Part 17
»Ja,« antwortete der hell, »ich habe zwar noch kein Wort über die Stadt mit ihm gesprochen, aber ich sehe, daß er ein Bauer geblieben ist. Der wird nicht mit ungeschickten Händen zwischen das fahren wollen, was hier in Jahrhunderten natürlich geworden ist.«
Dazu nickte der Hohlöfner.
Die kleine Glocke hub an zu läuten. Der Bauer stand auf. »Mutter, das muß ich draußen hören.«
»Aber zieh dir wenigstens eine Jacke über, Vater. Es ist kalt.«
Korn lachte über das ganze Gesicht. »Wo denn, Mutter? Da drin ist's nit bloß warm, da ist's heiß.«
Dabei schlug er auf seine Brust.
Mitten auf der Dorfstraße stand der Hohlöfner. Da trippelte eines heran und stellte sich neben ihn. Es war die alte, unverheiratet gebliebene Leonore Seidel, einst die kunstfertige Dorfschneiderin, heute die gern gesehene Flickfrau. Sie reichte dem Hohlöfner nicht einmal bis an die Schultern. Allezeit zierlich und feingliedrig, war sie, nun sie im fünfundsiebzigsten Lebensjahre stand, vollends zu einem schmalen Schatten geworden.
Ihre zitternde, kleine Hand wie ein Kind in die breite, gesunde des Hohlöfners drängend, sagte sie mit feiner, schwingender Stimme: »Und ich kann nit mit auf den Turm! Es geht nit mehr.«
Leonore Seidel war einst weit und breit um ihrer schönen Stimme willen bekannt gewesen. Die war wohl noch fein und herzlich geblieben, aber sie war gegenüber den Stimmen der starken Jugend wie ein sturmverwehtes silbernes Glöcklein. Dabei war Leonore noch immer der Meinung, sie allein halte den Chor auf dem Turm. Und auch der härteste Bursche wagte nicht, den schönen Wahn der Alten zu zerstören. Noch letzte Weihnachten war sie die Treppe zum Turm auf allen Vieren hinaufgekrochen, hatte auf einmal mitten in der singenden Schar gestanden und mitgesungen. Dann, als das Lied zu Ende, hatte sie erklärt: »Ihr kommt nit nauf ohne mich.« Keiner hatte gelacht. Die Dorfjugend, die sonst wahrhaftig nicht von Feinfühligkeit belastet ist, hatte das natürliche Taktgefühl, die Alte in die Mitte zu nehmen, damit sie der Winterwind nicht schädige, und ihr wohlzutun mit einem: »Komm, Norle, jetzt wird's gleich besser gehen.«
Nun stand das Norle neben dem breiten Hohlöfner, zitterte vor Erregung am ganzen Leibe und sagte mit zuckenden Lippen: »Ich bin neugierig.«
Da schallte es vom Turme hernieder: »O du fröhliche, o du selige.«
Norles Erregung ward zum Schüttelfrost: »Sie kommen nit nauf, sie kommen nit nauf!«
Der Hohlöfner lachte. »Es geht nit ohne dich, Norle. Du mußt mit auf den Turm.«
Und weinerlich klang es neben ihm: »Ich kann doch nit.«
»Versuchen wir's halt zu zweien, wenn's allein nit geht,« sprach der Hohlöfner, nahm das alte Weiblein, ho hopp, auf den Arm und trug es der Kirche zu.
Sie war federleicht, aber sie wehrte ab: »Nit, Hohlöfner, nit. Ich bin zu schwer.«
»Hast schon dein Gewicht,« bestätigte der Mann lachend, »aber ich schaff's doch.«
Schämig den Kopf an seiner Schulter bergend und sich dabei doch unendlich geborgen fühlend, sprach das alte Jüngferlein im Hinansteigen: »Aber an der letzten Stufe stellst du mich nieder. Wenn das die Leute sähen, tät ich mich ja zu Tode schämen.«
»Freilich, freilich.«
Der Bauer stand an der Türluke, die jungen Leute sangen eben: »Stille Nacht, heilige Nacht,« da fiel hinter ihnen ein liebes, zartes Stimmchen ein, Burschen und Mädel sahen einander lächelnd an; der Kreis öffnete sich, windgeschützt stand das Norle in der Runde und sagte, als das Lied zu Ende war, selbstbewußt und vorwurfsvoll: »Ihr kommt ja nit nauf.« Dabei strahlte ihr ganzes Gesicht vor Freude. Sie sang das sechzigste Mal in der Weihnachtsnacht vom Turm der Dorfkirche.
