Part 14
Als er die Tür hinter sich geschlossen, nahm die Hohlöfnerin Frau Gretes Hand. »Sie gefallen mir. Ich muß das immer sagen, wie ich's meine. Sie gefallen mir, und ich danke Ihnen, daß Sie den Jungen so aufgenommen haben. Da hat er doch wenigstens ein bissel ein Zuhause.«
»Und ich habe einen Menschen, mit dem ich wie mit einem Bruder reden kann.«
Minna Korn nickte und berichtete, wie sie und ihr Mann die kurze Nachricht in der Zeitung gelesen und wie sie versucht hätten, sie voreinander zu verbergen.
»Das hat uns in der Seele leid getan,« fuhr sie fort. »So jung, und Sie haben so gut miteinander gelebt.«
»Frau Korn, wir leben noch miteinander und werden immer miteinander leben.«
»Na ja, aber -- -- -- Man begreift den Herrgott manchmal nit.«
»Den begreift man überhaupt niemals, und begriffe man ihn, dann wäre er nicht mehr der Herrgott.«
»Das möchte ich doch nit sagen. Ich muß mir das anders zurechtlegen.«
»Dafür leben Sie mitten zwischen Feldern und Wiesen, ich in der Stadt.«
»Aber der Herrgott ist doch überall derselbe.«
»Der Herrgott ja, aber die Menschen stellen sich anders zu ihm ein. Denken Sie doch, unsere Stadt hat etwa dreihunderttausend Einwohner. Von denen leben vielleicht dreißig -- vierzigtausend so, daß sie die Erde noch unter sich fühlen und sich selber noch wichtig und ernsthaft nehmen als Herren dieser ihrer Erde. Hunderttausend nehmen ~sich~ noch wichtig und ernsthaft, aber nicht mehr die Erde, und die andern nehmen ~weder~ sich noch die Erde ernsthaft und wichtig.«
Minna Korn saß der klugen jungen Frau mit ernsten Augen gegenüber. »Sich nit mehr und die Erde nit mehr,« sagte sie traurig. »Was machen die?«
»Sie leben.«
»Das ist kein Leben!«
»Nein, das ist es nicht, und es sind arme, arme Leute, die in ~den~ Schuhen stecken.«
»Aber mit Geld hat das nix zu tun.«
»Nein, das liegt jenseits davon. Das sind die armen Menschen, die sich selber nichts weiter mehr sind als Nummern. -- Wir, mein Mann und ich, gehörten zu denen, die sich noch ernst und wichtig nahmen und auch die Erde so wichtig nahmen, daß sie zu ihr zurück wollten. -- Ich weiß, Rudolf hat sich gewundert, daß ich bei dem Tode meines Mannes keine Tränen hatte.«
»Daran hängt's nit,« fiel die Hohlöfnerin ein, »und gerade das tut am meisten weh, wenn man nit flennen kann.«
Grete Frieders schüttelte den Kopf. »Das war es aber nicht, Frau Korn. Es war etwas anderes.«
»Das möcht ich wissen.«
»Es sagt sich schwer. Etwa so war es: Das Leben schlägt nach rechts und links, und wen es trifft, den trifft es.«
»Geschieht nix ohne den Herrgott.«
»Wenn halt der Herrgott und das Leben dasselbe sind.«
»Doch nit anders, junge Frau.«
Grete Frieders nickte. »Es ist nur viel schwerer, das zwischen den Eisenhämmern, den Gießöfen, den Maschinen oder drunten in der Grube zu erkennen als zwischen den stillen Wäldern und Bergen, wo alles zum Himmel weist. -- Das Leben schlägt rechts und links, -- mein Mann und ich haben oft genug davon geredet, -- aber es bleibt nicht stehen, nicht, wenn einer stirbt, nicht, wenn hundert umkommen, nicht, wenn eine Million fallen würde. Frau Korn, da lernt der ernsthafte Mensch zweierlei: Er stellt sich immer auf das Abschiednehmen ein und nimmt jeden neuen Tag, der ihm wird, um so dankbarer, und er stellt sich anders zu dem Herrgott, der grausam und ganz und gar unbegreiflich wäre, wenn er den einzelnen Menschen wichtig nehmen sollte. Was macht es für ihn aus, ob einer dreißig oder siebzig Jahre wird? -- Ob Sie mich begreifen, weiß ich nicht. Mein Mann und ich waren darin einig. Er hätte, wenn ich gestorben wäre, nicht anders um mich getrauert, als ich um ihn trauere, still, ohne Tränen, aber treu und tapfer. Ich -- werde nie wieder heiraten.«
