Chapter 6 of 19 · 3978 words · ~20 min read

Part 6

Es war eine ehrliche Selbstkritik, aber sie war doch nicht so gründlich, daß sie die Stützen ganz verschmäht hätte. Wie der Rudolf vorhin gesprochen! Gleich vom Fortlaufen. Aber -- -- -- Er hatte recht. Das kann man ihm nicht zumuten, daß er alt und grau wird. Und alles um fünftausend Taler! Ja, aber in demselben Maße um das Auslachen, um den Hanswurst. Grade weil der Hohlöfner so heiter ist, weil er gern neckt, lauert er darauf, daß ihn keiner für einen Hanswurst nimmt. Er weiß, daß er eigentlich immer auf der Messerschneide läuft. Diesseits ist er überlegen, jenseits ist er ein Narr. Und er ~ist~ kein Narr! Er ist ein ~Mann~, der selbst im Scherz männlicher ist als die meisten. Warum soll ein Mann nicht scherzen und lachen können? Ihm, dem Hohlöfner, steht die Nase nun einmal so, und er kann nicht aus seiner Haut. Von nun an knurrend durch die Tage gehen, wortlos am Mariele vorüber?

Dem Bauer ist die Pfeife ausgegangen, wütend schreitet er auf sein Bienenhaus zu, reißt die Tür auf, knallt sie in das Schloß. Die Bienen aber sind erregt. Ein ganzes Volk will wandern, eine neue Staatengründung steht bevor, Dinge, an Ernst nicht zu überbieten. Und da fährt einer mit Geknall und tolpatschigen Händen dazwischen!

Heinrich Korn blickt auf das Gewimmel. Wie sie rennen, surren, schwirren. Wie bei den Menschen, wie vorhin in der Stube des Hohlofenhofes! Ist denn heute alles verrückt? Die Schwüle, die Auseinandersetzung, das aufgeregte Hin und Her im Bienenstock, des Sohnes Drohung: Dann treibst du mich vom Hofe!

Da: Tüt tüt. Die Königin tutet. Es geht dem Bauern durch Mark und Bein. Auswandern, einen eigenen Herd bauen wie -- sein Sohn und das Mariele?

»Mußt mir das auch noch sagen, dummes Viehzeug?« keift er, poltert heraus aus dem Bienenhause, knallt wieder die Türe zu, daß das ganze Haus schüttert, will davongehen. Will ~gehen~ und -- rennt doch zuletzt; denn die beleidigten Bienen sind über ihm.

Der Hohlöfner läßt sie sich sonst über die Hände laufen. Heute, -- er ist ganz von Sinnen, -- schlägt er nach ihnen. Piek, der Stich saß im Nacken, piek, der auf der Rechten. Da ist sogar ein Vieh ins Hosenbein gekrochen. Au! Klatsch. Dunnerlichting! Der Stich saß in der Unterlippe. Jetzt rennt der Hohlöfner, schlimmer als vor acht Tagen der kleine Adolf Heger. Jetzt ist er im Hausflur, jetzt reißt er die Tür auf, und -- da steht Fritz Ender.

»Was willst ~du~?«

»Mit dir reden. -- Kannst wohl nit einmal mehr willkommen sagen?«

»Dir nit mehr.« Und immer hält der Hohlöfner die Hand vor den Mund. Wie das anschwillt! Das geht binnen Ja und Nein. Ein paar rasche Schritte vor den Spiegel. Richtig, der Mund ist, als wäre er vorgeschuht. Wieder die Hand davor. Das braucht der Ender nicht zu sehen. »Was willst du? Mach's kurz.« Es klingt bereits, als würde mit dem Stampfer Kartoffelbrei gerührt.

»Wir müssen der Erle wegen reden. Die muß weg. Schattet mir zu viel und tut mir zu viel Schaden an der Wiese.«

»Ist recht. Grade wie ich's haben will.«

»Vater!« Die Bäuerin legte ihm mahnend die Hand auf den Arm.

Der Mann schüttelte sie ab. »Hast etwa Mitleid mit dem? Das wäre grade richtig. -- Die Erle ist mein!«

Und Ender ruhig: »Das eben wissen wir nit. Ich hab keine Lust, mit dir zu prozessieren. Wir müssen ausmessen lassen.«

Der Hohlöfner juckte sich am Bein, malmte die Worte wie Brei, wirkte komisch und erhöhte die Wirkung durch seine Erregung.

