Chapter 13 of 19 · 3996 words · ~20 min read

Part 13

»Aber das geht Sie doch gar nichts an, Sie sind doch ein Bauer, der sein Teil hat.«

»Woher wissen Sie denn das?«

Das Mädchen hob die Spitznase ein wenig höher. »Ach, die gnädige Frau hat so einiges angedeutet, daß wir Sie nicht mit dem Johann auf eine Stufe stellen sollten und so. Und außerdem, wie Sie der Frau von sich erzählten, wissen Sie, am ersten Morgen, da haben Sie so laut geredet.«

Jetzt lachte Rudolf zum ersten Male hell auf. »Marie, das Horchen tut nit immer gut.«

Das verdroß das Mädchen. »Ich habe nicht gehorcht, und ein Mädchen, das nicht horcht, taugt nichts, hat meine Mutter gesagt, und wenn Sie so sind, dann -- -- -- brauche ich mich ja gar nicht mehr um Sie zu kümmern.«

Und immer noch lachend, beruhigte Rudolf: »Aber warum denn gleich soviel auf einmal? Das ist doch nit nötig. Ja, ich hab mein Teil und, Marie, ich habe sogar ein Mädel.«

Husch, fuhren die Arme aus dem Mischkasten, eine fliegende Röte jagte über das hübsche Gesicht, ein rascher, prüfender Blick: Er ist ja ganz hübsch, aber alles in allem ist er nicht mein Gusto, und -- Bauer bleibt Bauer. Dann ein bittersüßes Lächeln. »Aha, darum sind Sie so solide!«

Rudolf Korn lachte wieder. »Marie, Marie, Sie scheinen die Männer zu kennen. Das ist eine miserable Sorte.«

»Och, das will ich gar nicht mal sagen, aber so in manchen Dingen sind sie alle gleich, und es ist schon aller Ehren wert, wenn einer wenigstens nachher treu bleibt, wenn er verlobt ist.«

Die bittere Weisheit aus so jungem Munde machte den Bauern stutzig. »Marie, so denken wir auf dem Dorfe nit.«

»Ach, das Dorf wird auch nicht besser sein.«

»Besser? Das habe ich nit gesagt, aber wir denken nit so.«

»Auf das Denken kommt es ja gar nicht an. Wie einer handelt, das ist die Hauptsache und da -- -- --«

»Sind sie auch nit alle gleich. Unsere Mädel halten was auf sich -- -- --«

»Denken Sie, wir nicht?«

»~Sie~ ganz gewiß, Marie, aber ich war ja auch noch nit fertig. Und unsere Burschen, die haun wir, wenn sie etwa nit parieren.«

»Wer sind denn die wir?«

»Das sind die alten Burschen. Wir halten auf Ordnung. Sie kennen das Dorf nit, aber das muß ich sagen: Wenn der Schulze und der Altbursch nix taugen, dann taugt das ganze Dorf nix.«

»Das kann man nicht auf die Stadt übertragen.«

»Da muß halt jedes für sich aufpassen.«

»Wissen Sie, Rudolf, ich -- habe die Männer satt bis an den Hals.«

Und Rudolf schelmisch mit den Augen zwinkernd: »Ist das nit ein bißchen früh? Wie alt sind Sie denn?«

»Ich bin neunzehn gewesen, aber ich habe meine Erfahrungen hinter mir.«

»Aber Sie sind doch immer so lustig.«

»Das ist meine Natur, und dafür kann ich nichts. Aber das will ich Ihnen sagen: Hier ist es ganz schlimm. -- Ich habe eine gute, aber strenge Mutter, und mein Vater hat Amt und Stellung. Er ist Magistratsbote. Denen darf ich keine Schande antun, und ich will es auch nicht, aber da war der Hans, und weil ich nicht mitmachte, wie er wollte, ist er zur Selma gelaufen. Und dann war da der Jochen, da war's geradeso, und er ging zur Ilse. Sehen Sie,« sagte sie wichtig, »das ist es ja eben in der Stadt: Die Männer brauchen sich ja gar keine Mühe zu geben und brauchen auch nichts auf sich zu halten, es warten ja zehn Mädel auf jeden. Er hat die Wahl und,« sie schob die Unterlippe vor, »er amüsiert sich eben. Aber das Mädel! Das soll rein sein wie ein neues Tischtuch, von dem noch niemand gegessen hat.«

Die neunzehnjährige Weisheit hatte einen traurigen Unterton, der zwang, sie ernst zu nehmen.