»Verreden Sie das nit.«
Grete Frieders lächelte. »Wir haben es uns nicht versprochen, Frau Korn, daß der übrigbleibende Teil nicht heiratet. Ich aber tue es nicht.«
Die Hohlöfnerin schüttelte den Kopf. »Ich weiß nit, ist das mehr traurig oder ist es etwas anderes.«
»Es ist wohl etwas anderes, aber es ist nichts für Sie und nichts für Rudolf.«
»Dann ist es auch nix für Sie.«
»Doch, für mich ist es gerade das richtige, und es ist alles, was der denkende Mensch sich an Religion in der Stadt retten kann, das tiefe Gefühl des Nichtsseins an sich und des Allesseins in Gott. Was dazwischen liegt, -- und ich wollte, ich hätte das, -- das kann nur der haben, der mit den Füßen in der Erde steht, nicht nur, wie wir, ~auf~ der Erde.«
»Haben Sie so mit Rudolf geredet?«
»Nein. Ich werde auch nicht so mit ihm reden. Der alte Herr Schmidt hat ihm gesagt, er sei einer, der sich selber suche.«
»Dann kann er aber auch irregehen.«
»Das brauchen Sie bei Rudolf nicht zu fürchten, aber als ein anderer wird er Ihnen heimkommen, als er gegangen ist.«
»Am Ende gar nit mehr als Bauer.«
»Oder als ein besserer Bauer.«
»Lieber Gott, was doch aus einem unbedachten Worte werden kann!«
Sie plauderten noch eine Weile, Mutter Korn erzählte von ihrem Mann und hielt beide Hände über ihn, sprach vom Mariele, das Frau Grete unbedingt kennenlernen müsse, und berichtete von der Ernte, die auf den Hofäckern wuchs.
Nach einer reichlichen Stunde kam Rudolf wieder. Der war, kaum daß er in das Haus Werners zurückgekehrt war, gerufen worden und hatte den alten Herrn Schmidt bei seiner Tochter gefunden. Der Mann war völlig ruhig gewesen, und die Ruhe schien auch auf die Frau übergegangen zu sein.
»Korn,« hatte er begonnen, »der Haushalt hier wird aufgelöst. Ihre Stellung ist erledigt.«
»Damit habe ich gerechnet.«
»Was wollen Sie nun anfangen?«
»Das weiß ich noch nit.«
»Heimgehen wollen Sie nicht?«
»Nein, ich bin noch nit so weit.«
»Wie weit wollen Sie denn eigentlich kommen?«
»Ich möchte noch manches kennenlernen.«
»Korn, Sie wissen, was ich Ihnen an dem Abend gesagt habe, an dem Sie vor meinem Hause hielten. Wir wollen nicht wieder von dem Dienst reden, den Sie meiner Tochter geleistet haben, aber Sie interessieren mich. Was Sie suchen, wissen Sie vielleicht selber nicht recht. Sie wollen weniger die verschiedenen Arten der Arbeit kennenlernen, Sie wollen die Menschen kennenlernen. Und dabei kann für alle Teile nur Gutes herauskommen. Da aber die Arbeit den Menschen formt, müssen Sie eben an die Arbeit. Der Gießer ist ein anderer als der Kranführer, der wieder ein anderer als der Kernmacher, als der Bergmann, der Weber, der Drahtzieher. Die Leute meinen, sie wären gleich. Das ist aber nicht wahr. Sie haben gewisse Interessen gemeinsam, man macht sie ihnen sogar gleich, aber es sind da doch hundert Unterschiede, die sich alle irgendwie auswirken. Das auch nur ein klein wenig zu begreifen, dazu gehört ein langes Leben, und selbst das längste ist zu kurz. Sie wollen den Stadtmenschen als Ganzes sehen und verstehen, um ihm gerecht zu werden und anderen die Augen dafür zu öffnen. Das ist gut, und dazu biete ich meine Hand. Sie können jeden Tag auf mein Werk kommen, und Sie können in allen Abteilungen arbeiten. Wie denken Sie darüber?«
»Ich nehme an und danke Ihnen.«
»Dann ist das erledigt. Versorgen Sie die Pferde hier noch ein paar Tage und machen Sie den Tieren ein wenig Bewegung. -- Das Mädchen hat meiner Tochter gesagt, daß Ihre Mutter da ist. Gehen Sie ruhig wieder hin. Hier ist jetzt nichts weiter zu tun.«
Die Stimme des alten Mannes hatte so gemessen wie immer geklungen. Sie war auch gestern abend kaum bewegter und doch eisern gewesen.