»Ausmessen? Prozessieren? Den Deibel tu ich! Nix wird gemacht.«

Dabei riß er die Hand vom Munde. Die Unterlippe hing herab wie ein breiter Hemmschuh.

Erst stutzte der Enderbauer, dann überwog das Lächerliche allen Ernst derart, daß er laut auflachte und in die Hände schlug. »Hohlöfner, in aller Welt! Wo hast du denn ~den~ Hemmschuh gekauft?«

Das war unklug. Der Hohlofenbauer hob die Faust, sein Weib mußte dazwischenspringen, fluchte und brachte doch kein Wort mehr deutlich heraus.

»Nun erst recht ist die Erle mein. Wäre mir bei einem anderen nit darauf angekommen, aber dir -- keinen Span!«

»Hohlöfner,« entgegnete der Enderbauer, jetzt wieder der hämische Mann, »setz auf eine Dummheit die zweite. Ist deine Sache. Jeder, wie's ihm paßt, aber das sage ich dir: Die Erle steht nit mehr so lange wie dein Vorlegeschloß vor dem Maule hängt. Bis du das abgehängt hast, liegt der Baum. -- Ich hab nix mehr zu sagen. Lebt wohl.«

Minna Korn drehte ihren Mann kurz auf dem Absatz herum. -- »Laß den. Der ist nit wert, daß du dich mit ihm begibst. Was ~ich~ von ihm denke, hat er gehört. -- Guck in den Spiegel. So siehst du aus. Und nun wunder dich nit, wenn einer über dich lacht. Zum Sterben ist's nit.«

Der Bauer stand abermals vor dem Spiegel, und das verschwollene Gesicht sah so komisch aus, daß sein Träger selber nicht wußte, sollte er lachen oder fluchen. Er hielt es mit keinem, knurrte, warf sich in die Sofaecke und stützte den Kopf in die Hand.

Sein Weib setzte sich kopfschüttelnd neben ihn. »Was hast du bloß mit den Bienen gemacht, Vater? Du kannst dich doch sonst dazwischen legen und tut dir keine was.«

»Was werde ich gemacht haben? Ist eben alles heut verrückt, und wegkommen sie, die Viecher.«

Dann langte er nach der Pfeife, brannte sie an und qualmte in dicken Wolken.

Es war eine Weile still, und eine dicke Brummfliege taumelte zornig gegen Decke und Wände. Lastende Schwüle lagerte über der Stube.

Der Hohlofenbauer horchte auf. »War das nit eben gedonnert?«

»Es donnert schon eine ganze Weile.«

»Ist Rudolf wieder heim?«

»Er ist ja kaum fort.«

»So. Hältst ihm die Stange. Ich weiß schon.«

»Nit mehr, als recht ist. -- Ihr Männer! Bindet euch andermal Schürzen um, wenn ihr ins Wirtshaus geht. Uns Weibern passieren solche Dummheiten nit. Hast einen schönen Streich gemacht.«

Der Bauer paffte jetzt, daß er in Wolken gehüllt war. Aus dem Gewoge kam es dumpf und knurrend: »Laß mich nit auslachen.«

»Das ist der Popanz, auf den du aus bist wie ein junges Mädel auf den Tanz. Mach's danach, und es lacht dich niemand aus.«

Und ernster und herzlicher: »Vater, ich weiß genug vom Ender, um mir die Sache zusammenreimen zu können. Nun tu mir den Gefallen und erzähle, wie's richtig war. Dann brauch ich nit andere Leute drum zu fragen, und wir können sehen, wie wir weiterkommen; denn aus der Welt ~muß~ die Sache. Ich kenne meinen Hohlöfner gut genug, weiß, wie lieb dir das Mariele ist, und daß die Hälfte vorhin Getue war.«

Wieder kämpfte die Bäuerin sich schrittweise vorwärts. Heinrich Korn wand sich, wie vorhin der Ender. Er war seiner Frau nicht gewachsen. Gab er sich jetzt wahr, so daß ein ehrlicher Schmerz in seiner Stimme klang, so polterte er nachher in gemachtem Zorn. Eigensinnig aber beharrte er darauf: »Ich geb nit nach, und ich laß mich nit auslachen.«

»Nun will ich auf Ehr und Seligkeit wissen, ob du etwas gegen das Mariele hast,« verbiß sich sein Weib.