»Marie, das wird nit gar so schlimm sein.« Rudolf Korn schlug unwillkürlich einen väterlichen Ton an. »Wenn ich an Richard Frieders denke -- -- --«

»Natürlich,« fiel ihm das Mädchen rasch in das Wort, »gibt's auch solche -- -- --«

Sie schien ihre Not nicht allzu schwer zu nehmen. Der Ton ward leichter, die Neugierde brach durch.

»Rudolf, wie sieht denn Ihre Braut eigentlich aus, und wie heißt sie denn?«

»Sie heißt auch Marie, aber jeder Mensch nennt sie das Mariele.«

Das Mädchen schwang sich auf die Futterkiste, neigte sich vor, und ihre jungen Augen funkelten vor Erregung. »Das ganze Dorf nennt sie das Mariele? Gott, das ist so rührend. Das ganze Dorf! Nun ja, es ist halt eben Dorf!«

»Darauf kommt's nit an,« berichtigte Rudolf ernsthaft. »Wir haben vier Marien im Dorfe, aber bloß eine heißt Mariele.«

»Aber wie kommt denn das? Ist sie eine so große Schönheit?«

»Das weiß ich wirklich nit. Ganz so schön wie Sie wird sie wohl nit sein,« neckte Rudolf.

»Ach,« verwies das Mädchen, »das müssen Sie nicht sagen. Das steht Ihnen nicht. Sie werden im Leben kein Städter.«

»Will ich auch nit werden.«

»Ich weiß aber noch nicht, warum Ihre Braut gerade das Mariele heißt.«

»Und ich kann es Ihnen auch nit sagen. Es ist halt so. Das liegt in ihrer ganzen Art. Mag wohl auch sein, weil sie die langen Zöpfe hat.«

»Wie lang sind denn die?«

»Die gehen bis auf die Fersen.«

»Ach, Rudolf, schwindeln Sie doch nicht. Das gibt's ja gar nicht.«

»Doch, das gibt's, und Sie können mir das schon glauben. Daran ist kein verlogen Wort.«

Da sprang das Mädchen mit einem Satze von der Futterkiste und trat dicht vor Rudolf hin.

»Aber, Rudolf, dann hat sie doch ein Kapital.«

»Wieso denn?« fragte der verwundert.

Marie schüttelte den Kopf. Ja, die vom Dorfe! Da liegt für einen solchen Menschen das Geld auf der Straße, und er sieht's nicht und hebt's nicht auf. »Rudolf,« das zierliche Persönchen reckte sich auf den Fußspitzen, »solch Haar ist doch die beste Reklame für jede Haarwasserfabrik.« Sie schlug die Hände zusammen. »Wenn ich das hätte! Und es ist schön?«

»Ganz fein und blond.«

»Aber damit kann sie doch alles machen! Sie kann zur Bühne gehn, sie kann sich malen lassen, vor allen Dingen aber kann sie sich von einer kosmetischen Fabrik anwerben lassen. Wissen Sie, dann gehen so Plakate hinaus: So sieht das Haar aus, wenn man unser Haarwasser verwendet. -- Das hängt dann an jeder Litfaßsäule. Rudolf, das Mädel ist ja mehr wert als Ihr ganzer Bauernhof.«

»Das weiß ich,« setzte Rudolf Korn ernst und knapp drauf.

»Und?«

»Gar nix. Das Mariele bleibt, wo sie ist und wie sie ist.«

»Rudolf, Sie sind ein Bauer!« rief das Mädchen schnippisch und drehte sich auf dem Absatz um.

