoch, der zu ihr führte, wand sich um lauter Felsblöcke.

Es war still, ach, so still wie daheim zwischen den Feldern und Wiesen, und doch brauste draußen das Leben in breitem Strome. Wenn der Grübelnde jetzt aufstand und nur etliche Straßen weit ging, dann war er mitten im Wogen. Kapellen spielten in den Gärten, Bogenlampen brannten, die Elektrischen bimmelten, die Autos huschten hin und her. Das war die Stadt!

Und -- draußen, fünfhundert Meter unter der Erde, klangen die Fäustel, knirschte der Stein, klirrten die Schienen, ging der Tod um. In der stillen Stube aber saß eine Frau, hatte ihr Mädelchen zu Bett gebracht, würde morgen ihren Mann begraben. Sie hatte keine Träne, weil -- die heiße inwendige Glut sie alle aufsog? Nein, weil sie tapfer war, tapferer, als man billigerweise von einem Menschen verlangen durfte. Wie sie das Erbe antrat! -- Und morgen schritten ihrer wieder etliche Tausend an ihre Arbeitsstätten, sagten dem Tage Lebewohl und murrten nicht, wenn sie sich mit der Sonne Abendgrüßen zufriedengeben mußten. Sie hatten alle irgendwo eine stille Wunschecke. Tapfere Menschen, die mit den Brosamen zufrieden waren, die von der Herren Tische fielen.

Wer waren die Herren? Drunten fiel aus einem Zimmer breiter Lichtschein hinaus in den Garten. Eine Kiefer mit silberglänzenden Nadeln stand wie ein Christbaum mitten im Lichtkegel. Er kam aus Bankier Werners Arbeitszimmer. Der schien einer von denen zu sein, die an des Lebens vollen Schüsseln sitzen. Und sein Gesicht war zerknittert und zerfurcht, der Mann konnte kein Glied stillhalten, das Leben, dem er die Sporen zu geben schien, peitschte ihn selber.

Ein breiter Giebel blickte drüben durch die Bäume. Das Hausmädchen hatte Rudolf auf seine Frage gesagt, das sei das Krankenhaus St. Michael. Darin gehe es zu wie im Bienenstock. Ein dauerndes Kommen und Gehen.

Auch das war die Stadt, aber wer fremd von draußen kam, sah dies Gesicht nicht.

Stadt, Leben, Schicksal, -- -- Gott! Lauter Kreise, die ineinander wogen, sich niemals lösen, sich immer tiefer verwirren. Und davor ein Mensch, der mit der Faust Felsen zertrümmern möchte! -- --

Rudolf Korn schlief ein, schritt im Traume über den Angeracker und warf die Körner mit weitem Schwunge auf das Land. So schön der Traum war, die trotzige Falte in der Stirn wich doch nicht aus des Schlafenden Gesicht.

Am andern Tage gab er dem toten Freunde das letzte Geleit. Als er vom Grabe schritt, haßte er die Stadt. Die Friedhofskapelle ward nicht leer. Dem Bauernsohn hatte die Stille des Dorfkirchhofs gefehlt. Ein Begräbnis in Schönbach rüttelte den ganzen Ort durcheinander. Hier ging es auf die Minute. 3.15 Uhr der, 3.35 der andere. So bis zum Abend.

Um das Grab harte Bergmannsgesichter ohne Tränen. Heute der, morgen wir. Wir sind Nummern auf des Lebens Nummertafel. Der Pförtner streicht jetzt eine durch und schreibt eine andere.

Still und tränenlos hatte auch Grete Frieders am Grabe gestanden. Rudolf Korn hatte sich wahrhaftig geschämt, daß ihm, als dem wohl einzigen, die hellen Tränen über das Gesicht gelaufen waren. Und gerade hatte ihm Grete Frieders in das Gesicht gesehen, hatte gestutzt und ihm zugenickt.