»Was soll ich gegen das Mädel haben? Hab immer meinen Spaß mit ihr gemacht.«

»Gut. Dann ist's also das Geld. Woher soll sie das nehmen?«

»Kann mir egal sein. ~Ich~ geb's ihr nit.«

»Gib's mir. Dann will ich's ihr geben.«

»Untersteh dich!«

»Daß ~ich~ von den beiden armen Weibsleuten lasse, das wirst du nit verlangen, und ich tu's auch nit. -- Mann! Mann! Gib nach, sag dieses einzige Mal nur: Ich hab mich überrumpeln lassen.«

»Du willst mich kennen und verlangst, daß ich hier nachgebe? Nit einen Schritt! Das Mädel bringt die fünftausend Taler und dann -- -- --« Er brach ab und zuckte die Achseln, »oder -- es wird nix daraus.«

»Und Rudolf?«

»Soll er tun, was er nit lassen kann.«

»Und wenn er fortgeht?«

»Mache ~ich~ ihm noch die Türe auf.«

»Das ist nit dein Ernst.«

»Mein heiliger.«

Da ging die Bäuerin langsam auf ihren Fensterplatz. Wieder nach einem Weilchen stand der Bauer auf, sich einen Krug Wasser zu holen.

In der Küche trat ihm die Kleinmagd entgegen, die eben ausgehen wollte.

Sie schlug lachend die Hände zusammen: »Jesses, Bauer, wie seht Ihr denn aus?«

»Noch lange nit so dämlich wie du.« Er nahm sie am Arme und schob das kichernde Ding hinaus.

Als er in die Stube zurückkehrte, setzte draußen urplötzlich der Regen ein, als wenn Mulden vom Himmel herab ausgeschüttet würden.

* * * * *

Marie Berteles saß harrend am Fenster. Das Herz schlug ihr bis zum Halse. Die zaghafte, kleinmütige Mutter machte es ihr nicht leicht. Alle Bedenken und Einwände, die das Mädel selber wußte, unterstrich sie mit einem »Du wirst sehen, daß ich recht habe. Wo kann das sein, daß du armes Mädel auf den großen Hof kommst, wo der Rudolf noch dazu der Einzige ist!«

»Mutter,« bat die Tochter gequält, »mach mir's nit noch schwerer, als es schon ist. Was kann ich dafür, daß wir uns gern haben?«

Sie sah zum Fenster hinaus, blickte zum Himmel empor, an dem sich die Wolken türmten, lief rasch noch einmal in den Garten und brach ein paar Fliederdolden, kehrte zurück und wartete. Und die Uhr schlug, der und jener ging draußen vorüber, der Wind machte sich auf, und die Baumkronen rauschten; den sie erwartete, der kam nicht. Sie schlang die Hände ineinander, wickelte sich nach ihrer Gewohnheit die Zöpfe um die Handgelenke, zerdrückte eine Träne im Augenwinkel.

Es war also doch anders gegangen, als Rudolf erwartet, anders, als sie im stillen gehofft. O weh! Und Rudolf hatte sich das so schön gedacht: Der Vater, lachend und gewichtig, als Freiwerber, dann er selber, zuletzt die Mutter, darüber Sonne und Sommerglück. O weh, nun kam eine harte Zeit.

Die Uhr tickte. Zimmermann Witter, der am Fenster vorüberging, wies nach dem Walde: »Es kommt aus dem Schlachthaken her. Wir müssen uns auf was gefaßt machen.«

Da -- kam Rudolf die Straße herab, allein, schon im Gehen verratend, daß er tief erregt war. Und sein Gesicht, als er näher kam! Blutleer, ernst, hart. Das Mariele wagte nicht, von der Bank aufzustehen.

»Tag!« Rudolf reichte Mutter Berteles die Hand. »Berteles-Mutter, Ihr wißt, wie es um uns beide steht. Wir wollen nun zum Heiraten tun, und ich will Euch fragen, ob Ihr etwas dagegen habt. Bin ich Euch recht?«

Alles kurz und knapp und hart.