Rudolf und das Mariele aber leiteten sie, als Geläut und Gesang vorüber waren, die Treppe hinab. Zum Danke nahm Norle unter der Kirchentür des Marieles Hand. »Ich habe heute auf deine Stimme aufgepaßt, Mariele. Du hast den richtigen Ton. Wenn ich einmal nit mehr bin, dann mußt du mein Amt übernehmen. Die anderen kommen ja nit nauf, und wem's der Herrgott gegeben hat, der muß das auch anwenden. Magst du auch so lange mitsingen wie ich.«
Sie trippelte davon. Auf der Dorfstraße aber stand noch immer, breitbeinig und fest, der alte Hohlöfner. Norle ging auf ihn zu. »Hab schönen Dank, Hohlöfner, aber, gelt, du sagst keinem Menschen nix. Ich -- tät mich schämen. Hast du mich auch herausgehört?«
»Aber freilich Norle, gleich wie du anfingst zu singen, habe ich gedacht: Jetzt wird's richtig. Vorher hat mir was gefehlt.«
»Gelt,« zwitscherte es jubelnd neben ihm, »aber -- still sein, nix sagen.«
»Keinem Menschen, Norle. Gute Nacht.«
Strahlenden Gesichts kehrte Heinrich Korn auf seinen Hof zurück.
Am andern Tage führte er den Sohn durch die ganze Wirtschaft, als müsse er ihm in Stall, Scheune, Keller und Gewölbe zeigen, daß er gut hausgehalten. Der Worte, die fielen, waren nur wenige, aber es gingen starke, frohe Brücken von Herz zu Herz.
Und auf denen begegneten sich die zwei auch, als sie sich hernach am Tische gegenübersaßen. Da erzählte Rudolf von seiner Arbeit. Nur von ihr ohne alle Erwägungen über Stadt und Land. Und er erzählte von dem alten Herrn, der als Schlossergeselle in die Stadt gekommen war und heute zu den ersten Industriellen gehörte. Mit ihm verband den Sohn des Hohlöfners mehr als nur die Arbeit. Der kluge Mann, der die harten Notwendigkeiten des Lebens durchaus bejahte, hatte sich über Enttäuschungen und rosige Hoffnungen längst hinausgekämpft. Ihn konnte nichts mehr enttäuschen, höchstens daß ihn Dankbarkeit noch überraschte. Er sprach dann und wann ein Wort mit Rudolf, aber er war vorsichtig, weil er wußte, daß er seinem Arbeiter durch persönliche wärmere Teilnahme eher Ungelegenheit als Gewinn gebracht hätte. Einmal hatte er gesagt: »Wenn Sie sich daran genügen lassen, zu lernen und ganz langsam von unten her zu bauen, sich nicht auf den Weltverbesserer hinausspielen, dann sind Sie auf dem richtigen Wege, und wenn ich zwanzig Jahre jünger wäre, würde ich in dieselbe Kerbe schlagen. Auf ~dem~ Wege ist wirklich etwas anzufangen, und zwar einzig auf dem Wege. Einander bei der Arbeit kennenlernen, im übrigen das Maul halten. Wenn es Reden und Bücher schafften, gäbe es schon lange keine Gegensätze mehr zwischen Stadt und Land.«
»Rudolf,« sagte der Vater ernst, »so redet auch Lehrer Siebert, aber damit ist halt auch noch nix getan. Wenn etwas herauskommen soll, dann muß man sich klarwerden über das, was zu tun ist, und darüber wollen wir uns nix vormachen: Die Stadt nimmt uns die Leute weg, vollends gar diejenigen, die wir zur Arbeit im Stalle brauchen. Ich bin dir gut dafür, daß, wenn ich einen Inspektor suche, sich hundert melden. Wenn ich aber eine Saumagd brauche, da kann ich den Hof verinserieren und kriege keine.«