Da war er still aus dem Haufen getreten, heimzugehen. Er war auf einen gestoßen, den er oberflächlich von der Grube her kannte. Es war ein ernster Mann mit rötlichem Barte. Der hatte sich Korn angeschlossen und hatte unterwegs allerlei geredet. Nicht anklagend und verbittert und doch in einem tiefen Groll. Rudolf hatte lange geschwiegen; denn er glaubte, des Lebens heißen Notschrei zu vernehmen. Dann war ihm ein Wort gegen das Herz geflogen, daß er darauf antworten ~mußte~.

»Frieders ist nicht mehr gewesen wie du und hätte das doch nit gesagt.«

»Du meinst das Wort: Sklave? -- Was sind wir denn sonst? Wir haben den Mann übrigens nie verstanden.«

»Soll ich dir sagen, warum nit? -- Weil er ~in~ der Erde stand und du bloß ~drauf~.«

»Das sind Redensarten, und das hast du in einem Buche gelesen.«

»Ich lese selten ein Buch.«

»Dann redest du's einem andern nach.«

»Nein, ich sage, was ich selber weiß. Ich brauche niemand dazu.«

»Du, darüber müßten wir ein andermal mehr reden. Ich will dich einmal aufsuchen.«

»Ist nit nötig. Ich komme gern zu dir. Ich bin bei fremden Leuten, du bist daheim.«

»Komm, wann du willst. Du weißt ja, wann Schicht ist. Ich wohne in der Erbestraße Nummer 48, zwei Treppen rechts.«

Als Rudolf Korn heimkehrte, erwartete ihn das Hausmädchen. »Rudolf, es ist gut, daß Sie kommen. Der Herr wartet schon auf Sie. Sie sollen ihn zum alten Herrn fahren.«

»Wer ist das, und wohin muß ich fahren?«

»Das wissen Sie nicht? Das ist der alte Herr Schmidt, der Vater der gnädigen Frau. Dem gehört doch die große Eisengießerei nach Braunsdorf zu. Sechshundert Menschen sollen drin stecken. Seine Villa hat er in der Jakobstraße. Es ist die mit den dicken Säulen vorn. Sie können sie gar nicht verfehlen. Passen Sie auf, daß Sie richtig halten. Der Herr hat schlechte Laune. Es ist wieder böses Wetter. Ich ging vorhin an der Tür vorbei, und ich glaube, die gnädige Frau hat geweint. -- Los, Rudolf, spannen Sie an. Wissen Sie die Jakobstraße?«

»Ja, die weiß ich.«

»Also die dritte Villa links.«

Kurz darauf lenkte Rudolf den Wagen durch die Straßen, und hinter ihm saß ein Mann, der nicht rechts und nicht links sah, dem der Zorn das Gesicht rötete, der aus dem Wagen sprang und in barschem Ton befahl: »Warten!«

Rudolf hielt vor der breiten Freitreppe. Er war abgestiegen und streichelte das Handpferd. Da kam um die Hausecke ein alter Herr mit schlohweißem Haar. Er war untersetzt und hatte ungewöhnliche Augen. Einfach gekleidet, wirkte er doch vornehm.

An Rudolf herantretend, fragte er: »Sie sind der junge Mann, der vorgestern die Pferde aufhielt? -- Sind Sie von Hause aus gewöhnt, mit Pferden umzugehen?«

»Ja, ich bin Bauer.«

»So. Aber Sie kamen von der Grube? Und da war eben das Unglück passiert?«

»Da war es eben passiert.«

Der alte Herr nickte, und auf seinem Gesicht stand Teilnahme geschrieben. »Es bleibt mancher brave Mann auf der Strecke liegen. -- Sie sind zum ersten Male in der Großstadt?«