Und die Mutter weinerlich: »Ach Gott, Rudolf, ob du mir recht bist! Ich wüßte keinen, dem ich das Mariele lieber gäbe, aber ich weiß halt nit, ob sie deinen Leuten recht ist.«

»Darüber reden wir nachher.« Er trat auf das Mariele zu, zog sie von der Bank empor, nahm sie in die Arme: »Ich laß nit von dir!«

Sie barg sich wie ein verängstigter Vogel an seiner Brust.

»Der Vater will's nit?« fragte sie leise.

Rudolf streichelte ihr das Gesicht. »Nit so ängstlich sein. -- Ob er will?« Er zuckte die Schultern. »Vorläufig tut er so, als ob er nit wollte, aber ich glaube nit, daß das seine richtige Art ist. Ich habe ihm gesagt, der da so wild täte wie ein Stier, das wär nit der Hohlöfner.«

»Rudolf, um Gottes willen, du hast doch nit zuviel gesagt?«

»Ich denk nit. Würde auch ~jetzt~ kein Wort anders sagen.«

Mutter Berteles saß weinend hinter dem Tische. »Ich hab's gesagt, ich hab's doch gesagt.«

»Was hat er gegen mich?« fragte das Mariele.

»Bring fünftausend Taler mit.«

Die Mutter schlug die Hände zusammen, das Mariele hätte Rudolf nicht überraschter ansehen können, wenn er ihr erzählt, am Fliederstrauche im Berteles-Garten seien Trauben gereift.

»Fünf--tau--send Taler!« Mutter und Tochter riefen es aus einem Munde. Während aber die Mutter bestätigend nickte und murmelte: »Ja, die reichen Leute!« schwieg die Tochter in Weh darüber, daß das Bild des lieben, fröhlichen Mannes so häßlich verzerrt ward. Er war -- wie die anderen, und sie hatte ihn hoch ~über~ die anderen gestellt.

Und eine Stunde später lebte doch wieder etwas wie Zuversicht in ihr. Rudolf glaubte nicht, daß der Vater unerschütterlich bei seiner Forderung bleiben werde. Darin ging das Mariele gern mit ihm. Zaghaft aber nur folgte sie ihm, als er allen Ernstes erklärte. »Und gibt er doch nit nach, dann, Mariele, schaffe ich uns ein ander Unterkommen. Es geht nit so rasch mit dem Heiraten, aber es geht.«

»Nit, nit,« schrie die Bertelessin auf. »Nit gegen den Vater! Ist kein Segen dabei!«

»Soll ein Segen dabei sein, wenn ein Vater seinen Einzigen zeitlebens unglücklich machen will?« trotzte Rudolf.

»Ach Gott, ich hab's doch gesagt!« jammerte die Bertelessin. »Hätt' ich's nur nit zugegeben, als noch Zeit war.« Sie ging hinaus, diese und jene kleine Hantierung in der Wirtschaft zu verrichten; denn wenn die Hände arbeiteten, ward es dem Herzen leichter. Die jungen Leute aber saßen und planten und wachten erst auf aus düsteren Zukunftsträumen, als ein Wetterschlag das Haus erzittern machte.

Ja, das Wetter kam vom Schlachthaken her, dem Waldtale, das an dem großen Bogen des Flusses lag, in den der Schönbach mündete. Ein kurzer, wilder Regen rauschte, dann mit einem Male dumpfe, unheimliche Stille. In die Stille hinein ein rasender Blitz, dem unmittelbar prasselnder Donner folgte. Die Bertelessin kam schreiend in die Stube gerannt. »Es hat eingeschlagen!«

An ihr vorüber stürmte Rudolf die Treppe hinauf, keine Flammenzunge, kein Schwefeldampf. Er kam zurück. »Alles in Ordnung.«

»Dann ist's nit weit gewesen,« beharrte die Bertelessin. »Horcht auf, wenn sie das Feuerhorn blasen.«

Es schallte kein Feuerhorn. Wieder ward eine dumpfe Stille. Darauf kam von fern her ein Rauschen. Es knirschte wie der Ton einer unheimlichen Säge. Dann, langsam beginnend und sich jäh steigernd, das Prasseln des Hagels.