Rudolf lächelte. »Ganz so schlimm ist's nit, Vater, aber etwas Wahres ist schon an dem, was du sagst. -- Grete Frieders hat früher einem Verein junger Leute angehört, in dem es ganz vernünftig zugeht. Ich bin auch schon dreimal dort gewesen, und einmal sagte einer, es käme eine Zeit, in der die Leute ebenso aus der Stadt hinausziehen würden, wie sie jetzt hineindrängen. Vielleicht hat er recht. Ich glaub's nit, aber ich kann da halt noch nit viel mitreden. Was ich mir denken könnte, wäre, daß es unter den Bauern gang und gäbe würde, ein Jahr lang in die Stadt zu gehen. Nit mit vollem Geldbeutel, sondern als Arbeiter. Das dürfen aber nur Kerle sein, die ganz feste Bauern sind. Nit zu jung, sondern über die Zeit hinaus, in der sie den Schürzen nachlaufen. Und in der Stadt sollten vernünftige Herren solche Arbeiter, die das Herz auf dem richtigen Fleck haben und nit kommen, um den Bauern aus seinem Boden zu reißen, ein Jahr lang auf das Land gehen lassen, auch als Arbeiter. Es können von beiden Seiten her nur taktfeste Leute in Frage kommen, und selbst dann wird's nit immer ganz glatt gehn. Das wäre, was ich weiß. Im übrigen soll man das Land nit zur Stadt und die Stadt nit zum Lande machen wollen. Wir haben gewonnen, wenn sie hüben und drüben begreifen, daß es nit gegeneinander, sondern nur miteinander geht. Heute redet jeder wie der Blinde von der Farbe.«
Der alte Hohlöfner wiegte den Kopf hin und her. »Rudolf, ich weiß nit, ich weiß nit! Wäre es nit besser, es ginge jeder seinen Weg?«
»Das sollen sie, Vater, aber es soll eins den andern neben sich gehen lassen und nit tun, der eine, als wäre der Bauer ein Mistfink, und der andere, als gäbe es in der Stadt bloß Faulenzer. -- Laß, Vater, wir wollen aufhören. Brauchst keine Angst zu haben, daß, wenn ich wiederkomme, ich den Hof nit festhalte. Ich will ihn fester halten als früher.«
Am Nachmittag nötigte der alte Hohlöfner seinen Sohn, mit ihm in das Wirtshaus zu gehn. Sie saßen in behaglicher Runde, die Schönbacher Männer, und drückten Rudolf herzlich die Hand.
Widuwilds Vater sah ihn von unten her an: »Bist du noch nit fertig mit der Schule?«
»Noch lange nit. Ich halte mein Jahr aus.«
»Du bist ja wohl ganz und gar nit gescheit. Ich mache schon drei Kreuze, wenn ich aus dem Städtle gehe. ~Eine~ Stadt hat mir gefallen, und das war Paris.«
»Wirst viel davon gesehen haben,« warf der alte Hohlofenbauer ein. Da erzählte Widuwilds Vater Kraut und Rüben durcheinander, setzte den Kölner Dom nach Paris und baute den Triumphbogen in Berlin auf, berichtete, daß er sich mit seinen Quartierleuten ausgezeichnet verstanden und daß ihm Mademoiselle Claire die Backen gestreichelt habe: Mon cochon, was soviel heiße, wie: Mein lieber Kleiner; denn er sei dazumal ein kleiner Kerl gewesen.
Die Reden gingen hin und her. Heinrich Korn hielt sich still, aber er beobachtete seinen Sohn noch schärfer, als ihn der Schmied beobachtete. Ehe es sich Rudolf versah, war er in das Gespräch hineingerissen. Er war der alte geblieben in seiner Sachlichkeit, aber er war ein Neuer geworden in der Wärme und Lebendigkeit, mit der er seine Sache vertrat. Ohne auch nur im geringsten ein Besserwisser zu sein, war er doch ein beredter Anwalt der entwurzelten Menschen, die so aus sich und dem Leben hinausgeworfen worden waren, daß sie sich selbst ein Nichts bedeuteten. Dabei beschönigte er nicht und machte nicht Gesindel zu harmlosen Kindern.