»Ja. Ich habe zwar gedient, aber die Garnison hatte nur ein paar tausend Leute.«

»Dann ist Ihnen die Großstadt neu. Ich will Ihnen was sagen: Sie machen den Eindruck eines Menschen, der sucht.« Er lächelte, als ihn Rudolf verdutzt ansah. »Das braucht Sie nicht zu wundern, daß ich das sage. Ich bin zweiundsiebzig Jahre, und mir sind viele Menschen durch die Finger gegangen. Meine Tochter hätte mir gar nichts zu erzählen brauchen, ich wäre auch so mit Ihnen zurechtgekommen. Sie suchen, und -- Sie suchen sich selber. Sie werden sich auch finden, aber mancher geht doch gerade in der Stadt bei dem Suchen nach sich selber sich verloren. Man muß die Stadt anfangs von der Rückseite betrachten. Ihr Gesicht verwirrt. Mancher lernt's nie, ihr wahres Gesicht zu sehen. Stadt heißt Arbeit, und Arbeit heißt Kampf, und Kampf ist hart.«

»Das ist bei dem Bauern auch nit anders.«

»Nur daß er,« der alte Herr lächelte wieder, »die ausschlaggebenden Kräfte, Sonne und Regen, nicht ein- und ausschalten kann wie der Arbeiter die Maschine. Das ist der Unterschied, und der ist so groß, daß er geradezu zweierlei Menschen gemacht hat. -- Sie haben meinen Schwiegersohn hergefahren? Er ist schon drin im Hause?« Der Mann reichte Rudolf Korn die Hand. »Ich danke Ihnen noch einmal, daß Sie Unglück verhütet haben.«

Er schritt die Treppe hinauf, und Rudolf Korn sah nachdenklich hinter ihm drein. Das war der Mann, aus dessen Händen sechshundert Arbeiter ihr Brot empfingen?!

Rudolf brauchte nicht lange zu warten. Bankier Werner kam die Treppe herab, aschfahl im Gesicht. »Klubhaus.«

»Wo ist das?«

»Eliesenstraße 18.«

»Wie muß ich dahin fahren?«

»Himmeldonnerwetter, werden Sie nicht Kutscher, wenn Sie keinen Bescheid wissen. Jakobstraße, Breiter Plan, Lindenweg, Eliesenstraße.«

Rudolf Korns Gesicht war blutübergossen, als er die Pferde wieder auf die Straße lenkte. Er fand den Weg und fand das Haus. Der Bankier war indes ruhiger geworden, wollte zwar nicht gutmachen durch ein freundliches Wort, glaubte aber gutmachen zu können durch ein Trinkgeld.

Der Wagen hielt, Werner stieg langsam aus und griff in die Tasche.

»Sie können nach Hause fahren.« Er reichte seinem Kutscher ein Geldstück hinauf.

Rudolf aber schüttelte den Kopf. »Das nehm ich nit.«

Da schoß seinem Herrn das Blut zu Kopfe. Harte Worte quollen ihm im Halse empor. Er schwankte einen Augenblick, und sein Gesicht veränderte sich. Es war, als erwache er. Wortlos steckte er das Geld wieder in die Tasche und trat in das Haus.

Am anderen Tage war er der kurzangebundene Mann, der er immer war.

Rudolf hatte wenig zu tun und war nun innerlich so weit mit sich fertig geworden, daß er heim schreiben konnte. Er schrieb an die Eltern und an das Mariele.

* * * * *

In Schönbach war die Heuernte in vollem Gange. Der Hohlöfner war am Donnerstag früh mit dem Knechte und den beiden Mägden im Morgengrauen nach der Bodenwiese gegangen und hatte schon von weitem hinübergesehen, ob das Mariele da sei. Es hatte wie Spott um seine Mundwinkel gezuckt, als die suchenden Augen das Mädchen nicht fanden. Aber siehe da, als er auf die Erlen zuschritt, trat ihm das Mariele entgegen.

»Guten Morgen.«

»Guten Morgen. -- Dunnerlichting, das ist ja wie bei dem Hasen und dem Swienegel.«

Das Mariele lachte lustig auf, und der Bauer fragte, was da zu lachen sei.