Mutter Berteles hatte die Hände gefaltet und stammelte mit zuckenden Lippen: »Mariele, Mariele! Was haben wir dem lieben Gott zuleide getan? Es -- ha -- gelt!«

Schwere Hagelkörner sausten nieder und sprangen hoch auf, der Berteles-Hof war weiß, als hätte es geschneit. Urplötzlich, wie der Hagel eingesetzt, brach er ab und ging in einen wilden Regen über, durch den die Blitze zischten und die Donner grollten.

Der Schönbach ward im Handumdrehen zum wildrauschenden Wasser, das sich am Zaune des Berteles-Gartens staute, weil ihm eine niedergebrochene Esche den Weg verlegte und in ihren Armen das Holzzeug aufhielt, das der Bach mitbrachte. Die Esche konnte nicht liegenbleiben. Das Wasser hätte den ganzen Berteles-Garten überschwemmt.

Rudolf Korn und das Mariele warfen sich alte Jacken über; der Bursche ließ sich Beil und Säge geben. Im strömenden Regen arbeitete er, und das Mädchen ging ihm zur Hand. Sausend grub sich das Beil in Äste und Krone der Esche. Die fuhren das Wasser hinab. Der Stamm war kahl, aber er hielt noch immer vielzuviel auf. Wieder flogen die Späne. Noch ein Hieb. Jäh führten die Wellen die beiden Stücke des Eschenstammes mit fort, so jäh, daß deren eines Rudolf Korn gegen die Füße schlug, daß er stürzte, daß ihn die Wellen hineinrissen in den wilden Bach.

Das Mariele schrie auf, rannte hinab am Bache. Rudolf klammerte sich an einen Weidenast. Sie reichte ihm die Hand, triefend stand er neben ihr. Da umschlang sie ihn und vermochte nichts zu sagen als: »Nit auseinander, nit, nit!«

Rudolf Korn ging kurz danach hinter dem Dorfe weg heim, begegnete niemand im Hause, zog sich in seiner Kammer um und ging an die Arbeit im Stalle.

Alle Felder nach der Bücherseite, die gegen den Schlachthaken zu lagen, waren schwer vom Hagel getroffen worden. Der Hohlöfner aber hatte seine Felder auf der anderen Seite gegen Dornweg und Nußbühl hin. Die Hagelgrenze war wie mit dem Messer gezogen und führte unmittelbar hinter den Häusern der linken Dorfseite weg. Hier hatten kaum die Gärten Schaden gelitten.

Der Abend kam, ein leuchtender, frischer Sommerabend. Vom Walde her duftete das junge Grün der Birken, Lerchen stiegen zum Himmel hinauf und sangen ihre Lieder.

An den Bücherfeldern aber standen verstörte Menschen. Wer versichert hatte, und das hatten die meisten getan, überrechnete, wie groß sein Schaden trotzdem noch sein werde. Wer die Ausgabe gescheut oder sie nicht hatte wagen können, wußte, daß er auf lange hinaus geschlagen war.

Zu den am schwersten Betroffenen gehörten Pauline Berteles und Fritz Ender, von denen die eine nicht versichert hatte, weil ihr der Betrag zu hoch war, der andere, weil er klüger war als andere Leute. Mit verbissenem Gesicht stand der Enderbauer vor seinen verhagelten Äckern und grollte: »Wer nit hochkommen soll, der kommt einmal nit hoch.« Kantor Ritter und Lehrer Siebert kamen daher. Zwischen ihnen ging die Hohlöfnerin. Ritter sprach dem Ender sein Bedauern aus. Er kam übel an. »Nix glaube ich mehr,« keifte der Ender. »Hab dem Herrgott nix getan, habe ihn in Ruhe gelassen. Warum muß er mir das antun!« Der verbitterte Mann lief davon, kam an das Feld der Berteles, und die Alte lief ihm entgegen, Mitgefühl suchend. »Ender, was soll nun bloß werden!«

»Was werden soll?« Der Bauer sah sie giftig an. »Nun wird das halt länger dauern mit den fünftausend Talern.«

Das hatte die Hohlöfnerin gehört und, was sie sonst kaum getan, das tat sie nun. Sie nahm Pauline Berteles in die Arme: »Nit jammern. Solange ~wir~ satt werden, sollt ihr auch nit Hunger leiden. Und das sag ich,« zum Ender gewandt, »die Heimtücker sollen ihre Freude nit haben. Komm, Mariele, morgen sieht das nit mehr so schlimm aus.«