»Bin ich und bleibe ich,« hörte sie noch eben im Davongehen. Und der Plappermund floß nachher vor seiner Herrin über, die sich gern etwas von dem auch innerlich sauberen Mädchen erzählen ließ. »Denken Sie, gnädige Frau -- -- --«

Die gnädige Frau hörte zu, lächelte und nickte. »Das freut mich für den Rudolf.«

»Mich ja auch, gnädige Frau, aber es ist doch eine Sünde.«

»Nein, Marie, das ist keine. Erstens wäre es Betrug -- --«

»Weil das Haar nicht von dem Haarwasser gewachsen ist? -- Ach Gott, gnädige Frau, wer fragt denn danach? Das ist immer so.«

»Und zweitens behält man das Beste und Schönste am liebsten für sich zu Hause.« Sie machte eine kurze Pause. »Marie, Ihr Einfall ist nicht schlecht, er ist sogar sehr geschäftstüchtig, aber das eben ist mir ein sehr ernstes Zeichen: Die einen stellen sich ein auf das Geschäft und werden oberflächlich, die anderen auf die Arbeit und bleiben tiefere Menschen. Unterhalten Sie sich ruhig weiter mit Rudolf, solange er noch bei uns ist.«

»Gnädige Frau meinen, daß er nicht lange bleibt?«

»Das meine ich, und ich werde recht behalten.«

»Aber er hat doch gar nicht viel zu tun.«

»Das ist es eben. -- Ziehen Sie Ursula das Russenkittelchen an, Marie.«

Nachdenklich tat das Mädchen in den nächsten Tagen seine Arbeit, und nachdenklicher als sonst war der Sohn des Hohlofenbauern in Schönbach.

Er war am anderen Abend zu Grete Frieders gegangen, nicht im mindesten daran denkend, daß er ihr Verlegenheiten bereiten könne. Sie hatte ihn freundlich begrüßt, er hatte in der Sofaecke gesessen, bis sie ihr Mädelchen zu Bett gebracht, hatte gehört, wie die Mutter mit dem Kinde betete, und hatte dann der schwarzgekleideten Frau, in deren Gesicht jetzt erst der Schmerz seine Zeichen zu graben schien, gegenüber gesessen. Dann war Frau Grete aufgestanden. »Rudolf, es ist ein so schöner Abend. Ich habe den ganzen Tag im Laden gesteckt. Wenn es Ihnen recht ist, gehen wir ein Stündchen in den Stadtpark.«

Sie waren miteinander die Treppe hinabgegangen. Als sie an einer der Flurtüren vorüberkamen, steckte eine Frau den Kopf lauernd durch den Spalt, und als Grete Frieders dann, nachdem sie eine Treppe tiefer geschritten war, den Blick hob, sah sie, wie sich der graue Kopf weit über das Geländer herabneigte.

Die beiden waren auf der Straße, da sagte Grete Frieders bitter: »Haben Sie die Frau in der Tür gesehen, Rudolf?«

»Ja.«

»Wissen Sie, was die jetzt sagt?«

»Was soll sie denn sagen?«

»Jetzt sagt sie es ihrem Mann, nachher weiß es die Nachbarin, morgen das ganze Haus, was ich für eine schamlose Person bin. Kaum ist mein Mann unter der Erde, da kommen die Männer zu mir, und ich gehe mit ihnen spazieren, und ich bin ein ganz miserables Frauenzimmer.«

»Aber, Grete!«

Die Frau lächelte bitter. »Ich hätte es Ihnen ja nicht zu sagen brauchen, aber ich rechne damit, daß es einmal irgendwie auf Sie zugetragen wird. Dann wissen Sie Bescheid. Regen Sie sich nicht auf, Rudolf, die Leute können nicht anders. Sie haben nichts, das sie tiefer packt, und -- sie reden, was sie sehen und hören. -- Nicht aufregen, Rudolf, es sind arme Menschen. Sehen Sie, der Mann der Frau trinkt. Ich bin gut dafür, daß er jetzt betrunken auf seinem Bette liegt. Die Frau hat auch schon viele Prügel gekriegt.«

»Warum geht sie da nit weg? Das ist doch ein Hundeleben!«

»Nicht so schreien, Rudolf. -- Das sind Dinge, die Sie auf Ihrem Dorfe nicht kennenlernen, die es da wohl auch nicht gibt.«

»Wir haben in Schönbach nit einen einzigen Trinker.«

»Vielleicht hat der Mann früher auch nicht getrunken. Ich kenne die Leute erst drei Jahre. Die Frau hat ihr Haus nicht in Ordnung, ist liederlich und mag nicht arbeiten. Der Mann hat vielleicht im Anfange Lärm geschlagen, nachher hat er halt angefangen zu trinken.« Grete Frieders wies auf die großen Mietskasernen in der Ferne. »Da steckt viel Jammer drin, Rudolf, aber es wohnen da auch viel tapfere Leute.«