»Ja,« entgegnete das Mädchen, »ich weiß doch nit, was ~ich~ nun dabei bin.«

Der Hohlöfner nahm den Scherz nicht krumm. »Aufs Maul bist ~du~ nit gefallen.«

»O ja. Hab mir sogar als kleines Mädel einmal einen Zahn eingeschlagen.«

Darauf ging der Bauer nicht ein. Er lupfte seine Mütze. »Wollen wir in Gottes Namen anfangen. Mariele, du mähst hinter mir.« Und der Mann holte mit seinen langen Armen aus, als wolle er die ganze Wiese mit ein paar Hieben herunter haben. Er federte in den Gelenken, stand breitbeinig, stämmig wie ein Baum; der Tau sprühte, Gräser und Blumen sanken. Als er etliche Schritte voran war, setzte das Mädchen ein. Soweit auch der Hohlöfner ausholte, den Spaß, Marie Berteles klein zu kriegen, erlebte er nicht. Die Entfernung zwischen ihr und ihm vergrößerte und verringerte sich nicht. Breit lagen die Schwaden auf dem Grunde. Stare kamen und lasen Regenwürmer und Käfer auf, schwarzröckige Amseln äugten scheu aus gelbgeränderten Augen und suchten mit den Staren um die Wette. Langsam stieg die Sonne über den Tannenberg, und der Hohlöfner begann, mit dem Hemdärmel die schweißnasse Stirn zu wischen.

Als die Turmuhr sieben schlug, kam die alte Henriette, die auf dem Hohlofenhofe ab und zu ging, ohne da ständig zu arbeiten, mit dem Kaffee. Unter den Weiden am Bache tranken die Mäher. Der Hohlöfner aber machte ein grimmiges Gesicht, weil er nicht pfeifen wollte. Die Kleinmagd schwatzte und kicherte.

Da knurrte der Bauer: »Überm Essen wird gegessen und nit geschnattert.«

Einen Augenblick sah ihm das Mädchen verblüfft in das Gesicht. Sie glaubte nicht an seinen Zorn; denn sie waren schon ein rechtschaffen Stück vorwärtsgekommen. Daher lachte sie um so lustiger auf.

»Überm Essen wird doch allemal gegessen, was soll man denn sonst machen?«

»Hast recht, Klugschnack.« Auch der Bauer lachte, langte nach der Pfeife, brannte sie an und paffte.

»Fertig?« fragte er nach einer Weile. »Dann kann's weitergehen. Eine reichliche Stunde hält der Tau noch.«

Wieder rauschten die Sensen, und die Sonne stieg höher und höher. Die Bodenwiese war nicht klein. Sie hatten sie selten auf einmal gemäht. Es war gegen neun, da stand nur noch ein Streifen Gras, aber das Mähen ward hart, weil der Tau verdunstet war.

Der Hohlöfner wandte sich nach dem Mariele um. »Meinst du, daß wir's noch schaffen?«

»Ei freilich schaffen wir das noch,« entgegnete die fröhlich.

Da spuckte der Bauer in die Hände. »Los!«

Nun lagen auch die letzten Halme. Aufatmend stand der Bauer breitbeinig auf seinem Grund und Boden, ließ die Augen froh über die grünen Schwaden gehen, langte nach der Seite und zupfte das Mariele an den Zöpfen. »Fertig.« Die sah ihm mit leuchtenden Augen in das Gesicht. »Für den Anfang nit schlecht.«

»Na du, hast etwa noch nit genug?«

»Hätt schon noch eine Weile mitgemacht.«

»Du bist nit gescheit!« --

Es war eine heiße Heuernte. Vater Widuwilds Leichdörner hatten gelogen. Vierzehn Tage lang fiel kein Regen, und als er kam, war es höchste Zeit für die Menschen, die sich allzu hart plagen mußten, und für die Feldfrüchte, die am Vertrocknen waren.

In der Heuernte fragt der Bauer nach nichts, nicht einmal nach den Getreidepreisen. Die Zeitungen, die ihm der Briefträger in das Haus bringt, stapelt er auf. Langt er am Abend ja einmal danach, so schläft er darüber ein. Er verschiebt das Lesen auf die Sonntage, und kommt er auch dann nicht dazu, weil ein Gewitter droht und rasch noch ein paar Fuder geholt werden müssen, so entbehrt er doch nichts. Greift er aber am Sonntagnachmittag nach dem Blatte, so fragt er nicht nach den Welthändeln, sondern liest, was von da und dort an Unglück, Totschlag und Wetternot zu melden ist.