Den dreien gesellte sich Lehrer Siebert zu. Er ging mit dem Mariele hinter den beiden Müttern drein. »Fräulein,« sagte er leise, »ich würde Ihnen so gern helfen. Meine Eltern sind tot, ich -- verfüge allein über das, was sie mir hinterließen, und -- -- --«

Freudig überrascht schlug das Mädchen die Augen zu ihm auf. Der junge Mann war blaß vor Erregung und sah sie mit einem so demütigen, bittenden Blicke an, daß das Mariele verlegen ward, ohne indessen zu ahnen, daß hinter den guten Augen stille, tiefe Wünsche lebten. Sie reichte dem Lehrer die Hand: »Ich danke Ihnen. Vielleicht können wir allein damit fertig werden. Schulden sind fix gemacht und schwer bezahlt.«

Lehrer Siebert lächelte. »~Die~ Schulden hätten Sie nicht gedrückt. -- Guten Abend. Ich will noch einmal durch die Bodenwiesen gehen. Es ist so schön jetzt nach dem Regen.«

Inzwischen hatte die Bertelessin in aller Harmlosigkeit der Hohlöfnerin von Rudolfs Unfall erzählt. Als die drei Frauen am Berteles-Garten auseinandergingen, hielt Minna Korn Marieles Hand lange fest: »Nit den Kopf hängen lassen, Mädel. Es ist noch lange nit aller Tage Abend.«

Wie Lehrer Siebert, so hatte auch Rudolf Korn noch einmal den Weg nach den Wiesen eingeschlagen. Er wollte sehen, ob der Bach viel verschlammt habe. Und siehe da, die große Grenz-Erle war weg. Der Blitz hatte sie getroffen und ihre Trümmer weit über die Wiese hingeschleudert. Sinnend stand Rudolf an dem Stumpfe. Wo war nun der Streit? Der Blitz, den die Bertelessin ihrem Hause vermeint, hatte sich die Erle ausgesucht. Kopfschüttelnd blickte der Bursche über die Wiesen, auf denen die Blumen langsam die Häupter hoben, ging zurück, traf Lehrer Siebert und schlenderte mit ihm auf dem Bodenwege heimwärts.

Die Eltern waren bereits zur Ruhe gegangen. Er klopfte an die Kammertür und berichtete, daß der Blitz die Erle zerrissen und die Fetzen zum Teil auf ihre, zum Teil auf des Enders Wiese geworfen habe.

Das kam der Hohlöfnerin wie gerufen. Sie hatte ihrem Krauskopf eben berichtet, daß das Mariele den Rudolf gerettet. »Siehst du,« fuhr sie triumphierend fort, »es ist nix von ungefähr. Warum muß dich die Biene in die Lippe stechen, daß du jetzt nit reden kannst? Hättest du gestern abend das Maul gehalten. Womit einer sündigt, damit wird er gestraft.« Sie redete allerhand und kam immer wieder zu dem Schlusse: »Das sage ich dir: ~Ich~ lasse so wenig vom Mariele wie der Rudolf.«

Der Hohlöfner aber grollte: »Und ich geb nit nach!« Er schlief wenig, ging mit sich ins Gericht, schalt sich. Doch: »Nachgeben tu ich nit und kann ich nit, und wenn mir der Junge den Stuhl vor die Tür setzt. Aber das wäre das erste Mal, daß der Hohlöfner einer Sache nit gewachsen wäre. Und das Mädel muß mir auf den Hof!«

4.

Die Tage haspelten ihre Stunden ab, jeder seine vierundzwanzig, und deren fünfzehn oder sechzehn hatten ihr gerüttelt Maß Arbeit. Rudolf Korn ging stiller durch das Haus als sonst, aber er ging dem Vater nicht aus dem Wege, bot ihm die Zeit, fragte dies und jenes. Die Antworten waren kurz und brummend. Auch die Bäuerin hatte ihre Not. Den ruhigen Darlegungen wich der Mann jetzt um so mehr aus, je mehr ihm sein Gewissen allein die Schuld gab.