Ach ja, die letzte Fahrt mit dem Herrn! Rudolf Korn sah ihn wieder vor sich. Er hatte Herrn Werner vor das stille Landhaus gefahren. Es war ein schwüler Abend, und die Fenster standen offen. Korn hatte wahrhaftig nicht lauschen wollen, er hatte auch seines Herrn Worte nicht verstanden, aber er hatte aus deren Ton gehört, daß er bat, drängte, forderte. Deutlich dagegen hatte er des alten Herrn Stimme vernommen. Erst ein kurzes, eisernes: Nein, dann: »Georg, ich habe dich nicht nur gewarnt, ich habe dir auch mehr gegeben, als ich verantworten konnte. Ich habe es um Elisabeths willen getan, aber ich hätte es doch nicht tun sollen; denn ich wußte, daß es verloren war. Es handelt sich bei dir nicht um eine Bank der armen, ehrlichen Leute.«
»Bei mir haben Handwerker, Kaufleute und kleine Fabrikanten ihre Konten. Sogar eine Waschfrau.«
»Und alles ist Gesindel,« hatte die eiserne Stimme geantwortet. »Spekulantengesindel, das nicht arbeiten, das schachern wollte. Die Sorte ist in allen Ständen vertreten, und mit denen habe ich kein Erbarmen. Ich bin vor reichlich fünfzig Jahren als Schlossergeselle hierher gekommen.«
»Dir hat die Zeit geholfen.«
»Das ist die richtige Auffassung. Die Zeit! Hahaha. -- Nein, mir hat die Arbeit geholfen und die Sparsamkeit. -- Spare dir jedes weitere Wort. Mag das Volk jetzt kriegen, was es verdient; ich greife ~nicht~ mehr zu.«
Rudolf hatte den Pferden die Köpfe gestreichelt, um nicht als Lauscher befunden zu werden. Vom Platze aber konnte er nicht.
Da kam sein Herr, stieg wortlos in den Wagen, nannte kein Ziel und antwortete auch nicht, als Rudolf danach fragte. So fuhr der ihn heim.
Am Morgen war der Mann tot. -- --
Rudolf trat wieder in Grete Frieders Stube. Die Mutter hatte das Kind auf dem Arme. Sie fragte nicht mit Worten, aber sie fragte mit den Augen in den Sohn hinein.
Und der antwortete kurz: »Ich gehe zum alten Herrn in die Gießerei.«
Da seufzte die Bäuerin.
Nach dem Mittagessen schlug Rudolf der Mutter vor, in die Stadt zu gehen. Die wehrte ab.
»Nit unter die vielen Menschen, Rudolf.«
»Gut. Dann gehen wir nach dem Parke.«
Grete Frieders ging in das Geschäft und nahm ihr Kindchen mit.
Und nun saßen sie auf der Bank am Teichrande, Rudolf Korn und seine Mutter. Über ihnen breitete eine Blutbuche ihr dichtes Dach aus, vor ihnen plätscherten die Wellen des Teiches leise an das Ufer.