Gerade auf einen Sonntag hatte der Herrgott Regen angesetzt, und das war recht.

Heinrich Korn saß hinter dem Tische in tiefstem Behagen. Die Pfeife qualmte, die Fliegen summten, die Uhr tickte, und um ihn verstreut lagen die Zeitungen der letzten vierzehn Tage. Dann und wann kam ein Knurren aus des Mannes Brust, aber auch eine grausige Untat brachte ihn nicht aus seiner Seelenruhe. Die Bäuerin war im Berteles-Häuschen, und es war gut. Alles was wahr ist: Das Mariele hat sich nicht werfen lassen. Der Hohlöfner hat es aufgegeben. Er hatte schon an dem Morgen auf der Bodenwiese die Nase voll.

In Gedanken daran lächelnd, langt er nach einem neuen Blatte. Er liest, stutzt, stöhnt auf, wird bleich. Da stand eine kurze Nachricht, eine von den hundert ähnlichen, die in den vierzehn Tagen zusammengekommen waren. Die aber schrie ihn an wie ein wildes Tier. »Der Bergmann Richard Frieders wurde durch herunterbrechende Kohlenmassen erschlagen. Der Schlepper Korn fand ihn tot vor Ort.«

Kreidebleich sitzt der Bauer da, wendet mit hastigen Fingern das Blatt und sieht nach dem Datum. Heute vor fünf Tagen ist es geschehen, und Rudolf hat noch nicht geschrieben. Herr Gott im Himmel, er wird doch nicht auch zu Schaden gekommen sein?

Die Sorge flutet wie ein Strom durch des Mannes breite Brust, und sie bringt die Anklagen mit, die eigentlich nie ganz geschwiegen haben. Ob er mit Mutter darüber redet? Ein beruhigendes Wort aus ihrem Munde täte ihm gut, aber -- -- --

Nein, er wird noch ein oder zwei Tage warten, aber er wird heute noch dem Briefträger Weisung geben, einen etwa eintreffenden Brief nicht seiner Frau, sondern ihm auszuhändigen, und sei es auf dem Umwege über die Trubichswiese, die morgen und übermorgen dran ist.

Aber vielleicht hat das Mariele Nachricht. Das ist ein Gedanke. Der Hohlöfner hat es in den letzten Wochen vermieden, im Berteles-Häusel an das Fenster zu klopfen. Heute hat er eine gute Gelegenheit. Er wird seine Frau zu einem Gang ins Feld abrufen. Aber es regnet doch! Ach was, wofür ist er der Hohlöfner, wenn er nicht spazierengehen soll, wenn andere Leute daheim bleiben? Er zieht die Joppe an, stülpt die Mütze auf den Kopf, denkt im letzten Augenblick daran, die Zeitungen wieder aufzustapeln, aber nicht daran, das Blatt herauszunehmen, auf dem die Nachricht steht, und geht das Dorf hinab.

Im Berteles-Häuschen haben sie eben Kaffee getrunken. Da klopft der Bauer an das Fenster. Seine Frau tritt heran. »Ist etwas, Vater?«

»Nein, es ist nix. Ich habe nur gedacht, wir könnten mal ein paar Schritte laufen. Möcht sehen, wie sich der Weizen jetzt macht bei dem Regen.«

»Da kannst du doch noch nit viel sehen, regnet doch erst seit gestern abend.«

»Ist das nit lange genug? Du willst nit mitgehen? ~Ich~ geh.«

Als dächte er nur eben im Vorübergehen daran, fragt er das Mariele, die zur Seite steht: »Hat der Rudolf geschrieben?«

Statt ihrer antwortet die Bäuerin: »Gerade hatten wir davon geredet. Das Mariele hat auch nix. Ich möchte wissen, was das heißen soll?«