Mißtrauisch richtete sich manches Auge auf ihn, als er auch das Dorf und seine Leute unter die Lupe nahm. »Was wollen wir denn hören? Daß es ~uns~ schlecht geht und daß es besser werden muß. Wer uns sagt, daß wir gute Leute sind, der ist uns recht. Wer aber einmal zwei Köpfe zusammenschlagen will: Vertragt euch! der ist uns schon nit willkommen. Muß das sein, daß Feindschaften zwanzig Jahre dauern, weil dem einen seine Hühner dem andern eine Haferecke abgefressen haben?«
Er legte seine Hände flach auf den Tisch. »Ihr werdet nit sagen können, daß das keine Arbeitshände wären. Eure sind auch nit viel besser, aber wenn sie auch rissig und blutig werden, dann könnt ihr doch sagen, ich habe für ~mich~ geschafft.«
Der alte Großindustrielle Schmidt marschierte vor den Schönbacher Bauern auf, klein, grau, bedürfnislos, eisern und doch menschlich, und der Schuß im stillen Zimmer des Bankiers hallte in der Wirtsstube wider.
Rudolf Korn verstummte oft und schlug die Augen nieder. Dann aber ging ihm das Herz doch wieder durch, und der Mund floß über. Und wie ein aus der Tiefe rauschender Quell brach die Heimatliebe heraus. »Leute, wenn ich in die Grube fuhr und es wurde immer finsterer, dann dachte ich an den Anger. Hüben ~unsere~ Felder, drüben Nachbar Döring seine, und jeden Tag war die Saat ein Stück weiter. -- Das brauche ich euch nit zu sagen, das wißt ihr selber.«
»Erzähl nur weiter,« drängte der Schmied. »Wir wissen's nit.«
Und wieder begann er stockend: »Im Schmelzofen sind soundsoviel hundert Grad Hitze -- -- --«
Beklommene Atemzüge in der Runde, aus tiefer Brust dann und wann ein: »Man soll den Leuten doch nit Unrecht tun.«
Eine Frage: »Hast du denn denen da drin auch so von uns erzählt?«
»Ja, und nit einmal bloß.«
»Und was haben sie gesagt?«
»Dasselbe, was ihr sagt: Man soll den Leuten doch nit Unrecht tun.«
Längst war der alte Hohlöfner aufgestanden. Keiner hatte es beachtet, daß er ging, keinem fiel es auf, daß er erst nach einer Weile wiederkam. Der Wirt hatte gerade die Lampe angebrannt, da war er hinausgegangen. Ihr Schein vermochte sich kaum noch durch den Tabaksrauch zu quälen, da kehrte er zurück und rieb sich die Hände.
Er hatte den Gesprächen eine Weile zugehört und war immer aufmerksamer geworden. Sein eigen Fleisch und Blut war ihm eine so frohe Offenbarung, daß der Mann sich jubelnd kopfüber in dankbare Fröhlichkeit stürzte. Aber fröhlich sein und nicht einen lustigen Streich machen?
Blitzartig dachte der Hohlöfner an seinen Sparstrumpf. Er lag wohlverwahrt im Bettstroh und wartete darauf, aus seinem Schlafe gerissen zu werden.
Flink wie ein junger Bursche war der Bauer auf seinem Hofe und sprang die Treppe hinauf. Heraus den Strumpf, in die Tasche damit und die Treppe hinab.
Dunnerlichting, drunten stand sein Weib und nahm in ihrer Breite die ganze Treppe ein.
»Nanu, Vater, was soll denn das heißen?«
»Das soll heißen, daß du mir wieder einmal kein Schnupftuch in die Tasche gesteckt hast.«
Er schob sie beiseite. »Mach Platz, der Rudolf erzählt.«
Draußen war er. Minna Korn aber stieg die Treppe hinauf; denn jetzt war sicher wieder die ganze Wäsche durcheinandergewühlt. Aber siehe da, kein Stückchen angerührt. Es herrschte eine Ordnung, die, wenn der Bauer wirklich über den Schrank gekommen, ganz unbegreiflich war. Und dort! Da war doch in dem Bett gewühlt?!
Minna Korn stieg die Treppe hinab und schüttelte den Kopf. Ob der Vater nicht wieder eine Dummheit vorhat? Laß ihn seine Dummheiten machen. So nur ist er wieder der Hohlöfner.
Heinrich Korn schritt im Dunkeln die Straße hinab, und der schwere Strumpf schlug ihm hart gegen das Bein. Es war alles vorbereitet für einen lustigen Streich. Auf dem Strumpfe stand, aus ausgeschnittenen großen Zeitungsbuchstaben zusammengesetzt und aufgeklebt: Fürs Heiratzgut.