»Von Ihrer Art.«

»Bei mir war so wenig Tapferkeit nötig wie bei meinem Manne. Wir wollten beide dasselbe, wollten beide vorwärts, und wenn das ist, Rudolf, dann ist die Stadt so gut wie das Dorf, in vielem sogar besser. Anders aber ist's, wenn eines sparen und eines vertun will oder eines die Häuslichkeit liebt und das andere nicht daheim bleiben will. Dann bleibt gewöhnlich leider nicht der bessere Teil obenauf, sondern der schlechtere, einerlei ob Mann oder Frau.«

»Grete,« sagte Rudolf Korn nachdenklich, »ich bin noch nit lange da, aber das weiß ich jetzt schon, daß der Vater unserer Frau recht hat. Der sagt, man muß die Stadt zuerst von der Rückseite sehen.«

Frau Grete lächelte. »Das ist leichter gesagt als durchgeführt. Sie werden die Stadt kaum von der Rückseite kennenlernen. Wie wollen Sie das auch machen, selbst wenn Sie es versuchen wollten? Sie können doch nicht in die Häuser hineingucken. Meint der alte Herr aber die Arbeitsplätze, dann hätte er die ruhig als die Vorderseite bezeichnen können. Vielleicht hat er an die Lokale und die Auslagen gedacht. Die sind aber nicht das Gesicht, die sind bloß die Farben drauf und die, nun ja, in der Stadt schminkt man sich halt.«

Rudolf sah die Frau verwundert an. »Was haben Sie eigentlich für Schulen durchgemacht?«

Wieder lächelte sie. »Gar keine weiter als eine gute Volksschule. Aber sehen Sie, hier schon haben Sie etwas, das das Dorf doch nicht in dem Maße bieten kann. Wir können leicht so viel lernen, wie wir wollen.«

Sie schwiegen ein Weilchen. Dann sagte die Frau sachlich und ruhig: »Man wird in der Stadt beweglicher, aber wenn ich ~Sie~ so ansehe und höre, dann scheint mir, man bleibt auf dem Dorfe innerlicher.«

Dazu nickte Rudolf. »Das liegt an dem Umgange.«

»Mag sein. Sie sind der Erde näher.«

Da brach es warm aus dem Manne herauf. In der Ferne erblickte er sein Heimatdorf und erlebte er sein Mädel. Seine Augen gingen durch den stillen, weiten Park und sahen doch die Bodenwiesen vor sich, den Schönbach mit seinen Wellen und seinen Erlen am Ufer. Er stand auf dem Anger und sah von weitem den Turm der Bergkirche, hörte die Dorfglocken und sah sein Mädel die braunen Arme regen, indes ihm die langen, blonden Zöpfe immer wieder über die Schultern fielen.

Als er aufhörte zu sprechen, sagte Frau Grete: »Für heute ist es genug, Rudolf. Jetzt reden wir nichts weiter.«

»Aber das Mariele müssen Sie kennenlernen.«

»Ja, das will ich.«

»Und meine Mutter auch.« Er lächelte. »Ich müßte sie schlecht kennen, wenn sie auf meinen Brief nit herkäme. Aber ich habe ihr geschrieben, sie soll dann zu Ihnen kommen. Das ist Ihnen doch recht?«

»Ja, Rudolf. Bei meinen guten Günthers kann ich zu jeder Stunde abkommen. Gott sei Dank, daß ich die habe.«

»Sind denn da keine eigenen Kinder?«

»Nein, die alten Leute sind kinderlos.«

»Dann können Sie doch das Geschäft übernehmen.«

»Das könnte ich,« entgegnete die Frau, wieder ein gutes Lächeln um den Mund, »wenn ich -- das Geld dazu hätte. Sie müssen doch schließlich für ihr Alter sorgen.«

»Lassen Sie mich erst wieder daheim sein, dann können wir weiter darüber reden.«

»Nicht doch, Rudolf. Ich schlage mich schon durch. -- Sie müssen ja überhaupt erst Ihre fünftausend Taler beieinander haben.«