»Nun erzähle von daheim,« bat Rudolf. »Wie weit sind sie mit der Heuernte?«
»Fertig. Das Mariele hat alle Tage mitgeholfen.«
»Von der kannst du mir nachher erzählen. -- Sie sind fertig? Das Wetter war gut, aber sie müssen sich doch tüchtig dazugehalten haben. -- Wie steht das Korn?«
»Gut, Rudolf. Ich wüßte nit, daß es einmal besser gestanden hätte.«
Sie plauderten, und Mutter Korn mußte die ganze Heimatflur vor dem lauschenden Sohne aufbauen. Das freute und beruhigte sie. Rudolf war kein Stadtmensch, er war Bauer.
»Und wie ist es mit dem Vater?« fragte er.
»Du mein, wie soll es sein? Nit wie immer, das kann ich dir sagen. Wenn er das Wort ungesagt machen könnte, er tät's lieber heute als morgen, aber es geht halt nit.«
Dazu schwieg Rudolf und sah vor sich hin.
»Mit dem Mariele ist er wie sonst. Was er machen wird, weiß ich nit, aber daß es gut wird, das weiß ich.«
»Ist bloß ein bissel teuer bezahlt,« grollte Rudolf.
Die tapfere Frau aber wußte es besser. »Das kommt auf dich an, Rudolf, und für das, was du jetzt vorhast und machst, ist der Vater nit mehr verantwortlich. Von ihm aus soll ich dir sagen, du möchtest heimkommen.«
»Kann ich jetzt nit.«
»Weil du nit willst. Das hast du von deinem Vater, bloß daß der's herauspoltert, und du verbeißt es dir. Im übrigen ist einer wie der andere.«
»Nein, Mutter. Es ist nit Dickköpfigkeit und, ich muß es dir sagen, es ist auch nit, daß ich dem Vater böse wäre. Wenn er jetzt sagte: Das Mariele hat das Geld beieinander, oder: Ich nehme mein Wort zurück, ich käme doch nit heim. Unter einem Jahr nit. Mutter, die Zeit ist wahrlich nit leicht. Was man auf dem Dorfe löffelweise kriegt, das kriegt man hier mit dem Eimer -- -- --«
»Und verdirbt sich den Magen.«
Rudolf zuckte die Achseln. »Ein bissel vielleicht manchmal, aber ich kann es vertragen.«
»Was willst du denn damit, daß du die Stadt kennenlernst? Du wirst einmal der Hohlofenbauer, hast dein Gewisses, und das andere braucht dich nit zu scheren.«
»Ich hab's nit gewollt, daß ich in ~dem~ Wasser schwimmen lernte, der Vater hat's auch nit gewollt, es ist gekommen. Du bist es gewesen, die zuerst von der Lehrzeit geredet hat und hast damit das richtige gesagt. Ich werde kein schlechter Bauer sein, wenn ich heimkomme, aber ich werde einer sein, der, wenn sie die Stadtleute schlecht machen, hintreten und sagen kann: So ist's nit.«
»Soll das was nutzen, Rudolf?«
»Schaden tut's wenigstens nit. Es ist halt, wie's ist. -- Und -- was macht das Mariele?«
»Das weißt du doch. Sie schreibt dir ja wohl jede Woche ein paar Briefe,« sagte Korns Mutter lächelnd.
»So schlimm ist's nit, aber sie schreibt mehr als ich. Hat halt auch mehr Zeit.«
»Umgekehrt wäre richtig. Du hast mehr Zeit, aber das Mariele ist besser beieinander als du. -- Der junge Lehrer sieht recht krank aus.«
»Was willst du auf einmal mit dem?«
»Ach, nix weiter.«
»Hab schon manchmal gedacht, er hat die Schwindsucht.«
»Hat er, Rudolf, und wird nit mehr lange machen.«
»So böse ist's schon?«
»Wird wohl so sein. Nun paß auf: Er weiß, daß er sterben muß, und -- er hat das Mariele gern. Wäre er gesund, müßtest du es mit ihm aufnehmen.«
Rudolf lachte. »Der wäre der letzte, vor dem ich mich fürchten tät.«
»Red nit so, Rudolf. -- Das Mariele weiß, daß er sie gern hat.«
Rudolf richtete die Augen gespannt auf die Mutter.