Aber wie den Strumpf anbringen? Der Hohlöfner wußte es auch jetzt nicht, aber er wußte, daß er seinem Jungen danken mußte, und vertraute seinem guten Stern.
Es war ein bitterkalter, stiller Winterabend. In den meisten Stuben waren die Fenster dick gefroren, obwohl das Feuer den ganzen Tag nicht ausging. Der und jener kam, dick eingemummelt, die Straße daher, zog die Schultern ein und hastete weiter. Keiner hielt den rasch dahinschreitenden Hohlöfner auf.
Der lief das Dorf hinab, bog hinüber zum Berteles-Häuschen, schwankte einen Augenblick, ob er lieber von dem Streiche abstehn oder ihn ausführen sollte, stand am Hause der Witwe Berteles und dachte: Dunnerlichting, das paßt! Die Fenster sind ja so dick wie die Bretter, da sieht mich niemand.
Und wieder schwankte er. Wie denn? Als Weihnachtsmann hereinpoltern? Oder das Mariele herausrufen? Oder den Ballen einfach vor die Tür legen? Alles nichts.
Er breitete in Gedanken die Arme aus: Herrgott, Junge, komm her, du machst mir Freude! nahm das Mariele gleich noch mit in seine langen Arme und: Hui, war ihm der Strumpf aus der Hand gerutscht. Kling, klirr machte die Fensterscheibe, aber es klang nur dumpf. »Jesus,« schrie die alte Bertelessin und: »Der Vater!« jubelte das Mariele, das den hereinpolternden Ballen flink aufgehoben und die Aufschrift gelesen hatte.
»Dunnerlichting, der ist nix weiszumachen,« knurrte der Hohlöfner und trollte sich lachend mit eingezogenen Schultern davon.
Flink schnitt das Mariele einen Pappdeckel zurecht und setzte ihn an die Stelle der zerbrochenen Scheibe.
»Das ist gerade so gut wie Glas.«
»So, und wer zahlt jetzt die Scheibe?« knurrte die Mutter.
»Ich, Mutter.« Die Tochter lachte über das ganze Gesicht.
»Du hätt'st das Geld dazu.«
»Da!« Marie schwenkte den schweren Ballen.
»Wird viel drin sein. Ist auch wieder so ein Jux vom Hohlöfner.«
Inzwischen hatte das Mädchen den zusammengebundenen Strumpf aufgeknüpft und schüttelte ihn auf dem Tische aus.
Hei, wie das klirrte, klimperte, rollte, knisterte. Da war auch Mutter Berteles bei der Hand, hob die herabgerollten Stücke auf, hielt ihrer Tochter rasche Hände, die in dem Häuflein wühlten, fest: »Bist du nit gescheit? Mach leise. Wenn das jemand draußen hört, holen sie es dir in der Nacht weg,« lief hinaus, riegelte die Haustür zu, dann die Stubentür, kam wieder und war besorgt: »Mariele, ob das auch nit ein Irrtum ist?«
Das Mädchen schüttelte den Kopf. Zu sprechen vermochte sie nicht, denn sie zählte, häufelte, glättete die Scheine. Dann ging sie mit spitzen Fingern über die einzelnen Posten hin, und als sie fertig war, sahen sich zwei blaßgewordene Frauen in das Gesicht. »Wirst dich verzählt haben,« wußte die Mutter. Sie hatte sich niedersetzen müssen, so war ihr der Schreck in die Knie geschlagen. Jetzt stand sie auf und zählte mit. Dabei waren ihre Hände eiskalt und ihre Augen schier traurig. Die Tochter aber hatte sich wieder hinaufgeschnellt in Glück und Glauben.