»Das ist dummes Zeug, und davon kann gar keine Rede sein.«

»Wenigstens nicht ernsthaft. Das denke ich auch.«

»Wenn der Vater nit so ein Pulverkopf wäre -- -- --«

»Nicht, Rudolf. Er ist Ihr Vater. Ich glaube, er weiß schon seinen Weg.«

»Wird er wohl wissen, aber nötig war's nit.«

»Nötig nicht, aber es ist doch gut. Ihre Mutter sieht die Sache richtig an, und Sie tun es ja auch. -- Wann wollen Sie denn heim?«

»Das kann ich noch nit sagen, und das kommt ganz darauf an, aber das weiß ich, daß ich ein Jahr aushalte.«

»Ein Jahr ist lang.«

»Für das, was ich möchte, nit lang genug, aber noch länger will ich's doch nit hinausziehen.«

Sie waren wieder in die Straße gekommen, in der Frau Frieders wohnte, und sagten sich gute Nacht.

Zwei Tage vergingen, Tage, in denen jedes die starke Spannung spürte, die über dem Hause des Bankiers lag. Der Herr schrie zuweilen bei den Auseinandersetzungen mit seiner Frau, daß es keines Horchens bedurfte, um zu wissen, daß schwere Sorgen die Einigkeit hinausgejagt hatten. Frau Werner war eine stille Frau. Sie hatte den Mann lieb, hätte fraglos ihr ganzes Vermögen geopfert, wäre ihr Vater nicht dazwischengetreten.

»Rudolf,« sagte das Hausmädchen am Morgen wispernd zu Rudolf Korn, »es steht auf der Kippe.«

»Dummes Zeug, Marie. Wenn das wäre, dann würde er doch zuerst das Zeug verkaufen, das hier herumsteht und hängt, meinetwegen auch das Haus und die Pferde.«

Sie schüttelte den Kopf. »Wie denken Sie sich das denn eigentlich? Erstens gehört das meiste der Frau, zweitens wäre es ein Tropfen auf einen heißen Stein. -- Sie sind komisch, Rudolf. Unsereins weiß mit neunzehn Jahren mehr als Sie mit siebenundzwanzig. Dabei sind Sie ein Mann. Passen Sie auf: Sie müssen heute die gnädige Frau zu ihrem Vater fahren. Sie wird die Kinder mitnehmen. Der Herr hat sie noch einmal breitgeschlagen. Das ist der letzte Versuch, und wenn der fehlschlägt, dann -- -- -- Aber nichts verraten, Rudolf, ja nicht. Die gnädige Frau tut mir ja in der Seele leid.«

»Abwarten, Marie. Vielleicht haben Sie -- falsch gehört.«

»Ich habe überhaupt nichts gehört, aber ich weiß.« Weg war sie und schlug die Tür hinter sich zu.

Und es geschah, was die Kluge vermutet. Um neun fuhr Rudolf den Bankier nach der Bank. Als er zurückkehrte, wartete seine Herrin auf ihn, die Kinder an den Händen. »Spannen Sie nicht erst aus, Rudolf. Sie sollen mich zu meinem Vater fahren. Wenn wir ihn nicht mehr im Hause treffen, müssen wir nach dem Werke.«

Der alte Herr Schmidt war schon seit über einer Stunde von daheim fort. Rudolf mußte nach der Eisengießerei fahren. Er war nie da draußen gewesen. Das ungeheure, hin und her flutende Leben auf dem Werke betäubte ihn. Wohl stellte er vergleichend fest, daß in der Grube nicht weniger, sondern wahrscheinlich noch sehr viel mehr Menschen beschäftigt gewesen waren, und doch wirkte das Werk gewaltiger. Abgesehen davon, daß sich alles im Lichte des Tages abspielte, es war zusammengeballter und vielseitiger. Die Arbeit war einer ungeheuren Brandung gleich, aus der herauf einzelne Stimmen als Kreischen, Hämmern, Stöhnen, Rollen brachen. Es herrschte nicht die dumpfe, drohende Stille der Grube, die Arbeit schrie ihr Lied, und das kam nicht daher in einzelnen Tönen, das brauste auf als ein einziger gewaltiger Akkord.