»Gelt, jetzt bist du schon eifersüchtig? Schadet nix. Ist dir sowieso mit dem Mädel alles viel zu glatt gegangen. Das tut gar nit gut, weißt ja sonst gar nit, was du an ihr hast.«
»Mutter,« Rudolf legte seine Hand auf die der Mutter, »ist da etwas nit in Ordnung?«
»Freilich ist da etwas nit in Ordnung.«
»Das -- Mariele schreibt mir, und -- -- -- und, sie meint es ~doch~ nit ehrlich? Und ich sitze dahier und verderbe mir das Jahr und -- -- -- Kreizdeibel!«
»Immer weiter, Rudolf, du bist auf dem richtigen Wege. Verdirbst dir das Jahr und -- -- --«
In Minna Korns Augen stritten Ernst und Spott.
Der Sohn rückte sich zurecht. »Red, Mutter. Das kann ich nit vertragen, wenn ich nit weiß, woran ich bin.«
»Du weißt nit, woran du bist? Wenn nun ich ~nit~ davon geredet hätte, wenn einer von den jungen Burschen gekommen wäre und hätte dir erzählt, das Mariele hält's mit dem jungen Lehrer?«
»Dann. Ja, ich hätt mir den Kerl angesehen und -- -- --«
»Und? Jetzt kommt doch erst das richtige.«
»Laß die Dummheiten, Mutter.«
»Das sind keine Dummheiten. -- Du wärst heimgekommen.«
»Vielleicht auch nit.«
»Aber du hättest dem Mariele einen Brief geschrieben.«
»Ja. Und wenn du jetzt nit redest, dann schreib ich ihn heute noch.«
»So, du -- Hohlöfner! Bloß daß dein Vater ~die~ Dummheit nit gemacht hätte. -- Schäm dich, Rudolf, dem Mariele nit ganz und gar über alle Berge weg zu vertrauen. Hab dich für anders gehalten. Eine Marie Berteles bringt selbst der Herrgott bloß zuwege, wenn er der Welt was ganz Gutes und Schönes geben will, und der, der solch ein Mädel heiraten will, darf nit einer von der gewöhnlichen Sorte sein. Ich habe gedacht, du wärst einer von den anderen, weil du fest warst gegen deinen Vater, und weil du hier in der Stadt so viel -- -- lernen willst, damit du einmal gescheiter bist als die anderen. Rudolf, wenn du nit mehr aufbringst als Trotz, dann hör auf; denn dann fehlt das Beste.
Um das Mariele brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Sie geht mit keinem Gedanken an dir vorbei und denkt an dich mit jedem Atemzuge, aber du bist noch lange nit so weit wie sie.« Die Hohlöfnerin sprach bitter ernst und in tiefer Herzlichkeit. »Rudolf, wenn das einen Sinn haben soll, daß du in der Stadt bist, dann mußt du als ein anderer wiederkommen, als du gingst. Damit ist's nit gemacht, daß du uns Bauern nachher sagen kannst, es ist in der Stadt auch nit alles Zuckerlecken. Das wissen die Vernünftigen lange schon, und ob ~du~ es ihnen sagst oder ein anderer, das ist einerlei. Dein Vater ist der erste in Schönbach, nit bloß weil er der größte ist. Das Dorf hat ihm auch allerlei zu danken. Die Zeit aber wird anders, Rudolf. Das langt nit mehr, daß einer dreißig Morgen mehr und die beste Saat und die erste Drillmaschine hat. Das aber langt auch nit, daß einer da und dort hineinriecht, wie du das jetzt machst. Da drin muß es sitzen,« Minna Korn wies auf ihr Herz. »Und da sitzt es bei dir noch nit.« Sie legte ihm die Hand auf das Knie. »Sei nit böse, Rudolf. Ich will dir nit weh tun, aber ich kann's nit mit ansehn, wenn aus der traurigen Zeit nit wirklich etwas herausspringt und du nit wiederkommst als ein Mann, der das geworden ist, was er gern werden möchte. Und nun will ich vom Mariele weiterreden.« Sie erzählte, wie sie das junge Mädchen absichtlich dem jungen Lehrer überliefert, als die Wachtel schlug, wie besitzfreudig er im Entsagen sei und nun mit feinem Herzenstakt das Mariele auch nicht mit einem Blick beunruhige. Dann redete sie mütterlich: »Rudolf, wer so reich ist wie ihr, du und das Mariele, seid, der tät eine Sünde vor dem Herrgott, wenn er wie ein Geizhals alles nur für sich haben wollte. Liebhaben macht nit ärmer, das macht reicher. Der arme Mensch wird es dir und dem Mariele einmal auf dem Sterbebette danken, wenn seine letzte Zeit auch seine schönste war.«
Ernst und nachdenklich sah Rudolf über den schwach bewegten Teich hin.