»Es stimmt, es stimmt, ich habe mich nit verzählt! Mutter!« Sie nahm sie um die Hüften und wollte mit ihr durch die Stube wirbeln, aber die alte Bertelessin wehrte ab. »Unband du! Ich bin doch eine alte Frau!«
»Mein Mutterl bist,« jubelte das Mariele, umhalste, drückte und küßte sie. »Der gute Vater! Nun dauert's nit mehr lange!«
Mutter Berteles saß wieder auf der Bank. »Wieviel war's, Mariele?« Und als die Tochter vor Freude laut werden wollte: »Pst, nit so laut. Sollen's denn die Leute durchaus wissen?«
Da nahm das Mariele der Mutter rechtes Ohrläppchen, zog es übermütig ein wenig herab und jauchzte es in das Ohr hinein: »Sechshundertzwanzig Taler, Mutter, achtzehnhundertsechzig Mark!«
»Du lieber Gott,« die Bertelessin faltete die Hände, »gibt's denn überhaupt so viel Geld? -- Ich habe in meinem Leben nit soviel beisammen gesehn. -- Und morgen ist erst zweiter Feiertag! Da ist keine Kasse auf. Das Geld muß zwei Nächte im Hause bleiben! Mariele, ich kann kein Auge zumachen.«
Und die Tochter lachend: »Mutter, ich schlafe für dich mit.«
Sie setzte sich neben die Mutter und nahm sie wieder in den Arm. »Du kannst's noch nit glauben, aber es ist doch wahr, und übers Jahr habe ich den Rudolf! -- Mußt nit so bange sein, gelt, Mutter!«
»Tu das Geld wieder in den Strumpf.«
»Nein, Mutter, das tu ich in mein seid'nes Tuch, und dann leg ich's ganz unten in meine Lade.«
»Du bist nit gescheit! In die Lade! Daß ich alle Augenblicke die Treppe hinaufsteigen muß, zu sehen, ob's auch noch da ist!«
Das Mariele siegte schließlich, das Geld wanderte in ihre Lade, aber als Rudolf nach dem Abendessen kam, um die zwei auf den Hohlofenhof zu holen, weigerte sich die Mutter standhaft, mitzugehen. An seinem Halse hängend, berichtete ihm das Mariele jubelnd von der Einkehr des Weihnachtsmannes. Rudolf schüttelte den Kopf und lachte. »Er kann's doch nit lassen.«
Das Mädchen aber sagte weise: »Jetzt ist er wieder der alte Hohlöfner, und wenn er das nit sein kann, dann ist er krank.«
»Hast recht, Mädel. -- Also Ihr geht nit mit, Berteles-Mutter?«
»Nein, ich bleibe daheim.«
Auf dem Hohlofenhofe erzählte das Mariele eine Weile später so ganz beiläufig, sie sei heute ungeschickt gewesen und habe eine Fensterscheibe eingestoßen.
Dabei hatte sie spitzbübische Augen und suchte den Hohlöfner.
Der aber stand just hinter ihr und zupfte sie herzhaft.
»Au,« schrie das Mariele und lachte dabei dem Bauern vielsagend in das Gesicht.
»Das ist für die kaputte Fensterscheibe.« Und Heinrich Korn saßen hundert Schelmengeister in den Augenwinkeln.
Da wußte die Hohlöfnerin, daß zwischen den beiden ein neckisches Spiel hin und her ging. »Was habt ihr denn miteinander?« fragte sie.
»Nix,« trotzte der Bauer und setzte sich behaglich auf seinen Stuhl.
Am andern Morgen aber wußte es die Bäuerin. Sie hatte eine Kleinigkeit mit der Berteles-Mutter zu bereden. Da sah sie auf der Ruhbank in der Ecke einen vergessenen Strumpf liegen; und -- der war ihr doch bekannt. Sie langte danach, las das: Fürs Heiratzgut, drehte sich um, sah in die lachenden Augen des Mariele, die ihr zurief: »Ich wollt's gerade erzählen,« und wies mit dem Strumpf auf die Fensterscheibe. Das Mädchen nickte ihr lachend zu: »Ja, da durch.«
»Es ist nit zu glauben!«
Da warf sich ihr das Mariele ungestüm an den Hals. »Nit böse sein, gelt?«
Minna Korn strich ihr über den Scheitel. »Wo werde ich denn? Aber den Strumpf nehme ich mit.«
Das Mittagessen war auf dem Hohlofenhofe vorüber, da sagte die Bäuerin: »Wart noch einen Augenblick, Vater, es gibt noch etwas.«
Sie ging hinaus, kam mit einer verdeckten Terrine zurück und stellte sie vor den Hausherrn. »So, Vater, extra für dich.«
Der hob den Deckel, nahm den Strumpf heraus, stimmte in das übermütige Lachen von Frau und Sohn ein, warf der Frau den Strumpf leicht in das Gesicht: »Ja, Dunnerlichting, was soll ich machen, wenn's nit anders geht?«
In freudiger Stimmung traf der wieder genesene Paul Ender die Hohlofenleute noch, als er eine Viertelstunde später eintrat.