Rudolf war, indes die Pferde wartend vor der Tür standen, beobachtend hin und her gegangen. Mit welcher Leichtigkeit die mächtigen Kräne die Lasten emporhoben, drehten, beförderten, sinken ließen. Aus einem düsteren Gebäude glotzten glühende Augen. Da standen die Schmelzöfen und, wie in der Grube, hantierten da Männer mit entblößtem Oberleib. Dem Beobachtenden aber schien es, als seien diese Männer stärker als die Bergleute, stärker in ihren Leistungen und in ihren Forderungen. Ihre Gesichter waren trotzig und hart und ohne die besinnliche Linie, die das Leben tief drunten in der Erde in jedes Antlitz zeichnet.

Als er sich wandte, sah er Frau Werner aus dem Hause treten. Der Großvater führte die Kinder. Rudolf war mit ein paar raschen Schritten am Wagen und lüftete die Mütze vor dem alten Herrn.

Der erwiderte den Gruß, aber sein Gesicht war tief ernst, beinahe traurig.

»Auf Wiedersehen, Elisabeth.« Er reichte der Tochter die Hand. »Wiedersehn, Kinder.«

Der Wagen fuhr vom Werke. Rudolf mußte den Weg über die Bank nehmen. Frau Werner stieg aus, kehrte aber nach kurzer Zeit, noch bleicher im Gesicht, als sie in das Haus gegangen war, zurück.

Der dumpfe Druck auf dem Hause ward immer stärker. Es gab keine laute Auseinandersetzung mehr. Selbst Marie wußte nichts zu berichten, und Rudolf hatte nicht nötig, sie zu bitten, die Zuträgerei zu lassen.

Das allzeit heitere Mädel hatte rotgeweinte Augen, schämte sich und sah an Rudolf vorüber, wenn sie einander über den Weg liefen. Die Tage schlenderten langsam dahin und wuchsen dem jungen Hohlöfner ins Endlose. Er machte sich da zu schaffen und dort, hatte sich sogar von Grete Frieders das Buch geholt, das sein Freund so gern gehabt, und hatte es gelesen. Die Heiteretei gefiel ihm. Er lächelte oft vor sich hin und stellte Vergleiche an. »So wäre das Mariele auch gewesen, das hätte sie geradeso gesagt, und der Heiteretei fehlen, wie es scheint, bloß die langen Zöpfe, dann wäre sie auf und ab das Mariele.«

Als er gegen Abend in die Küche kam, reichte ihm Marie einen Brief. Die Mutter schrieb, übermorgen wolle sie kommen. Sie würde um dreiviertel zehn auf dem Bahnhofe eintreffen. Das paßte Rudolf. Um die Zeit war er frei. Er konnte sie abholen, aber er mußte Grete Frieders Nachricht geben, damit die auch daheim war. Das tat er, aber er hielt sich nicht auf.

* * * * *

Harrend stand Rudolf Korn auf dem Bahnsteig. Der Zug fuhr ein, und -- da war die Mutter, breit, gesund, lachend. Sie trug eine schwere Reisetasche.

»Guten Tag, Mutter.«

»Tag, Rudolf. Da bist du ja. Hätt mich schon durchgefunden zu der Frau, wenn du nit hättest abkommen können.«

»Gib die Tasche her, Mutter.«

»Die ist schwer. Deine Wäsche ist drin und was zu essen. Sie lassen alle schön grüßen, der Vater und das Mariele und der Lehrer und Berteles-Mutter und der Schmied.«

»Das ist ja bald das ganze Dorf.«

»Ja. Könnte gern noch ein paar herzählen. Nimm's für die andern gleich mit. -- Du liebe Zeit, ist das ein Leben! Da getraut man sich ja nit über die Straße.«

»Ist auch nit ganz ungefährlich. Komm nur, ich führe dich. -- So, da wären wir schon auf der richtigen Seite. Es ist nit weit zu Grete Frieders. Wir brauchen nit erst zu fahren.«

»Aber freilich laufen wir. Wir werden doch nit unnütz Geld ausgeben.«

»Das wäre nit teuer. Kostet nur einen Groschen.«

»Und dafür kann man fahren, wohin man will?«

»Dafür kannst du eine Stunde lang fahren.«

»Ist nit zu glauben! Das ist freilich kommod. Rudolf, du siehst nit gut aus. Bist du krank?«

»Nein, Mutter, ich bin gesund, aber unser Herr hat sich die Nacht erschossen.«

Die Hohlöfnerin schrie auf.