»Gar nix soll das heißen,« antwortet der Bauer mit tiefer Stimme. »In der Stadt gibt's mehr zu hören und zu sehen als daheim. Da denkt er halt nit an das Schreiben.«

Die Hohlöfnerin schüttelt den Kopf. »Vater, das glaubst du doch selber nit, daß dem die Stadt Schaden tut.«

»Schaden! Muß sie ihm denn gleich Schaden tun? Er ist ein junger Kerl! Du liebe Zeit! -- Gehst du mit oder nit?«

»Es ist mir zu naß draußen. Kommst rückwärts wieder vorbei. Dann gehen wir miteinander heim.«

»Meinetwegen.« Der Bauer schreitet auf dem regennassen Wege dahin, und in ihm rumort es. Er zwingt sich zur Ruhe. Wäre etwas, dann hätten wir bestimmt Nachricht. Eine gehässige Stimme aber raunt ihm zu: Er braucht ja nicht tot zu sein, so arg muß es nicht gleich kommen, aber er kann im Krankenhause liegen und hat den Ärzten gesagt, nichts heim zu melden. Liegt aber einer im Krankenhause, dann weiß man nie, wie es ausgeht.

Es ist eine niederträchtige, gehässige Stimme, die den Mann quält, und die über die Felder herkommt, aus denen es doch wie ein Jauchzen aufsteigt. Das nimmt schließlich das Bauernherz gefangen. Sommerregen auf dürstende Flur ist wie neue Schöpfung. Das Leben baut seine Tempel und Hallen mit tausend Händen zugleich. Lag es wie verdrossene Müdigkeit ob den dürren Fluren, so sind sie heute eine einzige jubelnde Melodie. Das dürstende Feld ist des grauen Zweifels unschönes Bild, das im Sommerregen schwelgende lachender Glaube.

Und dies Bild braucht der Hohlöfner. Gerade diesen Gegensatz, diesen Aufschwung zum Lichte aus der Düsternis der Not. Das reißt ihn mit. Er formt es nicht in sich, aber er empfindet es, daß auch er gegenwärtig über dürre Felder schreitet, und er weiß, daß der Regen bereits einsetzte, der die Öde in lachende Breiten wandeln wird. Steht er seinem Einzigen nicht heute schon ganz anders gegenüber als jemals? Er sehnt sich nach ihm, er beginnt leise zurückzutreten, ohne daß es schmerzt, er spürt, wie Achtung vor seinem eigenen Fleisch und Blut wachsen will.

Auf der flachen Kuppe über der Schachenleite stehend, läßt er die Augen über die Felder gehen. Von allen Breiten steigt ein feiner Dunst auf. Sie werden allmählich satt. Und auf alle Breiten rauscht der leise Regen nieder. Trinkt euch Vorrat! Die jungen Ähren tragen silbernen Hauch. Es ist der erste leise Gruß der kommenden Erntezeit.

Tief, tief atmet der Hohlöfner. Heimatluft! Und aus befreiter Brust steigt es: Ist ein Übergang! Es wird alles gut.

Und wieder ein Gedanke: Was wird dein Sohn für ein Mensch sein, wenn er wieder heimkommt? Ist es eine leise Furcht, die in dem Bauern aufsteigt? Der Hohlöfner hat keine Furcht, aber -- er hat halt auch kein reines Gewissen.

Er kehrt heim, klopft wieder ans Fenster des Berteles-Häuschen und bringt es spielend fertig, seine Frau zu täuschen, weil er selber auf Festland steht. Sie sprechen von dem Sohne.

»Daß er so lange nit schreibt!« sagt Minna Korn.

»Wie lange ist's denn her, Mutter?«

»Wenigstens vierzehn Tage.«

»Und das ist lange? Wie er bei den Soldaten war, hat er alle Vierteljahre geschrieben.«

»Aber jetzt ist er in der Grube.«

»Jetzt sicher nit. Jetzt sitzt er mit den andern in einem Garten, eine Kapelle spielt den Radetzkymarsch und -- -- --«