Der und jener der Nachbarn, mit denen er am Sonnabend im Wirtshause gesessen, traf ihn, brachte die Rede auf das Hagelwetter, deutete an, daß der Ender beinahe verdiene, was ihm widerfahren, daß dafür aber die Bertelesfrauen um so mehr zu bedauern seien. Er sei vorhin dem Mariele begegnet. Die sehe ja geradezu zum Erbarmen aus.

Der Schmied, zu dem der Hohlöfner die Stute zum Beschlagen selber führte, weil sie schwierig zu behandeln war, ward deutlicher.

»Heinrich,« zürnte er, »da hast du eine Dummheit gemacht, das sage ich.«

»Ist meine Sache. -- Beschlag die Stute.«

»Mache ich auch, aber meine Meinung sage ich doch. -- Du bist ein Hitzkopf und mußt nachgeben.«

»Den Deibel werde ich tun.«

»Heinrich, mach dich nit zum Gelächter! Es steht außerdem keiner auf dem Ender seiner Seite.«

»Langt, wenn er selber darauf steht. Gesagt ist gesagt. Ich habe nit zu viel verlangt. Dabei aber bleibt's. Und nun schlag zu, sonst gehe ich zum Goßberger Schmied.«

Wer wußte, daß der Hohlöfner Tag und Nacht über einen Weg sann, auf dem er dem Mariele helfen könne, daß er, wenn er sich allein wußte, schon sogar etliche Male vor sich hin genickt und gelächelt hatte, daß er schon so weit war, zu sagen: Nachgeben? Natürlich muß ich nachgeben und werde es tun, aber den will ich sehen, der mir's ins Gesicht sagen darf!

Der Mittwochabend kam. Heinrich Korn und sein Weib saßen in der Stube und besprachen die Arbeit für morgen.

Da trat Rudolf herein, bescheidener noch, als es sonst seine Art war, und doch mit entschlossenem Gesicht.

»Vater, ist dir's recht, wenn wir noch einmal über die Sache reden?«

»Recht oder nit, red. Was herauskommt, müssen wir sehen.«

»Vater, wenn ich am Sonntag zu viel gesagt habe, dann denk nit mehr daran. Ich hab dir nit wehtun wollen.«

Der Hohlöfner wischte mit der Hand über den Tisch. »Wenn die Schüssel zerschlagen ist, kann sie bloß wieder geflickt werden. Ganz wird sie nit wieder.«

»Habe ich denn wirklich zu viel gesagt? Ich -- könnte ja heute auch nit anders reden.«

»Ich auch nit.«

»Du bleibst also bei den fünftausend Talern?«

»Ja. Anders nit.«

»Und das Mariele selber?«

»Hab nit gedacht, daß ~die~ einmal an Mutters Stelle treten könnte, aber -- -- --« Er strich wieder über den Tisch.

Und Rudolf bitter ernst: »Was nun, Vater? Sollen wir warten, bis ich hier auf dem Hofe die fünftausend Taler verdient habe, sollen wir beide, du und ich, wie die letzten Tage, wie Hund und Katze umeinander gehen? Beides kannst du nit verlangen. Ich sehe keinen anderen Weg als den, daß ich aus dem Hause gehe und wir, wenn ich einen Posten gefunden habe, heiraten. Ich will mir nit vor dem ganzen Dorfe die Schande antun, daß -- -- --«

»Ist das nit schon Schande genug, daß du davonlaufen willst wie der erste beste Ochsenknecht? Bin der Hanswurst so und so. Laß ab von dem Mädel. Mag sie heiraten, wen sie will. Du nimmst dem Wolfert aus Goßberg seine Klara.«

»Ich nehme keine andere als das Mariele!«

»Dann,« der Hohlöfner war unheimlich ruhig, »weißt du deinen Weg.«

Jetzt warf sich seine Frau dazwischen. »Nun hört die Narrheit auf! Was jetzt geschieht, das ist Frevel, und das leid ich nit!«

Zum ersten Male seit dem Tage ihrer Hochzeit standen sich der Hohlöfner und sein Weib kämpfend gegenüber. Der Bauer aber war eigensinnig wie ein Kind. »Ich laß mich nit auslachen!«

Minna Korn legte ihre Hand hart auf den Tisch. »Du gibst nit nach, Mann?«

»Ich kann nit.«

»Und du willst nit im Hause bleiben, Rudolf?«

»Ich -- kann nit.«