»Er -- schossen?«

»Nit so laut, Mutter. Komm nur weiter. Ja, erschossen. Seine Frau hat ihn heute früh tot vor dem Schreibtisch gefunden.«

»Sind denn Kinder da?«

»Ja, zwei.«

»Dann muß sich der Mann ins Grab hinein schämen, daß er den Kindern das angetan hat.«

»Darüber denkt man hier anders.«

»Da ist gar nix zu denken. Mensch ist Mensch, ob in der Stadt oder auf dem Dorfe. Der Herrgott ist überall, und jeder Vater hat an seine Kinder zu denken, damit sie nit zeitlebens mit einem Flecken auf ihrem Namen herumlaufen müssen. Warum hat er denn das gemacht?«

»Er soll schwere Verluste im Geschäft gehabt haben.«

»Du meine Zeit, hätte er halt wieder von vorn angefangen.« Sie schüttelte den Kopf. »Wie kann sich ein Mensch das Leben nehmen! Alles ist wieder gutzumachen, aber das nit. -- Was wird denn nun mit dir?«

»Darüber wollte ich eben reden. Die Frau hat mir sagen lassen, ich solle um elf zu ihr kommen. Da wird ihr Vater da sein. Es tut mir leid, Mutter, daß ich euch eine Weile allein lassen muß.«

»Da ist nix leid zu tun. Mach du nur deine Sachen. Die gehen vor. Ich fahre erst morgen wieder fort. -- Nun hast du doch fürs erste keinen Posten?«

»Nein, vorläufig nit, aber es wird sich schon wieder etwas finden.«

»Dummes Zeug, Rudolf. Hört auf mit euren Dummheiten, ihr zwei Dickköpfe. Komm heim.«

»Noch nit, Mutter. Nun habe ich erst Appetit gekriegt.«

»Und der auf daheim vergeht dir?«

»Nein, der wird Hunger.«

»So. Darüber müssen wir mehr reden.«

»Da wohnt Grete Frieders.«

Die Hohlöfnerin sah an dem himmelhohen Hause hinauf.

»Wieviel Leute wohnen da eigentlich?«

»Ich weiß nit, aber hundert werden das wohl sein.«

»Du bist nit gescheit! Das ist ja das halbe Dorf.«

»Es gibt Häuser, in denen mehr wohnen als in ganz Schönbach.«

»Hör auf! Wenn ich das nit mit eigenen Augen sähe, tät ich's nit glauben.«

Sie stiegen die Treppe hinauf, und Korns Mutter blieb öfter stehen. »Ach du lieber Gott, du lieber Gott! Immer noch höher?«

»Bis unter das Dach.«

»Rudolf!«

»Dafür ist's droben um so hübscher.«

»Junge, hübsch kann ~das~ nit sein!«

Grete Frieders stand schon wartend vor der Tür, hörte die zwei sprechen und lächelte.

Sie ging der Hohlöfnerin mit ausgestreckter Hand entgegen.

»Guten Tag, Frau Korn.«

»Guten Tag und schönen Dank, daß sie mich aufnehmen. Werde Ihnen doch auch nit zu viel?«

»Gar nicht. Ich freue mich, daß Sie zu mir kommen. Rudolf hat mir schon so viel erzählt.«

»Was ist denn von mir groß zu erzählen? Ich komme vom Dorfe.«

Grete Frieders hielt ihre Hand fest und sah ihr hellen Auges in das gute Gesicht. »Kommen Sie nur, Frau Korn, mein Mädelchen wartet auch schon auf Sie.«

Die Hohlöfnerin nahm das Kind auf den Arm. »Du kleines Dingelchen. -- Fragt sie nit manchmal nach dem Vater?«

»Das tut sie, aber sie weiß ja, wo er ist.«

»Im Himmel, gelt, du kleines Herzblatt. -- Ach, lieber Gott, ist das eine Welt! Nun hat sich auch noch dem Rudolf sein Herr erschossen.«

Frau Grete wußte es schon. »Es soll schlecht mit ihm gestanden haben,« sagte sie.

Die Bäuerin ließ keine Entschuldigung gelten.

Rudolf sah nach der Uhr. »Mutter, ich muß jetzt gehen. Es wird nit lange dauern, dann bin ich wieder da.«

»Geh nur, Rudolf. Wir erzählen uns derweile.«