Sie stutzten über den Besuch, aber Ender ließ ihnen keine Zeit, zu raten, weswegen er kam. Er ging gerade auf sein Ziel los.
»Rudolf, wann fährst du wieder zurück?«
»Um sieben geht mein Zug.«
»Willst du mich mitnehmen?«
»Was willst denn ~du~ in der Stadt?«
»Nit das, was du willst. Dazu bin ich nit der Kerl, und es ist mir egal, wie sie hüben und drüben voneinander denken. Ich will Geld verdienen. Könnte ich nit auf eurer Gießerei Arbeit kriegen?«
»Das würde sich am Ende machen lassen, aber leicht ist's nit da.«
»Ich kann arbeiten.«
»Ach, die Arbeit! Mit der wirst du fertig, aber es geht nit so friedlich her wie bei uns. Und: Du hast keine Bodenwiese und keinen Schönbach und keinen Angeracker.«
»Das muß ausgestanden werden. -- So geht's nit mehr. Unsere Wirtschaft trägt nit soviel Leute. Von den Kleineren kann noch keiner auf die Arbeit gehn, also muß ich hinaus.«
»Ist da nix in der Nähe?«
»Erstens ist nix da, und zweitens will ich mehr verdienen, als die Bauern zahlen können. -- Einer von uns kann die Wirtschaft bloß übernehmen, und jeder kriegt's schwer. Das ist so bei uns Bauern. Die kleinen Höfe tragen nit soviel Kinder.«
Es klang bitter, und Rudolf Korn legte dem Menschen die Hand auf den Arm. »Versuch's, Paul, ich will dir helfen.«
Mit festen Schritten ging der Besucher fort. Die Scholle mußte einen, der sie liebhatte, gehen lassen, weil sie ihn nicht erhalten konnte.
Marie Berteles bat Rudolf beim Abschied, ihn einmal in der Stadt besuchen zu dürfen. Er riet ab. »Warte, Mariele, bis wir geheiratet haben. Dann fahren wir miteinander hin.«
»Wann ist das, Rudolf?«
»Ich denke, kurz vor der Heuernte.« --
Der Hohlofenhof schien leer zu sein, und wären nicht das Mariele und der junge Lehrer ein- und ausgegangen, besonders aber an den Abenden dagewesen, Heinrich Korn hätte wieder zu sinnieren begonnen, so leicht es ihm sonst um das Herz war, wenn er an seinen mannhaft gewordenen Sohn dachte.
Es war am Silvesterabend. Marie Berteles und ihre Mutter waren da. Der Hohlöfner saß mit Lehrer Siebert auf dem Sofa, und sie plauderten. Es ging auf Mitternacht zu.
Eben hatte der Hohlöfner gesagt: »Der Bauer soll seins machen und der Arbeiter seines. Holt sich jeder Schwielen an den Händen, aber das Herz ist bei einem wie beim andern. Wenn jeder ein richtiger Kerl ist, dann müßte es mit dem Deibel zugehen, wenn wir nit zusammenkommen wollten.«
Da klang unter dem Fenster eine Geige. Es waren kaum drei oder vier Töne, aber sie waren von einer Innigkeit, daß Lehrer Siebert wußte: So führt nur einer den Bogen.
Er sprang auf. »Philipp Engel ist da!« und wollte aus dem Hause stürzen.
Der Bauer drückte ihn in die Sofaecke zurück. »Das wäre gerade das richtige für Sie. Es sind fünfzehn Grad Kälte draußen. Ich hole den Lipp herein.«
Und richtig, da stand Philipp Engel im Hoftor und klemmte die Geige unter den Arm. Als er den Bauern auf sich zukommen sah, wollte er davongehen. Der Hohlöfner aber hielt ihn fest. »Was soll denn das heißen, Lipp? Seit wann reißt du denn vor mir aus?«
»Seit du Menschenherzen wie Kieselsteine behandelst.«
»Bist du denn ganz verrückt geworden?«
Die Worte überstürzten sich nicht in Philipp Engels Munde, aber sie troffen von Bitterkeit. »Weißt du noch, als der Flieder blühte -- -- --«