»Bist nit böse?« fragte die Mutter.
»Nein, Mutter,« bekannte er freudig. »Kannst den beiden von mir erzählen, aber sag dem Mariele ja nit, daß ich schon was gelernt hätte.«
»Doch, Rudolf, du hast schon etwas gelernt.«
»Mir ist nit danach. Wenn ich darüber nachdenke, dann meine ich, ich komme als derselbe Lehrjunge wieder, als der ich fortgelaufen bin.«
Da lachte Minna Korn herzlich. »Rudolf, der Lehrjunge lernt zuerst sein Handwerkszeug gebrauchen, und das kannst du schon ganz gut. -- Komm, ich bin ausgeruht, wir wollen doch noch ein bißchen unter die Leute gehn. Ich will mir ja auch ein neues Kleid kaufen.«
Aufgeräumt und innerlich erleichtert, schritt sie neben dem Sohne her, plauderte, scherzte, erzählte vom Weizen auf den Angeräckern, von dem armen Ender, der letzte Woche wieder ein Schwein dem Schinder hatte geben müssen, von der Berteles-Mutter, die den Mut nicht aufbringen könne, wirklich zu glauben, daß ihr Mariele einmal Hohlöfnerin werden solle.
So kamen sie mitten hinein in das Häusermeer, und der Zufall fügte es, daß sie durch die Straße gehen wollten, in der die Wernersche Bank lag.
Da hatte sich ein Menschenhaufe gesammelt, aus dem sich dann und wann einer wild gegen das eiserne Tor stemmte, durch das das Grundstück von der Straße abgeschlossen ward. Jetzt erst erwachte Rudolf völlig.
»Das ist die Bank,« erläuterte er leise der Mutter.
»Und was wollen die vielen Leute?«
»Die haben ihr Geld verloren.«
»Die sehen doch alle nit aus, als hätten sie Geld zu verlieren.« Die Hohlöfnerin ließ die Augen prüfend über die erregten Menschen gehen. »Das sind doch alles kleine Leute.«
Ein Schrei brandete aus der Menge auf. Mit geiferndem Munde redeten sie aufeinander ein, ballten die Fäuste, fluchten. Dazwischen einzelne, die an dem eisernen Zaune lehnten, das Gesicht zwischen zwei Stäbe preßten und mit verzweifelten Augen hinüber zu der schweren verschlossenen Tür starrten. Kein Wort des Mitleids mit dem Toten, wilde Anklagen gegen ihn und den Schwiegervater, der ihm nicht geholfen.
»Hat der Mann nit zwei Kinder gehabt?« wandte sich die Hohlöfnerin ernst fragend an einen, der in ihrer Nähe stand. Im Handumdrehen hatte sich um die beiden Schönbacher ein Knäuel gebildet.
Die Fäuste fuchtelten der Bäuerin vor dem Gesicht. »Was gehn uns die Kinder an? Für die sorgt der Alte.«
»Aber sie haben doch ihren Vater verloren,« wandte die Hohlöfnerin ein.
»Und wir unser Geld!« Eine Speichelflocke flog ihr aus geiferndem Munde auf das Kleid.
»Warum habt ihr's ihm gegeben?«
»Weil er uns die hohen Zinsen versprochen hat!«
Furchtlos stand die Frau vor den Eifernden. »Die da reich werden wollen, fallen in Versuchung und Stricke und viele schädliche und törichte Lüste.«
Sie sahen die entschlossene, ernste Frau betroffen an. Das Wort wirkte wie ein kalter Strahl, aber das Wasser war auf glühendes Eisen gefallen. Es zischte brodelnd auf. Fäuste ballten sich gegen die Frau. Da nahm Rudolf ihren Arm. »Komm, Mutter. -- Platz, ihr Leute. Wir haben nit hierher gewollt. Mit der Bank haben wir nix zu tun. Wir hatten uns verlaufen.«
Er drängte etliche beiseite und führte die Mutter in eine Seitenstraße.
Da stand die Bäuerin und sah ihm ernst in das Gesicht. »Rudolf, jetzt hab ich ihnen nit sagen können, daß die Frau und die Kinder mehr verloren haben als sie. Warum hast du das gemacht?«
»Weil wir nit in Schönbach sind, wo jeder Mensch die Hohlöfnerin ästimiert.«
»Ich hätt' mich nit gefürchtet.«
»Laß gut sein, Mutter. Helfen kannst du nit. Warum willst du dich grob behandeln lassen?«
»Etlichen hätte ich ~doch~ helfen können. Sie haben Geld verloren. Jetzt wollen sie auch noch ihren Verstand einbüßen.«
»Komm, Mutter, du wolltest dir ein neues Kleid kaufen.«
»Ich denke nit dran, Rudolf, hab mehr als genug Kleider daheim.«
»So. Dann wollen wir Grete Frieders abholen. Es wird sachte Zeit.«
»Du, die Frau ist meine Art. Wenn du nit das Mariele hättest, dann -- -- --«
»Müßte ich Grete Frieders heiraten?« Rudolf lachte. »Die wäre -- zu gescheit für mich.«
Da lächelte auch die Mutter. »Woher hat sie das eigentlich?«
Der Sohn zuckte die Schultern. »Das ist in der Stadt halt so. Wer lernen will, kann das. Grete Frieders ist ledigerweise immer mit anderen jungen Mädeln an den Sonnabenden und Sonntagen hinaus auf das Land gelaufen. Sie sind nit zum Tanzen gegangen. Einen Jugendverein haben sie es genannt, und was die eine nit gewußt hat, das hat die andere gewußt.«
»So hat also eine die andere nit schlechter gemacht, wie gewöhnlich, sondern besser.«
»Kann wohl sein, Mutter.«
»Paßt das nit auch aufs Dorf?«
»Ich weiß nit. -- Da sind wir bei Günthers. Grete Frieders muß gleich kommen.« --
Als die Hohlöfnerin am anderen Tage wieder zurückfuhr, sah Rudolf dem Zuge lange nach.
Grete Frieders, die neben ihm stand, nahm ihn am Arm. »Kommen Sie, Rudolf. Denselben Weg fahren Sie auch noch einmal.«
»Ja, Weihnachten das erste Mal, aber da komme ich wieder.«
»Wollen's abwarten.«
»~Ich komme wieder!~«
Grete Frieders lächelte. »Sie sind ein Dickkopf, Rudolf.«
»Das hab ich von meinem Vater.«
»Haben Sie die Stadt noch nicht satt?«
»Nein. Ich werde sie auch nit satt kriegen.«
»Das ist recht, und ich will mir derweile überlegen, wie Sie die Winterabende so hinbringen können, daß Sie etwas davon haben.«
»Damit bin ich einverstanden.«
8.
Der Sommer verging. Heinrich Korn ward äußerlich wieder der alte. Er ging dann und wann in das Wirtshaus und plauderte, aber er neckte selten. Innerlich war der Mann in Not.
Seine Frau sah es mit tiefer Sorge. Sie war es nun, die kaum eine Gelegenheit zu heiterem Scherz vorübergehen ließ, und sie hatte sich das Mariele als Bundesgenossen geworben.
»Daß nur der Vater nit ins Sinnieren kommt,« hatte sie ihr gesagt. »Lieber noch eine Dummheit, Mariele, als das Sinnieren. Tu, was du kannst, daß er lacht. Der Vater muß mit Lachen säen und ernten und mit frohem Gesicht aufstehen und sich niederlegen. Der Herrgott hat ihn zum Frohsein geschaffen. Nur wenn er das ist, geht ihm die Arbeit von der Hand und gedeiht ihm, was er anfängt. Mariele, der Mann stirbt uns, wenn er nit wieder lachen lernt.«